ra-2SchmeidlerE. BernheimF. GottlG. DroysenG. PatzigO. Dittrich    
 
EMIL MÜLLER
Ist die Geschichte eine Wissenschaft?

"Die Relativität und Beschränktheit alles menschlichen Wissens liegt schon tief in dessen Ursprung begründet. Entsteht es doch aus dem Zusammenwirken zweier Faktoren, deren Harmonie es zwar voraussetzt, deren Gegensatz es aber nie ganz aufzulösen vermag, eines objektiven, des  Seins  und eines subjektiven, des  Denkens.  Jeder Versuch, diesen Gegensatz, sei es im Sinne eines extremen Idealismus, sei es in der Richtung eines extremen Empirismus aufzuheben, das Wissen aus dem reinen Denken, oder aus der reinen Erfahrung zu konstruieren, muß zu den bedenklichsten Konsequenzen führen."

"Die Einheit unseres Selbstbewußtseins, in der einheitlichen Natur des Geistes begründet, bildet den psychologischen Ausgangspunkt all unserer wissenschaftlichen Einheitsbestrebungen. Sie ist gleichsam das  psychologische Apriori,  mit welchem wir an die Objekte unserer Wahrnehmung herantreten. Entspricht dieser subjektiven Tendenz unseres Geistes auch eine ontologische Einheit in den Dingen? Sind wir berechtigt, die Form unseres  Denkens  auf die Welt der  Tatsachen  zu übertragen?"

"Natur gesetze  sind nur der abstrakte Ausdruck für das Wirken der Natur kräfte,  welche als die eigentlichen formellen Ursachen der empirisch wahrnehmbaren Tatsachen betrachtet werden. Die Einheit der  Naturgesetze  führt uns zu Einheit der  Naturkräfte.  Aber auch die Naturkräfte sind nur  abstrakte  Begriffe, keine wirklichen Ursachen der Erscheinungen. Das System der Naturkräfte ist, wie das System der Naturgesetze, eine  Abstraktion  aus der Wirklichkeit - der Wirklichkeit entsprechend,  nicht die Wirklichkeit selbst."

"Das  Einzelne,  als solches, kann zwar als Ausgangspunkt, nie aber  Ziel  der wissenschaftlichen Untersuchung sein. Und dann - müßte nicht die wissenschaftliche Arbeit ins Unermeßliche und Bedeutungslose geraten, wenn sie auf jedes Einzelne Gewicht legen wollte? Mit dem Postulat einer  einheitlichen  Auffassung müßte sie jedenfalls gründlich aufräumen."

Der lebhafte Kampf, der seit Jahren um die Wissenschaftlichkeit der Geschichte geführt wird, hat eine Reihe interessanter Momente aufgedeckt, die in hohem Maße geeignet erscheinen, über Begriff, Objekt, Ziel und Methode der "Geschichtswissenschaft" ein helleres Licht zu werfen.

Wenn die Geschichte als "die geistige Auffassung und Darstellung des Geschehenen, und insbesondere des auf dem Gebiet des geistig-sozialen Lebens der Menschheit Geschehenen", (1) definiert wird, so ist damit der Gegenstand des geschichtlichen Wissens in einer Weise bezeichnet, die kaum von irgendeiner Seite einen ernsthaften Widerspruch erfahren wird. Allein die Anschauungen gehen scharf auseinander, sobald es sich darum handelt, das Wesen und die Bedeutung, den Geist und die Methode der geschichtlichen Auffassung näher zu bestimmen.

Ist diese Auffassung überhaupt eine wissenschaftliche zu nennen? Fehlt ihr nicht bis heute gerade das, was zum wesentlichsten Begriff der Wissenschaftlichkeit gehört? Hat die Geschichte nicht, falls sie zum Rang einer Wissenschaft erhoben werden soll, vorerst auf eine privilegierte Sonderstellung Verzicht zu leisten, die mehr die Signatur ihrer Inferiorität [Untergeordnetheit - wp] als ihres eigentümliche Wertes war, um sich einordnen zu lassen in die Reihe der induktiven Naturwissenschaften?

In einem für die geistige Richtung eines großen Teils unserer modernen Naturforscher höchst charakteristischen Vortrag tat vor einigen Jahren EMIL DUBOIS-REYMOND (2) den apodiktionsche Ausspruch, es gebe für uns Menschen  "nur  ein Erkennen, das  mechanische,  nur  eine  wissenschaftliche Denkform, die  physikalisch-mathematische."  Gelingt es somit nicht die Herrschaft der mechanischen Kausalität im Bereit der geschichtlichen Tatsachen nachzuweisen, die physikalisch-mathematischen Gesetze zu eruieren, aus denen sich die geschichtliche Entwicklung "erklären" läßt, mit einem Wort die  Geschichte  als integrierenden Teil der  Naturwissenschaft  zu behandeln, so kann von ihrer Wissenschaftlichkeit nicht die Rede sein.

Nun mag allerdings nicht unerwähnt bleiben, daß DUBOIS-REYMOND selbst in seiner bekannten Rede über die Grenzen der Naturwissenschaft (3) sich zu dem Eingeständnis genötigt sah, auch das naturwissenschaftliche Erkennen entspreche nicht dem Ideal wissenschaftlicher Erkenntnis, da es mit höchst problematischen Grundbegriffen und überwindbaren Schranken einer Durchführung zu rechnen hat. Es hat indessen nicht an Geschichtsforschern gefehlt, die, wie BUCKLE in seiner "Geschichte der Zivilisation in England" (4) und LAMPRECHT in seiner "Deutschen Geschichte" (5), um von den dogmatisch-materialistischen "Forschern" ganz abzusehen, sich ernsthaft die Aufgabe gestellt haben, der Geschichte durch eine möglichste Annäherung ihrer Methode an die Methode der Naturwissenschaft zur eigentlichen Wissenschaftlichkeit zu verhelfen.

Die meisten jedoch haben gegen die "neue Richtung" energisch Front gemacht (6) und dürften eher geneigt sein, auf die Zuerkennung der "Wissenschaftlichkeit für ihr Erkenntnisgebiet als auf dessen Selbständigkeit Verzicht zu leisten.

Folgende Zeilen erheben nicht den Anspruch, eine irgendwie erschöpfende Darstellung der Beweismomente zu bieten, aus denen sich die Berechtigung dieses Standpunktes ergibt. Sie wollen nur aufgrund erkenntnistheoretischer Erwägungen die Richtung des Weges bezeichnen, der zu einer befriedigenden Lösung der Frage führen kann.

Darin liegt, wie BERNHEIM bereits vor Jahren, in seinem verdienstvollen Schriftchen über "Geschichtsforschung und Geschichtsphilosophie" (7) und später in seinem "Lehrbuch der historischen Methode" (8) mit Recht hervorgehoben hat, die Hauptursache der so vielfach hier herrschenden Begriffsverwirrung, daß man es versucht hat, vom Standpunkt irgendeiner empirischen  Spezial wissenschaft die Aufgabe und den Wert der Geschichte zu bestimmen.

Dies vermag nur die Philosophie im Bund mit der Geschichte selbst durch eine klare, von aller Einseitigkeit und fachwissenschaftlichen Eingenommenheit freie Begriffsuntersuchung.

Vor allem aber stellt sich die Frage, mit welchem Recht der Begriff der "Wissenschaftlichkeit" in der oben gekennzeichneten Weise beschränkt wird. Eine allgemein anerkannte Definition der "Wissenschaft" besitzen wir nicht und besitzen wir deshalb nicht, weil gerade bei der Feststellung dieses Begriffs die Gegensätze verschiedener Weltanschauungen hart aufeinanderstoßen, und stets wieder der Versuch gemacht wird, einem  einseitig  gewonnenen Begriff eine  allumfassende, absolute  Bedeutung zu geben.

Die Relativität und Beschränktheit alles menschlichen Wissens liegt aber schon tief in dessen Ursprung begründet. Entsteht es doch aus dem Zusammenwirken zweier Faktoren, deren Harmonie es zwar voraussetzt, deren Gegensatz es aber nie ganz aufzulösen vermag, eines objektiven, des  Seins  und eines subjektiven, des  Denkens

Jeder Versuch, diesen Gegensatz, sei es im Sinne eines extremen Idealismus, sei es in der Richtung eines extremen Empirismus aufzuheben, das Wissen aus dem reinen Denken, oder aus der reinen Erfahrung zu konstruieren, muß zu den bedenklichsten Konsequenzen führen.

Wenn daher für den Begriff des Wissens zwei, dieser doppelten Quelle entsprungenen Grundbestimmungen gefordert werden: objektive Wahrheit und  subjektive Sicherheit wenn das Wissen vorerst als  objektives  und  sicheres,  den Dingen entsprechendes und in sich selbst festgegründetes  Erkennen  mit Recht definiert wird, so kann weder das eine noch das andere Moment in einem absoluten Sinn gefaßt werden.

Es gibt kein  absolut voraussetzungsloses  menschliches Erkennen, weil es kein absolut in sich selbst begründetes, aus sich selbst sich entwickelndes Denken gibt, unser Denken vielmehr zu seiner Betätigung der Anregung der Dinge durch die Vermittlung der Erfahrung bedarf, diese also voraussetzt und - durch ihre Beschränktheit selbst beschränkt wird.

Es gibt ebensowenig im Sinne  absoluter Objektivität  ein rein empirisches Wissen, weil nur auf dem Weg einer subjektiven Apperzeption, einer dem Geist eigentümlichen Reaktion auf die Tätigkeit der äußeren Wahrnehmung, einer den Gesetzen des Geistes entsprechenden Bearbeitung, die Elemente der Erfahrung aufgenommen und zum geistigen Eigentum gestaltet werden können. Und auch diese spezifische Geistesenergie ist eine beschränkte und bedingt ihrerseits wie die Relativität, so die Beschränktheit unseres Wissens.

Wenn wir nichtsdestoweniger dem extremen Kritizismus zum Trotz an der Möglichkeit einer wahrhaft objektiven und sicheren Erkenntnis festhalten, so gehen wir von dem Postulat aus, daß Subjekt und Objekt, Sein und Denken ursprünglich aufeinander angelegt sind und daher das  Sein denkbar,  das  Denken am Sein vollziehbar  ist. Die metaphysische Bedeutung dieses Postulats aber wird in ihrer ganzen Tiefe erst erfaßt in der Erkenntnis jenes Geistes der, absolutes Sein und Denken zugleich, die Quelle alles endlichen Seins, aller Wahrheit und allen Wissens ist.

Die Konsequenz, die wir aus dem Gesagten für die Beantwortung der Frage nach der Wissenschaftlichkeit der Geschichte ziehen, ist vorläufig folgende: Schon die erste Phase der geschichtlichen Erkenntnis, die sich als das Ziel der Geschichts forschung  charakterisiert, die  Feststellung der Tatsachen  aufgrund des entsprechenden Erfahrungsmaterials (geschichtliche Quellen) und bestimmter psychologischer und logischer Gesetze darf auf den Namen einer "Wissenschaft" in der soeben gekennzeichneten Bedeutung des Wortes vollen Anspruch erheben.

Allerdings lassen sich die historischen Tatsachen nicht mittels eines beliebig zu wiederholenden wissenschaftlichen Experimentes nachweisen, und haftet zum Teil den Quellen, aus denen sie entnommen werden, ein stark subjektives Moment an. Die Geschichtsforschung muß sich oft mit Wahrscheinlichkeiten und Hypothesen begnügen. Sie bedarf einer Reihe anderen Wissenschaften entnommener Voraussetzungen und leitender Grundsätze. Allein ohne solche Voraussetzungen gibt es überhaupt keine Wissenschaft. An Hypothesen ist die Naturwissenschaft überreich. Durchaus sichere und erprobte Mittel zur Kontrolle der Objektivität ihres Erfahrungsmaterials besitzt auch die Geschichtsforschung, und das scharfe Urteil, das OTTOKAR LORENZ über den Unfehlbarkeitsglauben der "kritischen Schule" fällen zu müssen glaubte, hat sich als stark übertrieben erwiesen. Daß es der historischen Kritik gelungen ist, eine bedeutende Anzahl unumstößlicher Resultate zu erzielen, daß sie es vermocht hat, wenigstens, was die äußeren geschichtlichen Tatsachen und ihren zeitlichen und räumlichen Zusammenhang betrifft, eine lange Reihe historischer Wahrheiten mit Sicherheit zu ermitteln, dürfte doch keinem vernünftigen Zweifel unterliegen.

Eines mag ihr vielfach noch fehlen: das klare und allseitige Bewußtsein der Denkgesetze, worauf sie ihre Sicherheit stützt. Aber auch das hat sie mit manchen anderen Wissenschaften gemein, deren strenge, bewußte wissenschaftlich begründete Methodik sich erst aus einer mehr instinktmäßigen Anwendung ihrer Grundsätze ergeben hat.

Übrigens haben die Klagen, die neuerdings noch BERNHEIM (9), RHOMBERG (10), RICKERT (11), DILTHEY (12) u. a. über die Vernachlässigung der Methodik der Geistes- und insbesondere der Geschichtswissenschaften, geführt haben, durch ihre verdienstlichen Arbeiten bereits viel an Berechtigung verloren.

Was vor allem Not tut, ist eine noch tiefer gehende philosophische Begründung der leitenden Maximen der historischen Kritik, wodurch auch ihre praktische Anwendung an Erfolg und Sicherheit bedeutend gewinnen wird.


In noch weit höherem Maße gilt dies von jenen Prinzipien, die den höheren Operationen der Geschichtswissenschaft und vorerst der  genetischen Auffassung  der historischen Tatsachen zugrunde liegen.

Jedes menschliche Erkennen ist ein Erkennen aus Bruchstücken. Gilt das schon von der unmittelbaren Wahrnehmung sinnfälliger Dinge, so noch viel mehr von der Erkenntnis vergangener Tatsachen.

Es ist aber zugleich ein charakteristisches Merkmal geistiger Auffassung überhaupt, daß sie durch ihre ergänzende Tätigkeit die wahrgenommenen Elemente der Erfahrung zu einem  einheitlichen  Gesamtbild gestaltet.

Einheitliche  Auffassung! Damit haben wir ein Moment gekennzeichnet, das in unserer modernen Wissenschaftstheorie eine überaus wichtige Rolle spielt. Nicht mit Unrecht. Wir fordern vom mannigfaltigen Inhalt unseres Wissens, daß es nicht nur durch das subjektive Bewußtsein seiner sicheren Begründung, sondern durch ein inneres gegenseitiges Band der Einheit verbunden ist.

Die Untersuchung der Frage, welches Maß an  Objektivität  und Sicherheit der  realen Erklärung  und der  idealen Auffassung  der geschichtlichen Tatsachen zukommt, inwiefern also der bis jetzt erörterte Begriff der Wissenschaftlichkeit auf die höhere geschichtliche Arbeit Anwendung findet, muß einer späteren, eingehenden Erörterung überlassen bleiben.

Hier möge nur die prinzipielle Frage aufgeworfen werden,  welche Einheit der Auffassung  zur Wissenschaftlichkeit erforderlich und ob die Geschichte diesem zweiten Postulat überhaupt zu entsprechen in der Lage ist. Hier liegt auch der Schwerpunkt des Streites, der sich in neuester Zeit um den wissenschaftlichen Charakter erhoben hat.

Die Einheit unseres Selbstbewußtseins, in der einheitlichen Natur des Geistes begründet, bildet den psychologischen Ausgangspunkt all unserer wissenschaftlichen Einheitsbestrebungen. Sie ist gleichsam das  psychologische Apriori,  mit welchem wir an die Objekte unserer Wahrnehmung herantreten.

Entspricht dieser subjektiven Tendenz unseres Geistes auch eine ontologische Einheit in den Dingen? Sind wir berechtigt, die Form unseres  Denkens  auf die Welt der  Tatsachen  zu übertragen?

Es ist nur eine besondere Anwendung des oben gekennzeichneten Postulates der Übereinstimmung zwischen Denken und Sein, wenn wir fordern, daß der  Einheit unseres Denkens  auch eine gewisse  Einheit der Tatsachen  entspricht.

Das erste, was wir an den Dingen durch unsere sinnliche Erkenntnis wahrnehmen, ist ihre Vielheit und Mannigfaltigkeit: sie zu einem einheitlichen Bild zusammenzufassen, ist die Aufgabe unserer  Anschauung Diese hebt die Gegensätze der Wahrnehmungen, die individuellen Einzelheiten innerhalb des Gesamtbildes nicht aus. Sie ist eine  Einheit des Zusammenhangs,  ein  synthetisches  Ganzes,  relative,  nicht  absolute  Einheit.

Das Charakteristische unserer Anschauung ist, daß sie nicht nur die getrennten Bruchstücke der Erfahrung, wie sie uns durch die verschiedenen Sinne übermittelt werden, trotz der ihnen notwendig innehaftenden Beschränktheit zu einem  Gesamtbild  gestaltet, sondern, daß sie auch dort, wo unsere Erfahrung offenbare Lücken aufweist,  ergänzend eingreift,  und daß sie jede neu hinzutretende Wahrnehmung nach einem bereits vorgefaßten Bild, in eine  bereits gewonnene Einheit  aufzunehmen geneigt ist.

Wo diese Möglichkeit von vornherein ausgeschlossen erscheint, tritt wie ein Stillstand, eine Hemmung der vorstellenden Tätigkeit - Staunen und Verwunderung ein, bis das neu gewonnene Element mit den bereits wahrgenommenen sich zu einer synthetischen Einheit verbinden läßt.

Diese ergänzende und subsumierende Tätigkeit der Anschauung wird durch die Wahrnehmung angeregt und bedingt, daß sich bei aller  Vielheit  und  Mannigfaltigkeit  auch eine gewisse, stets wiederkehrende  Ähnlichkeit  von Einzelerscheinungen offenbart. Diese Erscheinungen faßt nun der Geist unter einem  stellvertretenden Anschauungsbild  zusammen, das alle jene Momente in sich enthält, wodurch sich die Gruppe analoger Erscheinungen von andern unterscheidet, unbekümmert um die individuellen Unterschiede, die sich etwa auch innerhalb dieser Gruppe bemerkbar machen. Ja wir werden infolge dieser Einheitsbestrebungen leicht dazu geführt, bei neuen Wahrnehmungen nur die gemeinschaftlichen Momente der Gegensätzlichkeit zu unseren bisherigen Anschauungsbildern zu perzipieren, und erst allmählich kommen uns auch die individuellen Unterschiede innerhalb der neuen Gruppe zum Bewußtsein. Wer zum ersten Mal eine Anzahl Menschen einer ihm völlig fremden Rasse betrachtet, wird zuerst nur für das  gemeinschaftlich Gegensätzliche  zu den ihm bekannten Menschenformen ein Auge haben und ihre auffallendsten individuellen Besonderheiten kaum bemerken.

Hier liegt der psychologische Grund der  abstrahierenden  Tätigkeit unseres Denkens und der Ausgangspunkt für die Gewinnung einer einheitlichen Auffassung, die sich der  synthetischen, anschaulichen  gegenüber als  analytische, begriffliche Einheit  charakterisiert.

Hier trennen sich aber auch die Wege zweier geistiger Auffassungen der objektiven Welt, und die Frage nach dem Wesen der Wissenschaft gewinnt eine bestimmtere Form. Wenn eine einheitliche Auffassung zum Wesen des höheren Wissens gehört, ist es diejenige, welche, von den individuellen Gegensätzen absehend, aufgrund der gegebenen Analogien, aus dem Mannigfaltigen das Gemeinschaftliche hervorhebt und im  abstrakten Begriff  zum Ausdruck bringt, oder sich jene, die, das Besondere, Gegensätzliche, Individuelle als gegebene Tatsache aufnehmend, in der geläuterten, vertieften  Anschauung  seiner lebendigen Beziehungen offenbart?

Oder sollten nicht diese zwei Formen einheitlicher Auffassung zwei  gleichberechtigten, selbständigen  Richtungen des Wissens entsprechen, die, jede nach ihrer Art, die Welt der Tatsachen zu erfassen suchen, ohne sie zu erschöpfen, sich aber gegenseitig ergänzen und - bedingen? Sollten sie nicht, je einem eigenartigen Bedürfnis unseres Geistes genügend, beide eine überaus wertvolle Bereicherung seines Wesens darstellen? Und was berechtigt uns dazu, die eine als wissenschaftlich, die andere aber als unwissenschaftlich und deshalb - minderwertig zu bezeichnen?

Das Entscheidende für den Wert einer ansich wahren Erkenntnis, meint mit Recht SIMMEL (13), ist doch nur das Interesse, das sich an sie knüpft. Sie mag einem vorangestellten Begriff von Wissenschaft noch so sehr genügen, man wird ihr nicht nachgehen, wenn sie nicht ansich wertvoll erscheint; tut sie dies aber, so ist wiederum sehr gleichgültig, in welche formelle Begriffskategorie sie gehört.

Ein durchaus adäquates geistiges Gegenbild der Erscheinungswelt vermag uns weder das  rein anschauliche,  noch das  begriffliche  Denken zu gewähren.

Gelänge es der abstrakten Begriffswissenschaft, den ganzen Kosmos in Begriffe umzudeuten, alle Tatsachen oder Seinsformen auf  eine  begriffliche Formel zurückzuführen, mit einem Wort: das Weltall im Sinne strengster begrifflicher Einheit zu "begreifen", sie hätte eben nur dessen abstrakte Form begriffe, den mannigfaltigen, lebendigen Inhalt hätte sie nicht erfaßt. Diesen aufzufassen, ist Sache der Anschauung, die allerdings selbst, um sich nicht ins Gewirr bedeutungsloser Einzelheiten zu verlieren, des begrifflichen Denkens als Hilfsmittel bedarf.

Damit ist der  Geschichte,  deren einheitliche Auffassung bei aller Berücksichtigung der abstrakten Begriffsbildung wesentlich eine synthetische, anschauliche, konkrete bleiben muß, ihre selbständige und bedeutungsvolle Stellung als Wissenschaft gegenüber allen Begriffswissenschaften gewahrt. Doch zu einer erschöpfenden Beantwortung unserer Frage müssen wir noch tiefer in das Wesen der wissenschaftlichen Auffassung eingehen.


Raum  und  Zeit  sind die beiden Grundformen unserer sinnlichen Anschauung. Daß sie nicht rein subjektiver Natur sein können, sondern entsprechende Existenzformen der objektiven Welt darstellen, wollen wir hier nicht weiter auseinandersetzen.  Sein  und  Werden  sind die allgemeinsten Begriffe, die wir der Betrachtung der objektiven Welt zugrunde legen.

Auf das Bleibende, Zuständliche des Seins, wie auf das Veränderliche des Werdens lassen sich die beiden, oben gekennzeichneten Denkweisen, die anschauliche und die begriffliche, die auf das Konkrete, Lebendige und die auf das Abstrakte, Allgemeine gerichtete anwenden.

Allein mit der anschaulichen Vorstellung und dem Begriff des  Werdens  tritt eine neue, folgenschwere Voraussetzung in unserem Denken auf.  Kein Werden ohne Ursache!  Mit Hilfe des  Kausalitätsprinzips  erhebt sich unser einfach systematisierendes, beschreibendes Wissen zu einer  erklärenden Wissenschaft,  zur  cognitio per causas. 

Der nicht endenwollende Streit um die objektive Gültigkeit des Kausalitätsprinzips, um die Frage, ob wir es mit einem aprioristischen oder aposteriorischen, mit einem analytischen oder synthetischen Urteil zu tun haben, zeigt zur Genüge, wie hochbedeutsam es für die Grundlagen unseres Wesen, wie schwankend es aber auch in unserem wissenschaftlichen Zeitbewußtsein geworden ist.

An der metaphysischen Notwendigkeit des Kausalitätsprinzips in der oben bezeichneten allgemeinen Form darf nicht gerüttelt werden. Aber wie verhält es sich mit dem bestimmteren Inhalt desselben, wenn wir es auf die verschiedenen Gebiete unseres Wissens anwenden? Läßt nicht der Kausalbegriff tatsächlich die verschiedensten Modifikationen zu? Wenn wir die  kausale  Erklärung als wesentliches Kennzeichen höherer Wissenschaftlichkeit auffassen, ist nicht vor allem eine nähere Bestimmung des Begriffes  "Ursache"  zum Verständnis dieses Postulats erforderlich?

Die Erfahrungswissenschaften, die hier allein in Betracht kommen, gehen von den einzelnen Erfahrungsdaten, zeitlich und räumlich begrenzten Tatsachen oder Vorgängen aus, deren Beziehungen zu den zeitlich und räumlich unmittelbar mit ihnen verbundenen Tatsachen den ersten Gegenstand und den Ausgangspunkt der kausalen Forschung bilden. Aber die Wissenschaft kann sich ebensowenig mit der Erforschung  einzelner  "Ursachen" wie auch mit der Feststellung  einzelner  Tatsachen begnügen. Ihr Streben geht nach dem Ganzen, ihr Ziel ist, das habe ich schon früher betont, die Erfassung einer höheren Einheit aus der sich das Einzelne erklärt. Auf dieses Ziel kann vor allem die kausale Erforschung nicht verzichten. Es wird ihr übrigens durch die Erfahrung selbst nahegelegt, die, je tiefer sie greift, desto unumstößlicher die Tatsache begründet, daß die Einzelerscheinung durch eine unübersehbare Mengen von Beziehungen mit dem Ganzen verbunden ist.

Aber, müssen wir weiter fragen, welcher Art sind diese Beziehungen, oder, sagen wir besser, in welcher Weise können wir auf dem Weg einer wissenschaftlichen Betrachtung diese Beziehungen, diese Einheit erfassen? Die erste Antwort auf diese Frage gibt uns die Naturforschung.

Bei aller Mannigfaltigkeit der physischen Erscheinungen läßt sich schon auf den ersten Blick eine große Ähnlichkeit, eine weitgehende Regelmäßigkeit nachweisen, die noch durchgreifender erscheint, sobald es gelingt, die komplexen Phänomene in ihre Elemente aufzulösen, ja alle Veränderungen auf Bewegungsvorgänge zurückzuführen.

Die Vielheit der substanziellen Elemente, die den Erscheinungen als "Materialursachen" zugrunde liegen, vermag allerdings die mechanische Naturauffassung nicht aufzuheben. Indem sie jedoch dieselben als einfacht, unterschiedslos, unveränderlich betrachtet, bleibt ihr nur übrig, deren gegenseitige, aktive Raumbeziehungen als möglichst einheitlich zu erfassen. Sie erfaßt sie  begrifflich,  d. h. sie faßt ihre analogen, gemeinschaftlichen Momente in allgemeine Urteile zusammen, aus denen sie wiederum die Einzelerscheinungen abzuleiten vermag.  Naturgesetze  nennt sie diese Urteile und je mehr Naturphänomene sie unter ein gemeinsameres System von Naturgesetzen zu bringen imstande ist, je mehr sie es erreicht,  Einzelgesetze  wieder unter ein  allgemeineres Gesetz  zusammenzufassen, desto vollkommener erreicht sie ihr Ideal.

Natur gesetze  aber sind nur der abstrakte Ausdruck für das Wirken der Natur kräfte welche als die eigentlichen formellen Ursachen der empirisch wahrnehmbaren Tatsachen betrachtet werden. Die Einheit der "Naturgesetze" führt uns zu Einheit der "Naturkräfte".

Aber auch die "Naturkräfte" sind nur  abstrakte  Begriffe, keine wirklichen Ursachen der Erscheinungen. Das System der Naturkräfte ist wie das System der Naturgesetze eine Abstraktion aus der Wirklichkeit - der Wirklichkeit entsprechend,  nicht die Wirklichkeit selbst. 

Eine allseitige, befriedigende Antwort auf das  Woher  der Naturvorgänge vermag die Naturforschung als  "nomothetische Wissenschaft nicht zu geben. Das Interesse, das der forschende Menschengeist der Welt der konkreten, mannigfaltigen, lebendigen Wirklichkeit entgegenbringt, ist durch sie nicht erschöpft. Dies umso weniger, als sie keine Antwort weiß auf jene andere Frage, die sich uns ebenso unabweisbar aufdrängt:  Wozu  das alles?

Diese Frage fordert aber umso gebieterischer eine Lösung, als es sich für uns nicht mehr um ein Gebiet rein materieller, sondern  geistiger  Erscheinungen handelt, wo die Tatsachen eben ihres idealen Inhaltes und Charakters wegen unsere Wißbegierde anregen, und der Grund, um dessentwillen sie gewußt zu werden verdienen, viel weniger in der Allgemeinheit, als in der konkreten und individuellen Lebendigkeit dieses Inhaltes liegt.

Auch solche geistige bzw. geistig-soziale Vorgänge lassen sich allerdings abstrakt auffassen, auch sie unterliegen gewissen  allgemeinen Gesetzen.  Aber weder diese Gesetze, noch abstrakt gedachte Kräfte erklären, was sie wertvolles für uns enthalten. Die Erforschung ihres ursächlichen Zusammenhangs weist uns vielmehr auf Kräfte hin, die dem abstrakten Kausalnexus gegenüber eine eigenartige Selbständigkeit bekunden und aus ihm nicht mehr begriffen werden können. Den individuellen, konkreten Tatsachen entsprechen  individuelle, konkrete Ursachen,  die aus der Tiefe ihrer selbständigen, spontan, frei wirkenden Individualität schöpfend, schöpferisch eingreifen in die Welt abstrakt notwendiger Gesetzmäßigkeit. Diese können nur  "idiographisch"  erfaßt und dargestellt werden.

Man kann von der Eigenartigkeit, bzw. von der Freiheit der geistigen Faktoren in der Geschichte absehen, und doch mit WINDELBAND (14) und RICKERT (15) einen wesentlichen Unterschied zwischen  nomothetischer (Natur-)Wissenschaft und  idiographischer (Kultur-)Wissenschaft, bzw. Geschicht statuieren. Aber der  objektive, nicht bloß methodologische  Gegensatz, der die Geisteswissenschaften von den Naturwissenschaften im Sinne einer spiritualistischen Metaphysik trennt, darf dabei doch nicht zu sehr in den Hintergrund gedrängt werden.

Die Tatsache, daß für das Gebiet materieller Vorgänge vorzugsweise die nomothteische, für das der geistigen die idiographische Methode der Auffassung in Betracht kommt, kann nur in jenem inneren Gegensatz ihren Grund haben.

Aber läßt sich bei der idiographischen Betrachtung überhaupt noch von Wissenschaft sprechen? Vorausgesetzt es gelänge, das mannigfaltige und eigenartige der geschichtlichen Erscheinungen durch mannigfaltige und eigenartige Ursachen zu erklären, ist denn damit für unsere wissenschaftliche Erkenntnis überhaupt etwas gewonnen? Bedeutet ein solches Verfahren nicht ein Stehenbleiben auf dem Standpunkt der naiven Natur- und Geschichtsbetrachtung früherer "unwissenschaftlicher" Zeiten? Denn das  Einzelne,  als solches, kann zwar als Ausgangspunkt, nie aber Ziel der wissenschaftlichen Untersuchung sein. Und dann - müßte nicht die wissenschaftliche Arbeit ins Unermeßliche und Bedeutungslose geraten, wenn sie auf jedes Einzelne Gewicht legen wollte? Mit dem Postulat einer  einheitlichen  Auffassung müßte sie jedenfalls gründlich aufräumen.

Gibt es in der Tat etwas Flacheres, Geistloseres, als jene Form von Geschichtsschreibung, die, wie gewisse Kunstrichtungen, nur darauf auszugehen scheint, das alltägliche Leben aus seinen geringfügigsten Einzelheiten, im Bild zu rekonstruieren und ihre tiefere Aufgabe nur darin erblickt, nach den vielfach kleinlichen Motiven zu forschen, die den einzelnen Handlungen ihrer historischen Individualitäten zugrunde liegen!

Solche Vorwürfe mögen in der Tat gewisse Arten "idiographischer" Geschichtsschreibung treffen, diese selbst treffen sie nicht.

Vor allem ist ausdrücklich zu betonen, daß die Geschichtswissenschaft keineswegs darauf verzichten kann, noch darf, die Hilfsmittel, die ihr die begriffliche Methode der abstrakt-empirischen Wissenschaften bietet, in ihren Dienst zu nehmen. Sie wird bei der kausalen Erklärung der historischen Vorgänge die allgemeinen Resultate sozialpsychologischer, ethnographischer, ja selbst physiologischer Forschung berücksichtigen und selbst zu ihrer Erweiterung und Vertiefung beitragen müssen. Sie wird der begrifflichen Formulierung geschichtlicher Tatsachen und Faktoren nicht entraten können. Aber ihre Hauptaufgabe liegt nicht darin, nach einem in der Form allgemeiner Gesetze ausgesprochenen abstrakten kausalen Zusammenhang zu forschen, in dem das Individuelle verschwindet, sondern das  Individuelle  selbst in seinem  konkrete  und  lebendigen  ursächlichen Verhältnis zu erfassen.

Was wir früher von der synthetischen Einheit der Anschauung im Gegensatz zur analytischen Einheit des Begriffs gesagt haben, gilt insbesondere von historischen Kausalzusammenhang. Darin liegt nicht das Charakteristische der "individualistischen" Geschichtswissenschaft, wie wir sie hier, vertreten, daß sie das Individuelle - sei es Ereignis, sei es Persönlichkeit - isoliere  und in dieser Isolierung als die eigentliche geschichtliche Tatsache oder den eigentlichen geschichtlichen Faktor hinstellt. Es gibt in der Geschichte ebensowenig wie in der Natur isolierte Tatsachen oder Ursachen und jeder Kausalzusammenhang ist ein durchaus komplexer, vielseitiger Vorgang.

Aber ein Anderes ist es, diesen Vorgang in seine abstrakten Beziehungen aufzulösen, ein Anderes, ihn in seiner vielseitigen Wirklichkeit zu erforschen und möglichst anschaulich darzustellen. Und eben hierin liegt die wesentlichste Aufgabe der genetischen Geschichtswissenschaft.

Wenn sie übrigens das letzte Objekt ihrer eigentümlichen Auffassung, die menschliche  Individualität  nach ihrer charakteristischen Seite einfach als  Tatsache  hinnehmen muß, wenn sie dieselbe wohl in einen Zusammenhang bringen kann mit ihren vielfachen physischen und psychischen Bedingungen, sie aber aus diesen nicht  abzuleiten,  zu erklären, oder, nach LAMPRECHTs Ausdruck, zu "rationalisieren" vermag, wenn Gegenstand und Methode der Geschichtswissenschaft auf die Grenzen der kausalen Erklärung hinweisen, so brauchen wir ja nur daran zu erinnern, daß ähnliche unauflösbare Probleme der Naturwissenschaft selbst aus ihrer Aufgabe und aus ihrer Methode erwachsen.

Was schließlich die Schwierigkeit betriff, aufgrund der idiographischen Methode auch innerhalb eines zeitlich und räumlich beschränkten Feldes ein übersichtliches, nicht nur willkürlich abgegrenztes Gebiet wissenschaftlicher Forschung zu erhalten und damit nichts ins uferlose, geistlose Detail zu geraten, so führt uns deren Lösung zu einer  noch höheren geschichtlichen Erkenntnis,  die zugleich die Grundlage und Voraussetzung ihrer wissenschaftlichen Methode bildet.


Gedanken, Gefühle  und vor allem  Willensbetätigungen  der Menschen sind der eigentliche Gegenstand der Geschichte. Ihre Beziehungen zu unserer eigenen Persönlichkeit verleihen ihnen einen eigentümlichen Reiz und fordern dazu auf, sie im Licht jener  idealen Anschauung  zu betrachten, die unserem geistigen Wesen seine tiefere Einheit, seinen höchsten Lebensinhalt verleiht. Wenn der  teleologische  Charakter von Haus aus den historischen Tatsachen anhaftet, da sie vor allem der Zweckursächlichkeit ihr Dasein verdanken, so gehört ihre  Bewertung,  ihre  Beurteilung  zu den bedeutendsten Aufgaben der Geschichtswissenschaft, und ist die Berechtigung und die Notwendigkeit der  idealen  Geschichtsauffassung von vornherein erwiesen.

Mag diese Aufgabe eine überaus schwierige sein, mag der richtige Weg erst nach vielfachen Irrgängen gefunden werden - auf ihn verzichten hieße dem entsagen, was dem menschlichen Geist als das Wertvollste und Wissenswerteste erscheint, da es seine höchsten, heiligsten Interessen berührt. "Je wertvoller, desto unlösbarer!" Dieses Gefühl schmerzlicher Resignation wird der fortschende Menschengeist auf die Dauer nicht aushalten können!

Übrigens - und das kann nicht genug betont werden - liegt irgendeine Bewertung der historischen Tatsachen notwendig jeder geschichtlichen Arbeit zugrunde.

Ist es doch das ideale Interesse, das wir an gewissen Tatsachen haben, das uns zu ihrer wissenschaftlichen Erforschung antreibt, das uns den Maßstab gibt, nach welchem wir aus der unabsehbaren Masse geschichtlichen Materials den wissenschaftlichen Stoff heben.

Aber wer bürgt uns dafür, daß bei der Anlegung dieses idealen Maßstabes das  subjektive  Moment nicht dergestalt überwiegt, daß von einer  objektiven  Geschichtsforschung überhaupt nicht mehr die Rede sein kann? Haben wir für letzteres nicht Belege genug?

Allerdings! Durch einen einseitigen oder falschen Maßstab kann in der Geschichtsforschung bedeutendes Unheil angerichtet werden. Das wird uns aber nicht hindern, nach einem objektiven Maßstab zu suchen. Er liegt zum Teil in den historischen Tatsachen selbst. Man braucht kein extremer Relativist zu sein, um die Berechtigung einer  relativen Geschichtsbeurteilung  anzuerkennen. Das Ziel, welches gewisse Persönlichkeiten, Institutionen usw. sich selbst setzen, die Idee, die sie vertreten, die geistige Richtung der Zeit, in der sie gewirkt, die bestimmte historische Entwicklung, auf die sie einen offenkundig weitgehenden Einfluß ausgeübt haben, sind nicht nur ein Maßstab für ihren geschichtlichen Wert im  Allgemeinen,  sondern für die Beurteilung ihrer Tätigkeit im  Einzelnen. 

Man kann die Bedeutung dieses  relativen Maßstabes  für die objektive Würdigung geschichtlicher Faktoren, in deren absoluter Beurteilung die verschiedenen Weltanschauungen auseinandergehen, nicht hoch genug veranschlagen. Es genügt jedoch nicht.

Es wird immer eine dringende Aufgabe des Historikers bleiben, den absoluten Maßstab seiner gesamten Weltanschauung, den er  unwillkürlich  anlegt, mit einem  klaren Bewußtsein  zu erfassen und zu verwerten.

Nur eine  festbegründete, allseitige, wahre  Weltanschauung kann zu einer wahren Beurteilung der geschichtlichen Entwicklung führen. Auf dem Weg eines geschichtsphilosophischen Denkens wird sich der katholische Geschichtsforscher überzeugen, daß die Weltanschauung, die er seinem Glauben verdankt, nicht nur auf wissenschaftlich festem Boden steht, sondern in ihrer Anwendung auf die geschichtlichen Tatsachen, deren objektivste und allseitigste Würdigung begründet. Eine klare, bewußte, wissenschaftlich vertiefte Glaubensüberzeugung wird ihn dem strengen Dienst der Wahrheit und der Gerechtigkeit nie untreu werden lassen.

Wer sie ihm zum Vorwurf machen will, mag sich zuerst vergewissern, wie es mit der Begründung der eigenen Weltanschauung, dem Maß und der Berechtigung ihres Einflusses auf seine wissenschaftliche Forschung steht. Denn diese Überzeugung scheint sich doch allmählich allenthalben unter den ernst denkenden Geistern zu befestigen, daß wir in unserer gesamten wissenschaftlichen Zeitrichtung mehr als wir es meinten unter der Herrschaft des Glaubens an eine "Welt der Ideen", an einen tieferen Inhalt des Lebens, an einen höheren Sinn der geschichtlichen Entwicklung stehen.

Diesem Glauben wieder ein sicheres, festes, bestimmtes Ziel zu geben, ist die hehre Aufgabe der vom Geist der katholischen Wahrheit getragenen geschichtsphilosophischen Arbeit.
LITERATUR Emil Müller, Ist die Geschichte eine Wissenschaft?, Historisches Jahrbuch, Bd. 23, München 1902
    Anmerkungen
    1) BERNHEIM definiert sie als "die Wissenschaft von der Entwicklung der Menschen in ihrer Betätigung als soziale Wesen" (Lehrbuch der historischen Methode, zweite Auflage, Leipzig 1894, Seite 5).
    2) EMIL DUBOIS-REYMOND, Darwin versus Galiani, Reden I, Seite 232
    3) EMIL DUBOIS-REYMOND, Die Grenzen des naturwissenschaftlichen Erkennens, vierte Auflage, Leipzig 1896.
    4) 1860 erschienen und von RUGE ins Deutsche übersetzt. Nur die zwei Bände umfassende Untersuchung über die Aufgaben und die Methode der Geschichtsauffassung kam bekanntlich zur Ausführung.
    5) KARL LAMPRECHT, 1891f. Vgl. dessen kleinere Schriften, insbesondere: Alte und neue Richtungen in der Geschichtswissenschaft, Berlin 1896; Die kulturhistorische Methode, 1900; Die historische Methode des Herrn von Below, 1899.
    6) Vgl. DROYSEN, Die Erhebung der Geschichte zum Rang einer Wissenschaft, Historische Zeitschrift, Bd. 9, 1893, Seite 1f und "Grundriß der Historik", zweite Auflage Leipzig 1875, Seite 41f; OTTOKAR LORENZ, Die Geschichtswissenschaft in ihren Hauptrichtungen, Bd. 1, Berlin 1886, Seite 133f; BERNHEIM, Lehrbuch der historischen Methode, zweite Auflage, Leipzig 1894, Seite 82f; Geschichtsforschung und Geschichtsphilosophie, Göttingen 1870, Seite 46f; sowie die Gegner LAMPRECHTs: ONCKEN, BELOW, FINKE, SCHNÜRER (im "Historischen Jahrbuch", Bd. 18, Seite 88-116), u. a.
    7) vgl. u. a. Seite 76f
    8) Seite 83f.
    9) Lehrbuch der historischen Methode, Vorwort.
    10) Die Erhebung der Geschichte zum Rang einer Wissenschaft, Wien 1883, Einleitung.
    11) Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung, Freiburg i. Br. 1896
    12) Einleitung in die Geisteswissenschaften, Bd. 1, Leipzig 1883.
    13) GEORG SIMMEL, Probleme der Geschichtsphilosophie, Seite 43.
    14) Vgl. dessen vortreffliche Rede: Geschichte und Naturwissenschaft.
    15) Vgl. besonders dessen Schrift: "Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung", die einen bedeutenden Beitrag zur Lösung der hier berührten Fragen liefert.