ra-2SchmeidlerE. BernheimTroeltsch Die neue historische Methode    
 
GEORG von BELOW
(1858-1927)
Wirtschaftsgeschichte
innerhalb der Nationalökonomie

[1/3]

Schmoller teilt die Entwicklungstheorien in  mechanische  (materialistische) und in  idealistische  (teleologisch-metaphysische, psychologisch-geistige) ein.

Wenn ein Führer einer großen wissenschaftlichen Richtung ein programmatisches Werk veröffentlicht, in dem er zugleich die Summe seiner Lebensarbeit und der Studien der mit ihm auf gleicher Bahn forschenden Gelehrten verwertet, so pflegen sich die fachmännischen Rezensionen, die zu ihm Stellung nehmen wollen, seine Bedeutung hervorheben oder es bekämpfen, förmlich zu drängen. In den Jahren 1900 und 1904 ist SCHMOLLERs "Allgemeine Volkswirtschaftslehre" erschienen. Der Verfasser gilt in manchen Kreisen als das Haupt, gar als der Begründer der historischen Schule der Nationalökonomie. Er hat sich selbst vor allem eine solche führende Stellung beigemessen, (1) und andere haben ihm darin mehr oder weniger zugestimmt. (2) Im genannten Werk wünscht er ohne Zweifel ein Programm und eine umfassende Verwertung der Arbeiten seiner Schule zu geben. Da ist es nun merkwürdig, daß die Zahl der Fachleute, die das Wort zu ihm ergriffen haben, außerordentlich gering ist. Dem Buch ist zwar nicht von nationalökonomischer Seite verschwenderisches Lob gespendet worden und unter den anonymen Referenten, die es verhimmelt haben, mögen sich auch wohl ein paar Nationalökonomen verstecken. Aber die angesehenen Fachleute haben sich ganz auffallend zurückgehalten. Das Buch hat entschieden eine sehr kühle Aufnahme gefunden. Mir sind nur drei Rezensionen von namhaften Nationalökonomen bekannt worden. Der eine (3) lobte den ersten Band so maßlos, daß selbst nachher wohl Bedenken gekommen sein mögen. Eine Besprechung des zweiten Bandes hat er nicht veröffentlicht; sie wurde vielmehr für dieselbe Zeitschrift von einem anderen Forscher übernommen. Dieser andere, DIEHL, äußerte sich zu beiden Bänden überwiegend kritisch (4). Ein dritter angesehener Fachmann, KARL THEODOR von INAMA-STERNEGG (5), wußte mit der ihm eigenen außerordentlichen Liebenswürdigkeit (6) in SCHMOLLERs Buch viel treffliches zu entdecken, lehnte jedoch "ein Eingehen in das überreiche Detail ab und fällte folgenden bemerkenswerte Urteil: "Auch die Nationalökonomen historischer Richtung, wenn ich mich an dieser Stelle als ihr Wortführer aussprechen darff, sind bei aller prinzipiellen Übereinstimmung mit der SCHMOLLERschen Auffassung doch nicht imstande, die Wege, welche er betreten, durchaus alle als richtig, zumindest als die nächsten und besten zum Ziel anzuerkennen."

Wenn die Fachwissenschaft von SCHMOLLERs Buch so wenig Notiz nimmt, (7) so darf man darin den Beweis sehen, daß es das nicht bietet, was man von ihm nach seinem Titel und nach der Stellung, die man dem Verfasser vielfach zuschreibt, erwarten mußte und es könnte darum überflüssig erscheinen, in unserer wirtschaftlichen Zeitschrift näher auf seinen Inhalt einzugehen. Indessen wir haben damit zu rechnen, daß ihm von vielen Seiten und auch von solchen Nationalökonomen, die mit seinen theoretischen Ausführungen keineswegs einverstanden sind, die Bedeutung eines wirtschaftsgeschichtlichen Arsenals zugesprochen wird. In vielen Urteilen kehrt als Refrain wieder: wenngleich SCHMOLLERs Buch in vieler Hinsicht nicht befriedigt, wenngleich er in prinzipiellen Fragen, in theoretischer Beziehung versagt, (8) so ist doch das wirtschafts- und kulturgeschichtliche Detail, das er liefert, sehr wertvoll. Speziell auch INAMA-STERNBERG spricht vom "reichsten Inhalt gesicherter Tatsachenbestände", obwohl er doch ein Eingehen auf das Detail, das, wie er sagt, "viel kritischer Nacharbeit bedürfte", ablehnt. Offenbar hält er (ebenso wie viele andere) (9) die Zuverlässigkeit des Details bei SCHMOLLER für so zweifellos, daß er dem Buch auch ohne "kritische Nacharbeit" das Lob "gesicherter Tatsachenbestände" meinte spenden zu können. Da aber der Zweck unserer Zeitschrift in ihrem Verhältnis zur Nationalökonomie doch dahin geht, sie in den historischen Studien recht erfolgreich zu unterstützen und kritisch zu fördern, so werden wir uns einer "kritischen Nacharbeit" nicht entschlagen dürfen. Indem ich im folgenden dazu übergehe, den geschichtswissenschaftlichen Inhalt des zweiten Bandes (10) von SCHMOLLERs "Allgemeiner Volkswirtschaftslehre" einer kritischen Prüfung zu unterziehen, weise ich zunächst noch auf einige neuerdings erschienenen Besprechungen seines Buches hin, in denen jene Art der Beurteilung ebenfalls hervortritt und die auch sonst Berücksichtigung verdienen.

In der Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie und Soziologie (herausgegeben von PAUL BARTH) 1904, Seite 438f, bespricht der Philosoph GUSTI SCHMOLLERs Grundriß. Er hebt hervor, der Leser "vermisse einige prinzipielle Auseinandersetzungen in der Formulierung der grundlegenden Problemstellung und der prinzipiellen Behandlung der Probleme als solche. Es überrascht einen, daß dieses Werk, welches als das programmatische Grundwerk der jungen nationalökonomisch-historischen Schule anzusehen ist [richtiger: als solches ausgegeben wird!], nicht eine eindeutige klare Stellung zu gewissen modernen geschichtswissenschaftlichen und methodologischen Erörterungen nimmt. ... Sodann ist vom streng volkswirtschaftswissenschaftlichen Standpunkt aus zu bemerken, daß der Verfasser in seiner interessanten Stoffverteilung und Behandlung stillschweigend vieles voraussetzt, was meines Erachtens eine eingehende prinzipielle Erörterung notwendig macht." Es fehle bei SCHMOLLER "eine wirtschaftlich-erkenntnistheoretische Fundierung". GUSTI tadelt es ferner, daß SCHMOLLER, der die Psychologie den Schlüsser zur Nationalökonomie nennt, gar nicht sage, welche Psychologie er meint. "Der Grund dieser methodischen Inkonsequenz liegt, wie mir scheint, im Mangel einer durchgeführten wirtschaftlichen Willenspsychologie, die die Grundlage jeder erklärenden Wirtschaftsuntersuchung bilden muß. Es ist natürlich, daß ohne eine wirtschaftspsychologische Fundierung der wirtschaftlich sittliche Wille nicht erschöpfend behandelt werden konnte." Meines Erachtens sind diese von GUSTI gemachten Ausstellungen vernichtend, gerade wenn man SCHMOLLERs Leistungen an dem mißt, was er in seinem Buch hinsichtlich des Verhältnisses zur nationalökonomischen Theorie und der psychologischen Grundlegung zu bieten beansprucht. Trotzdem spendet GUSTI dem Buch in anderer Hinsicht viel Lob. Indessen was er an ihm rühmt, entbehrt meines Erachtens meistens der Begründung. So sagt er: "Ein völkerpsychologisches Verdienst hat sich SCHMOLLER durch die Berücksichtigung der kulturgeschichtlichen Bedeutung der Sitte für die Wirtschaftstätigkeit erworben." SCHMOLLER ist ja aber nicht der erste, der darauf aufmerksam gemacht hat. Vgl. darüber z. B. MAX WEBER, Jahrbuch für Gesetzgebung 1903, Seite 1210, Anm. 2. Wenn GUSTI SCHMOLLERs Grundriß "seinem Inhalt nach als einen soziologischen Grundriß der allgemeinen Volkswirtschaft" bezeichnet, so stimmt das mit dem überein, was ich in der Zeitschrift für Sozialwissenschaft, Bd. 7, Seite 157 und 457 gesagt habe. In einer Rezension über SCHMOLLERs Grundriß im "Journal of the Royal Statistical Society", Bd. 67, Seite 513f, lesen wir: "this book sometimes degenerates into what after all is little better than good journalism. ... If this book ist ment to free economics from false abstraction, as the author stats in the preface, he has given a powerful object lesson in favour of deductive economics." Daneben lobt der Rezensent andererseits das Buch wieder sehr, z. B. : "The learning of Professor SCHMOLLER ist immense, his historical knowledge is so great, that only specialists should attempt to criticise it." Wir wissen, wie es sich mit dem "immense Learning of Professor SCHMOLLER" tatsächlich verhält. Interessant ist es aber hier zu sehen, wie die übertriebenen Lobsprüche auf SCHMOLLER zustande kommen: Jemand, der selbst nicht Spezialist auf den betreffenden Gebieten ist, betrachtet staunend die aufgehäufte Masse der Gelehrsamkeit und obwohl er gesteht, daß er nicht in der Lage sei, sie zu prüfen, glaubt er doch seinem Staunen durch ein lebhaftes Lob Ausdruck geben zu müssen. FONTANE sagte einmal: "Immer nur die, die von Kunst wenig wissen und verstehen, finden alles himmlisch und göttlich."

KARL DIEHL, der, wie erwähnt, sich entschieden kritisch zu SCHMOLLERs Buch stellt, will (Jahrbücher für Nationalökonomie 84, Seite 233f) zwar die "Menge wirtschaftshistorischen und wirtschaftsstatistischen Materials" anerkannt wissen, tadelt aber namentlich die theoretische Unklarheit sowie die Hinneigung zum Naturalismus, speziell die Anwendung darwinistischer Formeln. Ich habe mich über diesen letzteren Punkt schon früher geäußert (siehe Zeitschrift für Sozialwissenschaft 1904, Seite 150. Es wäre noch erträglich, wenn SCHMOLLER mit strenger Konsequenz durch die darwinistische Theorie die nationalökonomischen Erscheinungen zu erklären versuchen wollte. Aber durch sein Durcheinandermischen der verschiedensten Vorstellungen zieht er nur die Unklarheit groß. (11) Es fehlt ihm eben am erforderlichen Verständnis für den Gegensatz naturwissenschaftlicher und geschichtlicher Auffassung.

Über die Anlage des SCHMOLLERschen "Grundrisses der allgemeinen Volkswirtschaftslehre" sagt DIEHL, er enthalte "nicht nur alles das, was üblicherweise in der "theoretischen Nationalökonomie" abgehandelt wird, sondern auch fast alle die Themata, die in der "praktischen Nationalökonomie" zur Sprache kommen und weit über die sonstige Stoffbegrenzung solcher Grundrisse hinaus werden sogar solche weitumfassenden und tiefgreifenden Probleme wie die Frage der Klassenbildung und Klassenentwicklung in die Erörterung einbezogen." Dieser Mangel einer schärferen Begrenzung des Themas erklärt sich auch aus SCHMOLLERs Unklarheit in allen theoretischen Fragen. Außerdem kommt in Betracht, daß er - bezeichnenderweise im Widerspruch zu dem, was er als sein Programm ausgegeben hat - die Neigung hat, sich als Soziologen zu bekennen. Wie hiermit seine Unsicherheit zusammenhäng, habe ich in der Zeitschrift für Sozialwissenschaft 1904, Seite 451f schon dargelegt. (12)

Für die soziologischen Neigungen SCHMOLLERs ist ein Abschnitt über "Allgemeine historische Entwicklungstheorien" charakteristisch, den er dem zweiten Teil seines Buches (Seite 655f) eingefügt hat. Er bringt dadurch zweierlei hinein, was mit einem Grundriß der Nationalökonomie recht wenig zu tun hat. Charakteristisch ist jener Abschnitt aber auch für die - sagen wir - merkwürdige Art zu urteilen, die SCHMOLLER eigen ist. (13)

Er teilt die Entwicklungstheorien in "mechanische (materialistische)" und in "idealistische (teleologisch-metaphysische, psychologisch-geistige)". Als Vertreter der ersten Reihe, als der "mechanischen, materialistischen" Theorien, nennt er
    a) diejenigen Autoren, welche die Schicksale der Völker ganz überwiegend aus dem Klima, den geographischen Verhältnissen herleiten, wie HERDER und MONTESQUIEU;
    b) die Vertreter der Rassentheorien;
    c) die Autoren, welche nach Hauptproduktions- und Berufszweigen einteilen, z. B. LIST und SCHÖNBERG ("Jäger-, Fischer-, Hirten-, Ackerbauvolk" usw.);
    d) Prähistoriker und Anthropologen, welche die Geschichte des technischen Fortschritts nach dem Stoff der Werkzeuge einteilen (Stein-, Bronze-, Eisenzeitalter); Hauptvertreter dieser Gruppe ist MORGAN;
    e) MARX;
    f) DURKHEIM
    g) Autoren, welche ihre Einteilungsversuche an den wirtschaftlichen Verkehr und seine technischen Mittel anknüpfen; Hauptvertreter dieser Gruppe ist BRUNO HILDEBRAND mit seiner Theorie von der Natural-, Geld und Kreditwirtschaft.
Als Repräsentanten der zweiten Reihe, also der "idealistischen" Theorien, nennt SCHMOLLER
    a) die Stoa, das Christentum, LESSING, VICO;
    b) die Vertreter der "Herrschaft der Ideen": KANT, HEGEL, SCHILLER, WILHELM von HUMBOLDT, RANKE;
    c) PLATO und ARISTOTELES;
    d) SAINT SIMON und AUGUSTE COMTE;
    e) LASSALLE und RODBERTUS
    f) LORENZ von STEIN, SUMNER MAINE, HERBERT SPENCER;
    g) KARL LAMPRECHT und KURT BREYSIG
    h) PETER LAWROW
Die Wirkung dieser Liste würde man beeinträchtigen, wenn man sich darüber entrüsten wollte, daß SCHMOLLER die und die Namen genannt und die und die Namen nicht genannt hat. Auch wollen wir nicht lange bei der köstlichen Klassifikation verweilen. Warum zeigt sich SCHMOLLER so sehr geneigt, die Prähistoriker und Anthropologen ohne weiteres zu Materialisten zu stempeln? Man kann doch sehr gut ein Stein-, Bronze- und Eisenzeitalter unterscheiden, ohne irgendwie dem Materialismus zu verfallen. Und weshalb soll der arme BRUNO HILDEBRAND durchaus der mechanischen oder materialistischen Anschauung huldigen? Seine Stufentheorie hat damit wahrlich nichts zu tun. Überhaupt ist eine Einteilung der Geschichte der Wirtschaft nach den Verhältnissen des Verkehrs und seiner Mittel ja ebensowenig Vorrecht des Materialismus wie des Idealismus. Diejenigen, welche unsere Zeit das Zeitalter der Eisenbahnen nennen, sind doch keineswegs sämtlich entschlossen, die historischen Erscheinungen ganz oder überwiegend aus "den materiellen Elementen" (wie SCHMOLLER Seite 656 sagt) zu erklären und die Erklärung aus "den geistigen Elementen" abzulehnen. Auch SCHÖNBERG soll zu den Vertretern der mechanistischen Auffassung gehören! LORENZ von STEIN und SPENCER werden in eine Schublade zusammen hineingequetscht! Wie SCHMOLLER MARX von COMTE trennt und, wie es scheint, an HILDEBRAND heranrückt, das zu beobachten ist wiederum interessant. COMTE hält SCHMOLLER offenbar für einen großen Vertreter des Idealismus. Ich habe an anderer Stelle (Historische Zeitschrift 91, Seite 445, Anm. 2) meine Verwunderung darüber ausgesprochen, daß er SOMBART COMTE als Gegenmittel gegen MARX empfahl. Wenn er aber, wie man jetzt sieht, COMTE als Führer zum Idealismus betrachtet, so begreift sich die Sache. Man darf wohl COMTE als Idealisten in gewissem Sinne bezeichnen. Indessen wenn man an die Wirkungen denkt, die er mit "seiner von den Idealen des Polytechnikums beherrschten Weltanschauung" (14) ausgeübt hat, so gelangt man zu dem Resultat, daß er mehr ein Führer zur mechanistischen, materialistischen, naturalistischen Auffassung geworden ist. Doch gehen wir etwas näher auf die Urteile SCHMOLLERs über die einzelnen Autoren ein; erst dabei wird sich uns seine Eigenart ganz erschließen.

Es zeigt sich hierbei von neuem sein bekanntes Bemühen, eine Mittelstraße zu gehen, mit der Sprache nicht gerade herauszukommen, sich mit einem verwaschenen Bild zu begnügen. In der letzten Zeit ist viel über RANKEs "Ideen" gestritten worden. Von einer Seite sind sie als "mystisch" bezeichnet worden. Von anderer Seite, und zwar von den zuverlässigsten Forschern, ist die Berechtigung dieser Bezeichnung entschieden bestritten worden. SCHMOLLER redet über diese Frage hin und her. Sein ganzes Gerede läßt aber nichts weiter erkennen, als daß er es gern vermeiden möchte, es sich mit der einen oder anderen Partei zu verderben. Einerseits sagt er, es sei "gewiß nicht ganz falsch", RANKE Mystik vorzuwerfen; "eine realistische Umkehr mußte kommen". Andererseits meint er, es fehle bei ihm doch auch "die realistische Erfassung, die Erklärung aus wirtschaftlichen, militärischen, kirchlichen, pädagogischen Ursachen neben den allgemeinen geisteswissenschaftlichen" (15) nicht ganz. SCHMOLLER hätte sich ebensogut wie andere Autoren orientieren können, daß RANKEs Ideen nichts mystisches sind. (16) Man muß aber leider sagen, daß er überhaupt gar keine Vorstellung von RANKEs Ideen hat. Es fehlt ihm, wie man aus seinen Bemerkungen auf Seite 660 ersieht, jede Ahnung davon, wie sehr RANKE (um mit MAX WEBER (17) zu sprechen) die Nabelschnur, die seine Geschichtsauffassung mit der "Ideenlehre" (im metaphysischen Sinn) verband, durchschnitten hat und in welchem Maße er gegenüber HEGEL Empiriker ist. Charakteristisch ist folgender Satz bei SCHMOLLER:
    "Beide (HEGEL und RANKE) sind die Hauptrepräsentanten einer idealistischen Ideenlehre, als Grundlage der Geschichtserklärung: bei HEGEL folgt die Ideenentwicklung einem logisch-dialektischen Gesetz; bei RANKE fehlt jede nähere Ausführung über die historische Abfolge der Ideenentwicklung".
Bezeichnend ist es, daß er RANKE neben HEGEL als "den" Hauptrepräsentanten nennt. Bezeichnend ist es aber auch, daß er eine "nähere" Ausführung vermißt. Als ob es überhaupt in der Absicht RANKEs gelegen hätte, irgendeine historische Abfolge in einer der Manier HEGELs auch nur entfernt verwandten Art zu behaupten. Lehrreich ist ferner folgender Satz: "Immer wird man die Völkerspsychologen wie STEINTHAL und LAZARUS, obwohl sie direkt an HERBART anknüpfen und einzelne historische Philosophen wie DILTHEY doch auch als Fortsetzer der RANKEschen Ideenlehre bezeichnen können." Man sieht, daß SCHMOLLER ebensowenig wie über RANKE über die Völkerpsychologen Bescheid weiß. DILTHEY hat natürlich, wie alle neueren Autoren, die sich in wissenschaftlicher Weise mit Geschichte beschäftigen, von RANKE viel gelernt. Wenn aber SCHMOLLER glaubt, irgendetwas zu seiner Charakteristik durch die Titulatur "Fortsetzer der RANKEschen Ideenlehre" beisteuern zu können, so liefert er nur den Beweis, daß er auch von DILTHEY wie von RANKE und den Völkerpsychologen nichts weiß. Er hat wohl tatsächlich - wir nehmen den günstigsten Fall an - eine gedankenlose Phrase ausgesprochen. Doch können wir uns darüber wohl nicht wundern. Derartiges soll ja bei den Soziologen öfters vorkommen. (18) Nicht nur aber, daß SCHMOLLER jene Dinge unrichtig darstellt; er hält sich überdies sehr im allgemeinen und unterläßt es ganz, das zu erwähnen, was RANKE tatsächlich über die Entwicklung der Menschheit, die Frage des Fortschritts in der Geschichte usw. vorgetragen hat. Und doch hätte nicht viel Mühe dazu gehört, die betreffenden Partien in RANKEs Werken zu finden.

Wie bemerkt, hebt SCHMOLLER hervor, daß gegenüber RANKE "eine realistische Umkehr kommen mußte". Spezieller drückt er sich so aus (Seite 660f): "Die durchschlagende Betonung solcher (d. h. der wirschaftlichen usw.) Ursachenreihen mußte durch Gelehrte erfolgen, die im Gegensatz zur Ideenlehre und zur Identitätsphilosophie standen oder nach und nach zu ihr kamen, von entgegengesetzten Ausgangspunkten aus ihre Systeme entwarfen." Gewiß mußte die Geschichtsforschung gegenüber RANKE noch realistischer werden und sie ist es geworden. Aber SCHMOLLER stellt die Entwicklung ganz verkehrt dar. Erstens steht RANKE selbst gar nicht mehr so in der Identitätsphilosophie, wie SCHMOLLER glaubt. Zweitens hat sich die Wendung zur "realistischen" Forschung keineswegs vorwiegend im Gegensatz zu RANKE vollzogen. Es ist geradezu amüsant, wie SCHMOLLER sich die Wendung denkt. Nach RANKE behandelt er die vorhin unter  c  bis  g  genannten Autorsen; diese sind also nach seiner Meinung die Urheber der Wendung. Insbesondere vindiziert er zwei Forschern, LAMPRECHT und BREYSIG, diese Bedeutung, indem er den Übergang zu ihnen mit den Worten bildet: "Seit den letzten zehn Jahren haben zwei jüngere deutsche Historiker große Anläufe genommen, im Gegensatz zur alten idealistischen und politischen Geschichtsschreibung von einem realistisch-kulturgeschichtlichen Standpunkt aus die Geschichte der Menschheit als ein Ganzes zu begreifen und nach einheitlichen Gesichtspunkten, Begriffen, Ursachenreihen sie einzuteilen." Hier zeigt sich wieder der Soziologe: SCHMOLLER imponiert es, daß LAMPRECHT und BREYSIG ein allgemeines geschichtsphilosophisches System vorgetragen haben. Er vergißt vollkommen, daß sich der Fortschritt der Wissenschaft im 19. Jahrhundert ganz vorwiegend auf dem Weg der Einzelforschung vollzogen hat. Ja, er ist jetzt so sehr Soziologe, daß er sogar vergißt, welche Bedeutung in dieser Beziehung der historischen Schule der Nationalökonomie zukommt und daß er früher selbst die Weiterbildung der Wissenschaft von wirtschaftsgeschichtlichen Spezialarbeiten erwartet hat. (19) Was sodann die Forscher betrifft, die tatsächlich die Wendung zur "realistischen" Forschung herbeigeführt haben, so ließen sich hier sehr viele Namen nennen. Wir könnten z. B. auf MOMMSEN (den SCHMOLLER gar nicht nennt!) hinweisen, der ja in dieser Hinsicht tausendmal größere Verdienste hat als LAMPRECHT und BREYSIG zusammen. Wir wollen uns jedoch begnügen, an die historische Rechtsschule und die historische Schule der Nationalökonomie, die in gewissem Sinne als die Tochter der ersteren gelten kann, zu erinnern. Unter den namhaften Vertretern der historischen Rechtsschule sei WILHELM ARNOLD hervorgehoben, der gerade auf den Gebieten, mit denen SCHMOLLER und LAMPRECHT sich beschäftigt haben, die hervorragendsten Verdienste umd die realistische Vervollständigung unserer historischen Anschauungen besitzt. Wie ARNOLDs Schriften aufs Deutlichste zeigen (20), stand er derjenigen "idealistischen" Geschichtsauffassung, wie sie von HEGEL vertreten worden war, durchaus fern, ohne dem anderen Extrem verfallen zu sein. Und er war Schüler und Gesinnungsgenosse RANKEs. Von den Begründern der historischen Schule der Nationalökonomie sodann verehrt ROSCHER in RANKE seinen Lehrer. Schon diese geringen Andeutungen genügen zum Beweis, daß LAMPRECHT und BREYSIG wahrlich nicht erst einen Kampf gegen die "alte idealistische und politische Geschichtsschreibung" zu führen brauchten. Unter den Historikern von Fach, und nicht bloß bei diesen, herrscht Übereinstimmung darüber, daß Geschichtskonstruktionen, wie sie von jenen beiden Autoren versucht worden sind und wie sie SCHMOLLER so sehr imponieren, einen Rückfall in die Fehler der alten Geschichtsphilosophie von HEGEL und vor HEGEL bezeichnen, ohne ihnen an allgemeiner Bedeutung irgendwie verglichen werden zu können. LAMPRECHT und BREYSIG, vor allem der erstere, haben durch monographische Arbeiten, älteren Autoren folgend, unsere Kenntnis auf wirschafts- und verwaltungsgeschichtlichem Gebiet erweitert. Dagegen ist von demjenigen, was SCHMOLLER an ihnen als originale Leistung preist, das gute nicht neu und das neue unbrauchbar.

Der speziellen Schilderung, die SCHMOLLER von LAMPRECHTs geschichtsphilosophischem System gibt, merkt man eine gewisse Unsicherheit an. Einerseits lobt er ihn außerordentlich (LAMPRECHT verstehe "glänzend und geistreich zu schildern und die letzten Probleme groß und tief anzufassen" usw.). Andererseits ist ihm bei diesem hohen Lob offenbar doch etwas bange. Diese Unsicherheit hat zweifellos ihren Grund einmal in seiner allgemeinen Neigung, zwischen den verschiedenen Standpunkten zu lavieren und ein entschiedenes Farbebekennen zu vermeiden, (21) sodann aber und hauptsächlich darin, daß er gar nicht fähig ist, die Situation, die vorhandenen Gegensätze und den wissenschaftlichen Wert der Arbeiten LAMPRECHTs zu würdigen. Jedenfalls ist sein Referat über diese sehr oberflächlich. Er weiß im Grunde nur  einen  Einwand und zwar bloß einen formalen gegen LAMPRECHT geltend zu machen, nämlich den (22), daß derselbe seine Ansichten zu schnell geändert habe; und dies ist überdies ein Einwand, der sich auch gegen ihn selbst erheben läßt. (23) Sonst wendet er nur noch ein (Seite 663), daß die Termini, mit denen LAMPRECHT die einzelnen Epochen charakterisiert, "nicht die letzten Ursachen aller historisch-gesellschaftlichen Erscheinungen" ausdrücken. Hier sieht man, daß er das, was er beurteilen will, nicht einmal verstanden hat. Jene Termini sollen ja gar nicht "die letzten Ursachen" bezeichnen. Diese Schwäche muß aber umso mehr auffallen, als es nach den eingehenden Kritiken, die LAMPRECHTs Versucht gefunden hat, doch nicht schwer war, das wesentliche kurz hervorzuheben. (24)
LITERATUR Georg von Below, Wirtschaftsgeschichte innerhalb der Nationalökonomie, Zeitschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Bd. 5, Leipzig 1907
    Anmerkungen
    1) Vgl. Zeitschrift für Sozialwissenschaft, 1904, Seite 222f
    2) Vgl. ebenda, Seite 145f und LIPPERT im "Wörterbuch der Volkswirtschaft", 2. Auflage, 2. Bd., Seite 729
    3) Vgl. Zeitschrift für Sozialwissenschaft 1904, Seite 147, 1905, Seite 139f und Seite 267f
    4) Vgl. ebenda 1904, Seite 147f; Jahrbücher für Nationalökonomie 84, Seite 233f
    5) Zeitschrift für Volkswirtschaft, Sozialpolitik und Verwaltung, Bd. 15, Seite 462f
    6) Es ist gewiß ein schönes Zeichen für die liebenswürdige Beurteilung, die andere Autoren bei INAMA finden, wenn der das Dispositionslose in SCHMOLLERs Buch, den Umstand, daß dieser alles Mögliche und Unmögliche in dasselbe hineinpackt, aus seinem "Drang nach Gründlichkeit" (Seite 408) erklärt. Richtiger wird man doch aber als Erklärung eine begriffliche Unklarheit, eine Verschwommenheit der Anschauungen anzunhmen haben. Vgl. Zeitschrift für Sozialwissenschaft 1904, Seite 451
    7) INAMA sagt (Seit 462): "Noch hat es keinem irgendwie sichtbaren Einfluß genommen." Dieses Verhältnis wird wohl andauern.
    8) Auf die Unklarheit SCHMOLLERs in prinzipiellen Fragen ist so oft hingewiesen worden, daß es eigentlich keiner Zitate bedarf. Von neueren Urteilen vgl. z. B. L. M. HARTMANN, "Über historische Entwicklung" (Gotha 1905), Seite 55, Anm. 1, der auf den "sehr schwankenden Standpunkt" SCHMOLLERs aufmerksam macht. Sie auch FLAMM, "Der wirtschaftliche Niedergang Freiburgs i. B. (Karlsruhe 1905) Seite 81, Anm. 2. In den Tagesblättern kann man freilich die Verherrlichung SCHMOLLERs nach jeder Richtung hin lesen. So fand ich in einem mir zugeschickten Blatt der Chemnitzer Allgem. Zeitung (vom 9. Nov. 1904) SCHMOLLER als "Theoretiker großen Stils" gefeiert. Das ist doch wenigstens amüsant. Für solche Irrgänge des Urteils sind die Männer der Wissenschaft verantwortlich, die dem Publikum die SCHMOLLERschen Arbeiten in ganz unzulässiger Weise angepriesen haben. Über Widersprüche bei SCHMOLLER vgl. übrigen auch G. COHN, Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft 1906, Seite 231f.
    9) Vgl. noch folgendes Lob der historischen Gelehrsamkeit SCHMOLLERs (bei dem ürbigens die mangelhafte Präzision der Begriffe auch konstatiert wird): "Literarische Mitteilungen der Annalen des Deutschen Reichs", 1904, Nr. 10, Spalte 564: "SCHMOLLER schreibt, gestützt auf ein riesiges historisches und tatsächliches Materials und mit der Feder des Philosophen, dem das ganze reiche Material dazu dienen soll, Entwicklungsprozesse, Richtlinien für die Bewegung des volkswirtschaftlichen Lebens zu abstrahieren. Scharfe Definitionen bietet das Buch nicht; es ist SCHMOLLERs Art, mehr die Dinge zu beschreiben, als sie in präzise Begriffe zusammenzufassen. Dafür entschädigt die Reichhaltigkeit des Materials, dessen Durchdringung mit historischem und philosophischem Geist. So wird das Buch demjenigen, der sich das gewöhnliche Rüstzeug des Nationalökonomen in Wissen und Erkenntnis bereits angeeignet hat [!], eine Quelle reicher Anregung und Belehrung, eine Fundgrube von Stoff und Geist sein wie kaum ein anderes."
    10) Über den ersten Band habe ich zwar keine eigentliche Rezension veröffentlicht; aber ich bin in meiner Aufsatzserie "Zur Würdigung der historischen Schule der Nationalökonomie", Zeitschrift für Sozialwissenschaft 1904, Seite 145f, so vielfach auf seinen Inhalt eingegangen, daß ich mich jetzt auf eine Besprechung des 2. Bandes beschränken kann. Neuerdings hat GUYOT in seinem Artikel "La banqueroutte du socialisme de la chaire", "Journal des Economistes" 1907, vom 15. Mai, Seite 174 jene meine Aufsätze so gedeutet, als ob sie gegen die Kathedersozialisten gerichtet seien. Das war nicht der Fall. Ich hatte a. a. O. Seite 147f schon selbst bemerkt, daß meine Kritik keinen politischen Charakter hat. Sie stellt nur einen Protest von der historischen Auffassung und der historischen Methode aus gegen das nicht wissenschaftliche und speziell unhistorische Verfahren SCHMOLLERs dar. Ich nehme keinen Anstand, zu erklären, daß ich persönlich dem Kathedersozialismus keineswegs abgeneigt bin. - Gegenüber meiner Kritik führt HASBACH, Zeitschrift für Sozialwissenschaft, 1905, Seite 137f zur Entschuldigung SCHMOLLERs an, dessen Grundriß sei "kein historisches Werk, sondern eine Darstellung der Nationalökonomie vom historischen Standpunkt" und wirft, weil ich das nicht berücksichtigt habe, mir im Zusammenhang damit "einen "bedenklichen Mangel an wirtschaftstheoretischer und philosophischer Bildung" vor. Ich habe nun schon ebenda Seite 140 darauf hingewiesen, wie sehr bedenklich die hier vorgenommene Scheidung zwischen Historie und "historischem Standpunkt" ist. Außerdem hatte ich ja gerade (siehe dieselbe Zeitschrift 7, Seite 148f und Seite 451f) aufs eingehendste nachgewiesen - was HASBACH ganz und gar unbeachtet läßt -, daß SCHMOLLER in den Prinzipienfragen unklar ist. HASBACH selber weiß - im Widerspruch zum allgemeinen Lob, das er SCHMOLLER spendet - an dessen Behandlung der eigentlichen Prinzipienfragen nicht viel zu rühmen (siehe dieselbe Zeitschrift 7, Seite 153 und 182). Ich verstehe es nicht, wie man SCHMOLLER als hervorragendsten Nationalökonomen feiern kann, wenn man zugeben muß, daß er unklar und vielfach unzuverlässig ist (und sonderlich original ist er ja auch nicht!).
    11) Zur Kritik der Übertragung der Deszendenztheorie auf die Erklärung sozialer Vorgänge vgl. auch DIEHL, Jahrbücher für Nationalökonomie 83, Seite 823f; TÖNNIES, Archiv für Sozialwissenschaft 19, Seite 88f; STAMMLER, Wirtschaft und Recht, 2. Auflage, Seite 662f; VIERKANDT, Ein Einbruch der Naturwissenschaften in die Geisteswissenschaften, Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, Bd. 127, Seite 168f
    12) Daselbst Seite 461 habe ich ein treffendes Wort MAX WEBERs zur Kritik der Soziologie angeführt. Vgl. auch BORTKIEWICZ, Deutsche Literaturzeitung 1904, Nr. 41, Spalte 2497
    13) Über andere Leistungen SCHMOLLERs auf dem Gebiet der Geschichte der Historiographie siehe Göttinger Gelehrte Anzeigen 1907, Seite 398f
    14) Vgl. HEINRICH RICKERT, Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung", Seite 609. Siehe auch Zeitschrift für Sozialwissenschaft 1904, Seite 149, Anm. 2
    15) Man beachte auch SCHMOLLERs Ausdrucksweise im einzelnen. Die "allgemeinen geisteswissenschaftlichen Ursachen" stehen nach ihm im Gegensatz zu den "wirtschaftlichen, militärischen, kirchlichen, pädagogischen".
    16) Gegen SCHMOLLER vgl. EDUARD MEYER, Zur Theorie und Methodik der Geschichte, Seite 20. MAX WEBER, Jahrbuch für Gesetzgebung (welches SCHMOLLER selbst herausgibt!), Jahrgang 1903, Seite 1200: "Die Geschichte zerlegt nach ROSCHER wie nach THUKYDIDES und RANKE alles in menschliche, irdische, verständliche Motive, die aus dem Charakter des Handelnden folgen." GROTENFELT, Geschichtliche Wertmaßstäbe in der Geschichtsphilosophie bei Historikern und im Volksbewußtsein, Seite 126: "Das Wirken der  Ideen,  jener großen Tendenzen der Jahrhundert, ist nach RANKE durchweg realistisch und natürlich zu erklären."
    17) MAX WEBER, a. a. O. Seite 1201
    18) FRANZ EULENBURG sagt über einen Soziologen: "Hier zeigt sich ein bedauerlicher Mangel an Kenntnissen und vor allem an konkreten Anschauungen des Verfassers, den er freilich mit vielen anderen  Soziologen  teilt". Deutsche Literaturzeitung 1905, Nr. 15, Spalte 934. EULENBURG rechnet sich selbst zu den Soziologen; ich mache mich also keiner Parteilichkeit schuldig, wenn ich jene Behauptung ausspreche. Übrigens habe ich schon in der Historischen Zeitschrift 93, Seite 96 bemerkt, daß ich, obwohl prinzipieller Gegner der Forderung einer besonderen Wissenschaft der Soziologie, selbstverständlich nicht bestreite, daß in manchen Arbeiten mit dem Titel "soziologisch" viel Brauchbares, mitunter Vortreffliches steht.
    19) Vgl. Zeitschrift für Sozialwissenschaft 1904, Seite 222, 327 und 434f
    20) Vgl. z. B. WILHELM ARNOLD, Recht und Wirschaft, Seite 33. Bemerkenswert ist auch das daselbst ausgesprochene Urteil über MOMMSENs realistische Geschichtsauffassung.
    21) Vgl. Zeitschrift für Sozialwissenschaft 1904, Seite 380 und 802
    22) In den "Annalen der Naturphilosophie", Bd. 3 (1904), Seite 442f veröffentlicht LAMPRECHT unter dem Titel "Biopsychologische Probleme" eine Entgegnung auf SCHMOLLERs obige Bemerkungen. Er sagt von ihnen: "Diese Darstellung ist zweifelsohne von Wohlwollen [sic!] und gerechtem Sinne getragen. Gleichwohl ist sie in wesentlichen Punkten unrichtig." Wie man sieht, hat LAMPRECHT aus SCHMOLLERs Worten sehr wohl herausgefunden, daß er ihm "Wohlwollen" bekunden wollte. Im übrigen dürfte wohl die sachlichste und richtigste Kritik auch immer die gerechteste sein. LAMPRECHT sucht sich namentlich gegen den Vorwurf zu verteidigen, daß er seine Anschauungen "alle paar Jahre" wandelt. Mit der Widerlegung desselben macht er es sich doch wohl zu leicht. Einen Satz aus seinen Ausführungen hebe ich hervor. Nachdem er über die Bedenken gesprochen hat, die sich gegen die Annahme der "Notwendigkeit der absoluten Koinzidenz gewisser Stufen der materiellen und geistigen Kultur" erheben, fährt er fort: "Diese Lage hat mich nun dazu geführt, an die von vornherein angenommene Notwendigkeit überhaupt die Axt des Zweifels zu legen und zu fragen, ob sie denn so selbstverständlich sei." Warum hat er denn "von vornherein" eine solche Notwendigkeit angenommen? Warum räumt er nicht ein, daß er sie früher ganz ahnungslos für selbstverständlich gehalten hat und daß er die Zweifel an der Selbstverständlichkeit seinen Kritikern verdankt? Vgl. Historische Zeitschrift 81, Seite 258f.
    23) Vgl. Zeitschrift für Sozialwissenschaft, 1904, Seite 150f
    24) Gegenüber der Verschwommenheit, die wir bei SCHMOLLER finden, berührt es wohltuend, bei einem anderen Nationalökonomen einer reinlichen und energischen Kritik zu begegnen. MAX WEBER sagt (Archiv für Sozialwissenschaft 21, Seite 44, Anm. 79a) über die Verwendung der Termini der Psychologie: sie "würde lediglich die Versuchung schaffen, unmittelbar verständlichen und oft geradezu trivialen Tatbeständen einen Schleier dilettantischer Fremdwörtergelehrsamkeit umzuhängen und so den falschen Anschein erhöhter begrifflicher Exaktheit zu erzeugen, wie dies z. B. für LAMPRECHT leider typisch geworden ist." Vgl. zur Charakteristik der Geschichtsschreibung LAMPRECHTs neuerdings auch JOHAN HUIZINGA, Onze gouden eeuw "social-psychisch" bekeken, Vragen des Tijds, 1906, Februarheft und MAX WEBER a. a. O. Bd. 22, Heft 1, Beilage Seite 343, Anm. 86b