Theodor Ziehen - Erkenntnistheoretische Auseinandersetzungen: 2. Schuppe. Der naive Realismus [1/2]
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THEODOR ZIEHEN
Erkenntnistheoretische
Auseinandersetzungen

2. Schuppe. Der naive Realismus
[1/2]

"Schuppe sucht den erkenntnistheoretischen Fundamentalbestand rein, d. h. befreit von allen eingeschlichenen metaphysischen Hypothesen darzustellen, er verlangt mit Recht, daß man bei der Analyse desselben von der Substantivform des Objekts oder Dings (Farbe, Ton) und von der Verbalform der Tätigkeit (Sehen, Hören) absieht, aber vor dem Ich bleibt er still stehen. Es gehört für ihn ganz mit zum Fundamentalbestand. Ich hingegen rechne das bewußte Ich nicht zum erkenntnistheoretischen Fundamentalbestand, sondern betrachte es als abgeleitet."

"Ich bezweifle, ob ein sich absolut gleichbleibendes Ich wirklich durch alle Bewußtseinszustände hindurch nachweisbar ist. Wenn wir einen Baum Jahr für Jahr verfolgen, knospend, allmählich grünend, allmählich die Blätter verlierend, entlaubt und wieder knospend, so sind wir bekanntlich geneigt wegen der Stetigkeit der Veränderung ein Subjekt der Veränderungen, einen Träger der sich verändernden Eigenschaften, eine Substanz anzunehmen und diese Substanz, dieses Baum-Ich gegenüber den sich verändernden Eigenschaften gerade durch eine hypothetische Unveränderlichkeit zu charakterisieren. Wir übertragen die zusammenfassende, unifizierende, von den Veränderungen abstrahierende Vorstellungsbildung fälschlich auf die Empfindungen, die sogenannten Objekte und machen aus der Individualvorstellung Baum die Substanz Baum. So oft auch die Unzulässigkeit dieser Bildung von Substanzbegriffen nachgewiesen worden ist, immer taucht sie wieder auf und am hartnäckigsten bei unserem eigenen Ich. Ein gleichbleibendes Ich ist uns ebensowenig gegeben, wie eine gleichbleibende Substanz dieses oder jenes Baumes."

AVENARIUS steht der immanenten Philosophie, d. h. der Lehre, daß außer unserem Bewußtseinsinhalt keine andersartige "Existenz" andersartige "Existenz" anzunehmen ist, in vielen Punkten sehr nahe, in der Annahme von "Umgebungsbestandteilen" und in der allerdings verschleierten Annahme eines "Ich-Bezeichneten" fällt er jedoch in die transzendente Philosophie zurück. SCHUPPE, welcher selbst für seine Lehre den Titel "naiver Realismus" akzeptiert und sie selbst zur immanenten Philosophie rechnet, steht der immanenten Philosophie im Sinn der obigen Definition sehr viel näher. Erst eine eingehende Betrachtung wird lehren, daß auch er in einem wichtigen Punkt der Immanenz untreu geworden ist. Die folgenden Auseinandersetzungen mit der Lehre SCHUPPEs gestalten sich darum einfacher als die vorausgegangenen mit der Lehre des AVENARIUS, weil SCHUPPEs Lehre nicht jene allmähliche Entwicklung und Umbildung erfahren hat (1), welche diejenige von AVENARIUS in vielen Punkten erkennen läßt. Es ist daher möglich, die Lehre SCHUPPEs als Ganzes unter gleichzeitiger Berücksichtigung aller seiner Werke zu besprechen. Unter diesen Schriften (2) gibt die erkenntnistheoretische Logik weitaus die vollständigste Darstellung der erkenntnistheoretischen Lehren SCHUPPEs. Ich lege sie daher meinen Auseinandersetzungen in erster Linie zugrunde. Eingeklammerte Seitenzahlen ohne weiteres Zitat beziehen sich stets auf dieses Hauptwerk.


A. Der erkenntnistheoretische
Fundamentalbestand

SCHUPPEs Erkenntnistheorie hat sich vorzugsweise auf dem Boden der Logik entwickelt und diese Entstehung aus der Logik hat ihr einen bleibenden Charakter aufgedrückt. Erst in späteren, kürzeren Darstellungen seiner Lehre hat SCHUPPE seine Anschauungen auch unabhängig von seiner Logik zu entwickeln versucht. Ein Vergleich mit der von mir entwickelten Erkenntnistheorie ist dadurch sehr erschwert. Soviel aber scheint sich mir aus den Schriften SCHUPPEs mit Sicherheit zu ergeben, daß auch er nur die Empfindungen und Vorstellungen als gegeben ansieht und daß er, wie AVENARIUS und ich, die Empfindungen nicht in einem hypothetischen Aufenthaltsort der Seele, z. B. in den Ganglienzellen der Großhirnrinde lokalisiert (Introjektionstheorie), sondern sie da sein läßt, wo sie "draußen" gegeben sind. Dabei habe ich mir gestattet, die Termini SCHUPPEs gegen die meinigen zu vertauschen. Der Sinn ist derselbe. Was ich Empfindung nenne, bezeichnet SCHUPPE auch als den "unmittelbaren Empfindungsinhalt" (3). Er verlangt, daß wir das
    "tatsächlich bewußt Empfundene in all seiner unmittelbaren und ursprünglichen positiven Bestimmtheit ganz als das und ganz so, wie es sich ankündigt, gelten lassen".
Mit anderen Worten: unsere Empfindungserlebnisse mit ihren charakteristischen sogenannten Täuschungen sind uns im Raum gegeben. Die Projektion der Empfindungen in einen leeren Raum ist eine voreilige Fabel der Naturwissenschaft. SCHUPPE hat dies bereits im "menschlichen Denken" (Seite 34) und seinem Hauptwerk, somit vor AVENARIUS in ausgezeichneter Weise auseinandergesetzt. (4)

Daß alle unsere Vorstellungen sich aus diesen unmittelbaren Empfindungsinhalten, bei welchen an nichts "Inneres" oder "Subjektives" gedacht werden darf, entwickeln, nimmt wohl auch SCHUPPE an, wenngleich nicht selten diese Abhängigkeit des Denkens von den Empfindungen in den Hintergrund tritt. Auch in diesem Punkt weicht sein Ausgangspunkt vom erkenntnistheoretischen Fundamentalbestand meiner Darstellung nicht wesentlich ab.

SCHUPPE jedoch rechnet noch ein weiteres zum erkenntnistheoretischen Fundamentalbestand, "das bewußte Ich", ja er räumt dieser Ich-Tatsache noch die Priorität vor dem Tatbestand der Empfindungen ein. Ausdrücklich heißt es (Seite 60):
    "Absolut klare unmißverständliche unbezweifelbare Tatsache ist nur das Ich oder was damit gleichbedeutend ist, das bewußte Ich."
Und die Tatsache darf in keinem Fall einfach umgangen werden, daß dieses bewußte Ich all jene Data der Sinne zunächst als Inhalt seines Bewußtseins vorfindet. "Das Sein des Subjekts, d. h. das Erkenntnis-Ich ist keiner Anzweiflung zugänglich." (5) Hier ist die tiefe Kluft zwischen der Lehre SCHUPPEs und meinen Entwicklungen. SCHUPPE sucht wohl auch den erkenntnistheoretischen Fundamentalbestand rein, d. h. befreit von allen eingeschlichenen metaphysischen Hypothesen darzustellen, er verlangt mit Recht, daß man bei der Analyse desselben von der Substantivform des Objekts oder Dings (Farbe, Ton) und von der Verbalform der Tätigkeit (Sehen, Hören) absieht (6), aber vor dem Ich bleibt er still stehen. Es gehört für ihn ganz mit zum Fundamentalbestand. Ich hingegen rechne das bewußte Ich nicht zum erkenntnistheoretischen Fundamentalbestand, sondern betrachte es als abgeleitet. Trotz der nahezu übereinstimmenden erkenntnistheoretischen Auffassung der Empfindungen ergibt sich daher eine zunehmende Divergenz unserer Wege. Welcher Weg ist der richtige?

SCHUPPE hat auf eine Begründung seiner Ich-Tatsache verzichtet. Er wiederholt nur immer wieder, daß die Existenz des bewußten Ich der einzig mögliche Ausgangspunkt ist, daß es kein leerer Begriff, sondern jedem das Sicherste und Bekannteste von der Welt ist, daß wir nichts sicherer und genauer wissen, als daß unser Ich existiert, daß die Existenz des bewußten Ich die erste oder primäre Existenz ist, daß sie das Urmaß ist, an welchem aller Begriff von Existieren gemessen wird (Seite 63). Ausdrücklich gibt er dabei zu, daß eine theoretische Erkenntnis eines angeblichen Wesens dieses bewußten Ich nicht vorhanden ist. "Es ist das Bekannteste und zugleich das Urgeheimnis des Bewußtseins" (Seite 155). Ist dem nun aber wirklich so? Hat z. B. das Kind wirklich im ersten Lebensjahr schon ein bewußtes Ich, d. h. eine Empfindung oder Vorstellung von seinem Ich? (7) Man wird mir zugeben, daß man wenigstens bei der Beantwortung dieser Frage zweifeln kann, und das genügt mir schon: ein Satz, der solche Zweifel gestattet, gehört nicht in den erkenntnistheoretischen Fundamentalbestand. Man kann positiv verfolgen, wie sich beim Kind aus zahlreichen Empfindungen indirekt die Ich-Vorstellung entwickelt, aber nirgends tritt eine direkte Ich-Empfindung auf. Woher sollte also die von SCHUPPE behauptete "mit allem äußeren Sein im Bewußtseinsinhalt absolut inkommensurable Natur des bewußten Ich" (Seite 530) kommen? Aufgrund der Genese der Ich-Vorstellung ist meines Erachtens im Gegenteil eine absolute Kommensurabilität anzunehmen.

SCHUPPE nimmt nun auch gar nicht an, daß wir das Ich etwa empfinden, d. h. daß es als Empfindungsinhalt in unserem Bewußtseinsinhalt vorkommt, sondern nach SCHUPPE soll sich das Ich im Akt des Selbstbewußtseins sich selbst gegenständlich machen (Seite 526). Und SCHUPPE gesteht selbst zu:
    "es ist überhaupt das Urgeheimnis und Rätsel des Daseins, wie doch überhaupt ein bewußtes Ich möglich ist, und was eigentlich im Akt des Bewußtsein vor sich geht, wie Denken möglich ist, und wie das Ich sich selbst gegenständlich zu machen vermag, was als Urmaß und Urtatsache immer vorausgesetzt wird und in keiner erklärenden Darstellung zu seinem Recht kommen kann." (Seite 527)
Danach sollte man glauben, daß neben unseren Empfindungen und Vorstellungen noch ein Drittes vorkommt, was weder Empfindung noch Vorstellung ist, nämlich ein sogenanntes Selbstbewußtsein oder, wenn man diese Bezeichnung vorzieht, "ein sich selbst sich gegenständlich Machen des Ich". Ich kann mit bestem Willen weder bei mir noch bei anderen dieses Dritte entdecken. Sobald ich mein Ich mir gegenständlich mache, finde ich nichts als zahlreiche Vorstellungen, die in letzter Linie alle auf Empfindungen und ihre Gefühlstöne zurückgehen (8). SCHUPPE spricht einmal auch davon, daß das wollende und fühlende und denkende Ich in einem Akt höherer Reflexion sich selbst vorfindet und zum Gegenstand seines Denkens macht (Seite 81). Wenn SCHUPPE mit der höheren Reflexion eine abgeleitere Vorstellungsbildung meint, so ist gegen den Satz nichts einzuwenden. Ich fürchte jedoch - und der Wortlaut schließt dies nicht aus -, daß er mit dieser höheren Reflexion noch einen ganz besonderen Akt des Sichselbstbewußtwerdens meint. Er erkennt selbst an, daß das Subjekt kat exochen [schlechthin - wp] das ärmste und leerste Ding von der Welt ist, daß es nur zusammen mit seinem Inhalt existiert, "für sich gedacht aber eine Abstraktion" ist (Seite 82). Wenn es aber nur eine Abstraktion ist, so gehört es nicht zum erkenntnistheoretischen Fundamentalbestand, so ist es keine Urtatsache und "seine Existenz nicht unbezweifelbar"; selbst der Begriff einer solchen abstrahierten Existenz bedarf erst noch der kritischen Prüfung. SCHUPPE hat den Dingbegriff und den Ichbegriff mit ungleichem Maß gemessen, indem er dem letzteren mit unmotivierter Freigiebigkeit ohne weiteres die Existenz - ohne nähere Begründung und Erklärung - zugesteht.

Einen anscheinenden Beweis für die Existenz dieses Ich könnte man vielleicht in der folgenden Argumentation SCHUPPEs erblicken. Er sagt (Seite 89): wenn man den Inbegriff alles Seienden unter den Gattungsbegriff Bewußtseinsinhalt gebracht denkt und dabei ganz von der Verschiedenartigkeit und der Bedeutung aller unter diesen Titel gebrachten Dinge abstrahiert und nur dieses Eine im Auge behält, daß sie eben Bewußtseinsinhalt sind, so steht natürlich auch diesem Inhalt immer noch der Begriff des Bewußtseins, dessen Inhalt sie sind, gegenüber; das nach gedachter Zerlegung auf der einen Seite stehende Moment des bloßen Bewußtseins sei, obgleich undefinierbar, obgleich inhaltslos, doch absolut unentbehrlich, wenn nicht eben das andere Glied, der Bewußtseinsinhalt, den Charakter, in welchem seine Existenz liegt, verlieren soll. Ist dies nicht schließlich doch eine petition principii [es wird vorausgesetzt, was erst zu beweisen ist - wp]? Natürlich muß, wenn ich die Gesamtheit meiner Empfindungs- und Vorstellungserlebnisse, der einzigen ursprünglichen Daten, bei ihrer Zusammenfassung als "Bewußtseinsinhalt" bezeichne und diese Bezeichnung nicht einfach als Etikette, sondern im Sinne des zusammen Wortes "Bewußtseinsinhalt" nehme, dann dem Inhalt ein Bewußtsein gegenübersteht. Wer zwingt mich aber zu dieser Bezeichnung, mit welchem Recht darf SCHUPPE statt und mit der einfachen Bezeichnung, die nur zusammenfaßt und zur Verständigung dient, also nichts hinzufügt, ein offenbar weittragendes, sehr beweisbedürftiges Urteil, daß nämlich alle diese Daten Inhalt meines Bewußtseins sind, einschieben? Ich würde z. B. als zusammenfassende Bezeichnung Existierendes oder Σx oder Σy vorschlagen. Wo bleibt dann "das auf der einen Seite stehende Moment", das Bewußtsein bzw. das Ich? Dieses Ich ist also nicht nur eine Abstraktion und somit keinesfalls ein gegebenes Glied des fundamentalen erkenntnistheoretischen Tatbestandes, sondern noch dazu eine noch sehr der Erklärung und des Berechtigungsbeweises bedürftige Abstraktion. Meines Erachtens verfällt SCHUPPE hier in denselben Fehler wie BERKELEY und AVENARIUS: die Erkenntnistheorie muß nach meinem Dafürhalten, um es kurz auszudrücken, ich-los beginnen, d. h. von einem ich-losen Fundamentalbestand ausgehen.

Noch eine andere "schlichte Tatsache" führt SCHUPPE zugunsten seines Ich gelegentlich an: er sagt, "es gebe kein Wissen von etwas, das nicht als das Wissen eines Ich auftritt, welches eben dies oder jenes als seinen Bewußtseinsinhalt vorfindet" (Seite 94). Wenn SCHUPPE damit meint, daß tatsächlich die Ich-Vorstellung alle Empfindungs- und Vorstellungserlebnisse begleitet, so ist der Satz nicht einmal für den Erwachsenen, geschweige denn für das Kind (z. B. in seinen ersten Lebensmonaten) richtig. Meint er aber, daß die Ich-Vorstellung jederzeit hinzugedacht werden kann oder muß, so handelt es sich offenbar nicht um eine schlichte Tatsache, nicht um ein gegebenes Glied des erkenntnistheoretischen Fundamentalbestandes, sondern wiederum um einen sehr erklärungs- und beweisbedürftigen Satz. Ich erinnere an meine Besprechung der analogen Behauptungen von AVENARIUS in meinem ersten Aufsatz (diese Zeitschrift, Bd. 27, Seite 330f). Die "volle Erfahrung" von AVENARIUS manipuliert auch mit einem solchen Ich, das hinzugedacht werden muß oder von dem nicht abstrahiert werden darf.

Ausdrücklich muß hervorgehoben werden, daß SCHUPPE selbst sich vor die Frage gestellt sieht (Seite 154f), ob sein Ich nicht einfach identisch ist mit der Gesamtheit seiner Bewußtseinsinhalte, jedoch erklärt er: das behaupte er nicht, aber wodurch das Ich sich als Ich noch von der Gesamtheit seiner Bewußtseinsinhalte unterscheidet, könne doch wohl niemand sagen (9). Ich glaube und hoffe im Folgenden zu zeigen, daß SCHUPPE damit zu früh resigniert hat; die Ich-Vorstellung ist keine Urtatsache, sondern hat sich sekundär entwickelt (gewissermaßen als ein nachträglich ausgeschiedenes Schneckenhaus, das wir nun überall mit uns herumtragen), aber in wohl nachweisbarer Weise, aufgrund ganz bestimmter und charakteristischer Unterschiede innerhalb des Bewußtseinsinhaltes. Man darf nur nicht in das Ich erst Geheimnisse hineindenken, wie dies bei der Auffassung des Ich als Urtatsache unvermeidlich ist, Geheimnisse, die sich dann freilich später jeder Aufdeckung entziehen. SCHUPPE wundert sich darüber (Seite 251),
    "wie das Ich es machen mag, in allen seinen der Zeit und dem Inhalt nach grundverschiedenen Vorstellungen sich eben als absolut dasselbe Ich und doch in anderen Zuständen zu finden."
Demgegenüber muß ich wiederum bezweifeln, ob ein solches sich absolut gleichbleibendes Ich wirklich durch alle Bewußtseinszustände hindurch nachweisbar ist. Wenn wir einen Baum Jahr für Jahr verfolgen, knospend, allmählich grünend, allmählich die Blätter verlierend, entlaubt und wieder knospend, so sind wir bekanntlich geneigt wegen der Stetigkeit der Veränderung ein Subjekt der Veränderungen, einen Träger der sich verändernden Eigenschaften, eine Substanz anzunehmen und diese Substanz, dieses Baum-Ich gegenüber den sich verändernden Eigenschaften gerade durch eine hypothetische Unveränderlichkeit zu charakterisieren. Wir übertragen die zusammenfassende, unifizierende, von den Veränderungen abstrahierende Vorstellungsbildung fälschlich auf die Empfindungen, die sogenannten Objekte und machen aus der Individualvorstellung Baum die Substanz Baum. So oft auch die Unzulässigkeit dieser Bildung von Substanzbegriffen nachgewiesen worden ist, immer taucht sie wieder auf und am hartnäckigsten bei unserem eigenen Ich. Ein gleichbleibendes Ich ist uns ebensowenig gegeben, wie eine gleichbleibende Substanz dieses oder jenes Baumes.

SCHUPPE gibt übrigens schließlich auch selbst zu, daß er mit seinem Ich einen Transcensus [Überschreiten - wp] vollzieht, und meint, dieser Transcensus sei "natürlich überhaupt unvermeidlich" (Seite 699). Er sagt ausdrücklich:
    "In der Reflexion finden wir uns als Objekt, aber diesem Objekt steht immer das Ich als Subjekt gegenüber, und dieses Subjekt gehört nicht dem Gegebenen an, da es ja im Gegensatz zum Objekt steht und - auch wenn wir es zum Gegenstand der Beachtung und Betrachtung machen - doch sofort als das beachtende und betrachtende Subjekt wieder dem Objekt gegenüber steht." (Seite 699; vgl. auch Seite 146).
Hierin scheint mir das Zugeständnis bedeutungsvoll, daß das Ich nicht dem Gegebenen angehört. Es ist, wie oben bereits ausgeführt, Produkt einer Abstraktion, keine Urtatsache, und SCHUPPE bleibt uns den Beweis, daß diese seine Ich-Abstraktion richtig ist, schuldig. Selbstverständlich ist mit SCHUPPEs Ich nunmehr auch all das nach meiner Auffassung zu verwerfen, was SCHUPPE als "Aufnehmen des Eindrucks in seiner positiven Bestimmtheit", als "Wirken des Identitätsprinzips" und als "ursprüngliches Objektverhältnnis" (10) bezeichnet.


B. Die logische Methode Schuppes.
Allgemeinbegriffe. Dingbegriffe.

Charakteristisch für SCHUPPEs Verarbeitung des erkenntnistheoretischen Fundamentalbestandes ist die Anlehnung an die Logik. Allenthalben ist SCHUPPE geneigt, das Denken im Allgemeinen als Bewußtsein zu fassen (Seite 94). Der Logik wird daher eine viel weitere Aufgabe zugeschrieben: sie erhellt nicht nur die obersten Gattungen des Denkbaren und im Denken Verwendbaren, sondern auch die obersten Gattungen des Seienden in ihrer begrifflichen Wesenheit auf (Seite 107 und 112) (11). Sie ist also wesentlich materialer Natur. Damit hängt nun auch ein Hauptlehrsatz SCHUPPEs zusammen: Denknotwendigkeit ist mit Wirklichkeit identisch (Seite 175, 177). Hieran knüpft sich der weitere Satz, daß der Gedanke sich als solcher in den gedachten Dingen findet und in gewissem Sinn mit ihnen identisch ist (Seite 106) und schließlich ergibt sich der merkwürdige Schluß, daß das Spezifische als die Verwirklichung des Generischen und letzteres als der tragende Grund und die innere Möglichkeit alles Spezifischen erscheint (Seite 182); das Spezifische soll ohne das Generelle undenkbar sein (Seite 181, 390, 392, 394, 396, 401, 574, 603).

Hiermit wagt sich SCHUPPE über die Grenzen der Erkenntnistheorie in das metaphysische Gebiet hinein. Wie die meisten Abschwankungen zur Metaphysik ist auch diese nur möglich geworden durch eine unzureichende Analyse des psychologischen und psychophysiologischen Tatbestandes. SCHUPPE übersieht oder scheint zumindest zu übersehen, daß unsere Allgemeinvorstellungen lediglich aus den speziellen Vorstellungen entstammen, welche ihrerseits nur Erinnerungsbilder der Empfindungen sind, und daß die Entwicklung der Allgemeinvorstellungen eng an unsere Gehirntätigkeit gebunden ist. Es wäre ja in der Tat amechanon eudaimonias [unvorstellbares Glück - wp], wenn die Skala der wirklichen Prozesse sich in dieser an PLATO anklingenden (12) Weise zu einer Kette schließen würde, indem die letzten Ergebnisse der Empfindungen, die Allgemeinvorstellungen, sich wieder als das innerste Wesen, der tragende Grund der (stets speziellen) Empfindungen entpuppten; aber die psychologischen und psychophysiologischen Tatsachen zerstören diese metaphysische Hoffnung vollkommen. Insofern ist meine Erkenntnistheorie viel skeptischer als diejenige SCHUPPEs. Nach meiner Auffassung haben die Allgemeinvorstellungen nur die Aufgabe und Fähigkeit, das Gemeinsame der Empfindungen zusammenzufassen. Sie arbeiten die Empfindungen um, ohne an ihrer "Verwirklichung" oder Wirklichkeit irgendeinen Anteil zu haben.

Vielleicht ist es zweckmäßig hier noch besonders hervorzuheben, daß zwei Ansichten vollständig getrennt werden müssen, nämlich die Ansicht, daß das Wesentliche der Empfindungen in dem ihnen Gemeinsamen (d. h. in den ihnen gemeinsamen Bestandteilen) und insofern im Allgemeinen zu suchen ist, und die Ansicht, daß in den Allgemeinvorstellungen das Wesentliche der Empfindungen gelegen ist. Die erste Ansicht wird später zu prüfen sein, und es wird sich ergeben, daß für unsere Hirnorganisation in der Tat das Allgemeine der Empfindungen in bestimmtem Sinn das Wesentliche der Empfindungen ist. Die zweite Ansicht ist die SCHUPPEs; ich kann kein Argument zu ihren Gunsten bei SCHUPPE finden und sehe ein entscheidendes Argument zu ihrer Widerlegung in dem Faktum, daß die Allgemeinvorstellungen erst Produkte einer sekundären psychologischen Umwandlung sind.

Noch in einer anderen Richtung bekommen die Allgemeinvorstellungen bei SCHUPPE eine transzendente Bedeutung, welche ihnen nach meinem Dafürhalten nicht zukommt. SCHUPPE streift ihnen nicht nur die Entstehung aus speziellen Empfindungen individueller Objekte ab, sondern ist auch geneigt - entsprechend der bereits hervorgehobenen Ignorierung der psychophysiologischen Bedingtheit der Allgemeinvorstellungen - die individuelle, d. h. an das individuelle Gehirn gebundene Natur der Allgemeinvorstellungen zu übersehen. Die Allgemeinvorstellungen sind bei SCHUPPE nicht nur Vorstellungen des Allgemeinen, wie sie sich bei diesem und jenem Individuum finden, sondern unindividuelle, vom Individuum losgelöste Allgemeinvorstellungsgebilde (13).

Schließlich kann ich es mir nicht versagen, die Darstellung der Allgemeinbegriffe bei SCHUPPE, obwohl ich die erkenntnistheoretische Bedeutung der letzteren nicht anerkennen kann, wegen ihres psychologischen Interesses noch etwas eingehender zu verfolgen. Nach SCHUPPE (vgl. z. B. Seite 388) gewinnen wir aus dem einfachsten wirklichen Eindruck durch Unterscheidung drei Elemente: eine spezifische Sinnesqualität, eine räumliche Bestimmtheit (Wo, Ausdehnung und Gestalt) und eine zeitliche Bestimmtheit (Wann und eine bestimmte Dauer). (vgl. auch Seite 165/166) Unmittelbar aus dem so ausgesonderten Element, das sich sofort als Allgemeinbegriff, als Spezies darbietet, so sich in der Spezies nach SCHUPPE die eigentliche Gattung aussondern.
    "Individuum ist also nur das Zusammen von Elementarspezies, jedes Element für sich ist Spezies, und in ihm sitzt unmittelbar die eigentliche Gattung, durch welche ich oben die Elementarspezies bestimmte." (Seite 389)

    "Die Elemente haben den Charakter des Allgemeinen. Nur das Zusammen der Elemente in der wirklichen Erscheinung ist ein Individuelles. Jedes derselben für sich gedacht, und zwar ganz ohne Veränderung, so wie es in der Wirklichkeit erschien, ist Spezies oder Artbegriff. Wir nennen es Elementarspezies." (Seite 169)
Das Verhältnis der einzelnen Elementarspezies, welche in einem Eindruck verbunden sind, zueinander betrachtet SCHUPPE als das eines kausalen Bedingens (14) (ähnlich wie das Verhältnis der Gattung zur Spezies) (vgl. z. B. Seite 167).

Zunächst ist die letztere Auffassung berechtigten Zweifeln ausgesetzt. Es ist richtig, daß Qualität, räumliche und zeitliche Bestimmtheit stets zusammenvorkommen; folgt aber daraus, daß diese Elemente "sich gegenseitig fordern als Bedingungen ihrer Existenz?" Zumindest ist dieser Ausdruck sehr mißverständlich. Man wird verleitet irgendwelche kausale oder logische Beziehungen anzunehmen, eine Annahme, welche sich auf keinerlei Argumente stützt.

Noch viel bedenklicher scheint mir die Annahme SCHUPPEs, daß die Elemente unmittelbar den Charakter des Allgemeinen haben. Sein wesentliches Argument findet sich Seite 171:
    "Denken wir zunächst diese Abstraktionen (nämlich von den räumlichen Eigenschaften) auch nur an einer einzigen Erscheinung vollzogen, so haben die ausgesonderten Elemente die Natur des Allgemeinen und wenn wir jedes von ihnen von den anderen losgelöst uns vorzustellen versuchen und dabei inne werden, daß uns dies unmöglich ist, so ist das Experiment von demselben Wert und derselben Beweiskraft, wie jedes Experiment. Es beweist, daß diese Qualität, d. h. nicht der individuelle eben erfahrene Eindruck, sondern diese Qualität als Allgemeinbegriff ohne Wo und Wann nicht vorstellbar ist. Daß diese Elemente sich gegenseitig bedingen, ist also keine individuelle Erfahrung, sondern der Kausalzusammenhang haftet am Allgemeinen, und es bedarf zu seiner Gültigkeit keiner weiteren Erfahrung mehr."
Die Korrektheit des angeführten Experiments und die Berechtigung, aus diesem Experiment wie aus jedem anderen Schlüsse zu ziehen, ist ohne weiteres zuzugeben. Aber die Richtigkeit der von SCHUPPE gezogenen Schlüsse ist zweifelhaft. Die räumlichen Eigenschaften der Empfindung zerfallen für die erste Analyse in Form (auch Gestalt genannt), Ausdehnung (auch Größe genannt), Anordnung und Lage (auch Lokalisation genannt, auch oft als das Wo der Empfindung bezeichnet). Bei homogenen Empfindungen fällt die Anordnung (15) weg. Bei nicht homogen zusammengesetzten Empfindungen darf sie als die spezielle Beziehung zwischen Qualität und räumlichen Faktoren nicht vernachlässigt werden. Da SCHUPPE nur von homogenen Empfindungen spricht, werde ich sie hier unberücksichtigt lassen. Es bleiben also Form, Ausdehnung und Lage. Dazu kommen als zeitliche Eigenschaften Zeitpunkt (zeitliche Lage, das Wann der Empfindung) und Dauer, wobei ich wieder von der Anordnung (Reihenfolge), weil sie nur bei nicht homogen zusammengesetzten Empfindungen in Betracht kommt, absehe. Von sonstigen Eigenschaften der Empfindung wären außer der Qualität noch Intensität und Gefühlston zu berücksichtigen. Da die Hineinziehung der beiden letzteren die prinzipielle Analyse nur komplizieren, aber nicht wesentlich verändern würde, will ich dieselben mit SCHUPPE im Allgemeinen unbeachtet lassen. Es kann also z. B. die optische Empfindung eines roten Würfels, gekennzeichnet durch eine bestimmte Rotnuance, die Würfelform, eine bestimmte Größe, eine bestimmte räumliche Lage, einen bestimmten Zeitpunkt (zeitliche Lage) und eine bestimmte Dauer als Beispiel gelten. Ich glaube nun, daß man die einzelnen Abstraktionen (im weitesten Sinn), welche wir mit einer solchen Empfindung vornehmen, noch viel spezieller unterscheiden muß, als SCHUPPE dies getan hat. Auch darf bei diesen Unterscheidungen nur der psychologische Standpunkt maßgebend sein, nicht der logische; denn erst durch psychologische Tätigkeit kommen ja die bezeichneten Abstraktionen zustande. Im Allgemeinen tut man gut, von vorn herein zwei Hauptformen der Abstraktion von diesem Gesichtspunkt aus zu unterscheiden, je nachdem ein Merkmal der Empfindung ganz weggelassen wird oder nur die Bestimmtheit eines Merkmals aufgegeben und dieses Merkmal in einem engeren oder weiteren Umfang unbestimmt gelassen wird. Man kann die erste Abstraktion auch als die isolierende oder auch als die zerlegende, die zweite als die zusammenfassende oder auch als die variierende bezeichnen. Die isolierende Abstraktion führt nicht zu Allgemeinbegriffen, sondern zu Partialbegriffen; nur die zusammenfassende Abstraktion führt zu wirklichen Allgemeinbegriffen, welche sich am Zutreffendsten mit Integralen vergleichen lassen (16). Die Partialbegriffe der isolierenden Abstraktion sind einer allgemeinen Anwendung fähig, aber nicht allgemeinen Inhalts.

Im Speziellen beginnen unsere Abstraktionen nun damit, daß wir den räumlich-zeitlichen Individualkoeffizienten, wie ich die räumlich-zeitliche Lage, das Wo und Wann zu bezeichnen vorgeschlagen habe, entweder ganz weglassen (im Sinne einer isolierenden Abstraktion) oder unbestimmt lassen (im Sinne einer zusammenfassenden Abstraktion). Die beiden so entstandenen Begriffe, die "raum- und zeitlose Individualvorstellung" und die "räumlich-zeitlich unbestimmte Individualvorstellung (17) sind im Allgemeinen nur als Durchgangsstufen bedeutsam. (18) Sie kennzeichnen jedoch bereits scharf die beiden Wege, welche unsere Begriffsbildung nun weiter einschlägt. An der raum- und zeitlosen Individualvorstellung arbeitet die Abstraktion in der Richtung weiter, daß sie nunmehr auch die anderen räumlichen Merkmale, Form und Ausdehnung wegläßt (im Sinne der isolierenden Abstraktion) oder unbestimmt läßt (im Sinne der zusammenfassenden Abstraktion). (19) So entsteht einerseits die Vorstellung "Rot" und andererseits die Vorstellung "Rotes", indem wir im ersten Fall Form und Ausdehnung (Würfelform und Würfelgröße) ganz wegdenken, also die Qualität isolieren und im zweiten Fall Form und Ausdehnung nur unbestimmt lassen, also viele rote Formen und Ausdehnungen zusammenfassen (20). "Rot" ist kein Allgemeinbegriff, zumindest nicht in demselben Sinn wie "Rotes". Der Begriff "Rot" ist einer allgemeinen Verwendung fähig, aber involviert noch keine Allgemeinheit. Erst aus der Erfahrung anderer roter Körper ergibt sich diese allgemeine Anwendbarkeit. Die Allgemeinheit der "Elementarspezies" (um SCHUPPEs Ausdruck zu gebrauchen) ist also nicht unmittelbar gegeben, eine Induktion nicht überflüssig, sondern unerläßlich. Die Allgemeinbegriffe, mit anderen Worten, sind nicht, wie Schuppe allenthalben vorauszusetzen scheint, unabhängig von der Induktion schon in der einzelnen Sinneserfahrung gegeben, sondern erst das Ergebnis vieler Sinneserfahrungen. Man kann SCHUPPE eventuell zugeben, daß für die Abstraktion "Rot" ein einmaliges Sehen eines roten Würfels genügt, aber diese Abstraktion "Rot" entbehrt, solange das Sehen nur einmal stattgefunden hat, der Allgemeinheit. Erst mit dem öfteren Sehen roter Objekte ergibt sich, daß meine Abstraktion "Rot" einer allgemeinen Anwendung fähig ist. An dieser Tatsache ändert auch der Umstand nichts, daß ich später aus Analogiegründen diesen durch eine isolierende Abstraktion entstandenen Begriffen eine allgemeine Anwendbarkeit auch ohne mehrfache Einzelerfahrungen zuschreibe. Prinzipiell ist nur wesentlich, daß ansich mit diesen isolierenden Abstraktionen wie Rot keine Allgemeinheit verbunden ist. Anders der durch eine zusammenfassende Abstraktion entstandene Begriff "Rotes". Dieser entsteht - wenn ich wiederum von späteren Analogiebildungen absehe - überhaupt nur und erst aufgrund mehrfacher ähnlicher Sinnesempfindungen und ist dank dieser Entstehung unmittelbar ein Allgemeinbegriff. - Das Verhalten der Sprache ist auch hier interessant. Sprachliche Bezeichnungen sind auf dieser Stufe der Begriffsbildung im Allgemeinen nur für die isolierenden Abstraktionen wie Rot zu finden. Für die zusammenfassenden Abstraktionen wie Rotes fehlen sie, weil die alsbald zu besprechenden Dingbegriffe im allgemeinen einen ausreichenden Ersatz liefern.

Wenn SCHUPPE sagt:
    "Dasjenige, was eine spezielle Farbe, z. B. Rot, zu einem Speziellen macht, was sie ist, kann ich absolut nicht denken, ohne das Generische, was die Farbe als Gattung ausweist, mitzudenken" (Seite 181),
so läßt dieser Satz mehrfache Deutungen zu. Keinesfalls ist er in dem Sinn richtig, daß ich beim Begriff "rot" den Begriff "Farbe" mitdenken muß oder faktisch stets mitdenke. Der Begriff "Farbe" entsteht nicht aus dem Begriff "Rot" allein, sondern aus den Begriffen "Rot", "Grün" usw. durch die Anwendung der zusammenfassenden oder variierenden Abstraktion. Erst nachträglich also stelle ich Rot als ein Glied (eine Variante) dieser Abstraktionsreihen vor und denke also erst nachträglich das Generische, d. h. eben die ganze Reihe hinzu (21). Der Vollständigkeit halber bemerke ich noch, daß streng genommen zwischen die oben besprochene Vorstellung Rot im Sinne einer bestimmten Rotnuance und die Allgemeinvorstellung Farbe sich noch die Allgemeinvorstellung niederen Grads eines Rots, welche viele bzw. alle Rotnuancen umfaßt, dazwischenschiebt, und daß streng genommen die sprachliche Bezeichnung "Rot" von Anfang an, d. h. schon beim Sprechenlernen des Kindes alsbald auf diese niedergradige Allgemeinvorstellung ausgedehnt wird.

Die Dingbegriffe haben mit dieser letztbesprochenen Entwicklung prinzipiell nichts zu tun. Sie knüpfen vielmehr an das zuerst besprochene Stadium der räumlich und zeitlich unbestimmten Individualvorstellungen an. Wir beobachten nämlich häufig, daß eine räumlich zusammenhängende Empfindung oder ein räumlich zusammenhängender Empfindungskomplex mit der Zeit (also in sukzessiven zeitlichen Lagen) seine sonstigen Eigenschaften sämtlich und einzeln, z. B. Form oder Farbe (22), stetig verändert. Fasse ich nun alle diese stetigen sukzessiven Variationen im Sinn der zusammenfassenden Abstraktion zusammen, so gelange ich zur Vorstellung des individuellen Dings. Bei dieser werden also erstens die zeitlichen Lagen, räumlichen Lagen, Formen und Qualitäten innerhalb mehr oder weniger bestimmter Grenzen (23) unbestimmt gelassen, zweitens aber wird außer einer stetigen räumlichen Ausdehnung eine stetige Veränderung der einzelnen oder aller Eigenschaften mit der Zeit verlangt. Diese letztere Stetigkeit nehmen wir in tausend und abertausenden von Fällen wahr, in vielen anderen nehmen wir sie hypothetisch an. Nach Analogie setzen wir sie schließlich beinahe bei jedem Empfindungskomplex, den wir erleben, voraus, und nehmen an, daß es sich um ein Ding handelt, welches sich stetig verändert hat und stetig verändern wird. Fast alles wird zum Ding. Im populären Dingbegriff ist schlechterdings nichts mehr enthalten (24). Alle Gegenüberstellungen des Dings gegen unsere Empfindungen, unser Ich usw. sind sekundäre Variationen des natürlichen Dingbegriffs. Wir meinen ursprünglich und meinen, sofern nicht durch sekundäre Überlegungen (Introjektion etc.) unsere Vorstellungen modifiziert worden sind, auch später nur unsere Empfindungskomplexe und zwar diese im Hinblick auf die oben genannten Bedingungen.

Vergleiche ich SCHUPPEs Ansichten über die Entwicklung der Dingbegriffe mit dieser meiner Auffassung, so ist vorauszuschicken, daß SCHUPPE seine Auffassung im Lauf der Jahre etwas modifiziert hat. Im "Menschlichen Denken" glaubte SCHUPPE noch, daß das individuelle Ding als solches erst erkennbar ist, wenn die Begriffe von Arten und Gattungen entstanden sind. In der "Erkenntnistheoretischen Logik" (Seite 452f) wird eine solche Abhängigkeit der Dingbegriffe von Allgemeinbegriffen nur in einem eingeschränkten Umfang noch behauptet (Seite 457). SCHUPPE legt bei seiner neueren Darstellung ein größeres Gewicht auf die Gemeinschaft in Ruhe und Bewegung. Es liegt in der Tat auf der Hand, daß bei der Abgrenzung der Individuen von einem Hintergrund dieser Faktor, den ich noch lieber als Kontrast gegen den Hintergrund charakterisieren möchte, oft eine erhebliche Rolle spielt. Andererseits kann er doch für den Dingbegriff nicht maßgebend sein, insofern in zahllosen Fällen, z. B. bei Formveränderungen, die einzelnen Teile eines Dings sich in Bezug auf Ruhe sehr ungleichmäßig verhalten, ohne daß wir den Dingbegriff aufgeben. SCHUPPE hält auch die Vorstellung von Raumindividuen für eine notwendige "Voraussetzung des Dingindividuums". Meines Erachtens genügt die oben angeführte stetige räumliche Ausdehnung. Schließlich legt SCHUPPE das Gewicht mehr auf die Gesetzmäßigkeit der Veränderungen, während ich die Stetigkeit der Veränderungen für wesentlich halte. Ich berufe mich dabei auf die Tatsache, daß das Kind und oft genug auch der Erwachsene von sich verändernden Dingen spricht und Dingbegriffe bildet, ohne die Gesetzmäßigkeit der Veränderungen irgendwie festgestellt zu haben oder auch nur an die Gesetzmäßigkeit der Veränderungen zu denken, während die Erwartung das Ding stetig seine Form, seine Lage etc. verändern zu sehen allerdings unsere Dingvorstellung von Anfang an begleitet.

Mit der Feststellung der psychologischen Entwicklung des Dingbegriffs ist die Frage nach der Bedeutung der dem Ding zugeschriebenen Einheit bzw. der Beharrlichkeit einer ihm etwa zugrunde liegenden "Substanz" noch nicht erledigt. Auf die modernen Lösungsversuche dieses HUMEschen Problems werde ich demnächst bei der Besprechung der Erkenntnistheorie von SCHUBERT-SOLDERN zurückkommen. Die Erörterungen SCHUPPEs über diese Frage stehen zu den Hauptsätzen seiner Erkenntnistheorie in keiner näheren Beziehung.

LITERATUR: Theodor Ziehen, Erkenntnistheoretische Auseinandersetzungen, 2. Schuppe. Der naive Realismus, Zeitschrift für Psychologie und Physiologie der Sinnesorgane, Bd. 33, Leipzig 1903
    Anmerkungen
    1) Ich pflichte jedoch WUNDT (Philosophische Studien 12, Seite 365 und 376 Anm.) bei, daß in dem älteren Hauptwerk SCHUPPEs, der "Erkenntnistheoretischen Logik", die empirische Seite der Theorie etwas mehr hervortritt. Von den Erstlingswerken "Das menschliche Denken" und "Die aristotelischen Kateogorien" sehe ich dabei natürlich ab.
    2) Einige rechtsphilosophische Schriften habe ich nicht berücksichtigt, weil sie für die Erkenntnistheorie nichts Wichtiges enthalten.
    3) Vgl. auch "Über Wahrnehmung und Empfindung", Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, Bd. 98, Halle/Saale 1891
    4) Im "Grundriß der Erkenntnistheorie und Logik" bekämpft SCHUPPE die Introjektionstheorie auch unter dem Titel der Lehre von der mit räumlichen Grenzen sich abschließenden Seelensubstanz und von der Subjektivität der Empfindungen (z. B. Seite 30). Natürlich decken sich diese Begriffe nicht vollständig.
    5) "Was sind Ideen?", Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, Bd. 82
    6) Vgl. auch "Natürliche Weltansicht", Philosophische Monatshefte, Bd. 30, 1894, Seite 4f
    7) Mit der anderen Annahme, daß das Kind ein "unbewußtes Ich" hat, habe ich es hier nicht zu tun; SCHUPPE postuliert ausdrücklich ein "bewußtes Ich".
    8) SCHUPPE selbst gesteht im "Grundriß" zu (Seite 18): "Das Sich-selbst-denken des leeren Ich ist eine vollendete Undenkbarkeit."
    9) Ich verweise bezüglich dieses Punktes namentlich auch auf die Ausführungen SCHUPPES in "Die Bestätigung des naiven Realismus, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. 17, 1893, Seite 372 und "Zum Eudämonismus", -8-, Seite 152f.
    10) SCHUPPE selbst bezeichnet es als uncharakterisierbar (Seite 150)
    11) Vgl. z. B. auch "Normen des Denkens", Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. 7, 1883, Seite 403
    12) Auch WUNDT hat auf solche Anklänge an PLATO bei SCHUPPE aufmerksam gemacht. Manche Ausführungen SCHUPPEs erinnern auch stark an die Lehren ERIGUENAs.
    13) So wird auch die Behauptung WUNDTs einigermaßen verständlich, daß SCHUPPE "logische Abstraktionen in reale Wesen verwandelt".
    14) Interessant ist, wie auch bei AVENARIUS der Begriff der Bedingung und des Bedingten ontologisch verwertet wird.
    15) Daß sie nicht überhaupt ohne weiteres mit der Form zusammenfällt, bedarf keiner weiteren Erörterung; man denke nur an eine Fahne, deren Farben bald in dieser bald in jener Reihenfolge aufeinander folgen.
    16) Hingegen wenig zutreffend mit Summen, als welche vielmehr mit den Kollektivbegriffen zu vergleichen sind.
    17) Noch präziser wären die Bezeichnungen "ohne Raum- und Zeitlage" statt "raum-und zeitlos" und "nach Raum- und Zeitlage unbestimmt" statt "räumlich-zeitlich unbestimmt".
    18) Daher auch das Fehlen von Wortbezeichnungen für diese Stufen.
    19) Selbstverständlich läßt sie in einem zweiten Verfahren in analoger Weise, um zu Raumvorstellungen zu gelangen, auch die Qualitätsmerkmale (z. B. rot) weg bzw. läßt sie diese Qualitätsmerkmale unbestimmt.
    20) Die Qualität soll dabei noch unverändert festgehalten werden, es handelt sich also noch immer um eine einzelne ganz bestimmte Rotnuance.
    21) Ich erinnere nochmals daran, daß diese Auseinandersetzung zunächst nur für homogene Empfindungen gilt. Ihre Ausdehnung auf zusammengesetzte Empfindungen bleibt einer anderen Stelle vorbehalten.
    22) Von Größe und Anordnung will ich der Kürze halber wieder absehen.
    23) Diese Grenzen sind, nebenbei gesagt, für einen exakten Dingbegriff ebenso notwendig, wie für ein bestimmtes Integral; bei extremen Form- und Qualitätsveränderungen hören wir auf, von "demselben" Ding zu sprechen.
    24) Eine in einigen Punkten verwandte Auffassung hat bekanntlich JOHN STUART MILL vertreten. Der Widerlegungsversuch STÖRRINGs (Dissertation Halle/Saale 1889) ist nicht geglückt.