ra-1cr-2p-4LippsErdmannTetensF. BrentanoG. K. Uphues     
 
KASIMIR TWARDOWSKI
Zur Lehre vom Inhalt und
Gegenstand der Vorstellungen

[3/3]

"Es gibt keine Vorstellungen, denen eine Mehrheit von Gegenständen entspricht. Wenn es Vorstellungen geben soll, denen eine Mehrheit von Gegenständen entspricht, so müssen die Gegenstände zählbar sein. Man meint nun tatsächlich die Gegenstände einer solchen Vorstellung zählen zu können. In dieser Meinung nun liegt eben der Irrtum. Denn was man zählt, das sind nicht die Gegenstände, auf welche sich die betreffende Allgemeinvorstellung bezieht, sondern Gegenstände ebenso vieler anderer Vorstellungen, als man eben Gegenstände zählt. Man beobachte den Vorgang, wie er bei der Zählung irgendwelcher Gegenstände Platz greift. Wenn ich etwa die Bilder, die in diesem Zimmer hängen, zählen will, so ist zunächst in meinem Bewußtsein die allgemeine Vorstellung des in diesem Zimmer hängenden Bildes gegeben. Aber mit Hilfe dieser allgemeinen Vorstellung kann ich noch nicht zählen. Will ich das Zählen in Angriff nehmen, so stellt sich die Notwendigkeit heraus, die einzelnen Bilder selbst vorzustellen. Und nur indem ich dies tue, hierbei jedes Bild als von den anderen verschieden vorstelle und die Aufmerksamkeit darauf ruht, daß kein zwecks Zählung vorgestelltes Bild ein zweites Mal zum gleichen Zweck vorgestellt wird, kann ich die Zählung durchführen. Es dürfte dies übrigens von niemandem geleugnet werden, daß man, um die zu irgendeiner höheren Einheit vereinigten Gegenstände zählen zu können, die Vorstellungen dieser einzelnen Gegenstände selbst haben muß. Was durch die Allgemeinvorstellung vorgestellt wird, ist ein ihr spezifisch eigentümlicher Gegenstand."


§ 13. Das  M e r k m a l

Neben der Frage nach dem Verhältnis, welches zwischen der Zusammensetzung eines Vorstellungsgegenstandes und der Zusammensetzung des auf ihn bezüglichen Vorstellungsinhaltes besteht, drängt sich eine andere Frage auf, nämlich die Frage, ob alle Teile eines Gegenstandes im Inhalt der auf ihn bezüglichen Vorstellung ihr Äquivalent finden, und umgekehrt, ob allen Teilen eines Vorstellungsinhalts Teile des Vorstellungsgegenstandes entsprechen. Diese Frage nach dem Verhältnis zwischen den Teilen eines Vorstellungsinhalts und den Teilen des dazugehörigen Vorstellungsgegenstandes, welcher u. a. BOLZANO seine Aufmerksamkeit geschenkt hat, ist nicht zu verwechseln mit einer andern, ihr ähnlich sehenden, welche von KERRY in der öfters erwähnten Abhandlung behandelt worden ist. Während nämlich BOLZANO die Frage so formuliert, wie es hier geschehen ist, fragt KERRY nach den Unterschieden, welche zwischen der Vorstellung eines Gegenstandes und der Vorstellung eines auf diesen Gegenstand bezüglichen Vorstellungsinhaltes bestehen. Es handelt sich da um die Vergleichung zweier Vorstellungsinhalte, von denen der eine einen Vorstellungsgegenstand, der andere einen auf diesen Vorstellungsgegenstand bezüglichen Vorstellungsinhalt zum Gegenstand hat. KERRY vergleicht als, konkret ausgedrückt, den Inhalt der Vorstellung des Baumes mit dem Inhalt der Vorstellung von der Vorstellung des Baumes.

Was die erste dieser Fragen betrifft, haben wir bereits gesehen, daß sie in einem verneinenden Sinn zu beantworten ist. Es gibt an jedem Gegenstand materiale und formale Bestandteile, welche durch die entsprechende Vorstellung nicht vorgestellt werden, denen also im Inhalt derselben keine Bestandteile entsprechen. Zu diesen nicht-vorgestellten Bestandteilen gehört z. B. die Mehrzahl der Relationen, in denen ein Gegenstand zu andern steht, und deren Anzahl fast unendlich groß genannt werden kann. Wenn ferner der Gegenstand eine unendliche Reihe ist, also auch abgesehen von seinen Relationen zu anderen Gegenständen ein gewisses Maß an Bestandteilen überschreitet, so wird nur ein Bruchteil dieser Bestandteile vorgestellt. Genau besehen dürfte es keinen Gegenstand geben, dessen Vorstellung die Vorstellungen auch nur der sämtlichen materialen Bestandteile desselben, welche keine Relationen zu anderen Gegenständen sind, enthalten würde; eine adäquate Vorstellung gibt es von keinem Gegenstand.

Es zerfallen demnach die Bestandteile jedes Vorstellungsgegenstandes in zwei Gruppen; die eine umfaßt jene Bestandteile, welche durch entsprechende materiale Bestandteile der auf diesen Gegenstand bezüglichen Vorstellung vorgestellt werden; die zweite Gruppe umfaß die übrigen Bestandteile des Gegenstandes. Es erscheint geboten, daß jene Bestandteile eines Gegenstandes, welche dadurch, daß sie durch die Vorstellung desselben vorgestellt werden, zu ihr in einer sozusagen engeren Beziehung stehen, mit Rücksicht darauf einer besonderen Bezeichnung teilhaftig werden. Und da erscheint das Wort "Merkmal" berufen, diese Aufgabe zu erfüllen.

Wir haben oben (§ 8) zu zeigen gesucht, daß dieser Ausdruck eigentliche nur zur Bezeichnung von Teilen der Gegenstände und niemals zur Bezeichnung von Teilen des Vorstellungsinhaltes zu verwenden ist, wenn Verwirrungen vermieden werden sollen; ja wir haben gesehen, wie selbst diejenigen Forscher, welche in der Theorie das Merkmal zu einem Bestandteil des Vorstellungsinhaltes machen, sich selbst untreu werden und dort, wo sie sich dieses Ausdrucks im Laufe der Darstellungen bedienen, mit demselben Bestandteil des Gegenstandes bezeichnen. Wenn wir nunmehr das Anwendungsgebiet dieses Terminus noch weiter einschränken, und ihn ausschließlich als Namen für jene Bestandteile eines Vorstellungsgegenstandes verwendet wissen wollen, welche durch die entsprechende Vorstellung vorgestellt, in ihrem Inhalt durch ihnen korrespondierende Bestandteile desselben vertreten erscheinen, so glauben wir uns hierbei auf gewichtige Autoritäten berufen zu können und in ihrem Sinne zu handeln. So definiert KANT:
    "Ein Merkmal ist dasjenige an einem Ding, was einen Teil der Erkenntnis desselben ausmacht; oder - was dasselbe ist - eine Partialvorstellung, sofern sie als Erkenntnisgrund der ganzen Vorstellung betrachtet wird ... Alles Denken ist nichts anderes als Vorstellen durch Merkmale ... Alle Merkmale, als Erkenntnisgründe betrachtet, sind von zweifachem Gebrauch; entweder einem innerlichen oder einem äußerlichen. Der innere Gebrauch besteht in der Ableitung, um durch Merkmale als ihre Erkenntnisgründe die Sache selbst zu erkennen. Der äußere Gebrauch besteht in der Vergleichung, sofern wir durch Merkmale ein Ding mit anderen nach den Regeln der Identität und Diversität vergleichen können." (86)
Wenn man im Auge behält, daß KANT unter einer "Erkenntnis" auch Vorstellungen begreift (87), so wird man die Übereinstimmung der gegebenen Definition des Merkmals mit jener KANTs nicht verkennen. Freilich hat KANT, den Unterschied zwischen Inhalt und Gegenstand einer Vorstellung nicht beachtend, das Merkmal auch als "Partialvorstellung" bezeichnet. Doch konnte dies nur geschehen, indem KANT den Ausdruck allzusehr kürzend, als Merkmal "dasjenige an einem Ding, was einen Teil der Erkenntnis desselben ausmacht", bezeichnete. Genau ausgedrückt, hätte die Definition lauten müssen: Ein Merkmal ist dasjenige an einem Ding, dessen Erkenntnis (im kantischen Sinn: d. h. Vorstellung) einen Teil der Erkenntnis (= Vorstellung) dieses Dings ausmacht. Denn etwas, was "an einem Ding", also Teil eines Dings ist, kann doch wohl nicht im Ernst als Partialvorstellung, d. h. Teil einer Vorstellung bezeichnet werden.

Außer KANT scheint unter den neueren TRENDELENBURG das Merkmal in dem hier dem Wort gegebenen Sinn zu fassen. Dort, wo er vom Merkmal spricht, sagt dieser Forscher, habe er das Wort nicht in derjenigen subjektiven Bedeutung genommen, die der Name zunächst ausspricht, so daß es nur ein Zeichen zum Wiedererkennen wäre, sondern in der objektiven, die ihm der Gebrauch längst zugestanden hat, als das, was den Begriff in der Sache bildet. (88) Wenn auch der Sinn dieser Definition des Merkmals einigermaßen unklar scheint, so dürffte doch eine dahin gehende Auslegung der Worte TRENDELENBURGs seine Meinung richtig wiedergeben, wonach unter den Merkmalen dasjenige "in der Sache" zu verstehen ist, was das zur Bildung eines Begriffs dieser Sache nötige Material liefert. Das, was dem Begriff in der Sache entspricht, sind die Merkmale derselben. Ist diese Interpretation richtig, so dürfen wir uns auch auf TRENDELENBURG in der hier vertretenen Definition des Merkmals berufen.

Ferner scheint STÖCKLs Definition des Merkmals hierher zu gehören. Sie lautet:
    "Unter Merkmalen im Allgemeinen versteht man alle jene Momente, wodurch ein Gegenstand als das, was er ist, erkannt und von allen anderen Gegenständen unterschieden wird." (89)
Diese "Momente" sind offenbar Teile des Gegenstandes; damit durch dieselben ein Gegenstand als das, was er ist, erkannt und von allen anderen unterschieden wird, müssen diese Momente vorgestellt sein; es sind also die Merkmale solche Teile des Gegenstandes, welche vorgestellt werden. Nur daß STÖCKLs Definition etwas enger gefaßt erscheint, indem von den durch die Vorstellung vorgestellten Teilen des Gegenstandes nur diejenigen als Merkmale bezeichnet werden, durch welche der Gegenstand "als das, was er ist, erkannt und von allen anderen unterschieden wird". Es kommt hier also vielleicht mehr das zur Geltung, was TRENDELENBURG in der oben zitierten Schrift als "subjektive Bedeutung" des Wortes Merkmal bezeichnet hatte.

Auch ERDMANNs Definition des Merkmals dürfen wir zur Bestätigung der hier vertretenen in Anspruch nehmen. Er definiert:
    "Merkmale sind die unterscheidbaren Bestimmungen der Gegenstände des Denkens, gleichviel, ob es sich in ihnen um Beschaffenheiten, um Größenbeziehungen, um Zweckbeziehungen handelt."
Daß unter diesen "Bestimmungen" Bestandteile des Gegenstandes zu verstehen sind, lehrt eine Bemerkung, in welcher ERDMANN das Verhältnis der Merkmale eines Gegenstandes zu den von diesem Gegenstand aussagbaren Prädikaten angibt.
    "Jedes Merkmal", heißt es da, "eines Gegenstandes kann von ihm ausgesagt, prädiziert werden. Nicht jedes Prädikat eines Gegenstandes ist jedoch ein Merkmal. Es sind vielmehr unzählige Aussagen von einem jeden Gegenstand des sinnlichen wie des Selbstbewußtseins möglich, die nicht Bestandteile von ihm angeben, sondern irgendwelche Beziehungen, in die er mit allen seinen Merkmalen zufällig getreten ist."
Damit also etwas ein Merkmal eines Gegenstandes sein kann, muß es ein Bestandteil desselbe sein, wobei es freilich unklar scheint, weshalb ERDMANN die "Beziehungen, in welche ein Gegenstand mit allen seinen Merkmalen zufällig getreten ist", nicht auch als Bestandteile und demnach Merkmale desselben gelten läßt, daß er doch kurz vorher und auch kurz nachher unter den Merkmalen "Beziehungen" aufzählt. - Daß ferner diese Bestandteile der Gegenstände, von denen ERDMANN spricht, nicht als solche, sondern nur insofern sie durch entsprechende Inhaltsteile vorgestellt werden, als Merkmale zu bezeichnen sind, zeigt eine Äußerung, in welcher ERDMANN ganz wie KANT Vorstellungsinhalt und Gegenstand konfundiert [durcheinander bringt - wp], aber wie dieser in einer Weise, welche für unsere Ansicht vom Merkmal eine willkommene Bestätigung liefert. Er sagt:
    "Die einzelnen in einer Vorstellung enthaltenen Bewußtseinsbestandteile, ihre Teilvorstellungen, werden, als Bestimmungen des Gegenstandes aufgefaßt, Merkmale genannt."
Die Übereinstimmung mit KANT ist vollständig; das dort Gesagte gilt demnach auch hier. (90)

Zwischen den Merkmalen, d. h. jenen Bestandteilen eines Gegenstandes, welche durch die Vorstellung dieses Gegenstandes vorgestellt werden, und den übrigen Bestandteilen desselben Gegenstandes besteht keine unverrückbare Grenzscheide. Man kann sich z. B. einen Tisch vorstellen und dabei nicht an die Gestalt der Füße denken; in diesem Fall wird also die Gestalt der Tischfüße zwar ein (materialer, metaphysischer) Bestandteil (zweiter Ordnung), aber kein Merkmal des Tisches sein. Denkt man aber, während man den Tisch vorstellt, an die Gestalt seiner Füße, so ist dieselbe als ein Merkmal des Tisches anzusehen. Die Erfahrung lehrt, daß es mehr oder weniger immer ein konstanter Stock von Bestandteilen ist, die an jedem Gegenstand zu Merkmalen erhoben werden; sowohl psychologische Gesetze als auch das praktische Bedürfnis sind dafür maßgebend, welche Bestandteile eines Gegenstandes in der auf ihn bezüglichen Vorstellung ihre Vertretung finden; in der Regel werden es einerseits die an und für sich auffallendsten, andererseits diejenigen sein, welche besonders geeignet scheinen, den fraglichen Gegenstand von bestimmten oder möglichst vielen anderen zu unterscheiden, für eine Anzahl anderer als Erklärung zu dienen und dgl. Wenn es sich darum handelt, einen solchen Bestandteil zum Merkmal zu machen, von dem man annimmt, daß er gewöhnlich nicht vorgestellt wird, so fügt man dem Namen des Gegenstandes mittels eines "als" den Namen des betreffenden Bestandteils oder den einer Gruppe von Bestandteilen an. So spricht man vom Kreis "als" dem Grenzfall der Ellipse und lenkt dadurch die Aufmerksamkeit auf jene Bestandteile (Beschaffenheiten) des Kreises, welche er in der ihm eigentümlichen Weise mit einer Kegelschnittlinie gemeinsam hat; ähnlich, wenn man von CASSIUS "als" dem Mörder CÄSARs, von Salzburg als dem Geburtsort MOZARTs, von einem Baum als Organismus spricht.

Mehr denn je hat man sich angesichts der hier vertretenen Definitioni des Merkmals als eines vorgestellten Bestandteils des Gegenstandes vor dem oben (§ 8) besprochenen Versehen zu hüten, das Merkmal als Bestandteil des Vorstellungsinhatles zu fassen. Die Versuchung hierzu liegt infolge der Zweideutigkeit, die der Ausdruck "vorstellen" birgt, sehr nahe. Dem gegenüber wird es vielleicht nicht überflüssig sein, aufs Neue darauf hinzuweisen, daß "vorgestellt", wenn es von einem Merkmal behauptet wird, in einem determinierenden, nicht modifizierenden Sinn zu nehmen ist. Wenn das Merkmal ein vorgestellter Bestandteil genannt wird, so heißt das nicht, daß es ein Vorstellungsbestandteil, ein Bestandteil des Vorstellungsinhalts ist, sondern es bleibt nach wie vor Bestandteil des Gegenstandes. Nur daß dieser Bestandteil des Gegenstandes zum vorstellenden Subjekt in ein bestimmtes Verhältnis tritt, indem er von demselben vorgestellt wird, soll damit gesagt sein.

Vorstellbar sind nun alle uns bekannten Bestandteile jedes Gegenstandes ohne irgendeine Ausnahme; diejenigen, welche nicht anschaulich vorgestellt werden können, sind sicherlich unanschaulich vorstellbar. Freilich brauchen deshalb nicht alle Bestandteile in dem Sinne vorstellbar zu sein, daß man jeden beliebigen herausgreifen und außerhalb des Zusammenhangs mit allen anderen Bestandteilen vorstellen können müßte; auch geht es nicht, alle Bestandteile oder nur eine halbwegs erhebliche Anstalt derselben durch eine Vorstellung vorzustellen. Es werden die formalen Bestandteile eines Gegenstandes nicht vorstellbar sein, wenn man nicht die materialen Bestandteile vorstellt, für welche jene die Form der Verbindung bilden; es werden ferner die Vorstellungen verschiedener Merkmale, mögen diese nun materiale oder formale Bestandteile sein, psychologisch einander voraussetzen, so die Farbe die Ausdehnung, die Gleichwinkligkeit die Winkel des Dreiecks. Und wo die Anzahl der Bestandteile eines Gegenstandes eine sehr große ist, dort wird man, falls es sich um ein anschauliches Vorstellen handelt, nicht umhin können, den Gegenstand in diskursiver Weise vorzustellen, indem man die einzelnen Merkmale sukzessive vorstellt und durch die Vorstellungen der Eigenschaftsrelationen dieser Merkmale, die alle auf ein einziges gemeinsames Glied führen, die Verbindung zu einem einheitlichen Gegenstand bewerkstelligt.

Wenn aber im allgemeinen die Grenze zwishen den Bestandteilen eines Gegenstandes, welche Merkmale seind, und denjenigen, welche es nicht sind, eine fließende genannt werden muß und für jedes vorstellende Individuum, ja selbst für jede einzelne Vorstellung beim selben Individuum innerhalb nicht allzuenger Grenzen schwankt, so haben doch einige Forscher zu bemerken geglaubt, daß gewisse Merkmale immer wiederkehren. Es handelt sich hierbei nicht um jene Bestandteile, die vorgestellt werden müssen, sobald man einen bestimmten Gegenstand vorstellt. Denn da kann es keine Frage sein, daß z. B. die drei Seiten immer vorgestellt werden müssen, so oft man ein Dreieck anschaulich vorstellt; daß eine bestimmte Gestalt bei jedem Vorstellen eines Pferdes als Merkmal desselben auftritt und dgl. Was vielmehr behauptet wird, ist, daß gewisse Merkmale allen wie immer gearteten Gegenständen eigen sind, mögen dieselben auch wann immer und von wem auch immer vorgestellt werden; gewisse Bestandteile soll es also an jedem Gegenstand geben, die immer in gleicher Weise so notwendig vorgestellt werden, daß eine Vorstellung überhaupt nicht möglich ist, ohne daß durch dieselbe diese Bestandteile vorgestellt werden. SIGWART vertritt diese Ansicht in folgender Weise:
    "Indem wir einen bestimmten Ton als solchen vorstellen, können wir das nur, indem wir ihn als einen, mit sich identischen, von anderen mehreren unterschiedenen denken; nur so ist er überhaupt Gegenstand unseres Bewußtseins, das ohne eine Vielheit unterschiedener Objekte gar nicht denkbar ist; indem wir also den Ton A denken, ist darin die Vorstellung der Einheit und der Identität mit sich, ebenso des Unterschieds von anderen und damit die Vorstellung einer Mehrheit dieser anderen untrennbar mitgesetzt, und dies weist auf Funktionen zurück, durch welche wir etwas als Eins, mit sich identisch, von anderen unterschieden setzen, und damit zugleich die Vielheit im Unterschied von der Einheit und in ihrem Verhältnis zu ihr denken. Indem wir also zu Bewußtsein bringen, was wir vorstellen, indem wir A vorstellen, finden wir außer dem hörbaren Tonbild auch diese Bestimmungen in der Vorstellung von A und sie erweist dich dadurch bereits, sowie sie unserem Bewußtsein gegenwärtig ist, als ein komplexes Produkt." (91)
Es ist klar, daß Einheit und Identität mit sich, sowie die Verschiedenheit gegenüber anderen Gegenständen Bestandteile eines jeden Gegenstandes und zwar solche metaphysischer Natur in dem von mir in Anmerkung 72 angeführten Sinn sind. Es sind ja dies zum Teil Beziehungen am Gegenstand selbst, also formale, zum Teil Beziehungen zwischen ihm und anderen Objekten, also materiale Bestandteile des Gegenstandes. Ob aber diese Bestandteile zugleich Merkmale sind, erscheint fraglich. Wenn durch jede Vorstellung eines Gegenstandes seine Verschiedenheit von allen anderen mitvorstellt wird, so müssen alle anderen, von ihm verschiedenen Gegenstände, wie SIGWART selbst bemerkt, auch mitvorgestellt werden. Dies ist aber ein Ding der Unmöglichkeit, da sich mit jeder Vorstellung eines Gegenstandes die Vorstellung aller anderen, dem Vorstellenden bekannten Gegenstände verbinden müßte - was niemand wird behaupten wollen. Es wird also gewiß die Verschiedenheit eines Gegenstandes von allen anderen nicht mitvorgestellt, sie ist wohl ein Bestandteil jedes Gegenstandes, aber kein Merkmal.

Vielleicht wird aber zumindest der Unterschied mitvorgestellt, der zwischen einem Gegenstand und den ihm am meisten ähnlichen, mit ihm am leichtesten verwechselbaren besteht? Da wären nur einige wenige Unterschiedsrelationen samt ihren Gliedern vorzustellen und die der früheren Annahme entgegenstehende psychologische Unmöglichkeit käme nicht in Betracht. Aber auch hier lehrt die Erfahrung das Gegenteil. Für einige Fälle ist wohl die Möglichkeit zuzugeben, daß die Verschiedenheit eines Gegenstandes von wenigen anderen und somit diese anderen selbst auch vorgestellt werden. Diese Eventualität wird dann eintreten, wenn jemand einen ihm bis dahin unbekannten, anderen ähnlichen Gegenstand kennen lernt und sich nun bemüht, seinen Unterschied gegenüber diesen anderen im Gedächtnis zu fixieren. Wer sich das erste Mal einen Wolf vorstellt, wid beinahe von selbst den Hund zum Vergleich heranziehen und die Unterschiede zwischen beiden sich vergegenwärtigen. Was hier diesen Vergleich hervorruft, ist die Assoziation durch Ähnlichkeit; aber man kann auch dieser Assoziation entgegenwirken und sich sehr wohl einen Wolf vorstellen, ohne auch nur im Entferntesten an einen Hund zu denken. Wenn wir noch so sehr auf den in Rede stehenden Umstand achten, - niemals oder nur selten werden wir finden, daß wir bei der Vorstellung eines Gegenstandes auch nur eine einzige Unterschiedsrelation zu einem anderen Gegenstand vorstellen - von jenen Fällen natürlich abgesehen, in denen wir einen Gegenstand eben mit Hilfe von Relationen, in denen er zu anderen steht , - also indirekt - vorstellen.

Was die Identität mit sich selbst betrifft, deren Vorstellung nach SIGWART einen Bestandteil jeder Vorstellung eines Gegenstandes bilden soll, hat schon BENNO ERDMANN erschöpfend und, wie uns scheint, in richtiger Weise den Sachverhalt klar gelegt (92). Seine Ausführungen gipfeln in dem Ergebnis, daß wohl jeder Gegenstand mit sich selbst identisch ist, die Identität also einen (metaphysischen) Bestandteil eines jeden Gegenstandes bildet, jedoch "die Vorstellung der Identität mit sich selbst nur ausnahmsweise in dem mit sich selbst identischen Vorgestellten als Merkmal gegeben ist".
    "Logisch betrachtet", sagt Erdmann, "ist die Identität mit sich selbst ein Merkmal, das jedem Gegenstand eigen ist. Denn unter den logischen Bedingungen der Analyse wird es in ihm angetroffen, zeigt es sich als in ihm enthalten. Psychologisch betrachtet, pflegt sie insofern zu fehlen, als wir, mit unserer Aufmerksamkeit auf die besondere Beschaffenheit des Vorgestellten gerichtet, keinen Anlaß finden, das allem Vorgestellten zukommende Merkmal uns als solches als konstantes neben den von Gegenstand zu Gegenstand wechselnden, zum deutlichen Bewußtsein zu bringen."
Wir sagen also, die Identität sei ein jedem Gegenstand ohne Ausnahme zukommender Bestandteil, aber nur ausnahmsweise ein Merkmal der Vorstellungsgegenstände.

Aus dem Umstand, daß die Identität mit sich selbst allen Gegenständen des Vorstellens ausnahmslos als Bestandteil zukommt, folgert ERDMANN die Behauptung, daß der Grundsatz der Identität "im Wesen des Gegenstandes die allgemeinste Bedingung alles uns möglichen Vorstellens" genannt werden kann.
    "Die Identität bildet den Kern dessen, was seit KANT als Position, Setzung und mit einem unglücklich gewählten, weil dem Urteilsgebiet entnommenen Ausdruck, als Bejahung bezeichnet worden ist."
In den beiden Beziehungen,
    "der ursprünglichen der Identität und der abgeleiteten der Nichtidentität, erschöpfen sich die grundlegenden Verhältnisse des Vorgestellten als solchen. Alle übrigen verlangen Rücksichtnahme auf den besonderen Inhalt der Gegenstände, der nur durch die Urteilsbeziehungen entsprochen werden kann."
In den zuletzt angeführten Stellen scheint Richtiges mit Unrichtigem vermischt. Denn es fraglos zugegeben, daß jeder Gegenstand mit sich identisch und mit anderen nicht identisch ist. Diese Beschaffenheit, in einem Satz formuliert, kann infolgedessen gewiß auch als Gesetz hingestellt werden, dem jeder Gegenstand ebenso unterworfen ist, wie jeder Körper dem Gesetz der Attraktion. Nur erscheint es fraglich, ob erstens die angeführten Beschaffenheiten - Identität mit sich selbst, Verschiedenheit von allen anderen - wirklich die einzigen Sind, welche dem Vorgestellten als solchem zukommen, und ob zweitens diese Verhältnisse für die Vorstellungsgegenstände die grundlegenden sind.

Was die erste Frage betrifft, hatten wir bereits Gelegenheit, auf einige allgemeine Beschaffenheiten der Vorstellungsgegenstände hinzuweisen. Wir sahen, daß es allen Vorstellungsgegenständen nicht nur zukommt, vorstellbar - dies folgt ja aus dem Begriff - sondern auch beurteilbar, sowie begehrbar oder verabscheubar zu sein. Auch diese Bestimmungen der Gegenstände sind, was ERDMANN nur für die Identität und Nicht-Identität gelten läßt, von der besonderen Beschaffenheit jedes einzelnen Gegenstandes unabhängig und kommen allem Vorgestellten ohne Ausnahme zu. Darin aber muß man ERDMANN wohl Recht geben, daß die genannten Beschaffenheiten mit Ausnahme vielleicht der ersten, der Vorstellbarkeit, nicht als grundlegende zu bezeichnen sind. Anders dürfte es mit einer weiteren, von uns auch bereits namhaft gemachten Beschaffenheit der Vorstellungsgegenstände sein, ihrer Einheitlichkeit, und eine kurze Betrachtung dürfte zeigen, daß wir mit Rücksicht auf diese Beschaffenheit die zweite Frage verneinen müssen.

Alles, was als Gegenstand vorgestellt wird, wird, wenn es auch noch so zusammengesetzt ist, als ein einheitliches Ganzes vorgestellt. Seine Teile werden durch Eigenschaftsrelationen, denen auf einer Seite ein gemeinsames Glied entspricht, zu diesem einheitlichen Ganzen vereinigt. Wenn auch das Kind die es umgebenden Gegenstände anfangs in der Weise voneinander trennt, wie später, ja selbst wenn es aus sämtlichen ihm in einem gegebenen Augenblick zu Gebote stehenden Eindrücken einen Vorstellungsgegenstand konstruiert, den es nach weiteren Erfahrungen in andere relativ einfachere zerlegen lernt, wenn es beispielsweise auf diese Art die Wand samt den an ihr hängenden Bildern, die Zimmerdecke und eine im Zimmer stehende Person als ein Ganzes vorstellt, so mag dies immerhin nicht dem objektiven Tatbestand entsprechen; aber der Gegenstand jener Vorstellung des Kindes ist als Vorstellungsgegenstand ein einheitliches Ganzes. Diese Beschaffenheit des Vorstellungsgegenstandes, derzufolge die Scholastiker ihn als "unum" bezeichneten, ist eine allgemeine. Sie ist ferner die Grundlage für die Nicht-Identität und Identität des Gegenstandes. Denn indem jeder Gegenstand einer, ein einheitliches Ganzes ist, hebt er sich gegen alle anderen, als von allen anderen verschieden, und demnach als der, der er ist, als mit sich identischer, ab.

Aber diese "Einheitlichkeit" des Gegenstandes ist nicht nur eine Beschaffenheit, ein Bestandteil, sondern auch ein Merkmal aller Gegenstände. Man stellt nicht nur durch jede Vorstellung einen Gegenstand vor, sondern man stellt ihn auch als einen vor (93). Wo es sich um einen zusammengesetzten Gegenstand handelt, wird diese Einheitlichkeit mittels der Eigenschaftsrelationen vorgestellt; wo es sich um einen einfachen oder als einfach vorgestellten Gegenstand handelt, bedarf es auch dieser Vermittlung nicht. Würde nicht jeder Gegenstand als einer vorgestellt, so würde er mit anderen zusammenfließen und es wäre kein Urteil, keine Gemütstätigkeit denkbar, die sich auf einen bestimmten Gegenstand beziehen würde. Freilich könnte man sagen, unter diesen Umständen werde auch die Verschiedenheit dieses Gegenstandes von anderen mitvorgestellt. Aber dies ist nur Schein, der dadurch hervorgerufen wird, daß die Verschiedenheit von anderen Gegenständen eine aus der Einheitlichkeit jedes Gegenstandes folgende Beschaffenheit ist; doch werden nicht alle aus einem Merkmal folgenden Beschaffenheiten eines Gegenstandes mitvorgestellt. Es müßte ja dann jedesmal, wenn man ein Quadrat vorstellt, die Gleichheit der in demselben gezogenen Diagonalen vorgestellt werden. Die Einheitlichkeit nun wird vorgestellt, und indem sie auf diese Weise nicht nur eine Beschaffenheit, sondern auch ein Merkmal eines jeden Vorstellungsgegenstandes ist, scheint sie mehr als die uns nur hie und da zum Bewußtsein kommende Identität geeignet, die Grundlage für ein alle Vorstellungsgegenstände als solche beherrschendes Gesetz zu liefern (94).

Die Frage, obe es Bestandteile der Gegenstände gibt, welche nicht nur allen ausnahmslos zukommen, sondern auch ein nie fehlendes Merkmal jedes Gegenstandes bilden, wäre demnach teils im Sinne SIGWARTs, teils im Sinne ERDMANNs zu beantworten. Denn im Großen und Ganzen hat ERDMANN Recht, wenn er lehrt, daß die von SIGWART genannten Bestandteile zwar an jedem Gegenstand durch Analyse nachweisbar sind, aber nicht durch die Vorstellung eines Gegenstandes mitvorgestellt werden. Bezüglich eines dieser Bestandteile scheint aber SIGWART im Recht zu sein, bezüglich der Einheit. Denn von dieser glaubten wir behaupten zu müssen, daß sie jedesmal, wenn ein Gegenstand vorgestellt wird, mitvorgestellt wird, also nicht nur Bestandteil, sondern auch Merkmal jedes Gegenstandes ist.


14. Die indirekten Vorstellungen

Wir wenden uns nunmehr zum zweiten Teil der am Anfang des vorhergehenden Paragraphen aufgeworfenen Frage. Es handelt sich darum, zu entscheiden, ob jedem Teil eines Vorstellungsinhaltes ein bestimmter Teil des durch ihn vorgestellten Gegenstandes entspricht; während bezüglich der zuerst behandelten Frage eine in Sachen der Psychologie seltene allgemeine Übereinstimmung herrscht, ist dies bei der jetzt in Angriff zu nehmenden Frage nicht der Fall. BOLZANO z. B. behauptet, "daß es verschiedene Bestandteile einer Vorstellung gibt, welche nichts weniger als Beschaffenheiten des ihr entsprechenden Gegenstandes ausdrücken". (95) KERRY dagegen ist der Ansicht, "daß ein Begriffsgegenstand in gewisser Weise mindestens alle Merkmale seines Begriffs an sich haben muß, widrigenfalls man nicht sagen könnte, daß er unter diesen fällt. (96) Wer von beiden genannten Forscher Recht hat, soll nun untersucht werden.

In der Fassung, in welcher BOLZANO den zitierten Lehrsatz formuliert, wird derselbe gewiß zuzugeben sein. Denn wir wissen, daß ja in einem Vorstellungsinhalt Bestandteile enthalten sein können, denen am Gegenstand solche Teile entsprechen, die nicht als seine "Beschaffenheiten" zu bezeichnen sind. So wenn z. B. die Glieder einer Reihe vorgestellt werden. In der Vorstellung der Reihe sind Bestandteile enthalten, denen als Gegenstände Teile der Reihe entsprechen, welche gewiß keine Beschaffenheiten der Reihe sind. BOLZANO verficht aber auch die weitergehende Behauptung, man könne nicht sagen, "ein jeder Teil einer Vorstellung sei die Vorstellung eines in ihrem Gegenstand enthaltenen Teils". (97) Dies ist nun zweifellos richtig, wenn man die formalen Bestandteile einer Vorstellung im Sinn hat. Da dieselben Überhaupt keine Vorstellungen sind, so können sie auch nicht Vorstellungen von irgendwelchen Teilen eines Gegenstandes sein. Aber BOLZANO hält seine Behauptungen auch bezüglich der materialen Bestandteile eines Vorstellungsinhaltes aufrecht und führt mehrere Argumente an, die auf ihre Stichhaltigkeit geprüft werden müssen.

Die Vorstellungen, welche in ihrem Inhalt mehr materiale Bestandteile aufweisen sollen, als der Gegenstand der Vorstellungen Teile hat, sind nach BOLZANO erstens: Vorstellungen, welche ganze Sätze als Teile enthalten, z. B. die Vorstellung eines Dreiecks, "das einen rechten Winkel hat"; zweitens Vorstellungen von Gegenständen, die
    "als durchaus einfache gar keine Teile haben, während doch ihre Vorstellung sichtbar aus mehreren Teilen zusammengesetzt ist; so ist ein jedes geistige Wesen ein durchaus einfacher Gegenstand; und der Begriff desselben ist gleichwohl aus mehreren Teilen zusammengesetzt".
Drittens: Vorstellungen von der Art wie "das Auge des Menschen, der Giebel des Hauses". Im Inhalt dieser Vorstellungen kommt die Vorstellung des Menschen, des Hauses als Bestandteil vor; und doch ist der Mensch kein Teil des Auges, das Haus kein Teil seines Giebels, sondern es findet vielmehr zwischen diesen Gegenständen das entgegengesetzte Verhältnis statt. Diese Art von Vorstellungen hält BOLZANO für am Besten geeignet, seine Behauptung in "unwidersprechlicher" Weise zu begründen. Viertens: Vorstellungen wie "ein Land, das keine Berge hat", "Ein Buch, das ohne Kupfer ist". "Denn diese weisen durch die in ihnen vorkommenden Vorstellungen: Berge, Kupfer offenbar nicht auf Teile hin, welche der ihnen unterstehende Gegenstand hat, sondern vielmehr auf solche, die ihm mangeln."

Das sind BOLZANOs Argumente dafür, daß in gewissen Vorstellungen materiale Bestandteile enthalten sind, durch welche nicht Bestandteile des unter sie fallenden Gegenstandes vorgestellt werden.

Auf das erste dieser Argumente legt BOLZANO selbst kein großes Gewicht. Denn
    "man bescheidet sich gern, daß es in einem solchen Fall nicht der ganze Satz, sondern nur eine in ihm vorkommende Vorstellung ist, welche auf einen, auch im Gegenstand anzutreffenden Teil hindeutet. Dies ist wirklich zuweilen der Fall; so bietet die Vorstellung eines rechtwinkligen Dreiecks, d. h. die Vorstellung eines Dreiecks, das einen rechten Winkel hat, in dem Satz: das einen rechten Winkel hat, die Vorstellung von einem rechten Winkel dar, der in der Tat auf einen in einem rechtwinkligen Dreieck vorkommenden Teil hindeutet."
Das ist aber nicht immer der Fall, sollen eben die an vierter Stelle zitierten Beispiele darlegen.

Was das zweite von BOLZANOs Argumenten betrifft, welches Vorstellungen einfacher Gegenstände ins Treffen führt, so haben wir bereits darauf hingewiesen, daß es einfache Gegenstände in dem Sinn, in welchem an denselben auch keine Beziehungen zu anderen Gegenständen unterschieden werden können, nicht gibt. Wenn wir einen einfachen Gegenstand, z. B. Gott, vorstellen, so tun wir dies gerade in der Weise, daß wir einzelne Relationen dieses Gegenstandes zu anderen Gegenständen vorstellen, Relationen, welche eben (metaphysische) Teile des in anderer Hinsicht allerdings einfachen Gegenstandes sind. Und in diesem Punkt ist BOLZANOs zweites Argument mit dem dritten und vierten gleich zu behandeln; es handelt sich in allen drei Fällen um Gegenstände, welche mittels Relationen, in denen sie zu anderen Gegenständen stehen, vorgestellt werden.

Solche Vorstellungen heißen indirekte. Die Form solcher Vorstellungen beschreibt KERRY in folgender Weise: Der Gegenstand eines solchen Begriffs wird gedacht vermöge einer Relation, deren eines Glied bekannt ist; er selbst ist das andere Glied und erscheint eben durch diese seine Stellung (als durch jene Relation und ihr bekanntes Glied) hinreichend bestimmt unter der Voraussetzung, daß fragliche Relation nach der Seite des unbekannten und darum zu bestimmenden Gliedes hin eine eindeutige ist. Daraus, daß es sich im vorliegenden Fall um verschiedene Relationen handeln kann, entspringt eine gewisse Mannigfaltigkeit der Art, jene Begriffe zu denken (98). Alle Beispiele, die BOLZANO im zweiten, dritten und vierten seiner Argumente anführt, gehören zur Art der eben mit den Worten KERRYs beschriebenen Vorstellungen.

Freilich darf man nicht glauben, daß an einem in dieser Weise indirekt vorgestellten Gegenstand nie etwas anderes vorgestellt wird, als daß er etwas ist, das zu einem anderen Gegenstand in der betreffenden Relation steht. Die Vorstellung "Vater des Sokrates" ist gewiß eine im erläuterten Sinn indirekte. Das bekannte Glied ist SOKRATES; die Relation jene, in welcher der Sohn zu seinem Vater als solchem steht; und SOPHRONISKOS ist das durch die Relatioin und deren eines bekannte Glied bestimmte andere Glied der Beziehung. "Sophroniskos" und "Vater des Sokrates" nennen beide denselben Gegenstand. - Aber die Relation der Vaterschaft ist eine solche, daß sie zu Gliedern nur männliche organische Wesen haben kann, und das bekannte Glied dieser Relation, SOKRATES, schließt die Vorstellung aller anderen organischen Wesen mit Ausnahme der Menschen aus. Was also durch jene indirekte Vorstellung vorgestellt wird, ist nicht schlechthin "ein Gegenstand, der zu Sokrates in der Beziehung der Vaterschaft steht", sondern: ein Mann, der usw. In manchen Fällen hingegen bestimmt die Relation nicht die Art von Gegenständen, welche zu einem gegebenen in Beziehung stehen; die indirekte Vorstellung ist dann eine in einem größeren oder geringeren Grad unbestimmte; z. B. die Vorstellung von etwas, das mein Eigentum ist. Es ist demnach die von KERRY betonte Eindeutigkeit der Relation keine notwendige Bedingung für das indirekte Vorstellen.

Die von BOLZANO angeführten Beispiele stehen zwischen beiden Arten indirekter Vorstellungen, den bestimmten und den unbestimmten, in der Mitte. Das Auge, welches zu einem Menschen in der Relation des Teils zum Ganzen steht, das Land, welches zu Bergen in der Relation steht, welche als Mangel, Fehlen von etwas bezeichnet wird, sind, um ein Wort ERDMANNs anzuwenden, nur unbestimmt bestimmte Gegenstände. Sie sind der Art nach, aber nicht individuell bestimmt.

Es fragt sich nun, ob die beschriebenen indirekten Vorstellungen, wie BOLZANO will, von der Art sind, daß in ihnen materiale Bestandteile vorkommen, durch welche nicht Teile des Gegenstandes dieser Vorstellungen vorgestellt werden. BOLZANOs Argumente scheinen bestechend. Wer ein Menschenauge vorstellt, stellt einen Menschen gewiß auch vor, und doch ist der Mensch kein Teil des Auges. Und wer die Vorstellung eines Landes ohne Berge hat, stellt gewiß auch Berge vor, und doch sind die Berge nicht Teile eines Landes, das dahin charakterisiert wird, daß es keine Berge hat. Man könnte nun den Ausweg einschlagen zu sagen, durch solche Vorstellungen würden mehrere Gegenstände, nicht nur einer, vorgestellt; und zwar sollen die vorgestellten Gegenstände eine Relation und die beiden Glieder derselben sein. Wer ein Land ohne Berge vorstellt, stelle sich vor: 1. ein Land, 2. Berge, 3. eine Relation zwischen diesen beiden Gegenständen, der zufolge der zweite vom ersten zu verneinen ist. Aber auch dieser Ausweg erweist sich als unmöglich, wenn man an die von uns (§ 7) gegebene Beschreibung dessen, was utner dem Gegenstand einer Vorstellung zu verstehen ist, denkt. Danach ist der Gegenstand einer Vorstellung das durch den diesen Vorstellungsinhalt bedeutenden Namen genannte, das unter Zugrundelegung dieses psychischen Inhalts Beurteilte, Begehrte oder Verabscheute. Das erste dieser Kriterien könnte zunächst zutreffend scheinen. Denn der zusammengesetzte Name "Auge des Menschen" nennt ja doch das Auge, den Menschen, während durch die Anfügung des zweiten Namens in casu obliquo [in einem anderen Fall - wp] an den ersten die Beziehung zwischen beiden Gegenständen zum sprachlichen Ausdruck kommt. Aber es muß doch ein Unterschied bestehen zwischen diesem zusammengesetzten Namen und der gesonderten Anführung jedes Bestandteils desselben als eines Namens für sich. Und daß die angeführten Namen nicht eine einfache Zusammenziehung dreier Namen sind, geht als Folgendem hervor:

Wäre der Gegenstand der Vorstellung des Landes ohne Berge ein Komplex, gebildet aus dem Land, den Bergen und einer Beziehung zwischen beiden, so müßte dieser Komplex dasjenige sein, was durch ein auf das "Land ohne Berge" gerichtetes Urteil beurteilt, durch eine darauf bezügliche Gemütstätigkeit begehrt oder verabscheut würde. Aber dies ist offenbar nicht der Fall. Wenn jemand sagt, er liebe ein Land ohne Berge, so sagt er damit nicht, daß er Berge liebt; und wenn jemand eine Menschenauge beurteilt, so geht sein Urteil nur auf das Auge des Menschen, nicht auch auf den Menschen. Gehörte aber dieser zum "Menschenauge" genannten Komplex, so müßte er auch vom Urteil getroffen werden. Wenn dann jemand sagt, es existiere ein Land, in welchem es kein hölzernes Eisen gibt - offenbar ein wahres Urteil - so würde er auch die Existenz eines hölzernen Eisens behaupten. Durch die Vorstellung eines Menschenauges, eines Landes ohne Berge werden also auch nicht drei Gegenstände in irgendeiner Verbindung vorgestellt; die Annahme, daß hier einem Inhalt mehrere Gegenstände gegenüberstehen, erweist sich als unhaltbar.

Und wieder stehen wir von der Tatsache, daß, wer ein Menschenauge nennt, den Menschen vorstellt, und der Mensch doch nicht zum genannten Gegenstand gehören kann, weil er mit diesem zugleich beurteilt, begehrt oder verabscheut werden müßte. Trotzdem dürfen wir BOLZANOs Argumenten nicht weichen, da dieselben auf einer Verwechslung des Inhalts einer Vorstellung, also der Bedeutung des diese Vorstellung bezeichnenden Namens, mit den der sogenannten inneren Sprachform, dem Etymon [ursprüngliche Form und Bedeutung eines Wortes - wp] verwandten Hilfsvorstellungen beruhen. Sobald wir diese zwei Dinge streng auseinanderhalten, ergibt sich, daß auch die indirekten Vorstellungen in ihrem Inhalt keinen einzigen materialen Bestandteil enthalten, durch den nicht ein Teil ihres Gegenstandes vorgestellt würde.

Von einer inneren Sprachform spricht man bekanntlich dort, wo sich an ein sinnlich wahrnehmbares Zeichen, z. B. einen Laut, zunächst eine Vorstellung knüpft,
    "die nicht gemeint ist, sondern nur dazu dienen soll, die Bedeutung zu vermitteln. Sie ist nicht das Bezeichnete, sondern selbst ein Zeichen, so gut wie der Laut." (99)
Diese sich zunächst an den Laut knüpfende Vorstellung nennt man die innere Sprachform. Wenn sich an den Namen "Erde in jener Zeit, da das Etymon desselben jedem Sprechenden zum Bewußtsein kam, die Vorstellungen des Pflugs und seiner Anwendung knüpften, so waren diese Vorstellungen damals ebensowenig wie heute die Bedeutung des Namens. Sie dienten nur dazu, die Vorstellung des Gegenstandes hervorzurufen, auf welchen der Pflug Anwendung findet, und waren also wirklich nichts anderes als Zeichen, die den gemeinten Vorstellungsinhalt erweckten, wie es heute der Name "Erde" allein ist, welcher jenen Inhalt ohne die Vermittlung von Hilfsvorstellungen erweckt.

Die Vorstellung des Menschen erfüllt nun gegenüber der Vorstellung des Menschenauges denselben Zweck, wie das Etymon gegenüber der an dasselbe assoziierten Vorstellung, der wahren Bedeutung des betreffenden Namens. Hören wir, wie sich MARTY darüber äußert:
    "Soweit die Vorstellungen der inneren Form ... bloß das Verständnis vermitteln, ... kann man sie nicht unpassend mit den umschreibenden Definitionen vergleichen. Auch diese geben ja nicht direkt die Bedeutung des zu definierenden Namens an, sondern erwecken zunächst gewisse Hilfsvorstellungen, die geeignet sind, auf jene hinzuführen, und sind darum Rätselaufgaben verwandt, nur daß dabei nicht die Schwierigkeit, sondern die möglichste Leichtigkeit der richtigen Lösung beabsichtigt und ein Vorzug ist. Die zirkuläre Definition macht bald ein proprium des fraglichen Begriffs, bald ein Genus, bald seine Species oder überhaupt Beispiele desselben namhaft, sie weist auf unzweideutige Analogien oder auf Gegensätze hin, sie gibt die Ursachen, die Wirkungen des gemeinten Gegenstandes oder irgendein anderes festes Korrelat desselben an, oft aber macht sie auch bloß eine zufällige Beziehung desselben geltend, die nur unter den gerade obwaltenden Umständen dem Hörer den gewünschten Aufschluß gibt. So wäre es, wenn einer zum Beispiel den Sinn eines Farbennamens durch den Hinweis darauf erklären würde, daß die fragliche Farbe diejenige eines in der Umgebung befindliche Möbel- oder Kleidungsstückes ist." (100)
Wir haben in diesem Zitat das für unsere Zwecke besonders Wichtige durch den Druck hervorgehoben. Die Lösung von BOLZANOs Argumenten ergibt sich danach in folgender Weise: Wer sich des Namens "Land ohne Berge" bedient, erweckt durch denselben im Hörer die Vorstellung von Bergen, die Vorstellung eines Urteils, welches die Berge einem Land abspricht, und die Vorstellung eines Landes. Die ersten zwei Vorstellungen sind Hilfsvorstellungen, dazu bestimmt, die Vorstellung eines Landes von bestimmter Beschaffenheit wachzurufen. Die Vorstellung dieses Landes ist die wahre Bedeutung des Namens "Land ohne Berge"; was sonst noch an Vorstellungen im Hörer auftritt, gehört nicht zur Bedeutung dieses Namens, sondern dient nur dazu, diese Bedeutung zu Bewußtsein zu bringen. Daß die Aufgabe dieser Hilfsvorstellungen tatsächlich dieselbe ist, wie die von Namen, und darin besteht, den gemeinten Inhalt im Hörer zu erwecken, geht auch daraus hervor, daß sich anstelle des Namens "Land ohne Berge" ein anderer, etwa "ebenes Land" setzen läßt, in welchem die Funktion, welche dort auf Sprachzeichen und Hilfsvorstellungen verteilt war, durch die Sprachzeichen allein versehen wird. Was durch die beiden Namen bedeutet wird, der Inhalt der durch sie erweckten Vorstellungen, ist ein und dasselbe, ebenso wie das Genannte in beiden Fällen ein und derselbe Gegenstand ist.

Allgemein gesprochen, liegen die Verhältnisse bei indirekten Vorstellungen folgendermaßen: Jeder indirekt vorgestellte Inhalt kommt durch die Vermittlung von Hilfsvorstellungen zustande. Diese sind - man erinnere sich an KERRYs Beschreibung der indirekten Vorstellung - die Vorstellung des bekannten Gliedes der Relation und zum Teil auch die Vorstellung dieser Relation. Denn letztere ist ein Teil der Vorstellung sowohl des bekannten Gliedes, als auch des unbekannten, indirekt vorgestellten Gliedes. In ersterer Hinsicht bildet sie einen Teil der Hilfsvorstellung, in letzterer Hinsicht gehört sie als materialer Bestandteil zum eigentlich gemeinten Inhalt. Durch die Hilfsvorstellung wird nun gewiß auch ein Gegenstand vorgestelt, aber wie die Vorstellung dieses Gegenstandes nicht durch den die indirekte Vorstellung bedeutenden Namen gemeint ist, so wird er auch nicht durch diesen Namen genannt.

Da nun die Beispiele, die BOLZANO zur Verteidigung seiner Lehre bringt, alle indirekte Vorstellungen sind, so sind sie in der beabsichtigten Richtung nicht beweiskräftig. Denn die Vorstellung des Menschen ist kein Teil der Vorstellung des menschlichen Auges, sondern eine von dieser wohl zu unterscheidende Hilfsvorstellung, dazu bestimmt, als Zeichen die eigentlich gemeinte Vorstellung, die eines Auges von bestimmter Beschaffenheit zu erwecken. Die Relation, welche hier zwischen dem bekannten und unbekannten Glied stattfindet, ist die des Ganzen zum Teil. Hätten wir einen Namen, der, ohne den Menschen zu erwähnen, sein Auge bezeichnen würde, so wäre es noch einleuchtender, daß die Vorstellung des Menschen kein Bestandteil der Vorstellung des menschlichen Auges ist. Man vergleiche das oben gegebene Beispiel: Sophroniskos = Vater des Sokrates.

In der Vorstellung des Landes ohne Berge finden wir das Gleiche. Die Beziehung zwischen dem bekannten und unbekannten Glied ist hier die des Fehlens; eine Beziehung, die dann zwischen zwei Gegenständen besteht, wenn der eine dem anderen abgesprochen werden muß. Zu den Hilfsvorstellungen, welche eine indirekte Vorstellung dieser Art erwecken, gehört also immer die Vorstellung eines Doppelurteils (101). Solche Hilfsvorstellungen sind bei allen sogenannten negativen Vorstellungen, welche eine Klasse der indirekten bilden, nachweisbar.

Wir sehen also, daß die indirekten Vorstellungen keine materialen Bestandteile enthalten, durch die nicht Teile des ihnen entsprechenden Gegenstandes vorgestellt werden. Außer den drei Gruppen materialer Bestandteile eines Vorstellungsinhaltes, durch welche bzw. materiale Bestandteile des Gegenstandes, seine primären und seine sekundären formalen Bestandteile (selbstredend nicht in ihrer Vollständigkeit) vorgestellt werden, gibt es keine anderen materialen Bestandteile eines Vorstellungsinhaltes.

Ehe wir diesen Paragraphen schließen, wollen wir noch der Frage gedenken, welches Verhältnis zwischen der Vorstellung eines Gegenstandes und der Vorstellung von der Vorstellung dieses Gegenstandes besteht. Zu logisch-erkenntnistheoretischen Zwecken hat KERRY diese Frage untersucht und ist zu dem Resultat gekommen, daß die Vorstellung einer Vorstellung gleich ist dieser Vorstellung selbst (102). Er sagt:
    "Der Begriff eines Begriffs ist ein zusammengesetzter Begriff, dessen nächste Begriffsteile sind: die allgemeine Beziehung zwischen Begriff und Gegenstand (a) und der Begriff selbst (b). Es ist unmittelbar klar, daß das Verständnis des Bestandteils (b) äquivalent ist der Kenntnis des betrachteten Begriffs. ... In der Tat bringt der Begriff eines Begriffs zum primären Begriff nichts Neues hinzu, sondern ist nur eine Kopie des primären Begriffs; der Begriff eines Begriffs ist gleich dem Begriff selbst. ... Die erwähnte Funktion hat übrigens ein strenges Analogon an der, wenn man will, in infinitum fortlaufenden Kette von Bejahungen desselben beurteilbaren Inhalts: Die Bejahung der Bejahung ist gleich der Bejahung selbst."
Wir müssen hier zwischen Wahrem und Falschem unterscheiden. Wenn wir den vorgestellten Gegenstand G, den Inhalt der Vorstellung des Gegenstandes I und den Inhalt der Vorstellung von I : Iv nennen, so ergibt ein Vergleich zwischen I und Iv Folgendes: Die materialen Bestandteile von I sind Vorstellungen der Bestandteile von G. Neben diesen materialen Bestandteilen enthält aber I auch noch formale Bestandteile. Stellt man nun I selbst vor, so ist dieses der Gegenstand (Gvm = I) der Vorstellung, deren Inhalt Iv heißt. Die materialen Bestandteile von Iv sind Vorstellungen von materialen und formalen Bestandteilen von I. Ein Teil der materialen Bestandteile von Iv hat zum Gegenstand die materialen Bestandteile von I; diese haben wieder zum Gegenstand die materialen und formalen Bestandteile von G. Ein anderer Teil der materialen Bestandteile von Iv hat zum Gegenstand, da sie überhaupt keine Vorstellungen sind. Die Vorstellung einer Vorstellung bringt also zur primären Vorstellung insofern etwas Neues hinzu, als durch Iv auch die formalen Bestandteile von I vorgestellt werden; als Kopie von I kann man hinwiederum Iv in dem Sinne bezeichnen, daß durch Iv kein Bestandteil von G zu Bewußtsein kommt, der nicht schon durch I, die primäre Vorstellung, vorgestellt würde. Für die Kenntnis des Begriffsgegenstandes ist also die Vorstellung von der Vorstellung desselben äquivalent der primären Vorstellung des Gegenstandes; schlechthin gesprochen sind aber I und Iv nicht nur durch einen anderen Gehalt an Bestandteilen voneinander verschieden, sondern auch dadurch, daß der Gegenstand von Iv eine Vorstellung, I = Gvm und der Gegenstand von I : G ist.

Das Analogon, welches KERRY für seine Auffassung aus dem Gebiet der Urteilstätigkeit anführt, entspricht, genau betrachtet, der von uns gegebenen Darstellung des Verhältnisses zwischen einer Vorstellung und der Vorstellung dieser Vorstellung. Denn wenn man die Bejahung eines Gegenstandes bejaht, so bejaht man hierdurch hinsichtlich des Gegenstandes der primären Bejahng um nichts mehr als durch die primäre Bejahung selbst. Die zweite Bejahung ist also der ersten in logischer Hinsicht, soweit dieselbe den Gegenstand der ursprünglichen Bejahung betrifft, äquivalent. Ein Unterschied besteht aber zwischen beiden Bejahungen insofern, als durch die zweite Bejahung nicht nur implizit der Gegenstand der ersten Bejahung, sondern auch diese selbst bejaht wird. In analoger Weise werden, wie wir gesehen haben, durch die Vorstellung Iv nicht nur durch die Vermittlung der materialen Bestandteile der Vorstellung I Bestandteile des Gegenstandes G, sondern gleichzeitig auch formale Bestandteile des Inhalts I vorgestellt. Diesen letzteren entpsricht in der angezogenen Analogie die primäre Bejahung als fragliches Phänomen; jenen, den mittelbar vorgestellten Bestandteilen von G, der schon durch die primäre Bejahung bejahte Gegenstand.


§ 15. Die Gegenstände der
allgemeinen Vorstellungen

Wir haben oben (§ 6 und 4) eines Arguments gedacht, dessen sich KERRY bedient, um die Verschiedenheit von Vorstellungsinhalt und Vorstellungsgegenstand darzulegen. Zugleich bemerkten wir, daß wir uns aus später zu erörternden Gründen dieses Arguments nicht bedienen können. Dasselbe stützt sich auf den Umstand, daß zu einem Allgemeinbegriff eine Mehrzahl von Begriffsgegenständen gehört, und infolgedessen Begriffsinhalt und Begriffsgegenstand nicht zu identifizieren sind (103). Es erwächst uns nunmehr die Verpflichtung, den Grund anzugeben, aus dem wir eine Geltendmachung dieses von KERRY benützten Arguments für unstatthaft erklärt haben.

Dieser Grund ist kein anderer als der, daß es Vorstellungen, zu denen eine Mehrheit von Gegenständen gehören würde, nicht gibt. Zwar wird fast allgemein das Gegenteil angenommen; BOLZANO behauptet sogar, es habe noch niemand bestritten, daß es Vorstellungen gibt, die sich auf eine unendliche Menge von Gegenständen beziehen (104). Wenngleich nun seit BOLZANO viele Logiker aufgetreten sind, so wird man dennoch auch bei ihnen vergeblich die ausdrückliche Behauptung suchen, daß es keine Vorstellungen gibt, denen eine Mehrheit von Gegenständen entsprechen würde. Daß sich die Sache trotzdem so verhält, wie wir es behaupten, wollen wir im Folgenden zu erweisen versuchen.

Wenn es Vorstellungen gibt, denen eine Mehrheit von Gegenständen entspricht, so müssen die Gegenstände zumindest in jenen Fällen, wo ihre Anzahl eine endliche ist, zählbar sein. Man meint nun tatsächlich die Gegenstände einer solchen Vorstellung zählen zu können. In dieser Meinung nun liegt eben der Irrtum. Denn was man zählt, das sind nicht die Gegenstände, auf welche sich die betreffende Allgemeinvorstellung bezieht, sondern Gegenstände ebenso vieler anderer Vorstellungen, als man eben Gegenstände zählt. Man beobachte den Vorgang, wie er bei der Zählung irgendwelcher Gegenstände Platz greift. Wenn ich etwa die Bilder, die in diesem Zimmer hängen, zählen will, so ist zunächst in meinem Bewußtsein die allgemeine Vorstellung des "in diesem Zimmer hängenden Bildes" gegeben. Aber mit Hilfe dieser allgemeinen Vorstellung kann ich noch nicht zählen. Will ich das Zählen in Angriff nehmen, so stellt sich die Notwendigkeit heraus, die einzelnen Bilder selbst vorzustellen. Und nur indem ich dies tue, hierbei jedes Bild als von den anderen verschieden vorstelle und die Aufmerksamkeit darauf ruht, daß kein zwecks Zählung vorgestelltes Bild ein zweites Mal zum gleichen Zweck vorgestellt wird, kann ich die Zählung durchführen. Es dürfte dies übrigens von niemandem geleugnet werden, daß man, um die zu irgendeiner "höheren" Einheit vereinigten Gegenstände zählen zu können, die Vorstellungen dieser einzelnen Gegenstände selbst haben muß.

Aber, wird man entgegnen, die Gegenstände, deren Einzelvorstellungen man haben muß, um sie zählen zu können, sind zugleich die Gegenstände einer all diesen Einzelvorstellungen übergeordneten, der betreffenden Allgemeinvorstellung, daß sie eine Mehrzahl von Gegenständen, deren jeder durch eine oder mehrere besondere Vorstellungen vorgestellt werden kann, wie mit einem Schlag zum Bewußtsein bringt.

Diese Behauptung kann nicht den Sinn haben, daß die allgemeine Vorstellung dasselbe leistet, wie die Einzelvorstellungen zusammengenommen. Wenn man das eine Mal eine Reihe von Gegenständen, die zu einer, sei es natürlichen, sei es künstlichen Gattung gehören, durch die entsprechenden Einzelvorstellungen sukzessive vorstellt, ein anderes Mal die betreffende Allgemeinvorstellung selbst hat, so leistet, wie von keiner Seite bestritten wird, diese Allgemeinvorstellung etwas anderes, als jene Einzelvorstellungen zusammengenommen. Dies geht u. a. daraus hervor, daß man eine Allgemeinvorstellung auch in solchen Fällen haben kann, in welchen die Anzahl der Gegenstände der entsprechenden Einzelvorstellungen und somit dieser selbst unendlich groß ist. Wäre z. B. die allgemeine Vorstellung der Zahl nichts anderes, als eine Zusammenfassung sämtlicher einzelner Vorstellungen aller besonderen Zahlen, so müßten die den einzelnen Zahlen eigentümlichen Beschaffenheiten ebensowohl angebbar sein, wenn man bloß die allgemeine Vorstellung der Zahl hätte, wie wenn man die einzelnen Vorstellungen sämtlicher besonderen Zahlen hätte. Dies ist nun offenbar nicht der Fall, und insofern leistet die allgemeine Vorstellung der Zahl weniger, als alle - übrigens in ihrer Vollständigkeit nie erreichbaren - einzelnen Vorstellungen der besonderen Zahlen. In einer anderen Hinsicht leistet jedoch die allgemeine Vorstellung mehr, als die ihr untergeordneten Einzelvorstellungen. Denn sie ermöglicht Urteile, die ihrerseits mehr leisten, als die einzelnen Urteile, welche sich auf die sukzessive vorgestellten Gegenstände beziehen, in ihrer Gesamtheit zu leisten vermögen. Das Urteil: In alle Dreiecken, oder im Dreieck als solchem beträgt die Winkelsumme 180°, hat einen anderen logischen Wert als die Urteile: Im Dreieck a beträgt die Winkelsumme 180° usw. zusammengenommen. Ein auf diese Weise durch eine in diesem Fall unmögliche vollständige Induktion gewonnenes Urteil hat nicht jene Geltung, wie das Urteil, welches mit Hilfe der Allgemeinvorstellung des Dreiecks gewonnen wird. Und ist nicht der Umstand, daß man das Urteil: in jedem Dreieck beträgt die Winkelsumme 180°, mit Evidenz fällt, trotzdem eine vollständige Induktion unmöglich ist, ein Beweis dafür, daß die Allgemeinvorstellung des Dreiecks mehr leistet, als alle Einzelvorstellungen der besonderen Dreiecke zusammgenommen?

Wenn aber die allgemeine Vorstellung etwas anderes ist als eine Summenformel für eine endliche oder unendliche Reihe von Einzelvorstellungen, worin besteht dann ihre Eigentümlichkeit? Darin, sagt man, daß durch sie das den Gegenständen aller Einzelvorstellungen Gemeinsame als solches vorgestellt wird. Gibt man dies zu, was man wohl muß, so ist damit zugleich eingeräumt, daß der Gegenstand der Allgemeinvorstellung verschieden ist von den Gegenständen der ihr untergeordneten Einzelvorstellungen. Nun könnte man einwenden, man stelle jene Bestandteile, welche ein Gegenstand mit anderen gemeinsam hat, auch dann vor, wenn man diesen besonderen Gegenstand vorstellt, nur daß man nicht den Umstand berücksichtigt, daß eben diese Bestandteile diesem Gegenstand mit anderen gemeinschaftlich zukommen. Die allgemeine Vorstellung unterscheidet sich demnach von den ihr untergeordneten einzelnen nur dadurch, daß durch erstere noch ein Merkmal, eine bestimmte Beziehung gewisser Bestandteile des Gegenstandes zu gewissen Bestandteilen anderer Gegenstände, nämlich die Gemeinsamkeit dieser Bestandteile vorgestellt wird. Der Gegenstand der allgemeinen Vorstellung des Dreiecks soll also kein anderer sein, als der einer beliebigen Einzelvorstellung desselben Gegenstandes, nur daß durch erstere eine Beziehung gewisser Teile des Gegenstandes zu gewissen Teilen anderer ihm ähnlicher Gegenstände vorgestellt wird, was bei letzterer nicht der Fall ist. Eine Allgemeinvorstellung des Dreiecks würde sich demnach zu einer Einzelvorstellung eines besonderen Dreiecks verhalten, wie etwa die Vorstellung PLATOs als des Lehrers des ARISTOTELES zur Vorstellung PLATOs schlechthin. Durch jene wird ein bestimmtes Verhältnis PLATOs zu einem anderen Gegenstand mitvorgestellt, durch diese wird PLATO vorgestellt, ohne daß sein Verhältnis zu ARISTOTELES zu Bewußtsein käme. Die Analogie scheint einwurfslos und treffend; dennoch ist es ein Irrtum, sie zu behaupten. In Wahrheit besteht diese Analogie gar nicht. Vom Gegenstand der Vorstellung PLATOs als Lehrer des ARISTOTELES läßt sich alles behaupten, was vom Gegenstand der Vorstellung PLATOs schlechthin gilt. Man kamm vom ersteren ebensogut wie vom letzteren sagen, er sei in der 88. Olympiade geboren, habe ursprünglich ARISTOKLES geheißen, Dialoge verfaßt, in der Akademie gelehrt usw. Wenn man nun eine Allgemeinvorstellung des Dreiecks hat, so kann man von ihrem Gegenstand nicht dasselbe aussagen, wie vom Gegenstand einer Einzelvorstellung eines bestimmten Dreiecks. Von letzterem kann man sagen, es habe etwa 2 Quadratzentimeter Flächeninhalt, einen rechten und zwei spitze Winkel und dgl. Alle diese Aussagen gelten jedoch nicht vom Gegenstand einer allgemeinen Vorstellung des Dreiecks. Da kann man nicht sagen, das Dreieck habe 2 Quadratzentimeter Flächeninhalt, einen rechten und zwei spitze Winkel usw. Denn die Allgemeinvorstellung eines Dreiecks ist weder die Vorstellung eines rechtwinkligen Dreiecks noch die eines Dreiecks von einem bestimmten Flächeninhalt. Hat man nun zwei Vorstellungen, von deren Gegenständen durchwegs die gleichen Urteile gelten, so sind diese Vorstellungen Wechselvorstellungen und der Gegenstand in Wahrheit nur Einer. Hat man jedoch zwei Vorstellungen, die ihrem Inhalt nacheinander noch so ähnlich sein können, von deren Gegenständen jedoch nicht dieselben Urteile gelten, so sind diese Gegenstände voneinander verschieden. Da das letztere Verhältnis bei der Allgemeinvorstellung im Vergleich zur Einzelvorstellung stattfindet, so müssen wir den Gegenstand der Allgemeinvorstellung für verschieden vom Gegenstand einer beliebigen ihr untergeordneten Einzelvorstellung erklären.

Das, was durch eine Allgemeinvorstellung vorgestellt wird, ist demnach eine Gruppe von Bestandteilen, welche mehreren Gegenständen gemeinsam sind. Diese Gruppe von Bestandteilen wird als ein zusammengehöriges Ganzes vorgestellt; dieses ist der Gegenstand der allgemeinen Vorstellung. Ihn mit dem Gegenstand der Einzelvorstellung zu identifizieren, geht ebensowenig an, wie die Identifikation etwa der Zahl Zehn mit der Zahl Hundert (als Vorstellungsgegenstand genommen), obgleich in der Vorstellung der Zahl Hundert die Vorstellung der Zahl Zehn enthalten ist. Der Grund der allgemeinen Vorstellung ist eben ein Teil des Gegenstandes einer ihr untergeordneten Vorstellung, der zu bestimmten Teilen von Gegenständen anderer Einzelvorstellungen im Verhältnis der Gleichheit steht.

Die allgemeine Vorstellung ist stets eine indirekte, unanschauliche, und zwar eine in dem Grad unanschauliche, daß sie von vielen gleich jenen Vorstellungen, deren Gegenstände einander widersprechende Merkmale aufweisen, für geradezu unvollziehbar gehalten und ihre Existenz geleugnet worden ist. Daß es aber solche Vorstellungen dennoch gibt, muß derjenige zugeben, der einräumt, daß sich über ihre Gegenstände etwas aussagen läßt. Und dies ist offenbar der Fall. Anschaulich vermag niemand ein "allgemeines" Dreieck vorzustellen; ein Dreieck, welches weder recht-, noch spitz-, noch stumpfwinklig wäre, keine Farbe und keine bestimmte Größe hätte; aber eine indirekte Vorstellung eines solchen Dreiecks gibt es ebenso gewiß, wie es indirekte Vorstellungen eines weißen Rappen, einer hölzernen Stahlkanone und dgl. gibt.

Daß die allgemeine Vorstellung einen Gegenstand hat, der verschieden ist von den Gegenständen der ihr untergeordneten Einzelvorstellungen, ist bekanntlich keine neue Lehre. PLATOs Ideen sind nichts anderes, als Gegenstände allgemeiner Vorstellungen. PLATO schrieb diesen Gegenstände eine Existenz zu. Heute tun wir dies nicht mehr; der Gegenstand der allgemeinen Vorstellung wird von uns vorgestellt, existiert aber nicht, und man kann höchstens in dem Sinn von seiner Existenz sprechen, als er sich in den Gegenständen der entsprechenden Einzelvorstellungen in einer durch die individuellen Beschaffenheiten derselben einigermaßen modifizierten Form aufweisen läßt. Es kann billig Wunder nehmen, daß der seinerzeit anerkannte Gegenstand der allgemeinen Vorstellung in neuester Zeit häufig übersehen zu werden pflegt, und daß man nicht von einem besonderen, der allgemeinen Vorstellung als solcher entsprechenden Gegenstand spricht, sondern ohne Weiteres die Gegenstände der ihr untergeordneten Einzelvorstellungen an seine Stelle setzt. Wir haben nunmehr die mutmaßlichen Entstehungsursachen dieses Irrtums aufzudecken. Gelingt uns dies, so wird sich hierdurch eine Stütze für die hier vertretene Ansicht bieten. Vorerst sei noch bemerkt, daß wir zwecks Vereinfachung des Ausdrucks statt von Gegenständen der allgemeinen und Einzelvorstellungen von allgemeinen und einzelnen Gegenständen sprechen werden, hierin der Meinung ERDMANNs folgend, welcher diese Ausdrucksweise für die genauere hält. (105)

Der Grund, weshalb man den allgemeinen Gegenstand häufig übersieht, scheint ein doppelter zu sein und teils in sprachlichen, teils in psychologischen Verhältnissen zu liegen. Die Sprache bedient sich nämlich für die Bezeichnung der allgemeinen und der entsprechenden einzelnen Gegenstände oft gleicher Namen. Daß der Name des einzelnen Gegenstandes von dem des allgemeinen auch verschieden sein kann, lehrt die Tatsache, daß es Eigennamen gibt. Auch dort, wo keine eigentlichen Eigennamen zu Gebote stehen, unterscheiden sich die Namen der einzelnen Gegenstände oft von jenen der allgemeinen. In Sprachen, welche sich den bestimmten Artikel bewahrt haben, ist das Substantiv in Verbindung mit diesem, in Sprachen, denen der bestimmte Artikel verloren gegangen ist, das Substantiv ohne Zusatz in der Regel der eigentliche Name für den allgemeinen Gegenstand. Wo es sich um die Bezeichnung eines einzelnen Gegenstandes handelt, wird nicht selten ein zusammengesetzter Ausdruck verwendet, der sich aus dem zur Bezeichnung des entsprechenden allgemeinen Gegenstandes dienenden Substantiv und einem Zusatz zu demselben zusammensetzt. Dieser Zusatz ist je nach Umständen entweder ein Demonstrativpronomen oder ein sogenanntes unbestimmtes Pronomen (irgend ein, ein gewisser und dgl.) oder ein Nebensatz, welcher individualisierende Merkmale des Gegenstandes anführt und dgl. mehr.

Jedenfalls besteht zwischen den Namen der allgemeinen und der entsprechenden besonderen Gegenstände - wenn sie einander nicht gleich sind - oft eine Ähnlichkeit, welche zur Erklärung der Tatsache zu genügen scheint, daß man, die genannten Gegenstände für identisch haltend, annahm, ein allgemeiner Name sei die gleichsam summarische Bezeichnung aller Gegenstände, welche durch die entsprechenden besonderen Namen einzeln bezeichnet werden. Hiermit erscheint der eine mutmaßlich Grund für das Übersehen der allgemeinen Gegenstände aufgedeckt.

Der andere Grund liegt in dem psychologischen Verhältnis, welches zwischen dem Vorstellen eines allgemeinen Gegenstandes und dem von einzelnen Gegenständen obwaltet. Es besteht das psychologische, bereits von ARISTOTELES aufgestellte Gesetz, daß man niemals eine unanschauliche Vorstellung haben kann, ohne daß dieselbe von einer (oder mehreren) anschaulichen begleitet wäre. Wer die Vorstellung der Zahl 1000 hat, denkt diese Zahl, von der er nie ein anschauliches Bild haben kann, doch niemals ohne die anschauliche Vorstellung eines anderen Gegenstandes, der zu dieser Zahl in einer bestimmten Beziehung steht. Bei den unanschaulichen Zahlvorstellungen ist es gewöhnlich die schriftliche Form, die Ziffer, welche anschaulich vorgestellt wird samt ihrer Beziehung auf die Zahl, welche darin besteht, daß der Gegenstand der anschaulichen Vorstellung, die Ziffer, zum Gegenstand der unanschaulichen Vorstellung, der Zahl, im Verhältnis des Zeichens zum Bezeichneten steht. (Auf dieser Relation beruth das von LEIBNIZ "symbolisch" genannte Denken.) Ein Ähnliches findet bei in so hohem Grad unanschaulichen Vorstellungen statt, wie es die Vorstellung etwa eines weißen Rappen ist. Entweder beschränkt sich diese Vorstellung auf ein bloß (im Sinne von LEIBNIZ) symbolisches Denken des Gegenstandes mittels des ihn bezeichnenden Namens, oder sie nimmt die anschauliche Vorstellung des Rappen zu Hilfe und bildet den Gegenstand der selben durch das Mitvorstellen eines negativen (der Rappe ist nicht schwarz) und eines positiven (der Rappe ist weiß) Urteils, welche Urteile beide falsch sind und als solche vorgestellt werden (- daher die sogenannte "Unvollziehbarkeit" solcher Vorstellungen -), zum Gegenstand der Vorstellung eines weißen Rappen um. Die Art nun, in welcher die allgemeinen Gegenstände vorgestellt werden, ist die gleiche, wie in den angeführten Fällen indirekten Vorstellens. Ein allgemeiner Gegenstand kann nur auf eine indirekte Weise vorgestellt werden. Seine Vorstellung bedarf einer anschaulichen Hilfsvorstellung. Diese ist eine der Vorstellung der allgemeinen Gegenstandes untergeordnete Einzelvorstellung. Wer den Menschen im Allgemeinen vorstellt, kann dies nicht - wieder, wenn dieses Vorstellen kein bloß symbolisches ist - ohne einen einzelnen Menschen vorzustellen. Und auch hier spielen vorgestellte Urteile die Vermittlerrolle zwischen der Vorstellung des einzelnen und jener des allgemeinen Menschen. Diese vorgestellten Urteile betreffen die bestimmte Größe, Hautfarbe - kurz alles, was zusammengenommen die Individualität des einzelnen Menschen ausmacht, indem dieselbe nicht wirklich - denn die Urteile sind nur vorgestellte im modifizierenden Sinn des Wortes - geleugnet, sondern als geleugnet vorgestellt wird. Da nicht nur eine, sondern mehrere, ja oft unendlich viele Einzelvorstellungen gleich geeignet sind, für das Zustandekommen der unanschaulichen Vorstellung des allgemeinen Gegenstandes behilflich zu sein, und demnach eine ganze Reihe von Einzelgegenständen sukzessive zu Bewußtsein kommen kann, während man einen einzigen allgemeinen Gegenstand vorstellt, und da ferner die Vorstellungen dieser Einzelgegenstände, indem sie anschauliche sind, gewissermaßen eine größere Lebhaftigkeit besitzen, als die unanschauliche Allgemeinvorstellung, so entsteht leicht der Schein, als ob die Einzelgegenstände der psychologisch bedingten Hilfsvorstellungen eigentlich dasjenige sind, was durch die gegenüber jeder dieser Hilfsvorstellungen konstant festgehaltene Allgemeinvorstellung vorgestellt wird. Wie aber der Gegenstand der Vorstellung der Zahl 1000 verschieden ist vom Gegenstand der hierbei mitwirkenden Hilfsvorstellung der diese Zahl bezeichnenden Ziffer, wie ferner der Gegenstand der Vorstellung des weißen Rappen verschieden ist vom Gegenstand der gleichzeitig auftretenden Vorstellung des Rappen, so ist auch der Gegenstand der Allgemeinvorstellung ein anderer, als der Gegenstand der jene Vorstellung ermöglichenden Einzelvorstellung, oder falls mehrere solche Einzelvorstellungen sukzessive auftreten, die denselben entsprechenden Gegenstände. Nur indem man dies übersah, konnte man diese Einzelgegenstände durch die ihren Einzelvorstellungen übergeordnete Allgemeinvorstellung vorgestellt werden lassen; und hierin liegt die psychologische Ursache des Irrtums, einer Allgemeinvorstellung mehrere, ja unendlich viele Gegenstände zuzuschreiben.

Was durch die Allgemeinvorstellung vorgestellt wird, ist ein ihr spezifisch eigentümlicher Gegenstand. Die Gegenstände der dieser Allgemeinvorstellung untergeordneten Vorstellungen werden nicht durch die Allgemeinvorstellung, sondern durch die mit ihr als ihre Hilfsvorstellungen auftretenden Einzelvorstellungen vorgestellt, deren Zahl keine bestimmte ist, je nach den in der Allgemeinvorstellung selbst oder im vorstellenden Subjekt liegenden Bedingungen bald größer, bald geringer sein kann, niemals jedoch unter eins gehen darf. In dieser Miterregung von Einzelvorstellungen durch Namen, die eine allgemeine Vorstellung bedeuten, liegt der Sinn der kantischen Lehre, der Begriff (= Allgemeinvorstellung) beziehe sich mittelbar, mittels eines Merkmals, das mehreren Dingen gemein sein kann, auf den Gegenstand, während sich die Anschauung (= Einzelvorstellung) auf den Gegenstand unmittelbar bezieht (106). In einem ähnlichen Sinn sagt ALOIS RIEHL:
    "Der Anschauung als der unmittelbaren Vorstellung eines Gegenstandes steht der Begriff als dessen mittelbare gegenüber, als Vorstellung desselben durch andere Vorstellungen oder einen Teil der anschaulichen Gesamtvorstellung." (107)
Es werden nämlich nach dem Gesagten durch eine Allgemeinvorstellung die Gegenstände der ihr untergeordneten Einzelvorstellungen insofern mittelbar vorgestellt, als die Vorstellung eines allgemeinen Gegenstandes eine oder mehrere Vorstellungen von Einzelgegenständen zur Bedingung hat. Doch ist dieses mittelbare Vorstellen der Einzelgegenstände durch die entsprechende Allgemeinvorstellung sehr cum grano salis [mit Wohlwollen - wp] zu verstehen, da ja, genau genommen, durch die allgemeine Vorstellung selbst nur der ihr eigentümliche allgemeine Gegenstand vorgestellt wird, die Einzelgegenstände jedoch durch eigene Vorstellungen vorgestellt werden, welche nur kraft psychologischer Gesetze jene allgemeine Vorstellung begleiten müssen. Und es läßt sich ganz gut eine vollkommenere psychische Organisation, als es die menschliche ist, denken, welche imstande wäre, allgemeine Gegenstände ohne Zuhilfenahme von Vorstellungen der entsprechenden Einzelgegenstände zu denken.

Als in Wahrheit mittelbare Vorstellung kann jedoch die allgemeine Vorstellung in dem Sinn bezeichnet werden, in welchem alle indirekten Vorstellungen mittelbare sind. Sie bedürfen, um erweckt zu werden, anderer Vorstellungen, der Hilfsvorstellungen; diese sind gleich den die allgemeine Vorstellung bedeutenden Namen ein Mittel, vergleichbar der inneren Sprachform, welche die allgemeine Vorstellung erwecken. Also sind die allgemeinen Vorstellungen zwar keine mittelbaren Vorstellungen von Gegenständen, aber in höherem Grad mittelbar erweckte Vorstellungen, als jene, zu deren Erweckung keine besonderen Hilfsvorstellungen erforderlich sind.

Aus dem über das Verhältnis einer Allgemeinvorstellung zu den entsprechenden Einzelvorstellungen Gesagte erklärt sich nunmehr die sich in vielen Fällen bis zur völligen Gleichheit steigernde Ähnlichkeit zwischen den Namen, der einen allgemeinen, und jenem, der eine Einzelvorstellung bedeutet. Alle Namen sind, wie wir wohl annahmen müssen, dort, wo sie das erste Mal angewendet werden, Namen von anschaulich, direkt vorgestellten Gegenständen (108). So ist das Wort "Meer" zunächst der Name eines bestimmten Meeres. Sobald nun die Notwendigkeit eintritt, allgemeine Gegenstände zu benennen, wird, weil ihre Vorstellungen nur durch das Mittel von Hilfsvorstellungen erweckbar sind, der Name, der ursprünglich die Einzelvorstellung bedeutet, auch genannt werden müssen, damit sich diese an ihn assoziiert und so mittelbar die allgemeine Vorstellung erweckt. Wir finden ja auch in den meisten Namen, welche eine indirekte Vorstellung bedeuten, die Namen, durch welche die Hilfsvorstellungen wachgerufen werden, wieder. Man denke an die aus BOLZANO zitierten Beispiele wie: Auge des Menschen, Land ohne Berge und dgl. Je enger die Assoziation, je konstanter das Verhältnis zwischen der Hilfsvorstellung und der gemeinten Vorstellung, der wahren Bedeutung des Namens ist, desto geringer werden die Unterschiede zwischen dem Namen einer Vorstellung sein, wenn sie als dessen Bedeutung auftritt, und dem Namen, der eine andere Vorstellung mittels jener Vorstellung als einer Hilfsvorstellung erweckt. Zwischen den Einzelgegenständen nun und den ihnen übergeordneten Allgemeingegenständen besteht immer das gleiche Verhältnis der Unter- bzw. Überordnung, ein Verhältnis, welches in letzter Linie darauf zurückzuführen ist, daß der allgemeine Gegenstand in einer bestimmten Weise einen metaphysischen Bestandteil der ihm untergeordneten Einzelgegenstände bildet. Dieser Umstand erklärt die Verwandtschaft zwischen den Namen für beiderlei Art von Gegenständen.


Ist es uns gelungen nachzuweisen, daß auch den sogenannten Allgemeinvorstellungen nur ein einziger Gegenstand entspricht, der von den Gegenständen der einer Allgemeinvorstellung untergeordneten Einzelvorstellungen verschieden ist, so erleiden die in dieser Untersuchung aufgestellten Sätze bezüglich der Allgemeinvorstellungen ebensowenig eine Modifikation oder Einschränkung, wie bezüglich der indirekten Vorstellungen. Sie gelten, - ihre Richtigkeit vorausgesetzt - für alle wie immer gearteten Vorstellungen ohne Ausnahme.
LITERATUR - Kasimir Twardowski, Zur Lehre vom Inhalt und Gegenstand der Vorstellungen, Wien 1894
    Anmerkungen
    86) KANT, Logik, hg. von JÄSCHE, Einleitung VIII
    87) KANT, Logik, a. a. O.
    88) TRENDELENBURG, Logischische Untersuchungen, Bd. II, Leipzig 1870, Seite 255.
    89) STÖCKL, Lehrbuch der Philosophie, Bd. I, § 75.
    90) Die zitierten Stellen siehe bei BENNO ERDMANN, a. a. O., § 23.
    91) SIGWART, Logik, Bd. I, § 41, 7.
    92) ERDMANN, a. a. O., Bd. I, § 33
    93) Über den naheliegenden Einwand, es gebe auch Vorstellungen, durch man mehrere Gegenstände vorstellt, die allgemeinen Vorstellungen, siehe weiter unten § 15.
    94) Wenn MEINONG sagt: "Identität wird von etwas ausgesagt, sofern es zugleich zu verschiedenen Dingen in Relation steht", so scheint dies eine Bestätigung unserer Ansicht, wonach die Einheitlichkeit eines Gegenstandes seiner Identität mit sich selbst der Natur nach vorausgeht. Denn identisch mit sich ist der Gegenstand dann, sofern er zugleich als einheitliches Ganzes zu seinen Bestandteilen in Eigenschaftsrelationen steht (MEINONG, Hume-Studien II, in den Sitzungsberichten der phil.-hist. Klasse der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Bd. 51, Wien 1882, VII § 2
    95) BOLZANO, a. a. O., § 64
    96) KERRY, Über Anschauung und ihre psychische Verarbeitung, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Jhg. X, Seite 422
    97) BOLZANO, a. a. O., § 63.
    98) KERRY, a. a. O., Jhg. X, Seite 461
    99) MARTY, Über das Verhältnis von Logik und Grammatik, Seite 106
    100) MARTY, a. a. O., Seite 112
    101) Unter Doppelurteilen sind im Gegensatz zu den einfachen solche zu verstehen, welche einen Gegenstand nicht nur anerkennen oder verwerfen, sondern ihm zugleich etwas zu- oder absprechen. (vgl. HILLEBRAND, Die neuen Kategorien der kategorischen Schlüsse, Wien 1891, § 67f.
    102) KERRY, a. a. O., Jhg. X, Seite 458f
    103) KERRY, a. a. O., Jhg. X, Seite 432
    104) BOLZANO, a. a. O., § 68
    105) ERDMANN, a. a. O., § 17. - ERDMANN ist meines Wissens der einzige unter den neuesten Forschern, welcher die allgemeinen Vorstellungen in dem hier behaupteten Sinn gelten läßt.
    106) KANT, Kritik der reinen Vernunft (KEHRBACH-Ausgabe), Seite 278; vgl. ebendort Seite 48.
    107) ALOIS RIEHL, Beiträge zur Logik, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. XVI, Leipzig 1892, Seite 7
    108) SIGWART, Logik, Bd. I, a. a. O., § 7, 7