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HEINRICH RICKERT
Die Grenzen der
naturwissenschaftlichen Begriffsbildung

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Einleitung
Erstes Kapitel - Die begriffliche Erkenntnis der Körperwelt
I. Die Mannigfaltigkeit der Körperwelt
II. Die Bestimmtheit des Begriffs
III. Die Geltung des Begriffs
IV. Dingbegriffe und Relationsbegriffe
V. Die mechanische Naturauffassung
VI. Beschreibung und Erklärung

Zweites Kapitel - Natur und Geist
I. Physisch und Psychisch
II. Begriffliche Erkenntnis des Seelenlebens
III. Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft
Drittes Kapitel - Natur und Geschichte
I. Begriffsbildung und empirische Wirklichkeit
II. Der Begriff des Historischen
III. Historische Bestandteile in den Naturwissenschaften
IV. Naturwissenschaft und Geschichtswissenschaft
Viertes Kapitel - Die historische Begriffsbildung
I. Das Problem der historischen Begriffsbildung
II. Das historische Individuum
III. Die teleologische Begriffsbildung
IV. Der historische Zusammenhang
V. Die geschichtliche Entwicklung
VI. Die naturwissensch. Bestandteile i. d. histor. Wissenschaften
VII. Geschichtswissenschaft und Geisteswissenschaft
VIII. Die historischen Kulturwissenschaften
Fünftes Kapitel - Naturphilosophie und Geschichtsphilosophie
I. Die naturalistische Geschichtsphilosophie
II. Die empirische Objektivität
III. Die metaphysische Objektivität
IV. Der erkenntnistheoretische Subjektivismus


Viertes Kapitel
Die historische Begriffsbildung

VII. Geschichtswissenschaft und Geisteswissenschaft

Trotzdem sind wir noch nicht fertig. Es gibt außer den logischen Unterschieden auch materiale, und es entsteht die Frage, ob und inwieweit ein methodologisch bedeutsamer Zusammenhang zwischen beiden aufweisbar ist. Erst wenn wir dies wissen, werden wir auch einen  sachlichen  Begriff der Geschichte erhalten, der enger sein muss als der bisher gewonnene, und den wir dann endlich mit dem in Verbindung bringen können, was man unter einer historischen Wissenschaft zu verstehen gewohnt ist.

Von den materialen Unterschieden der Objekte hat uns der Gegensatz von Natur und Geist schon beschäftigt, und er fällt auch am meisten ins Auge: die Geschichte behandelt hauptsächlich geistige Vorgänge. Hört man freilich von der „materialistischen Geschichtsauffassung”, so könnte es scheinen, als ob dies bezweifelt würde. Tatsächlich aber hat diese Auffassung mit der Frage, ob die historischen Objekte physisch oder psychisch sind, nichts zu tun. Selbst wenn es richtig wäre, dass alle geschichtlichen Bewegungen von „materiellen” Interessen bestimmt sind, d. h. von dem Streben nach den Dingen, durch welche das körperliche Dasein erhalten und gefördert wird, so sind doch die auf die „materiellen Güter” gerichteten Bestrebungen selbst immer Willensakte, also psychische Vorgänge, und von ihnen wird auch die materialistische Geschichtsschreibung handeln müssen.

Was hat nun die Tatsache, dass der Hauptgegenstand der Geschichte Seelenleben ist, mit den methodologischen Problemen zu tun? Weil der erste Begriff des Historischen nur aus dem Begriff der Grenzen, die den Naturwissenschaften gesteckt sind, entsprang, mussten wir unter logischen Gesichtspunkten die Bezeichnung „Geisteswissenschaft” für die Geschichte zunächst ganz ablehnen, und auch die teleologisch-historische Begriffsbildung scheint indifferent gegenüber dem Unterschied von Geist und Körper zu sein. Den umfassendsten Begriff des historischen Individuums konnten wir ja an der Gegenüberstellung zweier Körper gewinnen, um dann zu zeigen, dass er sich auch auf geistige Individuen übertragen lässt, ohne dass dabei etwas prinzipiell Neues hinzuzutreten braucht, und auch im weiteren Verlaufe der Untersuchung haben wir absichtlich die logischen Prinzipien ohne Berücksichtigung der sachlichen Eigentümlichkeiten des Psychischen entwickelt (1).

Dennoch müssen wir jetzt auch darauf achten, dass faktisch die Geschichtswissenschaften es vorwiegend mit geistigen Vorgängen zu tun haben, denn es ergeben sich daraus noch zwei Fragen. Sind aus dieser Tatsache nicht noch weitere, bisher notwendig unbedacht gebliebene Eigentümlichkeiten der historischen Methode abzuleiten, und, falls diese Frage verneint werden sollte, ist das überwiegen des Psychischen im historischen Stoff logisch rein zufällig, oder lässt es sich nicht aus dem Wesen der historischen Begriffsbildung verstehen? Diese zweite Frage ist nicht etwa mit der ersten schon mitbeantwortet, denn es bleibt, auch wenn der Begriff des Psychischen nicht geeignet ist, aus ihm logische Besonderheiten der historischen Darstellung zu gewinnen, doch möglich, dass das geistige Leben Eigenschaften besitzt, die in höherem Maße als das physische Sein eine historische Darstellung fordern.

Wenn wir nun die Ansicht vertreten, dass aus dem Begriff des Geistigen sich keine neuen, der historischen Darstellung eigentümlichen logischen Prinzipien gewinnen lassen, so übersehen wir dabei natürlich nicht, dass ein prinzipieller Unterschied bei aller Erforschung des seelischen und des körperlichen Seins besteht, und dass dieser auch von de nTeilen der Methodenlehre berücksichtigt werden muss, die sich mit den technischen Einzelheiten der Feststellung des historischen Tatsachenmaterials und seiner Kritik beschäftigen. Körper sind uns unmittelbar und anschaulich gegeben, von der Gesamtheit der psychischen Vorgänge dagegen kennen wir nur die dem eigenen Seelenleben angehörigen, und es fehlt daher dem Historiker, der einen seelischen Vorgang darstellt, stets das unmittelbar gegebene Objekt.

Folgt nun aber hieraus auch etwas, das für die Gewinnung des logischen Ideals einer historischen Darstellung von Bedeutung ist? Wir wissen, dass der angegebene Unterschied des Physischen vom Psychischen für die naturwissenschaftliche Bearbeitung keine prinzipiellen methodologischen Unterschiede mit sich bringt, weil ein naturwissenschaftlicher Begriff niemals die individuelle Mannigfaltigkeit eines Objekts in sich aufnehmen will. Aus diesem Grunde kann der naturwissenschaftlich verfahrende Psychologe an seinem eigenen Seelenleben das Material zur Bildung der für alles Seelenleben gültigen Begriffe gewinnen, und höchstens dadurch erwachsen ihm aus der Unzugänglichkeit des fremden Seelenlebens Schwierigkeiten, dass er das Ausscheiden des Individuellen nicht auf Grund direkter Vergleichung vorzunehmen vermag sondern oft erst durch eine komplizierte Kette von Schlüssen erfährt, ob diese oder jene Eigenschaft eine allgemein verbreitete oder eine individuelle ist. Liegt bei der historischen Begriffsbildung aber die Sache nicht anders? Der Historiker stellt fremdes Seelenleben gerade mit Rücksicht auf seine individuellen Eigentümlichkeiten dar. Es kommt also für ihn  das  in Betracht, was sich einer Beobachtung unter allen Umständen entzieht, und deshalb scheint die historische Darstellung von psychischen Vorgängen in der Tat mit anderen Schwierigkeiten verbunden, als es die von Körpern sein würde. Muss daher der Begriff der Geisteswissenschaft nicht doch auch eine  logische  Bedeutung gewinnen?

Sobald wir genauer zusehen, werden wir diese Frage verneinen, denn die Schwierigkeiten, die dem Historiker aus der Unerreichbarkeit jedes fremden Seelenlebens erwachsen, können erstens nur bei dem Prozess des Forschens und Untersuchens bemerkbar werden, und zweitens haben sie keine andere logische Bedeutung als die Schwierigkeiten, die für den Historiker überall entstehen können, d. h. sie gehören zu den Faktoren, die sich aus dem für alle Geschichte notwendigen Auseinanderfallen von Quellen- und Tatsachenmaterial ergeben, und bedeuten somit nichts anderes als die fast stets zu konstatierende Unvollständigkeit des historischen Tatsachenmaterials überhaupt. Wo die Unzugänglichkeit des fremden Seelenlebens als wesentlich für die historische Methode bezeichnet worden ist, hat man sich daher an einen Spezielfall gehalten, statt das allgemeine logische Prinzip festzustellen, das von diesem Spezialfall unabhängig gemacht werden kann und muss. So lässt sich zwar überzeugend nachweisen, dass ein bestimmter historischer Tatsachenbestand mit nahezu gleich großer Wahrscheinlichkeit durch zwei einander ausschließende Annahmen über die dabei wirksam gewesenen psychischen Vorgänge verständlich gemacht werden kann (2), aber damit ist nicht gezeigt, dass solche Möglichkeiten nur bei der Darstellung  psychologischer  Vorgänge vorhanden sind. Sie ergeben sich überall, wo der Historiker von den Vorgängen, die er darstellen will, weniger weiß, als er wissen möchte. Dass also der Geschichtswissenschaft aus der Rekonstruktion vergangenen Seelenlebens Aufgaben erwachsen, die sich prinzipiell von der Aufgabe unterscheiden, vergangenes Sein überhaupt zu rekonstruieren, ist nicht zutreffend. Der Umstand, dass psychisches Leben der Hauptgegenstand der Geschichte ist, hat nur insofern eine Bedeutung, als er dazu beiträgt, dass das logische Ideal einer Darstellung des Besonderen und Individuellen meist auch nicht annähernd erreicht werden kann. Das jedoch ist gerade ein Grund, die Schwierigkeiten bei der Feststellung von psychischen Tatsachen der Vergangenheit in einem logischen Idealbegriff der Geschichtswissenschaft beiseite zu lassen.

Doch können wir hiermit die negativen Ausführungen über das Verhältnis von Geist und Geschichte noch nicht abschließen. Es sind nämlich aus der Unterordnung der Geschichtswissenschaft unter den Begriff der Geisteswissenschaft eine Reihe von weit verbreiteten Irrtümern entstanden, welche besonders die Stellung des Historikers zur  Psychologie  betreffen, und wenigstens über die wichtigsten und folgereichsten von ihnen müssen wir auf Grund unserer Prinzipien ein Urteil zu gewinnen suchen. Zunächst deuten wir die in weiten Kreisen herrschenden Meinungen kurz an, um dann durch sie hindurch zu der richtigen Auffassung des Verhältnisses der historischen Wissenschaften zur Psychologie vorzudringen.

Es gilt vielen für absolut selbstverständlich, dass der Historiker ein „Psychologe” sein muss, und so lange man darunter nichts anderes versteht als einen Mann, der sich mit seelischen Vorgängen beschärftigt, wird sich dagegen nichts einwenden lassen, denn die Kenntnisnahme des historischen Tatsachenmaterials ist meist eine Beschäftigung mit psychischem Sein. Hierbei aber bleibt die herrschende Ansicht nicht stehen sondern meint: Psychologen sind zwar die Historiker immer gewesen, doch war die Psychologie, die sie trieben, unsystematisch und unwissenschaftlich. Das musste so sein, so lange es eine wissenschaftliche Psychologie noch nicht gab. Heute aber, wo wir eine wissenschaftliche Psychologie haben, wird der Historiker sie auch in seiner Wissenschaft benutzen müssen. Hieraus ergibt sich dann ein Glaube an die große Bedeutung der Psychologie einerseits und eine Hoffnung auf einen unerhörten Aufschwung der „Geisteswissenschaften” andererseits. Eigentlich sind ja die Geisteswissenschaften und vor allem die Geschichte, so meint man, viel interessanter und wichtiger als die Naturwissenschaften, aber leider waren sie bisher so wenig „exakt”, und deshalb besaßen sie im wissenschaftlichen Leben nicht die Bedeutung, die sie wegen der Wichtigkeit ihrer Gegenstände verdienen. Dieser traurige Zustand jedoch ist hoffentlich bald vorüber. Die Psychologie als exakte Wissenschaft wird zum Allheilmittel für die Geisteswissenschaften werden. Studiert nur Psychologie, und alles muss sich wenden. Ein neues Zeitalter der Geisteswissenschaften bricht an. Die für den Menschen wertvollsten Disziplinen werden in Zukunft, dank der modernen Psychologie, auch in Bezug auf Sicherheit und Strenge der Methode ebenbürtig neben der Naturwissenschaft stehen.

Vielleicht findet man solche Ideen weniger bei den Psychologen selbst als bei Männern der besonderen „Geisteswissenschaften”, welche Wert darauf legen, modern zu sein. Es verdankt ihnen aber jedenfalls schon manches dicke Buch „auf psychologischer Grundlage” seine Entstehung.

Sind diese überzeugungen und Hoffnungen auch methodologisch gerechtfertigt? Bei einer Beantwortung dieser Frage sehen wir davon ab, ob die Psychologie schon die Stufe erreicht hat; auf der allein sie geeignet wäre, als Grundlage für andere wissenschaftliche Tätigkeiten zu dienen. Wir wollen auch nicht untersuchen, welchen wissenschaftlichen Wert es haben kann, wenn ein Mann der Einzelwissenschaft aus der verwirrenden Fülle der einander bekämpfenden psychologischen Systeme sich eines heraussucht, dessen Schöpfer vielleicht gerade den meist genannten Namen führt oder ihm persönlich bekannt ist, oder das aus irgendeinem anderen Grunde geeignet erscheint, und wenn dann dies psychologische System, das vielleicht keinem anderen Psychologen, wohl aber dem betreffenden Einzelforscher als feststehendes Dogma gilt, zur Basis eines wissenschaftlichen Gebäudes benutzt wird. Wir dürfen hier mit dem Begriff einer logischen Idealpsychologie arbeiten und fragen also nur, was die Psychologie für die Geschichtswissenschaften bedeuten würde, wenn sie die Stufe erreicht hätte, die heute viele für erreicht halten.

In der Tat, wir sind gewöhnt, den Historiker ebenso wie den Dichter und den „Menschenkenner” im praktischen Leben einen Psychologen zu nennen. Aber können wir mit diesem Worte auch einen Begriff verbinden, der etwas mit  der  Psychologie zu tun hat, von der man eine neue Epoche der Geisteswissenschaften erhofft? Um hierauf eine Antwort zu erhalten, müssen wir verschiedene Probleme voneinander trennen, denn die überzeugung von einem notwendigen Zusamemnhang zwischen Psychologie und Geschichtswissenschaft kann in verschiedenen Formen auftreten.

Zunächst kann man meinen, dass die Psychologie die wissenschaftliche „Grundlage” der Geschichte ungefähr in dem Sinne sein müsse, wie die Mechanik die Grundlage der Körperwissenschaften ist, und dabei sind zwei Annahmen möglich. Die eine erblickt diese Grundlage in der bereits vorhandenen Psychologie, deren Ziel darin besteht, das gesamte Seelenleben nach naturwissenschaftlicher Methode zu erklären. Die andere Annahme dagegen, die mit viel größerem Verständnis für das Wesen der Geschichte verknüpft zu sein pflegt, ist von der Unbrauchbarkeit der naturwissenschaftlichen Psychologie für die Geisteswissenschaften überzeugt und fordert daher eine neue, erst zu schaffende Psychologie als Grundlage, deren Methode sich von der erklärenden Psychologie unterscheiden soll. Ferner aber ist es auch möglich zu glauben, dass zwar ein prinzipiell anderes Verhältnis zwischen Psychologie und Geschichtswissenschaft einerseits als zwischen der Mechanik und den verschiedenen Körperwissenschaften andererseits besteht, dass jedoch trotzdem die Geschichtswissenschaften von der Psychologie abhängig sind, und diese Abhängigkeit kann wieder als mehr oder weniger groß gelten. So finden sich Ansichten, nach denen prinzipiell neue naturwissenschaftliche Auffassungen des Seelenlebens auch prinzipiell neue historische Auffassungen nach sich ziehen müssen, und endlich die Meinung vertreten, dass die Geschichtswissenschaft die Psychologie wenigstens als Hilfswissenschaft nicht entbehren kann.

So also, sehen wir, entstehen vier Ansichten, die allerdings nicht immer streng auseinander gehalten werden. Ja, es scheint, als bestände gar kein Bewusstsein davon, dass das Abhängigkeitsverhältnis von Psychologie und Geschichte in sehr verschiedener Weise aufgefasst werden kann. Im methodologischen Interesse aber wird es deshalb um so notwendiger sein, die vier möglichen Verhältnisse gesondert zu behandeln.

Die erste Ansicht muss so gewiss abgelehnt werden, wie die Unterordnung von Wirklichkeiten unter ein System zeitlos geltender, allgemeiner Begriffe etwas anderes ist als die Darstellung ihrer einmaligen zeitlichen individuellen Entwicklung. Vom absolut Historischen findet sich in den Begriffen der Psychologie nichts. Der Inhalt von relativ historischen Begriffen  kann  sich zwar mit dem Inhalt psychologischer Begriffe decken, aber dies ist erstens, wie wir ausführlich gezeigt haben, logisch zufällig, und zweitens kommen dabei nur psychologische Begriffe in Betracht, die niemals der allgemeinsten Psychologie sondern höchstens den psychologischen Spezialuntersuchungen angehören. Gerade die allgemeinste Psychologie aber müsste, falls der Vergleich mit der Mechanik überhaupt einen Sinn haben soll, die „Grundlage” der Geschichte werden. Dies aber würde voraussetzen, dass die geschichtlichen Disziplinen Teile eines psychologischen Systems sind, dessen Begriffe sich nach überordnung und Unterordnung zusammenschließen, d. h. die Geschichte müsste nicht Geschichte sondern Naturwissenschaft sein. Die Meinung also, dass die naturwissenschaftliche Psychologie Grundlage der Geschichtswissenschaften ist wie die Mechanik Grundlage der Körperwissenschaften, steht und fällt mit dem Begriff einer naturwissenschaftlichen Universalmethode, und wir brauchen daher nicht näher hierauf einzugehen.

Logisch interessanter ist die zweite Ansicht, die eine neue Psychologie zur Grundlage der Geschichtswissenschaften machen will. Jedoch liegt ihr Wert nur in dem Teil, in dem sie die Unbrauchbarkeit der naturwissenschaftlichen Psychologie für diesen Zweck dartut. Es ist gewiss richtig, dass die Begriffe einer erklärenden allgemeinen Theorie des Seelenlebens viel zu inhaltsarm sind, um dem Historiker wesentliche Dienste zu leisten, und DILTHEY hat Recht, wenn er sagt, dass in den Werken der Dichter, in Reflektionen über das Leben, wie große Schriftsteller sie ausgesprochen haben, ein „Verständnis” des Menschen enthalten sei, hinter welchem alle erklärende Psychologie weit zurückbleibt (3). Nur darf man daraus der wissenschaftlichen Psychologie keinen Vorwurf machen. Mit ihren Theorien kann und will sie den Menschen gar nicht „verstehen”, wenn unter Verstehen ein sich Hineinleben und Hineinfühlen in das Seelenleben gemeint ist, denn das nacherlebende Verstehen und die Unterordnung unter ein System allgemeiner Begriffe sind zwei geistige Prozesse, die einander ausschließen. Das Unvermögen zu systematischer Darstellung ist daher mit der inhaltlichen überlegenheit der reflektierenden Literatur, welche die „volle Wirklichkeit” des Menschen zu erfassen sucht, notwendig verknüpft. Ein Mangel wäre dies Unvermögen nur unter naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten. Denn gerade auf diesem „Mangel” beruht die Bedeutung der nacherlebenden Psychologie für den, der mit einem historischen Interesse an das Seelenleben herantritt.

Lässt nun aber die geschichtliche „volle Wirklichkeit” des Menschen sich niemals in ein „Netz” von Beschreibungen einfangen, so kann es auch nur  eine  wissenschaftliche Psychologie geben, in der alles Platz finden muss, was für eine systematische Wissenschaft vom Seelenleben überhaupt in Frage kommt, und da sie nicht Grundlage der historischen Wissenschaften sein kann, so ist der Gedanke einer wissenschaftlich-psychologischen Grundlage der Geschichte überhaupt unhaltbar.

Diese Ansicht beruht auf so einfachen Voraussetzungen, dass sie längst anerkannt wäre, wenn man bei dem Versuch, das Verhältnis der verschiedenen Wissenschaften zueinander zu verstehen, stets von logischen Gesichtspunkten ausgegangen wäre. Da man aber Psychologie und Geschichtswissenschaft unter den Begriff der Geisteswissenschaft brachte, so entstanden die sonderbarsten Ansichten. Der Historiker, der in der Psychologie nicht findet, was er braucht, klagt über die Psychologen, und der Psychologe, der in der Geschichte nichts findet, was ihn interessiert, hält dies für einen Fehler der Historiker. Beide haben gleich Unrecht. Der Historiker ist „Psychologe” nur in dem Sinne, dass er Kenntnisse von bestimmten individuellen psychischen Vorgängen besitzt, hat aber keine Veranlassung, diese Kenntnisse in eine allgemeine Theorie umzusetzen. Der Psychologe geht umgekehrt immer auf Theorien über seelische Vorgänge aus, braucht sich aber dabei um die historisch-psychologische Kenntnis nicht zu kümmern.

Wird trotzdem sowohl der Historiker als auch der Theoretiker „Psychologe” genannt, so muss also das Wort zwei vollkommen verschiedene Bedeutungen haben. Im ersten Falle bezeichnet es einen Menschen, der fähig ist, individuelle psychische Vorgänge nachzuerleben, im anderen Falle einen Menschen, der allgemeine psychologische Begriffe zu bilden vermag. Man könnte diese zwei Arten von Psychologie mit Rücksicht auf den allgemeinsten logischen Gegensatz von Natur und Geschichte als  historische  und  naturwissenschaftliche Psychologie  voneinander scheiden (4). Da man jedoch in der naturwissenschaftlichen Psychologie allein wissenschaftliche Erkenntnis erblicken darf, die historisch psychologischen Kenntnisse dagegen zur Wissenschaft eine Beziehung nur insofern haben, als sie das für die Geschichte unentbehrliche Material enthalten, so ist unter „historischer Psychologie” natürlich nicht eine besondere Wissenschaft zu verstehen. Will man deshalb diesen Audruck nicht gelten lassen, so ist dagegen weiter nichts zu sagen, nur soll man dann auch die Kenntnisse, die der Dichter und der Menschenkenner im praktischen Leben besitzt, nicht psychologische Kenntnisse nennen, denn diese Psychologie steht der wissenschaftlichen Psychologie ebenso fern wie die Psychologie eines bestimmten historischen Vorganges. Shakespeare z. B. ist dann auch kein „Psychologe”.

Freilich, dichterische Gestalten von „psychologischer Wahrheit” zu schaffen oder lebende Menschen, mit denen man persönlich verkehrt, richtig zu beurteilen, ist wieder noch etwas anderes, als Menschen der Vergangenheit aus den Quellen richtig zu rekonstruieren, aber worauf diese Verschiedenheiten beruhen, haben wir hier nicht zu untersuchen. Nur darauf kommt es an, dass das Maß aller dieser psychologischen Kenntnisse und Fähigkeit nicht von dem Maß wissenschaftlicher psychologischer Kenntnisse abhängt. Man sollte einsehen, dass jemand epochemachende psychologische Theorien aufgestellt haben kann, ohne die geringste Begabung für künstlerisch „wahre” Gestaltung, für Menschenkenntnis im praktischen Leben und für Rekonstruktion des historischen Seelenlebens der Vergangenheit zu besitzen, und dass umgekehrt der größte künstlerische Psychologe, der gewiegteste Menschenkenner und der Schöpfer von Werken, die eine erstaunliche Fähigkeit der historisch-psychologischen Rekonstruktion beweisen, von psychologischen Theorien keine Ahnung zu haben brauchen, und da grundlegend für die Geschichtswissenschaft höchstens die Fähigkeit zu historisch-psychologischer Rekonstruktion sein könnte, so wird es dann wohl nicht mehr als selbstverständlich gelten, dass die Geschichte der wissenschaftlichen Psychologie als Grundlage bedarf. Viel eher wird der Historiker Fähigkeiten haben müssen, die denen des künstlerischen Psychologen oder des Menschenkenners verwandt sind. Doch lässt sich der Teil seiner Tätigkeit, der hiermit zusammenhängt, aus den früher angegebenen Gründen nicht auf logische Formeln bringen.

Wir kommen zu der an dritter Stelle genannten Möglichkeit. Wird der Historiker, auch wenn er nicht spezielle wissenschaftliche psychologische Kenntnisse braucht, nicht durch die herrschenden psychologischen Theorien über das Wesen des Seelenlebens direkt oder indirekt, bewusst oder unbewusst auch bei der Auffassung des geschichtlichen Gesiteslebens beeinflusst sein, und muss insbesondere eine vollständige Wandlung in diesen Ansichten nicht auch Veränderungen in der Geschichtswissenschaft nach sich ziehen?

Selbstverständlich ist dies nicht mit einem einfachen Hinweis auf den logischen Gegensatz von Naturwissenschaft und Geschichte zu beantworten. Dass allgemeine Auffassungen vom Wesen des Seelenlebens den Historiker beeinflussen  können , unterliegt keinem Zweifel. Freilich, an negativen Instanzen gegen die Behauptung eines immer vorhandenen Abhängigkeitsverhältnisses dürfte es auch nicht fehlen, denn wir kennen große Historiker, die uns durch ihre historische Psychologie Bewunderung abnötigen, und die von einer wissenschaftlich-psychologischen Theorie schon aus dem Grunde nicht abhängig sind, weil es zu ihrer Zeit wissenschaftlich-psychologische Theorien entweder überhaupt nicht gab, oder diese Theorien von der Art waren, dass jeder Einfluss sich sehr unangenehm bemerkbar machen müsste. Sehen wir aber von dieser quaestio facti ab, so lässt sich, wie gesagt, die bloße Möglichkeit einer Beeinflussung nicht von vornherein abweisen, und wir müssen daher auch auf die Gedanken noch eingehen, die herangezogen werden, wenn die Abhängigkeit der Geschichtswissenschaft von der Psychologie und eine notwendige Reform des historischen Verfahrens auf Grund einer völlig veränderten psychologischen Auffassung des Seelenlebens als notwendig dargetan werden soll.

Zwei Arten von Psychologie und in Abhängigkeit von ihnen zwei Arten von geschichtlicher Auffassung werden einander gegenüber gestellt. Die ältere Psychologie soll „Individualpsychologie” in dem Sinne gewesen sein, dass sie nur das vereinzelte Individuum kannte und alle Gruppen von Individuen oder alle gesellschaftlichen Gebilde daher für äußerliche Aggregate hielt, die dann auch, wie z. B. der Staat, als durch den bewussten Willen der Individuen entstanden oder „gegründet” galten. Die Folge dieser Individualpsychologie war †so meint man †eine „individualistische” Geschichtsauffassung, die ebenfalls nur von vereinzelten Individuen wusste und deshalb auch kein anderes Interesse hatte, als die einzelnen Persönlichkeiten in ihrem Wollen und Tun darzustellen. Diesen Lehren der Individualpsychologie ist jedoch in neurer Zeit die  sozialpsychologische  Auffassung entgegengetreten, welche den einzelnen Menschen immer nur als Glied eines „Allgemeinen” auffasst und begreift, dass jeder in einer Gesellschaft zu dem werden kann, was er ist. Will also die Geschichtswissenschaft nicht hinter dieser Psychologie zurückbleiben, so muss sie ebenfalls ihre Aufmerksamkeit nicht dem einzelnen Individuum sondern dem sozialen Zusammenhang zuwenden und den geschichtlichen Verlauf als einen sozialpsychischen Prozess verstehen.

Bedarf es nach unseren Ausführungen über den historischen Zusammenhang noch langer Erörterungen, um zu zeigen, dass diese ganze Konstruktion in der Luft schwebt? Selbst wenn man zugibt, dass eine „Individualpsychologie” in dem Sinne existiert hat, dass sie nichts anderes als vereinzelte Individuen und deren äußerliche Aggregate kannte, so hat gerade diese Psychologie sicher keine „individualistische” Geschichte hervorgebracht, denn sie ist nicht individualistisch in dem Sinne, wie die Geschichte es ist, wenn sie Individuen behandelt. Sie ist vielmehr  atomisierend  und daher mit einer individualistischen Geschichte unvereinbar. Die atomisierende „Individualpsychologie” sieht alle Individuen als  gleich  an und muss es als allgemeinste Theorie vom Seelenleben tun; die individualistische Geschichtsschreibung richtet ihr Interesse auf die individuellen Differenzen. Die atomisierende Individualpsychologie muss ferner jedes Individuum, um es zum Exemplar eines Gattungsbegriffs zu machen, aus dem realen Zusammenhang herauslösen; die individualistische Geschichtsschreibung dagegen stellt das Individuelle in seiner Verknüpfung mit der individuellen Umgebung dar. Stände also der Historiker unter dem Einfluss der atomisierenden Psychologie, so wäre ein Interesse an der individuellen Wirklichkeit gar nicht möglich, und an einen Zusammenhang zwischen atomisierender „Individualpsychologie” und individualistischer Geschichtsschreibung kann daher nur glauben, der Atome mit Individuen verwechselt, wie dies wohl alle Anhänger der „neuen” historischen Methode tun.

Ferner ist die ganze Auffassung eines  Gegensatzes  von Individualpsychologie und Sozialpsychologie schief. Es gibt psychische Vorgänge, die sich psychologisch begreifen lassen, ohne dass dabei auf den sozialen Zusammenhang, in dem jedes Individuum steht, Rücksicht genommen zu werden braucht, und zwar sind dies die Vorgänge, die unter die allgemeinsten psychologischen Begriffe gehören. Mit ihnen hat es die sogenannte Individualpsychologie zu tun, die wie jede Naturwissenschaft ihr atomisierendes, die individuellen Unterschiede und den realen Zusammenhang aufhebendes Verfahren mit Recht anwendet. Die Sozialpsychologie tritt hierzu nicht etwa in einen Gegensatz der Art, dass sie dies Verfahren zu beseitigen versucht. Sie hat es nur nicht mit dem Seelenleben überhaupt sondern lediglich insofern zu tun, als es in seiner Gestaltung durch den überall vorhandenen sozialen Zusammenhang der Individuen untereinander bedingt ist. Ihre Begriffe sind deshalb weniger allgemein, d. h. sie gelten nur für soziales, aber nicht mehr für Seelenleben überhaupt, so wie die chemischen Gesetze nur für die ponderable Materie, aber nicht für die rein mechanische Aetherwelt gelten. Die sozial-psychologischen Begriffe können ebensowenig verdrängen, wie es der Chemie einfallen kann, zu verlangen, dass für die Materie nur die besonderen chemischen Gesetze und nicht auch die für alle physischen Vorgänge überhaupt geltenden Gesetze gebildet werden sollen.

Schließlich steht die Sozialpsychologie der Frage, ob einzelne Persönlichkeiten eine Bedeutung für den historischen Verlauf besitzen, notwendig indifferent gegenüber. Wir wissen, dass die Einordnung in soziale geschichtliche Zusammenhänge nicht eine Unterordnung unter sozialpsychologische Begriffe ist, und wir wissen ferner, dass das Maß, in dem absolut Historisches für die Darstellung wesentlich wird, allein von den leitenden Wertgesichtspunkten abhängt. Die Meinung also, dass eine sozialpsychologische Auffassung eine mehr naturwissenschaftliche historische Methode im Gefolge haben müsse, beruht wieder auf der Verwechslung des allgemeinen naturwissenschaftlichen Begriffs mit dem allgemeinen historischen Ganzen oder Kollektivum.

Aber lehrt nicht die Sozialpsychologie, dass jedes Individuum in einem größeren Zusammenhange lebt, und hat sie daher, wenn sie auch keine neue historische Methode herbeiführen kann, nicht wenigstens das Verdienst, die Geschichte auf die sozialen Zusammenhänge hingewiesen und zu ihrer größeren Berücksichtigung angeregt zu haben? Das ist eine Frage, die erschöpfend nur durch eine historische Untersuchung beantwortet werden könnte, aber als wahrscheinlich wird man es wohl bezeichnen dürfen, dass die Sozialpsychologie viel mehr von der Geschichte gelernt hat, als die Geschichte von der Sozialpsychologie. Die mit jeder naturwissenschaftlichen Begriffsbildung notwendig verbundene Neigung zur Atomisierung konnte in der Psychologie leicht dazu führen, dass man alle psychologischen Probleme vom Standpunkte des Einzelbewusstseins zu lösen unternahm, und nichts war geeigneter, vor solchen Versuchen zu warnen, als ein Blick auf das geschichtliche Leben, das uns den Menschen überall in realer Verbindung mit seiner Umwelt zeigt.

Doch wir brauchen dies hier nicht weiter zu verfolgen. Es steht fest, dass keine allgemeine naturwissenschaftlich-psychologische Auffassung vom Wesen der Seele an den Grundprinzipien der historischen Methode irgendetwas ändern kann. Falls die Historiker früher vielleicht die den größeren Gruppen oder Massen gemeinsamen Vorgänge zu wenig berücksichtigt haben, so trug die Individualpsychologie daran ebensowenig die Schuld, wie die Sozialpsychologie daran Verdienst hat, dass dies heute anders geworden ist. Es sind lediglich die leitenden Wertgesichtspunkte der Darstellung, welche sich vermehrt und damit einen Zuwachs auch im Stoff der Geschichte hervorgebracht haben, und insbesondere dürfte die eben erwähnte Veränderung darauf beruhen, dass man geneigt ist, die Bedeutung der Wirtschaftsgeschichte, d. h. den Einfluss der wirtschaftlichen Vorgänge auf die geschichtliche Entwicklung für wesentlicher zu halten als früher. Mit dem Unterschied von Individual- und Sozialpsychologie hat dies aber nicht das Geringste zu tun.

Es bleibt somit nur noch die Frage übrig, wie weit die Psychologie als Hilfswissenschaft der Geschichte angesehen werden kann, und dies ist keine Frage von prinzipieller Bedeutung. Da alle psychologischen Begriffe allgemein sind, so kann ihr inhalt erstens mit den Begriffen zusammenfallen, die eine historische Darstellung als Begriffselemente und Umwege benutzt, und zweitens mit den relativ historischen Begriffen. Ist aber die Möglichkeit, psychologische Begriffe in der Geschichte zu verwenden, auf diese beiden Fälle beschränkt, so sehen wir auch, dass die Frage nach der Bedeutung der Psychologie als Hilfswissenschaft für den Historiker vollständig mit der Frage zusammenfällt, welche Bedeutung die naturwissenschaftlichen Bestandteile in der Geschichtswissenschaft überhaupt haben. Es bleibt daher nur noch übrig, die bereits bekannten logischen Prinzipien ausdrücklich auf die Tatsache zu beziehen, dass die Geschichtswissenschaft es vorwiegend mit der Darstellung psychischer Vorgänge zu tun hat.

Was zunächst die allgemeinen Begriffselemente und besonders die bei einer historischen Kausalverknüpfung unentbehrlichen allgemeinen Begriffe betrifft, so kann die historische Darstellung eventuell gewinnen, wenn sie statt der unwillkürlich entstandenen Wortbedeutungen wissenschaftlich fixierte Begriffe benutzt. Dass aber das Bedürfnis danach sehr groß sei, wird man bezweifeln. Auch wenn es sich um die Darstellung komplizierter und fremdartiger seelischer Vorgänge handelt, verstehen wir, was gemeint ist, obwohl nur die unwillkürlich entstandenen und wissenschaftlich unbearbeiteten allgemeinen Wortbedeutungen Verwendung gefunden haben. Blicken wir vollends auf die Werke von Historikern, zu deren Zeiten es Psychologie als Wissenschaft noch nicht gab, so werden wir gewiss nicht geneigt sein, viel von der Verwendung wissenschaftlicher psychologischer Begriffe als Mittel der Darstellung zu erwarten. Wir verstehen Seelenschilderungen des Thukydides ebenso gut wie die eines modernen Historikers.

Ferner kann die Psychologie auch für die relativ historischen Begriffe der Massenbewegungen von Bedeutung werden, wenn diese Begriffe so allgemein sind, dass sie mit den in psychologischen Spezialuntersuchungen verwendeten inhaltlich koinzidieren. Doch wird die psychologische Forschung nur einen Teil der geschichtlichen Darstellungen berühren, und die Brauchbarkeit ihrer Begriffe muss in demselben Maße abnehmen, in dem ihre Allgemeinheit wächst. Die allgemeinsten psychologischen Theorien und die elementarsten psychologischen Begriffe haben für die Geschichte gar keine Bedeutung, und wer gar dem Historiker empfiehlt, in einem psychologischen Laboratorium Studien zu machen, muss in den Verdacht kommen, dass er weder von dem Inhalt historischer Werke noch von der Tätigkeit des experimentierenden Psychologen etwas weiß, denn gerade die an künstlich isolierten Vorgängen gebildeten Begriffe können nie mit den historischen Begriffen zusammenfallen. Doch allzu lange haben wir uns bereits mit Theorien beschäftigt, von denen zum Teil das LOTZ'SCHE Wort gilt, dass offenbare Grillen in der Wissenschaft nicht einmal durch zu sorgfältige Bekämpfung fortgepflanzt werden dürfen. Jedenfalls: wir gewinnen auch bei der Behandlung der vierten Frage keinen Gesichtspunkt, unter dem die Psychologie von entscheidender Bedeutung für die historische  Methode  werden kann.

Schließlich ist noch hervorzuheben, dass ebenso wie die psychologischen Begriffe auch die allgemeinen körper wissenschaftlichen  Theorien für den Historiker brauchbar sein können, denn, um z. B. zu verstehen, warum die Amerikaner in ihrem letzten Krieg so leicht über die Spanier gesiegt haben, ist es unter anderem auch nötig, dass wir etwas über die Unterschiede der von beiden Nationen benutzten Kriegsschiffe wissen, und dabei können wir allgemeine naturwissenschaftliche Begriffe nicht entbehren. Doch ist auch dieser Zusammenhang zwischen Naturwissenschaft und Geschichte nicht von prinzipiell anderer Art, als der Zusammenhang, der schließlich zwischen aller wissenschaftlichen Arbeit besteht, Fast alle Disziplinen haben hin und wieder Veranlassung, sich bei anderen Rat und Hilfe zu holen, und eine Einheit aller wissenschaftlichen Arbeit in  diesem  Sinne zu leugnen, kann natürlich niemandem einfallen. Doch von den Beziehungen, die sich hieraus ergeben, darf die Logik als unwesentlichen absehen, ja, sie muss es, damit die wesentlichen Unterschiede der wissenschaftlichen Ziele und Wege um so deutlicher hervortreten.

Ist dies klar, so wird man auch das lebhafte Interesse, welches heute den psychologischen Fragen entgegengebracht wird, nicht mehr als ein Zeichen dafür ansehen, dass der „historische Sinn” in der Philosophie wieder zu wachsen anfängt. Im Gegenteil, die Psychologen sind fast durchweg in erster Linie naturwissenschaftlich interessiert, und dem, der das logische Wesen der wissenschaftlichen Psychologie kennt, wird dies nicht auffallen. Der Psychologismus ist die Form, welche der  Naturalismus  annehmen musste, als der Materialismus abgetan war, und als man versuchte, die Psychologie an die Stelle der Philosophie zu setzen. Die Hoffnungen also, die man auf eine Förderung der Geschichts wissenschaft  durch die Psychologie setzt, zeugen auch unter diesem Gesichtspunkt wieder nur von einem Denken, dem das Wesen der Geschichte fremd ist.

Die Gründe jedoch, die wir haben, Geschichte und Geisteswissenschaft voneinander zu trennen, sind auch hiermit noch nicht erschöpft. Der Umstand nämlich, dass die Psychologie es  nur  mit psychischen Vorgängen, die Geschichte es zwar hauptsächlich mit psychischem, daneben aber auch mit körperlichem Geschehen zu tun hat, ist unter logischen Gesichtspunkten von noch weit prinzipiellerer Bedeutung, als wir bisher gesehen haben. Wir dürfen nie vergessen, dass der historische Ablauf der Ereignisse uns vollkommen unverständlich bleiben würde, wenn wir nicht auch Teile der Körperwelt in ihrer individuellen Eigenart kennten, und falls diese vielleicht nur soweit in Frage kommen, als sie das geistige Leben von Menschen beeinflussen, so muss doch gerade, weil sie es beeinflussen, auch dieser kausale Zusammenhang historisch wesentlich werden. Damit aber kommen wir zu einem Punkte, an dem sich deutlicher als irgendwo anders zeigen muss, wie ungerechtfertigt es ist, die Geschichtswissenschaft in dem Sinne eine Geisteswissenschaft zu nennen, in dem die Psychologie Geisteswissenschaft ist.

Die Hauptsache ergibt sich wieder aus dem allgemeinsten logischen Gegensatz von Natur und Geschichte. Wenn die Naturwissenschaft sich dem dargelegten Ideale ihrer Begriffsbildung annähern will, so hat der Naturforscher immer ausdrücklich darauf zu reflektieren, ob körperliche oder seelische Wirklichkeiten seine Objekte sind. Für die Physik und Chemie vollzieht sich diese Scheidung mit einer solchen Selbstverständlichkeit, dass man sie nicht ausdrücklich zu machen braucht, aber schon in den Wissenschaften von den Lebewesen wird bisweilen das Lebendige mit dem Beseelten gleichgesetzt, und es kann dann nicht einmal zu einer klaren Stellung der naturwissenschaftlichen Probleme kommen, wie sich dies z. B. oft in den „neo-vitalistischen” Schriften zeigt (5).

Absolut notwendig ist eine bewusste Trennung von Physischem und Psychischem vollends in der Psychologie, und zwar ist sie gerade dort am sorgfältigsten vorzunehmen, wo die Beziehungen zwischen beiden Gebieten Gegenstand der Untersuchung sind, d. h. man muss genau auseinander halten, was Nerven- und Gehirnvorgang ist, und was zum Seelenleben gehört. Zu einer ganz besonders schwierigen Frage wird dann das Problem der psycho-physischen Kausalität, und meistens gehen die naturwissenschaftlichen Theorien dahin, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen Körper und Geist nicht angenommen werden darf. Ja, wenn man, wie die mechanische Naturauffassung dies verlangt, das Physische als das Raumerfüllende prinzipiell von dem Psychischen als dem Nichtausgedehnten trennt, so dass beide einander begrifflich ausschließen, und das Ideal einer Darstellung von Kausalzusammenhängen in der Kausalgleichung erblickt, so ist diese Konsequenz auch als notwendig anzuerkennen.

Von allen diesen Problemen weiß der Historiker dagegen nichts. Er hat keine Veranlassung, sich ausdrücklich darauf zu besinnen, ob das, was er darstellt, zum physischen oder zum psychischen Sein gehört, und gewiss wird er niemals Bedenken tragen, einen kausalen Zusammenhang zwischen Körper und Seele anzunehmen, oder sich auch nur mit der Frage zu beschäftigen, wie der Wille eines Menschen es anfängt, seinen Arm zu bewegen. Dass ein Körper Schmerz verursacht, oder eine Leidenschaft Bewegungen hervorbringt, wird ihm vielmehr völlig selbstverständlich sein.

Ja, man muss geradezu sagen, dass die Trennung von Körper und Seele von der Geschichtswissenschaft niemals so vollzogen werden darf, dass dabei der historische psycho-physische Kausalzusammenhang in Frage gestellt wird, denn der Historiker ist gezwungen, wenn er überhaupt zwischen den historischen Objekten einen kausalen Zusammenhang annehmen will, geistige Veränderungen sowohl für Effekte als auch für Ursachen von Körpervorgängen zu halten. Nur die Spiritisten glauben, dass geistiges Leben unmittelbar auf anderes geistiges Leben wirkt. So lange wir uns auf ihre Theorien nicht einlassen, müssen wir daran festhalten, dass alles, wodurch das geistige Leben eines Menschen direkt beeinflusst und individuell bestimmt wird, aus körperlichen Vorgängen besteht, und ebenso vermag kein Mensch direkt anders als durch körperliche Vorgänge in der geistigen Welt zu wirken.

Wollten wir diese Kausalverhältnisse nun durch eine metaphysische Theorie, etwa im Sinne des Spinozismus, umdeuten, so dass wir nun stets geschlossene Kausalzusammenhänge zwischen physischen Vorgängen einerseits und psychischen Vorgängen andererseits annehmen, und wirklich glauben, dass bei dem Begriff des „Parallelismus” von zwei Reihen als total unvergleichbar vorgestellter Prozesse sich etwas denken lässt, was nun den „scheinbaren” psychophysischen Zusammenhang erklärt, so könnte doch die Geschichte, für welche die  individuellen  Ursachen und Wirkungen wesentlich werden, hiermit gar nicht anfangen. Sie dürfte ja für jeden Effekt, den ein individueller ihr bekannter körperlicher Vorgang in der geistigen Welt nach dieser Theorie nur scheinbar hervorbringt, eine geistige Ursache nicht etwa als eine individuelle historische Tatsache annehmen, sondern sie müsste sich diese angeblich wahre Ursache erst begrifflich hinzukonstruieren. Eine solche Ursache aber wäre für sie, weil sie ein der Erfahrung im Prinzip entzogener Vorgang ist, niemals eine historische Individualität sondern immer nur als metaphysisch hypostasierter Begriff vorhanden und hätte deshalb nicht mehr das geringste historische Interesse.

Kurz, die Möglichkeit einer Darstellung historischer Kausalzusammenhänge ist geradezu von der Geltung  des  Begriffes abhängig, den die Naturwissenschaft im Interesse ihrer Zwecke beseitigen zu müssen glaubt und in der Tat beseitigen muss, sobald sie den Begriff des Körperlichen mit dem des rein Mechanischen, also restlos Quantifizierbaren gleichsetzt.

Die Frage, ob diese Verschiedenartigkeit der naturwissenschaftlichen und der historischen Gesichtspunkte nicht zu Begriffsbildungen führt, welche die Welt als Ganzes unbegreiflich machen und deshalb nicht gültig sind, lässt sich nur in einem erkenntnistheoretischen Zusammenhang beantworten. Man würde dabei nicht nur zeigen können, dass wir nicht das Recht haben, Produkte unserer Begriffsbildung als Realitäten zu denken, sondern auch, dass es nicht angeht, Kategorien, die angewendet werden, wenn die Wirklichkeit in ein System von allgemeinen Begriffen gebracht werden soll, und die daher nur als Mittel einer naturwissenschaftlichen Auffassung Bedeutung haben, in Weltkategorien umzudeuten, die für jede Auffassung der Wirklichkeit konstitutiv sein sollen, und dann würden die scheinbaren Widersprüche und Unbegreiflichkeiten verschwinden (6).

Doch davon können wir hier absehen und uns mit dem bereits geführten Nachweis begnügen, dass auch mit Rücksicht auf die Scheidung von Geist und Körper die Naturwissenschaft zu anderen Begriffen kommt als die Geschichtswissenschaft, und dass der Begriff des Geistes als des Psychischen, wie die Naturwissenschaft und die naturwissenschaftliche Psychologie ihn bilden müssen, ganz untauglich ist, um aus ihm etwas für das logische Wesen der Geschichtswissenschaft abzuleiten. Wir verstehen von hier aus auch, warum eine Wissenschaft, welche die einmalige kontinuierliche Entwicklung der Welt darstellen will, annehmen muss, dass allmählich das geistige Leben aus der Körperwelt heraus wächst, während diese Vorstellungsweise mit den naturwissenschaftlichen Begriffen des Physischen und des Psychischen ganz unvereinbar ist und deshalb zu metaphysischen Systemen wie dem Panpsychismus geführt hat. Wir verstehen ferner, warum die evolutionistische Betrachtung mit ihrer Neigung, an die Stelle der schroffen Scheidung von Materie und Geist ein allmähliches Hinübergleiten aus der toten Natur in das Seelenleben zu setzen, einerseits das Lebendige, also das im naturwissenschaftlichen Sinne noch rein Materielle zur Vorstufe des Seelischen, und andererseits die primitiven Sinnesempfindungen, also das im naturwissenschaftlichen Sinne bereits vollkommen Geistige, zum bloß Sinnlichen macht und es damit der körperlich Natur annähert, ja geradezu gleichsetzt. Wir erkennen endlich auch, warum so häufig Leben und Seele einerseits, und Sinnliches und Materielles andererseits so identifiziert werden, dass dies unter naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten nur als „Verwechslung” zweier einander ausschließender Begriffe erscheinen kann.

Ohne jedoch weiter auf diese Frage einzugehen, die uns zu dem Problem einer in den historischen Kategorien denkenden Metaphysik führen würden, brauchen wir wieder nur zu konstatieren, dass die Geschichtswissenschaft solche „Verwechslungen” nicht zu fürchten hat. Auch für sie werden allerdings Natur und Geist, wo sie diese Worte gebraucht, stets Gegensätze sein, aber die Begriffe, die sie zu bilden Veranlassung hat, fallen mit dem naturwissenschaftlichen Gegensatz von Physisch und Psychisch nicht zusammen. „Geist” ist für sie vielleicht das „höhere” Seelenleben, dem gegenüber die Sinnesempfindungen etwas Naturhaftes haben. Kurz, die Geschichte kümmert sich um alle die naturwissenschaftlichen Unterscheidungen nicht und braucht es nicht zu tun. Freilich ist es gerade dann möglich, dass auch das Wort Geist wieder einen für die Geschichte bedeutsamen Sinn erhält, aber da dieser Begriff als der eines „höheren” Seelenlebens vollständig unbestimmt oder wenigstens nur so weit bestimmt ist, dass er nicht mit dem naturwissenschaftlichen Begriff des Psychischen zusammenfällt, so kann aus dem Umstande, dass die Objekte der Geschichte vorwiegend „geistige” Vorgänge sind, sich gewiss nichts Wesentliches für ihre Methode ergeben.

Es ist also nur noch die andere Frage zu beantworten, ob umgekehrt aus dem logischen Wesen der historischen Begriffsbildung sich verstehen lässt, dass geistige Wirklichkeiten viel häufiger als körperliche in ihrer einmaligen und individuellen Entwicklung dargestellt werden, oder ob dies für uns logisch zufällig bleiben muss.

Aber, so wird man sagen, können wir denn nach dem soeben Ausgeführten diese Frage überhaupt noch stellen? Wenn die im naturwissenschaftlichen Interesse notwendige Scheidung von Physisch und Psychisch für die Geschichte nicht gilt, und der Begriff des Geistigen, wie die Wirklichkeitswissenschaft ihn bilden müsste, um den Begriff einer einheitlichen, geschichtlich darstellbaren Welt zu erhalten, ganz unbestimmt geblieben ist, sagen wir dann noch etwas Eindeutiges mit dem Satz, dass die Geschichtswissenschaft es vorwiegend mit „geistigen” Vorgängen zu tun hat? Verliert nicht vielmehr ohne eine auch von der Geschichte anzuerkennende Grenzlinie zwischen Geistig und Nichtgeistig unsere Frage nach dem Grunde der Bevorzugung des geistigen Lebens ihren Sinn? In der Tat, so ist es. Und selbst, wenn wir hiervon absehen und vorläufig an der naturwissenschaftlichen Scheidung weiter festhalten wollten, so wäre doch sofort klar, dass wir niemals verstehen könnten, warum das, was unter den Begriff des Raumerfüllenden gehört, für eine historische Darstellung weniger bedeutungsvoll sein sollte als das, was nicht den Raum erfüllt. Wir müssen also für unseren Zweck nach einer anderen Scheidung von Körper und Geist suchen.

In der Erfahrungwelt werden sich überall solche Vorgänge, in denen ein alternatives Verhalten, d. h. ein Anerkennen oder Abweisen, ein Billigen oder Missbilligen, ein Begehren oder Verabscheuen, mit einem Wort ein  Werten  zum Ausdruck kommt, eindeutig von solchen Vorgängen abtrennen lassen, die indifferent gegen alle Werte sich verhalten, und wir können dann, ohne auf Widerspruch zu stoßen, alle die Wirklichkeiten, welche in der angegebenen Weise Stellung nehmen oder werten, niemals als körperliche sondern immer nur als geistige Vorgänge bezeichnen. Freilich lässt sich dieser Satz nicht umkehren, so dass alles Geistige auch wertet. Vielleicht ist vieles, das nicht wertet, ebenfalls zum Geistigen zu rechnen, und der hier gewonnene Begriff des Geistigen wäre dann zu eng. Aber trotzdem genügt er, wenn es nur darauf ankommt, zu wissen, was auf jeden Fall geistig ist, und so eine eindeutige Frage nach dem Verhältnis von Geist und Geschichte zu stellen.

Ja, wir haben damit sogar schon einen Hinweis auf die Richtung erhalten, in der die Frage zu beantworten sein muss. Da nämlich der Begriff des Wertes mit dem Begriff des Geschichtlichen so zusammenhängt, dass immer nur das auf einen Wert bezogene Sein geschichtlich dargestellt wird, und der Begriff des Geistigen mit dem des Wertes insofern zusammenhängt, als nur geistige Wesen wertsetzende Wesen sind, so wird der Begriff des Wertes auch den Zusammenhang zwischen Geistigem und Historischen herstellen können, und zwar muss es gerade das teleologische Moment der historischen Methode sein, aus dem sich begreifen lässt, dass das geistige Leben in einer anderen und näheren Beziehung zur Geschichtswissenschaft steht als das körperliche Sein.

Freilich, über die Art dieser Beziehung ist damit noch nichts ausgemacht. Zunächst scheinen die Objekte der Geschichte mit einem psychischen Sein insofern zusammenzuhängen, als sie Objekte für ein  Subjekt  sind, das die wesentlichen von den unwesentlichen Bestandteilen in ihnen mit Rücksicht auf einen Wert scheidet, und es ließe sich wohl zeigen, dass dieses Subjekt notwendig auch ein Stellungnehmendes, also ein geistige Wesen in dem hier angegebenen Sinne ist. Aber  diese  Beziehung der Objekte auf ein Begriffe bildendes geistiges Wesen ist in keiner Wissenschaft wegzudenken, und es müssten deshalb, wenn dies bereits ausschlaggebend für den Charakter einer Wissenschaft wäre, auch die Naturwissenschaften als Geisteswissenschaften bezeichnet werden, da sie ebenfalls ohne einen das Wesentliche vom Unwesentlichen scheidenden „Geist” nicht zu denken sind. Wollen wir daher den besonderen Zusammenhang kennenlernen, der zwischen geschichtlicher Methode und geistigem Leben besteht, so müssen wir von dem erkennenden  Subjekt  zunächst vollkommen absehen und uns nur um die  Objekte  der Geschichte kümmern, d. h. wir dürfen nur fragen, warum in dem historischen Tatsachenmaterial hauptsächlich geistiges Sein zu finden ist.

Durch jede Beziehung der Wirklichkeit auf einen Wert müssen die uns bekannten Objekte in zwei prinzipiell voneinander verschiedene Klassen zerfallen, nämlich in solche, bei denen diese Bezeichnung überhaupt möglich ist, und in solche, die nicht nur durch ihr Dasein etwas für den Wert bedeuten sondern auch selbst zu diesem Wert Stellung nehmen. Die zur ersten Klasse gehörigen Objekte können dann sowohl geistig als auch körperlich sein, die durch ihre Stellungnahme wesentlichen der zweiten Art dagegen sind notwendig geistig. Setzen wir nun den Fall, es befänden sich in einer historisch darzustellenden empirischen Wirklichkeit solche Wesen, die zu den ihre Darstellung leitenden Werten selbst Stellung nehmen, so müssen diese Wesen in den Mittelpunkt der historischen Darstellung treten, d. h. alle übrigen Objekte sind dann nicht nur insofern geschichtlich wesentlich, als sie mit Rücksicht auf die leitenden Werte des darstellenden  Subjekts  zu historischen Individuen werden, sondern auch insofern, als sie für die in ihrem Wollen und Handeln dargestellten geistigen  Objekte  durch ihre Individualität eine Bedeutung besitzen, und die Geschichte wird sie daher nicht nur auf die leitenden Werte der Darstellung sondern zugleich auch auf die dargestellten Stellung nehmenden geistigen Wesen beziehen.

Auf die Weise entsteht ein engerer Begriff der geschichtlichen Darstellung als bisher. So lange wir auf ein besonderes historisches Material gar nicht reflektierten, hatten wir es nur mit  einer  Art von historischen Objekten zu tun. Setzen wir dagegen geistige Objekte der angegebenen Art voraus, so müssen diese sich von den übrigen Objekten unterscheiden, und insbesondere alle Körper werden in einer solchen Darstellung immer erst durch das wesentlich, wodurch sie nicht nur zu den das erkennende Subjekt leitenden Werten in Beziehung stehen, sondern wodurch sie zugleich die wollenden und wertenden Objekte der Darstellung beeinflussen oder Gegenstand ihres Wollens und Handelns sind. In einer Darstellung der Geschichte Italiens z. B., die von dem Gesichtspunkt des Wertes „Kunst” geleitet ist, muss vor allem das Wollen und Handeln der Künstler wesentlich werden, das mit Rücksicht auf den leitenden Wert durch seine Individualität bedeutsam ist, und alles andere Sein wird auf dieses Wollen und Handlen bezogen.

Wir können daher jetzt alle historischen Objekte, welche zu den leitenden Werten der Darstellung selbst Stellung nehmen, und die immer geistige Wesen sein müssen, auch die  historischen Zentren  nennen, und wir sehen dann, dass, wenn solche Objekte in dem Material der Darstellung sich finden, die Geschichte notwendig alles übrige Sein auf sie als die geistigen Zentren der Darstellung bezieht (7).

Aber dies ist eine bloße Möglichkeit, und unser Begriff der Geschichte bleibt deshalb inhaltlich noch immer unbestimmt. Ja, es scheint gerade nach den bisherigen Begriffsbestimmungen durchaus  nicht  notwendig, dass unter dem historischen Material sich immer geistige Wesen befinden, und es ist vollends noch nicht einzusehen, warum diese Wesen gerade zu  den  Werten Stellung nehmen sollen, die zugleich die historische Darstellung leiten. Unsere Aufgabe besteht nun aber darin, den notwendigen Zusammenhang zwischen Geschichte und geistigem Leben zu verstehen, und wir müssen daher über die bloße Möglichkeit hinauskommen.

Auch dies jedoch ohne Mühe gelingen, wenn wir uns darauf besinnen, unter welchen Bedingungen allein eine Wirklichkeit uns zu ihrer historischen Darstellung veranlassen kann, und wenn wir ferner daran denken, dass nicht jeder beliebige Wert zum leitenden Gesichtspunkt einer historischen Darstellung zu werden vermag. Wir werden dann sehen, dass erstens jedes historische Objekt nicht nur auf Werte überhaupt, sondern auf ein wirkliches wertendes, also geistiges Wesen bezogen sein muss, dass zweitens das Vorhandensein solcher geistiger Wesen in dem geschichtlichen Stoff nicht logisch zufällig ist, und dass drittens wir nur dann Veranlassung haben, eine Wirklichkeit historisch darzustellen, wenn unter diesen geistigen Wesen sich auch solche befinden ,die selbst zu den die Darstellung leitenden Werten Stellung nehmen, so dass es also keine historische Darstellung ohne ein geistiges Zentrum gibt. Dass eine ausdrückliche Begründung dieser für jeden Historiker selbstverständlichen Tatsache im methodologischen Interesse nicht überflüssig ist, brauchen wir nicht erst zu zeigen. Auf diesem Wege allein ist es möglich, die logische Struktur der historischen „Geisteswissenschaften” zu verstehen.

Was zunächst die notwendige Beziehung jedes historischen Objektes auf geistige wertende Wirklichkeiten betrifft, so kehren wir noch einmal zu der Wirklichkeitsauffassung des praktischen Lebens zurück, von der wir bei der Begriffsbestimmung des historischen Individuums ausgegangen sind. Die übereinstimmung der historischen Auffassung mit der des handelnden und wollenden Menschen bestand darin, dass für beide die Individualität der Dinge eine Bedeutung bekommt, der prinzipielle Unterschied zwischen beide dagegen darin, dass der Historiker nicht wollend zu den Dingen Stellung nimmt sondern sie lediglich betrachtend auf einen Wert bezieht. Lösen sich nun aber auch die historischen Objekte dadurch insofern von jedem wollenden und handelnden Wesen los, so können doch die Werte, auf die sie bezogen werden, nocht sozusagen in der Luft schweben sondern müssen Werte eines wirklichen wollenden Wesens sein. Daraus aber folgt schon, dass ein Objekt, um zum Gegenstand einer historischen Darstellung zu werden, nicht nur überhaupt zu Werten in einer teleologischen Beziehung sondern auch zu einem wirklichen wollenden Wesen in der  realen  Beziehung stehen muss, und daraus ergibt sich, dass der Begriff eines historischen Individuums in gewisser Hinsicht unabtrennbar ist.

Aber dies genügt für unseren Zweck noch nicht. Wollende geistige Wesen kommen immer auch in dem geschichtlichen  Stoff  als wollende und geistige Wesen vor, und das scheint hiermit noch nicht verständlich gemacht. Um einzusehen, dass auch dies notwendig ist, dürfen wir allerdings nicht auf eine Darstellung reflektieren, die sich auf irgendeinen beliebigen  Teil  einer geschichtlichen Entwicklung beschränkt, sondern wir müssen den umfassendsten historischen Zusammenhang oder das „letzte historische Ganze”, wie wir es genannt haben, in Betracht ziehen, das für die leitenden Wertgesichtspunkte der Darstellung noch eine historische Individualität besitzt, und dem sich alle Objekte als Glieder einfügen. Man könnte besonders denken, dass z. B. die historische Biologie es gar nicht mit geistigem Leben zu tun hat, aber das gilt eben nur, wennwir uns auf einen Teil von ihr beschränken. Das historische Ganze der biologischen Entwicklung schließt den Menschen auch als geistiges Wesen ein, und auf ihn muss, wie wir gesehen haben, die Reihe bezogen sein, um überhaupt zu einer historischen Entwicklung zu werden. In derselben Weise aber gehören zu jedem historischen Ganzen auch geistige Wirklichkeiten, auf welche zugleich alle historischen Individuen bezogen sind.

Freilich scheint hier ein besonderer Fall Schwierigkeiten zu machen. Das geistige Wesen, auf welches die Entwicklung bezogen wird, und das dann notwendig auch zu dem historischen Zusammenhang gehört, kann eventuell ein einziges und zwar der Historiker selbst sein, und dann scheint doch eine Ausnahme vorzuliegen, da wir ja von dem erkennenden Subjekt zu abstrahieren haben. Sehen wir jedoch näher zu, so ergibt sich, dass falls in dem darzustellenden historischen Stoff außer dem Historiker kein geistiges Wesen vorhanden ist, der Historiker eben nicht nur als erkennendes Subjekt in Frage kommt, sondern zugleich auch in einem geschichtlichen Zusammenhang mit den anderen Individuen steht, und daher notwendig auch als Glied in das umfassendste Objekt der historischen Darstellung oder in das Ganze der teleologischen Entwicklungsreihe hineingehört. Daraus aber folgt, dass in dem letzten historischen Ganzen immer wenigstens  ein  geistiges Wesen sich finden muss.

Warum aber soll endlich dieses geistige Wesen auch stets das historische Zentrum bilden? In dem Falle, dass der Historiker selbst nicht nur erkennendes Subjekt ist sondern auch zu dem umfassendsten historischen Zusammenhang der dargestellten Objekte gehört, versteht sich die Antwort auf diese Frage zwar von selbst, denn die leitenden Werte der Darstellung sind dann natürlich dieselben, zu denen der Historiker auch wollend Stellung nimmt. Aber diese Möglichkeit haben wir deshalb allein erwähnt, um zu zeigen, dass kein Fall denkbar ist, in dem sich unter dem historischen Stoff kein geistiges Wesen befindet. Tatsächlich wird der Historiker fast immer Entwicklungsreihen darstellen, zu denen er nicht selbst als historisches Glied gehört, sondern in denen nur andere geistige Wesen vorkommen, und warum sollen unter diesen Wesen auch immer solche sein, welche zu den die historische Darstellung leitenden Werten selbst Stellung nehmen?

Dies ist in der Tat erst der entscheidende Punkt, aber auch hier ist die Antwort nicht schwer. Sind die Werte von keinem der in den umfassendsten historischen Zusammenhang gehörigen geistigen Wesen zugleich unsere eigenen Werte, so müssen wir uns doch wenigstens in die Werte dieser Wesen hineinleben können, denn wo eine Wirklichkeit weder zu uns selbst noch zu uns verständlichen wertsetzenden Wesen in Beziehung steht, werden wir sie immer nur als „Natur” ansehen, d. h. unter ein System von allgemeinen Begriffen zu bringen versuchen, und daher ergeben sich für eine geschichtliche Darstellung nur zwei Möglichkeiten.

Entweder: die Werte der zum geschichtlichen Stoff gehörigen geistigen Wesen sind dieselben Werte, mit Rücksicht auf welche auch für den Darsteller historische Individuen entstehen. Dann liegt die Sache einfach, denn dann werden selbstverständlich diese geistigen Wesen auch historische Zentren. In einer Geschichte der Kunst z. B. ist der Wert der Kunst, mit Rücksicht auf den für den Historiker die historischen Begriffe sich bilden, derselbe Wert, zu dem auch die Künstler Stellung nehmen, und zu historischen Zentren müssen daher dann notwendig die Künstler werden.

Oder: die Werte der geistigen Wesen sind nicht die des Darstellers, wie dies bei Vorgängen der Fall ist, die ihm räumlich oder zeitlich fern liegen, dann hat der Historiker sich in sie soweit hinzuleben, dass er sie versteht, und sind dann in Folge dessen diese Wesen ihm in ihrem einmaligen und individuellen Tun und Treiben interessant geworden, dann kann er, so lange er sich ihnen gegenüber nur historisch betrachtend verhalten, d. h. sie lediglich auf Werte beziehen will, gar nicht anders, als die Werte, zu denen sie selbst Stellung nehmen, auch bei ihrer Darstellung zur Scheidung des Wesentlichen vom Unwesentlichen Benutzen, denn ganz andere als die in dem historischen Material selbst vorkommenden Werte heranzuziehen, hätte nur dann einen Sinn, wenn die Objekte mit Hilfe eines Wertmaßstabes nicht dargestellt sondern beurteilt werden sollten, und dass dies nicht die Aufgabe des Historikers ist, wissen wir. Es kann daher in keiner Weise von einer bloß zufälligen Koinzidenz der die Darstellung und der die dargestellten geistigen Wesen leitenden Werte gesprochen werden. Die leitenden Werte der Begriffsbildung sind von einer „objektiven” wissenschaftlichen Darstellung stets dem historischen Stoff selbst zu entnehmen.

Wir sehen also, erstens ist jedes historische Individuum auf geistige Wesen bezogen, zweitens müssen diese geistigen Wesen unter den Objekten vorkommen, aus denen das letzte Ganze der historischen Darstellung besteht, und drittens endlich müssen diese Wesen auch die geistigen historischen Zentren sein, auf welche alle anderen Objekte teleologisch zu beziehen sind. Der vorher als bloße Möglichkeit gewonnene engere Begriff der Geschichte überhaupt, und zugleich kommen wir damit dem, was von der empirischen Wissenschaft wirklich als „Geschichte” hervorgebracht wird, erheblich näher, als dies durch den formalen Begriff möglich war. Der nicht an logische, sondern an sachliche Unterschiede anknüpfende Sprachgebrauch wird nur Untersuchungen geschichtlich nennen, in deren Zentrum sich geistige Wesen befinden.

Verstehen wir aber die Notwendigkeit des Zusammenhanges, der zwischen den Begriffen des Geschichtlichen und des Geistigen durch den Begriff des wertenden geistigen Zentrums hergestellt wird, so begreifen wir auch, warum nahezu alle Theorien der Geschichtswissenschaft das entscheidende Merkmal für die Trennung von der Naturwissenschaft durch den sachlichen Gegensatz von Körper und Geist zu gewinnen suchen. Ja, das soeben Ausgeführte erklärt nicht nur die weite Verbreitung derartiger Ansichten, sondern gibt ihnen sogar ein relatives Recht. Alle Bearbeiter der nicht naturwissenschaftlichen Disziplinen, der Theologe, der Jurist, der Philologe, der Historiker, der Nationalökonom fühlen sich gegenüber den Männern der Naturwissenschaft zusammengehörig, und wenn man nach dem Grunde dafür fragt, so wird man immer geneigt sein, im Begriff des Geistigen das Band zu erblicken, das aus ihnen ein einheitliches Ganzes macht, denn ihre Objekte sind in der Tat vorwiegend geistig und müssen es sein. Es liegt daher auch für den, der einen überblick über das gesamte Gebiet der wissenschaftlichen Tätigkeit und ihre Unterschiede gewinnen will, sehr nahe, die Wissenschaften in Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften einzuteilen. Wird vollends dann bei dem Versuch einer Theorie der Geisteswissenschaften das wollende und wertende Subjekt zum Ausgangspunkt genommen, so kann, weil die Naturwissenschaft im Gegensatz zur Geschichte und den anderen „Geisteswissenschaften” ihre Objekte von diesem wertenden Subjekt loslösen müssen, und der gewählte Ausgangspunkt also nicht falsch ist, sogar sehr viel Wertvolles zur Charakterisierung der Geschichte und ihres Gegensatzes zur Naturwissenschaft zu Tage treten. (8)

Dies im Einzelnen zu verfolgen würde jedoch sehr weit führen, und wir brauchen es auch nicht zu tun, denn es lässt sich leicht zeigen, dass wer ein wirkliches Verständnis sowohl der logischen als auch der sachlichen Unterschiede zwischen Naturwissenschaft und Geschichte gewinnen will, trotz des notwendigen Zusammenhanges von Geschichte und Geist mit dem  Ausgehen  vom Geistigen und dem Begriff der Geisteswissenschaft nicht zum Ziele zu kommen vermag.

Dass dabei die logischen Gegensätze der Methode eher verdeckt werden als klar zu Tage zu treten können, brauchen wir nicht mehr nachzuweisen, denn auch wenn wir den Begriff des Geistes so eng fassen, dass darunter nur wollende und wertende Wesen fallen, so können doch auch sie ebenso unter naturwissenschaftliche Begriffe gebracht werden wie jede beliebige Wirklichkeit, und das Wort Geisteswissenschaft bleibt somit in  logischer  Rücksicht ganz nichtssagend.

Nicht besser aber steht es im Grunde, wenn man den Begriff des Geistes zur Bestimmung des  sachlichen  Begriffes der Geschichte verwenden will. Er ist dann nämlich in gewisser Hinsicht zu eng und in anderer Hinsicht auch wieder noch viel zu weit. Zu eng ist er, insofern nur das historischen Zentrum ein Stellung nehmendes und daher geistiges Wesen sein muss, und selbst dieses von der Geschichte niemals in seiner lediglich begrifflich zu isolierenden Geistigkeit sondern stets als volle geistig-körperliche Realität darzustellen ist. Zu weit ist der Begriff dagegen insofer, als  alle  wollenden und wertenden Wesen schon Objekte der Geschichte sind. Es müsste also ein noch viel engerer Begriff des Geistigen gebildet werden, wenn wirklich durch ihn auch nur das zentrale Material der historischen Wissenschaften bestimmt werden sollte, und der Umstand, dass zwischen Geist und Geschichte ein Zusammenhang  nur  insofern besteht, als wertende Wesen immer geistige Wesen sein müssen, zeigt daher gerade, wie wenig hieraus für die Bestimmungen eines sachlichen Begriffes der Geschichte zu entnehmen ist. Es wäre daher, weil mit dem Begriff des Geistes eine noch engere als die bisher angegebene Bedeutung nicht ohne Willkür verbunden werden kann, dringend wünschenswert, dass wir den Begriff der Geisteswissenschaft in einer methodologischen Untersuchung gänzlich fallen ließen. Der Grund dafür, dass das Wort sich eingebürgert hat, besteht darin, dass man früher unter Geist etwas anderes verstand als heute, und so gleichgültig an und für sich die Namensgebung auch sein mag, so wird man doch immer gut tun, eine Terminologie zu wählen, die auf den herrschenden Sprachgebrauch Rücksicht nimmt. Durch die Beibehaltung von Ausdrücken, die nicht nur ihre frühere Bedeutung eingebüßt haben, sondern sogar ausdrücklich in einem ganz anderen Sinne gebraucht werden als früher, können lediglich Missverständnisse entstehen. An dem Wort Geist aber haftet die Gefahr solcher Missverständnisse in besonders hohem Grade, und deswegen ist der Kampf gegen den Terminus Geisteswissenschaft mehr als ein Wortstreit.

LITERATUR - Heinrich Rickert, Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung [Eine Einleitung in die historischen Wissenschaften], Freiburg i. Br./Leipzig 1896
    Anmerkungen
    1) Bei dem Heranziehen von Beispielen ließ es sich freilich nicht vermeiden, von der Darstellung menschlichen Seelenlebens zu sprechen, aber niemals war deshalb ein an den Beispielen gebildeter logischer Begriff  nur  auf Darstellungen physischen Seins anwendbar.
    2) Vgl. G. SIMMEL, Die Probleme der Geschichtsphilosophie, S. 7 ff. Es ist charakteristisch, dass SIMMEL, der so klar wie wenige auf den prinzipiellen Unterschied, zwischen Wirklichkeitswissenschaft und Naturwissenschaft hingewiesen hat, dort, wo er von den psychologischen Voraussetzungen in der Geschichtsforschung spricht, zu Behauptungen kommt, die mit seinen eigenen Einsichten schwer vereinbar erscheinen. Er sagt S. 2: „Gäbe es eine Psychologie als Gesetzeswissenschaft, so würde die Geschichtswissenschaft in demselben Sinne angewandte Psychologie sein, wie Astronomie angewandte Mathematik ist.” Dieser Satz gebraucht entweder das Wort Gesetzeswissenschaft nur für rein quantitative Begriffsbildung, was der Psychologie gegenüber keinen Sinn hätte, oder - und dies ist das Wahrscheinlichere - auch SIMMEL hat sich hier noch nicht ganz von der rationalistisch-metaphysischen Denkart befreit, die einem logischen Verständnis der Geschichte im Wege steht.
    3) W. DILTHEY, Ideen über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie, a. a. O. S. 1309.
    4) Vgl. oben S. 188 Anm. Diese Stelle hat ein Referent so verstanden, dass ich zwei verschiedene psychologische Wissenschaften für möglich und notwendig halte. Wer denkt, dass jemand, um über ein Buch zu referieren, es doch eigentlich auch gelesen haben müsse, wird diesen Irrtum schwer begreiflich finden.
    5) Vgl. oben S. 279 Anm.
    6) Vgl. meine Abhandlung über psychophysische Kausalität und psychophysischen Parallelismus, Tübingen 1900. Der darin aufgestellte Begriff einer Kausalungleichung, der es gestattet, kausale Verknüpfung eines qualitativ bestimmten Körpers mit einem psychischen Sein ebenso zu denken wie kausale Verknüpfung zweier qualitativ bestimmter Körper oder zweier psychischer Vorgänge miteinander, ist mehrfach und am eingehendsten in einer scharfsinnigen Arbeit von J. W. A. HICKERSON, einem Schüler RIEHLs, bekämpft worden. H. sagt (Der Kausalbegriff in der neueren Philosophie u. s.w., Vierteljahrschrift f. wiss. Philos. Bd. 25, 1901, S 818 ff.): „Es ist nicht die  qualitative  Seite für sich, sondern der  nicht quantitative Charakter  des Physischen, welcher die Möglichkeit einer ursächlichen Verknüpfung mit materiellen Vorgängen ausschließt.” Dieser feine Unterschied hätte nur dann Bedeutung, wenn Qualittäten und Quantitäten als gesondert bestehende Realitäten vorausgesetzt werden dürften, und diese metaphysische Voraussetzung kann ich nicht zugeben. „Zwei qualitativ verschiedene Körper sind (!) messbare Quantitäten”, meint H. Nein, als volle Realitäten  sind  sie durchaus  nicht , sondern es ist lediglich ihre nur  begrifflich  abtrennbare Quantität auf ein gemeinsames Maß zu bringen. Ich bin auch gewiss nicht geneigt, „zu der alten scholastischen Auffassung der Qualitäten als selbständiger und selbstätiger Entitäten zurückzukehren.”, sondern ich suche überall streng Begriff und Wirklichkeit zu scheiden. Dagegen scheint H. die  Quantitäten  für „selbständige und selbsttätige Entitäten” zu halten, wie dies sehr viele, einseitig an der mechanischen Naturwissenschaft orientierte Erkenntnistheoretiker tun. So vollkommen ich H. zustimme, wenn er für die quantifizierende Begriffsbildung ausgehenden Teile der Naturwissenschaft Kausalgleichungen verlangt, so entschieden muss ich daran festhalten, dass eine volle empirische Wirklichkeit in keine Kausalgleichung eingeht, und dass wir das kausale Verhältnis zwischen zwei begrifflich unbearbeiteten Realitäten nur als Kausal un gleichung denken können, mögen diese Realitäten von uns als zwei körperliche, als zwei geistige oder als ein körperlicher und ein geistiger Vorgang bezeichnet werden. Hieran vermag weder das Prinzip von der Erhaltung der Energie, noch die „letzte Grundlage dieses Prinzips”, der „Grundsatz der quantitativen Unveränderlichkeit der Natur” etwas zu ändern, denn auch sie gelten nur für die quantitative, also  begriffliche  Welt der Abstraktionen. Selbstverständlich hat dies mit dem Glauben an ein von H. mit Recht als „dunkel” bezeichnetes „Gesetz von dem Wachstum der geistigen Energie” oder mit irgendeiner anderen Metaphysik nichts zu tun, sondern ich beabsichtige lediglich, das  absolute  Recht der unmittelbaren empirischen Wirklichkeit gegenüber dem doch immer nur  relativen  Recht der naturwissenschaftlichen Abstraktionen zur Geltung zu bringen. So wertvoll der Begriff der Kausalgleichung sein mag, er kann den Begriff der Kausalungleichung schon deshalb nicht aufheben, weil es zwei vollkommen gleiche empirische  Wirklichkeiten  überhaupt nicht gibt. Siehe auch oben S. 419 ff.
    7) Dieser Begriff des historischen Zentrums fällt selbstverständlich nicht mit dem S. 475 f. entwickelten Begriff des primär Historischen zusammen. Primär historisch können auch Körper sein.
    8) Hier sei besonders auf MÜNSTERBERGs Grundzüge der Psychologie I, (1900) hingewiesen. Dies Werk enthält einen sehr interessanten Versuch, unter dem Gesichtspunkte des Gegensatzes von Natur und Geist eine Einteilung der Wissenschaften zu gewinnen, und zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass an der prinzipiellen Verschiedenheit der psychologischen und historischen Betrachtung trotzdem nicht gezweifelt wird. Freilich scheint mir auch M.s Begriff der Geisteswissenschaft nicht haltbar, denn durch seinen Gegensatz von „objektivierenden” und „subjektivierenden” Wissenschaften trennt er die Psychologie und die Geschichte  so  sehr voneinander, dass die Verwendung von psychologischen Begriffen in einer historischen Darstellung danach gar nicht möglich wäre, und dies ist mit den Tatsachen unvereinbar. Ferner bleibt auch bei M. der vieldeutige Begriff des „Allgemeinen” unbestimmt, und es fehlt daher die entscheidende Einsicht in den Zusammenhang zwischen der geschichtlichen Bedeutung des Individuellen und den allgemeinen Werten.