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WILLY FREYTAG
[mit NS-Vergangenheit]
Der Realismus und das
Transzendenzproblem

[Versuch einer Grundlegung der Logik]
[1/7]

"Was der Philosoph, der nicht bloß Psychologe ist, treibt, was er überhaupt will, ist dem Wissenschaftler, dem philosophischen Laien überhaupt, meist unverständlich, es erscheint ihm oft genug überflüssig; ja lächerlich. Der Philosoph im eigentlichen Sinn ist ihm immer noch ein Mann, der in die Wolken schaut, statt auf den Weg vor seinen Füßen zu achten, der müßigen Träumereien nachhängt und die realen Probleme vernachlässigt, ein Mann, dessen Denken in Spitzfindigkeiten und Wortklaubereien aufgeht, der sich selbst Phantome von Schwierigkeiten schafft, um sie mit Geprassel niederzurennen, wo andere nichts als eine geebnete Straße sehen, - kurz, ein Widerspruch gegen den gesunden Menschenverstand."

"Die Auffassung des naiven Menschen, die ganz alltägliche, die jeder hat, die jeder braucht, um sich nur in seinen eigenen vier Pfählen zurecht zu finden, arbeitet mit Induktionen und unbeweisbaren Hypothesen, genau wie die Naturwissenschaft auch; der Unterschied ist nur, daß der Wissenschaftler sich über den hypothetischen Charakter seiner Voraussetzungen, und darum seiner Wissenschaft überhaupt im Klaren ist oder zumindest zur Klarheit zu gelangen sucht."

E I N L E I T U N G

Es besteht kein Zweifel, daß der Wert, den die Philosophie auf dem Markt der Wissenschaft, des Lebens erzielt, nach dem gewaltigen Sturz in der Mitte des 19. Jahrhunderts wieder im Steigen begriffen ist. Ein gewisses Mißtrauen gegen den Philosophen aber ist doch noch zurückgeblieben; man verlangt von ihm, er solle sich nicht einseitig auf seine Wissenschaft verlassen, er solle auch die anderen, die eigentlichen Wissenschaften berücksichtigen, zumindest in einer derselben so zu Hause sein, daß sie ihm einen sicheren Ausgangspunkt für seine luftigen Spekulationen zu gewähren vermag, einen sicheren Hafen, in den er sich zurückziehen kann, wenn sein Luftschiff in Gefahr ist, das Gleichgewicht zu verlieren. Man verlangt von der Philosophie, sie solle ihr hochmütiges apriorisches Verfahren aufgeben und wie andere Wissenschaften auch, von unten, von den Einzelbeobachtung beginnen, sich vor allem nicht zum Richter über ihre Schwestern aufwerfen, sondern vielmehr dankbar und pietätvoll das benutzen, was diese ihr bieten. Und sieht man genauer zu, welche Bestrebungen des Philosophen es eigentlich sind, für welche die Mitwelt wieder Verständnis zu zeigen anfängt, so ist es die jüngste der philosophischen Disziplinen, die Psychologie, auf die sich alles Lob ergießt. Ja, es könnte fast den Anschein erwecken, als werde es der Psychologie gelingen, die von der Philosophie verlorene Position wieder zu erobern, und sich die führende Stellung in der Kulturbewegung zu sichern, oder zumindest wieder eine Modewissenschaft zu werden. Denn Psychologie ist heute ein Zauberwort, mit dem man alle verschlossenen Türen der Erkenntnis sprengen, all die lockenden, noch ungehobenen Schätze, auf die sich das geistige Interesse richtet, heben zu können hofft: das psychologische Verständnis macht den Historiker und nicht minder den Politiker; man verlangt es vom Richter, vom Arzt, vom Lehrer; man bewundert es am Dichter, dessen Blick in die Tiefen der menschlichen Seele dringt, und dort den Schlüssel findet zu des Schicksals Rätselschrift.

Leider aber ist die Zahl der Philosophen selbst, welche mit dieser Ersetzung der Philosophie durch die Psychologie einverstanden sind, nur klein; den meisten Philosophen liegen doch andere Dinge am Herzen, als die Erforschung der Gesetze, welche unsere psychischen Zustände und Vorgänge unter sich oder mit denen des Nervensystems verbinden. Die Metaphysik ist noch lange nicht ausgestorben; noch immer gilt es, nicht nur Lebensvorgänge und andere Vorgänge zu beschreiben, sondern über den Sinn des Lebens, der Welt nachzudenken, "die Bedürfnisse des Gemütes mit den Ergebnissen der Wissenschaft in Einklang zu bringen".

Die Kluft zwischen dem exakt beschreibenden Wissenschaftler und dem grübelnden Philosophen ist also noch immer unüberbrückt. Was der Philosoph, der nicht bloß Psychologe ist, treibt, was er überhaupt will, ist dem Wissenschaftler, dem philosophischen Laien überhaupt, meist unverständlich, es erscheint ihm oft genug überflüssig; ja lächerlich. Der Philosoph im eigentlichen Sinn ist ihm immer noch ein Mann, der in die Wolken schaut, statt auf den Weg vor seinen Füßen zu achten, der müßigen Träumereien nachhängt und die realen Probleme vernachlässigt, ein Mann, dessen Denken in Spitzfindigkeiten und Wortklaubereien aufgeht, der sich selbst Phantome von Schwierigkeiten schafft, um sie mit Geprassel niederzurennen, wo andere nichts als eine geebnete Straße sehen, - kurz, ein Widerspruch gegen den gesunden Menschenverstand.

Nicht ganz ungerechtfertigt ist diese Charakteristik des Philosophen, erklärbar zumindest insofern, als die philosophischen Probleme oft genug so formuliert worden sind, daß sie dem gesunden Menschenverstand anstößig, wenn nicht ärgerlich erscheinen mußten. Wenn DESCARTES zu beweisen für nötig hält, daß er existiert, wenn von einem anderen Philosophen berichtet wird, der seinen Zuhörern zuruft: "Beweisen Sie mir doch, daß ich bin", so ist ein Lächeln gewiß erlaubt; und doch weiß man, welche ernsthaften Fragen in dieser barocken Form verborgen sind.

So hat auch das Problem, mit dem wir uns hier beschäftigen wollen, das Transzendenzproblem, eine sehr ernsthafte Seite, schließt eine Reihe von erwägenswerten, echt wissenschaftlichen Fragen in sich, während es in der Form, in der es gewöhnlich auftritt, als Frage nach der Existenz und Erkennbarkeit der Außenwelt, eine lächerliche, zumindest unnütze Frage zu sein scheint.

Die erste Aufgabe des Wissenschaftlers, der an so ein Problem herantritt, muß sein, ihm seine eigentliche wissenschaftliche Gestalt wiederzugeben, zu zeigen, daß es sich um eine wirkliche, erörterbare Frage handelt, die nicht durch einen Übergang zur Tagesordnung erledigt werden kann.

Wir wollen das mit unserem Problem in zweifacher Richtung tun: Erstens soll gezeigt werden, wie die seltsame Frage nach der Außenwelt unlösbar zusammenhängt mit einem allgemein als echt wissenschaftlich anerkannten Problem, dem der Induktion. Der Zusammenhang dieser beiden Fragen ist so fest, daß er den prinzipiell anti-transzendental denkenden Philosophen überall da, wo der Hauptgedanke der Induktion, der Kausalgedanke in Frage kommt, zwingt, realistisch, das heißt transzendental zu denken. Dieser Widerspruch zwischen der allgemeinen Auffassung und den unter dem Druck jenes tatsächlichen Zusammenhangs sich durchsetzenden besonderen Aufstellungen macht es leicht, das prinzipielle an der ganzen Frage von den Seltsamkeiten der besonderen Problemstellung zu scheiden und damit in einem zweiten höheren Sinn ihre Wissenschaftlichkeit darzulegen.

Ein Versuch, die so wissenschaftlich formulierten prinzipiellen Schwierigkeiten des Transzendenzproblems zu lösen, und von da aus den eigentlichen Sinn der Frage nach der Außenwelt deutlich zu machen, wird dann weiter keiner Rechtfertigung bedürfen.

Möge das Ganze helfen, die Erkenntnis zu verbreiten, daß es auch außerhalb des bekannten Arbeitsgebietes der Psychologie noch philosophische Probleme gibt, die des wissenschaftlichen Interesses wert sind, Probleme, die wir allgemein als logische bezeichnen wollen. Die besonderen Untersuchungen, mit denen wir es hier zu tun haben, werden sonst freilich meist zur Metaphysik oder Erkenntnistheorie gerechnet; wir werden aber im Verlauf der Arbeit Gelegenheit haben, darzulegen, daß diese sogenannten erkenntnistheoretischen Fragen von den sogenannten logischen Fragen überhaupt nicht abgesondert werden können, daß beide einer Wissenschaft angehören, die man dann dem häufigeren Sprachgebrauch folgend am besten Logik zu nennen hat.

Meine Untersuchungen werden so zugleich einen Beitrag zur Entscheidung der heute die Philosophen wieder lebhaft bewegenden Frage nach dem Verhältnis von Psychologie und Logik liefern, wobei diese Entscheidung sicherlich nicht rein von allgemeinen Überlegungen aus gegeben werden kann sondern ebensosehr von der Betrachtung der besonderen Probleme beider Wissenschaften abhängig ist.


I. Abschnitt
Der Realismus und das Induktionsproblem

§ 1. Es ist in den Darstellungen der Logik mehr oder weniger üblich, den Induktionsschluß seinem Namen entsprechend als eine besondere Art des Schließens zu fassen und ihn dem syllogistischen Schluß einfach nebenzuordnen. Man sagt, die alte aristotelische Logik sei einseitig, lasse gerade die wichtigste Art des Gedankenfortschritts, eben den wirklich induktiven Schluß unbeachtet; und dem entspricht es, wenn JOHN STUART MILL, der Begründer der induktiven Logik meint, die alte Definition der Logik als der Wissenschaft vom Syllogismus (reasoning) müsse einfach erweitert werden durch eine Berücksichtigung der zweiten Art des Schlusses zu der neuen, nach welcher die Logik die Wissenschaft vom Beweis ist.

So wird die neue Lehre vom Induktionsproblem einfach der alten vom Syllogismus an die Seite gesetzt; und es bekommt den Anschein, als ob damit an der Art der logischen Wissenschaft nichts geändert wird: nur der Stoff, die Anzahl der zu untersuchenden Gegenstände ist vermehrt worden. Wie die alte Logik ihr Augenmerk nur auf die Regeln richtet, nach denen das Denken von einem Urteil zum andern syllogistisch fortschreitet, nichts aber über die Wahrheit des Ausgangsurteils auszumachen unternimmt, überhaupt nichts mit der Materie, sondern nur mit der Form des Denkens zu tun hat, so, scheint es, ist das Untersuchungsobjekt der neuen induktiven Logik auch nur die Form, das formelle am Induktionsschluß; auch sie entscheidet nicht über die Richtigkeit der Prämissen, der Ausgangsurteile, sondern nur über die Art, wie man von diesen zu neuen Urteilen, Schlußsätzen gelangen kann. So bleibt die neue Gesamtwissenschaft, was die alte war, nur daß sie die alten Einseitigkeit überwunden hat und jetzt alle Arten des Gedankenfortschritts, des Beweises in den Bereich ihrer Untersuchungen zieht. Ist nun diese Auffassung richtig? Kann der Induktionsschluß dem Syllogismus einfach beigeordnet werden, hat es die induktive Logik ebenfalls nur mit der Form des Schließens zu tun, kümmert sie sich nicht um die Sicherheit der Prämissen? Diese Fragen können unmöglich bejahend beantwortet werden. Der ersten setzt schon die alte Lehre von den logisch richtigen Schlüssen ein schroffes "Nein" entgegen: sie beweist ja, daß nur bestimmte Formen des Schlusses, eben die, welche sie aufzählt, richtig, alle anderen unrichtig sind. Es kann also außer diesen Schlußfolgerungen keine anderen mehr geben. Somit folgt, daß der Induktionsschluß nur dann richtig ist, wenn er unter eine der anerkannten Formen jener Schlüsse gebracht werden kann.

Diesen gleichsam a priori zu entwickelnden Satz bestätigt nun die Untersuchung des Induktionsschlusses selbst.

Man unterscheidet wohl einen Induktionsschluß der Ergänzung und einen solchen der Verallgemeinerung, doch läßt sich der erstere leicht auf den zweiten zurückführen. Es genügt daher, hier den letzteren zu betrachten.

Man ordnet diesen Schluß derart an, daß er der Form des Syllogismus möglichst entspricht, um so die Ähnlichkeiten und Unterschiede beider scharf hervortreten zu lassen. Man zählt also zuerst die Prämissen auf:
    S1 ist P.
    S2 ist P.
Daraus ergibt sich der Schlußsatz: Alle S sind P.

Die Ähnlichkeit mit dem Syllogismus liegt auf der Hand. Der Unterschied aber, wird nun aufgeführt, besteht darin, daß die Prämissen nicht vollständig sind; man untersucht nicht erst, ob alle einzelnen S auch P sind, sondern aus wenigen, oft nur einem einzigen Fall, in dem P als Prädikat von einem S erkannt wurde, wird geschlossen, daß P allen S zukommt.

Es läßt sich nun nicht leugnen, auf diese Form lassen sich alle Induktionsschlüsse bringen. Ist damit aber wirklich das für diese Schlüsse Charakteristische und Wesentliche schon gegeben? Ist damit wirklich die Regel des Schlusses schon dargelegt? Offenbar nicht! Denn nach diesem einfachen Schema ist kein wissenschaftlich brauchbarer Schluß zu gewinnen. Niemand kann schließen:
    Dieses Ding ist ein Stein.
    Jenes Ding ist ein Stein.

    Alle Dinge sind Stein.
Mit anderen Worten: Das angegebene Schema ist unvollständig, die Hauptsache fehlt. Was fehlt, ist nun leicht zu erkennen.

Die angeführten Prämissen, ob wenig oder viel, beziehen sich alle nur auf beobachtete, untersuchte Fälle. Der Schlußsatz sagt allgemein aus von den untersuchten und den nicht untersuchten Fällen, er kann das nur, wenn er voraussetzen darf, daß die nicht untersuchten Fälle sich genau so verhalten wie die untersuchten, daß, was von diesen, auch von jenen gilt.

Diese Voraussetzung also ist es, die in jenem Schema mit Stillschweigen übergangen wird, die aber unumgänglich notwendig ist, wenn der Schluß möglich sein soll. Und diese Voraussetzung ist zugleich das Wesentliche am ganzen Schluß; von ihr, nicht vom übrigen Schema aus werden die besonderen Regeln des induktiven Verfahrens gewonnen und bestimmt, und um sie, nicht um das sonstige Schlußverfahren dreht sich der ganze Streit über den Charakter der Induktion. Dieses sonstige Schlußverfahren ist eben, wie leicht ersichtlich, nichts anderes als das übliche des Syllogismus, und läßt sich am einfachsten nach dem modus ponens [setzen einer Schlußfigur, aus der dann eine positive Aussage abgeleitet wird - wp] folgenermaßen darstellen:
    1. Prämisse: Wenn ein bestimmtes Verhalten sich in allen Fällen gefunden hat, die nach bestimmten Regeln (den oben angedeuteten besonderen Regeln der Induktion) untersucht wurden, so ist anzunehmen, daß es sich auch in den Fällen finden wird, die nicht untersucht wurden.

    2. Prämisse: Das Verhalten S-P entspricht dieser Bedingung.

    Schluß: Das Verhalten S-P ist auch in den nicht untersuchten Fällen zu erwarten, es gilt daher allgemein "S ist P".
Versucht man also sich den logischen Bau des Induktionsschlussesf klarer zu machen, so erkennt man leicht, daß derselbe, wie es auch nicht anders sein kann, in nichts vom gewöhnlichen logischen Schluß abweicht. Das Eigentümliche des Induktionsschlusses liegt nicht im logischen Zusammenhang seiner Teilsätze, liegt nicht in seiner sogenannten "Form", sondern im Inhalt der allgemeinen Prämisse, von der er ausgeht.

Soll es daher eine besondere Untersuchung, Wissenschaft vom Induktionsobersatz oder seine Teilsätze, wie etwa der Kausalsatz, kein selbstevidenter, denknotwendiger Satz ist, ist längst gezeigt worden. Der Versuch KANTs oder der Kantianer, die Apriorität desselben durch eine Neubestimmung dieses Begriffs zu retten, läuft auf einen Zirkelbeweiß hinaus. Heißt ein Satz a priori, wenn er die logische Voraussetzung der Erfahrung ist, und heißt Erfahrung soviel wie Wissenschaft, vor allem Naturwissenschaft, aber Wissenschaft in dem Sinne, daß sie keine unbewiesenen Hypothesen enthält, so muß der Kausalsatz notwendigerweise a priori sein oder heißen. Woher aber wissen wir, daß die Naturwissenschaft Wissenschaft in diesem Sinne ist? Sie ist es doch nur dann, wenn eben der Kausalsatz und andere derartige Sätze mehr absolute Gültigkeit haben. Dann ist der Kausalsatz a priori, d. h. keine bloße Hypothese, sondern absolut gültig, weil er die notwendige Voraussetzung der Naturwissenschaft als Wissenschaft im strengsten Sinne ist, und die Naturwissenschaft ist eine solche Wissenschaft im strengsten Sinn, weil der Kausalsatz absolut gültig, also a priori ist!

Dieser Beweis ist also mißlungen. Gibt es etwa einen anderen? Daß man einen noch allgemeineren empirischen Satz auffinden könnte, aus dem sich der allgemeine Induktionsobersatz beweisen ließe, ist wenig wahrscheinlich; und gelänge es doch, so würde sich für diesen noch allgemeineren Satz dieselbe Frage nach dem Beweis erheben. Die Natur der induktiven Forschung weist vielmehr darauf hin, daß der Satz als Verallgemeinerung besonderer Teilsätze auch von diesen aus zu beweisen sein wird. Diese Teilsätze aber weisen wieder auf speziellere Sätze zurück, bis wir schließlich auf eine bestimmte Summe von Einzelerfahrungen stoßen, die, wenn sie schon auch noch etwas Hypothetisches enthalten sollten, doch jedenfalls nicht mehr in demselben Sinn und Maß hypothetisch sind, wie der allgemeine Satz. Wenn nun aber die Sätze, welche diese Einzelerfahrungen ausdrücken, als sicher gelten können, auf welche Weise läßt sich aus ihnen der allgemeine Satz ableiten? Die Antwort kann nur lauten: "durch einen Induktionsschluß". Das heißt aber: es gibt keinen Beweis für den allgemeinen Induktionsobersatz; denn, um ihn aus partikulären Prämissen, den einzelnen Erfahrungen, den einzelnen beobachteten Fällen folgerichtig abzuleiten, müßte man ihn selbst voraussetzen, da nur er die Befugnis gibt, von den beobachteten Fällen, den einzelnen Erfahrungen auf die nichtbeobachteten Fälle, also allgemein zu schließen.

Der Satz ist demnach unbeweisbar, er ist eine Hypothese. Die Begründung oder Rechtfertigung von Hypothesen aber erfolgt in zweierlei Richtung: erstens muß die Hypothese dem Erklärungszweck, um dessen Willen sie aufgestellt wird, vollkommen genügen und zweitens darf sie keinem als gesichert zu betrachtenden Satz widersprechen, sie muß sich in das System der vorhandenen Erkenntnisse harmonisch einfügen.

Die Logik, welche das Induktionsproblem behandelt, wird also zu untersuchen haben, ob und inwieweit der allgemeine Induktionsobersatz diesen beiden Bedingungen entspricht, in der Erörterung der zweiten aber muß sie, wie nunmehr zu zeigen ist, Stellung nehmen zu den Problemen der sogenannten Erkenntnistheorie. Ich behaupte, der allgemeine Induktionsobersatz und vor allem sein wichtigster Teilsatz, der Kausalsatz, verträgt sich nur mit einem einzigen der erkenntnistheoretischen Standpunkte, er paßt nur zu einem realistischen Denken, zum Realismus.

Die überlieferten erkenntnistheoretischen Standpunkte sind vor allem charakterisiert durch die Antwort, welche sie auf folgende zwei Fragen geben. Erste Frage: Ist die menschliche Erkenntnis beschränkt auf die Welt des Bewußtseins oder kann sie darüber hinausgehen? Zweite Frage: Gibt es außer der Welt des Bewußtseins noch eine andere, die sogenannte Außenwelt, oder ist das, was der naive Mensch für die Außenwelt hält, vielmehr nur ein Teil der Welt des Bewußtseins?

Auf jede der beiden Fragen sind zunächst zwei Antworten möglich, eine bejahende und eine verneinende, so daß sich aus deren Kombination rein schematisch vier verschiedene erkenntnistheoretische Standpunkt ergeben würden mit folgenden Behauptungen.
    Erster Standpunkt: Es existiert eine Außenwelt und sie ist erkennbar, denn die Erkenntnis ist nicht auf die Welt des Bewußtseins beschränkt.

    Zweiter Standpunkt: Es existiert eine Außenwelt, aber sie ist unerkennbar, die Erkenntnis ist auf die Welt des Bewußtseins beschränkt.

    Dritter Standpunkt: Es existiert keine Außenwelt, und die Erkenntnis ist auf die Innenwelt beschränkt.

    Vierter Standpunkt: es existiert keine Außenwelt und die Erkenntnis ist nicht auf die Welt des Bewußtseins beschränkt.
Diese vier möglichen Standpunkte haben es aber nicht alle zu gleicher Bedeutung in der philosophischen Welt gebracht. Nur die drei ersten sind als selbständige Systeme ausgebildet worden; wir nennen sie, gemäß dem jetzt fast allgemein üblichen Sprachgebrauch, den ersten den des Realismus, den zweiten den des Phänomenalismus, den dritten den des Konszientalismus. Der vierte ist wohl deshalb nicht zu rechtem Ansehen gekommen, weil er sehr unpraktisch ist, oder doch zumindest scheint. Wozu soll uns eine Erkenntnis dienen, die über die Welt des Bewußtseins hinausgeht, wenn es keine andere Welt gibt als diese? So ganz verächtlich ist nun dieser Standpunkt aber dann doch nicht; es dürfte sich sogar bei näherem Zusehen zeigen, daß er vor allem im Hinblick auf eine logische Unanfechtbarkeit manches vor einem Teil der übrigen voraus hat; er ist deshalb hier mit aufgeführt!

Welchen Wert man nun aber auch den einzelnen Standpunkten von anderen, etwa solchen formal logischen Gesichtspunkten aus beilegen will, vom Gesichtspunkt der induktiven Logik aus ist nur einer derselben brauchbar, der des Realismus.

Unumgängliche - wenn auch nicht hinreichende - Voraussetzung für die Gültigkeit des allgemeinen Induktionsobersatzes oder seines wichtigsten Teilsatzes, des Kausalsatzes, ist, daß eine erkennbare Welt außerhalb des Bewußtseins existiert. Denn gäbe es nur eine Welt des Bewußtseins, so wäre der Kausalsatz sicher falsch.

Der Kausalsatz sagt aus, daß ein jedes Ding der Wirklichkeit (genauer jede Veränderung) eine Ursache hat, d. h. daß es nach einer festen Regel auf ein anderes Ding (eine andere Veränderung) folgt, oder überhaupt in seinem Auftreten mit demselben nach einer bestimmten Regel verknüpft ist. In der Welt des Bewußtseins aber gibt es unendlich viele Dinge, für die kein anderes Ding der Bewußtseinswelt, kein anderer Bewußtseinsinhalt gefunden werden kann, auf den sie nach einer festen Regel folgen. So sind die sogenannten äußeren Wahrnehmungen alle derart beschaffen, daß sie ihre Ursache nicht in einem Bewußtseinsinhalt haben können.

Das Geräusch eines Wagens, das plötzlich störend in unsere Überlegungen hineinlärmt, läßt sich nicht durch eine Regel mit diesen Überlegungen verbinden, so daß es in ihnen seine Ursache finden könnte. Der plötzliche Anblick des Freundes, der uns durch seinen Besuch überrascht, ist nicht durch unsere Bewußtseinsinhalte vorbereitet, nicht von ihnen bedingt. Das Überraschende solcher plötzlichen Wahrnehmungen ist ja ein deutliches Zeichen dafür, daß in unserem Bewußtsein nichts vorhanden war, das das Eintreten derselben erwarten ließ, d. h. aber, daß diese Wahrnehmungen durch keine Regel mit den Inhalten des Bewußtseins verbunden waren.

Nicht nur aber von überraschenden Wahrnehmungen gilt, daß ihre Ursachen nicht im Bewußtsein liegen, es gilt für jede Wahrnehmung. Gehe ich etwa um 12 Uhr mittags auf den Markt, so ehe ich eine wirre Menge von Menschen aller Art, die aus den Fabriken und Geschäften nach Hause strömen, ich erhalte Wahrnehmungen ganz bestimmter Gegenstände; gehe ich aber eine halbe Stunde früher dorthin oder wäre ich eine halbe Stunde früher ebendorthin gegangen, vielleicht ohne mir des Zeitunterschieds bewußt zu sein, so hätte ich, obgleich mein Bewußtseinsinhalt infolge des mangelnden Zeitbewußtseins genau der gleiche sein könnte wie im ersten Fall, gänzlich andere und auch andersartige Wahrnehmungen gehabt: keine Menschenmassen, nur die im Verhältnis zu diesen wenigen, welche auch immer das Bild des Marktes beleben. In meinem Bewußtsein liegt auch hier nicht die Bedingung für den Unterschied der Wahrnehmungen.

Selbst aber in dem Fall, daß wir eine bestimmte Wahrnehmung erwarten, also die Möglichkeit wenigstens der Bedingung der Wahrnehmung durch unser Bewußtsein vorhanden ist, gerade in diesem Fall sind wir uns deutlich bewußt, daß unsere Erwartungen nicht schon die Wahrnehmung bedingt, wir wissen, daß die Wahrnehmung unsere Erwartung täuschen kann. Der beste Beweis dafür ist, daß wir diejenigen Fälle als anormal herausheben und unterscheiden, in denen die Wahrnehmung subjektiv bedingt ist; wir nennen sie ja dann auch nicht Wahrnehmung, sondern Halluzination.

Lückenhaft ist der Bewußtseinszusammenhang aber nicht nur auf dem Gebiet der Wahrnehmungen, sondern allgemeine auf dem Gebiet der Vorstellungen, ja wohl auch im Gebiet der Gefühle und Wollungen: es ist Grund zu der Annahme vorhanden, daß es überhaupt keinen Kausalzusammenhang innerhalb der bloßen Bewußtseinsinhalte gibt. Es sei darauf hingewiesen, daß Erkenntnisse, nach denen wir lange vergeblich gesucht haben, sich oft plöztlich von selbst einstellen, wo unsere Gedanken auf etwas ganz anderes gerichtet waren, daß Gefühle, Stimmungen den Menschen überfallen, ohne daß er sich Rechenschaft zu geben vermöchte über ihren Ursprung, daß Wollungen, Willenserregungen in ihm aufsteigen, über die er sich selbst wundern muß, die gar nicht zum bisherigen Bestand seines Bewußtseins passen.

Eine vollständige Erörterung dieser Frage aber erübrigt sich an diesem Ort. Es genügt der Nachweis, daß einzelne psychische Inhalte oder Vorgänge, etwa die überraschenden Wahrnehmungen, nicht kausal aus den ihnen vorhergehenden Bewußtseinsinhalten oder Vorgängen abgeleitet werden können. Denn damit ist sichergestellt, daß die Welt der Bewußtseinsinhalte für sich keinen geschlossenen Kausalzusammenhang darstellt, daß der Kausalsatz und damit auch der allgemeine Induktionsobersatz sicher falsch wären, wenn es keine Außenwelt gäbe.

§ 2. Der Zusammenhang des Kausalgedankens oder der Induktion überhaupt mit dem Gedanken des Realismus ist also zunächst der, daß der Zweifel an der Außenwelt notwendig zum Zweifel an der Kausalität, an der Möglichkeit der Induktion führt. Der Zusammenhang ist aber noch weit inniger.

Die Annahme einer erkennbaren Außenwelt ist Voraussetzung für die Induktion, weil sie selbst einen Teil, und zwar den wichtigsten und umfänglichsten der im allgemeinen Induktionsobersatz liegenden Hypothesen ausmacht. Die Dinge der Außenwelt sind ja nicht nur die eigentlichen Träger der kausalen Beziehungen, auf sie beziehen sich fast ausschließlich die Aussagen über regelmäßige Zusammenhänge überhaupt. Es gibt gewiß einzelne Sätze von allgemeinen Zusammenhängen psychischer Inhalte, die zumindest diskutierbar sind, so etwa der Satz, daß keine Vorstellung ohne Gefühlston, kein Gefühl ohne begleitende Vorstellung auftritt. Was besagen aber diese wenigen, noch dazu höchst zweifelhaften psychischen Regelmäßigkeiten gegenüber der Fülle von konstanten Verhältnissen, wie sie dem Laien und dem Wissenschaftler immer massenhafter in der Außenwelt entgegentreten? Die Annahmen, die sich auf die Außenwelt beziehen, sind daher nicht vollständig, aber nahezu identisch mit der Gesamtheit der induktiven Annahmen überhaupt; und wir können somit sagen, daß nicht nur der Zweifel an der Außenwelt zum Zweifel an der Induktion führt, sondern soweit ein Zweifel an der Strenge der induktiven Sätze besteht, soweit müssen im Wesentlichen auch Zweifel an der Außenwelt bestehen.

Der Zweifel an der Außenwelt steht wesentlich auf der gleichen Stufe wie der Zweifel an der Induktion, an der Kausalität. Wenn ich annehme, daß ausnahmsweise die Wahrnehmung α keine Ursache gehabt hat, oder daß ein Diamant ausnahmsweise von einem Stück Glas geritzt worden ist, dann habe ich mit dieser Annahme zugleich eine Lücke in die Außenwelt gerissen: die Außenwelt ist verringert worden umd das Element a, welches Ursache der Wahrnehmung α ist, und um einen Inhalt Härte = 10, welcher sonst stets dem Diamant genannten als Merkmal zuzukommen pflegte. Und gehe ich mit solchen Annahmen weiter, so sieht man leicht, daß wesentlich in demselben Maß, wie Ausnahmen von den Naturgesetzen zugelassen werden, auch Lücken in der Außenwelt entstehen, bis endlich mit Aufhebung des gesamten Kausalzusammenhangs, aller Regelmäßigkeit, auch die gesamte Außenwelt verschwunden ist, während die Welt des Bewußtseins im Wesentlichen unverändert bleiben würde.

Die Hauptmasse aller wissenschaftlichen Induktionen bezieht sich also auf die Außenwelt; umgekehrt ist aber auch das, was der naive Mensch als seine Erfahrung, sein Wissen von der Außenwelt bezeichnet, genau besehen nichts anderes als eine Reihe von Induktionen, die, wenn auch nicht in Schärfe und Genauigkeit, so doch nach ihrer Tragweite, ihrer Bedeutung einfach mit einem Teil jener wissenschaftlichen Induktionen zusammenfallen.

Auch die Auffassung des naiven Menschen, die ganz alltägliche, die jeder hat, die jeder braucht, um sich nur in seinen eigenen vier Pfählen zurecht zu finden, arbeitet mit Induktionen und unbeweisbaren Hypothesen, genau wie die Naturwissenschaft auch; der Unterschied ist nur, daß der Wissenschaftler sich über den hypothetischen Charakter seiner Voraussetzungen, und darum seiner Wissenschaft überhaupt im Klaren ist oder zumindest zur Klarheit zu gelangen sucht, während der naive Mensch sich in den Glauben wiegt, das tatsächlich nur induktiv Erschlossene in seinem Weltbild sei in demselben Sinn eine unmittelbare Erfahrung wie das, was ihm doch allein tatsächlich gegeben ist. Der naive Mensch zweifelt nicht daran, daß das Haus, welches er bewohnt, auch dann noch existiert, wenn er es nicht mehr sieht, also etwa in der Naacht, und daß es dann auch in derselben Weise existiert, genauso aussieht, wie da, wo er eine Wahrnehmung von ihm hat. Das ganze Haus in seinem ununterbrochenen Dasein ist ihm eine Erfahrung, nicht bloß das wahrgenommene Haus oder das Haus als Wahrnehmungsinhalt.

Und weiter, am Wahrnehmungsinhalt Haus ist ihm nicht nur das, was er tatsächlich wahrnimmt, ein wahrgenommenes, ein erfahrenes, sondern das ganze Haus oder besser das Haus selbst als Ding der Außenwelt ist ihm in der Wahrnehmung "unmittelbar gegeben; die Wahrnehmung erfaßt die Außenwelt, so wie sie ansich ist.

Der Wissenschaftler weiß - oder zumindest sollte er es wissen -, daß in der Gesichtswahrnehmung des Hauses etwa nur ein perspektivisches Bild unmittelbar gegeben ist, daß von den vier Wänden desselben höchstens drei zum Wahrnehmungsinhalt gehören können, daß die Farben dieses Inhaltes nur etwas subjektives, psychisches sind, daß der ganze gegebene Inhalt überhaupt eine Halluzination sein kann, allein abhängig von bestimmten Änderungen des Gehirns, daß daher auch in der unmittelbaren Wahrnehmung des Hauses zum tatsächlich Gegebenen sehr viel hinzugedacht wird, daß vor allem das Außenweltliche am Haus nicht zur unmittelbaren Erfahrung gehört, sondern hypothetischer Natur ist. Das ganze Hypothetische nun, das in den sogenannten Erfahrungen der naiven Menschen von der Außenwelt neben dem tatsächlich Gegebenen enthalten ist, ist von ihm zu diesem Gegebenen hinzugefügt worden aufgrund seiner Erfahrung: er weiß, daß er als normaler Mensch keine Halluzinationen hat, daß die Farben, so wie er sie wahrnimmt, auch von anderen wahrgenommen werden, sofern diese ebenso normal sind wie er selbst; er weiß, daß sein Haus nicht bloß drei, sondern vier Wände hat, sein Gehirn enthebt ihn sogar der Arbeit, durch ein Schlußverfahren im klaren Licht des Bewußtseins aus dem perspektivischen Wahrnehmungsbild die objektive Gestalt des wahrgenommenen Dings abzuleiten, das Perspektivische des Bildes wird von ihm überhaupt kaum beachtet; er weiß, daß das Haus von anderen gesehen wurde, als er es nicht sah, daß er es immer hätte sehen können, solange er wollte, daß daher wohl das Wahrnehmen des Hauses von seinen Augen abhängt, nicht aber dessen Existenz.

Aus Erfahrung also stützt sich das Wissen des naiven Menschen von der Außenwelt, aber immer bleibt es ein Wissen von mehr als bloßen Erfahrungen, und darum ist es ein induktives, ein hypothetisches Wissen, ein Wissen, das nichts weniger als selbstverständlich ist, und darum wie alles induktive Wissen Gegenstand einer wissenschaftlichen Prüfung werden darf.

Es kommt hinzu, daß das Wissen, das jeder Mensch von der Außenwelt zu haben meint, das daher auch der Philosoph hat, wenn er anfängt über die Möglichkeit eines solchen Wissens nachzudenken, sich bei näherem Zusehen als mit mancherlei Unklarheiten behaftet erweist. Dem naiven Menschen ist der Wahrnehmungsinhalt etwas objektives; was ist er aber, wenn die Wahrnehmung trügt? Die Wahrnehmung zeigt ihren Inhalt als etwas Gegenständliches, vom Subjekt Getrenntes, aber auch der Traum, die Halluzination zeigen ihre Inhalt so, obgleich diese subjektiv genannt werden; wo liegt da der Unterschied? Die Größe des Gegenstandes ändert sich mit der Entfernung des wahrnehmenden Auges; welches ist da die richtige, die absolute Größe? Gibt es überhaupt eine solche? Und so kann man fortfragen; der naive Mensch weiß keine Antwort, ja selbst die Wissenschaft hat noch keine gefunden, die sich allgemeinen Beifalls erfreuen könnte.

Bedingungslose Voraussetzung für alles wissenschaftliche Denken kann daher der Standpunkt des naiven Menschen auf keinen Fall sein oder werden; jene Unklarheiten verlangen eine wissenschaftliche Bearbeitung.

Nun könnte man freilich sagen, das alles sind Einzelheiten, die allgemeine Behauptung des naiven Realismus dagegen, daß es überhaupt etwas unabhängig von unseren psychischen Zuständen und Vorgängen gibt, und daß dieses Etwas auch irgendwie erkennbar ist, wird durch jene Unklarheiten in keiner Weise betroffen, er darf darum als natürlichster und einfachster Standpunkt das Rechtbeanspruchen, auch ohne Beweis angenommen zu werden, nämlich so lange, als nichts Entscheidendes gegen ihn vorgebracht werden kann.

Der methodologische Grundgedanke dieser Argumentation ist zweifellos von außerordentlicher Bedeutung für allen wissenschaftlichen Betrieb. Aber ob er hier angewandt werden kann, das ist doch erst noch auszumachen. Wir werden weiter unten noch die Überlegungen kennen lernen, die aus ganz allgemeinen Prinzipien einen Einspruch schon gegen den bloßen Begriff einer erkennbaren Außenwelt herleiten. Hier möchten wir nur darauf aufmerksam machen, daß selbst die sogenannte Natürlichkeit und Einfachheit des realistischen Standpunktes etwas ist, was doch zumindest deutlich gemacht werden muß. Der Sinn des "einfach" und "natürlich" ist durchaus nicht immer derselbe. Ein Schluß etwa ist natürlich und einfach, weil er sich ungezwungen aus den Vordersätzen ergibt; bei einem anderen Satz aber genügt das ungezwungene und leicht verständliche noch nicht, um die Beilegung der Charaktere natürlich und einfach zu rechtfertigen. Sonst müßte alles leicht verständliche auch schon als das natürliche angenommen werden.

In der höheren Mathematik, etwa der Mengenlehre, sucht man einen möglichst natürlilchen und einfachen Ausgangspunkt, das heißt einen Ausgangspunkt, der eine möglichst einfache Ableitung aller übrigen Sätze ermöglicht und alle zusammen in ein System zu bringen gestattet, das der Natur des Gegenstandes möglichst angepaßt ist, die natürlichen Zusammenhänge möglichst klar hervortreten läßt - so verfahren alle Wissenschaften, daß aber jede, also auch die Mengenlehre etwa deshalb von "leicht verständlichen" Sätzen ausgehen muß, wird niemand behaupten. Es ist vielmehr nur allzu gewiß, daß es in den meisten Fällen eine sehr schwierige Sache ist, den natürlichen Ausgangspunkt für eine Untersuchung, für eine Wissenschaft zu gewinnen.

In welchem Sinn soll nun der Realismus der natürliche Standpunkt sein? Wir hören wohl die Antwort: der Standpunkt des naiven Realismus ist dem Menschen so natürlich, daß er ihn tatsächlich überhaupt nicht verlassen kann. Also eine natürliche Notwendigkeit für alles Denken soll er sein; aber ist das wahr?

Es gibt doch gerade in der neueren Zeit wieder umfangreiche Versuche, ganze Wissenschaften in einem anti-realistischen Sinn durchzuführen; auf keinen Fall ist für den Menschen die Annahme der Außenwelt etwas denknotwendiges.

Über die genauere Bestimmung und Klärung von Einzelheiten in der Gesamtannahme des Realismus hinaus besteht daher für den Wissenschaftler zumindest noch die Aufgabe, genauer darzulegen, in welchem Sinn und warum dieser Standpunkt so natürlich ist, um ohne weiteren Beweis angenommen zu werden.

Der Standpunkt des naiven Realismus ist also mit gewissen Unklarheiten, vielleicht widersprüchen behaftet, die es unmöglich machen, ihne ohne weiterer Prüfung in die Wissenschaft herüberzunehmen; der Realismus überhaupt aber ist eine induktive, daher hypothetische Behauptung, deren Natur zu untersuchen auch dann eine wissenschaftliche Aufgabe bleiben würde, wenn gegen ihre Berechtigung keinerlei Bedenken erhoben werden könnten.

Daß diese Untersuchung dann der Logik zuzuweisen ist, als der Wissenschaft, welche sich vor allen anderen mit dem Induktionsproblem beschäftigt, ergibt sich aus dem Gesagten von selbst.

LITERATUR - Willy Freytag, Der Realismus und das Transzendenzproblem, Halle a. d. Saale 1902