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ERNST AUGUST EVERS
Über die Schulbildung
zur Bestialität


"Ich selbst habe während der kurzen Zeit meines Schulamts jenem idealischen Traum von einer Bildung zur Humanität in behaglicher Selbsttäuschung nachgehangen, habe vielleicht manches junge Gemüt durch dergleichen Hirngespinste verwirrt: endlich ist der Nebel verflogen und durch den ersten Flammenblick der Sonne gestärkt wage ich es auszusprechen: Es ist nicht Aufklärung, nicht Vollkommenheit, nicht Sittlichkeit, nicht Humanität, wozu ihr das heranwachsende Menschengeschlecht erziehen müßt, sondern einzig und allein - die Bestialität."

"Mit Recht würde man einen Zustand heiterer Bewußtlosigkeit, wo der Mensch, unabhängig von quälenden Bedürfnissen, Eins mit sich selbst und mit der Welt, gleich den munteren Herden der Antilopen auf Afrikas Heiden, in friedlicher Geselligkeit, bloß animalischen Genüssen hingegeben, lebte, den Zustand einer vollendeten Bestialität nennen. Allein entflohen sind diese goldenen Tage, das Paradies ist von der Erde verschwunden, und ob jeder Versuch, die Menschheit wieder dahin zu zurückzuführen, mißlingen muß, das hat uns der melancholische Genfer gelehrt. Nicht dieser vollkommene Tierstand also ist es, den ich mit jenem Wort bezeichne, ein beneidenswerter Zustand, in welchem wie in einem Magneten, also auch im Menschen, die beiden Grundkräfte allen Wesens, die anziehende und abstoßende, ihrer selbst unbewußt in ungestörter Freiheit wirkten, der unbekannten Notwendigkeit untertan. Aber die Freiheit, das Bewußtsein erwachte, das Bewußtsein der anziehenden, empfangenden Kraft des Verstandes ..."

"Wie möchte der Mensch, dieses hinfällige Tongebilde, jemals diese Höhe [göttlicher Seligkeit] erringen? Aber danach zu streben vermag er. Und in diesem Streben, die ausschließende Gewalt des Irdischen zu hemmen, daß sich die Sinnlichkeit und ihr Rechnungsführer, der Verstand, nicht überhebe über die Vernunft, und durch Vernunft Maß und Regel und Freiheit zu bringen in den veränderlichen, dienenden Stoff, das Endliche dem Unendlichen zu nähern, darin besteht das Wesen der Humanität. Dagegen findet der Tiermensch die Einheit und Ruhe, welche das Ziel aller menschlichen Wünsche ist, in der Ausdehnung des gegenwärtigen physischen Wohlseins über sein ganzes Dasein."

"Nur eins ist not - das ist das Brot - nur Einer
hat Recht - der Stock, so lang' er prügeln kann."


Daß Kinder eigentlich nicht wissen, was sie wollen, darin sind alle Schulmeister einig, ob sie selbst aber, die Meister, wissen, was sie denn eigentlich wollen, darüber möchten sich ihre Stimmen wohl nicht so leicht vereinigen lassen. Menschen wollen wir bilden! tönt es mir aus aller Mund entgegen. Aber wisset ihr denn, was der Mensch ist; und wenn ihr die notwendige Idee desselben erfaßt hab, wißt ihr die Natur der zufälligen Einschränkungen, unter welchen er existiert; und wenn auch dieses, wißt ihr die harmonische Wechselwirkung zwischen beiden weise zu fördern? Wir wissen, antwortet eine zahlreiche Schar treuherziger Meister, was geschrieben steht: der Mensch besteht aus Seel' und Leib: für die Bildung des Körperlichen haben wir ein weltliches Mittel, den Stock, für die Bildung des Geistigen ein geistliches, den Katechismus. was übrigens Körper und Geist ist, das hat uns niemand gesagt. - So will ich es Euch sagen, läßt sich von seinem Katheder herab ein spekulativer Pädagoge vernehmen. Ich habe das Rätsel gelöst, welches den Weisesten aller Zeiten unauflöslich war, habe angschaut das magnetische Zauberband, welches das Unendliche an das Endliche knüpft, und dieses Anschaun hat meinen Blick über die notwendige Form der geistigen Entwicklung untrüglich erleuchtet. So ihr das Ursprüngliche im Menschen a priori konstruiert, wie ich, und auf diese absolute Konstruktion eine selbständige Vernunftbildung in lückenloser Folge erbaut: so wird Euch alles andere von selber zufallen; aller Willkür im Wissen und Handeln wird ein Ende gemacht, und das Eine, was Not ist, sicher erreicht werden. Mit göttlicher Wonne werdet ihr schauen, wie das Gemüt Eures konstruierten Jungens, in den unwandelbaren Gesetzen seines Wesens ergriffen, sich in immer reicheren Selbstschöpfungen zu innerer Lebensfülle gestaltet. So spricht er sich aus, und - könnte immerhin mit dem arglosen Sancho hinzusetzen: ihr versteht mich nicht, aber der liebe Gott versteht mich. Zwischen der poetischen Höhe dieses Menschenbildners und der prosaischen Tiefe jener demütigen Menge schallen aber noch von so verschiedenen Seiten so verschiedene Stimmen über die eine große Hauptangelegenheit, daß in Wahrheit der Schullehrer, der, ohne einer derselben zu folgen, seines Weges nicht sicher werden könnte, weit beklagenswerter sein würde, als wer ohne fremde philosophische Formen nicht zu dem Glück kommen könnte, sich seines eigenen Selbst in einem klaren Zusammenhang bewußt zu werden. Denn nimmermehr wird ihm einleuchten, ob er seine Schüler nur auf einem oder auf mehreren Wegen führen kann, geschweige denn, wie er sie mit ruhiger, fester Hand leiten soll, wenn ihm das Ziel seiner Leitung nicht hell vor Augen steht. In dumpfer Beschränktheit dem Spiel des Zufalls und willkürlicher Bedingungen sich selbst und seine Schüler preisgebend, wird er nie zum Ganzen bildend mitwirken, weil er weder dieses, noch sich, mit der Bedeutung seines Wirkens als Teil desselben deutlich begriffen hat. Und welches ist dieses Ganze? welches sein Zweck? in welchem Verhältnis steht alle Schulbildung zu demselben? auf welche Weise kann sie seinen Forderungen am sichersten entsprechen? Alles beruth für den Schulmann auf der Beantwortung dieser Fragen, wenn ihm alle Mühe und Arbeit nicht, gleich Schritten im betrüglichen Flugsand, spurlos verschwinden soll.

Jenes Ganze, lehrt man, ist die Menschheit, und ihr Ziel Menschlichkeit, Humanität. Wecke im Einzelnen die schlummernde Menschenkraft, die den Leib erhebt über den Staub und wieder in den Staub wirft vor dem unendlichen Geist, bilde ihn durch Freiheit zur Freiheit von aller tierischen Beschränkung, daß er sich selbst und sich in anderen liebend fühlt und dieses Gefühl in Wort und Tat rein verkündet; bilde zur Harmonie: denn Harmonie ist das Ganze. Bilde, so möchte man dort ein Weltmann, mit dem die Welt im Bunde ist, den gutmütigen Träumer unterbrechen, bilde aus nichts zu nichts, das ist der wahre Sinn deiner schönklingenden Phrasen. Und in der Tat, schon das unaufhörliche im-Munde-führen derselben, das verwundernde Hinweisen auf jene notwendige Eins möchte manchem unbefangenen Zuschauer einige nicht unbedeutende Zweifel gegen die Realität der Sache erwecken. Denn wo man nicht einmal das Wort Humanität kannte, in Griechenland, da finden wir die Idee desselben durch den Meißel, wie durch den Pinsel, durch Wort und Tat, im Leben des Einzelnen und des Ganzen, in Ernst und Spiel, in Freud und Leid anmutig versichtbart. Der Besitz machte still und heiter. Erst nach dem Verlust vernehmen wir die Stimme der Klage und der Sehnsucht. Die Blüte war dahin, und konnte durch keine Treibhauswärme wieder in natürlicher Fülle entfaltet werden. Noch mißtrauischer macht uns dieser Blick in die Vorwelt gegen die Möglichkeit, auf die Humanität der gegenwärtigen Welt durch Schulbildung zu wirken, wenn wir bedenken, daß, wie jeder Pflanze, so jede menschliche Virtuosität, zu ihrem Gedeihen nicht bloß etwa der Wartung des Gärtners bedarf, sondern vor allem bestimmter Einflüsse der Zeit, des Orts, der Witterung und des wechselhaften Spiels der Umstände; wenn wir bedenken, daß die griechische Kalokagathie [körperliche und geistige Vollkommenheit als Bildungsideal - wp], römischer virtus [Tugend - wp] und britischer public spirit nicht Erzeugnis der Pädagogen, sondern einer allgewaltigen Pädagogik einer physischen, moralischen und politischen Notwendigkeit sind und waren, deren Fäden schon gesponnen sind, ehe der Mensch atmet, und die ihn vom ersten Atemzug bis zum letzten mit einem unsichtbaren Netz umfangen; wenn wir schließlich bedenken, daß jede Spur der bildenden Lehrerhand sich verwischen, höchstens sich gleich entstellenden Narben am Gebildeten abdrücken muß, wenn sie sich erkühnt, gegen die sanfte Gewalt des mütterlichen Arms und den tausendhändigen Riesenarm des Volks- und Zeitgeistes anzukämpfen. Weiser möchte scheinen, statt fruchtloser Versuche den Menschen nach einem Urbild von dem auszuprägen, was er sein und glauben, wie denken und handeln soll, ihn zu dem zu bilden, was er jetzt, in dieser Zeit, an diesem Ort, in dieser Natur, unter diesen Menschen und Verhältnissen sein kann, was und wie er glauben, denken und handeln und wie er sich die Umstände und dem Umständen sich selbst aneignen kann, um dahin zu gelangen, was alle suchen und so wenige finden, zur Einheit, Zufriedenheit, Ruhe.

Aber wie führen wir den Menschen zu diesem letzten Ziel, was kann der Schullehrer dafür tun, und wie soll er es tun, wie kann er gewiß sein, die Zwecke jedes Einzelnen und des Ganzen, so viel an ihm ist, übereinstimmend zu befördern? Hier kommen wir wieder auf die oben aufgeworfene Frage zurück. Ob das unvertilgbare Streben nach Einheit, nach Ruhe, durch die Entwicklung der jugendlichen Kräfte zur Humanität befriedigt werden kann, ob das Ganze, zu dem der Teil gebildet werden soll, diesen Geist hat, darüber habe ich mir bisher nur einige leise Zweifel erlaubt. Aber wehe dem Schüler, wenn sein Lehrer über die erste und letzte Aufgabe seines Geschäfts in trüber Ungewißheit schwankt. Nur das Gefühl der Notwendigkeit seines Verfahrens kann ihm jene Entschiedenheit geben, ohne welche all sein Treiben ein blindes Zutappen bleibt. Ich selbst habe während der kurzen Zeit meines Schulamts jenem idealischen Traum von einer Bildung zur Humanität in behaglicher Selbsttäuschung nachgehangen, habe vielleicht manches junge Gemüt durch dergleichen Hirngespinste verwirrt: endlich ist der Nebel verflogen und durch den ersten Flammenblick der Sonne gestärkt wage ich es auszusprechen: Es ist nicht Aufklärung, nicht Vollkommenheit, nicht Sittlichkeit, nicht Humanität, wozu ihr das heranwachsende Menschengeschlecht erziehen müßt, sondern einzig und allein - die Bestialität.

Diese Behauptung zu begründen und die Art anzudeuten, wie der Schulmann, besonders in sogenannten gelehrten Schulen, dem Staat in der Erreichung dieses Zwecks eine hilfreiche Hand leisten kann, dies ist die Aufgabe, zu deren Lösung ich hier einen kleinen Beitrag zu liefern hoffe. Mein Wunsch ist erreicht, wenn es mir gelingen sollte, auch nur einen kleinen Teil sowohl meiner Amtsgenossen in der Schweiz, als überhaupt aller, denen der Anbau der Humanität in sich und um sich bisher eine Hauptforderung ihrer Menschen- und Amtspflicht schien, von der Nichtigkeit ihrer Vorstellung zu überzeugen. Zwar möchte jenes Kardinalwort anfangs manchem zu hart und für den menschlichen Stolz zu beleidigend klingen; allein es kommt alles darauf an, welchen Begriff wir damit verbinden. Ist dieser erst einmal bestimmt, so wird vielleicht der eine oder andere den Ausdruck Humanität, Eudämonie oder ähnliche menschenfreundliche statt jenes menschenfeindlichen gewählt wünschen; aber für tadelhaft würde ich auch dann noch meine Wahl nicht halten, da ja nicht nur in politischen Manifesten, schon seit uralten Zeiten, sondern in unseren modernen philosophischen Systemen, ja besonders auf den lustigen Blättern der Büchertitel eine solche Sprachverwirrung heutigentags zum guten Ton gehört. Doch zur Sache.

Wer ist nicht einmal auf den Flügeln der Poesie in jenes goldene Weltalter entrückt, wo, wie OVID uns erzählt, das Menschengeschlecht
    Ohne Gesetz freiwillig der Treu und Gerechtigkeit wahrnahm.
    Furcht und Strafe waren fern. Nich lasen sie drohende Worte
    Auf dem gehefteten Erz; nicht bang vor des Richtenden Antlitz
    Stand
ein flehender Schwarm: ungezüchtigt waren sie sicher. Mit Recht würde man diesen Zustand heiterer Bewußtlosigkeit, wo der Mensch, unabhängig von quälenden Bedürfnissen, Eins mit sich selbst und mit der Welt, gleich den munteren Herden der Antilopen auf Afrikas Heiden, in friedlicher Geselligkeit, bloß animalischen Genüssen hingegeben, lebte, den Zustand einer vollendeten Bestialität nennen. Allein entflohen sind diese goldenen Tage, das Paradies ist von der Erde verschwunden, und ob jeder Versuch, die Menschheit wieder dahin zu zurückzuführen, mißlingen muß, das hat uns der melancholische Genfer [Rousseau - wp] gelehrt, der alle Springfedern seines überschwenglichen Genies aufbot, um das gesunkene Geschlecht zu jenem Nichtweiter alles menschlichen Strebens emporzuheben. Nicht dieser vollkommene Tierstand also ist es, den ich mit jenem Wort bezeichne, ein beneidenswerter Zustand, in welchem wie in einem Magneten, also auch im Menschen, die beiden Grundkräfte allen Wesens, die anziehende und abstoßende, ihrer selbst unbewußt in ungestörter Freiheit wirkten, der unbekannten Notwendigkeit untertan. Aber die Freiheit, das Bewußtsein erwachte, das Bewußtsein der anziehenden, empfangenden Kraft, der Verstand; der treibenden, über Gegenwart und Veränderung hinaus in das Zukünftige, Ewige treibenden Kraft, die Vernunft. Mit diesem Erwachen begann im Menschen der Kampf zwischen dem Unveränderlichen und dem Veränderlichen, zwischen Gottheit und Tierheit. Statt daß jedes auf seiner Bahn hätte fortschreiten sollen, der Verstand im Trennen und Verbinden des zufälligen Stoffs, die Vernunft im Schaffen, im Erforschen des Notwendigen, durchkreuzen sich ihre Bahnen, und seitdem ist, wie jeder Entzweiung Endzweck: die Vereinigung, so auch die Aufgabe allen menschlichen Strebens, die Versöhnung des Irdischen und Himmlischen, des Endlichen und Unendlichen. Unmöglich muß sie bleiben, solange das eine oder das andere eine siegende Richtung behält; nur durch eine gleichgemessene, höchste Befriedigung beider Bedürfnisse kann sich jener Unterschied aufheben, und, wie aus den ebenmäßig angefüllten Schalen der Waage die ruhige Schwebung des Züngleins, jene Wechseldurchdringung der reichsten Fülle und der reinsten Form, des höchsten Genusses und der höchsten Tätigkeit hervorgehen, welche der Philosoph von Stagira [Aristoteles - wp] als Seligkeit der Götter preis, und die Zauberhand des griechischen Bildhauers im Marmor des Götterbildes dem ahnungsvollen Anschauen offenbarte. Wie möchte der Mensch, das hinfällige Tongebilde, jemals diese Höhe erringen? Aber danach zu streben vermag er. Und in diesem Streben, die ausschließende Gewalt des Irdischen zu hemmen, daß sich die Sinnlichkeit und ihr Rechnungsführer, der Verstand, nicht überhebe über die Vernunft, und durch Vernunft Maß und Regel und Freiheit zu bringen in den veränderlichen, dienenden Stoff, das Endliche dem Unendlichen zu nähern, darin besteht das Wesen der Humanität. Dagegen findet der Tiermensch die Einheit und Ruhe, welche das Ziel aller menschlichen Wünsche ist, in der Ausdehnung des gegenwärtigen physischen Wohlseins über sein ganzes Dasein. Aber auch dieses ist ein Ideal, und, wie alles idealische, unerreichbar. Ihm nähern kann er sich nur durch möglichste Unterdrückung der Vernunft: denn diese treibt ihn stets über die Gegenwart hinaus: und durch eine ausschließende Richtung des Verstandes und aller Äußerungen der Sinnlichkeit auf den einen Hauptzweck: möglichste Steigerung des Wohllebens. Diese herrschende Gemütsstimmung ist es, die sich nicht unpassend mit dem Namen der Bestialität bezeichnen, und von der oben beschriebenen natürlichen durch den Beinamen der künstlichen unterscheiden läßt. Der eigenmächtige, nicht durch die Vernunft gerichtete, Verstand ist das eigentliche Organon derselben, und je nachdem er mehr oder weniger zur höchsten Bedarfsklugheit entwickelt ist, steht auch die Bestialität auf einer tieferen oder höheren Stufe. Er kann nur ja oder nein sagen zu dem, was ihm die Sinne vorführen, nur scheiden und sammeln und umprägen die Erscheinungen, nichts Erstes, nichts Festes, nichts Notwendiges aus sich selbst schaffen. Er ist der ewige Begleiter der Sinne, und im Tiermenschen beherrscht er sie nur, um ihr Sklave zu sein. Mannigfaltige tiefere oder flachere Spuren von ihm sind auch im Tierkreis sichtbar, und er allein hebt den Menschen nicht eben hoch über das Tier. Seine Höhe verdankt dieser der Vernunft, deren eigentliche Kraft ist, daß sie ihn hinaufschauen heißt zu dem, der ist und außer dem nichts ist; daß sie das Unbekannte aus dem Bekannten, das Innere aus dem Äußeren, das Unsichtbare aus dem Sichtbaren bemerkt und versteht. Auf sich selbst gerichtet erzeugt sie die Wahrheit, auf das Handeln, die Güte, auf den irdischen Stoff, die Schönheit. Diese drei Göttingen kennt der Tiermensch nicht. Statt des Wahren hat er die Meinung, statt des Guten die Konvenienz [Übereinkunft - wp], statt des Schönen den Nutzen. Weil sich ihm aber doch die Begriffe von Recht und Unrecht durch das gesellschaftliche Leben aufdrängen, so erklärt er sie - aus diesem Leben, das Unveränderliche aus der Veränderung, und sucht ihre Befestigung nicht etwa in der Vernunft, sondern über diese hinaus in einem unsichtbaren Schreckbild, vor dem er erzittert. Dort wird seine Tierheit politisch, hier superstitiös [abergläubisch - wp] - Die Humanität wird empfangen von der Vernunft, geboren aus der Würde (dem Gefühl des Vorzugs des Ewigen vor dem Zeitlichen), erzogen durch Kunst und Wissenschaft für die Zukunft. Die Bestialität wird empfangen von den Sinnen, geboren aus dem Verstand, erzogen durch die Bedarfsdressur für die Gegenwart. Der humane Mann gehört der Menschheit an, und sieht im Staat nur ein Mittel, sich zur Gattung auszudehnen, eine Vervollkommnungsanstalt; jedes Besondere sucht er zum Allgemeinen zu erheben: denn ihn bewegt nur das Allgemeinste und dessen Verkündigung in Freiheit oder in Wissenschaft, in Kunst oder in Religion. Der Tiermensch gehört seinem Stand an, und der Staat ist ihm nur der Weg zu diesem, einer Rumfordischen Suppenanstalt vergleichbar; er treibt ihn noch enger in sein Individuum hinein: denn alle seine Bestrebungen begrenzen sich nur auf das, was er sein Ich nennt, und weit entfernt, sich von den Schranken seines Amtsgeschäfts durch dessen Behandlungsart zu befreien, ist ihm nur wohl in der Alltäglichkeit: ein Sklave des Augenblicks sucht er selbst das Ewige diesem dienstbar zu machen. Wenn jener nach Wahrheit und Güte und Schönheit um ihrer selbst willen strebt, wenn ihn seine innere Reizbarkeit für die großen Gegenstände: Gott und Welt und Menschheit, auf selbstgewählten Bahnen in die Tiefen der Erkenntnis führt; wenn er sich über die Wendepunkte aller menschlichen Tätigkeit ein System von deutlichen Begriffen gebildet hat, um Maß und Zusammenhang in sein und anderer Leben zu bringen, und in sich selbst immer unabhängiger zu werden, voll ausdauernden Widerstandes gegen jede äußere Hemmung, mit Selbstverleugnung und aufopfernder Liebe; wenn ihn weniger der Stoff, als die Form desselben rührt, wenn er weniger zu besitzen trachtet, als das zu sein, wozu ihn die Natur mit seiner Gestalt ins Dasein rief; wenn er aus allem, was er sagt und tut, aus dem Ton seiner Stimme, aus Gebärde und Anstand, ja selbst aus dem Leblosen, was ihn umgibt, seinen Sinn für das Bessere und Schöne durchscheinen läßt, wie die himmlische Freudigkeit hervorleuchtet aus dem irdischen Auge; wenn er überall etwas Höheres sucht, als das Leben geben und nehmen kann: so hat der Tiermensch dagegen für das Höchste wie für das Niedrigste nur einen Maßstab, den Ertrag. Der mit alleiniger Sorge gepflegte Trieb zur Selbsterhaltung mit seinem Gefolge, dem Interesse, dem Genuß und der Eitelkeit ist es, der ihn allein zu einer ermüdenden Anstrengung anspornt. Um zu leben, vergißt er, wozu er lebt, vergißt, ddaß der Mensch nicht allein vom Brot lebt; um zu leben, überschüttet er sich mit theoretischem Gedächtniswust, und hält es für Wissenschaft, zu wissen, was andere gewußt haben; um zu leben, beugt er den Geist unter das Joch der Autorität und fährt in demütiger Geistesarmut im Gleis der Gewohnheit dahin; zurückbebend vor jeder kühnen Folgerung, vor jeder neuen Entdeckung oder Anwendung einer Entdeckung, die ihn in seinem mechanischen Schneckengang zu stören droht, brandmarkt er jeden Versuch dieser Art mit dem höhnenden Namen der Aufklärung: selbst wenn er (ein seltener Fall!) durch Not getrieben weiter geht und Neues zu entdecken versucht, so ist es ihm nicht um Wahrheit, sondern nur um ein Rezept zum Wohlbefinden zu tun, und die Wissenschaft sinkt ihm herab zum Hausmittel für den Hausbedarf. Auch alle seine moralische Tatkraft hat der Egoismus verschlungen, und er würde diesem Götzen Recht und Treue, Gesetz und Menschenglück, Freiheit und Vaterland opfern, wenn ihn nicht das Bedürfnis nach fremder Hilfe, die Furcht vor der Staatsgewalt, oder vor einer qualvollen Ewigkeit zurückhalten würde; weit entfernt von er edlen Selbstliebe, die sich in anderen fühlt und findet, ist er immer nur sein eigener unersättlicher Bettler. Erwarte man von ihm doch nicht Äußerungen des Gefühls für Ehre und Selbständigkeit, kühnen Widerstand gegen das, was ihn zur Entäußerung seiner Menschenwürde nötigt, nicht Beweise uneigennütziger Geselligkeit, nicht tätige, warme Teilnahme am höheren Gemeinwohl; der Gehorsam, der leidende Gehorsam ist seine Tugend, die Gewohnheit sein Gesetz, sich der Meinung sklavisch zu unterwerfen, Geld zu scheffeln, neue Erwerbsmittel zu erklügeln und sich um die übrige Welt nichts zu bekümmern, das ist seine lustige Lebensweisheit. Nur der Besitz, nicht die Art desselben, nur der Inhalt, nicht die Gestalt kann ihn vergnügen. Statt die Zeugin der freien Gedankenwelt, die Sprache, zur möglichsten Vollkommenheit auszubilden, um durch die klarste und gefälligste Befestigung der fliehenden Gedanken und Empfindungen sein Selbstbewußtsein immer reiner und tiefer zu machen, sieht er in ihr nur ein bequemes Mittel zum nützlichen Verkehr, und kann er ie als solches brauchen, so wähnt er den Gipfel erreicht zu haben, von dem er auf all jene göttlichen Genies, die in vollendeter Darstellung ihrer Ideen uns den reinsten Spiegel veredelter Menschennatur vorhalten, als auf Phantasten und utopische Grillenfänger selbstgenügsam herabschaut. Ja selbst den Wert der erhabensten Meisterwerke der Kunst berechnet er nach Prozenten, höchstens erpreßt ihm, wie Herrn CAMPE, das Anschauen der Gruppe des Laokoons seinen tierischen Empfindungsschrei: o weh! Zur selbstsüchtigen Verschmitztheit, zur moralischen Nullität, zur ärgsten Sklaverei, in die ein Mensch geraten kann, zur Abhängigkeit vom Leblosen herabgesunken, schleicht und taumelt er, je nach seinem Temperament, von Begierde zu Genuß, von Genuß zu Begierde, endlich zur allvereinigenden Ruhe - des Grabes.

Und wie? wird man einwerfen, Du wagst diese Knechtschaft jener edlen Freiheit voranzusetzen. Heißt das nicht den Menschen vom Altar des Ewigen fortreißen, und ihn in den Staub werfen zum Opfer am Tieraltar? ihn vom Gottesdienst zum Götzendienst verleiten? Das Ideal, ohne welches der Mensch niedersänke wie das Tier, welches die Natur Erdwärts gebeugt und dem Bauch gehorsam bildete, diesen einzigen Freund und Helfer und Retter aus der wilden Verworrenheit des Lebens, dieses willst du ihm rauben, willst ihn schlechter machen, als er ist, indem du ihn nur nimmst, wie er ist? - Aber wie? wenn dieses Ideal selbst nur ein blendendes Riesenbild wäre, ein trügerisches Irrlicht, das euch statt aus dem Labyrinth der Wirklichkeit zu retten, nur noch tiefer hineinstürzte und fü die verheißene Ruhe die peinlichste Unruhe eurer gutmütigen Überspannung zum Lohn gäbe?

Doch die Sache ist zu wichtig, um nur durch einige Fragen abgefertigt zu werden. Es bedarf des Beweises, daß nicht die Humanität, sondern einzig die Bestialität zu der Ruhe führt, nach der sich jede Menschenbrust unwiderstehlich sehnt.

Zuvörderst will ich gar nicht erwähnen, ob denn nicht vielleicht jene so gepriesene Ausbildung des Selbstbewußtseins von Verhältnissen abhängt, die jenseits unserer Willkür liegen; ebensowenig will ich den modernen Kranioskopen [Schädeldoktor - wp] zu Hilfe rufen, sondern nur an den segensreichen Einfluß erinnern, den die bürgerliche Gesellschaft auf des Lebens Ruhe und Sicherheit äußert. Was aber hat Staaten umgeworfen? was ihre Ruhe erschüttert? was Unzufriedenheit mit der bestehenden Lage der bürgerlichen Verhältnisse erregt? was hat sich gesträubt gegen das Joch der herrschenden Gewohnheit? War es nicht hauptsächlich jenes unselige Bemühen der erwachten und erstarkten Vernunft, am idealen, auf Freiheit gegründeten Vernunftstaat, den sie sich gebildet haben, den reellen durch das Recht des Stärkeren erschaffenen und erhaltenen Naturstaat zu messen? Sage man doch nicht, daß, wenn die Humanität der Regenten in gleichem Maß mit der Humanität der Regierten gewachsen wäre, diese fürchterlichen Gärungen nie würden ausgebrochen sein. Als wenn jenen in der geschäftsvollen Sorge für die Gegenwart Zeit zu müßigen Spekulationen bliebe, und es nicht schnöder Undank von diesen genannt zu werden verdiente, ihre Ruhe zur Beunruhigung der Ruheschenker zu mißbrauchen!

Und der Mißbrauch dieser äußeren Ruhe ist das ganze Streben nach Humanität, ein Mißbrauch, der sich aber durch seine stete Begleiterin, die innerliche Selbstpeinigung und die Entzweiung mit der Wirklichkeit bitterlich rächt. Denn je näher ein von diesem Geist Getriebener zur Ruhe zu kommen wähnt, desto weiter fleht sie ihn an, dem Tiermenschen aber scheint sie freundlich entgegen zu kommen und mit Fleiß den Reiz kleiner Störungen zur Erhöhung des behaglichen Zustandes herbeizuführen. Mit stolzer Verachtung sieht jener auf diesen, als auf eine unwissende Marionettennatur, herab. Der Tor! Findet er denn Befriedigung im eigenen Wissen? Treibt ihn nicht der unauslöschliche Durst, die Grenzen seines Wissens zu erfahren, in die endlosen Räume der Wissenschaft und der Natur? Und wozu? (wenn er auch endlich dahin kommt, wohin die Höchsten seiner Gattung gekommen sind) um mit THEOPHRAST über die Kürze des Lebens zu klagen, oder verzweifelnd auszurufen: Nur der Irrtum ist das Leben, und das Wissen ist der Tod? wie SCHILLER das getan hat. Gleicht er nicht em abenteuerlichen PYRRHUS, den sein Tatendurst von Stadt zu Stadt, von Land zu Land trieb, ohne doch zu der Endabsicht all seines Strebens, der häuslichen Ruhe, zu gelangen, indessen der Tiermensch, dem weisen KINEAS folgsam, um das Ferne und Mögliche unbekümmert, sich mit dem Nahen und Wirklichen begnügt, und den handgreiflichen ökonomischen Ertrag sorgsam wahrnimmt. Man stelle ihn ins Leben hinein, jenen Idealsfreund! und man wird bedauernd sehen, wie der herrliche Turm, den er in die Wolken erbaute, krachend zusammenstürzt. Stellt ihn mit seinem reinen Sinn für die einfache Wahrheit der Religion in die wirbelvollen Spitzfindigkeiten der Dogmatik; mit seinem tiefen Rechtsgefühl in die verformelte Jurisprudenz, unter den Wust streitender Gesetze, unter die tötenden Buchstaben der Gerichte; mit seinem begeisterten Schönheitssinn in die verschrobenen Gebräuche des bürgerlichen Lebens; mit seinem lebendigen Freiheitsgefühl und der eigenen Willensfestigkeit in die Fesseln der Regierungsformen oder des Kriegsdienstes, der ihn zwingt, nicht der Sache, sondern einem Führer zu folgen; schmiedet die aufringende Tätigkeit in den langsamen Geschäftsgang, drängt das rastlose Streben nach dem Besseren in das einförmige Gewohnheitsgleis, spannt den Schwung der Gefühle an den Brotwagen des Egoismus; laßt ihn auf dem Boden, wo er säen will, starre Unempfänglichkeit finden, finden wie die meisten durch den ermatteten Kampf für ihre Existenz, durch die tägliche Bedürfnisvermehrung, durch die maschinenmäßige Künstlichkeit der geselligen Verhältnisse an den Staub gefesselt sich schon überglücklich wähnen, wenn ihnen nur vergönnt ist, die Stimme, die sie doch zuweilen an die Leere ihres Innern mahnt, so schnell als möglich im gemeinen Vergnügungstaumel zu übertäuben. Laßt ihn Kälte finden, wo er Wärme, Höflichkeit, wo er Herzlichkeit, Scheinsucht, wo er Gradsinn, engherzige Selbstigkeit, wo er edle Selbstverleugnung suchte; kurz: überall sein idealisches Vorwärtsdringen durch unübersteigliche Mauern der Wirklichkeit eingeschlossen sehen - was kann der Erfolg sein? Entweder er steht in schneidender Eigentümlichkeit über der Masse, die ihn nicht faßt, und statt der ersehnten Ruhe wird ihm die Ehre zuteil, bei seinem Leben für einen Schwärmer gehalten zu werden, und - wenn's hoch kommt - nach seinem Tode in "Adelungs Geschichte der menschlichen Narrheit" zu prangen. Oder er wird, um den Dämon des Ideals zu bannen, sich in den Strudel des Lebens stürzen, sein Glaube wird ihm zur Torheit werden, es wird ihm Torheit scheinen, die engen Schranken seines Amts zu erweitern, da ihn demütige Beschränktheit sicherer empfiehlt; durch Taten, durch Wissenschaft, durch Verdienst, durch Liebe und Freundschaft, durch Gradheit, durch edle Dreistigkeit zu erwerben, was ihm durch Worte, durch Auswendiglernen, durch gläubige Folgsamkeit, durch Geld und List und Vettern und Gevattern, durch Schmiegen und durch Biegen, weit bequemer zu Gebote steht. Aber mit aller Anstrengung, mit aller Zerstreuung kann er doch das Gespenst nicht auf immer scheuchen; es kehrt wieder, so oft er zu sich selbst in die Einsamkeit kehrt, und unaufhörlich vom gedoppelten Trieb, sich zu fliehen und sich zu suchen, umhergeworfen, findet auch er nur im Tod seine Ruhe. Das sind die schönen Früchte eurer Bildung zur Humanität! Blickt euch um, und fragt nach der Quelle der tausendfältigen Unzufriedenheit. Ihr werdet sie entdecken im Kampf des zweifachen Triebes nach Extension der Gegenwart und Intension des Selbstbewußtseins, nach Weltgleichheit, wenn ich so sagen darf, und Selbstgleichheit. Ist ihre Vereinigung den Weisesten der Sterblichen immer noch ein frommer Wunsch geblieben, ist das Streben danach mit einer unausweichlichen Unruhe verbunden, muß es notwendig mit dem Leben, für das wir doch geboren sind, entzweien; warum dann nicht den näheren Weg zur Ruhe wählen, und die einmal aufgekeimte Vernunft, statt sie durch Ausbildung zu stärken, durch eine einseitige Befriedigung des entgegengesetzten Triebes zumindest unterdrücken, da ihre Erdrückung leider unmöglich ist. Nur dadurch werdet ihr das Leben mit der Schule in Harmonie bringen, und den Zögling zu einem stillen, gehorsamen, geduldigen Arbeiter machen, der keine Störung erfährt und keine verursacht. Instinktmäßig wird er sich am Leitseil des Staates gängeln lassen: denn ihm verdankt er seine Ruhe und, wie er meint, den gedeihlichen Unterschied zwischen Recht und Unrecht. Geduldig wird er, als Gelehrter, sich nicht die sauerste Mühe verdrießen lassen, um recht viel nachsagen zu können, was andere gesagt haben, und sich an der Hand des Beispiels und der Satzung, wenn gleich mit saurem Schweiß, doch angewundert und gelobt, durch die verwickeltsten Geschäfte finden; geduldig, als Kaufmann, auf Haben und Gewinnen seinen Gesichtskreis beschränkend, die übrigen Dinge gehen lassen wie sie eben gehen; geduldig, als Handwerker sich bei monotoner Wiederholung des Brauchs der Vorfahren gemächlich begnügen; geduldig, als Bauer, unter des Joches Last mit seinem Ochsen am Pflug ziehen und sich's nicht einfallen lassen, jemals gegen den Stachel zu löcken. - Zwar kann er nicht viel lehren, aber er hat viel gelernt; zwar ist er nicht viel, aber er hat und gilt viel; zwar ist das Gewebe seines Innern grob - verworren, aber er fabriziert seine Tücher; zwar wirkt der Kopf wenig, aber die Hand umso mehr; zwar hat er das Pfund seines Geistes vergraben, aber er gräbt dafür ein nützlichers aus den Tiefen der Erde; zwar liegt das Feld seiner Seele wüst, aber das Ackerfeld bringt ihm reichlichen Zins. Und wenn sich das innere Sehnen nach dem Heiligen und Hohen nicht ganz ersticken lassen sollte, so hat der Staat auch dafür vormundschaftlich gesorgt, und ihm eine Anzahl Wörter und Formeln gegeben, an die er sein dunkles Wünschen befestigen, dienstfertige Krücken, woran sich der Lahme zumindest aufrecht erhalten kann. Er ist glücklich in seiner Beschränktheit, in seiner Entfesselung von allen edlen Bedürfnissen: denn er strebt nach nichts, was er nicht durch ausharrende Arbeitsamkeit an sich bringen könnte. Die Arbeit würzt ihm das Leben: denn er sieht in ihr das Mittel, seinen Genuß zu erhöhen, und dieser wird nie getrübt durch eitle Wünsche; hat er genug errungen, so genießt er im Rückblick auf die überstandene Mühe, oder im Hinblick auf seinen Wohlstand einen Vorgeschmack des Himmels, dessen reizendes Kirchengemälde ihn so oft erbaut hat. Grausam seid ihr, wenn ihr ihm zeigt, was ihr ihm nicht geben könnt. Der Traum seines Glücks ist verschwunden, die Gegenwart befriedigt ihn nicht mehr, er dringt ins Unsichtbare, schnappt nach Luft, ohne seinen Hunger zu stillen, und wenn er auch noch so viele Schätze gehäuft hat, bleibt seine Seele unbefriedigt und arm. Lasse man immer jene Humanitätsprediger sagen, das Leben bestehe eben in diesem ewigen Suchen und Nichtfinden. Wir beneiden ihnen diese Unruhe nicht, wenn sie uns nur unsere Ruhe lassen, und zu dieser, das denk' ich genug gezeigt zu haben, gelangt am sichersten der Tiermensch, der früh gewöhnt ist, den Vorteil und das Interesse zu seinem Idol zu machen.

Nichts tut aber auch dem Zeitalter mehr Not, als diese Gewöhnung. Man höre darüber einen berühmten Erziehungsrat:
    "Verzärtelung, Prachtliebe, Aufwandsnotwendigkeit nehmen überhand. Schlaffheit, Entnervung, Kränklichkeit, Indolenz und Arbeitsscheue halten, als notwendige Wirkungen jener Ursachen, mit ihnen Schritt und das fürchterliche Anwachsen von beiden ist, wie ich vor jedem Menschenbeobachter zu behaupten mir getraue, die ergiebige Hauptquelle des vermehrten vielfachen Elendes unserer Zeiten, worunter die Menscheit beinahe zu erliegen droht . . . Ich kenne daher keine Tugend, welche in unseren Tagen gepredigt und auf alle Weise befördert zu werden mehr verdient, als Sparsamkeit, Fleiß, Industrie und wohlgeordneter Erwerbstrieb. Da es nicht mehr bei uns steht, die Menschen wieder simpel, frugal und bedürfnisfrei zu machen: so bleibt uns nichts mehr übrig, als zu versuchen, ob wir sie nicht emsiger, industriöser und erwerbsamer machen können usw." (1) -
Wer könnte dieser flüssigen Klarheit noch ein Wort hinzusetzen?

Dieses möchte hinreichend scheinen, um bei einer besonnenen Abwägung die Schale der Bestialität zum Sinken zu bringen. Denn völligen Ausschlag gebe noch Folgendes:

Das einzige Mittel zur Lösung der großen Aufgabe, wie ohne die guten Folgen zu entbehren, welche die immer gesteigerte Entzweiung zwischen Vernunft und Sinnlichkeit (oder in sogenannte Aufklärung) auf die Erhöhung eines genußreichen Lebens gehabt hat, die verderblichen, welche unsere Ruhe und Wohlbefinden unaufhörlich hemmen und trüben, zu entfernen sind, das einzige Mittel zu diesem hohen Zweck ist dem Menschengeschlecht in der Bestialität gegeben.

Mit trübem Ernst wandeln wir durch das immer wechselnde Land der Geschichte.
    Lange beglückt stand nichts. Der Städt' und Menschen
    Schickungen steigen immer auf und nieder.
    Jahre bedarf ein Königreich zu steigen,
    Stunden zu fallen! (2)
Wäre es denn unmöglich, mit festem Arm in das kreisende Rad des Geschicks zu fassen, und es zum Stillstand zu bringen? Welche Masse von Erfindungen ist jetzt in den gebildeten Staaten Europas Gemeingut geworden? Himmel und Erde sind geöffnet und der erste der letzteren dienstbar gemacht; die Elemente sind dem Maßstab unterworfen, die Erfahrungskenntnisse zu einem hohen Grad von Vollkommenheit gediehen, dem Erwerbsfleiß tausendfach verschiedene Bahnen geebnet, und der Zusammenhang der Dinge zur Beförderung eines sicheren, bequemen und angenehmen Lebens genugsam ergründet. Und dieser Kranz sollte mit so vielem Kampf und Elend nur dazu errungen sein, um zugleich mit den jetzt blühenden Staaten zu verwelken? - Aber was haben denn diese vor so vielen zertrümmerten Staaten voraus, daß sie allein würdig wären, in einer unerschütterlichen Ruhe zu bestehen? Sollen alle die untergegangenen Geschlechter mit Gefahr und Ungemach, mit Schweiß und Blut nichts weiter als uns ein ungestörtes Genießen erkauft haben? Und warum denn nicht? Muß nicht Schmerz jedem Vergnügen vorhergehen? hat sich nicht aus dem Chaos die ruhige Gestalt der Welt gebildet? So kann auch nur aus dem Chaos des menschlichen Drängens und Treibens die Ruhe des geselligen Lebens hervorgehen. Aber wahrlich nicht, wenn wir den Streit der feindlichen Kräfte immer noch vermehren. Nur durch die Besiegung der einen ist der Friede herzustellen. Und daß nicht der Trieb, im gegenwärtigen Zustand zu beharren, sondern die treibende Ahnung nach etwas Höherem, Besserem, welche die Sorge für die Lebenserhaltung sich unterzuordnen befiehlt, die Hauptfeindin ist, ist schon ansich klar. Ist diese, wo nicht ertötet, doch zumindest gefesselt und unschädlich gemacht:dann kann der Verstand sich ungehindert ganz dem Sammeln und Vergleichen des vor ihm ausgebreiteten reichen Stoffs, und der Anwendung desselben auf eine Erhöhung des Wohllebens hingeben, und jenem aufgestellten idealen Ziel der Bestialität immer näher kommen.

Halte man dieses etwa nicht für einen philanthropischen Traum! Ich finde ihn größtenteils realisiert an Asiens östlicher Küste, in dem lange nicht nach Verdienst gepriesenen China. Aus wie vielen und wie gewaltsamen Stürmen mag diese Nation das Kleinod ihrer Erfindungen in den Hafen des ruhigen Besitzes gerettet haben, in welchem sie es schon Jahrtausende ohne Progression erhält! Und wem anders verdankt sie dieses Glück, als der Göttin, welche von ihrem erhabenen Thron herab, der auf der bluterkämpften Erkenntnismasse unzähliger Geschlechter still und sicher ruht, die zufriedenen Chinesen mit goldenem Zepter segnend beherrscht. Dort sind durch die außerordentliche Bevölkerung, der notwendigen Folge der Ruhe und durch die unermeßlichen Abgaben Arbeitsamkeit und Industrie zu einer Höhe gestiegen, wogegen alle unsere Bedarfstätigkeit nur ein wesenloser Schatten ist. Dort zieht ein unabänderlicher, sanft einwiegender Mechanismus seine dichtgeschlossene Kette vom Thron durch alle Klassen des Verdienstadels, des Landmanns und Handelsmanns bis zum ärmsten Schiffer herab, der sich Tag und Nacht seine Lebensfrist auf einer Barke sucht. Alle gesellschaftlichen Verhältnisse sind durch die bestimmtesten Schranken abgemarkt, durch mechanisch erlernte Begriffe, Gewohnheiten und Fertigkeiten, und durch die ungeheure Soldatenmenge die Geistesunruhe eingepfercht; durch den unbedingtesten Gehorsam gegen die väterliche Gewalt, die vom Vater im engsten und durch alle Kreise der Staatsämter hindurch immer weiter und weiter wachsend, endlich vom allgemeinen Landesvater im weitesten Kreis ausgeübt wird, ist die bestehende Ordnung gegen jeden Angriff der Willkür gesichert, und wenn dennoch die unvertilgbare Leidenschaft die Fessel durchbricht, so schlägt die unbeschränkte Herrschergewalt, um eine Verhütung des Frevels unbekümmert, sofort wie ein zürnendes Wetter drein, so daß aller einzelnen Abweichungen ungeachtet die Ruhe des Ganzen in einer unaufgeregten Dauer beharrt. Der durch Furcht gelenkte Eigennutz ist die einige Triebfeder aller Bestrebungen, Wissenschaft und Kunst gelten nur als Handlangerinnen des Erwerbs, der Gelehrte erfüllt seinen Kopf mit dem Gewirr der vorgeschriebenen Formen, nur um zu einer Stelle zu gelangen, und je nachdem ihn seine Gelehrsamkeit zu einer höheren oder niederen verhilft, so wird er geehrt, d. h. ihm die gesetzmäßige Höflichkeit erwiesen: denn diese und der Gehorsam sind dem Chinesen die Angeln aller Tugenden, so wie das Recht des Stärkeren der Stützpunkt ihrer Verfassung. Nirgends findet man einen ausführlicheren Beleg zu PASCALs treffenden Worten:
    "Man gut daran tut, Männer eher nach dem Äußeren als nach den inneren Qualitäten zu unterscheiden. Wer wird von uns zwei passieren? wer wird dem anderen weichen? der weniger geschickte - Aber ich bin so geschickt wie er - Darüber müssen wir uns streiten. Es gibt vier Lakaien, und ich habe nur einen. Es ist sichtbar; man muß nur zählen. Es liegt an mir, nachzugeben, und ich bin ein Narr, wenn ich es bestreite. Dann sind wir auf diese Weise im Frieden, was der größte aller Segen ist!"
Wenn nun also, wie ich glaube gezeigt zu haben, ein so wünschenswertes Heil nur durch Bestialität, Menschenglück nur durch eine Vernichtung der erphantasierten Menschenwürde zu erreichen ist; was kann dem Staat, wenn seine Bürger die gesuchte Ruhe in ihm finden sollen, wichtiger sein, als die Sorge für eine Bildung der Zunahme, welche planmäßig und in genauer Übereinstimmung mit den übrigen Staatseinrichtungen auf jenen Zweck hinarbeitet. Nur unter seiner Leitung kann der Schulmann als Teil zum Ganzen der Staatszwecke mitwirken. Es scheint aber, die ineinandergreifende Zweckmäßigkeit und energische Handhabung nicht nur aller, den heranwachsenden wie den erwachsenen Bürger umfassenden, pädagogischen Staatsmittel, sondern zunächst die Richtung dieser Mittel auf das große Ziel der Bestialität, dem monarchischen Staat ungleich leichter auszuführen, als dem poly-archischen oder sogenannten republikanischen. Denn auf der einen Seite befördert die Zentralisation aller Staatskräfte in den Mittelpunkt eines Kopfes die genaueste Konsequenz in ihrer Anwendung; auf der anderen Seite hilft die alleinige Regentin, die Furcht vor der Gewalt, weil sie ihrer Natur nach bedürftig ist, den Eigennutz nähren, und weil sie unbedingte Unterwerfung fordert, ihn heilsam beschränken, und jene mit unverdrossenem Erwerbstrieb verbundene mechanische Allfügsamkeit erzeugen, welche der Grundpfeiler aller ruhigen Geselligkeit ist. Dort kann auf Vervielfältigung und bestimmte Abpflöckung der Gewerbs- und Rangordnungen, dieses beste Mittel zur Einführung eines unzerstörbaren Mechanismus, durch besondere Kastenschulen am sichersten gewirkt werden, z. B. durch Bauern-, Professions-, Kunst-, Fabrik-, Garnison- und Junkerschulen (wie in Berlin) und ähnliche. Freilich hängt hier alles von der Natur des Alleinherrschers ab. Hat der für jene Glückseligkeit Sinn, dann Heil dem Staat! denn unter allen unsinnigen Worten, die je ein Philosoph gesagt hat, ist vielleicht keines unsinniger als daß die Völker nur dann glücklich sind, wenn die Philosophen regieren oder die Regenten philosophieren.

Dagegen scheint in republikanischen Verfassungen jene Aufgabe schwer, ja fast unmöglich zu lösen, denn was diese zusammenhält, soll nicht die methodisch organisierte Furcht vor dem Recht des Stärkeren, sondern die gemeinschaftliche innere Scheu vor dem Unrecht sein, die innere Liebe für das Recht, welches dem Bürger einer Republik nicht als zufällige Menschensatzung, sondern als Darstellung des Ewigen und Notwendigen in einem Zufälligen erscheint. Nicht der Wille des Herrscher durchströmt hier die aus halbtoten Gliedern zusammengestückelte Masse, sondern der Gesamtwille, hervorgehend aus dem Willen der Einzelnen, den das Bewußtsein der notwendigen Verhältnisse des Ganzen regelt, beherrscht das lebendige Ganze mit freier Allgewalt. Indem jeder fühlt, was er sich selbst, und was er, um den Vorteil der Gesellschaft nicht zu entbehren, dem andern schuldig ist, entsteht jene durch Notwendigkeit geordnete Freiheit, jenes selbständige Hingeben an das Ganze, jene Vereinigung der höchsten Tätigkeit mit der höchsten Ruhe, welche ich oben als ideales Ziel der Humanität aufgestellt habe. Alle Republiken sind mehr oder weniger entfernte Annäherungen zu demselben. Sie ruhen auf der Basis der Humanität, sie können nur durch eine immer weiter steigende Ausbildung derselben in jedem Glied des Ganzen zu jener Höhe emporsteigen, und in sich selbst immer vollendeter und zusammenhängender werden. Wir finden daher auch in den griechischen Republiken die geschmeidigen Tugenden der Abhängigkeit, welche die menschliche Würde erniedrigen, verachtet, und allein nur diejenigen geschätzt, welche dieselbe erheben: Liebe für Freiheit und Vaterland, edlen Stolz, Uneigennützigkeit, Entschlossenheit, Tapferkeit und alle Werke der Humanität in Kunst und Wissenschaft. Aber man wende nur einen flüchtigen Blick in das innere ihrer Staaten, und halte dagegen den ägyptischen; da wird man ihre gänzliche Zerrüttung als die herrlichen Folgen dieser Humanität erkennen, und darin noch eine Bekräftigung meiner Behauptung finden, daß nur durch Bestialität das Glück der Staaten dauernd zu sichern ist. Denn so leicht es auch Anfangs scheint, die Menschen zum Verstehen desjenigen zu bringen, was sich von selbst versteht, und zur Erfüllung der Bedingungen, unter welchen allein sie ihre Selbstkraft frei gebrauchen können; so sehr zeigt die Erfahrung das Gegenteil und platonische Republiken sowie CONDORCET'sche Verfassungen werden mit Recht in das Reich der Träume verwiesen. - Da es aber immer noch Republiken gibt, die, wenn auch im verzerrtesten Nachbild, immer noch leise Spuren des idealen Urbildes bewahren: so entsteht die Frage, ob sie auf die Erreichung jener selbstgenügsamen Ruhe auf immer Verzicht tun sollen, oder, wenn diese nur auf dem Weg der Bestialität erreichbar ist, auf welche Art dem bildsamen Alter die unaufhaltsame Richtung auf dieses Ziel gegeben werden kann. Diese Art muß, ungeachtet in gewissen allgemeinen Zügen einstimmung, doch in einzelnen nach den verschiedenen Staatsverfassungen sich verschieden abschatten. Denn das Ganze, zu dem sie gebildet wurden, ist nicht die Menschheit, sondern eine so oder so vereinigte Bürgergesellschaft. Hier werde ich mich nur auf diejenige Unterrichtsmethode beschränken, welche, als Teil republikanischer Staatseinrichtungen, die Humanität am entschiedensten verbannen hilft; teils weil mir meine gegenwärtige Lage diese Rücksicht näher vor das Auge führt, teils weil die meisten in unseren Tagen erschienenen Vorschläge zu einer bestialischen Jugendbildung hauptsächlich auf monarchische Verfassungen berechnet scheinen. Dieses gilt z. B. von STEPHANIs bekanntem "System der öffentlichen Erziehung", worin der Verfasser mit kluger Rücksicht auf den gegenwärtigen Kampf zwischen Humanität und Bestialität den allmählichen Sieg der letzteren durch seine Vorschläge vorbereitet.

LITERATUR - Ernst August Evers, Über die Schulbildung zur Bestialität, Aarau 1807
    Anmerkungen
    1) Dieser Ton, den Herr Campe in seiner Schrift "Über einige verkannte Mittel zur Beförderung der Industrie", wo nicht am ersten, so doch am lautesten angeschlagen hat, klingt seitem nicht nur in den meisten Erziehungszeitschriften, sondern auch in den sogenannten Volksschriften stärker oder schwächer nach, bis er endlich im gemeinsten Volksblatt in einem schreienden Mißton aushallt.
    2) Aus einer von Herder übersetzten Ode des Sarbievius auf die Vergänglichkeit.