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ERNST AUGUST EVERS
Über die Schulbildung
zur Bestialität

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"Aber das Latein, das Latein! Ist es nicht der Schlüssel zu fast allen neueren Sprachen, der Schlüssel zu den theologischen, medizinischen und juristischen Schätzen, und wer weiß zu noch wievielen anderen Herrlichkeiten? Leider sehe ich nur zu wohl ein, daß sich das Latein nicht so schnell, als etwa ein Reich aus der Staatenreihe, aus der Reihe der Schulwissenschaften wird ausstreichen lassen; und daß ein europäischer Welteroberer bis an Asiens Grenzen ziehen, und von dort die chinesische Schrift und Mundart, als die echte Sklavensprache und das beste Erdrückungsmittel der Vernunft, in die europäischen Schulen einführen mag, wird wohl ein frommer Wunsch bleiben."

"Im 16. Jahr, sobald der Schüler der Aufnahme in die christliche Gemeinde würdig ist, wird er, nach dem unaufhörlichen Vertieren, Retrovertieren, Analysieren, Thematisieren, Memorieren, Rezitieren, Konstruieren und Destruieren imstande sein, endlich durch ein solözismenfreies Subitaneium seine Würdigkeit zu einer besonderen Berufsanleitung hinlänglich bekräftigen. Hat er den Beruf eines Geistlichen gewählt, so ist ihm außer der lateinischen Krücke unter dem einen Arm noch eine hebräisch-griechische unter dem andern nötig."

"Jage man den 15- oder 16-jährigen Jüngling durch einige Kompendien der Rhetorik, der Ästhetik, der Physik, Logik und Metaphysik, der philosophia practica universalis, des Naturrechts, der Ethik und Politik, errichte man für die letztere selbst ein eigenes politisches Institut; wenn nur nicht mit dem Selbstbewußtsein das Bestreben in ihm erwacht, jeden aufsteigenden Gedanken, jede erregte Empfindung und Leidenschaft mit dem passendsten Ausdruck zu bezeichnen, Maß und Ordnung und Einklang in alles, was er denkt und fühlt und wünscht zu bringen, und den Sinn für sein Magenstudium der Liebe zur Wissenschaft unterzuordnen; wenn er nur nicht unternimmt Selbstschöpfer seiner Überzeugung zu werden."

Um in Republiken mit sicherem Erfolg die Jugend zur Bestialität zu führen, darf man, wenn ich nicht irre, folgende Hauptgrundsätze nie aus den Augen verlieren.

1. In den aufwachsenden Staatsbürgern muß zwar nicht im gleichen Grad, doch in allen ohne Ausnahme jene Eigenschaft entwickelt, und jede anderweitige Entwicklung unter den härtesten Strafen verboten werden, damit nicht Dummheit oder eine eigensinnige Verkehrtheit der Eltern die wohltätigen Staatszwecke hemmt. Denn da nur aus dem Willen des Einzelnen der herrschende Gesamtwille geboren wird, so kann auch nur aus der partiellen Bestialität die totale hervorgehen. In Monarchien ist diese Strenge nicht so notwendig. Immerhin kann dort, zumal in der Erziehung der höheren Stände, vieles der Willkür der Eltern überlassen bleiben; die schädlichen Wirkungen davon werden die unabhängige Staatsmacht nicht beunruhigen, der Mittel genug in Händen bleiben, selbst solche Toren, die einzig die Humanität in sich genährt und gepflegt haben, in gemessenen Schranken zu halten, und z. B. durch eine liberale Verköstiigung derselben in einem literarischen Bedlam [englische Irrenanstalt - wp], Akademie der Wissenschaften genannt, für das Ganze unschädlich zu machen.

2. Durch eine möglichst frühe Hemmung und Irreleitung des natürlichen Ganges der Menschenbildung müssen die Elementarschulen in jedem Kind die Grundfäden der Bestialität anlegen. Überließe man den Menschen der Natur und seinen natürlichen Erziehern, der Freude und dem Schmerz, so würde die unausrottbare Vernunft, zumal im blühenden Menschenalter, die umschließende Hülle mit eigener Kraft mächtig durchbrechen, und das Auge des Menschen auf die Wunder seines Ichs und der Welt richten. Den unverkünstelten Wilden redet die Gottheit an in der Natur, und aus ihm heraus antwordet in Gebärde, Ton und Sprache der ahnende Glaube an das Ewige. Daß sich das jugendliche Gemüt nicht einst von selbst dahin erhebt, dafür sorgt die erste Geistesnahrung. Und wie froh muß nicht schon jetzt der Freund der Bestialität auf Millionen seiner Mitbürger hinschauen, die insgesamt dem Gewinn und Genuß unterworfen, niemals das Gefühl bewegt, welches sich im Naturmenschen regt, wenn er gelabt vom Quelltrunk aufschauend frägt: woher der Quell?

3. Sobald die Elementarbildung die kindliche Seele in ihrer Wurzel gefaßt und verdreht hat, so werde, je nach Verschiedenheit der zufälligen Zwecke eines jeden, sofort durch Industrieschulen für die allgemeine Vorbereitung zu den künftigen Berufsgeschäften gesorgt, damit der jugendliche Verstand, nur auf dieses Ziel gerichtet, ie zu sich selbst kommt. Der Grad der Verstandesbildung, d. h. seiner Richtung zum Zweck der künftigen Geschäftsbrauchbarkeit, muß nach dem Verhältnis der einzelnen Berufserfordernisse höher oder niedriger sein, und daher die Bestialität, je nachdem der Beruf größere oder geringere Klugheit erfordert, zwar sich vermindern, niemals aber in Humanität ausarten.

4. Die Wissenschaften müssen nicht als Nähererinnen und Pflegerinnen unserer Menschenwürde den Jüngling treiben, sondern als Lasttiere, mit des Leibes Notdurft und Nahrung reich bepackt, von ihm getrieben werden, auf daß ihr Funke nicht etwa zur leuchtenden und wärmenden Flamme angefacht, sondern möglichst bald unter der Asche gemeiner Nützlichkeit erstickt wird. Nur von ihrem Beiwesen mögen sie, als notwendige Erfordernis zur Handhabung der öffentlichen Geschäfte, einen kärglichen Beitrag, vulgo Gelehrsamkeit genannt, abliefern, einen Schatz, zu dem aber bloß sehr Wenigen in den sogenannten gelehrten Schulen der Zugang eröffnet werden darf (3). Dieses ist das vorzüglichste Mittel, die Republiken der monarchischen Ruhe zu nähern. Immerhin sei aus der übrigen Menge jeder zu Staatsgeschäften wählbar. Ihre Unbehilflichkeit, die bloß professionelle Befangenheit ihres Verstandes macht sie unvermerkt, ohne eine Verminderung des republikanischen Scheins, von den Wenigen, vielleicht von einem Einzigen abhängig. Und selbst die Geschäftskenntnisse dieser Wenigen werden umso dürftiger sein können, je tiefer die Bestialität des Haufens gegründet ist.

- Diese wenigen Maximen, mit entschiedener Folge angewandt, werden ihre Gültigkeit durch den erwünschtesten Erfolg sicher bewähren. Aber freilich beruth alles auf der Methode ihrer Ausführung. Diese durch die Hauptfiguren der Schulbildung, besonders der gelehrten, andeutend zu verfolgen, und einige vornehmliche Staatsmittel zur nachdrucksvollen Beförderung derselben anzugeben, ist mir noch übrig.

Der für die Elementarbildung oben aufgestellte Grundsatz würde vielleicht auf folgende Art am Besten ins Werk gesetzt. Da in dem Vermögen, das Höchste, die Gottheit, zu erkennen, der Hauptvorzug des Menschen und der eigentliche saftreiche Kern der Humanität liegt, so muß eine eifrige bestialische Elementrarbildung nichts eifriger vermeiden, als die leisen inneren Anklänge jener Ahnung allmählich immer vernehmlicher und einstimmiger zu machen, bis der reine Einklang: Gott ist Gott! aus der tiefdruchdrungenen Jünglingsbrust herauftönt. Man lasse vielmehr das unmündige, kaum Wörter stammelnde Kind den Namen des Unbegreiflichen, und Worte und Formeln nachsprechen, die das Verhältnis des Menschen zu ihm ausdrücken; man erschüttere durch Furcht vor dem Unsichtbaren die kindliche Unbefangenheit und frohe Gemütlichkeit in ihren Grundvesten, und lege so den Grund zu jener hohlklingenden Maulwahrheit und nervolosen Demut, die das wirksamste Gift für alle aufkeimende heilige Herzenswahrheit und Freiheit ist. Die Religion darf keine aus dem Innern entquellende Religion der Liebe, sondern eine von außen hineingetriebene des Schreckens sein. Denn nur als solche kann sie die Bestialität nähren und den Schwächen der politischen Gewalt abhelfen. Am zuverlässigsten wird der Elementarlehrer auf diesen Zweck hinarbeiten, wenn er, wie es schon an vielen Orten löblicher Brauch ist, das Gebet des Herrn, den apostolischen Glauben, die zehn Gebote, die Einsetzung der Taufe und des Abendmahls langsam und deutlich vorspricht, und von einem der kleinen Unschuldigen laut, von den andern leise nachsprechen läßt. Dann müssen sogleich Leseübungen erfolgen. Den passendsten Stoff dazu bieten die genannten Gegenstände, etwa das Streben, sich aufzurichten, von selbst zusammensinkt, wenn man ihm gibt, was ihm nicht faßlich ist. Daß die Methode so mühsam als möglich sein muß, versteht sich von selbst: denn Mühe wartet einst auf den Erwachsenen, und sie wird nur durch eine frühe Gewöhnung leicht. Zur Fortsetzung dieser ersten Anfänge im Lesen und Auswendiglernen diene der Katechismus, wo möglich, unverständliche Stellen können von allen auch zu Übungsmustern im Schreiben gewählt werden. Um jedoch den Verstand nicht ganz brach liegen zu lassen, sind, wie es irgendwo in einer Schulordnung heißt, den Kindern die schweren Wörter, z. B. Eingeborener usw. ausführlich zu erklären. An diese Übungen muß sich eine mechanische Erlernung des Einmaleins und des Numerierens schließens, weil darin ein Radikalmittel zur Tötung der bildenden Phantasie liegt, indem, nach Papst SIXTUS Ausdruck, Zahlenlehre allenfalls auch Eselns beizubringen wäre. Zur Unterdrückung des gefährlichen Triebes nach Unabhängigkeit wird zwar schon auf die angeführte Weise ziemlich gesorgt, aber das reicht nicht aus. Die Kinder müssen womöglich schon im vierten, wenigstens im fünften Jahr auf den Schulbänken sitzen, gedankenlos staunen und zittern lernen vor dem stets geschwungenen Schulzepter. Die geringste Äußerung des Freiheitsgefühls soll auf das Härteste bestraft werden und das Kind angehalten, das Instrument seiner Qual zu küssen, eine Gewöhnung, deren ersprießliche Folgen es erst im künftigen Geschäftsleben einsehen wird (4).

Ungefähr im neunten oder zehnten Jahr wird das Kind notdürftig lesen, den Katechismus und das Einmaleins von vorn und hinten herein im Kopf haben, die deutschen und lateinischen Schriftzüge leidlich nachziehen, und die Zahlen wenigstens bis 100 000 ansprechen können. Dann ist es tüchtigf in der Industrieschule die allgemeine Vorbereitung für die mannigfaltigen Zweige der bürgerlichen Erwerbsamkeit zu empfanden. Hier teile sich der Unterricht in den lehrenden und technischen. Als Stoff für den ersten diene wiederum zuerst der Katechismus. Er wird fleißig wiederholt, dogmatische Erweiterungen und Erläuterungen desselben zum memorieren diktiert und damit biblische Geschichte und Chronologie verbunden, damit das Tröpflein religiösen Gefühls, was etwa noch nicht vertrocknet ist, im Gedächtnisstand gänzlich versiegt, und nicht das Bewußtsein für die wenigen einfachen Wahrheiten angeregt wird, welche als Frucht eines langen Kampfes die Vernunft mit Irrtum, Wahn und Arglist davongetragen hat. Zugleich muß mit einer Menge sogenannter Realien, mit historischen, geographischen, chronologischen, naturhistorischen, technologischen, physikalischen, merkantilischen, ökonomischen, statistischen, diätetischen, physiologischen, psychologischen und veterinärischen Notizen die junge Seele in so vollem Maß überschüttet werden, daß ihre Nerven gar nicht zur inneren Erstarkung gelangen können. Verdienstvolle Männer von C. P. FUNKE und G. F. WENZEL herab haben dergleichen Kräuter von den Wiesen der einzelnen Wissenschaften im Schweiße ihres Angesichts gemäht, gedörrt, und dem jugendlichen Gaumen schmackhaft zubereitet. Die Mitteilung dieser Schätze wird am zuträglichsten nach der neuesten übergründlichen chemisch-pädagogischen Methode angeordnet werden, welche den Knaben kein Wort eher aussprechen läßt, als die Elemente des ersten Buchstabens, die Regel der Zusammensetzung dieser Elemente, die Art der Zusammensetzung und sonach die Konstruktion des Buchstabens gefunden, alsdann nach der Analyse jedes Buchstabens durch rückwärts und vorwärts Buchstabieren und Syllabieren endlich das Wort selbst veranschaulicht ist. Hand in Hand mit diesen Kenntnissen muß der Rechenunterricht gehen, nicht sowohl als Übung des reinen Verstandes, sondern als mechanische Abrichtung desselben auf die Lösung der wichtigsten Frage: was bringt mir das ein? und als bestes Verbannungsmittel allen poetischen Sinnes. Auch die Mathematik darf nicht zur Entwicklung einer strengen Konsequenz im Denken in wissenschaftlicher Folge gelehrt, sondern nur aus ihr das für die professionelle Betriebsamkeit unmittelbar brauchbare ausgehoben werden. Eben diese Rücksicht leitet den französischen und den deutschen Sprachunterricht, besonders jenen, als den gemeinnützigsten. Er hat genug geleistet, wenn der Schüler vermag seine etwaigen Gedanken mündlich und schriftlich, wenn auch noch so kraus und plump, doch für seinen Berufskreis hinreichend verständlich von sich zu geben. Die zerstreuende Schwatzmethode der gemeinen französischen Grammatiken, verbunden mit einem halbjährigen Aufenthalt in Pays de Vaud, ist für diesen Zweck das Förderlichste, und Musterschriften im gemeinen Deutsch für gemeine Fälle des gemeinen Lebens fehlt es ja zum Glück nicht. Von dem urkräftigen Zauber der schönen Rede darf der Schüler auch nicht eine Ahnung erhalten; am sorgfältigsten ist er vor jedem Anhauch der Dichter zu bewahren, auf daß nicht durch den kleinfügigen Bedarfssinn das dunkle Vorgefühl von etwas Besserem dringt. Überhaupt jede schöne Kunst sei fern. Die Zeichenkunst wird nur als Dienerin ökonomischer Zwecke geübt, und daß auch der musikalische Sinn sich frühzeitig abstumpft, dazu weiß ich kein besseres Mittel als die Einführung des Psalmengeleiers in die Schulen, oder eine Privatlektion in unserer vulgären instrumentalischen Schnörkelmusik bei einem hand- und taktfesten Meister. Aber mit allen diesen Übungen muß eine Gewöhnung zu mechanischer Handarbeit beständig verbunden sein. Teils, wenn es sein kann, während des Unterrichts, teils in einem besonderen Arbeitszimmer beschäftige man die Knaben mit stufenweiser Verarbeitung der Wolle, des Flachses, der Seide oder irgendeines anderen Materials, mit Zupen, Kratzen, Krämpfen, Spinnen, Haspeln, Weben, mit Farbe reiben, Modelstechen, Bohren, Meißeln, Hobeln, Drechseln, Sägen usw., ja mit Stricken, Flicken und Schneiderkünsten, und zwar alle Schüler ohne Ausnahme, doch die künftigen Handwerke nach ihrem besonderen Bedürfnis. Es stärken dergleichen Beschäftigungen nicht nur zu einem geduldigen Mechanismus und Gehorsam, sondern sie nähren auch, indem aus der Verkauf derArbeiten jeder die angemessene Bezahlung erhält, den lohnsüchtigen Geist, der, wie oben gezeigt, dem Zeitalter so sehr Not tut. Die künftigen Kaufleute würde ich im letzten Jahr ihres schulaufenthalts in eine besondere Kommerzklasse führen, wo sie in verschiedene Kontore verteilt, und in die mannigfaltigsten Handelsverhältnisse versetzt, in allen Zweigen kaufmännischer Geschäftigkeit gewandt gemacht, ja selbst zu merkantilischen Spekulationen gebildet werden, damit sie nachher, wenn sie auf wirkliche Kontore kommen - nichts mehr zu lernen brauchen. Alle diese verschiedenen Bildungsingredienzen mische man wohl durcheinander und gebe sie dem Schüler in gemessenen Portionen stundenweise einzunehmen. Man wird mit Erstaunen sehen, zumal wenn der Stock die Verdauung fördert, wie die Kenntnisse und Fertigkeiten sich so vielgestaltig an dem Jungen ansetzen, daß man ihn nicht anders, als der Inder sein hundertfach zusammengestückeltes Götzenbild, mit einem stillen Schauder anblicken kann.- Auf diese Weise muß notwendig jeder Zug der edleren Natur erlöschen, der Mensch, wie ein Hund, auf die Fährte unwiderstehlich gewöhnt, und, mit einiger Nachhilfe der speziellen Berufsbildung, zu einem beug- und erwerbsamen Mitglied des Staates abgerichtet werden.

Aus dieser Schule tritt der Jüngling, ungefähr im 15. oder 16. Jahr, erwerbsam, alltragend und im Staub der Industrie für jedes Selbstanschaun gänzlich erblindet, in die nähere Anleitung zu seinem gewählten Beruf, wenn dieser nicht eine eigentümliche Verstandesrichtung und eine Masse historischer Kenntnisse erfordert, die man gewöhnlich unter dem Namen Gelehrsamkeit zusammenfaßt. Ist dieses, will er namentlich der Republik als Diplomatiker, Jurist, Arzt, Theologe oder als Lehrer an höheren Schulen dienen, so gehe er in die gelehrten Vorbereitungsanstalten über, welche teils generell sind, oder sogenannte Gymnasien, teils speziell oder Akademien. Aber nur vom ersten brauche ich zu reden, da der Zweck der letzteren, wie ich unten zu zeigen hoffe, für Republiken auf eine weit leichtere und angemessenere Weise zu erreichen ist.

Zur Aufnahme in diese gelehrten Schulen muß als unerläßliche Bedingung feststehen, daß der Zögling in den sandigen Revieren der Elementar- und Industrieschulen unverdrossen waten gelernt hat, um sich durch die mühevolleren Strapazen, die von nun an seiner harren, nicht niederschlagen zu lassen; daß sein Dichten und Trachten auf das unmittelbar Einträgliche gerichtet ist, um alle Gelehrsamkeit nur als Weg zu diesem Ziel zu betrachten; daß er irgendein Handwerk zumindest notdürftig ausüben und die übrigen kennen und schätzen gelernt hat, um mit seiner Gelehrsamkeit aus einem goldenen Boden sicher zu ruhen. Vortrefflich, wenn man dem gelehrten Vorbereitungsunterricht noch eine vervollkommnende Handwerksanweisung, gleichsam allegorisch, zu Seite gehen läßt (5). Überhaupt muß jener Unterricht die von der Industrieschule geöffnete Bahn nur weiter verfolgen. Doch noch Eins komme hinzu, als Haupthilfsmittel den Geist abzutummeln, und als eigentliches Instrument der Gelehrtheit, die neulateinische und für den künftigen Theologen die hebräisch-griechische Sprache. Aber, um aller Vorteile der Bestialität willen, nur den Jüngling nicht in das klassische Altertum geführt! Das hieße, das ganze herrliche Gebäude mutwillig wieder einreißen! Denn Humanität ist der Geist der Alten. Dieser Geist lebt in der Gesetzgebung wie in den Sitten, in den Künsten und Wissenschaften der Griechen. Dieser Geist machte selbst den starren römischen Gladiatorensinn empfänglich für Schönheit und Anmut; dieser Geist störte die Völker aus der Ruhe, welche der höchste wie der niedrigste in den Armen der Hierarchie gläubig genoß, und solang über ihn nicht der Bannfluch ausgesprochen ist, werden sie nimmer wieder zur Ruhe gelangen. Wenn dieser Geist den Jüngling in seiner alten, eigentümlichen Kraft- und Charaktersprache, nicht aus verdolmetschten Nachklängen anspricht, dann ist auch seine Ruhe dahin, die Gegenwart befriedigt ihn nicht mehr, auf den Flügeln edler Ruhmbegierde hebt er sich über die Erde. Entrückt aus der beschränkenden Umgebung in die alte biedere Heldenzeit des HOMER, auf den Kampfplatz des LEONIDAS, in das Theater des SOPHOKLES, auf die Rednerbühne des CICERO, in die Akademie des PLATO, und nach Olympia zu den Siegern in jeglicher Kunst, fühlt er sich befeuert nach dem Edelsten, Besten, Höchsten in einem bestimmten Kreis zu streben; durchdrungen von der Ahnung dessen, was der Mensch ist, was er sein soll, was er wirken kann; begeistert zu echt republikanischen Tugenden, zum Gefühl persönlicher Würde, die nicht als Gnade annehmen will, was sie als Recht fordern kann, zur Klugheit im Rat, Enschlossenheit in der Tat, Edelmut und Todesverachtung. Von den Philosophen lernt er reden, von den Dichtern und Rednern philosophieren. Mit unwiderstehlich magnetischer Kraft dringt die Sprache dieser Männer an sein Gemüt, er wird bewegt, gerührt, erschüttert, gefesselt.
    "Höre ich sie - so kann er, wie von der sokratischen Rede Alkibiades, sagen (6) - höre ich sie, dann weit heftiger als den korybantisch Begeisterten hüpft mir das Herz und die Tränen stürzen mir aus den Augen. Meine Seele gerät außer sich, und zürnt auf ihre Knechtschaft, und es scheint mir nicht mehr erträglich fortan zu leben, wie ich lebte."
Je weiter er ins Leben kommt, je mehr er sich durch die Alten an tiefgewurzelter Gewandtheit gewachsen fühlt, desto stärker wird seine Unruhe, sein Wunsch: Maß und Umriß und Einklang in seine Gedanken, Empfindungen, Phantasien und Sitten zu bringen, und auch die Masse um sich her zu einem höheren Leben aufzuregen. Aber überall stößt er auf verwirrende Anforderungen des bürgerlichen Lebens; er irrt und sieht überall Irrtum, da ihm in den Alten die leitende Tramontana [kalte böige Windströmung - wp] aufgegangen ist. Aber macht ihn das glücklich? Was sollen ihm solche aus den Alten eingesogene Grundsätze: daß die Ehre mehr wert ist als das Leben, daß überall nach dem Nutzen zu fragen sich nicht ziemt für liberale Gemüter, daß die Bildung zur Vernünftigkeit jeder Berufsbildung vorangehen muß, daß Wissenschaft das einzige Gut, Unwissenheit das einzige Übel ist, daß Überredung die einzige Bedingung einer wohlgegründeten Herrschaft, und niemand zu Gesetzen zu zwingen ist, von deren Güte man ihn nicht überzeugt hat, was sollen ihm viele andere von der Art? Ist er etwa zufriedener, wenn sein geschärftes Auge eine drückende Verkünstelung der natürlichen und bürgerlichen Verhältnisse erblickt, die Weisheit in Gelehrtheit verwandelt, die Religion in Aberglauben gehüllt, den Glauben an Unsinn geheiligt, und die Künste dem ephemeren Modegeschmack fröhnend? Und ohne die leuchtende Fackel der Alten würde er dieses ganze Unebene und Ungehörige ebensowenig sehen, als der Maler oder Bildhauer unter den rauhen Körpergestalten des Nordens jemals sich ein Ideal der Schönheit bilden wird. Denn keiner der neueren Staaten erwuchs, gleich den Griechischen, auf natürlichem Boden, aus eigener Kraft, unter einem reinen Himmel, frei von erstickenden Sumpfnebeln. Die Wurzeln eines jeden zogen ihre Nahrung aus dem wilden Boden der Barbarei und den trüben Gewässeern römischer Entartung. Wie hätte einer je zu einfacher Pracht aufblühen und edle Früchte tragen können? Die Veredelung dieses wilden Schößlings ist nur durch ein Impfreis von edler Art möglich. Und wo finden wir ein solches? Der griechische Fruchtbaum ist längst verblüht, nach 2000 Jahren steht nur noch sein morscher Stamm. Aber einzelne Pflänzlinge haben sich erhalten voll reinen Lebenssaftes. Wo in einen kräftigen Stamm ein solches Reis gesenkt wurde, da reiften von jeher die Früchte der Humanität in reicher Fülle. Aber wir haben sie kennen lernen diese Früchte, ihre lockende Farbe, ihr süßes Gift. Fort daher mit diesen Impflingen! Besser, da ihr doch einmal das Bäumchen nicht natürlich aufwachsen lassen dürft, ihr pfropft ein französisches Reislein darauf, sorgt, daß es einschießt und wächst, zieht es frühzeitig an einem zierlichen Staket [Latte - wp] in die Breite, bindet jedes Zweiglei fest, und laßt euch die Mühe des Beschneidens nicht verdrießen, damit, wenn die Franzosen kommen, sie wenigstens saubere Früchte abzunehmen finden, in denen sie die Ähnlichung der vaterländischen lächelnd entdecken.

Aber das Latein, das Latein! Ist es nicht der Schlüssel zu fast allen neueren Sprachen, der Schlüssel zu den theologischen, medizinischen und juristischen Schätzen, und wer weiß zu noch wievielen anderen Herrlichkeiten? Leider sehe ich nur zu wohl ein, daß sich das Latein nicht so schnell, als etwa ein Reich aus der Staatenreihe, aus der Reihe der Schulwissenschaften wird ausstreichen lassen; und daß ein europäischer Welteroberer bis an Asiens Grenzen ziehen, und von dort die chinesische Schrift und Mundart, als die echte Sklavensprache und das beste Erdrückungsmittel der Vernunft, in die europäischen Schulen einführen mag, wird wohl ein frommer Wunsch bleiben. Einem solchen Bedürfnis läßt sich aber auch ohne die Klassiker abhelfen. Die Theologen, Juristen, Mediziner haben ihre lateinischen Schriften nie durch Klassifizität entwürdigt, und ihre Sprache hilft so wenig zum Eindringen in die Alten, als Schweizerdeutsch zum Verständnis KLOPSTOCKs. Könnte man nicht die Schüler, wenn sie etwa nach der gevatterhaften Plaudermanier, die TRAPP im 11. Band seines Revisionswerkes anpries, mit den lateinischen Worten und Wendungen ein wenig gefärbt sind, sofort zur Bekanntschaft mit ihrem besonderen Berufslatein führen? Doch bequeme man sich einstweilen nach dem Vorurteil, lasse die Klassiker in den Händen der Jugend, aber bloß als Instrumente des notdürftigen Lateinlernens, mit Neulateinern verbunden, und in Auszügen, die alles Gefährliche sorgfältig abschneiden, und vom Ganzen kein Bild geben. Zugleich arbeite eine vorschriftsmäßige Methode dahin, daß den Schüler eine innige Abneigung gegen die Alten, als seine ärgsten Quälgeister, erfreift; daß er sich weder an der militärischen Gemessenheit und Bestimmtheit der Römersprache zur Präzision des eigenen Ausdrucks hinaufbilde, noch an ihr einen genauen Maßstab für andere Sprachen, am wenigsten aber eine solche Gewalt über sie erhalte, um durch ihr Medium einst vielleicht den Geist der Alten selbst zu erblicken; sondern daß er sie bloß als ein Aggregat von Wörtern und Phrasen behandeln lernt, welche ihm als unentbehrliches Werkzeug zu seinem künftigen gelehrten Handwerk dienen soll. Zum Ende könnte der Knabe schon in einer Nebenklasse der Industrieschule, nach einer der vulgärsten Grammatiken die Paradigmatik nebst einem kleinen Vokabularium und den Rudimenten der Wortfügung erlernen. An jedem Abend muß ihm (nach dem Kunstausdruck) eine Leage (Lektion) aufgegeben werden und daß er ohne Murren sitzen, schwitzen und die unverstandenen Laute gläubig nachzulauten sich gewöhnt, den Eltern und Lehrern zu ihrer vornehmsten Sorge gemacht werden. Im 13. oder 14. Jahr trete er in die gelehrte Schule. Hier wartet auf ihn ein größeres Vokabularium, mit noch nie gehörten Tönen, Übersetzungen aus dem neulateinischen BRÖDERschen Lesebuch, aus dem Eutropius und Nepos. Zum Übersetzungsstoff aus dem Deutschen würde ich den sattsam memorierten, rezitierten und interpretierten Katechismus vorschlagen, an welchen, als den eigentlichen Webebalken, sich alle Fäden des Unterrichts am festesten anlegen lassen. Ist das alles, wie man sagt, durchgemacht, so schreite man zur Verdolmetschung einiger Stücke aus schwereren Prosaikern, verbinde damit Catonis disticha und, des Titels und der Prosodie wegen, Ovidii Libri Tristium. Nebenher müssen sogenannte Themata diktiert und nach der Erlernung der Syntaxis pura auch die impura wohl einstudiert werden. Im 16. Jahr, sobald der Schüler der Aufnahme in die christliche Gemeinde würdig ist, wird er, nach dem unaufhörlichen Vertieren, Retrovertieren, Analysieren, Thematisieren, Memorieren, Rezitieren, Konstruieren und Destruieren imstande sein, endlich durch ein Solözismenfreies Subitaneium seine Würdigkeit zu einer besonderen Berufsanleitung hinlänglich bekräftigen. Hat er den Beruf eines Geistlichen gewählt, so ist ihm außer der lateinischen Krücke unter dem einen Arm noch eine hebräisch-griechische unter dem andern nötig. Fern bleibe ihm die echte Griechensprache, die teils in ihrer eigentümlichen Selbständigkeit, Bedeutsamkeit und harmonischen Fülle, teils in der Kindlichkeit der homerischen Gesänge den sichersten und angenehmsten Weg zur vielseitigen Erregung der Geisteskräfte eröffnet. Es ist genug, wenn man dem Knaben beim Eintritt in die gelehrte Schule eine Grammatik in die Hände gibt, welche mit besonderer Beziehung auf das Neue Testament angelegt ist. Aus ihr soll er die Paradigmen nebst einigen Sprachregeln lernen und die zum Beleg derselben angeführten biblischen Sprüche übersetzen: ein Spiel für ihn, in dessen Kopf der Katechismus bereits so tief eingewurzelt ist. Ebenso leicht wird er die vier Evangelien dometschen, zumal mit Hilfe einer Analysis, die im Druck vorhanden, und des unverdrossenen Auswendiglernens wert ist. Denn etwas anderes als Worte soll und kann er ja auch nicht aus jenen Schriften schöpfen. Läßt man dazu noch, als opus supererogatum [übergeordnetes Werk - wp] etwa Äsops Fabeln und des angeblichen PLUTARCH Abhandlung de institutione pueroru, oder des etwas, mit Hilfe einer beigedruckten Version in das Lateinische umsetzen; so sind alle Anforderungen, welche die Bestialität an eine Vorbereitung zu den theologischen Studien machen könnte, zur Genüge erfüllt - Auf diese Weise wird der Unterricht in den alten Sprachen zur Beförderung des einen großen Hauptzwecks gewiß das Seinige redlich beitragen. Ihm muß die Schule den größten Teil der Zeit, nur einen sehr geringen den übrigen Gegenständen widmen, die jedoch, wie schon oben erwähnt, auf dem in der Industrieschule eingeschlagenen Weg weiter zu führen sind, damit die junge Seele immer mehr vom Kern abgerichtet, zerstreut, überladen und zum mühseligen Käuen und Wiederkäuen gewöhnt wird.

Ich komme jetzt zur speziellen gelehrten Berufsbildung; kann mich aber auch hier nur mit dem Entwurf einiger allgemeiner Grundzüge begnügen. Akademien, diese heiligen Tempel aller edleren Musenkünste, diese Stapelplätze der Kultur und Grenzfestungen gegen die Barbarei, wo begeisterte Männer, mit allen äußeren Hilfsmitteln reichlich ausgestattet, von allen äußeren Hemmungen ungestört, die höhere Kultur im freien Verein fördern und heben, wo eine zahlreiche Schar kräftiger Jünglinge, frei von niederträchtigem Zwang, einzig in der Notwendigkeit die unauslöschliche Wißbegier zu befriedigen, die edelste Freiheit fühlen, und ihr künftiges Berufsgeschäft als einen Zweig am frucht- und blütenreichen Baum der Wissenschaften erblicken lernt. Solche Akademien sind teils als Nährerinnen der Humanität aus allen Staaten zu verbannen, teils, zumal in kleinen Republiken (und große sind ein Unding), ihrer Kostbarkeit wegen völlig unmöglich. Will man aber, sei es aus Eitelkeit oder aus Vorurteil, den schönen Klang jenes Namens auch in Republiken nicht verhallen lassen, nun so behalte man den Namen, aber fliehe die Sache. Es scheint überhaupt unweise, ohne Rücksicht auf bestehende Meinungen und Satzungen, der Bestialität einen plötzlichen Sieg zu verschaffen. Klügliches Anschmiegen an die Umstände führt zwar langsamer, aber desto sicherer. Erkläre man daher immerhin den 15- oder 16-jährigen Jüngling zum Studenten, und führe ihn in das Gebiet der freien Künste, wenn sie ihn nur nicht frei machen von aller Beschränktheit der Begriffe, frei von der Herrschaft des Eigennutzes, frei von Hindernissen der Zeit, des Orts und der Umstände. Jage man ihn immer durch einige Kompendien der Rhetorik, der Ästhetik, der Physik, Logik und Metaphysik, der philosophia practica universalis (7), des Naturrechts, der Ethik und Politik, errichte man für die letztere selbst ein eigenes politisches Institut; wenn nur nicht mit dem Selbstbewußtsein das Bestreben in ihm erwacht, jeden aufsteigenden Gedanken, jede erregte Empfindung und Leidenschaft mit dem passendsten Ausdruck zu bezeichnen, Maß und Ordnung und Einklang in alles, was er denkt und fühlt und wünscht zu bringen, und den Sinn für sein Magenstudium der Liebe zur Wissenschaft unterzuordnen; wenn er nur nicht unternimmt Selbstschöpfer seiner Überzeugung zu werden und eine gründliche Kenntnis der umgebenden Natur mehr achten lernt, als sanktionierte Widersprüche in der Anwendung der Begriffe von Ursache und Wirkung; wenn nur nicht die Ahnung ewiger Wesenheit und Güte ihn zu treiben und mit unwandelbarer Anhänglichkeit an Wahrheit und Pflicht zu beseelen anfängt; wenn er nur nicht in der unbeschränktesten Ausbildung zur Humanität das Hauptmittel findet, einen gesunkenen Staat zu heben, und den Flor eines blühenden zu erhöhen. Allen diesen Gefahren entgeht der Staat am sichersten dadurch, daß er der vorbereitenden Bildung den angegenen Weg vorzeichnet, und akademische Lehrer einstellt, über deren Tüchtigkeit die Verwandtschaft, oder Anciennität [Dienstalter - wp] oder gar das Los entscheiden darf, Männer, die in den Wissenschaften bequeme Futtermagazine für sich und ihre Schüler sehen, und sich in ihrem Studium und Vortrag durch den bekannten Grundsatz leiten lassen:
    Wer will was lebendig's erkennen und beschreiben,
    Such' erst den Geist herauszutreiben;
    Dann hat er die Teile in seiner Hand!
Daß der Student unter den strengsten äußeren Zwang zu stellen, durch entehrende Strafen zu züchtigen, in in gesetzlich vorgeschriebener Ordnung eine bestimmte Anzahl Brotkollegien oder Zeugniswissenschaften hören muß, wenn er durch das Purgatorium des Examens, ohne Gefahr, in das Paradies seines amtlichen Berufes eingehen will; dabei, und bei der Behandlung jener Wissenschaften selbst brauche ich mich umso weniger aufzuhalten, da sich alle Zwecke dieser sogenannten Akademien in Republiken auf weit kürzere und wohlfeilere Art erreichen lassen. Es ist folgende:

Sobald jenes unteilbare Subitaneium glücklich überstanden ist, überlasse man die besondere drei- oder fünfjährige Instruktion des künftigen Theologen einem bibelfesten Pfarrer, des künftigen Juristen einem gesetztesten Advokaten und des künftigen Mediziners einem Arzt, der sich wenigstens durch das Patent von einem Pfuscher kennbar genug unterscheidet. Selbst nach der humansten Vorbildung könnte doch der Geist des Jünglings im 15. oder 16. Jahr noch lange nich in all seinen Kräften so erstarkt sein, um die Würde der Wissenschaft würdig zu erfassen, und von ihrem Feld nicht dürres Strauchwerk, sondern Schößlinge mit saftreichen Wurzeln in sich zu verpflanzen; nun aber, da auf den bestialen Vorunterricht so früh eine übereinstimmende Bedarfsanweisung gepfropft wird, kann die gelehrte Bestialität nicht anders als zur Kulmination gebracht werden. Ein paar Worte über die beste Abrichtungsmethode werden dies klar machen. Unter der Leitung des Pfarrers soll der Lehrling zuerst hebräisch mit Notdurft lesen, und durch die Brille einer versio interlinearis die dicta classica V. T. ins Gedächtnis fassen. Ein vulgärer Kommentar helfe zugleich den Wortsinn des Neuen Testaments einigermaßen zu enträtseln. Dann werde die Kirchen- und Ketzerhistorie samt den dogmatischen Definitionen, Distinktionen und Argumentationen oftmals ruminiert, das Katechisieren, Predigen und andere Pastoralia nach dem Muster des Pfarrers fleißig geübt, eine kleine Leibwache vom homiletischen und asketischen Schriften nach dem Rat desselben angeschafft, und so bewaffnet den Examinatoren dreist die Stirn geboten (8). Er wird gewiß glorreich bestehen, und der Regierung keine Furcht erwecken, daß er seine Bauerngemeinde aus der bürgerlichen Unmündigkeit auf eine menschlichere Stufe heben will und kann.

Ähnlich sei die Weise, den 15- oder 16-jährigen Knaben zum Juristen zu stempeln, sobald ihn nur der erwähnte lateinische Probierstein für tauglich erklärt. Niemand bedarf mehr als der Jurist eine Gewöhnung zum geduldigen Sitzen, zum mühsamen Suchen und Lesen und Sammeln und Vergleichen, soviel Formeln- und Gedächtnisschwall, so weitläufige Kenntnis von dem, was andere seines Gleichen gesagt haben. Hier wird ihm zuerst durch das Kopieren das juristische Auge geöffnet, er lernt zahllose Formeln nachformeln, in den tausendfach sich durchkreuzenden Gesetzen, und National-, Provinzial- und Lokalgebräuchen seinen Sinn für Einheit und Konsequenz, wenn er ihn noch hat, ersticken, Testamente, diesen Urquell der Prozesse, Kontrakte und dergleichen, nach dem Weg Rechtens, abfassen, den Stilus seines Lehrers sorgsam nachstilisieren, Traktate, Glossen, Dezisionen, Gutachten durchwühlen, um endlich den casum in terminis zu finden, und das schwere Kapitel von den Prozeßkosten recht in Saft und Blut verwandeln; er durcharbeitet ein paar hundert Rechtsfälle, als das Alpha und Omega der Jurisprudenz und übt sich emsig, einen Prozeß, wo nicht zu führen, doch wenigstens zu ziehen. Kurz: Gesetzeskenntnis lernt er, nicht Rechtseinsicht. Und was braucht er mehr? Wozu soll ihm ein durch Mathematik zu lückenloser Folgerungskraft gebildeter und durch die Alten über das Gemeine erhabener, zu Ebenmaß, Klarheit, Gewandtheit und Festigkeit geweckter Geist, wozu eine mit Schnelligkeit und Präzision des Urteils verbundene deutliche und schickliche Darstellungsgabe, wozu ein tiefer psychologischer Blick, und eine durch Philosophie methodisch geleitete weitumfassende Rechtsgelehrsamkeit? Das würde ihn nur unzufrieden machen mit sich und seinem Beruf, sein Drang nach Zusammenhang würde sich durch die Tat äußern, der althergebrachte Gewohnheitsgang zerstört, und der Staat vielleicht gar eines Hauptmittels beraubt werden, die bestialische Ruhe durch einen angemessenen Reiz zu befestigen, welches in den unaufhörlichen kleinen Störungen und dem hydernartigen [vielköpfigen - wp] Wiedergebären der Prozesse gegeben ist. - Ja auch in das unermeßliche Reich der Medizin, so sehr auch diese Wissenschaft, mehr als jede andere, eine innige Vereinigung einer reichen Erfahrung mit tiefer Theorie, durchdringenden Geist und praktischem Schnellblick fordert, kann schon der 15-jährige Knabe von einem (wohlgemerkt) patentierten Arzt eingeführt werden. Dieser beginnt seinen Unterricht, sehr ominös, mit der Osteologie, läßt darauf die übrigen Teile der Anatomie, die Physiologie, Nosologie und Materia medica folgen, nimmt den Knaben fleißig mit zum Krankenbett, und übt ihn (wo möglich!) in der Unterscheidung der Krankheiten und in chirurgischen Operationen, absonderlich im Schröpfen und Aderlassen. Weil aber von der Tüchtigkeit oder Untüchtigkeit des Arztes das höchste Gut der Bestialität, das physische Leben, abhängt; wie wäre es, wenn der Lehrer von Staatswegen angehalten würde, das bedungene Lehrgeld zurückzuerstatten, falls der Kandidat im Examen nicht bestehen sollte? Zwar könnte man einwenden, daß dieses die Wissenschaft bloß als Ware und Formelmasse behandeln hieße; aber das ist ja die wahrhaft bestialische Ansicht: zwar wird dies mancher mit seinen hohen Begriffen von der Medizin nicht reimen können, und sich lieber einem mit sicherem, vorsichtigen Blick und einer engen Erfahrung ausgestatteten Jatralipten [Assistenten - wp], als eine so gebildeten Doktor anvertrauen; aber dergleichen beunruhigende Zweifel fallen weg, wenn die Bestialität über alle Gemüter eine beseligende Herrschaft gewonnen hat. Und diese wird sie gewinnen, selbst dann gewinnen, wenn auch auf jene dreifache gelehrte Abrichtung ein Aufenthalt auf der berühmtesten Universität folgen sollte. Vielmehr wird diese dem Jüngling, nach einer alten Erfahrung, wenig zurückgeben, da er so wenig hinbrachte, wird ihn nur noch mehr verwirren und überschütten und beschränken, da es ihm an wissenschaftlicher Empfänglichkeit, an einem wahrheitsforschenden Trieb und allseitig angeregtem Interesse fehlt, wird ihm, im seltensten Fall, vielleicht durch Erregung einer dunklen Sehnsucht nach dem Besseren über das Traurige seines Zustandes die Augen öffnen, und ihm zum unglücklichsten der Menschen machen. Doch die Eltern, die ja das liebe Söhnlein gewöhnlich nicht früh genug in Amtspraxi erblicken können, begnügen sich hoffentlich mit der genannten Dressur, besonders wenn der Lehrer des Schülers Gelehrsamkeit, worin er seine eigene bewundert, in das rechte Licht zu setzen versteht, auch wohl nicht ohne Grund besorgt, es möchte ihm der Schüler, mit akademischem Wind erfüllt, einst sein eigenes, spärlich unterhaltenes Lämpchen undankbar ausblasen. Besser also, man bleibt in den engen Schranken jener Instruktion, und aus ihnen wandre sofort ein jeglicher, nachdem er am Thor gehörig examiniert und nach accisbarer [steuerfreier - wp] Ware visitiert ist, in den Marktplatz des bürgerlichen Lebens, um hier sein Handwerk fortzutreiben, wie es der Lehrer getrieben hat, das Schiefe schief sein zu lassen, und durch keine Zweifel und Neuerungen weder sich noch andere zu beunruhigen.

Und diese für das Ganze so wohltätige Frucht wird gewiß nicht ausbleiben, wenn nur der Staat einige vorzügliche Beförderungsmittel dieser bestialischen Jugendbildung mit kräftiger Hand anwendet.

Dahin rechne ich zuerst, daß eine oberste Schulbehörde ernannt wird, deren Mitglieder, wo nicht alle, doch wenigstens größtenteils, im Dienst unserer gepriesenen Göttin ergraut, und derselben auch in allen jugendlichen Herzen einen würdigen Altar zu errichten eifrig bemüht sind. Es sei ihre Hauptsorge, daß sie, um dem ganzen Schulunterricht einerlei Glätte und Oberfläche zu geben, die freie Bewegung der Lehrer durch gesetzliche Lehrmethoden und Schulpläne einengen, und durch untergeordnete Inspektoren emsig aufspüren, ob etwa ein frecher Humanitätsverehrer, allen engherzigen Beschränkungen trotzend, verbotenen Samen in die Kinderseelen auszustreuen wagt. Doch dergleichen Unkraut wird sich nicht leicht festsetzen, wenn Behutsamkeit die Wahl der Lehrer leitet. Auf diesen beruth alles. Die besten Schuleinrichtungen werden, wie die besten Staatsverfassungen, nur durch die Führer verdorben. Entweder müssen die Lehrer im Kampf mit Not und Armut entseelt, und zu jeder freien Geisteserhebung gelähmt werden, oder aus Überzeugung in den Schulen nicht Pflanzgärten edler Menschlichkeit, sondern ermüdende Sandwüsten sehen, die zum gelobten Land der Tiermenschheit führen. Diese Überzeugung, zugleich mit der Fertigkeit, sie durch Unterricht zu äußern, sollten siein besonderen Seminarien erhalten. Allein wozu dergleichen zeit- und kostspielige Umschweife? Gibt nur der Staat Hunger und Kummer und bürgerliche Erniedrigung dem Schuldienst zu Gehilfinnen, so kann er und seine Schulbehörde einer schweren Sorge enthoben sein. Denn dem um eine notwendige Fristung seines Lebens geängstigten Mann wird sicherlich die Lust vergehen, auch nur die Hand auszustrecken nach einem Blatt des Erkenntnisbaums, geschweige denn in seinen Schülern diese Lust zu wecken; er wird froh sein, im Despotismus über die untergebene Jugend zur Stillung des unvertilgbaren Freiheitstriebes Gelegenheit zu finden, und die dumpfe Enge der qualvollen Schulstube weniger zu fühlen (9). Selbst den Lehrern der lateinischen Schulen ist, außer der oben angegebenen theologischen, keine besondere Vorbildung nötig: denn das kümmerliche Schulamt soll ihm nichts anderes als die kleinen Mysterien sein, wodurch er die großen einer geistlichen Pfründe verdienen lernt. Die Aussicht auf dieses Ruheplätzchen mag ihn stärken. Um ihnen dieses Aussicht nicht zu rauben, und, auch ohne Errichtung besonderer Lehrerseminarien, die Jugend der gelehrten Schulen zum aufgesteckten Ziel zu führen, suche der Staat nicht etwa die wenigen Schüler, welche einer gelehrten Vorbereitung bedürfen, um ein paar vorzügliche Männer zu versammeln, sondern dem alten Grundsatz, divide et impera [Teile und herrsche! - wp] gemäß, jene Schulen und mit ihnen die Lehrergehalte möglichst zu vereinzeln und zu verdünnen. Die armen Teufel von Lehrern werden dann gewiß keine Engel in Menschengestalt bilden! Ferner sei es eine unabänderliche Staatsmaxime, daß niemand einen gelehrten Beruf ausüben darf, dem nicht am Ende der vorgezeichneten Schulbahn die Examinatores freudig zugerufen haben: Dignus, dignus es intrare in nostro docto corpore! [Du bist würdig, würdig, in unseren gelehrten Körper einzutreten! - wp]

Endlich muß der Staat auch auf die häusliche Erziehung, ohne deren zweckmäßige Unterstützung jede öffentliche nur elende Halbheit bleibt, ein wachsames Auge richten. Gewöhnung ist die große Aufgabe aller Erziehung; eine solche, die dem Kind für das künftige Gesellschaftsleben Zufriedenheit sichert, und jede Mühe erspart, sich etwas abgewöhnen zu müssen. Es äußern sich die beiden Grundtriebe der menschlichen Natur schon im Kind durch die doppelte Begier, nach allem zu greifen, um es in den Mund zu stecken, und alles zu zerzausen. Jener werden durch möglichste Befriedigung gestärkt, aber, damit er nicht schädlich wird, dieser durch sklavischen Gehorsam und Gewöhnung zur Höflichkeit gegen Stand und Rang und äußeren Wert niedergedrückt; überhaupt aber jede Triebfeder umso früher und stärker gespannt, je stärker ihre Wirksamkeit späterhin im Geschäftsleben ist. Leicht wird die so schwere Charakterbildung werden, wenn man nach den Grundzügen der tierischen Neigungen, die sich in anderen Kindern anders äußern, die künftige Berufstätigkeit mit bedachtsamer Prüfung wählt, und nach getroffener Wahl die schwachen Linien zu einer in sich vollendeten Physiognomie der Sinnesart entwickelt. Des berühmten "Niels Klimm unterirdische Reisen" geben hier dem Erzieher einen bisher völlig ungebrauchten Faden, der ihn durch die Irrgänge seines Amtes treulich leitet (10). Nur bleibe unvergessen, von wessen Händen aller Erfolg der Erziehung am meisten abhängt. Von den Händen der Mütter. Sie sind die Pflegerinnen der zartesten Menschheit; der Grundton, den sie in der Kinderseele anschlagen, klingt in tausendfachen Schwingungen durch das ganze Leben. Aber nach dem Glauben der alten Deutschen ist, wie TACITUS sagt, divini aliquid in mulieribus [Etwas Göttliches liegt in den Frauen! - wp], sie haben für die Stimme der Natur und Menschlichkeit ein leiseres Ohr und ihr einfältiger Mutterwitz führt sie zur allseitigen Aufrichtung des kindlichen Gemütes sicherer, als den hochgelahrten Pädagogen sein erstudierter Schulwitz, und alle drei Bände der NIEMEIERschen Erziehungskunst. Daher die dringende Forderung der Bestialität, alle Künste anzuwenden, um die schlichte Natur der jungen weiblichen Seele zu verkünsteln, ihre Lauterkeit zu verfälschen, und ihr die harmonische Selbständigkeit und das heitere In-sich-selbst-ruhen zu nehmen. Zu diesem Überschminken der natürlichen Farbe mit einer künstlichen scheint nichts angemessener, als daß die Tochter entweder im 8. oder 10. Jahr eine wohldressierte Gouvernante zur Führerin erhält, oder so früh und so lange wie möglich von einem warmen Mutterherzen, aus dem stillen Kreis häuslicher Sitte, fortgerissen wird in ein französisches Abrichtungsinstitut, in die laue Kälte der konvenienzmäßigen Geselligkeit. Hier lerne sie vor allem Konversation, statt des klaren Sinnes, der, wie der Dichter sagt, mit wenig Kunst sich selber vorträgt; Monde [Fräulein von Welt - wp] statt Herzlichkeit und Einfalt; Grazie, statt des natürlich schönen Abdrucks einer schönen Seele; Lektüre und sentimentalen Prunk, statt Häuslichkeit und warmer Empfindung für Ebenmaß und innere Wohlgestalt. Ich schweige von anderen Mitteln, da ich überhaupt schon über meinen Gegenstand weitläufiger geworden bin, als meine Absicht war.

Möge es mir gelungen sein, auf die hohe Vorzüglichkeit der Bestialität, und einer sie erzeugenden und nährenden Schulbildung wenigstens aufmerksam zu machen. Gleichwohl bin ich weit entfernt, diese letztere für das einzige Mittel zu jenem erhabenen Zweck zu halten. Die übrigen Einrichtungen des Staates müssen fortsetzen, was jene begonnen hat, damit das zweckmäßig angelegte Gewebe nicht zerrissen oder verzettelt, sondern regelmäßig zu Ende gebracht wird. Kleinere Staaten jedoch bleiben in der entschiedenen Beförderung dieser großen Angelegenheit immer sehr beschränkt: denn ihr Interesse bestimmt sich durch das Interesse des Höheren, von dem sie abhängen. Wer möchte daher nicht zum Heil der Menschheit wünschen, daß sich über alle Staaten, wie Neptun über das empörte Meer, ein einziger mit seinem gebieterischen: quos ego! [Wer bin ich! - wp] erhebt, mit der furchtbaren Ägide das schwache Menschengeschlecht versteinert, und ihm so den ewigen Frieden schenkt, nach dem es sich sehnt von Anbeginn.

Man hat die Menschen zu Engeln erheben wollen, und hat sie zu Tieren erniedrigt - macht sie zu Tieren, und sie werden sich zu Engeln - zumindest träumen!

EXEQUIAS LITERIS QUIBUS EST COMMODUM IRE,
JAM TEMPUS EST!


Es wäre nun noch meine Pflicht, vom Zustand der Kantonsschule während des verflossenen Schuljahres Nachricht zu geben. Allein unvorhergesehene Umstände hindern die gegenwärtige Bekanntmachung, und machen ihre Verschiebung auf die vierte oder fünfte Woche des neubeginnenden Lehrkurses notwendig. Dieser wird Montags am 4. Mai, Nachmittags um 3 Uhr, im alten großen Ratsaal eröffnet werden. Ehrerbietigst ersuche ich alle Fundatoren und Gönner der Kantonschule, alle wohlwollenden Jugendfreunde, um ihre Gegenwart bei dieser Feierlichkeit.
LITERATUR - Ernst August Evers, Über die Schulbildung zur Bestialität, Aarau 1807
    Anmerkungen
    3) Weit leichter würden in Republiken die Bildung zur Bestialität werden, wenn man sie sich (wie im Bernischen literarischen Archiv St. II, Seite 172 geschieht) als Genossenschaften denken könnte, welche durch Glück und Umstände unabhängig und kollektive Herrn von Untergebenen geworden sind. Denn mit dieser Definition ist zugleich schon die Notwendigkeit jener Bildung gegeben. Wer durch Glück und Umstände, also durch den Zufall unabhängig geworden ist, kann nur dadurch, daß er diesem Zufälligen beständige Dauer gibt, unabhängig bleiben, also alle Einwendungen, die das Notwendige, die Vernunft, im Untergebenen dagegen machen könnte, unterdrückt. Aber der Begriff paßt nicht auf alle Republiken. Wahrlich ein bedaurnswerter Umstand! mag immer Johannes Müller es einen löblichen Grundsatz der ersten Freiheitsstifter nennen, keine Untertanen, aber viele Freunde zu haben, und in der Entfernung von demselben zugleich eine Entfernung von der republikanischen Hoheit finden.
    4) Derselbe Unterricht gehört auch in die Landschulen. Nichts weiter! denn, wie Livius sagt, plebs aut humiliter servit, aut superbe dominatur. [So ist der große Haufen: entweder dient er kriechend oder herrscht er übermütig. - wp] Doch kann sich hier der Lehrer mehr Zeit nehmen, etwa bis ins vierzehnte oder fünfzehnte Jahr des Knaben.
    5) In einer berühmten Schweizerstadt scheint in der herkömmlichen Übung, daß jeder Gelehrte in irgendeine Handwerksinnung eingeschrieben sein muß, die angeführte Bedingung zumindest als Wunsch für künftige Zeiten ausgedrückt zu sein.
    6) siehe Platons "Symposion", Seite 103 der Wolfischen Ausgabe.
    7) Überhaupt muß die Philosophie nicht nach Platons Grundsatz zur Aufgabe des reifsten Alters, sondern zum Verwirrungsmittel des jugendlichen Geistes gemacht werden. Wunderlich, wenn schon der 17-jährige Knabe das Universum bauen, in Anbetung dunstiger Formeln methodisch schwärmen, und das Fünklein Vernunft in der zweifelhaften Dämmerung dunkler Gefühle ersticken lernt.
    8) In Bündten gibt es, wie verlauten will, hie und da auf dem Land Predigerfabriken, wo auf eine noch kürzere Manier ein junger Bursche von 18 bis 20 Jahren, der bisher Viehhirt war, ominis causa, zum Seelenhirten umgestaltet wird. Die Prozedur beginnt mit des gottseligen Hübners lateinisch-übersetzten biblischen Historien. Hat sich das Latein dieses autoris classici unter den rauhen Hirtentönen etwas festgesetzt, so werden mit Hilfe des Abraham Knollius die dicta probantia N. T. analysiert und darauf Turretini compendium historiae ecclesiasticae, und Oswalds oder eines anderen Comp. dogmaticae getreuliche memoriert, das Predigen wacker exerziert, und nach Anleitung des Pfarrers und einiger Postillen auf den regelmäßig wiederkehrenden Zyklus von 3 oder 4 Jahren ein erforderlicher Predigtvorrat ad acta gelegt.
    9) Noch vor einigen Jahren bestand die Besoldung des Schulmeisters in einem kleinen Schweizerdorf darin, daß ihm vergönnt war, an jedem Samstag seine Schüler in die Waldung des benachbarten Kantons zu führen, um dort zu fouragieren [sich mit Futter zu versorgen - wp]. Viel besser ist es an vielen Orten noch jetzt nicht. Hie und da hat man dem Schuldienst durch eine Verbindung mit dem Nachtwächterdienst einige Erleichterung verschafft.
    10) Den Geist dieser Reisen hat Hagedorn in einem bekannten Lied ausgedrückt, aus dem zur Erläuterung des oben Gesagten hier nun folgende Strophen stehen mögen:
      Die Ritterschaft bestehet hier
      Aus Straußen und aus Pfauen.
      Das Öchslein und das andere Tier
      Läßt sich als Bürger schauen.
      Das Schaf, der Hamster und das Schwein
      Sind Bauern, oder könnten's sein.
      Die sich dem Lehramt weihen,
      sind trock'ne Papageien.

      Die Kammer nährt aus weiser Huld
      Zehn hochbetraute Bären,
      Den Ablauf jeder alten Schuld
      Gebiet'risch abzuwehren.
      Der Habicht nimmt die Steuern ein;
      Den Dohlen muß der Reiche leihn,
      Zu Pächtern setzt man Raben,
      Von ungemeinen Gaben.

      Die Gänse schnattern vor Gericht usw.