p-4T. K. OesterreichJ. BergmannTh. ElsenhansP. SchilderA. Frohne     
 
ALEXANDER LASURSKI
Über das Studium
der Individualität

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Charakteristik der Persönlichkeit: Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von leitenden Ideen in der intellektuellen Sphäre. Entweder tritt in seinen Urteilen eine gewisse Einheit, eine allgemeine leitende Idee hervor, oder diese Urteile haben nichts miteinander gemein. Während der Beobachtungen wird er stets von bestimmten Problemen und Gesichtspunkten geleitet, Seine Aufmerksamkeit wird nur von den Erscheinungen gefesselt, die seinem Zweck entsprechen; oder aber - er schlägt Seitenwege ein, indem er den Zweck der Beobachtung vergißt, den Faden des Gesprächs verliert oder sich selbst widerspricht. Vorhandensein (oder Nichtvorhandensein) von bestimmten geistigen Interessen, die seiner Aufmerksamkeit eine beständige Richtung mitteilen.


Kapitel III.
Untersuchung der Persönlichkeit

Kehren wir jetzt wieder zur Frage nach der Persönlichkeit und deren Untersuchung zurück. Bisher waren wir hauptsächlich damit beschäftigt, einige Grundbegriffe festzustellen, ohne die es unmöglich sein würde, sich in dem komplizierten Ganzen, das wir ein menschliches Individuum nennen, zu orientieren. Hierher gehörten Begriffe wie die einfachen und zusammengesetzten Neigungen, deren Anreizer, Potenzen, wirkliche und scheinbare Veränderungen, ferner die inneren und äußeren Äußerungen der einzelnen Neigungen, ihre Wechselwirkungen usw. Allein unsere Aufgabe wird durch die Feststellung dieser Grundbegriffe bei weitem nicht erschöpft. Diese Feststellung ist vielmehr nur der erste Schritt zu jener systematischen Sammlung des Materials, die für die Individualpsychologie, wie für jede andere empirische Wissenschaft durchaus unentbehrlich ist. Alle unsere theoretischen Konstruktionen sind im letzten Grund nichts anderes als bloß Arbeitshypothesen, die nur insofern nützlich sind, als sie uns erlauben, die schon bekannten Tatsachen zu gruppieren und neue zu entdecken. Die Individualpsychologie kommt schließlich dorthin, wohin sie die Tatsachen führen. Deshalb muß ausführlich untersucht und erläutert werden, auf welche Weise das Sammeln des faktischen Materials geschehen soll und welche Methoden sich zu diesem Zweck am besten eignen.

Im Vordergrund muß hier die Zusammenstellung von ausführlichen, auf Tatsachen gegründeten Charakteristiken einzelner menschlicher Individuen stehen. Als die geeignetsten Beobachtungsobjekte erscheinen im gegebenen Fall Halberwachsene, im Alter von 10-15 Jahren, in welchem die Grundzüge der Persönlichkeit schon genügend scharf hervortreten, eine endgültige Form aber noch nicht angenommen haben (siehe weiter unten). Daneben sind auch Beobachtungen erwachsener Menschen sehr erwünscht, bieten aber gegenwärtig noch große technische Schwierigkeiten.

Als die Fundamentalmethode erscheint gegenwärtig, wie auch ehemals, die systematische äußere oder objektive Beobachtung. Diese Methode ist infolge der weitesten Verbreitung der Experimentalpsychologie neuerdings in den Hintergrund gedrängt worden und einige neigen dazu, sie für vollkommen unwissenschaftlich zu erklären. Das ist sie auch im Alltagsleben, wo zufällige fragmentarische Beobachtungen mit Vermutungen und in der Eile entworfenen Hypothesen zusammengeworfen werden, wobei den Leitfaden nicht durchgedachte, theoretisch festgestellte Prinzipien bilden, sondern rein praktische Bedürfnisse. Eine wissenschaftliche Bedeutung erlangt die Methode der äußeren Beobachtung nur bei der strengsten Beachtung und Erfüllung der nachstehenden Regel:
    An die Stelle der halbbewußten Intuition muß die genaue, systematische Aufzeichnung des faktischen Materials und dessen bewußte Analyse treten; als Kriterium müssen bei der Wahl und Beurteilung der einzelnen Tatsachen die Ergebnisse der modernen wissenschaftlichen Psychologie dienen.
Die Eigentümlichkeiten der menschlichen Charaktere entstehen, wie wir es oben dargelegt haben, in erster Linie dadurch, daß einzelne, in ihrer Gesamtheit die menschliche Persönlichkeit bildende Neigungen bei verschiedenen Individuen nicht gleich stark entwickelt sind. Das zwingt uns, bei der Zusammenstellung einer Charakteristik, uns vor allen Dingen durch eine während einer längeren Zeit fortgesetzte Beobachtung zu überzeugen, welche allgemein-psychologische Hauptneigungen beim gegebenen Individuum am stärksten entwickelt sind. Nur unter dieser Bedingung wird es möglich, einzelne Charakteristiken miteinander zu vergleichen und die Konstruktion dieses oder jenes Charakters aufgrund der uns bekannten psychologischen Gesetze zu erklären.

Doch begegnen wir hier beim ersten Schritt einer sehr wesentlichen Schwierigkeit. Die psychischen Prozesse und ihre äußeren Äußerungen stellen wie bekannt stets etwas Kompliziertes dar. Die Hauptneigungen oder die individuellen Eigentümlichkeiten, die wir in jedem einzelnen Fall zu erforschen haben, und deren Aufzählung im Programm der Untersuchung der Persönlichkeit gegeben werden soll, kommen im Leben nie isoliert, in nackter Gestalt vor. Während der Beobachtung haben wir es nicht mit psychologischen Abstraktionen zu tun, sondern mit einem lebendigen Menschen, der sich bewegt, handelt, auf Reize in dieser oder jener Weise reagiert usw. Das gleichzeitige Beobachten und Analysieren ist zu schwer. Das Höchste, was ein gewissenhafter Beobachter leisten kann, ist - möglichst ausführlich die Äußerungen zu notieren, die ihm der Beachtung würdig erscheinen, um sie später bei Muße zu beurteilen, zu analysieren und dieser oder jener psychologischen Rubrik unterzuordnen.

Auf diese Weise würde das abstrakte psychologische Programm, welches für die planmäßige Verarbeitung des Materials, wie für die Vergleichung der einzelnen Charakteristiken unentbehrlich ist, während des Beobachtens selbst beinahe keine Anwendung finden. Das einzige Mittel, welches uns erlaubt, einerseits auf eine bedeutende Zahl konkreter Äußerungen hinzuweisen, andererseits aber ein nicht übermäßig weitläufiges Schema zur Vergleichung von einzelnen, schon verarbeiteten Charakteristiken untereinander festzustellen, besteht unserer Ansicht nach in der Teilung des Programms in zwei, der Größe nach ungleiche aber parallel nebeneinander laufende Teile. Der erste oder leitende würde die Aufzählung der Grundeigenschaften oder Hauptseiten der Persönlichkeit, insofern sie als Resultate einer eingehenden psychologischen Analyse erscheinen, enthalten. Der zweite oder erläuternde würde eine mehr oder weniger lange Reihe von konkreten Äußerungen, die den oben genannten Grundeigenschaften entsprechen, geben. Jede von diesen Äußerungen stellt freilich einen ziemlich komplizierten Prozeß dar, welcher das Vorhandensein auch anderer Charakterzüge zur Voraussetzung hat; aber diejenige Eigenschaft, als deren Äußerung wir den gegebenen Prozeß betrachten, findet in ihm einen besonders intensiven Ausdruck und ist für die Entstehung des Prozesses unentbehrlich.

Diesem Plan sind wir beim Zusammenstellen des ersten von den zwei unten angeführten Programmen gefolgt. Es enthält ein Schema zur Untersuchung der subjektiven (endogenen) Seite der Persönlichkeit. Jede Rubrik des erläuternden Teils des Programms enthält die Aufzählung der typischsten Äußerungen der gegebenen Hauptneigung. Die Ursachen, durch die diesen typischen Äußerungen bedingt werden, können sehr verschieden sein. Erstens kann ein und dieselbe formelle Neigung, je nach den äußeren Umständen oder je nach dem Charakter der Persönlichkeit selbst, sich mit den verschiedensten auf den Inhalt sich beziehenden Neigungen kombinieren; so kann z. B. eine größere oder geringere Intensität des Begehrens und der Triebe in der Richtung der sinnlichen Triebe oder der intellektuellen Interessen, oder der ehrgeizigen Bestrebungen zum Ausdruck kommen, je nachdem diese oder jene Arten des Begehrens bei einem gegebenen Individuum vorherrschen. Zweitens erscheinen, je nach dem den Menschen umgebenden Medium, bald diese, bald jene Objekte und deren Verhältnisse zueinander als gewohnte Anreizer (was den Unterschied der Äußerungen nach sich ziehen muß); doch ist schon in den vorstehenden Kapiteln davon ausführlich gehandelt worden. Drittens können sowohl der Verlauf der Äußerung selbst, wie die Bedingungen ihrer Entstehung bei verschiedenen Menschen verschieden sein; so kann z. B. die intellektuelle Leistungsfähigkeit verschiedener Subjekte durch verschiedene Arten von Kurven dargestellt werden; das Maximum wird bei ihnen zu verschiedenen Tageszeiten erreicht usw. Alle diese und mehrere andere, diesen ähnliche Umstände, welche die Entstehung der typischen Äußerungen der einzelnen Hauptneigungen beeinflussen, haben wir beim Zusammenstellen des erklärenden Programms nach Möglichkeit berücksichtigt.

In jeder zur Reife gelangten Persönlichkeit können, wie gesagt, zwei Seiten unterschieden werden: die subjektive oder endogene, welche eine Gesamtheit der bei einem gegebenen Subjekt am intensivsten entwickelten psychischen (bzw. psycho-physiologischen) Neigungen darstellt, und eine objektive oder exogene, unter der wir jenes äußere Gepräge verstehen, welches Erziehung, Bildung, Stand, überhaupt äußere, die Entwicklung des Menschen formende Einflüsse der Persönlichkeit aufdrücken. Die Hauptrolle kommt bei der Bildung der Persönlichkeit zweifelsohne den subjektiven Faktoren oder der subjektiven Seite zu, welche ihre Entstehung hauptsächlich der Vererbung und den ersten Jahren der Kindheit verdankt. Hierher gehören solche Eigenschaften, wie die Konzentration und die Stabilität der Aufmerksamkeit, die Genauigkeit und die Vollständigkeit der Wahrnehmung und des Gedächtnisses, der Entwicklungsgrad der Denkprozesse, die Fähigkeit oder Unfähigkeit zur dauernden Willensanstrengung, kurz alle die Hauptneigungen, die oben von mir so ausführlich besprochen worden sind. Die intensive Teilnahme der bei einem gegebenen Individuum am stärksten entwickelten Neigungen an diesem oder jenem Prozeß nennen wir Apperzeption. Im Gegenteil sind die professionellen Gewohnheiten des Menschen, seine Standesüberzeugungen, wie sein soziales Glaubensbekenntnis, die Eigentümlichkeiten seiner Weltanschauung, die er seinem Zeitalter verdankt - nicht sowohl der Ausdruck der subjektiven Beschaffenheit seiner Persönlichkeit, wie vielmehr der Einwirkung der äußeren Umstände auf diese. Und wie es überall geschieht, wo äußere, objektive Einflüsse dominieren, so treten auch hier die Assoziationsgesetze auf den Vorderplan. Allerdings kommen solche, der Entwicklung der Persönlichkeit günstige Fälle vor, wo das umgebende Medium den Hauptneigungen des gegebenen Menschen in einem bedeutenden Grad entspricht, und folglich die Zunahme der Apperzeption befördert. Aber auch in diesen günstigen Fällen wird der betreffende Mensch nicht von der Notwendigkeit entbunden, sich gewisse komplizierte äußere Formen anzueignen, ohne die sich seine Persönlichkeit nicht nach außen betätigen könnte, wie einen für den gegebenen Beruf nötigen Vorrat an Kenntnissen, eine gewisse gewohnheitsmäßige Aufeinanderfolge der Handlungen beim Ausüben dieser oder jener Tätigkeit usw. Das Alles erfordert die Ausbildung von zahlreichen Assoziationen, d. h. von jenen sukzessiven Veränderungen in der Tätigkeitsrichtung der einzelnen Neigungen und jenen äußeren Verbindungen dieser Neigungen, welche als die unmittelbare Wirkung der äußeren Umgebung und ihrer Einflüsse erscheinen.

Von allen diesen Gründen geleitet, geben wir neben dem Programm zur Untersuchung der endopsychischen Seite der Persönlichkeit oder der psychischen Hauptneigungen, auch ein von S. FRANCK und mir zusammengestelltes Programm zur Untersuchung ihrer exopsychischen Seite (siehe Anhang). Im ersten Progrmann fallen die Hauptrubriken mit den gewöhnlichen psychologischen Unterabteilungen zusammen. Beim Zusammenstellen des zweiten Programms muß man ganz andere, den verschiedenen philosophischen und biologischen Disziplinen entnommene Kriterien oder Einteilungsprinzipien anwenden; denn wenn die exopsychische Seite der Persönlichkeit sich unter dem Einfluß des sie umgebenden Mediums, der mannigfaltigsten sozialen und anderen Faktoren bildet, so müssen wir bei der Klassifikation der auf diese Weise entstandenen Typen Kriterien benutzen, die einem entsprechenden Gebiet entnommen sind.

Es kann gefragt werden: wodurch unterscheidet sich denn in diesem Fall die exopsychischen Typen des zweiten Programms von den typischen Äußerungen der Hauptneigungen, welche den erläuternden Teil des ersten Programms bilden? Dort wie hier haben wir es ja mit komplizierten Gebilden zu tun, die jedesmal eine ganze Gruppe von Hauptneigungen in sich schließen? - Der Unterschied besteht in erster Linie in einem quantitativen Verhältnis, denn die exopsychischen Typen sind gewöhnlich in psychologischer Hinsicht viel komplizierter, als die typischen Äußerungen der einzelnen Hauptneigungen. Der zweite und vielleicht der wesentlichere Unterschied ist, daß die einfachsten Hauptneigungen wie auch deren typische Äußerungen in den meisten Fällen noch keine soziale Bedeutung haben. In sozialer Hinsicht ist es vollkommen gleichgültigt, ob der Mensch beweglich ist oder nicht, eine stabile oder instabile Aufmerksamkeit besitzt, ob seine physiologischen Gefühlsäußerungen sich durch Reichtum oder Armut auszeichnen usw. Nur nachdem sich diese elementaren psycho-physiologischen Eigentümlichkeiten zu Gruppen, die manchmal sehr kompliziert sein können, vereinigt und sich auf bestimmte Kategorien von Gegenständen und Erscheinungen der äußeren Welt gerichtet haben, gewinnen sie eine soziale Bedeutung. Und umgekehrt, wenn die Charakterstik der endopsychischen Seite der Persönlichkeit unser Zweck ist, erlangen die obenerwähnten Hauptneigungen und ihre typischen Äußerungen eine selbständige, von ihrer Teilnahme an irgendwelchen komplizierten sozialen und anderen Funktionen unabhängige Bedeutung.

Nach diesen Vorbemerkungen gehen wir zum ersten Programm über.


Programm zur Untersuchung der subjektiven
(endopsychischen) Seite der Persönlichkeit


Erster, leitender Teil

I. Aufmerksamkeit
Erregbarkeit der Aufmerksamkeit. Konzentration (bzw. Ablenkbarkeit) der Aufmerksamkeit. Vorherrschen der passiven oder der aktiven Aufmerksamkeit. Deren Stabilität oder Instabilität. Umfang der Aufmerksamkeit.

II. Empfindungen, Wahrnehmungen
Schärfe der Wahrnehmungen, Zahl und Reichtum der Wahrnehmungen. Ihre Genauigkeit.

III. Gedächtnis
Einprägung. Das Wiedererkennen. Aufbewahrung im Gedächtnis. Reproduktion. Genauigkeit der Reproduktion. Verschiedene Arten des Gedächtnisses.

IV. Einbildungskraft
Reichtum der Einbildungskraft. Lebendigkeit. Deutlichkeit der reproduzierten Vorstellungen. Anschauungstypen. Entwicklungsstufe der schöpferischen (kombinierenden) Phantasie. Arten der schöpferischen Phantasie.

V. Denken
Fähigkeit zur Abstraktion. Weite und Enge der Begriffe. Subjektivität oder Objektivität der Urteile. Fähigkeit zum logischen Denken. Neigung zur Synthese. Neigung zur Analyse.

VI. Sprache
Reichtum an Wortbildern. Deren dominierender Typus. Leichtigkeit im Kombinieren der Wortbilder.

VII. Allgemeine Eigentümlichkeiten
der intellektuellen Sphäre
Vorherrschen der bewußten oder der unbewußten Prozesse. Das Vorherrschen der inneren Wahrnehmungen über die äußeren und umgekehrt. Vorherrschen der Assoziation oder der Apperzeption. Reichtum oder Armut des Vorstellungsschatzes. Vorhandensein oder Mangel der leitenden Ideen in der geistigen Sphäre. Geschwindigkeit oder Langsamkeit der intellektuellen Prozesse. Geistige Leistungsfähigkeit. Geistige Übungsfähigkeit.

VIII. Stimmung und Affekte
Dominierende Stimmung. Stabilität oder Instabilität der Stimmung. Fähigkeit Freude und Leid zu empfinden. Neigung zum Zorn. Neigung zur Furcht oder deren Mangel. Neigung zum Erschrecken.

IX. Inhalt der Gefühle
Egoistische Gefühle. Altruistische Gefühle. Intellektuelle und ästhetische Gefühle. Moralisches und religiöses Gefühl.

X. Allgemeine Eigentümlichkeiten
der Gefühlssphäre
Erregbarkeit der Gefühle. Stärke oder Intensität der Gefühle. Dauerhaftigkeit oder Stabilität der Gefühle. Reichtum oder Armut an peripheren Äußerungen der Gefühle. Einfluß der Gefühle auf die Denk- und Willensprozesse.

XI. Bewegungen
Reichtum oder Armut der Bewegungen. Geschwindigkeit oder Langsamkeit der Bewegungen. Koordination der komplexen Bewegungen; motorische Übungsfähigkeit. Stärke (bzw. Schwäche) der Bewegungen; Leistungsfähigkeit der Muskeln.

XII. Psychische Aktivität.
Willensanstrengung.
Stärke oder Schwäche der Wünsche und Bestrebungen. Allgemeine Entwicklung der psychischen Aktivität. Fähigkeit zur Konzentration der Willensanstrengung. Größere oder geringere Dauerhaftigkeit der Willensanstrengung. Hemmungsfähigkeit. Widerstandsfähigkeit den äußeren Einflüssen gegenüber.

XIII. Entstehung der Entschlüsse.
Wahlvorgang.
Dominierende Tätigkeitsmotive. Neigung zum Kampf der Motive. Geschwindigkeit des Sichentschließens. Stabilität oder Instabilität des gefaßten Entschlusses. Vorhandensein der leitenden Ideen und Bestrebungen. Planmäßigkeit der komplizierten Handlungen.


Zweiter, erläuternder Teil

I. Aufmerksamkeit

1. Erregbarkeit der Aufmerksamkeit. Jede Veränderung in der Umgebung, jedes Ungewöhnliche, Hervorragende, wie alles, was irgendwie das Gefühl und das Interesse des Subjekts berührt, lenkt sofort dessen Aufmerksamkeit auf sich. Oder umgekehrt, das Subjekt verhält sich zu allem mit gleicher Unaufmerksamkeit und Zerstreutheit, indem es unfähig ist, bei irgendetwas länger zu verweilen.

2. Konzentration (bzw. Ablenkbarkeit) der Aufmerksamkeit. Indem der Betreffende seine Aufmerksamkeit auf irgendwelchen äußeren Eindrücken konzentriert hat (beim Lesen, Zuhören, bei der Arbeit oder beim Betrachten irgendeines Gegenstandes) oder indem er sich in seine eigenen Gedanken vertieft hat, bemerkt er die Umgebung nicht; um ihn abzulenken, muß man ihn mehrmals beim Namen rufen, seine Schulter berühren usw. Oder umgekehrt: das geringste Unbehagen, irgendeine Störung oder ein lautes Gespräch zerstreuen ihn sofort.

3. Vorherrschen der passiven oder der aktiven Aufmerksamkeit. Seine Aufmerksamkeit konzentriert sich gewöhnlich auf die Eindrücke, die in einem gegebenen Moment aus irgendeinem Grund als die lebhaftesten und intensivsten erscheinen, ihn in Erstaunen setzen, in ihm dieses oder jenes Gefühl wachrufen. Oder umgekehrt: indem er sich vorgenommen hat, irgendein Objekt oder eine Erscheinung zu untersuchen, fährt er fort, dieselben aufmerksam zu beobachten, ungeachtet daß andere intensivere und für ihn anziehendere Anreizer zu wirken beginnen; nötigenalls ist er imstande, seine Aufmerksamkeit sogar auf einen langweiligen und unangenehmen Gegenstand zu konzentrieren.

4. Stabilität oder Instabilität der Aufmerksamkeit. Das Subjekt ist imstand, eine Unterhaltung über ein und dasselbe Thema zu führen. Oder umgekehrt, wechselt es beständig das Thema des Gesprächs, unterbricht die von ihm selbst verlangten Erklärungen durch neue, nicht zur Sache gehörigen Fragen.

5. Umfang der Aufmerksamkeit (deren Enge oder Weite). Die Fähigkeit (bzw. Unfähigkeit), sich mit mehreren Gegenständen gleichzeitig zu beschäftigen, z. B.: eine komplizierte Handarbeit auszuführen, zu schreiben oder zu zeichnen, - und gleichzeitig dem Vorgelesenen zu folgen oder an einem interessanten Gespräch teilzunehmen; oder - sich mit den Details einer Sache zu beschäftigen und den Totalplan nicht aus dem Auge zu lassen.


II. Empfindungen, Wahrnehmungen

6. Schärfe der Wahrnehmungen. Fähigkeit, die feinsten und am wenigsten bemerkbaren Unterschiede zwischen einzelnen Empfindungen wahrzunehmen.

Quantitative Seite. Sieht gut in der Dämmerung und in dunkler Nacht, erkennt die kleinsten Sterne am Himmel, entziffert mit Leichtigkeit die kleine Druckschrift. Vernimmt das unbedeutendste Geräusch, sehr schwache und entfernte Laute. Unterscheidet mit der größten Deutlichkeit die leichtesten Berührungen, Gerüche und ähnliches mehr.

Qualitative Seite. Vergleicht die Farben richtig, indem er die feinsten Schattierungen unterscheidet. Besitzt musikalisches Gehör, die Fähigkeit, den Unterschied zwischen den einander sehr nahe stehenden Tönen zu erfassen. Empfindet verschiedene Gerüche (z. B. verschiedene Parfüms) sehr fein.

Vorhandensein oder Nichtvorhandensein einer alle übrigen dominierenden Art von Empfindungen.

7. Quantität und Reichtum der Wahrnehmungen. Beobachtet alles, was um ihn herum geschieht, sehr fein; in eine neue Umgebung versetzt, bemerkt er rasch zahlreiche Details und ist imstande über sie Rechenschaft zu geben. Anderer Typus: gewöhnlich bemerkt er das ihn Umgebende wenig, indem er es wenig beachtet; wenn er aber etwas genau ins Auge faßt, um es kennenzulernen, dann entgeht ihm kein Detail; jede unternommene Untersuchung, jedes Studium betreibt er mit der größten Ausführlichkeit. - Indem er über das Wahrgenommene Bericht erstattet, konzentriert er seine Aufmerksamkeit mit Vorliebe auf den Details, oder vereinigt die einzelnen Eindrücke zu einem Totalbild oder schließlich verweilt hauptsächlich bei dem, was in ihm diese oder jene Gefühle hervorruft (Wahrnehmungstypen).

8. Genauigkeit der Wahrnehmungen. Seine Beobachtungen, Beschreibungen und Erzählungen von dem, was er gesehen und gehört hat, entsprechen genau der Wirklichkeit; wie die einzelnen Details der Begebenheiten, so auch ihre Wechselverhältnisse werden vollkommen richtig wiedergegeben. Entgegengesetzter Fall: seine Beschreibungen sind auch bei der größten Aufmerksamkeit, die er dem Gegenstand zuwendet, voll Ungenauigkeiten, Fehler und Lücken.


III. Gedächtnis

9. Einprägung. Behält mit Leichtigkeit Gegenstände, Gesichter, Begebenheiten, Gespräche, wenn er sie bloß einmal gesehen oder gehört hat. Lernt rasch und leicht die längsten Gedichte und prosaischen Fragmente auswendig. Vermag in der kürzesten Zeit sich die Details einer Zeichnung oder die Beschreibung eines komplizierten Apparats, eines Gebäudes, einer Gegend anzueignen.

10. Das Wiedererkennen. Erkennt leicht alles, was er je gesehen oder gehört hat (Personen, Gegenstände, Landschaften, Musikstücke, Fragmente von Gedichten usw.) wieder. Unterscheidet genau und richtig zwischen dem Alten, Bekannten und dem Neuen, Unbekannten. Vermag jedesmal anzugeben, wo und unter welchen Umständen er die betreffende Person oder den gegebenen Gegenstand schon gesehen hat (Lokalisation in der Vergangenheit). Entgegengesetzter Fall: das Subjekt erkennt auch die Menschen nicht wieder, die es mehrmals gesehen hat und mit denen es gesprochen hat; orientiert sich schlecht in der Gegend, die es schon ein paarmal besucht hat.

11. Das Aufbewahren im Gedächtnis, Reproduktion. Das einmal Gesehene oder Erfaßte wird im Gedächtnis dauernd bewahrt; nach Verlauf von mehreren Tagen, Monaten und sogar Jahren erinnert sich der betreffende Mensch an alle Details der Begebenheiten beinahe so gut, wie am ersten Tag nach denselben; nötigenfalls oder auf seinen eigenen Wunsch hin, kann er sich wieder alles ins Gedächtnis zurückrufen. Entgegengesetzter Fall: alle Eindrücke werden schnell ausgelöscht, die Erinnerungen sind höchst matt, fragmentarisch, lückenhaft; die Reproduktion ist sehr erschwert, er benutzt das Notizbuch häufig, fragt die anderen usw.; nur falls Umstände, Gespräche oder die eigene Stimmung ihn an das Geschehene erinnern, kann er sich eine (nicht sehr wichtige) Begebenheit mit all ihren Details vergegenwärtigen.

12. Genauigkeit der Reproduktion. Beim Vortragen eines Gedichts, bei der Wiedergabe des Gelesenen werden wenig Fehler gemacht. Sich auf irgendeine Begebenheit besinnend, beschreibt das Subjekt alle (wenn auch wenig zahlreichen) Details, die es behalten hat, vollkommen richtig. Anderer Fall: Die Zahl der Fehler ist sehr groß, die früher beobachteten Begebenheiten werden (auch bei der gewissenhaftesten Mühe) sehr ungenau wiedergegeben, die Details miteinander verwechselt, die Personen zusammengeworfen, eigene Ergänzungen eingerückt usw.

13. Arten des Gedächtnisses. Verhältnismäßige Entwicklung der verschiedenen Arten des Gedächtnisses: Gedächtnis für Worte, Namen, einzelne, unzusammenhängende Sätze, Melodien; Gedächtnis für Fragmente von Gedichten und Prosa; Gedächtnis für Personen, Bilder, Landschaften; Gedächtnis für Risse, Schemata, Grundrisse von Gegenden, chronologische Reihenfolge der Begebenheiten; Gedächtnis für abstrakte Begriffe, Gedanken, Schlußfolgerungen usw. Vorhandensein oder Nichtvorhandensein einer Art des Gedächtnisses, welche die anderen dominiert. Was wird besser behalten: der Inhalt der wahrgenommenen Eindrücke oder deren Verhältnis zueinander? (das stoffliche und das formelle Gedächtnis).


IV. Einbildungskraft

14. Reichtum der Einbildungskraft; Lebhaftigkeit und Deutlichkeit der reproduzierten Vorstellungen. Alle Schöpfungen der Phantasie (Träumereien, wirkliche Träume, Klassenaufsätze, Erzählungen) sind überaus reich an Details, an Bildern und Vergleichungen usw.; oder sie sind umgekehrt äußerst einfach, arm und primitiv. Die Phantasievorstellungen sind so lebhaft und deutlich, daß er sie mit allen ihren Details beschreiben und aufzeichnen kann; zuweilen werden sie so lebhaft und scharf empfunden, daß er sie in seinen Erinnerungen oder Mitteilungen mit der Wirklichkeit verwechselt (häufige Ursache der Lüge bei Kindern); oder aber sie sind matt, undeutlich, verschwommen und können nur mit Mühe beschrieben und mitgeteilt werden.

15. Anschauungstypen (der visuelle, akustische, motorische Typus und die gemischten Typen). In allen Erinnerungen, Träumereien und Träumen herrschen die Gesichtsvorstellungen vor; er kann sehr ausführlich und genau deren Farbe, Form und Stellung beschreiben. Er ist für Malerei begabt. Oder es herrschen Gehörsvorstellung (musikalische Begabung) und Erinnerungen an Bewegungen vor.

16. Entwicklungsstufe der schöpferischen (kombinierenden) Phantasie. In seinen Urteilen und Handlungen beschränkt er sich nicht auf die Nachahmung anderer, sondern bringt überall etwas Eigenartiges, Nichtabgelerntes mit. Seine Gedanken sind oft neu, originell und den früheren vollkommen unähnlich. Er ist erfinderisch, weiß in jeder Verlegenheit Rat. Einige ihm gegebene Winke oder mitgeteilte Vorstellungen genügen, um ihn zu einer zusammenhängenden Hypothese, zu einem wohlgelungenen Projekt zu veranlassen, in ihm ein vollständiges und lebhaftes Bild einer Gegend oder Begebenheit hervorzurufen usw. Und umgekehrt: seine Gedanken und Urteile sind schablonenmäßig und wiederholen Gemeinplätze; seine Handlungen entbehren der Originalität und tragen den Stempel der Nachahmung; er ist zu jeder Art des Schaffens (siehe das Folgende) unfähig.

17. Arten der schöpferischen Phantasie. Das Vorherrschen der Begabung zu irgendeiner Art des Schaffens: künstlerische Begabung auf dem Gebiet der Literatur, Musik, Malerei, Bildhauerei usw.; Fähigkeit zur wissenschaftlichen (abstrakten) schöpferischen Tätigkeit, d. h. zum Erfinden neuer Methoden und Konstruktion von Hypothesn; schöpferische Begabung für die soziale, wirtschaftliche und technisch-industrielle Tätigkeit (Fähigkeit neue Unternehmungen zu organisieren, verschiedene Verbesserungen in der Wirtschaft vorzunehmen, Fähigkeit zu technischen Erfindungen und Vervollkommnungen).


V. Denken

18. Fähigkeit zur Abstraktion. (Abstraktes Denken, Bildung der allgemeinen Vorstellungen und Begriffe). Stets beschäftigt mit allgemeinen Fragen. Jede einzelne Naturerscheinung, jedes Faktum des sozialen Lebens versteht er zu verallgemeinern, in ihnen Züge zu finden, die einer ganzen Klasse von Erscheinungen angehören. Ist imstande eine mehr oder weniger genaue Definition verschiedener abstrakter Begriffe (wie z. B. Wissenschaft, Gerechtigkeit, Gleichgewicht) zu geben. Neigung zur Beschäftigung mit abstrakten Wissenschaften, wie Mathematik, Philosophie. Entgegengesetzte Eigenschaften: konkretes, anschauliches Denken: jede Erscheinung ist an und für sich ohne Bezug auf andere, interessant. Jedes einzelne Faktum wird stets mit allen seinen Details konkret und plastisch gedacht. Abstrakte Gedanken und Erörterungen werden mit Vorliebe durch erläuternde Beispiele, Schemata und Zeichnungen veranschaulicht.

19. Weite und Enge der Begriffe. Alle Beobachtungen und Meinungen zeichnen sich durch bedeutende Enge und Einseitigkeit aus. Ein pedantischer, zum Formalismus neigender Charakter, das Detail und die Mittel beachtend, vergißt er das Ganze, das Ziel. Neigung zur kleinlichen Spezialisierung. Umgekehrter Fall: weiter Gesichtskreis, Fähigkeit, die mannigfaltigsten und heterogensten Erscheinungen zu erfassen und zu beurteilen.

20. Subjektivität oder Objektivität der Urteile. Beim Urteilen über Gegenstände, Menschen und Begebenheiten teilt er gewöhnlich den Eindruck mit, den diese auf ihn gemacht haben (Vorherrschen der emotionalen Urteile). Beurteilt ihren Wert stets vom Standpunkt seiner eigenen Überzeugungen, indem er unfähig ist, sich auf einem fremden Standpunkt zu stellen. Umgekehrter Fall: vollkommen objektive Beurteilungsweise. (Beispiel: Gegensatz zwischen der wissenschaftlichen und der künstlerischen Behandlung eines Objekts). Während einer Unterhaltung oder eines Streites ist er bloß bestrebt seine eigenen Ansichten zu entwickeln oder umgekehrt - folgt aufmerksam den fremden Einwendungen und gibt sich Mühe, sie zu verstehen.

21. Fähigkeit zum logischen Denken (bzw. Entwicklung einer Kette von Urteilen und Vernunftschlüssen). Jede irgendwie bedeutende Tatsache veranlaßt ihn zur Erörterungen, indem er sie mit anderen zusammenstellt und Schlüsse zieht (nicht zu verwechseln mit der Neigung zum Räsonnieren [argumentieren - wp], wobei fremde, geborgte Gedanken und Urteile mit Behagen wiederholt werden). In den Grenzen des ihm wohlbekannten Gebietes ist er sehr scharfsichtig: von weitem kann er alle möglichen Kombinationen berechnen und die eventuellen Folgen der gegebenen Handlung voraussagen; auf seine Urteile darf man sich verlassen, denn sie sind stets wohlbegründet. In seinen Beweisführungen ist er stets genau und systematisch. Er zeigt begabung für formelle Logik, Mathematik und ähnlichem mehr. Umgekehrter Fall: seine Gedanken und Urteile sind unklar, verschwommen und unzusammenhängend; er ist gänzlich unfähig, Schlüsse zu ziehen, den einfachsten Gedanken zu erfassen, bemerkt die schreiendsten Widersprüche in seinen Urteilen nicht.

2. Neigung zur Synthese. Ist stets bestrebt, einzelne Eindrücke zu vereinigen, allgemeine Schlüsse aus jedem einzelnen Fall zu ziehen. Während eines Gesprächs oder eines Streites erfaßt er rasch die Hauptsache, bei der Lektüre versucht er die Grundidee des Gelesenen zu finden. Indem er etwas erzählt, beschränkt er sich nicht auf die einfach Wiedergabe der Tatsachen, sondern er gibt sich mühe, ihren kausalen Zusammenhang bloßzulegen. Beim Untersuchen einer komplizierten Erscheinung oder Begebenheit und deren Ursachen geht er eher von allgemeinen Erwägungen, Naturgesetzen usw. als von der Untersuchung der einzelnen Tatsachen aus (deduktives Denken).

23. Neigung zur Analyse. Indem ihm ein kompliziertes Objekt entgegentritt (ein wissenschaftliches Problem, eine Naturerscheinung, ein praktisches Unternehmen), zeigt er Interesse nicht so wohl für das Ganze, als für die Details oder die einzelnen Seiten des Objekts. Er ist fähig, viel Zeit auf die Untersuchung einer Pflanze, eines Präparats, eines historischen Denkmals, eines Kunstwerks zu verwenden, indem er ihre Teile und deren Verhältnis zueinander genau studiert. Er zieht Schlüsse, erst nachdem eine genügende Anzahl der Tatsachen gesammelt ist; überhaupt hält er sich in seinen Erörterungen an Tatsachen (einerlei ob diese der eigenen Beobachtung oder Büchern entnommen sind) und bestrebt sich, so viel wie möglich, sich von ihnen nicht zu entfernen (induktives Denken).


VI. Sprache

24. Reichtum an Wortbildern (Wortschatz). Empfindet gewöhnlich keinen Mangel an Wörtern und Ausdrücken. Für jeden Gegenstand, jeden Geddanken hat er sofort eine ganze Reihe von Wörtern, Namen, fertigen Sätzen und Redewendungen; gibt gern Bei- und Spitznamen, die zuweilen sehr treffend sind. Oder: seine Sprache ist arm, dieselben Wörter und Wendungen werden beständig wiederholt.

25. Dominierender Typus der Wortbilder (der visuelle, akustische, motische und die gemischten). Wie liest und lernt er auswendig, lieber laut oder still, für sich hin? Wie lernt er, lieber nach dem Buch, oder durch zuhören? Wenn nach dem Buch, so: lernt er schweigend, indem nur die Augen den Zeilen folgen, oder wiederholt er die Worte still vor sich hin? Ist er imstande anzugeben, an welcher Stelle der Seite sich das von ihm zitierte Wort oder die betreffende Phrase befindet. Was behält das Gedächtnis besser: Zeilen, Buchstaben, Druckschrift, oder Laute, Reime?

26. Leichtigkeit, mit der Wortbilder kombiniert werden. Die Rede ist fließend, zusammenhänged und frei, durch kein Stocken gehemmt; schreibt rasch und mit großer Leichtigkeit Briefe, Aufsätze usw.; oder erfindet nur mit großer Mühe die nötigen Wörter und Ausdrücke, seine mündliche und schriftliche Rede ist reich an schwerfälligen, ungelenken Wendungen, jeden Satz verändert und verbessert er mehrmals. Im Fall der Sprache vollkommen in seiner Gewalt hat, schreibt und spricht er in schlichter, kunstloser (wenn auch vollkommen klarer und ausdrucksvoller) Weise; oder ist seine Rede geschmückt und fließt in vollendeten, wohlgebauten Perioden dahin; beherrscht er das Versmaß usw. Spricht er immer gleich schön und zusammenhängend, oder stellt sich bei ihm die Beredsamkeit nur in ungewöhnlichen Augenblicken, unter dem Einfluß starker Erregung, des Affekts usw. ein.


VII. Allgemeine Eigentümlichkeiten der
intellektuellen Sphäre

27. Das Vorherrschen der bewußten oder unbewußten Prozesse. Indem er Begebenheiten aus dem eigenen Leben mitteilt, beschreibt er ausführlich, was er dabei gedacht und gefühlt hat. Er ist der Selbstbeobachtung fähig, indem er seine inneren Erlebnisse genau beschreibt und analysiert (z. B. während eines psychologischen Experiments). Oder aber wird das Vorherrschen der unbewußten Prozesse konstatiert. Er kann keine Rechenschaft von dem Weg geben, auf dem er zu einem bestimmten Gedanken oder Schluß gelangt ist. Er ist nicht imstande seine Meinung mittels Tatsachen zu beweisen, "fühlt" aber, daß er Recht hat. "Instinktmäßig" errät er das Wesentliche der gegebenen Sache. Die glücklichsten Gedanken fallen ihm unerwartet, wie zufällig, auf einem Spaziergang oder während eines nicht zur Sache gehörigen Gesprüchs ein usw.; Erinnerungen "tauchen" von selbst auf, ohne daß er sie hervorruft. Er kann selbst seine Wünsche und Bestrebungen, seine Sympathien und Antipathien nicht genügend erklären; er vermag oft den Grund seiner Freude oder seines Zornes nicht zu nennen usw.

28. Das Vorherrschen der inneren Wahrnehmungen über die äußeren und umgekehrt. Die äußeren Wahrnehmungen bilden nur eine Veranlassung zur Entstehung von einer langen Gedankenreihe, die seine Aufmerksamkeit vollkommen in Besitz nimmt. In seine Gedanken vertieft, hört er oft kaum, welchen Gang das angeknüpfte Gespräch nimmt. Er liebt die stille Einsamkeit, die ihm erlaubt sich seinen Beschäftigungen, seinen Träumen und Erinnerungen frei hinzugeben. Er neigt zu Träumereien, liebt Luftschlösser zu bauen, phantastische Hypothesen und unausführbare Projekte zu entwickeln. Oder - er liebt eine lärmende, bunte, mannigfaltige Umgebung, die viele Eindrücke mit sich bringend, ihne nicht der Einsamkeit und sich selbst überläßt. Er ist Realist, praktische Tendenzen dominieren; seine Bestrebungen und Pläne, wenn sie noch so umfassend und weitgreifend sind, sind vollkommen ausführbar und enthalten nichts Unmögliches. Seine wissenschaftlichen Hypothesen werden durch weitere Erfahrungen vollkommen gerechtfertigt.

29. Vorherrschen der Assoziation oder der Apperzeption. Indem er etwas erzählt, gibt er alles Gehörte und Gesehene der Reihe nach wieder, ohne das, was ihm als das Wichtigste erscheinen könnte, hervorzuheben. Er kann das Gelernte nur in der Ordnung wiederholen, in der er es memoriert hat, andernfalls kommt er aus dem Konzept und vergißt alles. Er lernt (z. B. die Lektionen) nicht auf dem Weg der selbständigen Aneignung, sondern rein mechanisch. Oder - es herrscht eine, wenn auch halbbewußte, persönliche Durcharbeitung des Stoffes über das passive Einprägen vor. Beim Lernen (wie überhaupt in der Lebensart, in der Wahl der Beschäfigungen usw.) wird er nicht von äußeren Umständen geleitet, sondern folgt seinen Neigungen, Trieben und Interessen. Seine Weltanschauung, wie seine Ansichten in diesem oder jenem speziellen Fall tragen stets das Gepräge seiner Persönlichkeit.

30. Reichtum oder Armut des Vorstellungsschatzes. Jeder Eindruck ruft eine ganze Reihe von Gedanken, Erinnerungen und Bildern wach. Das Subjekt besitzt einen unerschöpflichen Schatz an Gesprächsthemen und zahlreiche, vielseitige Kenntnisse. Oder - der Kreis der Vorstellungen ist sehr eng, die Erinnerungen sind arm.

31. Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von leitenden Ideen in der intellektuellen Sphäre. Entweder tritt in seinen Urteilen eine gewisse Einheit, eine allgemeine leitende Idee hervor, oder diese Urteile haben nichts miteinander gemein. Während der Beobachtungen wird er stets von bestimmten Problemen und Gesichtspunkten geleitet, Seine Aufmerksamkeit wird nur von den Erscheinungen gefesselt, die seinem Zweck entsprechen; oder aber - er schlägt Seitenwege ein, indem er den Zweck der Beobachtung vergißt, den Faden des Gesprächs verliert oder sich selbst widerspricht. Vorhandensein (oder Nichtvorhandensein) von bestimmten geistigen Interessen, die seiner Aufmerksamkeit eine beständige Richtung mitteilen.

32. Geschwindigkeit oder Langsamkeit der intellektuellen Prozesse. Ob er rasch oder nur langsam die äußeren Eindrücke erfaßt, sich an etwas erinnert, kombiniert, Fragen beantwortet. Orientiert sich rasch bei jeder neuen, ungewohnten Tätigkeit. Ist imstande jede gewohnte und nicht besonders schwierige geistige Arbeit in sehr kurzer Zeit zu leisten. Inwiefern ist es ihm möglich (bei normal entwickeltem Gesicht und genügender Konzentration der Aufmerksamkeit) einen oder mehrere Gegenstände innerhalb eine Moments genau zu sehen: eine vorbeihuschende Maus, eine Reihe von Häusern, die vom Blitz momentan erleuchtet wird usw.? Wird ein Mißverhältnis in Bezug auf die Schnelligkeit zwischen den einzelnen psychischen Äußerungen bemerkt oder nicht (z. B. ein rasches Auffassen oder eine rasche Rede bei allgemeiner Unbeweglichkeit und Langsamkeit der Bewegungen, oder die Geschwindigkeit gewisser intellektuellen Prozesse bei Langsamkeit der anderen usw.)?

33. Geistige Leistungsfähigkeit. Wieviele Stunden oder Minuten kann er sich mit einer wohlbekannten aber doch die geistigen Fähigkeiten bedeutend anstrengenden Arbeit beschäftigen (Lösung von mathematischen Aufgaben, Vorbereitung der Lektionen, Vorbereitung zu einem ernsteren Examen). Nach wieviel zeit stellen sich dabei die Symptome der Ermüdung ein: subjektive (Müdigkeitsgefühl, schwerer Kopf oder Kopfweh, Flimmern vor den Augen, Unmöglichkeit, seine Aufmerksamkeit zu konzentrieren, aufzufassen oder zu kombinieren) und objektive (Abnahme der Quantität und Qualität der Arbeit, Zerstreutheit). Ist er fähig, längere Zeit ohne Unterbrechung zu arbeiten, oder bedarf er von Zeit zu Zeit einer Erholung? Wie häufig und wie groß müssen diese Pausen sein? Macht sich gegen das Ende des Arbeitstages die Ermüdung im Vergleich mit den Morgenstunden fühlbar und in welchem Grad?

34. Geistige Übungsfähigkeit (Gewöhnung). Wenn er sich nach einer Pause wieder an eine Arbeit macht, wieviel Zeit (Minuten, Stunden, Tage) braucht er, um sich wieder "einzuleben" und im früheren Tempo weiter zu arbeiten.


VIII. Stimmung und Affekte

35. Dominierende Stimmung. Stete Fröhlichkeit, Zufriedenheit, gute Laune und allgemeines Wohlbefinden, auch in schwierigen Lagen büßt er seine gute Stimmung nicht ein. Oder umgekehrt: das allgemeine Befinden ist meistens schlecht, die Stimmung gedrückt, allgemeine Schlaffheit und Niedergeschlagenheit. Oder endlich - die Stimmung ist ruhig und beständig, heiter, aber ohne besondere Fröhlichkeit, ernst aber ohne Anflug von Traurigkeit.

36. Stabilität oder Instabilität der Stimmung. Unabhängig von den Umständen bleibt die Stimmung sich stets gleich. Oder sie wechselt leicht im Zusammenhang mit den Umständen, oder zuweilen vollkommen unmotiviert. Geht der Umschwung in der Stimmung rasch oder allmählich vor sich?

37. Fähigkeit Freud und Leid zu empfinden. Jedes angenehme Ereignis, alles was seinen Wünschen oder Bedürfnissen entspricht (Spiele, Geschenke, Leckerbissen, interessante Lektüre, ein lieber Besuch usw.) ruft einen scharf ausgesprochenen Zustand der Zufriedenheit und eine freudige Erregung hervor. Alle Unannehmlichkeiten, Entbehrungen und Unglücksfälle, denen er oder die Seinigen ausgesetzt werden, gehen ihm sehr nahe, rufen Tränen, Traurigkeit und Gram hervor. Oder umgekehrt - er ist nicht fähig, eine besondere Freude oder einen starken Schmerz zu empfinden.

38. Neigung zum Zorn. Er ist reizbar und ärgert sich oft. Jedes Hindernis, jeder Zwang, jede Hemmung, wenn sie noch so gering sind, regen ihn auf und rufen Verstimmung und Zorn hervor, die zuweilen eine bedeutende Stärke erlangen (Wut, Raserei). Oder umgekehrt, er ist gutmütig, behandelt alles mit Ruhe und Nachsicht.

39. Neigung zur Furcht oder deren Mangel. Beim Nahen der Gefahr wird er unruhig, zittert, wird bleicht, verliert die Fassung, macht Fluchtversuche, oder bei der äußersten Stufe der Furcht (im Zustand des Entsetzens) verliert er gänzlich die Fähigkeit, sich zu bewegen. Entgegengesetzte Eigenschaften: Mut, Tapferkeit, Gelassenheit. Angesichts der Gefahr setzt er (trotzdem er sich ihrer vollkommen bewußt ist) seine Beschäftigung fort, unterhält sich usw. Welche Art von Furcht dominiert: Angst vor dem physischen Schmerz (Schläge, Verletzungen), Besorgnis um sein Leben, sein Hab und Gut, seine materiellen Interessen, oder die Furcht für seine Arbeit, seinen Ruf, seine höheren geistigen Interessen, für nahestehende oder hochgeschätzte Menschen; oder die Angst vor allem Neuen, Unbekannten vor der Zukunft im allgemeinen; oder schließlich das Grauen vor der Dunkelheit, vor Gespenstern, Leichen, vor allem Unbekannten oder Übernatürlichen?

40. Neigung zum Erschrecken (im Zusammenhang mit der allgemeinen Steigerung der nervösen Erregbarkeit). Jeder intensive und plötzliche Eindruck (Lärm beim Fallen eines Gegenstandes, Flintenschuß, unerwartetes Klopfen an die Tür, plötzliches Erscheinen eines Menschen hinter dem Rücken) erschreckt, macht erzittern und verursacht Herzklopfen. Der bloße Anblick oder die Berührung mit Mäusen, Fröschen, Spinnen, ekelerregenden Tieren und Insekten verursacht ein nervöses Zittern und mit Ekel verbundenen Schreck. Oder umgekehrt - er verhält sich vollkommen gleichgültig und ruhig diesen Dingen gegenüber.


IX. Inhalt der Gefühle (1)

41. Egoistische Gefühle. Ein Egoist, besorgt nur um die Befriedigung seiner sinnlichen Triebe und materiellen Interessen. Oder er ist ehrgeizig, strebt nach Lob, Anerkennung, Macht, hoher Stellung. Andere Menschen betrachtet er bloß als Mittel zur Erlangung seiner eigenen Vorteile.

42. Altruistische Gefühle. Er ist wohlwollend und mitleidig, nimmt an seiner Umgebung den größten Anteil, versucht im Fall der Not nach Kräften beizustehen und zu helfen. Er ist fähig, seine Interessen denjenigen eines anderen nachzustellen oder zu opfern. Oder im Gegenteil, er ist grob, schroff, abweisend und herzlos, boshaft und rachsüchtig. Oder endlich vereinigt er in sich die obenerwähnten Gegensätze, indem er bald diese, bald jene Eigenschaft verschiedenen Objekten gegenüber und zu verschiedenen Zeiten an den Tag legt.

43. Intellektuelle und ästhetische Gefühle. Wißbegierde, Interesse an der geistigen Arbeit, an wissenschaftlichen Studien, am Erwerben verschiedenartiger wissenschaftlicher und praktischer Kenntnisse. Fähigkeit das Schöne und Anmutige zu verstehen, Kunstwerke und Naturschönheiten zu genießen.

44. Moralisches und religiöses Gefühl. Bedeutende Eintwicklung des Pflichtgefühls, Vorhandensein bestimmter moralischer Prinzipien, die seine Urteile, sein Handeln und Wandeln bestimmen. Vorhandensein oder Nichtvorhandensein des religiösen Gefühls und religiöser Bedürfnisse (wie auch deren Äußerungen beschaffen sein mögen).


X. Allgemeine Eigentümlichkeiten
der Gefühlssphäre

45. Erregbarkeit der Gefühle. Die mannigfaltigsten Gefühle und Gemütsbewegungen entstehen sehr leicht, bei geringster Veranlassung dazu. Er ist beständig aufgeregt und in Eifer. Sehr leicht gerät er in Entzücken, Zorn (Jähzorn), in den Zustand der Depression, der Beschämung oder Verlegenheit usw. Jedes Unerwartete, Ungewöhnliche überwältigt ihn: Jedes neue, ungewöhnliche Schauspiel versetzt ihn in die heftigste Aufregung, er wendet sich nach allen Seiten hin, stößt Ausrufe der Verwunderung aus und anderes mehr. Oder umgekehrt, er verhält sich allem gegenüber sehr gleichgültig; es ist schwer, ihn zu ärgern, zu überraschen, zu erfreuen oder in Verlegenheit zu bringen. (Nicht zu verwechseln mit der Armut oder Hemmung der peripheren Gefühlsäußerungen). Oder endlich erweisen sich einige Gefühle (bzw. Affekte) als verhältnismäßig leicht erregbar, während die Entstehung der anderen erschwert ist.

46. Stärke, bzw. Intensität der Gefühle. Erreichen einige Gefühle und Affekte (z. B. Freude, Traurigkeit, Zorn, Ehrgeiz, Mitleid, religiöses Gefühl und dgl. mehr) jemals eine solche Stärke und Tiefe, daß sie den ganzen Organismus erschüttern, das Benehmen des Menschen, wenn auch nur auf kurze Dauer, verändern oder ihn zu ungewöhnlichen, das Maß des Alltäglichen überschreitenden Handlungen anfeuern? Ist der Betreffende imstande, sich von irgendeiner Arbeit, einem Unternehmen so hinreißen zu lassen, daß er sich ihnen während einer gewissen Zeit mit Leib und Seele widmet und alles andere darüber vergißt? Oder sind seine Gefühle alle matt und oberflächlich?

47. Dauerhaftigkeit, bzw. Stabilität der Gefühle. Ein einmal erregtes Gefühl läßt lange nicht nach, wenn auch die Ursache seiner Entstehung längst entfernt worden ist; nach dem Verlauf einer längeren Zeit genügt die geringste Veranlassung oder Erinnerung, um es wieder ungeschwächt erwachen zu lassen. Oder umgekehrt, jedes noch so intensive Gefühlt nimmt rasch ab und verschwindet, wenn auch die Ursache seiner Entstehung zu bestehen fortfährt.

48. Reichtum oder Armut an peripheren Äußerungen der Gefühle. Jedes irgendwie bedeutende Gefühl wird von zahlreichen und mannigfaltigen physiologischen Äußerungen begleitet: der Mensch errötet und erblaßt, weint und lacht laut, gestikuliert lebhaft, die Stimme wird übermäßig laut oder umgekehrt schwach und tonlos, die Atmung beschleunigt, das Herz klopft heftig; im Zustand des Affekts ist er mitteilsam, redselig, beschreibt jedermann seine Gefühle. Oder die Gefühle äußern sich durch wenige, aber scharfe und intensive Äußerungen (starkes Erröten, heftige, stürmische Bewegung, Aufschrei und dgl. mehr). Oder endlich beschränken sich die Äußerungen auch der stärksten Gefühle auf ein leichtes Erröten, auf unbedeutende, halb gehemmte Bewegungen; er ist in sich verschlossen, schweigsam, wortkarg und wenig bereit, sich über seine Gefühle zu äußern.

49. Einfluß der Gefühle auf die Denk- und Willensprozesse. Ein Ereignis, welches ihm merkwürdig erscheint, wird übertrieben und überhaupt ungenau wiedergegeben. Urteile über Menschen sind oft parteiisch infolge seiner Sympathien und Antipathien. Er ist leicht erregbar; bei Erfolg, bei guter Laune ist er übermäßig optimistisch; bei Mißerfolg oder Müdigkeit - der Verzweiflung nahe. Er wird oft hingerissen, handelt unter dem Einfluß momentaner Wünsche, indem er seine früheren Vorsätze und Erwägungen vergißt. Er neigt zu einer idealisierenden oder umgekehrt zu einer zu düsteren Auffassung seiner Vergangenheit.


XI. Bewegungen

50. Reichtum oder Armut der Bewegungen. Beweglichkeit oder Unbeweglichkeit. Reichtum an überflüssigen Bewegungen: unmotiviertes Hin- und Herlaufen, Springen, mit-den-Händen-Fechten, Gesichterschneiden, Herumrutschen und Schaukeln auf dem Stuhl, sich recken usw.; oder langes Sitzen auf demselben Platz, Verrichten nur von nötigen Bewegungen.

51. Geschwindigkeit oder Langsamkeit der Bewegungen. Die Schnelligkeit, mit der das Gehen, Laufen, Sprechen, Schreiben, verschiedene Arbeiten verrichtet werden; das Maximum der Bewegungen (z. B. der Schwingungen eines Rades, eines Schleifsteins) die er innerhalb einer bestimmten Zeit zustande bringen kann. Vorhandensein oder Nichtvorhandensein eines Mißverhältnisses zwischen den verschiedenen Arten von Bewegungen in Bezug auf ihre Schnelligkeit (Geschwindigkeit) und Gewandtheit einiger Bewegungen bei Langsamkeit und Schwerfälligkeit anderer).

52. Koordination der komplexen Bewegungen, motorische Übungsfähigkeit. In welchem Grad ist er in den bekannten, gewohnheitsmäßigen Bewegungen gewandt oder ungelenk? Wie rasch und mit welchem Grad an Vollkommenheit eignet er sich verschiedene neue, komplizierte Bewegungen an? Fällt ihm das Erlernen technischer Arbeiten und Handarbeiten leicht oder schwer? Fähigkeit zum Turnen, Tanzen, freien Spielen, Sport. Geläufigkeit bei musikalischen Übungen. Begabung zu Handarbeiten.

53. Stärke (bzw. Schwäche) der Bewegungen; Leistungsfähigkeit der Muskeln. Fähigkeit, bedeutende Gewichte zu heben oder zu bewegen. Beim Spielen, Turnen oder Wettkampf gibt er Proben einer bedeutenden Muskelkraft. Er ist fähig während einer längeren Zeit eine anstrengende physische Arbeit zu verrichten, ohne Zeichen der Ermüdung (wie Mattigkeit der Bewegungen, Zittern der Hände, Keuchen usw.) an den Tag zu legen. Oder, indem er eine verhältnismäßig gut entwickelte Muskelkraft besitzt, ist er imstande anfänglich eine sehr bedeutende Muskelkraft zu entwickeln, ermattet und ermüdet aber bald; zu einer längeren physischen Arbeit (auch wenn sie ihm vollkommen geläufig ist) ist er gänzlich unfähig. Oder schließlich wirde die Fähigkeit zu einer dauernden und energischen Arbeit der Muskeln nicht sowohl durch deren Entwicklung, als durch die Energie der Nervenimpulse und durch eine bedeutende Koordination der Bewegungen bedingt.


XII. Physische Aktivität.
Willensanstrengung.

54. Stärke oder Schwäche der Wünsche und Bestrebungen. Bestrebt sich, jeden in ihm stark gewordenen Trieb durchaus zu befriedigen. Wenn er von seinen Wünschen zu sprechen anfängt, wird er gleich viel lebhafter, spricht von seinen Plänen und Vorsätzen mit Begeisterung, interessiert sich für alles, was zu ihrer Verwirklichung beitragen könnte. Oder umgekehrt - er behandelt alles mit derselben Gleichgültigkeit und Kälte. Bei Erörterungen von Fragen, die ihn näher angehen, bleibt er teilnahmslos und apathisch, wie gewöhnlich. Wenn er sich in einer mißlichen Lage befindet, äußert er nicht den geringsten Wunsch, aus derselben zu kommen, wenn das auch leicht erreichbar wäre.

55. Allgemeiner Entwicklungsgrad der psychischen Aktivität. Bleibt nie unbeschäftigt, sondern hat immer etwas vor (eine Arbeit, Spiele, ein Vergnügen, dumme Streiche usw.). Er greift gern auch jede noch so schwierige Arbeit an, wenn sie ihm interessant oder notwendig erscheint. In der allerschwierigsten Lage (Krankheit, Mangel an Mitteln, Entbehrungen und allerlei Hindernissen) fährt er fort, die energischste Tätigkeit an den Tag zu legen. Sehr oft erscheint er als Initiator von allerhand Unternehmungen, Vergnügungspartien, öffentlichen Vereinen usw. Oder umgekehrt - er ist schlaff und untätig, das geringste Hindernis paralyisert sofort seine ganze Energie. Am liebsten sitzt er ruhig auf seinem Sofa, ohne sich für etwas besonders zu interessieren oder an etwas energisch teilzunehmen.

56. Fähigkeit zur Konzentration der Willensanstrengung. Ob er imstande ist, seine Kräfte ganz auf eine Arbeit zu konzentrieren, indem er sie auf das Äußerste anspannt, um seinen Zweck zu erreichen? Oder ist er gewohnt, alles fragmentarisch zu tun, indem er vieles auf einmal unternimmt und in nichts irgendwie bedeutende Resultate erzielt? Oder schließlich sind seine verschiedenen Handlungen trotz ihrer Mannigfaltigkeit doch durch einen gemeinsamen Zweck, den er stets im Auge behält, miteinander verbunden?

57. Größere oder geringere Dauerhaftigkeit der Willensanstrengung. Beharrlichkeit im Verfolgen seiner Ziele. Ob er imstand ist, das Angefangene ungeachtet der Hindernisse zu vollbringen? Oder greift er jede Arbeit energisch an, ermattet aber bald? Ist er zu einer längeren Arbeit fähig oder nicht?

58. Hemmungsfähigkeit. Äußere (physische) Hemmung: er versteht die Äußerungen seiner Gefühle zu verbergen; sogar bei heftiger Erregung, Furcht, Zorn, Freude usw. bleibt er äußerlich ruhig. Innere (psychische) Hemmung: Selbstbeherrschung, Fähigkeit, Furcht, Zornesausbrüche, verschiedene Leidenschaften, Triebe usw. in sich niederkämpfen; Neigung zu Askese.

59. Widerstandsfähigkeit den äußeren Einflüssen gegenüber (ihre verschiedenen Unterabarten). Bewußte, durch Erwägung motivierte Selbständigkeit der Meinungen und Handlungen; Unfähigkeit, seine Überzeugungen zu verleugnen oder von denselben abzuweichen; fremde Ratschläge oder Vorbilder werden berücksichtigt, aber erst nachdem sie den eigenen Bedürfnissen gemäß modifziert worden sind. Oder - stumpfer, beschränkter Eigensinn; ungeachtet aller Vorstellungen besteht er auf seiner offenbar sinnlosen und ihm selbst schädlichen Handlungsweise.

Entgegengesetzte Eigenschaften. Nachahmungsfähigkeit: nimmt leicht das Betrachen, die Manieren, die Gesten, die Meinungen, die Ausdrucksweise der ihn umgebenden Menschen an, dabei eignet er sich mit derselben Leichtigkeit sowohl das Gute, als das Schlechte an. Nachgiebigkeit, Neigung zur Unterordnung. Leichtgläubigkeit; jede Erzählung, auch die ungereimteste nimmt er für bare Münze. Zugänglichkeit für allerlei Arten von Eingebung oder Suggestion; ohne besondere Mühe kann man ihn zu allem möglichen überreden.


XIII. Entstehung der Entschlüsse.
Wahlvorgang.

60. Dominierende Tätigkeitsmotive. Welcherart Bewegungsgründe bestimmen seine Handlungen: Sorge für seinen Vorteil oder sein Vergnügen, Mitgefühl, Pflichtgefühl, Neugier oder Wißbegierde, ästhetische Bedürfnisse usw. Erscheint seine Tätigkeit stets als die Äußerung dominierender Gefühle, oder drücken seine Handlungen öfters die Grundzüge seiner Persönlichkeit nicht aus? z. B. ein von Natur guter und aufrichtiger Jüngling ist imstande unter dem Einfluß einer schlechten Gesellschaft zu heucheln, unehrliche und herzlose Handlungen zu begehen usw.

61. Neigung zum Kampf der Motive (überlegte Handlungen). Vor jedem irgendwie wichtigen Entschluß oder Urteil schwankt er, wählt, überlegt. Er ist voraussichtlich: er zieht alle möglichen Folgen seines Entschlusses, alle Details der bevorstehenden Handlung in Erwägung. Er ist praktisch und unternimmt ein Geschäft, eine Arbeit nur im Fall er über die zur Ausführung nötigen Mittel verfügen kann, und das Resultat der Unternehmung seinen Zwecken und Interessen vollkommen entspricht. Er kann stets über den Grund seiner Handlungsweise genaue Rechenschaft geben. Oder umgekehrt - er ist leichtsinnig und sorglos, in allen, sogar in den schwierigsten Fällen faßt er ohne jedes Schwanken den erstbesten Entschluß (impulsives Handeln).

62. Geschwindigkeit des Sichtentschließens (Dauer der Schwankungen). In kritischen Momenten, wenn nicht gezögert werden darf (Feuersnot, plötzliche Lebensgefahr, kritischer Moment während eines Spiels) handelt er entschlossen und zweckmäßig. Oder umgekehrt - sogar bei vollkommen klarer Sachlage kann er sich nie entschließen, sondern zögert bis ins Unendliche; indem er eben etwas angefangen hat, fängt er schon an, es in entgegengesetzter Richtung umzumachen.

63. Stabilität oder Instabilität der gefaßten Entschlüsse. Die Beständigkeit der Handlungsweise, Festigkeit im Verfolgen des gesteckten Zieles. Verändert nie oder selten selten seine Gewohnheiten oder Beschäftigungen. Unveränderlichkeit der Ansichten und Meinungen, treues Festhalten an früheren Überzeugungen.

64. Vorhandensein von leitenden Ideen und Überzeugungen. Besitzt bestimmte Meinungen, Ansichten (religiöse, ethische und andere), die seine Entschlüsse und Zwecke bestimmen, seinen Handlungen eine bestimmte Richtung geben; er ist sich stets auf das Deutlichste dessen bewußt, was er wünscht und wonach er strebt. Oder umgekehrt - seine Zwecke sind ihm selbst sehr unklar, seine Pläne und Vorsätze sind voll Widersprüche, die er selbst nicht bemerkt; viele Fragen, die sich auf die bevorstehende Handlung beziehen, kann er nicht beantworten.

65. Planungsmäßigkeit der komplizierten Handlungen. Jede Handlung vollzieht er auf eine systematische, planmäßige Art. Nur nachdem er das eine beendet hat, schreitet er zum anderen. In allem liebt er Ordnung, System (in der Zeiteinteilung, in seinen Beschäftigungen, in Geldgeschäften). Gern legt er Sammlungen an. Bei wissenschaftlichen Untersuchungen klassifiziert er gern, bestrebt sich, die Tatsachen in eine gewisse wenn auch nur rein äußerliche Ordnung zu bringen. Oder umgekehrt - er ist vielgeschäftig aber oberflächlich, springt von einen auf das andere über, ohne je das Angefangene zu beenden. Einzelne Handlungen widersprechen einander beständig. Auf seinem Arbeitstisch und in seinem Zimmer herrscht stets Unordnung. Wissenschaftliche Tatsachen und Beobachtungen stellt er unbearbeitet und unsystematisiert, in chaotischer Unordnung dar.

LITERATUR - Alexander Lasurski, Über das Studium der Individualität, Pädagogische Monographien, hg. von Ernst Meumann, Bd. XIV, Leipzig 1912
    Anmerkungen
    12) Eine ausführlichere Betrachtung der komplizierten und mannigfaltigen Äußerungen der einzelnen Gefühle findet sich im Programm der Untersuchung von der exopsychischen Seite der Persönlichkeit (siehe Anhang).