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HEINRICH LANZ
Das Problem der Gegenständlichkeit
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"Das Denken drückt das Prinzp der Allgemeinheit aus und da nur in einem allgemeinen Begriff das Bewußtsein der Vereinigung einzelner Dinge und die sinnvolle Auffassung des Mannigfaltigen in einem Akt möglich ist, so kann man das Denken Prinzip des  Sinnes  oder  Verstehens  nennen; es erzeugt denjenigen spezifischen Zug des Bewußtseins, welcher nichts anderem zukommt, nämlich, zu vereinigen ohne die Selbständigkeit der Elemente zu zerstören."

"Das Gegebene  steht  nicht selbst in einem Verhältnis zu anderem Gegebenen, sondern nur der Begriff  stellt  es in dieses Verhältnis und begreift es dadurch als einen  bestimmten  Gegenstand. Also nur im Begriff, als dem  Allgemeinen,  liegt das Prinzip der Einsicht, des Verstehens und der Einheit."

"Zwischen dem Maß und dem Gemessenen wird bei der größten Gleichheit immer noch eine Differenz übrig bleiben, d. h. daß zwischen dem reinen Begriff und dem wirklichen Gegenstand immer ein gewisser Abstand besteht, daß sie beide nicht einander decken und nicht aneinander gemessen werden können."

Kants Lehre von der Objektivität
[- Fortsetzung 3 -]

Der Gegenstand der Erfahrung besteht nie aus reinen Begriffen und darf nicht in reinen Begriffen aufgelöst werden. Es bleibt in ihr immer etwas, was für den reinen Begriff unfaßbar ist und durch ihn nicht gemessen werden kann. Dieses irrationale Moment in unserer Erkenntnis hat schon NIKOLAUS CUSANUS deutlich eingesehen. "Zwischen dem Maß und dem Gemessenen, sagt er, wird bei der größten Gleichheit immer noch eine Differenz übrig bleiben." (57) d. h. daß zwischen dem reinen Begriff und dem wirklichen Gegenstand immer ein gewisser Abstand besteht, daß sie beide nicht einander decken und nicht aneinander gemessen werden können. Für diese "Differenz" haben wir jetzt einen treffenden Ausdruck im Begriff der Irrationalität. Aber diese Irrationalität ist die des Bewußtseins, sie liegt in seinem eigenen Bereich, (58) es soll also im Bewußtsein selbst ein Prinzip für sie gefunden, eine eigentümlich Richtung des Bewußtseins aufgezeigt werden, welche sie erzeugt.  Und dieses Prinzip hat KANT im Begriff der Sinnlichkeit gefunden.  Daß Raum und Zeit zu dieser Sinnlichkeit gehören, uns also ihrer Natur nach  alogisch  sind, hat KANT zum ersten Male eingesehen. Das ist eine seiner größten Leistungen.

Für die Wirklichkeit eines Gegenstandes der Erfahrung sind also zwei Hauptmomente notwendig: die reine Form des Denkens und die Mannigfaltigkeit des sinnlichen Materials. Allein diese beiden Momente sind so voneinander verschieden, daß beiderseits bestimmte Vereinigungspunkte als notwendig erscheinen, welche ihr Zusammensein möglich machen könnten. Von Seiten der sinnlichen Gegebenheit ist bestimmte Ordnung nötig, nach welcher die Elemente der Gegebenheit sich aneinander reihen; die Einheit kann an das sinnliche Material nur in einer bestimmten Ordnung hineingelegt werden. Diese Ordnung nennt KANT "Form der Sinnlichkeit"; das ist Raum und Zeit. Von Seiten des Verstandes aber ist eine bestimmte Methode notwendig, vermittels derer der Verstand seine Einheit in das sinnliche Material hineinbringen kann. Diese Methode der Einbildungskraft ist das transzendentale Schema. Diesen Begriff wollen wir ausführlicher betrachten, da er eine sehr wichtige Rolle in der Kantischen Gegenstandstheorie spielt, indem er die reale Bedeutung der Kategorien nur auf die Erscheinungen restringiert. Die Sache ist die, daß die Kategorie an sich ihrem reinen intellektuellen Wesen nach eine unbegrenzte Möglichkeit der Anwendung hat; als Begriff vom Gegenstand überhaupt, ist sie gar nicht auf die Bedingungen der Erfahrung notwendig angewiesen und logisch ist ihre Anwendung auf Gegenstände, die über unsere Erfahrung hinausgehen, denkbar. In Bezug auf Raum und Zeit kann man es nicht behaupten, da sie Formen der Anschauung der Erscheinungen sind und außerhalb des Erscheinungsgebietes keine Bedeutung haben können. "Die reinen Verstandesbegriffe sind aber von dieser Einschränkung frei und erstrecken sich auf Gegenstände der Anschauung überhaupt, sie mag der unsrigen ähnlich sein oder nicht." (59) Ohne sie sind nicht nur Erscheinungen, sondern überhaupt kein denkbarer Gegenstand möglich, da sie den Begriff der Objektivität vollständig erschöpfen. Wer kann uns aber beweisen, daß keine andere Form der Anschauung außer Raum und Zeit möglich sei? "Denn wir können von den Anschauungen anderer denkender Wesen gar nicht urteilen, ob sie an die nämlichen Bedingungen gebunden seien, welche unsere Anschauung einschränken und für uns allgemeingültig sind." (60) Alle denkenden Wesen aber, als denkende, welche Anschauungsformen sie auch haben mögen, müssen sich denjenigen Bedingungen unterwerfen, ohne die kein objektives Denken möglich ist. Darum droht die reale Geltung der Kategorien über die Erfahrung hinauszugehen; die Einheit der Natur wäre dadurch vernichtet, da neben unserer Natur noch eine andere vorhanden wäre, welche durch andere Mittel der Anschauung konstruiert wäre. Um diese Einheit der mathematischen Naturwissenschaft zu retten, wäre es für KANT notwendig, die reale Anwendugn der Kategorien auf die Bedingungen unserer Erfahrung zu restingieren. Diese Restinktion ist die Haupttendenz des Schematismus.

Um irgendeine Erscheinung unter den reinen Verstandesbegriff zu subsumieren, um die gegenständliche Einheit in die noch unbestimmten Objekte der sinnlichen Anschauung hineinzubringen, ist eine "Verfahrensweise des Verstandes", ein Mittel, durch welches die Einbildungskraft ihre Aufgabe erfüllen kann, nötig. Dieses Mittel, im Begriff ausgedrückt, ist das, was KANT als transzendentales Schema bezeichnet. So ist z. B. die Größe ein reiner Verstandesbegriff; um die Größe eines gegebenen Objekts zu bestimmen, d. h. um diesen reinen Begriff in die von Seiten der Größe noch unbestimmte Erscheinung hineinzubringen, sollen wir sie messen. Das Messen ist aber nichts als diejenige Methode, durch welche die Erscheinungen als Größen bestimmt werden können. Messen heißt, die Anzahl der Einheiten, welche in einem bestimmten Objekt enthalten sind, zu zählen; darum ist die Zahl eine notwendige Bedingung der Größe; nur durch die Zahl kann eine Größe bestimmt werden: also ist die Zahl das Schema der Größe.

Synthesis und ihre Einheit sind noch für die Konstruktion des Gegenstandes unzureichend; obgleich die Synthesis in jeder gegebenen Form dieselbe bleibt, bedient sie sich verschiedener Mittel, um diese Einheit in die Sinnlichkeit hineinzubringen; indem wir nach der Kategorie der Größe synthetisieren, bedienen wir uns der Methode des Zählens; wenn wir aber z. B. nach der Kategorie der Ursache synthetisieren, wenden wir die Methode der Bestimmung des zeitlichen Nacheinanders an usw. Diese verschiedenen Verfahrensweisen der Einbildungskraft für die Realisation der Synthesis bedingen den Übergang vom Verstand zur Sinnlichkeit, indem sie die Regel der Synthesis nach Kategorien in der Zeit angeben. Das Schema bereitet sozusagen den Weg für das Hineinbringen der Begriffseinheit in das mannigfaltige Material der sinnlichen Anschauung vor, d. h. es zeichnet, schematisiert den Begriff, indem es ihn in eine Regel der Konstruktion verwandelt. Das Schema ist kein Begriff und keine bildliche Vorstellung, sondern nur Bewußtsein derjenigen Methode, durch die wir aus den Begriffen eine anschauliche Vorstellung machen können. So z. B. ist jede Gleichung der analytischen Geometrie ein Schema; denn sie ist nichts anderes, als Bewußtsein der Methode, für die Konstruktion einer bestimmten Linie, d. h. für die Realisation des allgemeinen Begriffs der Linie in einer konkreten, gegebenen Linie, z. B. einer Parabel. So ist auch eine jede algebraische Formel ein Schema, da sie die allgemeinen Gesetze der Zahlen in einer symbolischen Form schematisiert. Die Schemata spielen also eine große Rolle in unserer Erkenntnis, besonders bei der wissenschaftlichen Bearbeitung der Wirklichkeit. Sie sind Methoden für das Erzeugen der konkreten Gestalten oder Bilder und gerade durch die methodischen Charakter unterscheiden sie sich von den Bildern selbst. "So wenn ich fünf Punkte hintereinander setze ..... , ist es ein Bild von der Zahl Fünf. Dagegen wenn ich eine Zahl überhaupt nur denken, die nun fünf oder Hundert sein kann, so ist dieses Denken mehr -  die  Vorstellung einer Methode, einem gewissen Begriff nach eine Menge (z. B. Tausend) in einem Bild vorzustellen, als das Bild selbst, welches ich im letzteren Fall schwerlich würde übersehen und mit dem Begriff vergleichen können." (61)

Das Schema hat also erstens die realisierende Bedeutung, sofern es die Möglichkeit der Realisation eines bestimmten Begriffes im konkreten Fall gibt; zweitens hat es auch die restringierende Bedeutung, sofern es die Sphäre der Anwendung eines Begriffes bestimmt; der Begriff kann nicht in einem Gebiet angewandt werden, wo seine Schematisierung unmöglich ist, d. h. wo es kein methodisches Mittel für seine Konstruktion gibt.

Dasselbe gilt auch für die transzendentalen Schemata; erstens realisieren sie die Kategorien, indem sie die Bedingungen ihrer Anwendung an die Erscheinungen erzeugen und zweitens beschränken sie die Kategorien auf diese Anwendung, indem sie sie in eine notwendige Beziehung zur Zeit stellen; denn die Bestimmung der zeitlichen Verhältnisse der Erscheinungen (in ihren verschiedenen Modi) bildet das einzige Mittel, durch welches das Bewußtsein den reinen Begriff in das zeitliche Material hineinbringen kann. Verschiedene Seiten oder Modi der Zeit (Dauer, Nacheinander, Zugleichsein, Beharrlichkeit usw.) sind zugleich auch die transzendentalen Schemata. Darum ist die Anwendung der Kategorien durch diese Form der Anschauung begründet, da außer ihr das Bewußtsein keine Methode ihrer Realisation besitzt. "Also sind die Schemata der reinen Verstandesbegriffe die wahren und einzigen Bedingungen, diesen eine Beziehung auf Objekte mithin Bedeutung zu verschaffen und die Kategorien sind am Ende vor keinem anderen als einem möglichen empirischen Gebrauch." (62) Die nichtschematisierte Kategorie ist nur ein reiner Begriff von der Gegenständlichkeit überhaupt und hat keinen konkreten Inhalt und keine Anwendung. "Also sind die Kategorien ohne Schemata nur Funktionen des Verstandes zu Begriffen, stellen aber keinen Gegenstand vor." (63) "Es fällt aber doch auch in die Augen, daß, obgleich die Schemata der Sinnlichkeit die Kategorien allererst realisieren, sie doch selbige gleichwohl auch restingieren, d. i. auf Bedingungen einschränken, die außer dem Verstand liegen (nämlich in der Sinnlichkeit)."

Die Kategorien also geben im Zusammenhang mit der sinnlichen Anschauung und durch Vermittlung der Schemata den Gegenstand der Erfahrung. Damit wird die transzendentale Theorie des Gegenstandes erschöpft. Nachdem wir alle, den Gegenstand konstituierenden Elemente verfolgt haben, haben wir gefunden, daß sie alle aus Elementen des Bewußtseins bestehen. Sobald die Elemente in Zusammenhang miteinander gestellt sind, bilden sie einen Gegenstand; sie erzeugen den Gegenstand nicht als etwas, von ihnen selbst verschiedenes, was als Resultat ihrer Wechselwirkung entstehe, sondern gerade in dieser Wechselwirkung besteht der Gegenstand; er ist nichts anderes, als die Verbindung dieser Elemente und wird vollständig durch sein eigenes Bewußtsein erschöpft; er besteht ausschließlich aus der Erkenntnis.

Objekt ist nichts anderes, als die Einheit einer ganzen Reihe der Erkenntnisse und erscheint in keinem Fall als etwas vom Bewußtsein auf irgendwelche Weise Getrenntes, worauf das Bewußtsein sich richten könnte,  "weil wir außer unserer Erkenntnis doch nichts haben, welches wir dieser Erkenntnis korrespondierend setzen könnten."  (64) Mit diesem Satz weist KANT auf die entschiedenste Weise jede Form der Intentionalität von sich ab.

Wenn auch KANT nicht selten im Sinne der Intentionaltheorie vom Gegenstand als von Etwas, was vom Bewußtsein unterschieden ist, spricht, wenn die Wahrheit für ihn nichts anderes ist, als die Übereinstimmung der Erkenntnis mit ihrem Gegenstand, (65) und wenn die Erkenntnis in nichts anderem besteht, als in der Beziehung der gegebenen Vorstellungen zum Objekt, (66) so sagt er doch ganz klar, was er unter Beziehung versteht;  die Beziehung zum Objekt bedeutet eigentlich die Beziehung zur transzendentalen Apperzeption von der die Erkenntnis ihre Einheit und Notwendigkeit erhält; und gerade diese Einheit macht sie zum Gegenstand; der Gegenstand der Erkenntnis ist keine außerhalb der Erkenntnis bestehende (reale oder intentionale) Wirklichkeit, sondern eben ihre eigene (immanente) Einheit. Der Gegenstand der Erkenntnis besteht in ihrer begrifflichen Form.  Die Beziehung zur Form ist gleichbedeutend mit der Beziehung zum Gegenstand.

Außerdem muß man nicht außer Acht lassen, daß, wenn diese Vereinigung des mannigfaltigen Materials durch Vermittlung unserer Psyche geschähe, die Intentionalität unumgänglich wäre, da wir im Resultat dieser psychischen Vereinigung nur die Einheit eines psychischen Zustandes und kein physisches Ding bekommen könnten; und dieser psychische Zustand müßte dann wiederum auf irgendeine Weise auf den Gegenstand bezogen werden. Dann kämen wir zu der eben von KANT widerlegten Abbildtheorie zurück. Die Einheit wird vom Bewußtsein selbst, ohne jede Vermittlung unserer Psyche, hineingebracht; sie wird unmittelbar in das mannigfaltige Material der sinnlichen Anschauung hineingelegt; darum liegt diese bewußte Einheit keineswegs in unserer Psyche,  sondern in den Gegenständen selbst. Das Ding wird nicht in unser psychisches Ich hineingelegt und verwandelt sich schon gar nicht dadurch in ein geistiges Wesen, daß es als Bewußtsein betrachtet wird. Es gibt in den psychischen Dingen nichts Geistiges, obgleich sie Bewußtseinszustände sind. Das Ding als Bewußtsein betrachten heißt gar nicht, es als ein geistiges Wesen anzusehen. Das Verdienst einer ausführlichen Verarbeitung und klaren Formulierung dieses Gedankens gehört in der neueren Zeit der sogenannten "immanenten Schule". Ausführlicher werden wir diesen Teil der Gegenstandstheorie weiter unten behandeln; hier interessiert uns nur der Zusammenhang mit KANT. Es ist nämlich kein anderer als KANT, der den fehlerhaften Idealismus der Vergeistigung der Welt überwunden und die Welt auf den realen und objektiven Boden der transzendentalen Apperzeption gestellt hat. Die physische Welt der räumlichen Dinge ist die conditio sine qua non [ Grundvoraussetzung - wp] unseres psychischen Ichs. (67) Nicht die äußeren Dinge sind durch unsere Psyche, sondern umgekehrt diese letztere durch die äußeren Dinge logisch bedingt. Die Welt ist gar nicht ein Produkt unserer Phantasie, etwa ein selbständiger Traum oder ein Spiel unserer Einbildung. Einen solchen subjektiven Idealismus nennt KANT den "träumenden". Auf ihn paßt sehr gut ein ironischer Ausspruch von HERAKLIT: "Würden alle Dinge zu Rauch, könnte man sie nur mit der Nase unterscheiden." (68) Wir haben von den äußeren Dingen nicht bloß "Einbildung", sondern auch "Erfahrung". (69)

Den Raum als ein Produkt unserer Einbildung zu betrachten heißt ihn in eine mystische Phantasmagorie verwandeln, ihn unräumlich machen. Aber ein unräumlicher Raum ist ebenso ein Unding, wie ein unzeitliche Zeit. Gewiß, wenn wir uns auf den Standpunkt des träumenden Idealismus stellen, so werden wir unbedingt genötigt sein, die Welt von zwei Standpunkten aus zu betrachten; einmal als "unsere eigene Vorstellung", das andere mal als eine Wesenheit an sich, von der wir nie etwas anderes wissen werden, außer der ewigen Verneinung dessen, was im Begriff der Welt als Vorstellung enthalten ist. Das heißt aber aus der Welt einen ewigen Widerspruch machen; heißt alle Gesetze des logischen Denkens verneinen und diese Verneinung sogar zum Prinzip erheben. Aber noch mehr; diese Konzeption kommt unumgänglich zur Selbstvernichtung und zwar gerade auf Grund ihrer eigenen Voraussetzungen. Wenn die Welt von zwei Standpunkten aus betrachtet werden muß, d. h. als Erscheinung und als absolute Realität, so mögen wir diese Betrachtung zwar in negativen Formen vollziehen, eine positive Behauptung haben wir die Tatsache unserer Negation doch gemacht: wir haben nämlich die Welt als absolute Realität, als einen transzendenten Gegenstand gesetzt; da aber die Welt Bewußtsein ist, so haben wir damit auch das Bewußtsein zum metaphysischen Objekt gemacht; wir müssen es dann schon nicht mehr als ein immanentes Subjekt, sondern als ein transzendentes Objekt behandeln.

Auf diese Weise verfährt auch z. B. BERKELEY. Das Sein der äußeren Dinge wird durch ihr Wahrgenommensein erschöpft; sie können nicht außerhalb des Bewußtseins geregelt werden, da das Bewußtsein zu ihrem Wesen gehört; noch mehr, sie können auch keine Ähnlichkeit mit etwas, das außerhalb des Bewußtseins liegt, haben, denn es hat doch keinen Sinn, "zu behaupten, eine Farbe sei ähnlich etwas Unsichtbarem, Härte oder Weichheit ähnlich etwas Untastbarem usw. (70) Wenn BERKELEY sich nur auf die Feststellung und Entwicklung dieser Gedanken beschränkte, würde er nicht von seiten KANTs eine so scharfe Kritik und eine so klar ausgedrückte Abwehr, sich vor der Verwechslung mit dieser Art von Idealismus zu schützen, gegen sich hervorrufen. BERKELEYs Gegensatz zum transzendentalen Idealismus besteht nicht darin, daß er nur seine negative Begründung gegeben hätte; (71) sondern in seiner Tendenz, die Welt von der Seite ihrer inneren metaphysischen Wesenheit, als einen Zustand der geistigen Substanz zu betrachten. Aus dieser Tendenz folgt unmittelbar die Objektivation des Bewußtseins, seine Hypostasierung [einem Gedanken gegenständliche Realität unterschieben - wp] zum Geist. (72) Das Bewußtsein wird nicht nur von seinem immanenten Standpunkt aus als die abstrakte Bedingung der Möglichkeit der Welt, sondern auch transzendent betrachtet, als Geist oder Substanz. Darum werden auch die Dinge in einen nebelhaften Zustand verwandelt, welcher jeder Aktivität und Tätigkeit entbehrt; (73) die Ideen sind völlig passiv; sie können keine Wirkung aufeinander ausüben. Es ist selbstverständlich, daß in den schwankenden, nebelhaften Vorstellungen keine materielle Kraft und Energie enthalten sein kann; freilich vermag eine Idee nicht auf die andere Idee einen Eindruck auszuüben oder sie hinzuziehen usw.; da in ihr nichts anderes außer Geist vorhanden ist. "Ein wenig Aufmerksamkeit wird uns zeigen, daß das Sein einer Idee die Passivität so durchaus involviert, daß es unmöglich ist, daß eine Idee etwas tue, oder, um den genaueren Ausdruck zu gebrauchen, die Ursache von irgend etwas sei." Die äußere Welt verwandelt sich in ein Reich der Geister abgeschiedener Dinge.

Die Transzendenz bestimmter Bewußtseinsformen folgt mit logischer Notwendigkeit aus dieser Konzeption; zuerst die der Zeit; denn wenn das Bewußtsein ein transzendentes Objekt ist und seine Erscheinungen in der Zeit verlaufen, so ist es klar, daß die Zeit mehr als eine  bloße  Erscheinung des Bewußtseins sein muß, denn als solche könnte es nur einen Teil der Zeit einnehmen. Auf diesem Wege kommt der naive Idealismus in das Reich der absoluten außerhalb des Bewußtseins stehenden Realität, die er am Anfang aufzuheben suchte. KANT war sich völlig klar darüber, in welche Sackgasse uns der Idealismus der BERKELEYschen Art führt, darum hat er sich am entschiedensten gegen diese Träumerei ausgesprochen. Die Zeit ist ideal nur in Bezug auf die Dinge an sich, d. h. sie erscheint als ein unwirkliches, nicht existierendes Unding, wenn wir sie auf die  transzendenten  Dinge an sich anzuwenden versuchen; sie verschwindet, sobald wir sie vom transzendenten Standpunkt aus zu betrachten anfangen, da eine solche Betrachtung unmöglich ist; vom transzendenten Standpunkt aus ist sie ideal, ist sie gleich Nichts, da ein solcher Standpunkt überhaupt nicht existiert. Sie besitzt aber vollständige Realität und Wirklichkeit im Gebiet der objektiven Welt. Im Gebiet der träumenden Phantasie, der metaphysischen Nebel ist sie ideal; es gibt dort keinen Platz für sie, da sie dort als eine "unzeitliche" Zeit erscheinen würde; im Gebiet der einzig wahren Welt aber, nämlich der Welt der Gegenstände, bleibt sie immer "etwas Wirkliches, nämlich die wirkliche Form der inneren Anschauung." Dadurch, daß sie die eine der Bewußtseinsformen darstellt, verliert sie gar nicht ihre Realität und Wirklichkeit; sie bleibt dieselbe Zeit, von welcher Seite wir sie auch betrachten mögen. "Diese Idealität des Raumes und der Zeit läßt übrigens die Sicherheit der Erfahrungserkenntnis unangetastet, denn wir sind derselben ebenso gewiß, ob diese Formen an sich selbst oder nur unserer Anschauung dieser Dinge notwendigerweise anhangen." Die zeitliche Welt ist die wahre Wirklichkeit und keine Phantasie, keine Einbildung, keine "Vorstellung", sie ist reell und materiell, befindet sich im Raum und verfließt in der Zeit, kann aber nie in unser Inneres, in ein unräumliches Zentrum unseres Geistes verlegt werden. Die Welt besteht aus Materie und nicht aus unserem Geist, sonst würde sie keine Aktivität besitzen.

Die Ideen, sagt BERKELEY, sind passiv; sie können nicht aufeinander wirken, können nicht Ursachen voneinander sein: es fehlt ihnen jede Kraft und Energie. Das ist aber höchst unrichtig. Alles hängt davon ab, wie wir uns die Kraft und die Energie vorstellen! Wenn man sie für irgendwelche innerhalb der Dinge verborgenen Wesenheiten, für anthropomorphisierte Impulse hält, so ist es selbstverständlich, daß kein Ding in der Welt eine solche Kraft und Energie haben kann. Wenn man aber die Kraft und Energie als ein rein mathematisches Verhältnis, als einen algebraischen Ausdruck einer bestimmten Gesetzmäßigkeit zwischen den Elementen des Bewußtseins auffaßt, so ist es gerade die Aufgabe der transzendentalen Erkenntnistheorie, zu zeigen, daß solche Kraft eine notwendige Voraussetzung der Möglichkeit der Erfahrung, mithin ihrer Gegenstände ist. Jede Kraft, welche in der äußeren Welt der Materie herrscht, ist ein Zustand des Bewußtseins, weil sie nichts anderes ist, als eine einfache mathematische Formel.

Wir sehen, daß KANT den Kampf mit dem naiven Idealismus und dem Introjektionsurteil angefangen hatte, welcher dann von der immanenten Schule mit der Wiederherstellung des unmittelbaren Realismus beendet wurde. Der transzendentale Idealismus zerstört nicht die Objektivität, sondern umgekehrt, er schafft für sie  im Bewußtsein  den einzig möglichen und begreiflichen Grund.

KANT selbst aber ist nicht auf diesem rein transzendentalen Boden stehen geblieben. Es kommen in seiner Kritik der reinen Vernunft und besonders in den Prolegomena sehr häufig Ausführungen vor, welche die Welt in ein Produkt der menschlich-geistigen Tätigkeit, m. a. W. der psychologischen Organisation des Ich zu verflüchtigen drohen. Er begnügt sich nicht nur mit der objektiven Begründung der gegenständlichen Erkenntnis, sondern er versucht auch ihren subjektiven Mechanismus aus der Organisation unseres Gemütes zu erklären. Er fragt nicht nur, was der Gegenstand überhaupt ist und wie seine apriorische Erkenntnis möglich und verständlich ist, sondern auch, wie dieses Erkenntnisvermögen selbst möglich ist. (74) Er analysiert das Denken nicht nur im objektiven, sondern auch im subjektiven Sinn und die Kategorien erscheinen in dieser "subjektiven Deduktion" nicht nur als ideelle Bedingungen des Gegenstandes, sondern auch als subjektive, geistige Kräfte, welche den Gegenstand "produzieren". Er verwandelt sie in "Funktionen" unseres Gemütes und versucht dadurch ihre tatsächliche, reale Anwendung zu erklären. Es genügt ihm nicht, die Identität zwischen dem Ich und Nicht-Ich, dem Bewußtsein und seinem Gegenstand aufzustellen und durch diese Identität die Möglichkeit der Erkenntnis transzendental zu begründen, sondern er untersucht die transzendental-psychologische Möglichkeit der Erkenntnis selbst und gibt ihr die reale Erklärung aus der subjektiven Organisation unseres Geistes. Mit einem Wort, er begnügt sich nicht mit der Statik der Erkenntnis, sondern versucht auch ihre metaphysische Dynamik zu geben. Der Gegenstand wird dadurch zu einer Funktion der metaphysischen Substanz.

Durch diese transzendental-psychologische Tendenz wird KANT zum Begründer einer gefährlichen Richtung der späteren Philosophie, welche man jetzt als Psychologismus zu bezeichnen pflegt. Vor KANT gab es  keinen  Psychologismus, da dieser nur im Gegensatz zur reinen Transzendental-Philosophie, als ihre vermeintliche Ergänzung, erwächst. Ob diese Ergänzung eine Berechtigung hat, ob das Wesen des Psychologismus nicht vielleicht in einer Verwechslung der Begriffe und in einer Mythologie der "geistigen Kräfte" besteht, werden wir im nächsten Kapitel zu untersuchen haben.
LITERATUR, Heinrich Lanz, Das Problem der Gegenständlichkeit in der modernen Logik, Kantstudien, Ergänzungsheft Nr. 26, Berlin 1912
    Anmerkungen
    57) Die irrationale Materie wird nicht durch das Ding an sich erzeugt, sondern bildet eine besondere Richtung des Bewußtseins selbst. Durch das Ding an sich, durch den transzendentalen Gegenstand wird aber nur die Gegenständlichkeit als solche, nicht die Irrationalität bestimmt. Wenn KANT von der Materie als von einem Korrelatum zur Empfindung spricht, so meint er damit schon kein irrationales Material, sondern nur den von der Erscheinung und Empfindung unabhängigen Gegenstand, den reinen Gegenstand, der der Empfindung  entgegensteht. 
    58) Die irrationale Materie wird nicht durch das Ding an sich erzeugt, sondern bildet eine besondere Richtung des Bewußtseins selbst. Durch das Ding an sich, durch den transzendentalen Gegenstand wird aber nur die Gegenständlichkeit als solche, nicht die Irrationalität bestimmt. Wenn KANT von der Materie als von einem Korrelatum zur Empfindung spricht, so meint er damit schon kein irrationales Material, sondern nur den von der Erscheinung und Empfindung unabhängigen Gegenstand, den reinen Gegenstand, der der Empfindung  entgegensteht. 
    59) KANT ebenda Seite 263
    60) KANT, ebenda Seite 75
    61) KANT, ebenda Seite 179
    62) KANT, ebenda Seite 173
    63) KANT, ebenda Seite 179
    64) KANT, ebenda Seite 708
    65) KANT, ebenda Seite 104
    66) KANT ebenda Seite 144
    67) KANT, ebenda Seiten 243 - 248
    68) DIELS, Fragmente der Vorsokratiker, Seite 67
    69) KANT, Kritik der reinen Vernunft, Seite 244
    70) GEORGE BERKELEY, Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis, deutsch von ÜBERWEG, 2. Auflage 1879, Seite 25
    71) Das ist die Meinung von ERNST CASSIRER "Erkenntnisproblem" Bd. II, Seite 216
    72) BERKELEY, Abhandlung ... Seite 26
    73) BERKELEY, ebenda Seite 89, § 25
    74) KANT, Vorrede zur 1. Auflage der Kritik der reinen Vernunft, Seite 11


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