p-4ra-1K. MarbeF. HillebrandW. WundtF. KruegerJ. EisenmeierH. Cornelius    
 
PAUL JULIUS MÖBIUS
Die Hoffnungslosigkeit aller Psychologie
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"Die landläufige Psychologie zeigt vielfach die Neigung, mit abgezogenen Begriffen zu wirtschaften, als gäbe es eine Empfindung ansich, ein Gefühl ansich, Bewußtsein ansich usw. Sie rede wohl gar von psychischen Elementen und möchte die Physik nachäffen, aus psychischen Atomen psychische Moleküle, aus den Elementen Verbindungen, etwa psychische Salze, formen. Das sind alles Phantasmata, denn wir kennen nichts als unser Ich, das empfindet, fühlt und denkt."

Über den Begriff der natürlichen Entwicklung. Nur scheinbar ist es eine Abschweifung, wenn ich ein wenig auf den Kampf WASMANNs mit seinen darwinistischen Gegnern eingehe, da gerade bei dieser Gelegenheit manche Fragen, auf die es ankommt, erörtert werden. Beide Parteien sind nicht ganz unbefangen. Bei WASMANN versteht sich das von selbst, aber auch die Darwinisten haben ihre Dogmen. Vor allen Dingen ist natürlich die "natürliche Entwicklung" tabu (vgl. die naive Erklärung von ROMANES); sie sind daher von vornherein genötigt, den Abstand zwischen Tier und Mensch möglichst zu verkleinern. Jedoch ich sollte meinen, daß WASMANN auch von seinem Standpunkt aus zugeben könnte, daß der Mensch sich aus dem Tier entwickelt hat. Es kommt nur auf eine vernünftige Auffassung der "Entwicklung" an. Die Annahme, daß die Erde Gottes Werk ist, und die, daß sie allmählich entstanden ist, schließen einander doch nicht aus, denn auch bei jener Annahme darf man fragen, wie es denn zugegangen ist, und auch ein allmähliches Werden setzt Gesetze voraus, die es regeln. Aber es ist so, daß die Darwinisten sich undeutlich ausdrücken, da sie von einer natürlichen Entwicklung reden und dabei eine zufällige meinen. Natürlich ist alles, was geschieht, und nur dann, wenn man das menschliche Handeln der übrigen Natur entgegensetzt, hat die Trennung von "natürlich" (z. B. gewachsen) und "unnatürlich" (gemacht) einen Sinn. Nach der darwinistischen Auffassung sind zufällige Abänderungen das primum novens [erste Ursache - wp]. Gäbe es sie nicht, so könnte die natürliche Zuchtwahl nichts machen, und aus der ganzen Geschichte würde nichts. Man braucht wahrlich nicht Jesuit zu sein, um einen solchen Zufall-Aberglauben unerträglich zu finden. Zieht man aber der Entwicklungslehre diesen Giftzahn, so läßt sich über die Sache reden. Die Kraft dieser Lehre liegt darin, daß man sich gar keine andere Vorstellung von einem Werden machen kan, also genötigt ist, zwischen ihr und dem Verzicht auf jede Erklärung zu wählen. Erst in zweiter Linie kommen die geologischen und zoologischen Tatsachen, auf die sich die Entwicklungslehre stützt, und doch ist ihre Bedeutung ansehnlich genug.

Ich kann mir nicht denken, daß jemand ernsthaft widersprechen würde, wenn jenes widerliche "zufällig" nicht wäre. Die Schwierigkeit hört auf, wenn man die Entwicklung der Erde als gesetzmäßiges Wachstum auffaßt. Man braucht nur mit dem "biogenetischen Grundgesetz" Ernst zu machen: Die Entwicklung des Einzelnen wiederholt die des Ganzen. Das heißt: ebenso wie sich das Einzelne nach einem bestimmten Plan, zu einem Ziel hin entwickelt, ebenso ist es auch im organischen Reich der Fall. Begreiflicherweise können beide Reihen einander nicht in jeder Hinsicht gleichen. Das Wachsen des einzelnen Keimes hängt wesentlich nur von inneren Bestimmungen ab, die Welt der Organismen ist scheinbar lockerer gebunden, so daß alles, was im Begriff der natürlichen Zuchtwahl zusammengefaßt wird, an der Entwicklung mitarbeitet, aber die inneren Bestimmungen müssen doch auch hier die Hauptsache sein. Die darwinistische Lehre ist in sich widerspruchsvoll, denn was "zufällig" oder "mechanisch" oder sonstwie sinnlos zustande kommt, das wird vererbt. Ist aber nicht die wunderbare Vererbung allein Beweis genug dafür, daß es die Natürlichkeit im Sinne der Darwinisten, d. h. die Sinnlosigkeit, gar nicht gibt? Sie beweist zur Genüge, daß die lebendige Natur ein wachsender Organismus und kein tolles Spiel des Zufalls ist. Es ist ja begreiflich, daß man die Entwicklung soviel wie möglich "begreifen" möchte, aber ich sollte meinen, daß auch nur ein wenig Nachdenken dazu führen muß, die Meinung zu verlassen, es sei alles ganz einfach, anzuerkennen, daß im Grunde alles Werden ein unbegreifliches Wunder ist. Wir stehen vor der Eizelle staunend und still, mit Mühe gelangen wir dahin, zu sehen, wie eins nach dem andern wird, aber daß aus der anscheinend einfachen Zelle der reichgegliederte und nach allen Richtungen hin vorherbestimmte Organismus wird, wer "begreift" denn das? Die Gesetze der Vererbung bestimmen die Entwicklung des Einzelswesens, sagt man. Gewiß, aber die Gesetze der Vererbung werden auch die Entwicklung des organischen Reiches bestimmen. Wüßte man nur von einem einzigen Ei, so würden allerhand Theorien über seine Entwicklung zulässig sein, und man würde nicht verfehlen, zuerst auf die Konstellation der äußeren Umstände hinzuweisen. Nun wissen wir nur von einer Erde, können die Entwicklung des Lebens auf ihr nicht mit anderen Fällen vergleichen. Aber wir dürfen getrost auch hier Gesetze der Vererbung voraussetzen und annehmen, daß die Erde sich genauso entwickelt wie andere Körper ihrer Art, daß sie ihre Regeln der Entwicklung ebenso aus ihrer himmlischen Heimat mitgebracht hat wie das Hühnchen die seinen von seinen Vorfahren her. Wenn wir sehen, wie sich die kleine Keimscheibe bildet, so ist schon bestimmt, daß ein Hühnchen mit kleinen gelben Federn und ganz bestimmten Eigentümlichkeiten der Rasse usw. in der Arbeit ist. So wird zu der Zeit, als auf der Erde die ersten Organismen entstanden sind, der ganze Formenreichtum, den wir sehen, in ihnen schon eingeschlossen gewesen sein, und auch der Mensch wird schon vorbereitet gewesen sein. Mit anderen Worten, der Gang er Dinge wird von vornherein eine bestimmte Richtung gehabt haben, das Reich der Organismen wird sie wie ein Knospe entfaltet haben.

Von einem höheren Standpunkt aus könnte man vielleicht ein Lehrbuch der Entwicklungsgeschichte der Planeten schreiben. Da würden für jede Klasse dieser kosmischen Organismen die Regeln und Stufen angegeben werden, wie wir sie jetzt für jede Tierklasse zu erkennen suchen. Freilich dauert es hier Stunden, Tage, Wochen, Monate, dort vielleicht Milliononen von Jahren, aber auch diese sind gegenüber den Fixsternverhältnissen eine kurze Zeit. Immerhin ist es, nebenbei gesagt, recht unwahrscheinlich, daß das Eine sich "ganz allmählich" im Sinn des Darwinismus aus dem Andern entwickelt hat. Vielmehr ist anzunehmen, daß in der eigentlichen Entwicklung ein verhältnismäßig rasches Tempo geherrscht hat, und daß neue Einrichtungen rasch eingetreten sind, da kleine Abweichungen den Organismen nichts nützen können, Flügel z. B. erst brauchbar sind, wenn man mit ihnen fliegen kann, unbrauchbare Flügel aber nur eine nachteilige Belastung darstellen. Es könnte so sein, daß sich der Mensch, als die Zeit für ihn reif geworden war, in beschleunigtem Tempo aus seinen Vorstufen entwickelt hat, wie bei der Aloë, nachdem die Blätter langsam gewachsen sind, die Blüte rasch emporschießt. Auch hier ist auf die Analogie mit dem Einzelwesen zu verweisen. Beim Menschen z. B. beträgt die Embryo-Zeit höchstens den hundertsten Teil der Lebenszeit. Es ist daher nicht ungereimt, die Zeit bis zur Ausbildung der jetzt vorhandenen Arten auch als relativ kurz zu denken. Bei dieser Auffassung der Entwicklungslehre fallen die berechtigten Bedenken weg, und auch das Entstehen des Menschen aus tierischen Formen kann nicht mehr Anstoß erregen. Denn wenn die Entwicklung auf den Menschen ausgeht, er ihr Ziel ist, so sind die Vorstufen nicht anders aufzufassen als die Vorstufen, die der Einzelne als Ei und als Embryo passieren muß. Niemand fühlt sich darin gekränkt, daß er einmal ein geschwänzter Embryo gewesen ist und wenn er das täte, so würde es ihm auch nichts helfen. Im Individuum erkennt Jeder an, daß es eine "Vorherbestimmung", ein Ziel der Entwicklung gibt, also kann er sie auch im organischen Reich als Ganzem anerkennen, denn sie hat hier denselben Sinn wie dort und ist im Großen nicht geheimnisvoller als im Kleinen. Wird zugestanden, daß aus anderen organischen Formen der Mensch gesetzmäßig enstehen mußte, so kann sich der philosophisch Denkende zufrieden geben und das Genauere den Fachleuten überlassen. Mag z. B. die ansprechende Hypothese von Klatsch begründet sein oder eine andere, das ist Sache des Zoologen. Uns kann alles recht sein, wenn wir nur der Gesetzlosigkeit, dem wüsten Zufall entrinnen.

Vielleicht könnte auch ein Mann wie WASMANN der hier angedeuteten Auffassung zustimmen, ja an einigen Stellen seiner Schriften scheint er mir sogar einer solchen Denkweise zuzuneigen. Auf jeden Fall kann jede gesetzmäßige Entwicklung als Verwirklichung des göttlichen Willens gedacht werden. Aber eine Behauptung würde allerdings fallen, die qualitative Verschiedenheit des Menschengeistes vom Tiergeist und dem irdischen Geist überhaupt. Sie ist jedoch von vornherein ebensowenig haltbar wie die, daß das Lebendige aus dem Toten kommt, daß Seelisches aus Nichtseelischem wird.

Die Verschiedenheit von Mensch und Tier.Gewiß ist der Abstand zwischen den höchsten Tieren und dem Menschen außerordentlich groß, aber wäre er auch noch so viel größer, es bliebe immer ein Größenunterschied. Kann man sich überhaupt hier bei einem qualitativen Unterschied etwas Deutliches denken? Soweit wie mein Denken reicht: Nein! Wir kennen ja schlechterdings nur eine Art, nämlich unsere eigene, und sind gänzlich außerstande, uns ein geistiges Geschehen auch nur vorzustellen, das der Art nach vom unsrigen verschieden wäre. Wollen wir uns überhaupt eine Vorstellung machen von den Vorgängen im Innern der Tiere oder in Wesen, die über uns stehen möchten, so gibt es nur einen Weg, nämlich Subtraktion oder Addition, wir müssen die Fähigkeiten vermindert, verkleinert, oder aber vermehrt, gesteigert denken. Immer handelt es sich um ein quantitatives Verfahren. Vor allem müssen wir uns jedes geistige Leben als ein individuelles denken, als ein tätiges und leidendes Ich. Die landläufige Psychologie zeigt vielfach die Neigung, mit abgezogenen Begriffen zu wirtschaften, als gäbe es eine Empfindung ansich, ein Gefühl ansich, Bewußtsein ansich usw. Sie rede wohl gar von psychischen Elementen und möchte die Physik nachäffen, aus psychischen Atomen psychische Moleküle, aus den Elementen Verbindungen, etwa psychische Salze, formen. Das sind alles Phantasmata,denn wir kennen nichts als unser Ich, das empfindet, fühlt und denkt. Ich erinnere mich sogar, die sinnlose Behauptung gelesen zu haben, daß das Ich durch eine Assoziation von Vorstellungen entsteht! Die Gedankenlosigkeit will das Ich erklären, als ob nicht alle Grundbegriffe, wie Ich, Lust, Wille, ihrer Natur nach unerklärbar wären, da sie doch eben das Letzte sind, worauf wir zurückgehen können. Wenn jedwedes Seelenwesen eine Tätigkeit des Ich ist, so müssen wir auch allen ein Wahrnehmen, Lust und Wollen zuschreiben. Die Verschiedenheit ist nur in dem, was zwischen Wahrnehmung und Willensäußerung liegt. Bald ist die Kette kurz, bald ist sie lang, dort ein nicht zerlegbares Gefühl, hier ein Gedankenbau, aber im Grunde ist es doch das gleiche Geschehen. Natürlich meinen WASMANN und Die, die wie er denken, mit dem qualitativen Unterschied, daß der Mensch Vernunft hat und in Begriffen denkt das Tier aber nicht. Sie sprechen daher dem Tier die Vernunft ab und meinen, vor dem Menschen habe es keine Vernunft gegeben. Es kommt daher aber nur darauf an, welchen Sinn man in die Worte hineinlegt. Im Sinn einer Schuldefinition hat WASMANN völlig Recht: wir dürfen wirklich beim Tier Begriffe und Schlüsse nicht annehmen. Und doch wird, glaube ich, jeder Unbefangene den Kopf schütteln und meinen, hier stimmt was nicht. Er fühlt, daß eine mittelalterliche Luft weht. WASMANN steht tatsächlich mit DESCARTES auf dem gleichen Boden, dem der Scholastik. Diese verlangt klare Definitionen, aber es gibt eben Gebiete, wo es nicht klar ist, wo die guten Definitionen zu spanischen Stiefeln [sätmittelalterliches Folterinstrument - wp] werden. Ein solches Nebelland liegt in der Psychologie und deshalb nützen hier die Definitionen nichts. Der Nebel ist auf keine Weise zu vertreiben, es gilt einfach, ihn anzuerkennen. Der Erleichterung des Ausdrucks wegen will ich eine mehr oder weniger abgeschlossene seelische Handlung Akt nennen. Bei Handlung denkt man zunächst an die Einwirkung auf die Außenwelt, der Akt aber braucht diese nicht, z. B. ich nehme etwas wahr und erkenne es als dies oder jenes, oder dem Lehrer fällt ein, daß er Nachmittags keine Schule hat und er freut sich darüber oder dgl. Klar nennen wir einen Akt, wenn er durch eine zusammenhängende und (zumindest scheinbar) lückenlose Rede ausgedrückt ist. Wenn z. B. Jemand nach einer Wespe schlägt, so machen wir ihn uns verständlich, indem wir ihm in den Mund legen: Hier ist eine Wespe. Ein solches Tier kann empfindlich stechen, wie man mir gesagt hat. Kommt sie mir zu nahe, so könnte sie stechen. Also will ich sie verjagen. Ein Teil der menschlichen Akte verläuft ja tatsächlich in solchen Räsonnements [Begründungen - wp]. Ob es bei dem Mann mit der Wespe der Fall gewesen ist, wissen wir freilich nicht, aber wir haben ein gewisses Recht zur Übersetzung seiner Handlung in die Rede, weil es wenigstens sehr wohl möglich ist, daß er diesen Gedankengang gegangen wäre. Aber wir überschreiten unser Recht, wenn wir im Verlangen nach Klarheit auch da die Übersetzung in logische Rede vornehmen, wo diese gar nicht möglich ist. So ist es bei den Tieren und das heben die Rationalisten mit Recht hervor. Irgendein Akt aber muß vor sich gegangen sein, wenn eine dem einzelnen Fall angepaßte zweckmäßige Handlung zustande kommt. Mit Unrecht ignorieren die Rationalisten diese Forderung, wie es DESCARTES tut, mit Unrecht suchen sie die Lücke mit ein paar nichtssagenden Worten zu decken, wie es WASMANN tut. Mit der Verknüpfung oder Assoziation sinnlicher Vorstellungen kommen wir wahrlich nicht von der Stelle. Ein ganz alltägliches Ereignis aus einem Hundeleben möge als Beispiel dienen.

Vor dem Haus, dessen Erdgeschoß ich bewohne, befindet sich ein Garten. Um in das Haus zu gelangen, kann man durch eine Tür im Gartengitter gehen, die aber in der Regel verschlossen ist, oder durch die Haustür an der Rückseite des Hauses. Ist man im Garten, so gelangt man über einige Stufen und durch eine Glastür zunächst in ein großes Zimmer mit drei Türen. Eine dieser Türen führt auf den Vorsaal. Früher ging ich in der Regel am Nachmittag um 3 Uhr fort und kam um 6 Uhr nach Hause. Wenn ich fort ging, gab der Hund, den ich aus bestimmten Gründen niemals mitnehmen konnte, kein Zeichen der Erregung. Er hob wohl den Kopf und seufzte, blieb aber ruhig liegen. Gegen 6 Uhr fing er an, unruhig zu werden und suchte, in den Garten zu gelangen. Er saß dann auf der obersten Stufe und blickte stetig auf die der beiden sichtbaren Straßen, auf der ich zurückkam. Sah er mich, so sprang er in die Nähe des Gitters, wedelte stark mit dem Schwanz, bellte freudig, machte ein Art von Tanzsprüngen nach rechts und links, rannte wohl auch ein paar Mal im Kreis herum, was er überhaupt bei freudiger Erregung zu tun pflegte. Nie sprang er auf das Gitter los, als wollte er durch dieses durch, kümmerte sich auch nicht um die verschlossene Gittertür, sondern stürzte nach Erledigung der Begrüßungsformalitäten in großer Eile nach der Glastür. Fand er diese geschlossen, so sprang er dagegen und versuchte sie mit den Pfoten aufzudrücken. Ging es nicht, so bellte er in befehlendem Ton solange, bis jemand kam und die Tür öffnete. Dann passierte er in gleicher Weise die auf den Vorsaal führende Tür (nie einer der beiden anderen) und stellt sich schwanzwedelnd vor die Flutür. Hier machte er weder Versuche sie zu öffnen, noch bellte er. Inzwischen war ich durch die Haustür gegangen und öffnete die Flurtür. Der Hund sprang ein paarmal an mir in die Höhe, machte dann Kehrt, ging langsam zu seinem Lager und legte sich mit einem befriedigenden Seufzer nieder.

Die durchaus zweckmäßigen Handlungen des Hundes könnte man ins Menschliche übersetzen: Jetzt kommt der Alte bald, ich will ihn erwarten. Von dieser Seite kommt er. Da ist er und ich freue mich. Ich würde ihn gern berühren, aber ich will micht nicht am Gitter stoßen. Jetzt geht er draußen zur Haustür und ich will ihm durchs Haus entgegenlaufen. Macht doch die Tür auf. Durch diese Tür kommt er, aber hier nützt das Bellen nichts. Ei, guten Tag! - Wie es im Hund wirklich zugegangen ist, weiß ich natürlich nicht. Gewiß kommen Erinnerung und die Verknüpfung derselben in Betracht. Aber die "Assoziation sinnlicher Vorstellungen" kann doch ansich kein Handeln bewirken, das vollkommen dem eines vernünftigen Wesens gleicht. Begreiflicherweise verfällt man auf Gefühle (ahnende, warnende, treibende), obwohl damit allein nicht viel erklärt ist. Denn eine Aneinanderreihung von Gefühlen würde nichts Brauchbares liefern, sie müssen durch ein Band verknüpft werden, das sie zum Analogon einer logischen Folge macht. Wenn die Assoziation die Hauptsäche wäre, wie die materialistischen Psychologen gelehrt haben, sodaß eine Vorstellung nach bekannten Regeln die andere hervorruft, so käme wohl eine Reihe von Bildern, ein waches Träumen zustande, aber keine nützliche Tätigkeit. Dazu gehört ein auf das Ziel gerichteter Wille, der vergleicht und das Geeignete auswählt. Es ist gar nicht nötig, weiter auf Einzelheiten und Anekdoten einzugehen. Das Tier muß sich überall den Umständen des einzelnen Falles anpassen und danach sein Benehmen ändern. Es muß daher, obwohl es im Allgemeinen vom Trieb geleitet wird, eine persönliche Tätigkeit entfalten. Schneidet man z. B. einem Tier seinen Weg zum Futter ab, so wird es einen anderen Weg suchen. Wir haben also einen auf das Futter als Ziel gerichteten Willen und ein Streben nach dem Weg als Mittel. Wie große die Anpassungsfähigkeit ist, hier also die Zahl der möglichen Wege, das ist bei den verschiedenen Tieren verschieden, und wir unterscheiden danach kluge und dumme Tiere, aber ein gewisser Grad an Anpassungsfähigkeit ist immer da und damit ein zweckmäßiges persönliches Handeln. Es muß daher ein Analogon menschlichen Denkens, eine die ratio ersetzende Tätigkeit im Tier geben. Wie sie sich darstellt, das wissen wir nicht, und das werden wir nie wissen, aber das für uns nicht Erfaßbare ist trotzdem da. So erscheint uns die Vernunft des Menschen nicht als ein ganz Neues, als ein auf rätselhafte Weise aus nichts Entstandenesf, sondern als eine neue Form, als eine Umformung von etwas, das schon vorher da war und im eigentlichen Wesen schon der Vernunft gleicht. Der vernünftige Geist ist nicht in den Menschen hineingefahren, sonder er hat sich in ihm entfaltet. Irrt der Rationalist nach der einen Richtung hin dadurch, daß er das Tier herabdrückt, in dem er ihm das Analogon der Vernunft abspricht, so irrt er auch nach der anderen Richtung, indem er den Menschen als durchaus vernünftig über das Tier zu erheben sucht. Denn bei genauerer Betrachtung sieht man, daß der Mensch nur in einem sehr begrenzten Sinn als ein vernünftiges Wesen bezeichnet werden darff, daß der größere Teil seiner Akte denen der Tiere gleicht und daher ihm selbst auch unverständlich ist.

Um dies nun etwas genauer darzulegen, daß uns nicht nur die Tierseele zu einem großen Teil rätselhaft bleibt, daß vielmehr auch unser eigenes Inneres nur zum kleinen Teil zugänglich ist, dazu ist eine Übersicht über die wichtigsten seelischen Akte nötig.

Jedes seelische Leben läßt zwei Seiten unterscheiden: die Triebe als primum movens [erste Ursache - wp] und die gewöhnlichen sogenannten Seelentätigkeiten als Werkzeuge der Triebe und Vermittler zwischen ihnen und der Außenwelt. Es kann also nicht heißen: entweder Instinkt oder Intelligenz, sondern: Triebe mit scheinbarer (nicht individueller) Intelligenz oder Triebe mit wirklicher Intelligenz. Die Verkennung des menschlichen Trieblebens ist ein wirkliches testimonium paupertatis [Armutszeugnis - wp] der Psychologen, und nichts ist jämmerlicher als die Lehre von "den Vorstellungen", die wie Männchen in der menschlichen Seele handeln und streiten. Das Verhältnis zwischen Trieb und sekundärer Funktion (etwa: vermittelnder Tätigkeit) kann man sich am Besten durch den Vergleich mit einem Mann anschaulich machen, der sowohl den Kopf als auch Glieder und Werkzeuge nötig hat. Fehlen diese, so kann ihm der Kopf nichts helfen, und fehlt der Kopf, so bleiben die Glieder und Werkzeuge in Ruhe und unbenutzt. Die Aktivität ist Sache des Triebes, oder die Funktionen dienen ihm. Insofern sind sie alle instinktiv. Wir nehmen instinktiv wahr und bewegen uns instinktiv, wir fühlen, vergleichen, denken, sprechen instinktiv. Alle Tätigkeiten sind nur Instrumente; ohne Horn entsteht der Klang des Horns nicht, aber es muß vor allen Dingen jemand da sein, der hineinbläst. Was ist nun ein Trieb? Antwort: etwas, das treibt. Das ist eine kümmerliche Antwort, aber nur ein Schelm gibt mehr, als er hat und wir wissen schlechterdings nicht mehr über die Natur des Triebes. Wir können nur beobachten, wie der Trieb wirkt. Wenn wir z. B. eine Reihe von Wahrnehmungen machen, so lassen uns die einen kalt, die anderen aber erregen lebhaftes Verlangen oder eine lebhafte Abneigung. Bei näherer Betrachtung sieht man, daß sich die Umstände, die unser Interesse erregen, in Gruppen sondern lassen, daß wir nach bestimmten, aber verschiedenen Richtungen getrieben werden. Soviel wir Ziele des Treibens unterscheiden können, soviel Triebe zählen wir auf. Daß wir von verschiedenen, mehr oder weniger selbständigen Trieben nach Gattung, Art, Geschlecht, Individuum, Lebensalter verschieden entwickelt sind, und zwar in ganz verschiedenen Verhältnissen, sondern auch daraus, daß die eine Triebrichtung mit der anderen in Widerstreit kommen kann und sich der Sieg je nach dem Umständen bald dahin, bald dorthin neigt. Zuletzt bemerkt man, daß die Triebe sich mit der Zeit verändern, aber von der Erfahrung mehr oder weniger unabhängig sind, und daß ihre Ziele vernünftig sind, das Triebhandeln zweckgemäß ist, wir mögen es wissen oder nicht. Bei all dem ist uns die Tierbeobachtung von allergrößtem Nutzen. Weil der Mensch sich für ein ens rationale [rationales Wesen - wp] hält, bildet er sich gern ein, seine Handlungen seien seiner Einsicht und Erfahrung zu verdanken, und seine Zwecke seien Ergebnis seiner Überlegung. Hätte nicht die Beobachtung gerade der niederen Tiere, besonders der Insekten gezeigt, daß es ein zweckmäßiges Handeln ohne die Kenntnis eines Zwecks gibt, würden wir es nie glauben. Aber gerade bei den Insekten muß der Beobachter einsehen, daß die individuelle Intelligenz unmöglich das Handeln erklären kann, denn auch eine menschliche Intelligenz würde hier nicht ausreichen. Ebenso erkennt man bei den Tieren mit der größten Sicherheit, daß die Tätigkeit des Triebes und der Erfolg nicht von der Erfahrung abhängen. Erst dann, wenn der Blick durch die Tierbeobachtung geschärft ist, vermag der Beobachter die menschlichen Selbsttäuschungen zu durchdringen und zu erkennen, daß es sich auch beim Menschen in der Hauptsache so verhält wie bei den Tieren. Ich will das Gesagte nur an einigen Beispielen deutlich zu machen suchen.

Der Lebenstrieb oder die Furcht. Einer der Haupttriebe ist der Lebenstrieb oder, wie man im Hinblick auf seine wichtigste Kundgebung sagen kann, die Furcht. Die Psychologen wissen in der Regel nicht viel von ihm zu sagen, obwohl sie ohne ihn nicht leben würden, und die gewöhnlichen Menschen wissen für gewöhnlich gar nichts von ihm. Sobald sich jedoch eine Gefahr zeigt, erfaßt uns die Angst, und unter geeigneten Umständen entfaltet der Trieb eine Riesenkraft. Das Gefühl der Angst läßt sich wie alle Gefühle in das Rationale übersetzen, und es heißt ann: ich will nicht sterben (allgemeiner: ich befürchte die Beeinträchtigung meines Lebens). Auf die Frage, warum denn nicht, gibt es keine Antwort (3). Wir werden eben zum Leben getrieben, leben sozusagen auf Befehl. Natürlich ist nicht die Angst vor dem Schmerz die Hauptsache, denn wenn mir heute einer sagen würde, ich solle morgen totchloroformiert werden, so würde mich die Angst ergreifen, obwohl ich aus Erfahrung weiß, daß das Chloroformieren gar nichts Unangenehmes an sich hat. Jeder sagt sich auch, daß das Nichtdasein kein Übel sein kann, und doch erscheint der Wunsch zu leben als so selbstverständlich, daß man über seine Ursache gar nicht nachzudenken pflegt. Wäre aber die Angst vor dem Tod nicht, so würde nicht nur die Mehrzahl der Einzelwesen vorzeitig zugrunde gehen, weil sie die ihnen drohenden Gefahren nicht beachten würden, sondern jeder würde sich vor Schmerz und Kummer in den Tod flüchten, da die Lasten des Lebens gewissermaßen kein Gegengewicht mehr hätten. Sinkt in krankhaften Zuständen der Lebenstrieb, so meldet sich sofort die Sehnsucht nach dem Tod und es ist, als ob sich eine fahle Dämmerung auf alles legt, was sonst hell und freundlich aussieht. Auch der Gefahr gegenüber machen wir die Beobachtung, daß die Entwicklung der Intelligenz beim Menschen den Trieb zwar nicht vermindert, aber das bewirkt, daß ein beträchtlicher Teil der Einsicht, die bei den Tieren der Trieb aus eigenen Mitteln bestreitet, von der Erfahrung erst erworben werden muß. Das junge Tier erschrickt vor Gefahren und geht ihnen aus dem Weg, obwohl es durch Erfahrung nichts von ihnen wissen kann. Es erbebt vor der Stimme oder dem Geruch des Raubtieres, das es noch gar nicht kennt, es scheut vor Abgründen zurück, obwohl es nie hineingefallen ist, usw., kurz: der Trieb ist seine Vorsehung. Der junge Mensch würde, wenn er nicht von Seinesgleichen behütet würde, viel mehr Dummheiten machen. Wenn auch im Allgemeinen der Mensch ein Urteil über die Gefahr hat, so kommen doch auch bei ihm Fälle vor, in denen die Angst ihn erfaßt, ohne daß er weiß, wie er dazu kommt. Wenn der Kreislauf in der Lunge gehemmt wird, so tritt die Angst auf, ebenso, wenn sich das unerfaßbare "Unheimliche" zeigt (4), wenn Ahnungen aufsteigen usw. Offenbar ist auch innerhalb des Menschengeschlechts der Trieb umso "klüger", je mehr die Lebensbedingungen denen der Tiere gleichen.

Der Geschlechtstrieb. Bewahrt der Lebenstrieb das Einzelwesen vor dem Tod, so erhält der Geschlechtstrieb die Art. Neulich habe ich in einer gelehrten Arbeit gelesen, von den Trieben der Tiere sei nur der Geschlechtstrieb auch beim Menschen erhalten. Das ist freilich eine naive Auffassung, aber sie zeigt wenigstens, daß bei den Beziehungen der Geschlechter das Instinktive besonders deutlich hervortritt. Ein großer Teil der Literatur, der größte Teil der sogenannten schönen Literatur ist der Schilderung des Geschlechtstriebes gewidmet, und unermüdlich, in immer neuen Variationen wird geschildert, wie der Trieb den Menschen glücklich und unglücklich macht, umwandelt, zu allen möglichen Handlungen zwingt, scheinbar zum Narren macht. Wir wissen, daß der Knabe gegen das andere Geschlecht gleichgültig ist, die Mädchen wegen ihrer Feigheit und Kraftlosigkeit verachtet, daß er sich aber, wenn seine Organe eine gewisse Reife erlangt haben, verwandelt, wie ihn erstmals rätselhafte Gefühle unruhig machen und das Verlangen nach etwas Unbekanntem erregen, wie sich dann sein Verhalten gegen das andere Geschlecht ändert, er erst Verlegenheit und Scham empfindet, sich nachher das Verlangen nach einem Beisammensein und zu dem nach Berührung steigert. Weiter ist die Sache schwer zu verfolgen, weil sich Belehrung und Beispiel einmengen, docht ist wohl anzunehmen, daß ganz naive junge Menschen auch weiterhin das Richtige finden würden. Bei den Tieren sehen wir deutlich, wie der Trieb nicht nur Gefühle erregt, sondern auch ein ganzes System zweckmäßiger Handlungen hervorruft: Aufsuchen des Weibchens, Selbstdarstellung, Kampf, von Seiten des Weibchens erst Sprödigkeit, dann Anlocken, bis schließlich die Vereinigung stattfindet. Die Begattung ist gar keine so einfache Sache, und doch macht jedes Tier es ohne Zögern richtig. Es ist, als ob ein Lehrer neben ihm stünde und sagt: jetzt machst du dies und jetzt machst du das! Sicher kennt das Tier das eigentümliche Gefühl des Gespaltenseins nicht, das beim Menschen den Liebesangelegenheiten oft einen so wunderbaren Charatker gibt. Der Mensch wird nicht nur gezwungen, sondern er fühlt sich auch gezwungen (physiologische Zwangsgefühle, Zwangshandlungen), das Tier aber wirft sich ohne Bedenken in den Strom der Leidenschaft und freut sich, während es von ihm getragen wird, seiner Willenskraft (wenn man sich derart ausdrücken darf).

Natürlich ist es schwer zu sagen, inwieweit das Tier überhaupt Gefühle hat. Auf jeden Fall wird im Allgemeinen im Triebleben des Tieres das Gefühl eine weniger große Rolle spielen als die direkte Anleitung zum Handeln. Man könnte eine Stufenreihe annehmen, derart, daß auf den unteren Stufen der Trieb sozusagen als schweigender Führer das Handeln leitet, während auf den oberen das Gefühlsleben immer deutlicher wird. Aber auch da, wo die Gefühle deutlicher sind, machen sie nicht das Wesen des Triebes aus, und es ist eine rechte Torheit, zu sagen: Gefühl oder Trieb. Das Gefühl ist ein Ergebnis der Selbstbeobachtung, es ist nur insofern da, wie es sich dem Einzelwesen kundgibt. Der Trieb ist etwas Erschlossenes, das hinter dem innerlich Ergreifbaren steht. Man sagt wohl, ich vertraue mich meinem Gefühl an, ich lasse mich von meinem Gefühl leiten. Aber das Gefühl ist seiner Natur nach dumm und gar nicht geeignet, mich die Mittel zu einem Zweck finden zu lassen, zu dem ich hingetrieben werde. Wenn ich z. B. ein hübsches Mädchen sehe, so kann ein lebhaftes Gefühl in mir entstehen, das Wohlgefalen an und Verlangen nach dem Mädchen ist. Aber das Gefühl sagt mir nicht, was ich zu tun habe, um das Verlangen zu stillen, durch welches Verfahren ich die ersehnte Befriedigung finde. Nur weil wir den Trieb nicht direkt erfassen können, schreiben wir gern dem Gefühl geheimnnisvolle Kräfte zu und verwechseln so das Signal mit dem, der das Signal gibt.

Trennung der einzelnen Triebe. Alles, was ich bisher von zwei Trieben gesagt habe, wäre bei den anderen zu wiederholen, bei Trieb zu Kindesliebe, der besonders vielfache und sehr zusammengesetzte Handlungen erzeugt, bei Trieb zur Geselligkeit, bei der Kampflust, dem Verlangen nach Eigentum, der Herrschsucht usw. usf. Eine vollständige Aufzählung der Triebe ist (vorderhand, vielleicht aber überhaupt) ein undurchführbares Unternehmen. Insbesondere kann man bezweifeln, ob die einzelnen Betätigungen der Haupttriebe selbständige Triebe zu nennen sind. Im Verhalten eines Vogels gegen seine Jungen könnte man unterscheiden: Brut-Trieb, Futter-Trieb, Schutz-Trieb, Reinlichkeits-Trieb, Vormach-Trieb usw. Verfährt man überall so, so vermehrt sich die Zahl der Triebe ins Unendliche. Mag man mehr Neigung zur Spezialisierung oder zur Zusammenfassung haben, man wird unterscheiden Triebe erster Ordnung und solche untergeordneter Bedeutung. Auch solche Triebe, an deren Selbständigkeit man nicht zweifeln kann, sind doch in gewissem Grad von anderen abhängig, wie Kampflust und Eitelkeit, Sing- und Tanz-Trieb vom Geschlechtstrieb. Dieses ganze Gebiet ist seiner Art nach dunkel, aber es haben sich bisher auch nur Wenige Mühe darum gegeben. Betont sei hier noch, daß auch das sogenannte höhere Geistesleben ohne Trieb-Grundlage nicht bestehen könnte. Bei den als Talente bezeichneten Fähigkeiten, den Anlagen zu bestimmten Künsten und Wissenschaften (z. B. Mathematik, Sprachenkunde) ist es ohne weiteres klar. Jedoch gäbe es überhaupt keinen Fortschritt und keine Wissenschaft ohne ein triebartiges Verlangen nach Vermehrung und Verwertung der Kenntnisse. Aber freilich, gerade die Denk-Triebe möchten einer schematischen Bearbeitung ganz besonders große Schwierigkeiten bereiten.

Unerkennbarkeit des Charakters. Der alte Rationalist SOKRATES verstand nicht viel vom Triebleben, sonst hätte er nicht sagen können: Erkenne dich selbst! Als ob das am guten Willen läge! Das ist ja gerade das Merkwürdige, daß der Kern unseres Wesens uns ganz verborgen ist. Unter einem Charakter kann man nichts anderes verstehen, als das Stärkeverhältnis der Triebe im Einzelnen. Von vornherein weiß Einer von seinem Charakter gar nichts; er lernt ihn erst im Laufe des Lebens durch Erfahrung kennen, genauso wie den Charakter eines Tieres, das er beobachtet. Ja die meisten Menschen können sich überhaupt nicht ordentlich kennenlernen, weil ihnen das Leben gar nicht die Gelegenheit bietet, zu erkennen, was eigentlich in ihnen steckt. Zu großen und praktisch wichtigen Verkehrtheiten hat die rationalistische Verkennung der Triebe in der Moral und der Erziehungslehre geführt. Man sieht dies besonders deutlich an der Literatur des 18. Jahrhunderts und vielleicht am meisten an der Moral KANTs. Liebenswürdige Eigenschaften sind danach, wenn sie auf natürlichen Antrieben beruhen, moralisch wertlos, sie werden erst dadurch sittlich, daß sie auf Grundsätzen beruhen. In der Wirklichkeit aber werden "Maximen" Schall und Rauch, wenn sie nicht an den ihnen entsprechenden Trieben ihren Ankergrund finden. Davon will der rationalistische Morallehrer nichts hören; der Mensch soll sich an seinem eigenen Zopf aus dem Sumpf ziehen. Um der causa sui [Ursache seiner selbst - wp] zu entgehen, stellt man ein wählendes Ich auf, das durch seine Wahl erst Eigenschaften erwirbt, als ob nicht ein reines Ich ohne bestimmte Eigenschaften eine bloße Abstraktion wäre. Wenn der Mensch ein Hampelmann aus Pappe wäre, so könnte man ihn durch ein Ziehen am Faden des kategorischen Imperativs tanzen lassen, der wirkliche Mensch aber braucht als Gegenkraft gegen seine eigennützigen Triebe die Triebe zu Mitgefühl und Gerechtigkeit, und hat er diese nicht, so helfen ihm auch die Maximen nichts. Wie hoch stand psychologisch GALL über KANT!
LITERATUR Paul Julius Möbius, Die Hoffnungslosigkeit aller Psychologie, Halle/Saale 1907
    Anmerkungen
    3) Kinder fragen bekanntlich so lange, bis die dumme Mutter sagt: hör' doch auf mit deinem albernen Gefrage!
    4) Wie ähnlich manchmal das Verhalten der Tiere dem der Kinder ist, ersieht man aus folgender Beobachtung. Vor vielen Jahren hatte ich einen jungen, etwa halbjährigen Pudel. Als ich eines Tages nach Hause kam und den langen Korridor betrat, befand sich das Tierchen am anderen Ende des Ganges. Ich schlug mir den Mantel verwogen um den Kopf, beugte die Knie und humpelte als rätselhafte Figur auf den Pudel zu, jedoch ohne ihn irgendwie zu bedrohen. Erst sah er mich erstaunt an, dann wurde das Gesicht ängstlich, und er zog sich scheu zurück. Schließlich brach er in ein verzweifeltes Heulen aus und bebte am ganzen Körper. Ich gab natürlich den Versuch auf, aber das Zittern hielt noch lange an.