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[mit NS-Vergangenheit] Die Existenz der Wissenschaft und ihre Objektivität [1/2]
Der Ruf nach der Erneuerung der Universität, ja, mit einem stärkeren Wort, nach der Revolution der Universität in der Gegenwart, ist in erster Linie getragen von den heutigen jungen Generation. Das heißt, genauer gesagt, von der Generation derjenigen, die im Schicksal des Studentseins stehen und standen: jetzt in diesen letzten etwa fünf Jahren! In diesen Jahren, die Jahre waren und sind der größten wirtschaftlichen Not und der wirtschaftlichen Aussichtslosigkeit des Studiums einerseits; in diesen Jahren, die zugleich (und zum Teil dadurch mitveranlaßt) aber andererseits auch geworden sind zu den Jahren des stärksten völkisch-sozialistischen Einigungswillens und zu dieser Einigung selbst! Wenn ich es nun wage, zu dieser Frage der Erneuerung der Universität hier öffentlich das Wort zu ergreifen, so bin ich Ihnen dabei zunächst eine gewisse Erklärung und Rechtfertigung schuldig! Ich gehöre dieser jüngsten Generation der deutschen Wissenschaft, die ich eben als den Hauptträger der Erneuerungsbewegung kennzeichnete, selbst nicht an! Auch habe ich mich ihrer Bewegung, der des Nationalsozialismus, nicht angeschlossen, als sie noch im Kampf der Unterdrückten stand! Trotzdem möchte ich hier zu der genannten Frage Grundsätzliches sagen. Und zwar möchte ich dies tun als einer, der sich zwar bewußt ist, den Alten vieles zu verdanken; der sich aber doch zur Jugend gehörig fühlt und der aus dem Herzen der Jugend sprechen will! Ich hoffe dabei, daß diejenigen von Ihnen, die dieser Jugend (im weitesten Sinn) und ihrer Bewegung angehören, mir das Recht hierzu zubilligen werden, wenn ich ihnen Stellung und Schicksal meiner Generation nenne und kennzeichne. Ich gehöre einem der Jahrgänge an, die 1914 als junge Freiwillige in den Krieg gezogen sind; als junge Studenten, als Abiturienten, ja noch aus der Unter- und Oberprima heraus, unmittelbar von der Schulbank weg, 17- und 18-jährig! Ich erwähne diese meine Zugehörigkeit zur Generation dieser jungen und jüngsten Kriegsfreiwilligen von 1914 hier nicht um der allgemeinen Achtung willen, die gerade die heutige Jugend dieser Generation entgegenbringt. Der echte Frontkämpfer liebt es nicht, auf diese Achtung und auf sein Recht auf sie zu pochen. Sondern es handelt sich hier um einen besonderen Umstand, der in der Zugehörigkeit zu dieser Generation liegt. Diese meine Generation ist nämlich gerade in ihrer Stellung zur Wissenschaft mit dem Studenten der letzten fünf Jahre besonders verbunden; verbunden durch zwei auf beiden Seiten ganz gleichartige Erlebnisse! Das eine dieser beiden Erlebnisse ist folgendes: Vor der Größe des Geschehens, vor der Not und dem Tod, vor denen wir standen, erlebten wir ähnlich der heutigen Jugend (ja vielleicht noch tiefer als sie), wie neben vielem Schönen und Großen, was uns Wissenschaft bieten kann, doch eine gewisse Form und Art des Wissens und der Wissenschaft nicht dem Maßstab standhält, der sich in diesem Erleben auftut. Wie dieses Wissen sich als klein und kleinlich, als belanglos, als sinnlos, ja als nichtig erweist! Wir erlebten aber in der Not des Kriegsgeschehens auch noch ein zweites, das fast ebenso auch die heutige Jugend in ihrer Not des Kampfes um die eigene und die völkische Existenz erlebt hat und noch erlebt! Wir erlebten nämlich, daß, wenn die Existenz auf dem Spiel steht, wenn der Augenblick den Einsatz verlangt, um diese Existenz zu retten, daß dann auch das, was dem wissenschaftlichen Menschen sonst mit Recht als seine höchste Tugend gilt, seine Bedeutunge verlieren kann: nämlich die kritische Zurückhaltung und Besinnung, das Fragen und Abwägen nach Wahrheit und Falschheit, nach Recht und nach Unrecht! Ja, diese Tugend des Wissenschaftlers kann dann sogar leicht zum Verhängnis werden; nämlich wenn sie lämt und zum Zaudern führt, wo gehandelt werden muß! Mit diesen beiden Erlebenissen waren für den Studenten der 1914 in den Krieg zog, zwei Grundlagen und Voraussetzungen der Wissenschaft in Frage gestellt: Nämlich erstens die Voraussetzung, daß Wissen schlechthin [ansich- wp] besser sei als Nichtwissen! Und zweitens die Voraussetzung, daß wahres Wissen und d. h. unter anderem und besonders hier, daß Nicht-Einseitiges, auch die Gegenseite berücksichtigendes Wissen und seine Erlangung besser sei als falsches bzw. einseitiges Wissen! Und ich glaube nun also nicht zu irren, wenn ich annehme, daß diese beiden Fragen um das Wissen und die Wissenschaft - neben anderen, die hier nicht zur Besprechung stehen - auch für die heutige junge Generation und ihre Bedeutung, die des Nationalsozialismus, brennend geworden ist. Ich sehe eine Bestätigung dieser meiner Annahme in zwei Worten, denen wir in der nationalsozialistischen Bewegung immer wieder begegnen und die auf keinen Geringeren zurückgehen als auf unseren Führer ADOLF HITLER selbst! Es ist dies einerseits das Wort von den "Intellektuellen", wenn wir es in der etwas geringschätzenden Tönung verstehen, die es mehr und mehr bekommen hat. Und das andere Wort ist das von der übertriebenen Objektivität, ja vom "Objektivitätsfimmel" der Deutschen und (innerhalb ihrer) besonders eben dieser Intellektuellen. (1) Das Wort von den Intellektuellen meint und bezeichnet offenbar (wenigstens a. o.) solche Menschen, die zwar Wissenschaft und Wissen haben, vielleicht in einem reichen Maß haben, deren Wissen und Wissenschaft aber nicht von der Art ist, daß sie dadurch in der Kraft und in der Lebendigkeit ihres Menschseins gehoben würden. Ja, deren Menschsein vielleicht u. a. gerade durch die Art, wie sie ihr Wissen haben und wie dieses Wissen aussieht, zu einem leeren und armen und schwachen Menschsein geworden! Es zeigt sich also in diesem Wort gewissermaßen von außen, an anderen, die Nichtigkeit einer gewissen Art des Wissens, die meine Generation im Krieg unmittelbar bei sich selbst erlebt hat. Und die ähnlich wohl mehr oder weniger auch die heutige studentische Generation an sich selbst erlebt, wenn man von ihr verlangt sich solches Wissen anzueignen. Das zweite Wort, das vom Objektivitätsfimmel, richtet sich dagegen, daß eine objektive Haltung eingenommen wird, wo dies den Willen zum Kampf um die eigene völkische Existenz lähmt. Dieses Wort scheint sich zwar nicht gegen die Wissenschaft als solche zu richten. Aber es richtet sich doch gegen eine unbedingte und uneingeschränkte Schätzung der Haltung, die der Wissenschaft zugrunde liegt. Ja, es liegt darin unmittelbar eine Überordnung einer anderen Haltung über die wissenschaftliche und damit doch auch eine Beschränkung des Rechts der Wissenschaft! Und wen das Erlebnis des völkischen Existenzkampfes so getroffen hat wie die Kriegsjugend und die heutige Jugend, der wird auch diesem Wort eine Berechtigung zuerkennen. Wenn wir nun die Frage der Erneuerung der Wissenschaft und damit der Universität von diesen beiden Worten vom Intellektuellentum und Objektivitätsfimmel aus und von den in ihnen niedergeschlagenen Erlebnissen aus sehen, so ist damit zunächst nur ein negativer Ansatzpunkt gegeben. Diese Negation aber kann fruchtbar und damit positiv werden, wenn sie uns zum Anlaß wird, uns nun auf den echten Sinn dessen zu besinnen, was wir in der Negation vermissen oder entbehren. Und gelingt es uns, diese Besinnung zur Klarheit und zur positiven Sicht des entbehrten Echten zu führen, so können wir dann noch einmal zurücksehen zum Negativen und können nun auch die Grenze festlegen zwischen beiden. Und damit ist dann die wesentlichste geistige Grundlage für die Erneuerung gegeben! Wir fragen als erstens, was es positiv ist, das das Wissen, das die Wissenschaft uns gibt, überhaupt für uns wissenswert macht. Und wo die Grenze des Wissenswerten gegen das Nichtwissenswerte zu ziehen ist! Und wir fragen zweitens, was das allseitige und insofern "objektive" und wahre Wissen vor dem einseitigen und insofern subjektiven und falschen Wissen wissenswert macht. Und wie infolgedessen hier die Grenze des Strebens nach der Wahrheit der Allseitigkeit zu ziehen ist. Offenbar sind diese Fragen beide Existenz fragen der Wissenschaft! Daß und inwiefern auch beide - und nicht nur die zweite - mit der Objektivität der Wissenschaft zu tun haben, werden wir sehen! Ehe wir mit der Erörterung dieser Fragen beginnen, sie aber zunächst noch eine kurze Zwischenbemerkung eingefügt! Als Forderung des Tages zur Erneuerung der Universität gilt heute die "politische Wissenschaft"! Wenn wir hier an dieser Forderung scheinbar vorbeigehen, so bedeutet das keine Geringschätzung oder gar Ablehnung. Jedoch scheint mir, daß die Besinnung heute tiefer gehen muß! Daß wir nämlich, wollen wir die rechte Art der Wissenschaftserneuerung finden, auf den existentiellen Sinn zurückgehen müssen, den Wissenschaft überhaupt hat oder haben kann! Denn, einerseits ist man sich, wie wir gleich noch deutlicher sehen werden, über diesen Sinn der Wissenschaft überhaupt heute keineswegs allgemein klar und einig. Nicht nur wird dieser Sinn der Wissenschaft von außerhalb derselben Stehenden offen oder im geheimen angezweifelt. Nein, auch die Wissenschaft selbst gerät in Verlegenheit, wenn sie über diesen ihren eigenen Sinn im allgemeinen und grundsätzlich Rechenschaft geben soll! Andererseits ist gerade auch die Forderung der politischen Wissenschaft selbst noch keineswegs zu voller Klarheit über sich selbst durchgerungen. Ja, sie ist der Gefahr zum bloßen Schlagwort zu werden nicht überall entgangen. Daher wird gerade auch von dieser Forderung nach der politischen Wissenschaft aus eine ganz aufs Grundsätzliche gerichtete Besinnung nur förderlich sein. (2) Wir fragen also nach dem echten Sinn der Wissenschaft und ihres Wissens: des wissenschaftlichen Wissens überhaupt und des wissenschaftlichen Wissens als eines unbedingt die Wahrheit anstrebenden Wissens! Diese unsere Frage nach dem echten Sinn der Wissenschaft geht am besten aus von derjenigen ihrer verschiedenen Seiten, die am wenigsten angegriffen ist. Das ist ihre sogenannte praktische Seite! Überall wo die Wissenschaft dem Leib und dem Leben des Menschen dient, überall besonders, wo dieser Dienst und ihr Wert unbezweifelbar feststeht, da steht auch die Wissenschaft in unbestrittenem Ansehen. In dieser günstigen Lage ist in erster Linie wohl die Medizin; und dann weiter alle der Technik im weitesten Sinne dienenden Wissenschaften. Sie helfen im weitesten Sinne dienenden Wissenschaften. Sie helfen dem Menschen, seines Lebensbedürfnisse zu befriedigen; ja, sie immer besser und vollkommener zu befriedigen. Nahrung, Gesundheit, Wohnung und Kleidung der heutigen Menschheit verdanken ihren Stand weitgehend der Wissenschaft. Auch wo die Rechtswissenschaft der praktischen Durchführung der Rechts- und Staatsordnung dient; wo die Sprachwissenschaft rein technisch den Verkehr zwischen Angehörigen verschiedener Völker ermöglicht und wo man zur Betreuung christlicher Gemeinden Pfarrer braucht, die durch die Theologie ausgebildet werden müssen: auch da ist ein solcher praktischer Sinn der Wissenschaft deutlich. (Von der Einstellung einiger "Intellektueller", deren Intellektuellentum in das Gegenteil umschlägt, so daß sie nun überhaupt alle Kultur und damit auch die praktischen Wissenschaften völlig ablehnen, können wir hier absehen.) So klar und feststehend dieser praktische Sinn der Wissenschaft zu sein scheint, so schwierig wird die Frage nach ihrer Bedeutung da, wo diese unmittelbar einleuchtende praktische Verwendbarkeit aufhört! Und auch da, wo eine solche Verwendbarkeit aufhört! Und auch da, wo eine solche Verwendbarkeit zwar ansich noch besteht, wo aber doch betont wird, daß die eigentliche, die sogenannte "reine" Wissenschaft eben nicht um dieser Verwendbarkeit willen betrieben werde! Und so stehen unter dieser Idee der reinen Wissenschaft heute nicht nur Wissenschaften wie die reine Mathematik oder die theoretische Physik oder die Biologie; sondern etwa auch die Volkswirtschaftslehre, ja selbst die Medizin beansprucht in weiten Bezirken ihres Gesamtbereichs als solche reine Wissenschaft zu bestehen! Ja, die ganze Universität weiß sich als im Dienst der "reinen Wissenschaft stehend und sieht in diesem Dienst ihre eigentlichste Aufgabe, der ihr Sinn und Recht ihres Bestehens geibt; - und der ihre Aufgabe namentlich auch von der allert technischen und Fachhochschulen unterscheidet! Um uns nun über den Sinn dieser reinen Wissenschaft klar zu werden, ist es unerläßlich, zunächst einmal in knappen Zügen dasjenige Bild von ihr zu entwerfen, das sie uns im Rahmen der Geschichte ihrer Entstehung und ihrer Selbstauslegung darbietet! Vorausschicken müssen wir dabei ein Wort über diejenige Art menschlichen Wissens, die vor der Wissenschaft liegt; vor der praktischen sowohl wie vor der Wissenschaft liegt; vor der praktischen sowohl wie vor der reinen! Auch auf dieser vorwissenschaftlichen Stufe ist ja die Welt für den Menschen natürlich kein Chaos! Auch hier gibt es Ordnung und Überblick über das Seiende, das dem Menschen in der Welt begegnet. Aber der Mensch beachtet auf dieser Stufe das Seiende nur in einer ganz bestimmten Weise, genauer gesagt nur von einer bestimmten Seite, in einer bestimmten Beschränkung! Im Vordergrund seines Hinblicks auf das Seiende steht nämlich hier wesentlich dessen Dienlichkeit zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse und Triebe! (3) In den beachtenden Blick gelangt auf dieser Stufe nur das, und in den Schatz seines Wissens geht dementsprechend nur das über, was diesen seinen Bedürfnissen entweder unmittelbar entspricht; oder was ihnen unmittelbar entgegen steht und dadurch Beachtung erzwingt. Zu dieser Stufe vor der Wissenschaft gehört auch nocht die Ansammlung handwerklicher Erfahrungen über die Eignung von Werkstoffen und daraus gebildeten Gebrauchsgegenständen und Werkzeugen; sowie der Niederschlag von Lebenserfahrung und Lebensweisheit in Ratschlägen und Sprüchen! Aus dieser vorwissenschaftlichen Stufe des Wissens wächst nun als ein grundsätzlich Neues die Wissenschaft hervor! (4) Und zwar kann unmittelbar aus dieser Vorstufe sowohl die "praktische" wie auch die sogenannte reine Wissenschaft entspringen! Das gemeinsame Neue der Wissenschaft in beiden Formen ist dies, daß die Ausrichtung der Beobachtung des Seienden auf unmittelbare Bedürfnisbefriedigung aufhört! An ihre Stelle tritt eine Haltung, die - wenigstens zunächst einmal - an das Seiende selbst und sein Verhalten völlig hingegeben ist! Der Mensch versucht zu sehen und festzustellen, wie sich das Seiende ansich selbst verhält, abgesehen (wenigstens zunächst) von den Möglichkeiten seiner Dienlichkeit und Brauchbarkeit für ihn! In diesem Absehen von mir selbst und von meinen Bedürfnisse und Möglichkeiten, das ich als Wissenschaftler vollziehe, liegt ein erster und grundlegender Sinne der "Objektivität" der Wissenschaft. Dieses Absehen und damit diese Objektivität, gehören also zum ursprünglichen Sinn und Wesen der Wissenschaft überhaupt. Und mit der Objektivität in diesem weitesten und ursprünglichen Sinn steht und fällt daher offenbar die Wissenschaft! Allein fassen wir nun die praktische Wissenschaft näher ins Auge, so müssen wir feststellen, daß bei ihr dieses Absehen von den eigenen Bedürfnisse kein dauernder und endgültiger Zustand ist! Sondern es dient nur dazu, um nachher, wenn das Eigenverhalten des Seienden möglichst genau studiert und festgestellt ist, dieses gerade wieder in den Dienst der eigenen Bedürfnisse zu stellen! Der Mensch hat die Erfahrung gemacht, daß er seine Bedürfnisse umso besser befriedigen, daß er die Welt umso mehr beherrschen kann, je weniger er in jedem Augenblick nur unmittelbar auf diese Bedürfnisbefriedigung eingestellt ist; je mehr er zunächst dem Eigenverhalten des Seienden, wie es ansich ist, nachgeht; d. h. also je mehr er aus der Subjektivität seiner Einstellung auf vitale Bedürfnisbefriedigung herauskommt und sich einer "objektiven", rein sachhingegenen Haltung befleißigt! Zugleich ergab sich dabei im Lauf der Zeit dem Menschen auch noch die Notwendigkeit der Objektivität in einem zweiten Sinn: Es zeigte sich nämlich, daß die stete Einstellung auf die eigenen Bedürfnisse nicht nur den Blick verengt, sondern daß außerdem auch die Erkenntnisorgane des Menschen in die Erkenntnis positiv Subjektives hineinbringen! Auch diese Subjektivität galt es auszuschalten mit immer neuen und feineren Methoden, um so immer noch mehr in das Verhalten des Seienden ansich einzudringen! Und umso auch immer mehr die Herrschaft über dieses Seiende ausüben zu können! Die Idee dieser auf Beherrschung des Seienden ausgehender "praktischen" Wissenschaft ist ausdrücklich ergriffen und entworfen worden in der Renaissance durch BACO von VERULAM. Ihre Methode gelangte allerdings erst später zur Ausbildung, als man lernte, durch die Mathematik im Naturgeschehen exakte Gesetzmäßigkeiten festzustellen. Der immer weiter getriebenen "Objektivität" dieser Wissenschaft und ihren immer mehr vervollkommneten Methoden verdanken wir die Triumphe, zu denen uns die auf ihr beruhende Technik namentlich in den letzten hundert Jahren geführt hat. - Nun aber zur reinen Wissenschaft! Auch sie will das Verhalten des Seienden ansich feststellen; will also "objektiv" sein! Aber dies nun in einem, wie es scheint, noch radikaleren Sinn als die praktische Wissenschaft! Die reine Wissenschaft will überhaupt nicht auf den möglichen praktischen Nutzen abzielen; auch nicht auf weite Sicht hin als jeweiliges Endziel! Im übrigen aber scheint sie genau dasselbe zu wollen, was die praktische Wissenschaft: nämlich eben feststellen, wie sich das Seiende ansich, d. h. objektiv verhält! Selbst eine Wissenschaft wie die Historie, die der exakten mathematischen Methoden der Objektivierung entbehrt, hat sich durch den Mund eines ihrer Größten im 19. Jahrhundert, durch RANKE, das Ziel zugeschrieben, nichts anderes zu wollen, als eben zu "zeigen, wie es eigentlich gewesen ist"! (5) Die Idee der Wissenschaft, die hier herrscht, entspricht so der Idee der Kunst, die dasselbe Jahrhundert etwas später formuliert hat: Wie die Kunst nach der Meinung dieser Zeit um ihrer selbst willen geschaffen und genossen werden soll, so hier das Wissen nur um des Wissens selbst willen. Man kann sich die reine Wissenschaft, die der eben beschriebenen Auffassung vorschwebt, aus der praktischen entstanden denken. Und zwar so, daß einfach bei der letzteren der praktische Zweck und die abschließende Ausrichtung des Wissens auf ihn weggestrichen wird und dafür das, was vorher nur Mittel zum Zweck war, nun zum Selbstzweck wird: nämlich eben die objektive Feststellung des Verhaltens des Seienden ansich! Anstelle des praktischen Beweggrundes der Wissenschaft tritt dabei ein anderer: das sogenannte rein theoretische Interesse! Der Mensch "interessiert" sich nun für die Sache! Er findet irgendein Gebiet des Seienden "interessant"! Und d. h. offenbar: er möchte weiter nichts als eben einfach wissen, wie sich das Seiende dieses Gebietes verhält, scheint ein ursprünglicher Trieb des menschlichen Daseins zu sein, der, einmal erwacht, sich nach allen Richtungen des Seienden und seines Seins ausdehnt. Auf diesem Trieb also scheint unsere reine Wissenschaft zu beruhen. Dabei scheint sich aber dieser theoretische Trieb am praktischen gewissermaßen entzündet zu haben, so daß auch historisch die theoretische Wissenschaft als auf dem besagten Weg (nämlich durch Wegbleiben des praktischen Zweckes und Verselbständigung dessen, was vorher nur Mittel war, zum Selbstzweck) aus der praktischen entstanden zu denken ist. Wenigstens für unsere heutige Naturwissenschaft dürfte dies tatsächlich der Weg ihrer Entstehung gewesen sein. Denn die Richtung und die Formen des Erkennens, in denen sie sich bewegt und bei denen die exakte Meßbarkeit eine entscheidende Rolle spielt, tragen in dieser Wissenschaft das Ziel der praktischen Beherrschbarkeit noch deutlich in sich! Die Geisteswissenschaften allerdings haben historisch noch eine andere Wurzel: nämlich in der antiken Wissenschaft! Diese aber ist sofort als reine Wissenschaft entworfen worden, unmittelbar aus dem handwerklichen Wissen und dem Wissen der Lebenserfahrung heraus, bzw. neben diesen. Diese antike reine Wissenschaft, die episteme theoretike, stimmt mit der modernen überein im entscheidenden Punkt der reinen Sachhingegebenheit, also der "objektiven" Haltung im vorhin umschriebenen Sinn. Dagegen besteht nun in der Selbstauslegung dieser Wissenschaft ein Unterschied! Der klassische Entwurf der antiken Wissenschaftsidee ist der der reinen theoria, der reinen anschauenden Betrachtung! Diese anschauende Betrachtung der theoria ist aber nun nicht etwa gleichzusetzen mit dem modernen Wissen um des Wissens willen! Denn dieses Wissen um des Wissens willen ist eine ganz abstrakt gedachte Entsprechung der objektiv gewordenen Sache. Abstrakt nenne ich das moderne Wissen um des Wissens willen aus einem doppelten Grund: Einmal, weil es sich versteht als ein bloßes Haben des Wissens, als einen Zustand der Verfügbarkeit des Wissens, der erstrebt wird; bei dem aber dem lebendigen Vollzug seiner Aneignung keine Eigenbedeutung zugemessen wird. (Sondern diese Aneignung des Wissens ist dabei eben nur Mittel zum Zweck der Erreichung des Wissens zustandes) . Abstrakt ist dieses Wissen auch, weil es somit zweitens gesehen ist in Loslösung und unter Absehen von allem sonstigen lebendigen Vollzug und d. h. also von der Zeitlichkeit des menschlichen Daseins überhaupt. Und hier eben ist der entscheidende Unterschied der griechischen theoria. Sie versteht sich als eine Möglichkeit des menschlichen Daseins selbst und seines lebendigen zeitlichen Geschehens, seiner praxis; als eine Weise des bios! Als solche steht sie anderen Weisen des menschlichen Daseinsvollzugs gegenüber; so etwa dem Dasein, das nur auf Trieb- und Bedürfnisbefriedigung ausgeht und dem politischen Dasein! (6) Damit ist die Wissenschaft als etwas Lebendiges verstanden, als eine bestimmte mögliche Sinnerfüllung des menschlichen Daseins und seines freien, sich selbst bestimmenden und in der Zeit ablaufenden Vollzugs! Nicht als ein abstraktes Zur-Verfügung-haben und Aufspeichern eines ebenso abstrakten Wissensschatzes! Neben diesem (hauptsächlich von ARISTOTELES ausgebildeten) Entwurf der Wissenschaft spielt im antiken Wissenschaftsverständnis noch eine andere, wesentlich platonische Seite eine Rolle. Es ist das Verständnis des Wissens, der episteme, als Teilhabe an den Ideen. Aber auch diese Teilhabe wird in der theoria gewonnen, so daß sich dieser Entwurf der Wissenschaft in den anderen einfügt. Dieses antike Wissenschaftsverständnis hat nun, wie gesagt, auf die moderne Wissenschaft tatsächlich mit Einfluß ausgeübt, indem ja unsere Geisteswissenschaften an die antike Wissenschaftsüberlieferung angeknüpft haben. Allerdings darf dieser Einfluß insofern nicht überschätzt werden, als das zunächst Entscheidende im Bestand der Wissenschaft nicht die Auslegung ist, die sie sich selbst gibt; sondern das vor jeder solchen Auslegung lebendige Wirken des theoretischen Triebes, der im Wesen des menschlichen Daseins liegt und der (auf biologischem Weg sich fortpflanzend) seine Organe immer erneut nach allen Richtungen hin öffnet. So hatte die eigentliche Führung unserer Wissenschaft stets weit mehr das unmittelbare Wirken dieses Triebes als eine klar und bewußt geschaute Idee des Wissens. Soweit aber der (ansich blinde) Trieb durch eine solche Idee sehend gemacht und unsere Wissenschaft durch sie geleitet war, - wie es besonders geschah in Zeiten der Besinnung, etwa bei der Erneuerung der deutschen Universitäten in der klassischen Zeit des deutschen Idealismus - in diesen Zeiten machte sich immer wieder die Führung durch das antike Wissenschaftsverständnis geltend. Dabei ist aber sowohl das platonische Element der Teilhabe an den Ideen, wie auch das auf den lebendigen Vollzug hinweisende der theoria stark verblaßt. So daß, was uns heute vom antiken Wissenschaftsverständnis verblieben ist, im wesentlichen zusammengeht und zusammenfällt mit dem Wissenschaftsverständnis, das wir vorhin als aus dem praktischen Wissenschaftsentwurf der Renaissance entstanden gezeigt haben, indem einfach nur die praktische Zielsetzung wegblieb und die in diesem Entwurf nur als Mittel zur Macht gesehene Erkenntnis statt dessen zum Selbstzweck wurde. Das heißt also, unser heutiges Verständnis der Wissenschaft, sowohl wie es tatsächlich unseren wissenschaftlichen Betrieb zu bestimmen scheint, als auch wie und soweit es als bewußte Idee vorhanden und leitend ist, ist die eines Wissens, das als Erfüllung eines ursprünglichen menschlichen Triebes seinen Sinn in sich selber trägt, eines Wissens um seiner selbst willen! ![]()
1) Vgl. zum Wort von den "Intellektuellen" (bzw. der "Intelligenz") z. B. HITLER, "Mein Kampf", Seite 288, 377, 480f (kartonierte Ausgabe von 1933); ferner die Rede in den Siemenswerken am 10. November 1933. Bezüglich Objektivität und "Objektivitätsfimmel" siehe "Mein Kampf", Seite 120, 124, 200f 2) Es soll hier nicht verkannt werden, daß gerade bei denen, die die Forderung der politischen Wissenschaft zuerst formuliert haben (wie etwa - soweit ich sehe - KRIECK und BÄUMLER) der Zug zu einer grundsätzlichen Besinnung auf den Sinn der Wissenschaft überhaupt in dem hier geforderten Sinn durchaus wirksam war; weshalb sich auch in gewisser Hinsicht unsere hier entwickelte Sinndeutung der Wissenschaft mit der von diesen Denkern gegebenen deckt. Indessen ist doch die Besinnung auch bei den Genannten (soweit ich sehe) nicht so weit ins Grundsätzliche vorgedrungen, daß diese Frage nach dem Sinn der Wissenschaft überhaupt bewußt ergriffen und verfolgt worden wäre. Sondern bevor es dazu kam, drängte das Fragen in die Richtung der Erneuerung im Sinne einer Umstellung ab. Die Folge davon ist, daß so dann doch entscheidende Züge an der Wissenschaft der ausdrücklichen Ergreifung und Deutung entzogen blieben. 3) Vgl. hierzu die Forschungen von MAX SCHELER und MARTIN HEIDEGGER. 4) Dieses "Hervorwachsen" der Wissenschaft aus dem vorwissenschaftlichen Verhalten darf nicht im Sinne der Entwicklungstheorien des 19. Jahrhunderts verstanden werden. Denn im Gegensatz zu diesen betonen wir, daß das so neu Entstandene, die Wissenschaft, in ihrem Wesen eben etwas grundsätzlich Neues, Unableitbares ist. Worauf es uns hier ankommt, ist nur, die Wesens art der wissenschaftlichen gegenüber der nichtwissenschaftlichen Verhaltensweise scharf abzuheben; der gegebene Hinweis auf den früheren Charakter der letzteren gegenüber der ersteren ist hier nicht entscheidend. Ebenso ist es in unserem Zusammenhang auch unerheblich, ob etwa historisch stellenweise auch noch andere Grundverhaltensweisen des Daseins den Untergrund gebildet haben, aus dem die Wissenschaft hervorwuchs, wie z. B. der Mythos. 5) Die berühmte Stelle, an der RANKE dieses Ziel ausspricht (in der Einleitung zu seiner "Geschichte der romanischen und germanischen Völker von 1494 bis 1514"), enthält allerdings der Form nach keine allgemeine Zielsetzung der Geschichtswissenschaft überhaupt, sondern nur eine Beschränkung der eigenen Zielsetzung für das veröffentlichte Werk auf die Darstellung dessen, "wie es eigentlich gewesen". Indessen ist dieser Ausspruch aus der allgemeinen geistigen Haltung des 19. Jahrhunderts heraus doch weithin grundsätzlich verstanden worden und darf daher doch als kennzeichnend für das Selbstverständnis der Wissenschaft im 19. Jahrhundert gelten. 6) Vgl. hierzu etwa ARISTOTELES' Nikomachische Ethik A, 3. - Um Mißverständnissen des Folgenden vorzubeugen, sei hier gleich betont, daß die griechische Wissenschaft tatsächlich keineswegs durchweg in der selbstgenügsamen und von den Problemen des "praktischen" Lebens abgetrennten Weise betrieben worden ist. Abgesehen davon, daß diese Abtrennung nicht von vornherein bestand und auch später nicht durchweg anerkannt wurde, finden sich auch sonst - selbst etwa bei ARISTOTELES - Stellen, wo die angesetzte Trennung von theoretischer und praktischer Wissenschaft unter dem Zwang der Sache durchbrochen wird. Vgl. im übrigen hierzu WERNER JÄGER, "Über Ursprung und Kreislauf des philosophischen Lebensideals", Sitzungsbericht der Berliner Akademie, 1928 |