p-4E. DürrM. Offnervon HartmannG. W. Campbell    
 
ADOLPH von HEYDEBRECK
Über den Begriff
der unbewußten Vorstellung

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"Nicht von besonderen Lehrsätzen irgendeines Systems, sondern von unleugbaren Tatsachen, von allgemein zugestandenen oder wenigstens in meinen Augen unbestreitbaren Wahrheiten bin ich ausgegangen und erst das so gewonnene Resultat habe ich mit der großen Streitfrage der Erkenntnistheorie in Beziehung gesetzt, da sich mir dann ungesucht im Wesentlichen eine Bestätigung der kritischen Ansicht zu ergeben schien, derzufolge unser Erkenntnis-Vermögen beschränkt, das letzte Wesen der Dinge ihm unzugänglich ist."

Diskussion 3

Zum Schluß erwiderte der Herr Vortragende folgendes:

Die mir gewordenen Entgegnungen zerfallen in zwei Gruppen. Die eine, durch die Herren KIRCHNER und KAHLE vertreten, verwirft den Begriff des Unbewußten selbst, als psychologisches Prinzip, in dem Sine wie ich ihn statuieren zu müssen glaubte, die andere, in der Person des Herrn FREDERICHs und des Herrn LASSON, soweit im Ganzen mit mir einverstanden, richtet sich lediglich gegen die erkenntnistheoretischen Konsequenzen, die ich daraus gezogen habe.

Ich wende mich zuerst gegen die weitgehendste Opposition.

Zunächst Herr Dr. KIRCHNER: Derselbe eröffnet mir in der Kürze, ich befinde mich mit meiner ganzen Betrachtung auf dem Holzweg; physiologische, in specie Muskelreize seien die einzige Ursache all jener Phänomene, die ich für meine Hypothese in Anspruch nehme. Auf weitere Erörterungen läßt sich der Herr nicht ein, offenbar wohl, weil in seinen Augen der Gegenstand schon völlig erledigt und der Beweis für die angegebene Erklärung - ich weiß allerdings nicht wo - bereits so überzeugend geführt ist, daß man eben nur nachlässig darauf hinzudeuten braucht, um jeden, der die Sache von neuem in Frage stellt, zum Schweigen zu bringen. Jedenfalls hat Herr K. mit dem in Rede stehenden Problem sich schon bis zum Überdruß beschäftigt und ist so völlig im Reinen damit, daß er meinen Auseinandersetzungen nur mit halbem Ohr gefolgt ist und sich ihm, was er vielleicht anderwärts darüber gehört und gelesen hat, unwillkürlich mit dem, was er eben von mir vernahm, vermengt und vermischt hat. Denn nur so weiß ich es mir zu erklären, daß die sämtlichen Beispiele, die er mir imputiert [zurechnet - wp], meinem Vortrag fremd sind: weder von Träumen noch von Deliranten, weder von Nachbildern noch vom Fixieren, weder von Wasserfällen noch von schlafenden Müllern habe ich ein Wort gesprochen. Gewiß wird es dem Herrn ja ein Leichtes sein, auch alles das, was ich wirklich vorgebracht habe, ohne weiteres auf die angegebene Weise zu erklären; da er aber nicht die Güte gehabt hat, weder auf das Einzelne einzugehen, noch was ich ziemlich ausführlich im Allgemeinen gegen die Möglichkeit einer materiellen Erklärung beigebracht habe, eines Wortes der Erwiderung zu würdigen, so muß ich schon bis auf weitere Belehrung bei meiner Ansicht verharren und seiner Behauptung, das sogenannte Unbewußte führe sich auf physiologische Reize zurück, die meine entgegenhalten, es führe sich nicht darauf zurück.

Herr Assessor KAHLE verhält sich gleichfalls zum Ganzen meines Vortrags negierend. Wenn ich beim ersten Herrn Gegner eine nähere Begründung seines verwerfenden Urteils vermißte, so kann ich darüber hier ja nicht klagen; doch haben die entwickelten Gründe, ich muß es gestehen, mich von der Irrigkeit meiner Ansich eigentlich an keinem Punkt überzeugen können und ich bekomme den Eindruck, als habe jenes feste, bis ins Kleinste ausgearbeitete metaphysische System, welches Herr KAHLE sich gebildet hat und woran er alles und jedes strikte zu messen pflegt, ihn einigermaßen in der unbefangenen Auffassung des Vortragenden behindert, so daß ihm der eigentliche Sinn meiner Behauptungen teilweise scheint entgangen zu sein.

Der Standpunkt des Herrn KAHLE ist im wesentlichen der des BERKELEYschen Idealismus. Wie dieser jeden Inhalt unseres Bewußtseins ohne Unterschied mit dem Wort  Idee  bezeichnet, so faßt auch er alles Geistige als "Wissen", worunter er nichts anderes versteht, als die mit der Existenz jedes Bewußtseinsinhaltes eo ipso [selbstredend - wp] verbundene Form der Bewußtheit. Nun ist aber dieses unmittelbare "Wissen", wenn man es so nennen will, um den eigenen Inhalt, gänzlich verschieden von dem, was beim eigentlichen Denken und Vorstellen in Frage kommt; dieses nämlich bildet der Empfindung und Willensregung gegenüber einen eigentümlichen Inhalt, dessen Qualität durch die allem Inhalt gemeinsame Form der Bewußtheit gar nicht definiert wird. Das Charakteristische desselben besteht in jener eigenen, mit nichts als sich selbst vergleichbaren ideellen Beziehung auf ein anderes, außer ihm Liegendes (das Objekt), sei es nun selbst wieder ein Inneres oder ein dem Bewußtsein überhaupt Äußeres. Jene Vermischung der Begriffe "Vorstellung" und "Bewußtsein" und die Befassung jedes psychologischen Inhalts unter dem gemeinsamen, der Sphäre des Vorstellens entnommenen Namen "Idee", wie sie hauptsächlich von der englischen Schule ausgegangen war, ist es gerade, die in Psychologie und Erkenntnistheorie unendliche Verwirrung gestiftet hat und noch stiftet und eben in dieser Beziehung Klarheit geschafft zu haben, muß als ein Hauptverdienst KANTs betrachtet werden, wie ich das in meinem Vortrag ausdrücklich hervorgehoben habe.

Die Unterscheidung von Bewußtsein und Inhalt des Bewußtseins und wieder innerhalb des Inhalts von Vorstellung und Empfindung liegt allen meinen Ausführungen zugrunde und nicht ich, der Sprecher, wie Herr KAHLE meint, habe das Wort "Vorstellung" zuerst im allgemeinen, d. h. jenem BERKELEYschen Sinne gebraucht und nur zuletzt bei der sinnlichen Wahrnehmung in einem speziellen, sondern er, der Hörer, hat, befangen in der ihm geläufigeren Auffassungs- und Ausdrucksweise, erst zuletzt bemerkt, als ich an der Wahrnehmung Vorstellungs- und Empfindungsgehalt unterschied, in welchem Sinne ich das Wort brauchte, während er doch gleich Anfangs hätte darüber klar werden sollen, als ich die allgemeine Einteilung der zu besprechenden Phänomene nach dem Gesichtspunkt entwarf, ob der psychologische Effekt, aus welchem auf eine unbewußte Vorstellung zu schließen wäre, als Gefühl und Empfindung oder selbst als Vorstellung sich darstellte.

Herr KAHLE erklärt nun, er wolle in seiner Entgegnung das Wort immer in jenem allgemeinen Sinne gebrauchen und wirklich kritisiert er denn meine Ausführungen in der Weise, daß er mir diesen Sinn überall unterlegt, ohne zu untersuchen, ob er denn auch der meine gewesen ist und glaubt vielfach mich widerlegt zu haben, wenn er zeigt, wie die Behauptung, in diesem seinem (aber nicht meinem) Sinne genommen, falsch ist. So bei seiner Kritik meines Nachweises des im Begriff der unbewußten Vorstellung liegenden Widerspruchs. Ich gehe von dem Satz aus: Jede Vorstellung enthält die ideelle Beziehung auf ein Objekt. Herr KAHLE wirft ein: ein Schmerz enthält keine solche, also ist der Satz unrichtig. Worauf die Antwort lautet: ein Schmerz ist eben auch nur eine BERKELEYsche Idee, d. h. überhaupt ein Bewußtseinsinhalt, aber keine "Vorstellung", weder in meinem noch im Sinne des allgemeinen Sprachgebrauchs. Allerdings gibt es auch eine Vorstellung des Schmerzes, diese ist aber nicht der Schmerz selbst, als aktuelle Empfindung, sondern ein anderer Bewußtseinsinhalt, der sich ideell auf jenen als sein Objekt bezieht. Dasselbe Mißverständnis beherrscht die Ausführungen gegen den Begriff des Halbbewußten. In dem von Herrn KAHLE benutzten Beispiel freilich handelt es sich nicht um die Steigerung des bloßen Bewußtseins an einen schon vorhandenen Inhalt, sondern um die denkende Zergliederung einer Empfindung, also um die an einem vollbewußt gegebenen nicht vorstellungsartigen Inhalt mit vollem Bewußtsein allmählich vollzogene Vorstellungsarbeit, während ich von den Fällen spreche, wo ein schon fertiges Vorstellungsgebilde als solches, ohne seinen Inhalt zu verändern verschiedene Grade der Bewußtheit durchläuft, ein Vorgang, den wir tausendfach beobachten und der sich ganz bestimmt von der allmählichen Bildung der Vorstellung selbst unterscheidet, die bei absoluter, gleichmäßiger Klarheit des Bewußtseins stattfinden kann, wodurch wir dann mit Notwendigkeit auf den Begriff des Halbbewußtseins geführt werden.

Was nun aber den Hauptpunkt betrifft, nämlich die Annahme vorstellungsmäßiger Ursachen gänzlich außerhalb des Bewußtseins für Erscheinungen innerhalb desselben, so greift Herr KAHLE aus der Fülle der von mir berührten Phänomene das des sogenannten "Einfalls" heraus und unternimmt es, für dasselbe eine andere, alles Unbewußte eliminierende Erklärung zu geben. Nach ihm wären alle einmal erworbenen Vorstelleungen dem Bewußtsein konstant und mi gleicher Klarheit (denn ein Halbbewußtsein kennt er nicht) gegenwärtig, während wir immer nur eine beschränkte Anzahl derselben im fortschreitenden Denken reihenweise verknüpften; bekämen wir nun, mit einer Vorstellung  α  in dieser besonderen Weise beschäftigt, den "Einfall"  β,  so hieße das nur, wir ließen die Reihe beim Glied  α  fallen und machten  β  zum Ausgangspunkt einer neuen, weil wir uns, wie er sagt, von der Verfolgung der  &beta-Reihe mehr "Freude" versprechen wie vom Weiterverfolgen der anderen. Dies setze aber eine vergleichende Abschätzung beider Vorstellungen voraus, die nur mit Bewußtsein geschehen könne und folglich müsse  β  schon im Bewußtsein gewesen sein, als es uns einfiel. -

Eine seltsame Theorie! Ich frage, wie stimmt das mit den Tatsachen überein? Zunächst wie steht es mit der in Aussich genommenen "Freude", die uns auf den Einfall bringen soll? Sind die Einfälle denn nicht oft auch peinlicher Natur und kommen sehr wider unseren Willen uns zu beruhigen und zu betrüben mitten in der Beschäftigung mit angenehmeren Dingen? Vor allem aber die Behauptung, die sämtlichen einmal gebildeten Vorstellungen blieben konstant im Bewußtsein, was ist sie, um mich eines Ausdrucks meines geehrten Herrn Gegners zu bedienen, anders als ein "leeres Gerede"? Die alltäglichste Erfahrung lehrt doch, daß dieselbe immer nur zum allerkleinsten Teil gegenwärtig und in einer unaufhörlich flutenden Bewegung begriffen sind, herein zum Bewußtsein und heraus, deren Gesetz zu ergründen die Psychologie von jeher als ihre Hauptaufgabe betrachtet hat. Das Charakteristische des Einfalls aber ist das Abrupte, Zusammenhanglose, daher Überraschende seines Eintretens, wofür der Grund nach den allgemeinen Gesetzen des Vorstellungslaufes nur in einer zum Teil außerhalb des Bewußtseins liegenden Reihe zu finden ist.

Nachdem nun Herr KAHLE diese seine Theorie des "Einfalls" vorgetragen hat, fährt er fort: "Vorstehende Erwägungen werden ergeben, daß (mit Ausnahme der sinnlichen Wahrnehmung)  alle  Fälle, welche der Herr Vortragende angeführt hat, um zu beweisen, daß wir auf unbewußte Vorstellungen an uns schließen müssen, unzutreffend sind." Ja, auf  die  Art freilich hat man gut widerlegen. Man nimmt aus einer Fülle der verschiedenartigsten Fakten, worauf sich die gegnerische Hypothese stützt, ein einziges heraus, gibt für dasselbe eine andere, augenscheinlich falsche, völlig unhaltbare Erklärung und sagt: so, jetzt habe ich die Hypothese in allen Punkten widerlegt.

Was schließlich die sinnliche Wahrnehmung betrifft, so ist Herr KAHLE auch damit überraschend schnell fertig. Er erklärt einfach, das Vorstellungsmäßige daran, also die eigentliche Wahrnehmung, bilde sich mit Bewußtsein, was man leicht bei gehörigem Aufmerken beobachten könne: nur die Empfindung verlange eine vorstellungsmäßige Ursache außerhalb unseres Bewußtseins, die aber liege in nichts  Unbewußten,  sondern in Gott. Letzteres lasse ich auf sich beruhen und bemerke nur, daß mir die Empfindung als solche überhaupt nichts Vorstellungsartiges vorauszusetzen scheint, da sie nur einer realen, keiner ideellen Begründung bedarf. Im Übrigen aber muß ich bekennen, so unglücklich zu sein, auch bei der gespanntesten Aufmerksamkeit im Akt des sinnlichen Wahrnehmens den Prozeß der Vorstellungsbildung nie haben beobachten zu können; und, daß es den Meisten ebenso geht, beweist mir die dem gemeinen Verstand geläufige Verwechslung der Dinge selbst mit den Wahrnehmungsbildern, deren Vorstellungscharakter also gewöhnlich nicht einmal erkannt wird. Ich habe in meinem Vortrag als besonders lehrreich die Sinnestäuschungen hervorgehoben und möchte Herrn KAHLE zur Selbstbeobachtung das bekannte Experiment des Doppelfühlens mit gekreuzten Fingern empfehlen, ob es ihm gelingen wird, die bewußte Entstehung des Trugbildes bei sich zu konstatieren.

Mit dieser, meines Erachtens ebenfalls den klarsten Tatsachen zuwiderlaufenden Behauptung ist für Herrn KAHLE das ganze Problem der Wahrnehmungsvorstellung abgetan und damit überhaupt alles beseitigt, was ich zur Begründung meiner Ansicht aufgeführt habe, der Ansicht, daß im vorstellenden Wesen etwas außerhalb des Bewußtseins und zwar etwas Geistiges angenommen werden müsse, was vieles sonst Unerklärliche innerhalb des Bewußtseins vorstellungsmäßig begründe. Denn so meinte ich die Hypothese formulieren zu müssen, um den in der populären Fassung liegenden Widerspruch zu beseitigen. -

Wie Herr KAHLE aber hierin auch noch einen Widerspruch finden will und zwar denselben, den ich selbst im Begriff der unbewußten Vorstellung nachgewiesen habe, ist mir unverständlich, da sich ja meine ganze Betrachtung darum dreht, darzutun, daß die Begriffe "denkendes Wesen" und "bewußtes Ich"  nicht  zusammenfallen, daß unsere Geistestätigkeit und unser Bewußtsein  nicht  ineinander aufgehen.

Zwar will nun mein Herr Gegner wegen jener ebenso ungegründeten als sich selbst widersprechenden Auffassung nicht allzustreng mit mir ins Gericht gehn, da er sie nach einer am Schluß von mit gegebenen (wie es scheint, nicht von ihm allein mißverstandenen) Andeutung als einen bloßen "Zwischen-Gedanken" glaubt betrachten zu sollen, mit dessen Hilfe ich mich zu einem höheren, dem seinen verwandten dogmatisch-metaphysischen Standpunkt aufzuschwingen gedächte (ohne freilich recht dazu zu kommen), von dem aus nun erst das wahre Wesen unseres ja auch von ihm als beschränkt und bedingt zugegebenen Bewußtseins sich offenbaren soll. Nachdem er also jene kritisch beschränkte Ansicht, die schließlich doch den eigentlichen Inhalt meiner Erörterungen bildet, in seiner Weise widerlegt hat, tut er noch ein Übriges, um mir zu zeigen, wie es jenes verworrenen psychologisch-kritischen Umweges gar nicht bedürfe, um zur wahren Ansicht der Sache zu gelangen und entrollt zum Schluß eine Skizze seiner eigenen Seelen- oder Bewußtseins-Metaphysik, die das ganze Problem ohne Rest befriedigen löse. -

Hier zeigt sich denn Herr KAHLE außerordentlich bewandert in den Urgründen der Dinge. Nicht nur was Honig-Atome wissen können, weiß er, auch in die Geheimnisse der Gottheit ist er eingeweiht; er weiß, wie das Urbewußtsein es macht, endliche Bewußtseine hervorzubringen, d. h. wie Gott Menschen schafft. Nun will ich mit Herrn KAHLE über den Inhalt dieser Lehren nicht rechten und nicht fragen, wie er zu solchen Einsichten gekommen ist. Nur auf eins möchte ich aufmerksam machen. Zugestanden, es verhält sich so, wie er sagt, so scheint doch soviel klar, daß wir unser Ich, da es nur einen abgegrenzten Teil innerhalb des göttlichen ausmachen soll, welches demnach nicht nur seine Ursache, sondern auch seine eigentliche Substanz bildet, seinem wahren Wesen nach nur erkennen können, sofern wir uns vom göttlichen Wesen eine adäquate Vorstellung zu bilden imstande sind. Das göttliche Ich soll aber durch sein Denken andere Ichs hervorbringen; unser Ich bringt nur Vorstellungen hervor und wir müssen dasselbe bei all unserem Vorstellen und Denken als ein Letztes zugrunde legen. Von einem Wesen also, welches unser Ich, die Vorbedingung all unseres Denkens selsbt aus seinem Ich durch Denken hervorbringt, können wir uns keinerlei Vorstellung machen und folglich, wenn ein solches Denken die Grundlage des unseren bildet, bleibt uns dieses selbst seinem innersten Wesen, seinem Ansich nach verschlossen und wir haben in der Form unseres Bewußtseins nichts als dessen subjektive Erscheinung.

Da demnach die doch immerhin problematischen Voraussetzungen des Herrn KAHLE in Absicht auf wirkliche metaphysische Einsicht, genau besehen, uns kein Haar weiter bringen als mein Unbewußtes und für die wirkliche Erklärung der psychologischen Phänomene, so weit ich urteilen kann, so gut wie gar nichts leisten, so ziehe ich es doch vor, auf meinem bescheidenen kritischen Standpunkt und bei meiner Ansicht zu bleiben, die, aufgrund der Tatsachen gewonnen, dieselben, soweit es eben angeht, erklärt und begreiflich macht.

Ich komme nunmehr zu denjenigen Gegnern, welche, im Prinzip mit mir einig, mehr oder weniger mißbilligen, was ich daraus gefolgert habe und ich wende mich zuerst zu den Ausführungen desjenigen Herrn, dessen allgemein-philosophischer Standpunkt vom meinen am weitesten entfernt liegt.

Ich hatte am Schluß meines Vortrages Gelegenheit genommen, einen Blick auf die Methode des absoluten Idealismus zu werden und aus meinem entschieden abfälligen Urteil darüber kein Hehl gemacht. Wenn nun Herr Professor LASSON, wie wir alle wissen, ein eifriger Bekenner dieser Lehre, sich hierdurch herausgefordert und veranlaßt gefühlt hat, seine Schule gegen die allgemeinen, in der Form vielleicht etwas herben Vorwürfe in Schutz zu nehmen, die er hat anhören müssen, so kann ich ihm das ja durchaus nicht verdenken, muß vielmehr für die maßvolle, von aller Feindseligkeit entfernte Weise, in der das geschehen ist, dem verehrten Herrn meine vollste Anerkennung aussprechen. Und so will denn auch ich, um auch meinerseits von unserer Diskussion möglichst jedes Element der Bitterkeit fern zu halten, auf jene Vorwürfe in ihrer Allgemeinheit nicht weiter zurückkommen, ob ich gleichwohl in der Lage sein möchte, dieselben wenigstens materialiter zu begründen. Nur dies möchte ich Herrn LASSON zur richtigen Würdigung auch meiner Äußerungen zu bedenken geben, daß es sich für mich im Zusammenhang meiner Entwicklung ja gar nicht darum handeln konnte, eine eigentliche, irgendwie umfassende Kritik jener Schule zu liefern, da er sich dann mit Recht würde zu beklagen gehabt haben, daß ich die vielen und großen (von mir gar nicht in Abrede gestellten) Verdienste derselben mit Stillschweigen übergangen habe, sondern nur das meiner Auffassung nach Falsche und Ungesunde, schon bei KANT in der Anlage Vorhandene dieser Richtung wollte ich in seinem Kern- und Keimpunkt ans Licht ziehen und dadurch illustrieren, daß ich alles Mangelhafte und Tadelnswerte an ihren Leistungen, was ich zum Ende einseitig hervorheben mußte, als natürliche Frucht davon aufzeigte. Herr LASSON irrt, wenn er meint, ich betrachte die Anhänger jener Lehre nicht als ebenbürtige Gegner; der Punkt, von dem der Irrweg ausgegangen ist, liegt an den Grenzen unseres Denkens, in der dunkelsten Tiefe der Transzendental-Philosophie und KANT selbst tat den ersten, freilich unentschiedenen und sofort gehemmten Schritt auf der abschüssigen Bahn; wo aber der eiserne Verstand eines KANT ins Schwanken geriet, da, meine ich, konnte auch anderen Köpfen schwindeln. Wenn ich aber hier, auf der höchsten Stufe der Selbstbesinnung, die der menschliche Geist je erreicht, als die Kritik selbst einen Ausweg zu öffnen schien aus ihrem engumschränkten Gehege, noch einmal der Versuch gemacht wurde, dem eingeborenen Trieb nach unbedinger Erkenntnis Genüge zu tun und im reinen Denken die absolute Wahrheit zu erfassen und wenn wir nun auch diesen Versuch, den großartigsten unter allen, den höchsten Anstrengungen der bevorzugtesten, mit dem ganzen Reichtum der edelsten Bildung gesättigten Geister zum Trotz, wieder, wie alle früheren, an den ewigen Schranken der Menschheit haben scheitern sehen müssen, so ist dieses Schauspiel wohl nicht dazu angetan, Verachtung, vielleicht allerdings Mitleid zu erreigen, aber ein Mitleid, das sich über seinen Gegenstand nicht erhaben, sondern im tiefesten Grund mit ihm eins fühlt. Höhnisch frohlocken kann darüber nur die antiphilosophische Plattheit des plumpen Realismus und Empirismus, wie sie sich heutzutage wieder überall breit macht. Daß ich mich mit dieser Gegnerschaft nicht identifiziere, brauche ich wohl nicht erst zu versichern und das Bedauern darüber, daß die letzten Verirrungen des Dogmatismus, wie ich glaube, gerade dieser Richtung indirekt Vorschub geleistet hat und ihr zu einem, wenn auch hoffentlich nur vorübergehenden Triumph verholfen haben, hat meinen Auslassungen vielleich mit den Charakter der Schärfe und Bitterkeit gegeben, den Herr LASSON moniert hat.

Doch genug der Allgemeinheiten. - Wozu soll es auch führen, immer die nackten Prinzipien gegeneinander zu setzen und das Thema "ich bin Kantianer, du bist Hegelianer" ins Endlose zu variieren? Endgültig entschieden ist der Streit der Systeme noch nicht, das, denke ich, wird jeder von uns zugeben und weder bei KANT noch bei HEGEL, wie sie da sind, kann sich die Wissenschaft beruhigen. Fruchtbringend aber kann meiner Meinung der Streit nur dann werden, wenn man zunächst aufhört, sich im Allgemeinen zu bewegen und an einzelnen Fragen, an bestimmten Problemen die beiderseitigen Prinzipien zu messen sucht und in diesem Sinne habe auch ich meinerseits der vorliegenden Gegenstand behandelt. Nicht von besonderen Lehrsätzen irgendeines Systems, sondern von unleugbaren Tatsachen, von allgemein zugestandenen oder wenigstens in meinen Augen unbestreitbaren Wahrheiten bin ich ausgegangen und erst das so gewonnene Resultat habe ich mit der großen Streitfrage der Erkenntnistheorie in Beziehung gesetzt, da sich mir dann ungesucht im Wesentlichen eine Bestätigung der kritischen Ansicht zu ergeben schien, derzufolge unser Erkenntnis-Vermögen beschränkt, das letzte Wesen der Dinge ihm unzugänglich ist. Ich werde demgemäß auch jetzt bei meiner Verteidigung mich möglichst auf dasjenige beschränken, was ich in der Erwiderung des Herrn LASSON als speziell gegen diese Herleitung des kritischen Ergebnisses gerichtet, also als eigentlich zur Sache gehörig glaube betrachten zu dürfen.

Ich hatte zu zeigen versucht, daß der innere Zusammenhang der psychologischen Erscheinungen, namentlich des Vorstellungslebens, die Annahme mentaler Prozesse notwendig mache, die, ohne selbst ins Bewußtsein zu gelangen, dennoch vielerlei innerhalb desselben vorstellungsmäßig begründen. Dies läßt Herr LASSON im vollen Umfang gelten. Ich fragte nun weiter, wie wir uns dieses Unbewußte denn nun eigentlich zu denken hätten. Jedenfalls, schloß ich, als etwas Mentales und als potenzielle Vorstellung, d. h. als dasjenige Geistige in uns, was, wenn es bewußt würde, sich notwendig als Vorstellung darstellen müßte. Direkt als Vorstellung aber könten wir es uns nicht denken, sofern es als etwas Aktuelles außerhalb unseres Bewußtseins zu setzen sei, weil der Begriff der Vorstellung, schon die Beziehung auf das Ich, mithin die Bewußtheit involviere. Da wir nun zu näheren Bestimmung des Geistigen nichts haben als was unser Bewußtsein, unsere Selbstwahrnehmung uns bietet, so können wir, folgerte ich, uns jenes Unbewußte nur als die notwendig vorauszusetzende, aber sonst dunkle und unbestimmte geistige Grundlage unseres Bewußtseins denken, womit im Wesen unseres eigenen Geistes ein unerforschliches Ansich anerkannt wäre.

Hiergegen erhebt nun Herr LASSON Einsprache. Der Begrif der "unbewußten Vorstellung" enthalte wohl Schwierigkeiten aber keine unlösbaren Widersprüche. Bewußt und unbewußt sei überhaupt nicht so gegensätzlich zu trennen; es gebe gar nichts schlechthin Bewußtes oder Unbewußtes, sondern überall nur ein mehr oder minder Bewußtes in unendlichen Abstufungen vom Menschen bis zum Stein. Jedes Bewußte hat das Unbewußte an sich, jedes Unbewußte das Bewußte; und so leide es keine Schwierigkeit, die Vorstellung (das Bewußte) zugleich als das Unbewußte zu denken. - Irre ich nicht, so haben wir es hier mit jenem beliebten dialektischen Verfahren zu tun, Widersprechendes dadurch zu vereinigen, daß an die Stelle der Allgemeinbegriffe unvermerkt die Konkreta geschoben und dann plötzlich die widersprechenden Merkmale verbunden aufgezeigt werden, unter Benutzung der Zweideutigkeit der Sprache, die mit dem adjektivisch-neutralen Ausdruck sowohl das Abstraktum wie das Konkretum bezeichnet. Damit, daß ich zeige, daß der Apfel sowohl rot als gelb ist, habe ich nicht bewiesen, daß Rot Gelb oder daß die gelbe Seite die rote und die rote die gelbe ist und wenn es auch keinen Apfel, vielleicht kein Ding in der Welt gäbe, was durchaus rot oder gelb ist. Ebenso hier: damit, daß ich zeige, jedes bewußte Wesen habe an ihm selbst etwas Unbewußtes und daß es in der Welt vielleicht nichts ganz Bewußtes und nichts ganz Unbewußtes gibt, habe ich doch nicht bewiesen, daß die Bewußtheit die Unbewußtheit ist und die unbewußte Seite des Geistes die bewußte. Kann also das denkende Wesen (das Bewußte, als Konkretum, das zugleich das Unbewußte ist) Vorstellungen im strengen Sinne nur haben, sofern es bewußt ist - und dagegen direkt hat LASSON nichts vorgebracht, weil es unleugbar ist - so enthält der Begriff "unbewußte Vorstellung" allerdings einen unvereinbaren Widerspruch und ich kann die unbewußte Geistes-Tätigkeit als unbewußte nicht dadurch denken.

Wohl um dem Effekt dieses Arguments, das, seiner rhetorisch-geistreichen Hülle entkleidet, ja allerdings nicht zu seinem Vorteil erscheint, etwas nachzuhelfen, mischt Herr LASSON demselben andeutungsweise noch ein zweites bei, das dem Verhältnis des Denkens überhaupt zu seinem Gegenstand entnommen ist. Der Gegenstand, das dem Denken Entgegengesetzte, meint er, sei darum doch demselben nichts schlechthin Äußeres und Fremdes, des Gedankens absolut Bares, sondern er werde eben schon durch das Gedachtwerden mehr oder weniger von der Natur des Denkens und Vorstellens "tingiert" [angefärbt wp]; daher, so muß die Anwendung doch wohl lauten, kann auch das Unbewußte, das dem Bewußten, dem Denken Entgegengesetzte und Äußere nicht schlechtweg als ein Gedankenloses gefaßt werden; es hat vielmehr die Natur des Denkens und Vorstellens als notwendiges Korrelat desselben, als sein Objekt, schon an sich und so enthält es keinen Widerspruch ihm die Natur des Vorstellens zuzuschreiben. Ich erwidere: Die Begriffe des Unbewußten und des Denkobjekts, durch die Kategorie des dem Denken Entgegengesetzten zusammengefaßt, decken sich durchaus nicht; das Unbewußte ist unter anderem auch ein Gegenstand meines Denkens, dem ich aber darum, weil ich ihn denke, noch nicht das Denken selbst als eigentümlichen Inhalt beilegen dürfte, selbst wenn das Prädikat auch nicht, wie es hier der Fall ist, dem Subjektsbegriff widerspräche. Weil der Denker den Tisch denkt, denkt doch der Tisch noch nicht und ist als Denker zu denken und weil ich das Unbewußte denke, denkt doch das Unbewußte nicht und ist als denkendes oder vorstellendes zu denken.
LITERATUR - Adolph von Heydebreck, Über den Begriff der unbewußten Vorstellung, Vortrag gehalten am 27. Oktober 1883 mit der dabei stattgehabten Diskussion, Philosophische Vorträge der Philosophischen Gesellschaft Berlin, Neue Folge Heft 7, Halle/Saale 1884