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OTTOKAR LORENZ
(1832 - 1904)
Friedrich Christoph Schlosser
und über einige Aufgaben und
Prinzipien der Geschichtsschreibung

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"Ich erkannte früh, daß die deutschen Professoren, Schriftsteller, Gelehrten, Redakteure gelehrter und ungelehrter Blätter sich untereinander darauf verstehen, das Publikum und die Nachwelt zu betrügen und nahm mir vor, mich nie unter eine Menge von eingebildeten Menschen zu mischen, wo der, welcher sich nicht vor Jedem bückt und nicht Partei macht, oder welcher Irgendeinen in seinem eitlen Treiben stört, nur Steinwürfe der Parteimänner und Schmähungen der Gassenbuben, die sich berühmt machen wollen, zu erwarten hat."

I. Man wird nicht behaupten können, daß über unsere meisten und hervorragendsten Geschichtsschreiber eine auch nur einigermaßen sicher stehende Ansicht vorhanden und geläufig wäre. Wenn man von der unmittelbaren Wirkung absieht, welche die Gegenwart auch auf dem Gebiet der Geschichtsschreibung auszuüben pflegt, und wenn man auch nur einigermaßen zurückgreift in die Vergangenheit, so wird man bald gewahr werden, daß über Jene, welche wenige Jahre vorher noch in anerkannter Wirksamkeit gestanden sind, ein unzuverlässiges, ungleiches und nicht selten ungerechtes Urteil vorherrscht. Die Wertschätzung des Geschichtsschreiber wird unter allen Umständen von mannigfachen lokalen und idealen Verhältnissen beeinflußt sein; auch die Veränderungen des Lebens und Geschmacks werfen überall und zu allen Zeiten ihr wechselndes Gewich in die Waagschale der Beurteilung historiographischer Leistungen, aber alle diese Momente reichen nicht aus, um die ungewöhnliche Wandelbarkeit zu erklären, welcher der deutsche Geschichtsschreiber meist in der Meinung der Gelehrten und Laien unterliegt. Die Annalen unserer Geschichtsschreibung verzeichnen die äußersten Extreme in der Behandlung und Beurteilung neuerer und neuester Geschichtswerke, und der heftigste Vorwurf wird dem Schriftsteller neben der größten Anerkennung in rasch folgendem Wechsel zuteil. Man braucht eine Reihe von einst klingenden Namen nur auszusprechen, um den Satz zu beweisen, daß unser kritisches Urteil über die umfangreichsten Leistungen auf dem Gebiet der Geschichte in einem heftigen Schwanken begriffen ist, welches durchaus nicht bloß auf den natürlichen Fortschritt der Wissenschaften allein zurückgeführt werden kann. Muß aber das Ansehen der Wissenschaft nicht darunter leiden, wenn selbst in den elementarsten Richtungen derselben keinerlei Stetigkeit wahrzunehmen ist und wenn der Strom der wissenschaftlichen Einsicht stets das Bild einer zackigen, ungeraden und selbst rückläufigen Bewegung bietet. Für die nachfolgende historische Produktion fehlt jeder sichere Haltpunkt, der im Urteil über die frühere begründet wäre und es ist ein Zeitraum von wenigen Jahren, welcher für die Geschichte der Historiographie im Großen kaum noch maßgebend wäre, seit eine etwas größere Kontinuität und Stetigkeit in den Anschauungen von Generation zu Generation hervorzutreten beginnt. Aber auch da nur mehr in Betreff der äußeren Fertigkeiten als in Anbetracht der inneren Fragen der geschichtlichen Wissenschaft. Von den Gelehrtenkreisen aus verbreitet und verstärkt sich das Schwanken der Urteile in das größere Publikum. Männer, deren historischem Griffel noch eben gehuldigt wurde, sieht man noch vor ihrem Tod zu den Toten geworfen, und was nicht selten als höchste historische Leistung gilt, ist im nächsten Augenblick beiseite gesetzt. Während die Einen noch die Grabschrift dem deutschen Tacitus schreiben, belächeln die Anderen den Wert seiner Schriften, und während man noch Jubiläen feiert, wissen die Jüngeren schon die Verkehrtheit eines alten Meisters haarschaf zu beweisen. Man mag sich hierbei mit dem Fortschreiten der Wissenschaft trösten oder brüsten, man mag die Rührigkeit bewundern, welche es möglich macht, das morgen schon veraltet, was gestern neu war, man mag nichts Anderes als ewig strömenden Forschungseifer darin erkennen, wenn rücksichtslos verdammt wird, was der erkannten oder erkennbaren Wahrheit nicht völlig standhält. Aber auch die Nachteile einer wissenschaftlichen Entwicklung sind leicht zu ermessen, welche daraus entstehen müssen, wenn auch nicht einmal in den Hauptzügen die Aufgaben der Forschung für eine längere Epoche geistiger Tätigkeit, wenn nicht im Großen und Ganzen die Auffassung der Vergangenheit gleichmäßig sichergestellt ist. Wie wenn der einzelne Mensch von der verzweifelnden Befürchtung befallen würde, daß ihm sein eigenes Gedächtnis nichts als Lüge und Täuschungen vorspiegelt, so müßte einer Nation wahrlich ihre eigene Geschichte verhaßt werden, wenn ihr dieselbe nur als ein Chaos widersprechendster Auffassungen entgegentreten würde, in welchem kein einziger sicherer Punkt der Überlieferung wäre. Wenn wir nun aber auch durch gewisse große Marksteine der Entwicklung sowohl in der allgemeinen wie speziell in der deutschen Geschichte vor einer solchen äußersten Verwirrung und Verzweiflung an geschichtlicher Wahrheit wenigstens der Hauptsache nach bewahrt zu sein scheinen, so muß man es doch gestehen, daß wir auch heute eigentlich kein durchgreifendes Prinzip, keine anerkannte historiographische Richtung, ja nicht einmal einen historischen Stil von einiger Gleichmäßigkeit, und was das Bedenklichste zu sein scheint, von Jahr zu Jahr weniger Neigung besitzen, uns über Dinge dieser Art zu verständigen oder auch nur ernsthafter zu unterhalten.

Unter den zahlreichen Kunstanstalten von Paris findet sich eine speziell für die Kontinuität der französischen Malerei höchst merkwürdige Sammlung, in welcher die Preisbilder der französischen Akademie in Rom seit dem Jahre 1721 aufbewahrt werden, eine Reihe von Gemälden, welche bei der größten Mannigfaltigkeit eine wunderbare Gleichheit der künstlerischen Tradition erkennen lassen; man würde jedes für sich sofort als Bild der französischen Schule erkennen. Ich weiß nicht, ob man diesen selben Charakter nicht auch in der französischen Geschichtsschreibung nachzuweisen vermöchte; soviel aber ist gewiß, daß unsere deutsche Geschichtsliteratur das gerade Gegenteil einer solchen nationalen Tradition darbietet: die höchste Individualisierung in Betreff der politischen und historischen Auffassung, der wissenschaftlichen Aufgaben, des Stils und der Darstellung. Jeder deutsche Geschichtsschreiber steht äußerst vereinzelt und einsam wie ein besonderes Problem da, und es gehört fast immer zu den größten Schwierigkeiten, seine Stellung im größeren Zusammenhang der Wissenschaft zu bezeichnen, die Beziehungen aufzufinden, die er zu anderen Geschichtsschreibern vor und nach ihm, zu anderen Zweigen der Forschung, zu anderen Doktrinen, zur Philosophie und zu den Staatswissenschaften einnimmt.

In einer solchen Vereinzelung und Besonderheit liegt heute auch das große schriftstellerische Leben des Mannes hinter uns, der zu den gelesensten und bekanntesten Geschichtsschreibern Deutschlands zählte. Seine eigenen Anknüpfungspunkte an die Entwicklung des geistigen Lebens der Nation, sein Ausgang von der großen Bewegung der Literatur, sein Eintritt in die Werkstätten der geschichtlichen Forschung sind so unsicher und liegen so wenig zutage, daß wir es für ein kritisches Unternehmen halten müssen, die Anregungen zu bezeichnen, von denen er erfüllt war, und die Keime zu erforschen, aus denen seine geistigen Blüten erwachsen sind. Wie er aber gleichsam ohne sichtbare Verbindung mit der vorangegangenen historischen Literatur erscheint, so bietet SCHLOSSER hinwieder schon heute vermöge seiner gesamten politischen und philosophischen Weltanschauung fast gar keine Anknüpfungspunkte dar, ist fast gänzlich von den Bücherbrettern der Gelehrten verschwunden, und wenn man ehrlich sein will, so darf uns die Hochachtung vor ihm nicht verhindern zu sagen, daß unser ganzes heutiges wissenschaftliches Denken und Forschen nur mit höchst unbedeutenden und schwachen Fäden zu ihm zurückführt.

Kann man sich unter diesen Umständen wundern, daß gleich am Grab des Mannes, der sich als Achtzigjähriger den verbreitetetsten Historiker Deutschlands nennen durfte, ein gewaltiger Kampf um seine Bedeutung, ja selbst um seine Berechtigung leider in der Weise geführt wurde, daß seine Anhänger die abscheulichsten Angriffe gegen einige andere deutsche Geschichtsschreiber eröffnet haben (1). Und darf man sich wundern, daß nach dem weiteren Verlauf von fast zwei Jahrzehnten noch nicht der leiseste Versuch einer Verständigung gemacht worden ist und es den Anschein hat, als ob ein literarisches Bedürfnis für eine solche gar nicht vorhanden wäre? Ist es nicht ein Beweis der fortdauernden Zerfahrenheit der wissenschaftlichen Bestrebungen und Zielpunkte, wenn hier SCHLOSSER, dort der gleichaltrige NIEBUHR hundert Jahre nach ihrer Geburt einen gesicherten Standplatz in der Wissenschaft entbehren? Von SCHLOSSER konnte versichert werden, daß er den ersten Anforderungen, welche an einen Historiker zu stellen wären, nicht genügt und daß er nichts für die Ermittlung der Wahrheit zu leisten vermocht hätte (2). Und wenn GERVINUS glaubte, er könnte den Deutschen umgekehrt in der SCHLOSSERschen Geschichtsschreibung ein Normalmaß für alle zukünftige Historik aufdrängen, so blieb dies - man muß sagen glücklicherweise - ein fast vereinzelter Versuch, ein kühnes Abenteuer. Ein schönes und verständiges Wort war es aber, welches LÖBELL sagte, nachdem er der leidenschaftlichsten Verurteilung selbst die Zügel hatte schießen lassen:
    "Die Perioden des falschen Ruhmes und der unbegründeten Geringschätzung müssen abgelaufen sein, um der rechten Kritik Raum zu verschaffen. So wird auch die Anerkennung des Verdienstes, welches sich Schlosser um die historischen Studien in Deutschland wirklich erworben hat, in seinen rechten Grenzen erst dann stattfinden, wenn die übertriebenen Vorstellungen von seiner Bedeutung als Historiker ihr Ende gefunden haben werden, und vor allem der phantastische Versuch, ihn zu einem der ersten Genies aller Zeiten heraufzuschrauben, zu Boden gefallen sein wird."
Einen mir unbekannten Verfasser eines Artikels der "historischen Zeitschrift" aber muß man es zur Ehre nachsagen, daß er gleich in jenem unglücklichen Widerstreit leidenschaftlicher Meinungen den Versuch gemacht hat, jene Periode ruhiger Würdigung anzutreten, während von anderer Seite freilich der Beweis geliefert wurde, daß LÖBELL mit Recht diese Zeit in weite Ferne herabgerückt sah. (3) Was heute in dem zusammenfassenden Buch GEORG WEBERs als Festschrift zur hundertjährigen Geburtstagsfeier SCHLOSSERs vorliegt, kann nicht als eine eigentliche historiographische Würdigung des Geschichtsschreibers angesehen werden, so erwünscht diese Zusammenstellung des biographischen Materials auch war. Die bisher unbekannt gewesenen Briefe SCHLOSSERs an Frau SCHMIDT geben zwar manche persönliche Aufklärung und nicht zu unterschätzende Winke über sein geistiges Leben, bieten jedoch ihrer Natur nach keinen Einblick in SCHLOSSERs Verhältnis zur Wissenschaft. So dankenswert daher auch WEBERs Festgabe war, so wenig dürfte sie als eine abschließende Würdigung des alten Meisters gelten. In den folgenden Erörterungen kann umso lieber von den biographischen Momenten abgesehen werden, als WEBERs neue Publikation (4) SCHLOSSERs eigene Lebensaufzeichnungen in frische Erinnerung gebracht hat.

Diese Selbstbiographie, im Jahre 1826 verfaßt, muß uns zunächst einen Augenblick beschäftigen (5). Gelehrte entschließen sich nicht allzu häufig zu einer über ihre eigene Entwicklung reflektierenden Darstellung (6). SCHLOSSER, der zur Angabe der Hauptumstände seiner Lebensgeschichte von außen her aufgefordert war, ergriff die Gelegenheit, sich einmal über sich selbst Rechenschaft zu geben. Er schrieb einen Aufsatz, der in mehr als einer Beziehung lehrreich war, und die Hauptquelle für unsere Kenntnis von seinem Innern geblieben ist. Obwohl es ihm eigentlich widerstrebte, sich selbst zu porträtieren, scheint es ihm doch unmöglich gewesen zu sein, eine Reihe von Lebensschicksalen in trockener Chronologie ohne den Nachweis des geistigen Zusammenhangs derselben zu verzeichnen. Indem er schrieb, gestaltete sich seine Selbstbiographie zu einer Erklärung seiner selbst, zu einer recht eigentlichen Bekenntnisschrift. Er verwahrt sich mit mehr als einem Wort gegen die Versuchungen, denen der Selbstbiographie zu unterliegen pflegt, er will nicht der Frosch in der Fabel sein, "der so groß werden will". Er möchte so wenig als möglich sagen und schüttet doch mächtig sein Herz aus. Er glaubt, durch tausend Rücksichten verhindert zu sein, den Gang seines Lebens aufzuschließen, und doch gibt er in jedem Satz ein markiges Urteil über sich selbst, über seine Umgebung, seine Zeit, seine Lehrer, seine Eltern.
    "Ich erkannte früh", sagt er unter Anderem, "daß die deutschen Professoren, Schriftsteller, Gelehrten, Redakteure gelehrter und ungelehrter Blätter sich untereinander darauf verstehen, das Publikum und die Nachwelt zu betrügen und nahm mir vor, mich nie unter eine Menge von eingebildeten Menschen zu mischen, wo der, welcher sich nicht vor Jedem bückt und nicht Partei macht, oder welcher Irgendeinen in seinem eitlen Treiben stört, nur Steinwürfe der Parteimänner und Schmähungen der Gassenbuben, die sich berühmt machen wollen, zu erwarten hat."
Von seinem eigenen Vater versichert er uns, daß es ein rechtes Glück gewesen ist, ihn in seinem sechsten Jahr verloren zu haben. Von der harten Behandlung der Mutter, von den Schlägen seiner Mitschüler, von der Peitsche und den Ohrfeigen "des wackeren ersten Lehrers", von der Mißwirtschaft des Landesherren und der Beamten, von der Roheit des Soldatentums erzählt er uns mit rücksichtslosester Lebhaftigkeit und im Ton von stahlhartem Selbstbewußtsein:
    "Im achten bis zehnten Jahr Szenen sehen, wie die, welche ich sah, unterrichtet werden, wie ich es wurde, Menschen kennen lernen, wie diese, hätte bei stärkeren Leidenschaften und mehr Gelegenheit auszuschweifen, als ich je gehabt habe, sehr viel schaden müssen; an mir ging es vorüber."
Wer diese Selbstbiographie liest und diese Eindrücke nachempfindet, der muß es erraten können, wie dieser Mann Geschichte schreiben wird, auch wenn er kein einziges Buch ihm gelesen hätte. Seine friesische Heimat mag ihm geholfen haben, alle weichliche Regung des Herzens unter die Überzeugung eiserner Notwendigkeiten zu beugen. Das kleine Land Jever war in politischer Beziehung den Launen seines Zerbster Tyrannen gerade so unterworfen, wie die friesische Küste den Stürmen des Meeres und gehörte, da es zur Zeit der Kreiseinteilung keinem Reichsstand untertan war und selbst keine Reichsstadt besaß, noch zur Zeit von SCHLOSSERs Geburt eigentlich nicht zu Deutschland, welches, selbst ein dunkler Begriff, für den Sohn der friesischen Erde stets eine imaginäre Größe geblieben ist (7). Was die heimatlichen Erinnerungen von den Beziehungen zu den benachbarten deutschen Ländern erzählten, kleidete sich in die Tradition despotischer Eroberungsversuche und ungerechter kirchlicher oder politischer Unterdrückung. Der friesische Wahlspruch aber in einem alten Wappen lautete: "Lieber tot als ein Sklave", und diesem Lakonismus eines persönlichen Unabhängigkeitsdrangs, welcher auch SCHLOSSERs Seele erfüllte, hielt nirgends ein größeres Staatsgefühl ruhig wägend, das Gegengewicht. SCHLOSSER besaß wohl eine Heimat, aber kein Vaterland und auch von dieser Heimat kann man nicht sagen, daß er sie übermäßig hochgeschätzt hätte. Ob sich aber aus solchen Jugendempfindungen ein sicherer historischer Standpunkt, insbesondere nach der Seite staatlicher Geschichte entwickeln konnte, müssen wir vorläufig dahin gestellt sein lassen. Denn wenn auch eine Antwort auf diese Frage durch Beispiele aller Zeiten ebenso, wie vielleicht aus naheliegenden Erfahrungen gegeben werden könnte, so träfe uns doch leicht der Vorwurf, an die spätere wissenschaftliche Arbeit des Historikers mit einem vorurteilenden Maßstab herangetreten zu sein.

Wie die deutsche Welt gegen Ende des vorigen Jahrhunderts beschaffen war, lag ihr nichts ferner, als die Grundfesten eines nationalen Staatsbewußtseins aufzusuchen, oder den Mangel davon zu bedauern. Man war von sehr allgemeinen Gesichtspunkten in der Wissenschaft, in der Kunst von sogenannten menschheitlichen Idealen erfüllt. Der konkrete Inhalt menschlicher, gesellschaftlicher, staatlicher Verhältnisse wurde in einer Zeit allgemeiner Erschütterung dem jungen Menschen absolut nur auf dem Weg wissenschaftlicher Theorien oder durch das Medium klassischer Bildung bekannt. Die Wirklichkeit bot nichts von alledem, was jemand, der sich mit ihr historisch oder politisch befassen wollte, brauchen konnte. Phänomenale Erscheinungen im Gebiet des Staates, der Wissenschaft, der Dichtkunst bei völliger Entwertung der kursierenden Ideen und Institutionen, bei zunehmender Geringschätzung herrschender Größen im Gebiet des Geistes und des Staates, forderten zu einer Kritik der Vergangenheit heraus, wie sie bis dahin für die geschichtliche Betrachtung der Dinge als unschicklich erschien. Die Beurteilung von einzelnen Ereignissen von einzelnen Menschen fehlte in keinem Zeitalter der Geschichtsschreibung, die entschiedensten Beispiele dafür lagen aus dem Altertum durch alle Jahrhunderte hindurch vor, daß man aber die Frage über den Wert ganzer Zeiträume der Geschichte aufwarf, war ein Produkt der neueren französischen Literatur, welche nach Deutschland herüberzüngelte (8). Das ganze Mittelalter mit Stumpf und Stiel und seinen bis in die Gegenwart dauernden Einrichtungen als einen baren Unsinn zu erklären, an welchem der denkende Mann kein edles Reis finden durfte, - eine Ansicht dieser Art war so wenig ungewöhnlich, daß es sich SCHILLER zum Ruhm rechnete, ermäßigend zu sprechen und den Versuch gemacht zu haben, den vergangenen Jahrhunderten einige ideale Seiten abzugewinnen (9). Gerade in dem Augenblick, als SCHLOSSER anfing, sich für geschichtliche Dinge zu interessieren, war ohne Zweifel die größte Verworrenheit in Bezug auf alle Beurteilung der Vergangenheit eingetreten. Der Einfluß SCHLÖZERs, GATTERERs, die alte Göttingische Tradition waren vollkommen überwunden, die offizielle wissenschaftliche Vertretung der Geschichte machte auf den jungen Schlosser einen unsäglich schlechten Eindruck. Er bedauerte später, daß er unter den Gelehrten Göttingens PLANCK Unrecht getan hat und versicherte, daß er bei diesem Einzigen kein Bedenken getragen hätte, sich ihm anzuschließen, wenn er ihn früher so gekannt hätte wie später. Von SCHLÖZER spricht er wie von einem abgetanen Mann, von SPITTLER achtungsvoll, doch ohne tiefes Interesse, von allen Anderen mit weniger als zweifelhafter Verehrung (10).

Wo war ein Haltpunkt in dem Labyrinth einer aufgewühlten Literatur, die sich massenhaft dem Knaben schon erschloß und die der junge Mann mit einer fieberhaften Lesewut zu verschlingen fortfuhr. Alte und moderne, französische und deutsche Schriftsteller jeden Fachs hatte SCHLOSSER so frühzeitig und so vollständig durchgelesen, daß wir uns erinnern müssen, wie Ähnliches auch von anderen damaligen jugendlichen Geistern gemeldet wird, um es glaubhaft zu finden (11). Die Unterrichtsmethoden jener Zeit begünstigten im frühesten Knabenalter eine auf das Sachliche gerichtete kursorische Lektüre, die es möglich machte, daß junge Leute, wie RITTER, NIEBUHR in einer Zeit sich bereits einer ansehnlichen Kenntnis der klassischen Welt erfreuten, in welcher unsere heutigen Jünglinge gemeinhin noch nicht über die Einleitungen der philosophischen Gelehrsamkeit und kritischen Verständigung hinweggekommen sind. Daß aber die überhastete Aufnahme eines gewaltigen Stoffes auch manche geistige Nachteil schuf, wird nicht geleugnet werden können, und vielleicht hängt es damit auch bei SCHLOSSER zusammen, wenn ihn neuere Beurteiler so häufig eines Mangels scharfer kritischer Durchdringung seines Gegenstandes anklagten. Aus seiner Selbstbiographie ist man schlechterdings nicht imstande zu ersehen, von welchen Richtungen SCHLOSSER besonders angeregt war, welchen Autoren er mit Vorliebe gefolgt ist, wo er seine eigene Gedankenarbeit am liebsten eingesetzt hat. Seine Bücher und deren Vorreden, welche ohnehin erst in eine Zeit fallen, wo er zum fertigen Mann herangereift war, enthalten nicht das Mindeste, was uns auf die Spuren seiner inneren Entwicklung leiten könnte. Kein Buch, kein Gelehrter, kein Lehrer wurde je von SCHLOSSER irgendwo vorzugsweise als Leitstern seiner Bildung, seiner Weltanschauung bezeichnet. So überraschend indessen diese Erscheinung uns bei einem Schriftsteller von so ausgeprägten, festen und unbeugsamen Überzeugungen entgegentritt, so wenig ungewöhnlich ist dieselbe bei den meisten Historikern vom Fach. Philosophen, Juristen, Medizinern liegt es viel näher, und es ist unter ihnen ein althergebrachter Gebrauch, die Beziehungen zu nennen, in welchen sie zu ihren Vorgängern stehen, das System zu bezeichnen, an welches sie sich halten. Der moderne Historiker dagegen wird in sich selbst eine gewisse Abneigung erziehen, sich von irgendetwas Anderem abhängig zu machen, als von dem, was er seine Quellen nennt. Man wird nicht gerade behaupten wollen, daß er darauf angewiesen ist, den Urgrund seiner Überzeugungen und Urteile zu verstecken, aber sicher widerstrebt es der Natur seiner Wissenschaft, sich wie der Mediziner als einen Homöopathen, wie der Philosoph als Hegelianer kurzweg zu bezeichnen. Zugleicht liegt es in der Entwicklung der historischen Wissenschaft, als solcher, daß sie die Krücken vollends ablehnt, die sie nur zu lange Jahrhunderte hindurch teils der Theologie, teils der Jurisprudenz entnommen hatte und die sie verhinderten, völlig frei und selbständig einherzuwandeln. Wenn man SCHLOSSER zuweilen damit zu bezeichnen glaubte, daß man ihn zum Vertreter einer sogenannten subjektiven Richtung der Geschichtsschreibung machte, so hat er mit den Objektiven doch jedenfalls das gemein, daß er für seine historische Arbeit auch seinerseits nichts als historische Quellen und nur diese anzunehmen gestattete. Liegt hierin aber nicht eine gewisse Täuschung? Sollten jene geistigen Zuflüsse, welche aus anderen Reihen von Gedanken zur historischen Quellenarbeit hinzugekommen sind, nicht einer sehr aufmerksame Beachtung verdienen, und setzt nicht jede geschichtliche Mitteilung einen persönlichen Geist voraus, der aus den mannigfaltigsten Eindrücken, Erfahrungen und Urteilen zusammengesetzt und zu einem Individuum gestaltet worden ist?

Nun ist es wahr, daß die Ansichten darüber wie der historische Geist beschaffen sein soll, eben sehr auseinander gehen, und während die einen sich ihn lieber als einen glatten Spiegel denken, werden Andere von ihm die prismatische Gestalt fordern, welche die Strahlen der Sonne kritisch zerlegt. Aber für die Einen wie für die Anderen muß es doch feststehen, daß es gutes und schlechtes Glas gibt und daß jenes, welches aus schlechter Fabrik kommt, sich weder zum Spiegel noch Prisma eignet.

Unter den dürftigen und dabei sehr ungeordneten Angaben, die uns über SCHLOSSERs Lektüre vor jener Zeit, in welcher er schriftstellerisch aufgetreten ist, belehren könnten, fällt die mehrfache Betonung seiner Beschäftigung mit der spekulativen Philosophie auf. Es ist nicht zufällig, daß er seine geschichtlichen Studien häufig in Verbindung mit seiner Lektüre der philosophischen Werke erwähnt: "neben der Geschichte hat er besonders Plato und Aristoteles gelesen". Ein andermal hebt er hervor, daß er die deutsche Philosophie recht ab ovo [vom Ei weg - wp] studieren wollte. Bevor er an KANT ging, wollte er sich von CRUSIUS für das Verständnis desselben vorbereiten lassen. Endlich heißt es:
    "Ich studierte die drei Kritiken, hernach auch die anderen Schriften Kants und ging nachdem ich die Kritik der reinen und praktischen Vernunft noch einmal gelesen hatte, zu Fichte und später zu Schelling über. Wohl merkte ich indessen, daß ich so wenig ein spekulativer als ein mathematischer Kopf bin."
Beachten wir noch SCHLOSSERs Vorliebe für THUKYDIDES, den er dreimal hintereinander gelesen zu haben versichert, und seine immerwährende Betonung der alten Literatur neben der kantischen Philosophie, so wird man vielleicht schon nach diesen biographischen Selbstbekenntnissen in diesem Stadium der Entwicklung die Geburtsstunde der SCHLOSSERschen Geschichtsschreibung erblicken können. Was sich ihm als historiographisches Ideal vor die Seele stellte, war eine Verbindung der antiken Muster mit kritischer Philosophie, die antikisierende Richtung auf das Gegebene und Tatsächliche und die historische Verwertung des kategorischen Imperativs. Es mag vorläufig dahin gestellt sein, ob sich auch in SCHLOSSERs späteren Werken diese elementare Verbindung zweier geistiger Strömungen wiederfinden lassen wird, aber gewiß darf es als charakteristisch gleich hier noch angeführt werden, wie eifrig SCHLOSSER auch noch in späten Jahren SCHILLERs historische Bücher empfohlen hat, zu einer Zeit, wo es schon als ein Zeichen historischer Gelehrsamkeit galt, über des Dichters Geschichtsschreibung mitleidig zu lächeln (12). Auf die Frage, welche guten historischen Bücher die Jugend lesen soll, antwortet SCHLOSSER der Frau SCHMIDT: "Lesen Sie, wenn Sie das auch schon oft gelesen haben, Schillers "Geschichte des dreißigjährigen Krieges" und Schillers "Geschichte der vereinigten Niederlande". Ist es nicht sichtlich der alte Kantianer, der noch an SCHILLER, WOLTMANN, SARTORIUS Gefallen fand und diese Muster gesinnungsreicher Geschichtsschreibung der Jugend als Leitfaden sittlicher Erziehung und politischer Moral empfahl? Und ganz übereinstimmend mit dieser Auffassung ist wohl, wenn ihm besonders MÜLLERs "Schweizergeschichten" mißfielen, weil sie nicht hinlänglich auf die Anerkennung des allgemeinen Sittengesetzes, einer feststehenden Moral begründet waren (13). In diesem Sinne ist es auch ganz richtig, wenn ein neuerer Beurteiler SCHLOSSERs bemerkt, daß die Geschichte nur "insofern ein Interesse auf ihn ausübte, das zur Forschung reizte, wenn er durch die Darstellung irgendeiner Epoche sittliche Zwecke erfüllen kann". Als ungenau möchte es aber bezeichnet werden dürfen, wenn an demselben Ort hinzugefügt wird,, daß diese sittlichen Grundsätze "nach den verschiedenen Bedürfnissen der ihn umgebenden Gegenwart modiziert" hätten (14). Es war vielmehr immer derselbe kategorische Imperativ, der sich jedem geschichtlichen Ereignis und jeder geschichtlichen Person gegenüber stellte, und wenn man SCHLOSSER eine gewisse Veränderlichkeit in seiner sittlichen Beurteilung zum Vorwurf machen wollte, so vergaß man, daß er eben auch hierin ein Kind seiner Zeit, der Zeit des vorigen Jahrhunderts, ihrer Philosophie und ihres formalen Sittenprinzips war, eines Prinzips, welches sich mit größter Leichtigkeit auf die Geschichte anwenden ließ und von welchem eine starke, entschlossene Natur so erfüllt sein konnte, daß ihr der Unterschied zwischen der apriorischen Philosophie und der geschichtlichen Erfahrung ganz aus dem Bewußtsein verschwunden ist. Wir sehen diese Erscheinung bei SCHILLER ebenso wie bei SCHLOSSER, da beide, so sehr sie in der Bearbeitung ihres Materials verschieden sein mögen, doch in Bezug auf ihre Grundanschauungen unmittelbar zueinander gehören. SCHILLER blieb daneben immer der Dichter, SCHLOSSER der Träger einer vasten [gewaltigen - wp] Gelehrsamkeit und Lektüre, aber in der Geschichte der Historiographie fallen beide unter die gleichartigsten Gesichtspunkte der Entwicklung und stehen dicht aneinander geschlossen da. Aus dieser Grundlage des Denkens entspringt es, wenn sich die historischen Dinge im Geist des Geschichtsschreibers zu lauter Problemen zuspitzten, welche auf den ersten Blick ganz außerhalb der historischen Erfahrung und Aufgabe zu stehen scheinen. Auch hier hatte die neuere Beurteilung ein ansich ganz richtige Beobachtung in der SCHLOSSERschen Geschichtsschreibung zu einem wenigstens nicht allseitig begründeten Tadel benutzt. Es ist ja richtig, daß SCHLOSSERs Lösung historischer Fragen meistens durch die Hereintragung von solchen Größen in die Rechnung gewonnen ist, welche nicht gegeben waren, aber der Fehler lag sicher nicht darin, daß das Problem überhaupt aufgestellt wurde, sondern darin, wie es gefaßt und gelöst wurde. Daß die Frage erhoben, daß das Verhältnis, in welchem die historische Tatsache zu unserer Einsicht von ihrem Wert steht, rückhaltlos ins Auge gefaßt ist - darin liegt doch sicherlich ein Moment des wissenschaftlichen Fortschritts; daß aber die Wertbemessung nicht Stich hält, dies ist es doch wohl, was zur Besserung auffordert. Es mag später noch gestattet sein, im Hinblick auf SCHLOSSERs besonderen Werke diese Dinge weiter und im Einzelnen zu erörtern; hier, wo es nur darauf ankommen sollte, die allgemeinen Grundlagen seiner geistigen Natur festzustellen, mag es hinreichen zu bemerken, daß mit einer einfachen Verwerfung und Verdammung jener SCHILLER-SCHLOSSERschen Geschichtsauffassung nichts getan ist, sondern daß es darauf ankommt, den Rechnungsfehler zu finden und ihn wirklich zu verbessern. Wer sich von vornherein auf den Standpunkt stellt, zu sagen, wir Historiker wollen überhaupt all jene geschichtlichen Abrechnungen nicht, welche die Wissenschaft, angeregt durch die große philosophische Bewegung des vorigen Jahrhunderts, heute fordert, der macht sich die Beurteilung der gesamten neueren Historiographie freilich sehr leicht; er täte aber vielleicht besser, zu den alten Annalisten zurückzukehren, obwohl man ihm nicht versprechen kann, daß er nicht auch da vom sogenannten Subjektivismus, wohl auch von der sichtbaren Hand Gottes und von ähnlichen außerhalb der geschichtlichen Erfahrung liegenden Dingen fortwährend schwer belästigt werden wird.

Der Fortschritt der neueren Wissenschaft liegt darin, daß sie im Gegensatz zu der theologisch, politisch und sozial stark unterbundenen mittelalterlichen Geschichtsauffassung alle Fragen des historischen Werdens, so wie die des geschichtlichen Wertes als Probleme behandelt, die erst noch zu lösen sind. Die begriffliche Veränderung, welche die Philosophie des vorigen Jahrhunderts im ganzen Gebiet der menschlichen Ideen und Handlungen hervorgebracht hat, ist auch die Grundlage der neueren Geschichtsschreibung, und hier ist es Schlosser, der das Verdienst hat, am allerdurchgreifendsten die Beseitigung der alten Vorstellungen der Geschichte anhand der Philosophie in praktischer und pragmatischer Erzählung veranlaßt zu haben. (15) Daß man über diese Stellung SCHLOSSERs in der deutschen Historiographie nicht schon früher in unbefangener Weise eine allgemeinere Verständigung zu erzielen vermochte, liegt zum Teil darin, daß die Chronologie seiner Werke, seines Lebens überhaupt, nicht ganz parallel mit der entsprechenden allgemeinen Entwicklung der Literatur läuft, sondern um einige Jahre zurückbleibt. Indem er sich in verhältnismäßig späten Lebensjahren zu schriftstellerischer Produktion durcharbeitete, in ungewöhnlich vorgerückten Jahren eine akademische Lehrtätigkeit begann und zur Vollendung seiner Hauptwerke erst in einer Zeit gelangte, wo auf den Höhen bereits ein sehr verschiedener Luftstrom herrschte, geschah es, daß man sich über seine Stellung und Bedeutung nicht leicht zu orientieren vermochte, und daß um seine Seele gewissermaßen ein Kampf zwischen einer älteren und einer jüngeren Generation der Geister entstand, der zu den unpassendsten Vergleichungen, zu den unseligsten Mißverständnissen führte. Hätte SCHLOSSERs Lebensgang sich nicht einigermaßen verspätet, so hätte seine Universalgeschichte in unmittelbarem Anschluß an HERDERs Ideen erscheinen müssen und sein 18. Jahrhundert wäre zu der Zeit, wo es im Gedanken konzipiert war, auch nach jeder Richtung hin von epochemachender Bedeutung gewesen. Als seine Werke aber wirklich erschienen, konkurrierten sie bereits mit Erscheinungen von solchen, die unter anderen Sternen herangewachsen waren. Wohl aber ist es ganz begreiflich, daß jemand, der die Entwicklung der Historiographie recht lebendig nachempfunden und gewissermaßen von der Zeit abstrahiert hat, indem er den alten Meister immer noch an der Wende des Jahrhunderts stehen sah, ganz erfüllt von der epochemachenden Bedeutung seiner Werke wurde, und den ungeheuren Schritt in der Geschichtswissenschaft mit nichts Anderem vergleichbar finden mochte.

War es unter diesen Umständen nicht eine leicht zu verstehende und beherzigenswerte Wahrheit, wenn SCHLOSSERs letzte Äußerungen wie eine Erklärung geklungen haben, daß er die Welt nicht mehr versteht, und wenn er das offene Eingeständnis machte, die moderne Zeit sei ihm und er der Zeit ganz fremd geworden?

Doch kehren wir zurück zum Anfang von SCHLOSSERs geschichtsschreibender Tätigkeit und zu seinen ersten Werken. Ganz genau läßt sich zwar nicht ermitteln, wie er zu seinem "Abälard und Dulcin" im Jahre 1807 gekommen ist, aber daß er durchaus mit philosophischen Studien beschäftigt gewesen ist, erzählt er in seiner Selbstbiographie. Eine sehr merkwürdige Bemerkungen über das Verständinis des Mittelstandes, zu welchem niemand ohne genaue Kenntnis des ARISTOTELES befähigt sein kann, dürften uns, nach dem früher Gesagten, nicht überraschen, werden aber schwerlich auf den heutigen Betrieb unserer Geschichtsstudien des Mittelalters einen sehr großen Einfluß nehmen (16). Es kommt uns hier nur darauf an, zu zeigen, wie im Kleinen und Kleinsten sich die Ausgangspunkte von SCHLOSSERs Geschichtsschreibung nachweisen lassen und wie sie überall auf ihre philosophische Grundlage zurückzuführen sind: Von der Kirchenhistorie und den Scholastikern zu ARISTOTELES, von ARISTOTELES zu ABÄLARD. Gewissenhaftigkeit und Ernst wird wenigstens diesem Studiengang auch von unserenn heutigen sogenannten exakten Forschern des Mittelalters nicht abgesprochen werden können, welche die Idee gewiß recht sehr belächeln mögen, daß man den ARISTOTELES erst lesen sollte, um Autoren des 12. Jahrhunderts zu behandeln. Für uns mag diese methodische Frage vorläufig offen gelassen werden, das geschichtliche Bedürfnis der klassischen Literaturepoche aber war unzweifelhaft philosophischer Natur und spekulativen Ursprungs; sich speziell bei SCHLOSSER über diese allgemeine Grundstimmung historischer Denker zu verwundern, hieße wahrlich einen Beweis der Unkenntnis des literarischen Geistes in Deutschland in der kantischen und nachkantischen Epoche geben. Auch die zunächst in Angriff genommenen Arbeiten über THEODOR BEZA und PETER MARTIR VERMILI tragen das Gepräge eines vorwiegend auf die sittlichen und religiösen Fragen gerichteten Interesses ansich, obwohl SCHLOSSER zu diesem Stoff nicht auf dem Weg des eigenen Studiengangs, sondern durch äußere Anregung gelangt war. Er erhielt durch den Generalsuperintendenten LÖFFLER in Gotha "den kostbaren Band handschriftlicher Briefe der Reformatoren", welchem er das bis dahin fast gänzlich unbekannte Material entnommen hat. Seine theologische Vorbildung machte ihm mögliche, den Gegenstand in außerordentlich kurzer Zeit zu erledigen, seinen Standpunkt bei der Darstellung desselben aber zu begreifen, wird wieder nur dann gelingen, wenn man sich an das lebhafte Eindringen des kantischen Rationalismus in die Theologie jener Zeit erinnert. So heißt es in der Einleitung zum "Beza":
    "Da der positiven Religion und dem positiven oder dogmatischen Teil der christlichen Religion besonders eine gänzliche Veränderung zu drohen scheint, so ist es allerdings jetzt eine ungünstige Periode, um das Andenken an Männer zu erneuern, die im 16. Jahrhundert mit heißem Eifer die reine Bibellehre als einzige göttliche Offenbarung zu verteidigen und an die Stelle eines leeren Zeremonienmeisters zu setzen sich bemühten."
So bestimmt sich SCHLOSSER selbst nun aber zu einem Gottesglauben bekennt, der sich von demjenigen seiner "Glaubenshelden" nicht unwesentlich unterscheidet, so bemüht er sich in diesem frühen Werk mehr,, als er es später getan hat, sein eigenes Urteil über jedes einzelne zurückzudrängen. In der Einleitung beruhigt er sich über die Verschiedenheit seines Standpunktes:
    "Selbst wenn wir glauben, daß die Männer, von denen hier die Rede ist, Dinge verfolgten und suchten, die der Mühe des Verfolgens nicht wert waren, so werden wir uns doch daran erinnern müssen, daß das Ziel des Strebens unserer Zeit, sinnlicher Genuß, gewiß eben nicht mehr wert ist."
Die Darstellung des Buches selbst aber ist von einer von SCHLOSSERs späterer Manier sehr abstechenden Ruhe und Mäßigung. Daß ihm dies übrigens im Beza so gut gelungen ist, kam wohl auch daher, weil er sich der Darstellung der verdrießlichsten theologischen Händel, die seiner Auffassung der Dinge sich am stärksten widersetzten, durch einen angenehmen Hinweis auf GOTTLIEB JAKOB PLANCKs "Geschichte des protestantischen Lehrbegriffs" ein- für allemal zu entledigen verstand.

Ganz anders schon tritt die Natur und Persönlichkeit des Geschichtsschreibers in der "Geschichte der bilderstürmenden Kaiser des oströmischen Reichs" hervor, welche SCHLOSSER noch in seinen späten Jahren gerne als sein bestes Werk bezeichnet hat. Betrachten wir zunächst die Art der Beurteilung der Personen, so zeigt sich hier schon die ganze Strenge und Unerbittlichkeit eines fortwährend tätigen Sittenrichteramts. Die ethischen Gesichtspunkte drängen sich in der bekannten Manier SCHLOSSERs in den Vordergrund. Wie LEO der Isaurier zurechtgewiesen wird, erinnert an die Strafreden der Geschichte des 18. Jahrhunderts. Es ist das ewig wiederkehrende Richtmaß, welches keine menschliche Handlung ungemessen, ungeahndet läßt. Richten wir aber unsere Blicke mehr auf die allgemeine geistige Atmosphäre, in welcher die "Geschichte der bilderstürmenden Kaiser" sich bewegt, so mag es vielleicht als ein verwegender Gedanke erscheinen, wenn wir auch in der Auffassung dieser entlegenen Materie Anklänge an die Philosophie des vorigen Jahrhunderts zu hören meinen, doch verdient es erwähnt zu werden, daß KANT in seiner Weise einmal im "Streit der Fakultäten" auf die Dreieinigkeitslehre und ihre dogmatischen Abwandlucnen zu sprechen kommt. In der Abhandlung "Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft", welche zu dem bekannten scharfen Reskript [amtliche Verfügung - wp] König FRIEDRICH WILHELMs II. Anlaß gegeben hat, war zuerst der durchgreifende Unterschied von Kirchenglauben und Religionsglauben, die Wertlosigkeit jenes für das Praktische, der absolute Wert von diesem für die Gesellschaft, für den Staat nachgewiesen (17). Länger als eine Generation hindurch war das Gewissen der philosophischen Fakultät - um mit KANT zu reden - durch diese kritische Sonderung eines, wie es schien, sich selbst widersprechenden Begriffs beruhigt. Eine aufrichtige, man könnte sagen, fromme Verehrung für das, was "innerhalb der Grenzen der Vernunft" die Religion zu leisten vermochte, und eine scharfe Opposition gegen das, was der Kirchenglaube in seinen Abwandlungen fordert, waren die Resultate dieser kantischen Lehre in der Grundstimmung der meisten und hervorragendsten Männer der Zeit. Die Entschiedenheit, mit welcher KANT im "Streit der Fakultäten" die Wertschätzung der fundamentalsten Glaubenssätze auf ihre Wirkung für das jeweilig Praktische und Moralische zurückführte, ist, wenn man die Geschichtsschreibung in jener Zeit ins Auge faßt, auf die Urteile SCHLOSSERs in den "bilderstürmenden Kaisern" übergegangen.

Was wollte SCHLOSSER mit der Darstellung einer entlegenen Zeitperiode, welche durch den größten Meinungskampf in der spekulativen Dogmatik ausgezeichnet ist, eigentlich gesagt haben? Was war seine eigene Ansicht über die dogmatische Spekulation? Charakteristisch genug für ihn ist es, daß er sich fast nie mit der begrifflichen Deduktion der streitigen Lehren des 7. und 8. Jahrhunderts lange aufhält; er verweist die Lehre nicht nur aus Bequemlichkeit auf die gangbaren Kirchen- und Dogmengeschichten, es widerstrebt ihm, sich in die Irrgänge der dogmatischen Spekulation zu verlieren, aber er vernichtet sie durch die Erzählung der Tatsachen und durch ein rücksichtsloses Urteil über die handelnden Personen. Wenn man die Geschichte der "bilderstürmenden Kaiser" auf ihren allgemeinen philosophischen Gehalt zurückführen wollte, so könnte man das Werk vielleicht als den Nachweis bezeichnen, daß der religiöse Lehrsatz an und für sich so gut wie gar keine Bedeutung besitzt, sondern daß nur aus dem moralischen Sinn, welcher in die Glaubenssätze hineingelegt und aus dem sittlichen Erfolg, der durch ihre Verbreitung gewonnen wird, auf ihren Wert oder Unwert geschlossen werden kann.
    "Der Glaube an Schriftlehren, die eigentlich haben offenbart werden müssen", so sagt Kant, "wenn sie haben gekannt werden sollen, hat ansich kein Verdienst und der Mangel desselben, ja sogar der ihm entgegenstehende Zweifel ist ansich keine Verschuldung, sondern alles kommt in der Religion auf Tun an und diese Endabsicht, folglich auch ein dieser gemäßer Sinn muß allen biblischen Glaubenslehren untergelegt werden."
Und weiter:
    "Nehme ich das Glauben ohne diese moralische Rücksicht bloß in der Bedeutung eines theoretischen Fürwahrhaltens, z. B. dessen, was sich auf dem Zeugnis Anderer geschichtsmäßig gründet oder auch, weil ich mir gewisse gegebene Erscheinungen nicht anders, als unter dieser oder jener Voraussetzung erklären kann, zu einem Prinzip an, so ist ein solcher Glaube, weil er weder einen besseren Menschen macht, noch einen solchen beweist, gar kein Stück der Religion", usw. (18)
Ist es nicht auch durch und durch die Grundanschauung SCHLOSSERs in allen religiösen Fragen den moralischen Wert zum Maßstab ihrer Beurteilung zu machen? Kann man eine deutlichere Verwandtschaft in geistigen Dingen finden als die zwischen SCHLOSSERs Urteilen und jenen kantischen Sätzen? SCHLOSSER selbst, der zur Kenntnis des Mittelalters den ARISTOTELES für erforderlich hält, würde ohne Zweifel wenig gegen unser Resultat einzuwenden haben, daß zu seinem Verständnis fast überall KANT und seine Philosophie nötig erscheint.

Hier ist also die Quelle der von GERVINUS so oft und so volltönend gepriesenen "sittlichen Kritik", welcher "ganz innerliche mit seinem Charakter tief zusammenhängende Motive" zugrunde liegen sollten. Hätte man sich bemüht, unseren Geschichtsschreiber weniger wie einen aus sich selbst herauswachsenden Baum, als vielmehr wie einen mitten in der Literatur und Bewegung seiner Zeit stehenden Denker zu betrachten, so konnte man sich viel Streit ersparen. Es war ein allgemeiner Vorzug, oder, wie Andere sagen würden, ein allgemeines Übel, daß fast alle Gelehrte seiner Zeit in der kritischen Philosophie wie festgewurzelt waren, mit welcher Disziplin der Wissenschaft sie auch sonst beschäftigt gewesen sein mögen. Auch SCHLOSSERs zäher, festhaltender und ausdauernder Sinn hielt das, was ihm jede Ader einst in der Jugend erfüllte, bis in sein spätestes Alter fest, als in der Philosophie der Andern der kritische Formalismus, in der Theologie der Rationalismus, in der Jurisprudenz das Vernunftrecht längst überwundene Standpunkte und in der Geschichtswissenschaft selbst das Hervorkehren prinzipieller Fragen und kategorischer Urteile kaum mehr verständlich gewesen waren. Wenn sich aber mehr als fünfzig Jahre danach die Jüngeren über den Mann entzürnten, den sie sich "persönlich als eine mürrischen Sauertopf von kleinmeisterlicher Grämlichkeit" vorgestellt haben, und wenn sie in seinen Schriften nichts "als eine moralischen Splitterrichter" erkennen wollten,
    "der für die politische Größe der Menschen keinen Sinn hat, der über die ausgezeichnetsten Männer der Geschichte in schnöder Verächtlichkeit abspricht, engherzig und einseitig alle Gattungen von Verdiensten mißkennt, die nicht in die Linie seiner eigenen Befähigung oder Neigung fallen",
so muß man GERVINUS darin beistimmen, daß eine solche Beurteilung des Historikers eine sehr oberflächliche und ungerechte war. Allerdings haben wir ein Recht gegen die Hereintragung von Prinzipien in die Geschichtswissenschaft Einsprache zu erheben, welche nicht aus den erkennbaren Tatsachen der Geschichte fließen, allerdings mußte sich die Geschichte als Wissenschaft ebenso dagegen sträuben in einem heimlichen Dienstverhältnis zur kritischen Philosophie zu stehen, wie sie noch kurz vor jener Epoche die Fesseln theologischer Voraussetzungen gewaltsam zu durchbrechen suchte, aber die gewonnene Einsicht in das Wesen von SCHLOSSERs Geschichtsschreibung sollte uns umso vorsichtiger und sorgfältiger in der Überlegung dessen machen, was eigentlich sein Fehler war, worin der Irrtum lag und wo die Besserung zu suchen wäre. Denn das wird man doch dem Historiker im Ernst nicht zum Vorwurf machen wollen, daß er seine Wissenschaft von Prinzipien getragen glaubt, daß er ein Maß für das Urteil über Menschen und Dinge anstrebt, daß er eben all das sucht, was die Wissenschaft erst zur Wissenschaft macht. Es ist wahr, daß uns hierbei die Anwendung irgendeines fertigen Systems, die bloße Applikation [Anwendung - wp] anderweitig geformter Begriffe wenig nützen kann, aber haben wir denn ein Recht, uns gar so hoch über jene Irrtümer erhaben zu dünken, sind wir mittels unserer neueren Methoden zu einer besseren Leistung der großen Probleme der Geschichtswissenschaft gelangt, oder soll darin der gepriesene Fortschritt liegen, daß Einige glauben, die Geschichte in ein Lexikon antiquarischer Merkwürdigkeiten auflösen zu sollen?

Es mag uns gestattet sein, später noch einmal auf diese Dinge zurückzukommen; wollen wir hier die Betrachtung von SCHLOSSERs eigenster Entwicklung und Leistung nicht allzusehr unterbrechen, so ist zunächst nach einer anderen Seite ein Blick auf den Stand der historischen Literatur gegen Ende des vorigen Jahrhunderts, zu werfen. Wenn sich in den ersten selbständigen Werken SCHLOSSERs Probleme religiöser und dogmatischer Art mit Vorliebe behandelt finden, so trat die Frage, wie er sich zu den universalhistorischen Systemen verhält, umso bestimmter an ihn heran, je mehr er sich auch äußerlich und berufsmäßig dem historischen Fach zugewendet hat.
LITERATUR Ottokar Lorenz, Friedrich Christoph Schlosser und über einige Aufgaben und Prinzipien der Geschichtsschreibung, Sitzungsberichte der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, philosophisch-historische Klasse, Bd. 88, Heft 2, Jahrgang November 1877
    Anmerkungen
    1) Als Ausgangspunkt der heftigen Gegensätze, welche die Geschichtsschreiber Deutschlands eine Zeitlang in zwei Parteien teilten, gilt gewöhnlich Gervinus' Schrift über die "Grundzüge der Historik", Leipzig 1837, worin weniger der Seite 82 vorkommende Satz: daß man Schlossers Werke allein in der Literatur als Früchte des allgemeinen europäischen Lebens nennen kann, als vielmehr das, was er über die pragmatische Geschichtsschreibung Seite 53f bemerkte, Anlaß zu einem leidenschaftlichen Streit gab. Darüber wurde dann nur zu sehr übersehen, wie vieles Vortreffliche in der kleinen Schrift steht. Nur darf man darin kein konsequentes System suchen. Gervinus windet sich mühsam von den ästhetisierenden Gesichtspunkten Humboldts los und steckt überall in der apriorischen Philosophie, die er aber verwirft, tief drin. Im Jahr 1844 hat Wuttke im Grenzboten, Nr. 18 einen wenig unterrichteten Artikel über Schlosser geschrieben, zu dessen Verurteilung damals auch Buchhändlerspekulationen in abscheulichster Weise mitwirkten.
    2) Als nach dem Tod Schlossers Gervinus' seinen "Nekrolog", Leipzig 1862, veröffentlichte, in welchem ohne ein tieferes Eingehen auf die Prinzipienfragen eine weit über ein billiges Maß hinausgehende Vergleichung zwischen Schlosser und Ranke in der Art geliefert wurde, als hätte die heutige Geschichtsschreibung nichts Anderes zu tun, als in den Bahnen Schlossers fortzuwandeln, antwortete Löbell, leider anonym, wodurch die Gehässigkeit des Streits noch mehr hervortrat. (Briefe über den "Nekrolog" Friedrich Christoph Schlossers von G. G. Gervinus.) Die bezeichnete Verurteilung besonders im neunten Brief, Seite 33f. Einen ruhigeren Artikel lieferte dagegen Rudolf Haym im "Preußischen Jahrbuch", Bd. IX, Heft 4, im April 1862.
    3) "Zur Beurteilung Friedrich Christoph Schlossers" in Sybels "Historischer Zeitschrift", Bd. 8, Seite 117-140; vgl. auch Bernhardt über Löbell in der neuen Ausgabe "Zehn Bücher Geschichten" des Gregor von Tours.
    4) "Friedrich Christoph Schlosser", der Historiker. Erinnerungsblätter aus seinem Leben und Wirken, eine Festschrift zu seiner hundertjährigen Geburtstagsfeier, Leipzig 1876. Auch Weber kommt nochmals auf den Vergleich von Schlosser und Ranke zurück, erinnert an den Goethe- und Schiller-Streit und tröstet sich, wie es scheint, nicht in glücklichster Analogie damit, daß die heutige Zeit beide verehrt. Allein die Geschichtswissenschaft hat in ihren Produktionen gewiß wenig Ähnlichkeit mit der Unvergänglichkeit der Poesie, obwohl man immer wieder in Humboldt-Gervinus'scher Weise gerne von der Kunst spricht, wenn man das Geschäft der Geschichtsschreiber beschreibt. Der von Weber im Jahre 1862 in "Unsere Zeit" ebenfalls als Nekrolog veröffentlichte Artikel ist sachgemäß und lehrreich und unterschied sich damals wohltuend von den leidenschaftlichen Ausbrüchen der anderen Nekrologisten.
    5) Weber, a. a. O. wieder abgedruckt aus den "Zeitgenossen" 1826. Wir sind weit entfernt, hier auf das Biographische irgendwie eingehen zu können, oder zu wollen. Nur was die innere geistige Entwicklung Schlossers betrifft, so gehört es zu unserem Gegenstand; doch möge es gestattet sein, einer Mitteilung des Herrn August Oncken hier zu gedenken, welcher mir versicherte, daß in Varel, wo Schlosser Hofmeister bei Bentinck-Knyphausen war, die Tradition vorhanden war, die Bürger der Stadt hätten Schlosser als Domestiken des Grafen die Aufnahme in den Club verweigert, was vielleicht Ursache zu dessen plötzlichen Abbruch seiner Verhältnisse in Varel gegeben haben mochte.
    6) Gervinus führt auf diesen Umstand (Grundzüge der Historik, Seite 13) sehr schön die Tatsache zurück, daß über Historik und Historiographie gerade von den bedeutendsten Historikern am unliebsten und seltensten geschrieben wird. Hier ist der Vergleich mit dem Künstler vielleicht passender angebracht als sonst. Vollends beistimmen muß man ihm aber, wenn er sagt: "Der Geschichtsschreiber liebt das Nachdenken über sein Geschäft so wenig wie der Künstler. Und dennoch ist es unserer neuesten Zeit so natürlich, über ihre Bestrebungen sich Rechenschaft zu geben, das was sie tut, mit Bewußtsein tun zu wollen, daß man nimmer mehr zweifeln darf, ob es heute noch Jemandem gelingen wird, in Kunst und Wissenschaft große Produktionen zu liefern, ohne sich über seine Leistungen und sein Verfahren von Zeit zu Zeit klar zu machen." Wie viel mehr muß man heute diesen Satz wiederholen, wo es an den meisten Orten in Deutschland Mode geworden ist, solche Dinge, wie sie in der Historik abgehandelt werden, als Allotria [Albernheiten - wp] zu behandeln.
    7) Weber, Schlosser, Seite 4. Er erwähnt aber gar nicht, daß Jever nicht zu Deutschland gehörte, was gleichwohl vollkommen sicher ist, vgl. Berghaus, "Deutschland seit hundert Jahren", Bd. 2, Seite 210f. Ich lege Wert auf diesen Umstand, weil Gervinus sich Mühe gibt, es zu erklären, warum Schlosser "das ganze Gebiet der Geschichte durchwandert und nur der deutschen den Rücken gekehrt" hat. Gervinus weiß die seltsamsten prinzipiellen und wissenschaftlichen Erklärungen hierfür. Aber daß es dem Kosmopoliten des vorigen Jahrhunderts schon seiner Geburt nach an eigentlich nationaler Anregung fehlen mußte, ist nicht bemerkt.
    8) In dieser großen Revolution der Geschichtsschreibung, welche zu Urteilen über ganze Zeiträume sich aufschwang, meiner Ansicht nach die tiefgreifendste Veränderung gegenüber der gesamten Chronistik und Epochengeschichtsschreibung des Mittelalters, ging bekanntlich Voltaire voraus: "de voir par quels degrés on est parvenü de la rusticité barbare de ces temps à la politesse du nôtre" [um zu sehen, in welchem Maße wir von der barbarischen Rustikalität jener Zeit zur Höflichkeit unserer Zeit gelangt sind - wp] heißt es in den "Fragmentes sur l'histoire, oeuvre XXVII, Seite 214. Verfolgt man ferner den Gedankengang in dem "Essai sur les moeurs", so wird man (insbesondere oeuvres XVI, Seite 412) die Auseinandersetzung über das Lehenswesen und seinen Verfall, leicht den Übergang zu Schillers bezüglichen Abhandlungen finden. Voltaire las Schlosser hauptsächlich in der Frankfurter Zeit - und zwar eben dessen historische Schriften vorzugsweise.
    9) Vgl. Tomaschek, "Schiller in seinem Verhältnis zur Wissenschaft", Seite 92f, wo die Analyse des Aufsatzes über Völkerwanderung, Kreuzzüge und Mittelalter trotz der Bemerkungen Janssens "Schiller als Historiker", Seite 134 in allen Punkten aufrecht stehen wird. Herr Janssen kann es freilich nicht begreifen, wie man im Mittelalter von Finsternis reden kann, - weil sich dieser überhaupt einen Standpunkt des menschheitlichen Fortschrittes, von dem eben jene Leute ausschließlich die Geschichte betrachtet wissen wollten, nicht denken kann. Wir sind unsererseits auch nicht der Ansicht, daß dieser Standpunkt der historisch brauchbare ist, aber wir begreifen schon recht gut, warum Schiller mit den vulgären Ansichten über das Mittelalter übereinstimmte, jedenfalls war dieser Bruch mit der bisherigen Historiographie, wie er von Schiller bezeichnet ist, das einzige Mittel, um aus dem Mittelalter herauszukommen und eine moderne Geschichtswissenschaft möglich zu machen.
    10) Bekanntlich studierte Schlosser Theologie; ich glaube aber auf diesen Umstand in Bezug auf seine innere geistige Entwicklung gar kein Gewicht legen zu sollen, da dies ja noch der gewöhnliche Studiengang vieler Lehrer und Gelehrter zu sein pflegte. Nachwirkung theologischer Art findet sich nur einigermaßen in Hinsicht auf die später gewählten Themata historischer Arbeiten, was im Übrigen die enorme Mißachtung, in welcher die Göttinger Professoren "de Kerls" standen, betrifft, so kann man Eilers "Meine Wanderungen", Bd. 1, Seite 86f lesen. Auch Voss verachtete insbesondere Heyne.
    11) Die Lesewut der jungen Leute im vorigen Jahrhundert kann man aus der Biographie Schlözers, Ritters, Alexander von Humboldts, Niebuhrs wie Schlossers ersehen, doch hatte Niebuhr in späteren Jahren sehr häufig geklagt, daß es ihm an einer richtigen Leitung seiner Studien gefehlt hat, daß er dadurch auf viele Irrwege geraten ist ("Lebensnachrichten", Bd. 1, Seite 24). Über das rasche und kursorische Lesen der Klassiker - nebenbei bemerkt, gerade die entgegengesetzte Methode von jener, die heute bewirkt, daß man nicht gut lateinisch und griechisch lernt - vgl. Schlossers eigene Angaben und Weber, a. a. O., Seite 14, wo auch behauptet wird, daß Schlosser in der Zeit von drei Jahren über viertausend Bücher durchlaufen hat.
    12) Recht im Gegensatz zu Niebuhrs Urteil muß man Schlosser in den Briefen (Weber, a. a. O., Seite 201) über Schiller lesen. Merkwürdig ist dann freilich, daß Gervinus vom Urteil seines Meisters so wenig akzeptiert hat (Geschichte der deutschen Dichtung, Bd. 5, Seite 338; vgl. Tomaschek, a. a. O., Seite 131 und Janssen, a. a. O., Seite 125).
    13) Besonders zu beachten ist auch die Stelle bei Weber, a. a. O., Seite 29: "In dieser Zeit las ich alle berühmten neueren Historiker von Hume und Rapin an bis auf Heinrich, Schmidt, Voltaire und Johann von Müller. Ich lernte vom Letzteren zwar sehr viel, konnte jedoch an dem Gekünstelten, am Mangel aller Einfalt und Natur, so wenig als an Herders poetischem Schwulst in den Ideen zur Geschichte der Menschheit je ein wahres Vergnügen finden". Wir kommen auf diese Äußerung besonders mit Rücksicht auf Herder noch mehrfach zurück.
    14) Historische Zeitschrift, Bd. VIII, Seite 134. Es geht aber viel zu weit, wenn hier ein Vorwurf darin gesehen wird, daß nicht an und für sich das Faktum ein Interesse erregen will. Es ist ja richtig: die geschichtliche Tatsache muß den historischen Sinn unbedingt fesseln, aber welches ist denn die geschichtlich fesselnde Tatsache? Hier fängt ja eben der Streit an. Vollends sonderbar ist es aber, wenn auch der Verfasser des Artikels eine Seite zuvor auf Wilhelm von Humboldt rekurriert, der der wahre Anwalt jener Tatsachen allein ist, die durch seine vielgepriesenen Ideen erst konsekriert [geweiht - wp] sind. - Was davon zu denken ist, bemerke ich später.
    15) Wie so viele andere Differenzen und Unklarheiten auf dem Gebiet der Historiographie, so herrschen auch die verschiedensten Meinungen darüber, wo die moderne Geschichtsschreibung gegenüber der mittelalterlichen Auffassung denn eigentlich einsetzt; und man hört in dieser Beziehung die mannigfachsten Meinungen aussprechen. Man spricht gern von Bossuet, von Giambattista Vico, aber auch von Lord Bolingbroke, von Voltaire. Nach meiner Ansicht liegt ein Fehler darin, daß man eine so allgemeine Erscheinung, wie die moderne Wissenschaftlichkeit durchaus auf einen einzelnen Menschen zurückführen will, eine Angewohnheit, die man eigentlich von der Religionsgeschichte überkommen hat. Weil die Religionen gerne vorgeben, daß sie einen offenbarenden Stifter haben, so ist es in Sachen der Wissenschaft auch üblich geworden, gewisse Dinge immer auf Einen zurückzuführen, während doch jeder nur einer war. In nichts ist diese Zurückführung der Wissenschaften auf ihre Stifter verkehrter, als in Bezug auf die Aufklärungsperiode, wo man noch viel weniger als bei der Reformation von Stiftern und Gründern reden sollte. Es kommt dazu, daß man bei der Geschichtswissenschaft erst noch das charakteristische Merkmal für die moderne Zeit zu bezeichnen hätte. Natürlich besteht aber auch darin keine Übereinstimmung, indem einige das Merkmal des modernen Geistes in reinen Äußerlichkeiten suchen können und daher den pedantischen Gatterer als Vater der Geschichtsschreibung preisen werden. Sieht man dagegen auf das Innere, so muß man schon andere Faktoren aufsuchen. Was man heute Wissenschaft überhaupt, und im Besonderen Geschichtswissenschaft nennt, beruth dem Mittelalter gegenüber auf dem Unglauben und auf der Verwerfung der Postulate als wirkender Mächte - fasse ich die Geschichte unter diesen Gesichtspunkt, so weiß ich keinen anderen Einschnitt und Abschnitt zu machen, als in der Philosophie des vorigen Jahrhunderts überhaupt, und ich verwahre mich gleich jetzt ein- für allemal gegen den Gedanken, daß ich es darauf abgesehen hätte, speziell an Kant als den Reformator der Geschichte in der Weise anzuknüpfen, wie dies etwa übertrieben Buckle mit Voltaire, Andere mit Anderen gemacht haben.
    16) "Ich hatte mich gerade damals mit der Kirchenhistorie und mit den Scholastikern, neben diesen mit dem Aristoteles, ohne dessen Studium niemand das Mittelalter und die Scholastiker richtig beurteilen wird, viel beschäftigt." Durch diesen Ausspruch allein schon steht Schlosser hoch über dem heutigen allgemeinen Betrieb der mittelalterlichen Geschichtsforschung, welche über Otto von Freising Bücher schreibt, ohne auch nur die dunkelste Ahnung von Aristoteles zu haben, der, da er auf der Schule nicht gelesen wird, nach meiner vieljährigen Erfahrungen den meisten Studierenden der Geschichte meistens nicht bekannter als Konfuzius ist.
    17) Kant, Werke Bd. VII (Ausgabe Hartenstein) Leipzig 1865-69, Seite 323. "Der Streit der Fakultäten in drei Abteilungen". Was Kant in der Abhandlung "Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft", VI, Seite 95, schreibt, muß man ganz lesen, um sich auf Schritt und Tritt in Schlossers Büchern wiederzufinden. Die ganze Zurückführung der eigentlichen Religionsfundamente auf die Begriffe von gut und böse bildet die Grundanschauung von Schlossers Beurteilung; er ist daher auch in seinem praktischen Leben ein entschiedener Beförderer von Religion unter der Jugend, ob er sich darüber mit Mosche (siehe Weber, a. a. O., Seite 31) und Eilers ("Wanderungen", Bd. 1, Seite 312) nicht verständigen kann. Was die Ansichten Schlossers in Religionssachen betrifft, so macht er einen Unterschied zwischen Kirchenglauben und Religionsglauben und sieht in der Geschichte überall den Übergang von jenem zu diesem. In der alten Geschichte wie in der neueren setzt seine Auffassung einen Chiliasmus [Lehre von der Erwartung des Tausendjährigen Reiches nach der Wiederkunft Christi - wp] der Herrschaft des reinen Religionsglaubens voraus. Auf Kants "Religion innerhalb der Grenzen etc." dürfte wohl auch Schlossers Bekämpfung des Rousseauschen Prinzips der Herrschaft des Guten in der Natur und der Verschlechterung durch die Kultur zurückzuführen sein. Ganz im Sinne Kants hat Schlosser zuerst die bis auf den heutigen Tag fast von allen Historikern gewissermaßen heilig gehaltene anti-rousseausche Ansicht vertreten, daß die Herrschaft des guten Prinzips auf Erden nur in der historischen Entwicklung begründet ist. Wie sehr nun die Verwertung der Religionsvorstellungen für die Moral dem Kirchengeschichtsschreiber nahe gelegen ist, kann man aus einem Vergleich Schlossers in den "bilderstürmenden Kaisern" über die Trinitätsstreitigkeiten mit folgender Stelle im "Streit der Fakultäten" (Kant, Werke VII, Seite 356) erkennen. "Aus der Dreieinigkeitslehre, nach dem Buchstaben genommen, läßt sich schlechterdings nichts fürs Praktische machen, wenngleich man sie zu verstehen glaubte, noch weniger, wenn man inne wird, daß sie gar alle unsere Begriffe übersteigt. Ob wir in der Gottheit drei oder zehn Personen zu verehren haben, wird der Lehrling mit gleicher Leichtigkeit aufs Wort annehmen, weil er von einem Gott in mehreren Personen gar keinen Begriff hat, noch mehr aber, weil er aus dieser Verschiedenheit für seinen Lebenswandel gar keine verschiedenen Regeln ziehen kann. Dagegen, wenn man in Glaubenssätzen einen moralischen Sinn hereinträgt (wie ich es "Religion innerhalb der Grenzen etc." versucht habe) er nicht einen folgeleeren, sondern auf unsere moralische Bestimmung bezogenen verständlichen Glauben enthalten würde. Ebenso ist es mit der Lehre der Menschwerdung einer Person der Gottheit bewandt. Denn wenn dieser Gottmensch nicht ... so ist aus diesem Geheimnis gar nichts Praktisches für uns zu machen, weil wir doch von uns nicht verlangen können, daß wir es eine Gott gleich tun sollen, ... ein Ähnliches kann von der Auferstehungs- und Himmelfahrtsgeschichte ebendesselben gesagt werden." Die Verwandtschaft der Ideen Schlossers mit Kant ist so groß, daß ich übrigens noch vorsorglich die Bemerkung machen muß, daß ich nicht etwa glaube, Schlosser habe einen Satz wie den zitierten speziell sich abgeschrieben und immer vor Augen gehalten, als er seine "bilderstürmenden Kaiser" verfaßte; allein um die Fäden handelt es sich in Sachen des Geistes, die von einem zum andern hinüberleiten.
    18) Kant, Werke a. a. O. Bd. VII, Seite 359.