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AUGUST MESSER
Zur Verständigung zwischen
Idealismus und Realismus

Mit der Fassung des "transzendentalen" (bzw. "objektiven" oder "kritischen") Idealismus, wie ihn BAUCH (1) vertritt, kann ich mich im Wesentlichen einverstanden erklären.

Jede Erkenntnis - das ist auch meine Ansicht - gehört der Sphäre des logisch Geltenden an, folglich sind alle wahren Sätze dieser Sphäre "immanent". Will man das als "immanenten Wahrheitsbegriff bezeichnen - meinetwegen!

Mit jedem Gedanken, jedem Satz über irgengeinen Gegenstand, ist logisch gesetzt, daß dieser Gegenstand eben Erkenntnisgegenstand ist und insofern in Beziehung zur Erkenntnis steht (wenn man will: ihr "immanent ist). Von "Erkenntnis" eines Gegenstands, von einer für ihn geltenden "Wahrheit" rede und dabei diese Beziehung leugnen, den Gegenstand (in diesem Sinne!) als der Erkenntnis "transzendent" setzen, wäre widersinning. Es ist mir übrigens nicht bekannt, daß ein ernstzunehmender Vertreter des kritischen Realismus die "Transzendenz" des Gegenstandes, bzw. einen "transzendenten" Wahrheitsbegriff, in diesem Sinn vertreten habe.

Der Gegensaatz zwischen transzendentalem Idealismus und Realismus liegt in einer anderen - logisch weniger hohen - Problemebene, nämlich bei der Aufgabe, die Idealwissenschaften (wie Mathematik) und die Realwissenschaften (wie Natur- und Geschichtswissenschaften) in ihrer logisch-erkenntnistheoretischen Struktur klar zu scheiden. (2)

Die Ausführungen BAUCHs - wie auch z. B. die ganz vortrefflichen von FRITZ MÜNCH "Erlebnis und Geltung" (3) - zeigen mir, daß man innerhalb des transzendentalen Idealismus sehr wohl der Eigenart der Realwissenschaften gerecht werden kann. Daß dies aber von Seiten mancher Vertreter des Idealismus bisher nicht geschehen ist, dafür dürften meine früheren Arbeiten zahlreiche Belege erbringen (4). Insbesondere schien und scheint es mir sachlich geboten, der Marburger Schule gegenüber folgende Punkte zu betonen:

Im naiven Realismus des vorkritischen Denkens steckt viel mehr Gültiges als gelegentlich von Seiten der Idealisten anerkannt wird. Es scheint darum didaktisch richtig, jenen Realismus des Lebens und der meisten Vertreter der Einzelwissenschaften nicht als "Dogmatismus" in Bausch und Bogen zu verdammen, sondern ihn lediglich zu einem kritischen Realismus zu läutern. Gegen diesen aber ist der - auch von WINDELBAND wiederholte - idealistische Vorwurf, er sehe im Erkennen ein "Abbilden" ganz unzutreffend.

In Bezug auf das Erkennen der einzelnen Menschen (innerhalb der Realwissenschaften) ist zwischen dem Vorgang des Erkennens (einschließlich seines jeweiligen Inhalts) und dem gemeinten Gegenstand zu scheiden. Gewiß kann auch das einzelne Subjekt in seinem Bewußtsein sich nicht selbst "überspringen", d. h. es kann nicht unabhängig von seinem Bewußtsein eines Gegenstandes bewußt sein, aber es kann sich eines solchen bewußt sein, als unabhängig von seinem Bewußtsein daseiend. Und in dieser Weise sind wir uns - im vorwissenschaftlichen, wie im wissenschaftlichen Verhalten - der realen Gegenstände bewußt. In diesem Sinne gilt auch für sie eine "Bewußtseinstranszendenz" und insofern besteht hier der "transzendente" Wahrheitsbegriff zurecht.

In Bezug auf dieses Problem gilt auch mein Satz, daß die transzendentale "Methode" zwischen Idealismus und Realismus, "immanenten" und "transzendenten" Wahrheitsbegriff nicht entscheiden kann.

All das trifft auch zu, wenn man nicht das Bewußtsein des Einzelnen, sondern "das wissenschaftliche Bewußtsein" als empirisches Faktum im Auge hat. Ich meine also hier nicht das wissenschaftliche Bewußtsein als Idee der vollkommenen Erkenntnis, sondern als Inbegriff der wissenschaftlichen Erkenntnisse, wie sie zu einer bestimmten Zeit errungen sind und in "gedruckten Büchern" vorliegen. Scheidet man diese beiden Bedeutungen von wissenschaftlichem Bewußtsein (oder "Bewußtsein überhaupt" - wie man wohl auch sagt) nicht, dann darf man in der Tat behaupten, daß ein derart sich selbst mißverstehender "transzendentaler" (oder "objektiver") Idealismus auf den "subjektiven" "zurückführt".

Derselbe Rückfall in einen "subjektiven" Idealismus wird auch begünstigt durch die von manchen Idealisten gern gebrauchten Wendungen: das Denke "schaffe" das Sein, "erzeuge" den Gegenstand, und überhaupt durch all die Ausdrücke, die dem Subjekt in Bezug auf den Erkenntnisgegenstand eine "Spontaneität" und "Aktivität" zulegen.

Auf das Bewußtsein des einzelnen Subjekts, zumal des wissenschaftlichen Forschers bezogen, haben diese Begriffe gewiß ihre Berechtigung: aber das gehört in die Psychologie des Erkennens, nicht in die transzendentale-philosophische Erkenntnis. Für die letztere handelt es sich um kein Tun oder Geschehen in der Zeit, nicht einmal - streng genommen - um ein Denken, sondern um Gedanken (Denkinhalte); für sie stellen sich objektiv-logische Gesetzlichkeiten, sachliche Zusammenhänge, innere Notwendigkeiten heraus, die vom Subjekt nicht "geschaffen", sondern "entdeckt" werden und Anerkennung fordern; für sie ist auch der reale Gegenstand nichts, was das Bewußtsein einzelner Forscher oder der empirischen Menschheit im Ganzen - erzeugt, und was diesem Bewußtsein "immanent" wäre, sondern etwas, das - aus objektiven Gründen - als bewußtseinstranszendent existierend gedacht werden muß.

Ebenso macht der Realismus geltend, daß die anschauliche Welt des praktischen Lebens, die für die Realwissenschaften den Ausgangspunkt bildet, nicht ein bloßes "Chaos von Empfindungen", ein absolut Formloses, ein reines X darstellt, daß vielmehr das "Gewühl der Erscheinungen" schon für die vorwissenschaftliche Auffassung zur "Welt" geformt gegeben ist (wenn dabei auch praktische Interessen die obersten Gesichtspunkte der Formung sind). Also nicht bloß empfindbare Inhalte, sondern auch Formen gehören zum "Gegebenen", zum Ausgangspunkt der Forschung über das objektiv Reale, und so wenig diese an das "Gegebene" schlechthin gebunden ist, so wenig darf sie es ohne objektive Gründe als "subjektiv" beiseite schieben. Auch das wird oft bei den idealistischen Reden vom "erzeugenden" Charakter des reinen Denkens nicht ausreichend berücksichtigt.

Aus den zuletzt angeführten Erwägungen möchte ich geradezu behaupten, daß die realistische Richtung innerhalb der Transzendentalphilosophie ein Gegengewicht gegen ein Zurückgleiten in den subjektiven Idealismus bildet. -

Wenn nun die Vertreter des transzendentalen Idealismus sagen sollten, alle diese Bedenken und Mahnungen der kritischen Realisten seien überflüssig; sie selbst hätten es in der Sache nie anders gemeint - dann umso besser!

Nun mögen dann unsere Bemerkungen Anregung bieten zu einer unzweideutigeren Darstellung der idealistischen Gedanken.

Daran fehlt es in der idealistischen Literatur noch sehr - das hat sich nicht nur mir persönlich aufgedrängt, sondern ist mir wiederholt von sehr beachtenswerter Seite bestätigt worden. So ist es solchen, die nicht in der Lage waren, die persönliche Unterweisung der Führer der idealistischen Richtungen zu genießen, unnötig erschwert, in deren Gedanken einzudringen. Insbesondere gilt das für solche, die stark mit psychologischer Forschung beschäftigt sind. Für den psychologisch Eingestellten ist es schwer, sich hineinzufinden, daß z. B. "Bewußtsein" plötzlich etwas ganz anderes bedeuten soll als das Individualbewußtsein - besonders wenn man nicht auf diesen andersartigen Sprachgebrauch aufmerksam gemacht wird (5).

Man werde also nicht ungehalten, wenn hie und da auch Einwände gemacht werden, die auf Mißverständnissen beruhen. Die wissenschaftliche Diskussion ist zu einem guten Teil tatsächlich eine Aufklärung von Mißverständnissen. Wer es aber schätzt, daß der Kulturwert: "wissenschaftliche Erkenntnis" in möglichst vielen Köpfen realisiert wird, der wird es auch als Pflicht empfinden, solche aufklärenden Diskussionen in geduldigem gütigem Sinn zu führen.
LITERATUR - August Messer, Zur Verständigung zwischen Idealismus und Realismus, Kant-Studien, Bd. 20, Berlin 1915
    Anmerkungen
    1) Bruno Bauch, Idealismus und Realismus, Kant-Studien, Bd. XX, Heft 1, Seite 97f. Er bezieht sich auf meine vorher (Seite 65f) abgedruckte Auseinandersetzung mit Windelband.
    2) Darum handelt es sich im Wesentlichen in meinen Auseinandersetzungen mit Windelband (vgl. a. a. O., Seite 75) und mit der "Marburger Schule" in meiner "Einführung in die Erkenntnistheorie" (1909), Seite 70f und "Der kritische Idealismus in der "Internationalen Monatsschrift" (Märzheft) 1912); ebenso bei Oswald Külpe, Die Realisierung", Bd. 1, 1912, Seite 220f.
    3) Fritz Münch, Erlebnis und Geltung, Ergänzungsheft Nr. 30 der Kant-Studien, Berlin 1913.
    4) Was Windelband betrifft, so mögen seine Ausführungen über den Wahrheitsbegriff auf die Ablehnung jener widersinnigen "Transzendenz" zielen (wie Bauch meint). In diesem Fall mögen meine kritischen Bemerkungen zeigen, daß die Formulierung seiner Ansichten doch nicht ganz so klar und unzweideutig ist, wie dies für eine "Einleitung in die Philosophie" wünschenswert wäre. - Beiläufig: die Kritik, die Bauch an meiner Bemerkung (Kant-Studien, Bd. XX, Heft 1, Seite 76 oben) übt, ist berechtigt.
    5) Durch mehr Rücksicht auf diesen didaktischen Gesichtspunkt würden die Transzendentalphilosophen die Vertreter der Psychologie wohl auch eher von ihrem guten Recht überzeugen als durch öffentliche Erklärungen, Eingaben und Ähnliches.