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BRUNO BAUCH
Schlußbemerkung zu meiner
Diskussion mit A. Messer

Ich habe den letzten Bemerkungen AUGUST MESSERs nicht viel hinzuzufügen. Zunächst und vor allem möchte ich meiner Freude darüber Ausdruck geben, daß meiner Hoffnung auf eine Verständigung die Erfüllung nicht versagt geblieben ist. Um an der gemeinsamen Aufgabe, Mißverständnissen entgegenzuarbeiten, auch in diesem Zusammenhang nochmals mitzuwirken, bemerke ich von vornherein, daß ich einen in der Tat subjektiv behafteten "gedruckten Bücher-Idealismus" nie vertreten habe, ebensowenig WINDELBAND; auch KANT schon nicht, und für FICHTE z. B. war eine solche Philosophie ja geradezu "tot". Gerade die von WINDELBAND vollzogene enge Beziehung der Philosophie auf die konkrete Wirklichkeit der Geschichte hat vollends den transzendentalen Idealismus zu einer Philosophie des lebendigen kulturschöpferischen Lebens gemacht, so daß gerade wir transzendentalen Idealisten auch dem "naiven Realismus" die von MESSER (dessen Bemerkungen über den naiven Realismus stimme ich rückhaltlos bei, ja ich gestehe, daß gerade sie mir besonders sympathisch waren) geforderte Gerechtigkeit widerfahren lassen können. Habe ich selber doch schon längst, bereits im letzten Kapitel meiner "Studien zur Philosophie der exakten Wissenschaften", eingehend gezeigt, daß die philosophische Seins-Analyse zwar "die Auffassung des Seins, nicht das Sein als solches geändert" zu haben meinen kann. Und dem von MESSER mit Recht bekämpften Mißverständnis einer Erzeugung oder "Schaffung" des objektiven Seins, der objektiven Seinsgesetzlichkeit aus dem subjektiven Denken konnte eigentlich schon gerade die scharfe Unterscheidung zwischen dem "genetischen" und dem "kritischen" Gesichtspunkt entgegenwirken, wie sie WINDELBAND bereits in seinen "Präludien" vollzogen hat. Gerade durch sie kann weiter auch MESSERs wiederum berechtigte Forderung der Unterscheidung zwischen "Erzeugen", bzw. "Schaffen" einerseits und "Entdecken" andererseits erfüllt werden, wie durch sie endlich auch deutlich werden kann, daß selbst der vorwissenschaftlichen Wirklichkeitsauffassung die Welt nie ungeformt gegeben ist. Das haben KANT und seine unmittelbaren Nachfolger, das hat die transzendental-idealistische Philosophie der Gegenwart eindringlich betont. Besonders eindringlich WINDELBAND und LIEBMANN, dem die Ansicht einer ungeformten Wirklichkeitsauffassung geradezu als "bloße doktrinäre Fiktion" gilt. Nicht gerade selten habe ich selber gegen diese Fiktion Stellung genommen. Und mein Freund und philosophischer Mitarbeiter FRITZ MÜNCH rückt dieser Fiktion gerade in seiner von MESSER mit Anerkennung und mit freundlicher Zustimmung erwähnten Jenaer Dissertation besonders energisch zu Leibe. Gerne gebe ich freilich zu, daß es schwierig ist, den Begriff des logisch-objektiven Bewußtseins vom psychologischen Bewußtsein immer voll und scharf zu unterscheiden, und daß unsere Terminologie an diesem Punkt sich leicht Mißverständnissen aussetzt. Ich habe nicht selten daran gedacht, daß es zum Zwecke, diese zu vermeiden, gut wäre, den Terminus des "logischen Bewußtseins überhaupt" durch einen weniger mißverständlichen zu ersetzen. Allein historische Gründe machen das fast undurchführbar. Schließlich bleibt ja dann aber die Differenz selber bloß terminologisch. Und so offen und rückhaltlos ich immerhin das Bedenkliche dieses Terminus einräume, so darf ich doch wohl für uns in Anspruch nehmen, daß wir uns um die klare und scharfe Unterscheidung energisch und, wie ich glaube, nicht ohne Erfolg bemüht haben. Ich verweise in Kürze nur wiederum auf WINDELBAND, besonders auf seine im Schiller-Festheft der Kant-Studien erschienene und in die neueste Auflage der "Präludien" übernommene Abhandlung: "Schillers transzendentaler Idealismus".

Auch ich hoffe, und ich kann diesem Wunsch MESSERs nur von Herzen beistimmen, daß der persönliche gute Wille, der "geduldige, gütige Sinn" der Forscher zu gegenseitiger Verständigung und Befruchtung wirkt im Dienste der gemeinsamen sachlichen Aufgabe der Forschung. Es mag beklagenswert sein, daß ein solcher Wille nicht immer und überall vorhanden ist. Und diesen Vorwurf will ich keineswegs einseitig, sondern allseitig verstanden wissen. Aber darüber wollen wir doch nicht vergessen, daß mit Einzelnen nicht schon das Ganze einer jeden Arbeitsrichtung betroffen wird. Und wenn wir uns nur das gegenwärtig halten, so wird, und auch das will ich allseitig, nicht einseitig verstanden wissen, unter den allseitigen Arbeitsrichtungen sich zumindest da eine Verständigung anbahnen und weiterführen lassen, wo immer ein Wille zu ihr vorhanden ist. Dieser Wille zur Verständigung ist immer auch ein Wille zur Wahrheit. Mit ihm aber sei zum Schluß nachmals betont: Die transzendentale Methode will nicht zwischen "immanentem" und "transzendentem" Wahrheitsbegriff "entscheiden", sondern vermitteln, indem sie jedem seine Rechts- und Geltungssphäre aufdeckt.


Zusatz von A. Messer.
Mit den vorstehenden Ausführungen, von denen mich der Herr Verfasser vor der Drucklegung Kenntnis nehmen ließ, kann ich mich völlig einverstanden erklären.- Bussi! A. Messer
LITERATUR - Bruno Bauch, Schlußbemerkung zu meiner Diskussion mit A. Messer Kant-Studien, Bd. 20, Berlin 1915