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WALTHER RATHENAU
Zur Mechanik des Geistes

"Nachdem Philosophie die messenden Wissenschaften aus ihrem Haupt gespalten hatte, strebte sie selbst danach, exakte Wissenschaft zu werden. Daher verlor sie Naivität, Überzeugungskraft, Wärme und Phantasie und gewann Kritik. Nun ruht sie, gesättigt von der Erkenntnis, daß alles Gescheite schon einmal gedacht worden ist, in historisch-kritischer Betrachtung ihrer selbst, als Hüterin und Verwalterin unerhörter Schätze, die der Welt nicht dienen. Ein wissenschaftliches Altenteil hat sie sich vorbehalten: das Studium der intellektuellen Kräfte, fälschlich Seelenkunde genannt, das ihr über kurz oder lang von den messenden Töchtern abgenommen werden wird."

"Das erste, was geschieht und was geschehen muß, ist, daß die Welt sich ihrer seelischen Armut bewußt wird, daß sie aus der Benommenheit, dem Lärm und der Blendung ihrer Berechnungen, Produktionen, Transporte und Schaustellungen aufatmet, um innere Stimmen zu vernehmen; daß sie die Dinge der Seele ernst nimmt, ernster als ihre Tageswünsche, ernster als ihr tägliches Brot."

"Indem wir die Gesetzmäßigkeiten unseres Geistes in das Chaos der Welt projizieren, ruhen wir nicht, bis wir, um der Verständigung mit uns selbst und mit anderen zu genügen, die Zusammenhänge so greifbar gemacht haben, daß sie sinnlich erlebten Bildern gleichnisartig entsprechen. Es genügt nicht, die Welt in ein Gesetzbuch zu verwandeln; sie soll uns auch als Bilderbuch dienen; ja ihre Illustrationen machen schließlich den ganzen Reichtum unseres erworbenen Besitzes aus."


Einleitung und Rechenschaft

Jede Frage, die wir zu Ende denken, führt ins Überirdische. Von jedem Punkt, auf dem wir stehen, ist es nur ein Schritt bis zum Mittelpunkt der Welt. Die Dinge des Tages vergleichen sich dem Spiegelbild auf einer Glaskugel: im engen Bezirk, dem Auge zunächst, scheinen die Gegenstände deutlich und wirklich; im Umkreis löst sich das Bild in verschwimmende Flächen.

Jeder Schritt unseres Handelns ist ein Doppelschritt: halb irdisch, halb transzendent. Wir sorgen in einem für Gegenwart und Zukunft, für Leben und Tod, für Wirklichkeit und Traum. Wählen und erfüllen wir Pflichten gegen Mitwelt und uns, Nachkommen und Gemeinschaft, nicht bloß in dumpfer Folge ungeprüften Herkommens, normaler Erziehung und mechanischer Gewohnheit, so bekennen wir bewußt oder unbewußt transzendente Überzeugungen. Wir wollen das Gute, wir glauben an das Künftige, wir verlangen Gerechtigkeit, wir anerkennen das Allgemeingültige, wir verehren das Ewige auch in der kleinsten unserer Handlungen, soweit sie nicht tierisch ist; somit leben und wirken wir unablässig im Gebiet des Transzendenten.

Solange sie ihre Kraft bewahrten, konnten die dogmatischen Religionen durch Botschaften, Offenbarungen und Verkündigungen den tätigen Menschen seiner überirdischen Sorgen entheben. Sie verloren diese Kraft durch Toleranz; denn dogmatische Wahrheit ist ausschließlich, was ihr widerstreitet ist Irrtum und Lüge. Wird Irrtum und Lüge geduldet, konkurrierende Lehre gestattet oder gar durch Versöhnung bekräftigt, so ist die gottgegebene Gewißheit zur Sache der Geburt, der Geographie oder der freien Wahl geworden und hierdurch vernichtet. Wahre Dogmatik verlangt Abschließung, Glaubenskriege oder Ketzergerichte; ist sie dieser Behauptungsmittel nicht mehr fähig, so kann sie noch einzelnen bedrängten Gemütern Zufluchtsstätten bieten, jedoch nicht mehr unantastbare Weltwerte und Lebensziele statuieren. Schon dadurch, daß sie Austritt, Übertritt und somit Auswahl freistellt, zersplittert sie ihre Kollektiv-Verantwortlichkeit; sich selbst, Gott und der Welt verantwortlich wird nun der Einzelne, der zusehen mag, wie er mit irdischen und göttlichen Dingen fertig wird.

Bei diesem, nicht glaubenslosen aber glaubensschwankenden Zustand der Kulturwelt sollte man annehmen, daß jeder Moment des Aufatmens von täglicher Arbeit und Betäubung ergriffen wird, um zu den Gestirnen aufzublicken und für das unermeßliche Chaos der Tätigkeiten und Willenskräfte Richtung und Rechtfertigung zu suchen. Daß es nicht geschieht, daß vielmehr, abgesehen von Romantiszismen, abergläubischen Bedürfnissen gesättigter Kreise und echter Sehnsucht einsamer Geister die heutige Weltstimmung alles transzendente Bestreben als unfruchtbare und zeitraubende Träumerei verurteilt, dafür scheinen zwei Umstände verantwortlich.

Zum ersten fühlten unsere Zeit sich eingespannt in einen Gespensterkampf: abgestorbene Dogmen morgenländisch-nomadischer Herkunft kämpfen gegen die Intoleranz einer aufklärerisch-materialistischen Epoche, die im Sterben populär wurde. In diesem Kampf Stellung nehmen, hieße, für Dogmatismus oder Nihilismus optieren. Die Geisteskräfte unserer Zeit lehnen es ab, einer Partei zum Sieg zu verhelfen, von der nur das eine feststeht, daß sie, zur Macht gelangt, tief reformbedürftig und äußerst insolent [unverschämt - wp] auftreten würde. Überdies sagt ein dunkles Gefühl, daß die Wahrheit nicht in der Mitte liegt, sondern außerhalb der Achse dieser Polarität.

Zum zweiten hat die philosophische Disziplin unseres Zeitalters sich dem Leben versagt. Nachdem Philosophie die messenden Wissenschaften aus ihrem Haupt gespalten hatte, strebte sie selbst danach, exakte Wissenschaft zu werden. Daher verlor sie Naivität, Überzeugungskraft, Wärme und Phantasie und gewann Kritik. Dem Leben wurde sie fremd; denn die Schritte der Menschheit sind nicht bezeichnet durch die ausgebrannten Schlacken negativer Wahrheiten, sondern durch die Monumente des schönen organischen Irrtums, der in der Tiefe seiner Notwendigkeit lebendige Wahrheit birgt. Nun ruht sie, gesättigt von der Erkenntnis, daß alles Gescheite schon einmal gedacht worden ist, in historisch-kritischer Betrachtung ihrer selbst, als Hüterin und Verwalterin unerhörter Schätze, die der Welt nicht dienen. Ein wissenschaftliches Altenteil hat sie sich vorbehalten: das Studium der intellektuellen Kräfte, fälschlich Seelenkunde genannt, das ihr über kurz oder lang von den messenden Töchtern abgenommen werden wird. Trotz dieser aktuellen Beschäftigung kann man nicht verspüren, daß die Königin der geistigen Disziplinen dem Zeitalter die Gesetze noch vorschreibt, die sie ihm schuldet: Richtungen, Werte, Ziele.

So bleibt unsere Zeit seelisch indifferent, indem sie weder aus ihren Kämpfen noch aus ihren Besitztümern Verheißungen erwachsen sieht, die ihr Leben und Streben rechtfertigen. Wie könnte sie sich der Indifferenz entreißen? Von welcher Seite dürfte sie ihre frohe Botschaft erwarten?

Alle Religionen wurzeln im dogmatisch-mythologischen. Selbst die klaren und reinen Lehren der Evangelien bedürfen des Glaubens an Unumstößlichkeiten. Wenn aber die Abschaffung einzelner Grundwahrheiten unerläßlich, der Zweifel an anderen duldbar erscheint: wo soll der Glaube halt machen? Ist nicht jede Abgrenzung eine doppelte Willkür? Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich; die Lauen will ich ausspeien aus meinem Munde.

Sind neue Religionsstifter zu erwarten? Bisher ist keine uns bekannte Religion anders entstanden als durch sichtbare, unbezweifelte Wunder. Das Wunder aber setzt die bessere Hälfte des Glaubens bereits voraus; Wunder geschehen vor Solchen, die sie wollen, nicht vor Indifferenten; sie dienen nicht zur Erweckung, sondern zur Rechtfertigung des Glaubens.

Kann eine philosophisch-intellektuale Wissenschaft uns Überzeugungen geben? Sie kann ein Gebäude subtiler Argumente und Schlüsse errichten, Undinge beseitigen, die dem perpetuum mobile der Mechanik entsprechen, sie kann mit leichter Hand über dem Fundament der zeitlichen Erfahrung ein Gewölbe der Weltanschauung runden, im Stillen besorgt, daß nicht eine Änderung dieser Erfahrung den Bau gefährdet; sie kann vor allem Denkformen liefern, die dem Träumen der Zeit abgelauscht, unbewußten Willensformen Sprache leihen; ein edles Material für den Geist, der sich selbst seine Schale baut.

Aber sie kann nicht, und wenn es für den Augenblick wäre, Überzeugung schaffen und Werte setzen, denn sie arbeitet mit der reservatio mentalis [geheimer Vorbehalt - wp]. Sie weiß, es geht auch umgekehrt. Schlußfolgerungen können nicht wärmen und zünden; der Funke steigt nur aus dem Unbewiesenen, Unbeweisbaren, das eine solche Kraft der Ahnung in sich trägt, daß unser wissendes Gemüt vom Geheimnis innerer Wahrheit längst ergriffen und überzeugt ist, bevor noch der mißgelaunte Verstand sein skeptisches: Wieso? und Warum? gesprochen hat. Wenn PAULUS die Worte ausspricht: "so wäre ich nur", so jauchzt das Herz lachend und glaubensvoll in den Lärm der klingenden Schelle und des tönenden Erzes.

Wissenschaft kann Tatsachen feststellen, Zusammenhänge ermitteln, Gesetze erweisen; sie kann nicht Glauben und innere Gewißheit zeugen; sie wirkt kausal, nicht final. Der tiefste Irrtum des sozialen Denkens unserer Zeit lag darin, daß man glaubte, von der Wissenschaft Willensimpulse und Idealziele verlangen zu dürfen. Was wir glauben, was wir erhoffen, wofür wir leben, wofür wir uns opfern, das wird uns niemals der Verstand verkünden; Ahnung und Gefühl, Erleuchtung und Intuition führen uns in das Reich der Mächte, die den Sinn unserer Existenz beschließen. Sinnlos, zufällig und ungerechtfertigt bleibt jegliches Leben und Lebenswerk, wenn es sich auf die Kräfte des rechnenden und planenden Geistes stützt; und hierin liegt der tiefe transzendente Trost des Daseins, daß der selbstbewußte Verstand seine letzte Aufgabe darin findet, sich selbst zu beschränken und zugunsten tiefinnerer, geheimnisvoller Kräfte zu entsagen, die wortlos unser Gemüt berühren.

Daß unserer Zeit die Quellen wieder emporbrechen sollen, die bestimmt sind, das Leben aus der Erstarrung eines mechanistischen Selbstzwecks zu lösen, dafür sind Zeichen gegeben. Das erste, was geschieht und was geschehen muß, ist, daß die Welt sich ihrer seelischen Armut bewußt wird, daß sie aus der Benommenheit, dem Lärm und der Blendung ihrer Berechnungen, Produktionen, Transporte und Schaustellungen aufatmet, um innere Stimmen zu vernehmen; daß sie die Dinge der Seele ernst nimmt, ernster als ihre Tageswünsche, ernster als ihr tägliches Brot.

Dann werden sich Stimmen erheben, schüchterne, von Zweifel und Scham lange zurückgedämmte; zage Hände werden die pressierte Geschäftigkeit am Ärmel fassen und Gehört für die Ängste des Herzens erbitten. Ohne Scheu vor dem Bannstrahl orthodoxer Wissenschaft werden Menschen auf einem hellen Markt zusammentreten, um ihre Sehnsucht und Glaubensnot zu bekennen, erleuchtete Geister werden das Wort ergreifen und der Menge nicht alte Mythen, trockene Wunder, lüsterne Erweckungen und geile Ekstasen, sondern Zuversichten des Geistes und Erlebnisse der Seele verkünden.

Freilich entsteht Gefahr; denn wie die gleiche Speise, vom Tier verschlungen oder vom Menschen verzehrt, sich verschieden wandelt, so materialisiert sich der transzendente Gedanke nach Art des menschlichen Gefäßes, dem er zuteil wird. Die reine Botschaft der Liebe und Erlösung konnte inmitten der Zivilisation so tief im Stoff versinken, daß befreundete Mütter Gottes, festlich gekleidet, Visiten abstatten, daß heilige Symbole in Kutschen spazieren fahren, daß die Gottheit Bündnisse schließt und Prozesse führt. Auch diesmal wird das Erstarken der Seelenkräfte durch Materialisationen führen; Wahrsagerei und Aberglauben, Konventikel [sektiererische Verschwörung - wp] und Muckereien, Frömmelei und Intoleranz, Puritanismus und Askese, Reaktion und Mystizismus werden in neuen Formen wuchern. So sprießt an verwüsteten Stätten eine Unkrautflora hervor, damit der Boden für edlere Pflanzungen gelockert wird. Aber das Leben des geistigen Mißwuchses wird zeitlich, örtlich sich enger beschränken als in früheren Epochen und der reinen Saat Raum zum Wachstum und zur Ernte lassen.

Gleichviel; ist es uns beschieden, daß wir nur durch Sumpf und Dickicht den Gesinnten folgen dürfen, ist es uns Gesetz, daß wir, um verjüngt zu werden, stets von neuem Herd und Dach verlassen, den Stürmen des Irrtums und des Zweifels uns preisgeben müssen, so mag auch dieser Weg der Welt durch Schmerz und Dunkel führen; er wird beschritten, denn die Mächte wollen nicht, daß wir in feiger Ruhe und eitlem Frieden das Geisteserbe der Jahrhunderte verzehren.

Diese Erwägung stellte ich der Befangenheit entgegen, die jeden befällt, der sich gedrängt fühlt, eigene Bekenntnisse von seelischen und überirdischen Dingen auszusprechen. Denn unsere Zeit hat ihre ungeistige Neigung darin bekräftigt, daß sie mit dem Schleier innerer Scheu, der ehedem die Erfahrungen des Sinnenlebens bedeckte, in gesteigerter Empfindlichkeit die Erfahrungen der Seele umschlingt. Man will lieber Wüstling scheinen als Kopfhänger, und so werden wir überschüttet mit Ausmalungen gleichförmiger jugendlicher Libertinagen, während wir über die intuitiven Erlebnisse unserer Lebensgenossen kaum etwas anderes erfahren, als etwa die herkömmlichen Kämpfe des Geistlichen, der mit staatlichen Verordnungen in einen leicht vorauszusehenden Widerspruch gerät. So war es ein großes und glückliches Erlebnis des deutschen Geistes, daß in Emanuel Quint, dem klassischen Buch unseres Lebensalters, der Seelenlosigkeit der Epoche ein Spiegel vorgehalten wurde.

Eine weitere Hemmung trat hinzu. Unser Arsenal an fertigen Einzelgedanken ist unermeßlich. Die Menge der behaupteten, zurückgestellten, bewiesenen oder widerlegten Wahrheiten ist so groß, daß jede Darlegung, die nicht akzidentiell Erlebtes widergibt, sondern, um verständlich zu sein, bei aller Bescheidenheit der Meinung sich der stolzen Gangart der Systematik bedient, in Gefahr gerät, abgetretene oder verbotene Straßen zu durchlaufen, wenn sie den Landschaften zustrebt, die dem Blick erschlossen werden sollen. Vermeidet sie das Übel durch Wahl aphoristischer Formen, die im Sprung ihr Terrain erobern, so muß sie bei allem Vorteil leichterer und unverantwortlicher Aussprache auf Vollstängigkeit, Abrundung und Klarheit verzichten. Was hilft es, sich vorzuhalten, daß auf dem Schachbrett jeder mögliche Zug schon tausendmal gezogen, jeder Angriff und jedes Endspiel registriert ist, und dennoch ein neues, mutig geführtes Spiel ein berechtigtes Abbild der Partnerschaft und somit ein echtes Geschehnis bietet? Es bleibt ein bekommenes Beginnen, das schließlich ausgelöst wird durch die Erkenntnis: was kommt es auf mich an?

Auf dich, Leser, auf dich kommt es an, auf deine Gedanken und deine Beschlüsse. Können meine Versuche dich aus den zweckhaften Banden des Tages auf Augenblicke lösen, können meine Hände den Knäuel der Probleme greifbar gerundet in deine Hände legen, können getreulich gesehen und beschrieben die Erlebnisse eines suchenden Geistes deiner prüfenden Empfindung überantwortet werden, so ist genug geschehen. Mich tröstet das einige Bewußtsein, daß die Dinge, die ich zu sagen habe, mögen sie sich alt oder neu, stark oder anfechtbar erweisen, nicht Konstruktionen sind, sondern gedeutete Empfindungen und Erlebnisse, die mir, einem Menschen, den ich nicht als leichtgläubig und vermessen kenne, wahrer und fester gefügt erscheinen als die Ergebnisse und Bilder der Welt, an die wir zu glauben gewöhnt sind. So bleibt denn nichts als das Wort Geständnisse, die nun einmal jedes Treiben umfassen, das nicht an Einzeldinge und Tatsachen gekettet ist. Wir spähen unseren Schatten in der Sonne. Wir werfen das Tau unserer Vorstellungen in die Wolken, um unsere Schwere aufzuheben; nicht aus Unkenntnis der Gefahr und nicht aus Freude am Wagnis, sondern weil eine innere Not uns treibt, in Sehnsucht und Zuversicht.

Eine knappe Rechenschaft des Handwerkszeugs mag diese Rechtfertigung beschließen.

Wer den Versuch gewagt hat, ein erschautes Bild unsichtbarer Weltzusammenhänge in Gleichnisse und Denkformen des vereinbarten Lebens zu übersetzen, der kennt, wenn nicht eben der göttliche Genius ihm diktierend über die Schulter zu blicken pflegt, die Jahre der Sorge und des Zweifels, wo keiner der strömenden Begriffe, keines des wechselnden Zeichen und Symbole das unzweifelhaft, aber unaussprechlich Erblickte decken und erschöpfen will. Grundkontraste und Urgestalten kehren wieder, aber sie verschmähen die alte Benennung und Einordnung; neue Ausblicke erscheinen, aber sie erweisen die Unzukänglichkeit des längst Erworbenen. Und scheint nun alles geordnet, benannt, dargestellt, von fernster Ferne dem Urbild nicht allzu fremd, so kommt die Sorge der perspektivischen Täuschung: am Ende besteht die Ähnlichkeit nur für den Urheber?, am Ende hat er sich in das Bild verguckt, so daß es ihm in allen Sonnenflecken erscheint, und deshalb versäumt, es dem Unbeteiligten näher zu bringen, es zu gestalten. Und mag es gestaltet sein, so bleibt die Frage: ist bei aller menschlichen Einseitigkeit nicht dieser Ausschnitt allzu subjektiv gegriffen? Ist nicht, in der falschen Meinung, über alles Umgebende habe man sich verständig, die Umfassungslinie launisch, ja schrullenhaft willkürlich gewählt worden?

In diesen Bedenken ist man geneigt, Prüfwerkzeuge zu schaffen, um von neuem die Objektivität des Blickes zu schärfen; einige, deren ich mich bediente, möchte ich nennen, weil ich auch diese Rechenschaft im Wesen des Geständnisses erachte.

1. Ein Element scheint mir nur dann wirklich gegeben und zum Aufbau tauglich, wenn es in beiden Reihen, der des Bewußtseins und der der Erscheinung reziprok gespiegelt sich aufweisen läßt. Ein Begriff der Erscheinungsreihe, wie zum Beispiel der des Todes oder der Vererbung, kann erst dann in den Bau sich fügen, wenn sein deutliches Korrelat in der Sphäre der inneren Erfahrung zutage gefördert ist.

2. Indem wir die Gesetzmäßigkeiten unseres Geistes in das Chaos der Welt projizieren, ruhen wir nicht, bis wir, um der Verständigung mit uns selbst und mit anderen zu genügen, die Zusammenhänge so greifbar gemacht haben, daß sie sinnlich erlebten Bildern gleichnisartig entsprechen. Es genügt nicht, die Welt in ein Gesetzbuch zu verwandeln; sie soll uns auch als Bilderbuch dienen; ja ihre Illustrationen machen schließlich den ganzen Reichtum unseres erworbenen Besitzes aus. Ist doch auch die abstrakteste Sprache unserer Gedanken nichts anderes als ein verblaßter Hieroglyphenkodex greifbarer Sinnlichkeiten. Gibt nun diese gewissermaßen physische Bildhaftigkeit unseres Erfassens dem Verstand eine Sicherheit der Kontrolle, selbst da, wo das Modellbild nur vorschwebt, so genügt doch diese Anschaulichkeit unserem letzten Empfinden noch nicht. Wir verlangen eine weitere Bestätigung, nämlich die des Gefühls: so etwa, wie bei einem Bild die geometrische Ähnlichkeit uns kalt läßt, solange nicht die empfindungsmäßig im Unbewußten gelagerte innere Jllusion hinzutritt. Auch im Gebiet des Gedankens entsteht die seelische Überzeugungskraft eines Satzes unabhängig von der dialektischen; sie zeigt sich äußerlich, wenn ein Satz sich auf das Äußerste beweislos vereinfachen läßt und hierdurch an einleuchtender Kraft gewinnt. Die Gleichnisse des Neuen Testaments haben eine solche Macht, deren Wesen, auf die Spitze getrieben, sich dergestalt aussprechen ließe: was in sich widerspruchslos und innerlich wahr ist, das ist so einfach, daß ein Kind es versteht. Was in letzter Linie kompliziert bleibt, enthält Widersprüche, ist zumindest schief und meistens falsch.

3. Die großen Glaubensformen der Menschheit sind nichts Zufälliges; ihre Zahl ist beschränkt und möglicherweise geschlossen. Sucht man diese Überzeugungen von den Zufälligkeiten ihrer Materialisationen zu befreien, so erscheinen sie, mathematisch betrachtet, als Partiallösungen; praktisch ähneln sie uralten, immer wieder auftauchenden, scheinbar paradoxen Heilmitteln, die schließlich ihre Rechtfertigung finden, indem eine unerwartete Entdeckung die Anwendung des absurd erachteten Stoffes wissenschaftlich begründet. So scheint es mir die kräftigste Bestätigung eines Zusammenhangs, wenn aus der generellen Lösung, durch die Einsetzung bestimmter Konstanten, Weistümer [mündlich überlieferte historische Rechtsquellen - wp] der Vergangenheit als Partiallösungen sich ableiten lassen.

4. Wenn unsere Gedankenreihen sich den Zuständen der Gegenwart so weit nähern, daß sie Zeitprobleme umschließen, so liegt die Versuchung nahe, künftige Entwicklungen aus diesem Spiegel hervorzulocken. Aber alsbald fühlen wir uns gewarnt: nur dann sind Zukunftsträume glaubwürdig - und mit ihnen die Prämissen und Ketten gebilligt -, wenn sichtbare Keime der vermuteten Evolutionen, sei es noch so tief und verborgen, im Kern unserer eigenen Zeit ruhen. Denn mag man noch so zuversichtlich von der schöpfenden und mitreißenden Wirkung des Gedankens auf ein Zeitalter denken: es besteht eine Art prästabilierter [vorgefertigter - wp] Harmonie zwischen dem unbewußt gestaltenden Träumen der Zeit und der Einzelarbeit des Betrachters. Selbst da, wo unser Empfinden dem innersten Wesen der Zeit auf das Beharrlichste zu widersprechen scheint, deuten wir mehr, als daß wir bestimmen. Die Zeit, in ihrem Tun bedenklich flach, ist in ihrem Träumen tief; und mechanisch betrachtet verhalten wir uns bestenfalls zu ihr wie das Auge zur Hand dessen, der vom Blatt spielt: das Auge ist um einen Takt voraus, aber beide halten Schritt und folgen der Komposition eines Dritten. Da nun das bewußte Wesen der Zeit, wie ein schlechter Spieler oder Rezitator, nur in dem jeweils gegenwärtigen Takt oder Vers lebt, seine vermeinte Schönheit hervorschmettert und des Zusammenhangs nicht gedenkt, so ist der einsam Schreitende, dem nur um den Zusammenhang zu tun ist, mit ihrem lauten Benehmen in hellem Konflikt, und insofern unzeitgemäß. Zeitgemäß indessen erscheint er sich selbst - und deshalb hat er Respekt und Einfühlung in die verborgensten Kräfte der Epoche aufzubringen -, weil er wissen muß, daß die Schöpfung es ist, die musiziert, und seit Ewigkeit her, und daß in ihr Komposition und Wiedergabe im Tiefsten harmonieren.

Mit einem Wort: man glaube an keine Prophezeiung und keinen Propheten, wenn nicht sein Zukunftsbild, wohlgemerkt, bei kühner und freier Betrachtung, schon aus dem Vorhandenen hervorleuchtet.
LITERATUR - Walther Rathenau, Zur Mechanik des Geistes Berlin 1918