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JOHANNES PAULSEN
Über das empirische
Verhältnis von Reiz und Empfindung


"Der Unterschied, der den Reiz der Empfindung als äußeres dem inneren Objekt gegenüberstellt, ist der Unterschied von Erkenntnis und Gegenstand der Erkenntnis. Auf dieser begrifflichen Fassung gründet die Psychophysik den Anspruch ihrer Bedeutung. Das Problem der Beziehung von Reiz und Empfindung verwandelt sich in eine Frage von ganz allgemeiner und grundlegender Formulierung. Die Empfindung repräsentiert die Erkenntnis gegenüber dem Reiz, der als Objekt erst Erkenntnis werden soll. Diese Möglichkeit liegt allein darin, daß die Empfindung vom Reiz her einen Inhalt empfängt. So entsteht im Zusammenhang von Reiz und Empfindung das allgemeine Problem, wie sich die Erkenntnis auf äußere Gegenstände zu beziehen vermag."

"Die Psychophysik bestimmt die Empfindung in der Abhängigkeit vom Reiz, insofern eine gesetzliche und konstante Beziehung zwischen Reiz und Empfindung besteht, so daß vom Dasein und den Veränderungen des einen auf die der anderen geschlossen werden kann. Dieser Schluß soll die Bestimmung der Empfindung ermöglichen. Damit wird der Begriff der inneren Erfahrung wiederum problematisch, denn nicht einmal die empirische Bestimmung der Empfindung ist direkt und unmittelbar möglich. Diese Bestimmung geschieht vielmehr indirekt durch einen Schluß von der Ursache auf die Wirkung. Worin aber besteht der Beweis, daß dieser Schluß richtig ist? Jedenfalls nicht wiederum in der Empfindung; ihre Unbestimmtheit macht vielmehr jenes angenommene Verhältnis von Reiz und Empfindung hypothetisch. Und die Rechtmäßigkeit dieser Hypothese kann nur durch Erfahrung bewiesen werden."

Reiz und Empfindung sind Begriffe, welche in der Sinnesphysiologie vorkommen und mit der Entwicklung dieser Wissenschaft von Anfang an verbunden sind. Die Relation dieser Begriffe nimmt ihren rechtmäßigen und legitimen Ursprung auf dem Gebiet sinnesphysiologi- scher Erfahrung, das sie nicht nur bezeichnet, sondern auch beherrscht. Das Verhältnis von Reiz und Empfindung ist aber auch mit den Erörterungen des Erkenntnisproblems seit langer Zeit verbunden. Scheint doch die Frage nach der Möglichkeit der Erkenntnis in dieser Beziehung von Reiz und Empfindung ganz besonders aktuell zu werden. Die Empfindung bildet das Problem und den Anstoß zu dieser Frage; ihr Zusammenhang mit dem allgemeinen Begriff der Erkenntnis ist zugleich sehr vielfältig. So ist die Meinung entstanden, als ob in den philosophischen Erörterungen des Erkenntnisproblems die Frage nach der Beziehung zwischen Reiz und Empfindung allererst entstände und demnach nur innerlhalb der Systematik logischer und philosophischer Begriffe gelöst werden könnte. Damit aber würde der eigentliche Ursprung der Relation von Reiz und Empfindung, der in einer wissenschaftlichen Erfahrung gelegen ist, verdeckt.

Die systematische Untersuchung des Zusammenhangs von Reiz und Empfindung wird sich dieser gegebenen Erfahrung wieder zuwenden müssen. Nicht in dem Sinne, als ob die logische Erörterung durch Erfahrung ersetzt werden sollte. Damit würde man vor allem den Begriff der Sinnesphysiologie verfehlen. Diese ist empirisch und kennt die Aufgabe nicht, die Grundbegriffe selbst, in denen der Einzelinhalt der Erfahrung entsteht, zu befragen. Aber im Umfang dieses Funktionsbereichs, denn die Begriffe Reiz und Empfindung darbieten, begründet und begrenzt sich die sinnesphysiologische Erfahrung. In der logischen Untersuchung dieser Begriffe wird die gegebene Erfahrung zum Problem der Möglichkeit. Nicht allein an der Grenze dieser Erfahrung, in ihrem Ursprung liegt das Rätsel eines Seins, das der Erkenntnis immanent ist und zum Vorwurf gedient hat. So enthält der Grund für die Möglichkeit dieser Erkenntnis in der Analytik ihrer Begriffe die Wurzel für die Bestimmung jenes Seins, das zur äußeren Natur ein eigenes Verhältnis zu haben scheint.

Die Empfindung ist der Ausdruck dieser problematischen Beziehung. Allein, liegt nicht gerade in der Rücksicht auf die sinnesphysiologische Erfahrung die Beschränkung, daß es sich um ein besonderes Objekt und ein besonderes Sein nicht handeln kann? Die Sinnesphysiologie ist Naturerkenntnis und auch als Inbegriff möglicher Erfahrungen durch den Begriff des Naturobjekts bestimmt und begrenzt. Sie könnte als eine besondere Art der Naturerkenntnis von dieser Beziehung nicht abstrahieren; denn gerade das Gattungsmerkmal aller objektiven und empirischen Erkenntnis ist in der Einheit des Naturbegriffs gelegen. Sofern aber der Begriff der objektiven Wissenschaft die logische Erörterung auf den Naturbegriff zurückführt, wie könnte von der sinnesphysiologischen Erfahrung aus eine Erneuerung des transzendentalen Problems gefordert werden?

Die Geschichte der Philosophie bezeichnet wenigstens das Desiderat dieser Forderung durch eine breite Entwicklung von Versuchen, in der Beziehung von Reiz und Empfindung eine neue Art des Seins zu begründen. Diese Richtung der philosophischen Spekulation hat nicht allein in der Psychophysik geschichtliche Gestalt gewonnen, sie ist auch vielfach und in grundsätzlicher Art mit den Ausführungen der empirischen Psychologie verbunden, und sie kommt sogar in der exakten Physiologie zur Geltung, wo sie die Interpretation der Ergebnisse und die Forschungsrichtung selbst beeinflußt. Welches ist das Motik dieser philosophischen Entwicklungen? In einer tieferen Frage müssen sie entstanden sein, wenn man ihre Lebenskraft nicht auf den bloßen Irrtum gründen will. - Dieser Ursprung ist der Wirklichkeitsanspruch der Empfindung. Sofern dieser zu Recht besteht, stellt nicht die Empfindung im Verhältnis zum Reiz das Problem eines neuen Seins auf, nämlich des Bewußtseins? Man sollte denken, daß der empirische und objektive Wert des Zusammenhangs von Reiz und Empfindung darin besteht, die Grundlage für die erfahrungsmäßige Bestimmung der Empfindung und damit der Vorgänge des Bewußtseins überhaupt zu gewähren. Oder sollte etwa die Empfindung und mit ihr die Vorstellung - eine bloße Vorstellung sein und keinen Anspruch auf Wirklichkeit und Realität besitzen? Der Begriff der Realität dürfte mit dieser Annahme in ein Schwanken geraten; denn man könnte den Sinn der Frage umkehren und behaupten, daß die äußere Welt vielmehr nur Empfindung und Vorstellung ist.

Zweifellos erhält und begründet die Empfindung im unveräußerlichen Wert ihres Wirklichkeitsanspruchs die tiefere Bedeutung der empirischen Beziehung zwischen Reiz und Empfindung. Die Empfindung ist da; sie ist ein Etwas außerhalb des Reizes. Was bedeutet dieses Etwas? - Man hat gesagt, die Empfindung sei die Erscheinung des Reizes und ihr Wirklichkeitsanspruch sei durch die objektive Bestimmung des Reizes befriedigt und erfüllt. Aber, wenn hiermit der Erscheinung der Wert ihres Daseins genommen werden soll, so hätte man Erscheinung mit Schein verwechselt. Wenn das Objekt in seinem objektiven Sein besteht - und das ist doch wohl der Sinn der objektiven Erkenntnis - so lehrt eben die empirische Beziehung von Reiz und Empfindung, daß die Empfindung nicht restlos in diese Bestimmung eingegangen ist. Sieht man von dem so bestimmten Objekt auf die Erscheinung zurück, so besteht diese in unveränderter Wirklichkeit und fordert in ihrem Dasein eine Bestimmung in Zeit und Rau. Und gerade in jener Rückschau vom Naturvorgang des Reizes bereitet sich der Gegensatz vor, den die Empfindung gegen jedes äußere Objekt überhaupt darzustellen scheint.

Allein das philosophische Bewußtsein des Problems einer Bestimmbarkeit der Empfindung ist für sich allein keine Grundlage, diese Bestimmung selbst herbeizuführen. Vielmehr muß in einer Erfahrung as Material von Erscheinungen gegeben sein, welches die Erkenntnis hervorruft und den Begriff ihres Objektes entstehen läßt. Dann erst kann die transzendentale Erörterung in der Eigenart jener Erkenntnis den Seinswert der Empfindung als eines Gegenstandes möglicher Erkenntnis definieren. Wenn man aber seinen Ausgangspunkt von einer allgemeinen Erwägung aus nimmt, so stellt man eben jene objektive Erkenntnis in Frage, denn in dieser Erwägung, die von Begriffen ausgeht, bildet die Empfindung immer einen Gegensatz zum Naturbegriff und damit auch zum Begriff eines möglichen Gegenstandes der Naturerfahrung.

Danach ist es begreiflich, daß jene Richtung der philosophischen Spekulation, welche das Empfindungsproblem in seiner grundsätzlichen Bedeutung formuliert hat, von der sinnesphysiologischen Erfahrung ablenkt. Ob es ausgesprochen wird oder nicht, so ist die Problemstellung der Psychophysik in allen Abwandlungen durch den Gegensatz zur Sinnesphysiologie charakterisiert. Man ist der Ansicht, daß diese das eigentliche Problem der Empfindung gar nicht erreicht. In dieser Auffassung wird mit den Mitteln physiologischer Terminologie das Verhältnis von Reiz und Empfindung aufs Neue untersucht. Damit entsteht die Frage, worin das Eigentümlich der Empfindung besteht, das diese Erneuerung eines empirisch behandelten Problems rechtfertigt.

Sofern der Gegensatz gegen die äußere Erfahrung für die Art der psychophysischen Problemstellung bestimmend ist, ist jenes besondere Merkmal der Empfindung leicht zu bezeichnen. Die Empfindung wird als ein Grenzobjekt gedacht, das den Naturbegriff erweitert und damit Gegenstand einer neuen Erfahrung sein muß. Ist es nicht dem unmittelbaren Bewußtsein gegenwärtig, daß die Empfindung im Verhältnis zum Reiz ein innerer Vorgang ist? Und folgt nicht aus dieser Erkenntnis, daß die Empfindung nur Gegenstand der inneren Erfahrung sein kann, wenn sie in ihrem tiefsten Wesen bestimmt werden soll?

So entsteht die Ansicht, in diesem Sinne das Verhältnis von Reiz und Empfindung empirisch zu behandeln, und mit diesem Anspruch entsteht der problematische Begriff der inneren Erfahrung. Wie vermag diese Erfahrung sich zu bewähren? Ich frage jetzt nach der Möglichkeit der inneren Erfahrung im empirischen Zusammenhang von Empfindung und Reiz. Ist das Verhältnis von Reiz und Empfindung in der Tendenz der inneren Erfahrung empirisch bestimmt?

In der Sinnesphysiologie sind Reiz und Empfindung durch die Irritabilität der organischen Materie empirisch verbunden. Die Untersuchung der Empfindung hatte gezeigt, daß die Verschiedenheit und die Mannigfaltigkeit der Empfindung auf die Vorgänge in den Sinnesnerven hingewiesen hat. Die Bestimmtheit der Erscheinungen ist von diesen körperlichen Vorgängen abhängig; ihre Bestimmbarkeit ist also mit dem gegebenen organischen Körper begründet. Auf dieses empirische Verhältnis weist auch der Reizbegriff hin. Der äußere Naturvorgang enthält nicht den Bestimmungsgrund der Empfindung. Denn das empirische Bewußtsein ihrer Erscheinung weist nicht auf den äußeren Vorgang selbst hin und enthält unmittelbar nichts von dessen objektiven Verschiedenheiten. Deshalb werden in der Beziehung zur Empfindung die Dinge gleichermaßen zu Reizen. Der Begriff des Reizes fordert also ein Korrelat, in dem die Mannigfaltigkeit der hervorgerufenen Erscheinung ihre objektive Bestimmung findet. Dieses Korrelat ist im organischen Körper gegeben, in dem das Verhältnis von Reiz und Empfindung empirisch bestimmbar wird.

Es ist kein Zweifel, daß die Sinnesphysiologie diese Beziehung des Reizes zur Empfindung in ihren Untersuchungen erschöpft. Auf diese Verhältnisse kann sich die Korrektur der inneren Erfahrung also nicht richten. Demnach muß es vor allem fraglich sein, ob innerhalb der inneren Erfahrung der Reizbegriff seine ursprüngliche Bedeutung gewahrt hat. Es wäre doch möglich, daß nur die Terminologie des Reizes und der Empfindung übernommen wäre, und daß im Übrigen die innere Erfahrung ein anderes Interesse verfolgt, als das empirische Problem der Empfindung fordert. In dieser Frage vermag das Attribut der "Innerlichkeit", das die Empfindung empfängt, auf die Spur zu leiten. Dieses Prädikat ist jedenfalls kein Urteil der objektiven Erfahrung selbst; sondern es bezeichnet höchstens ein besonderes Verhältnis zu dieser Erfahrung. Da aber die Psychophysik von dem Grundgedanken ausgeht, daß dieses Verhältnis innerhalb der gegebenen äußeren Erfahrung nicht definiert werden kann, so hat sie den Begriff der inneren Erfahrung für die Empfindung aufgestellt. Der Wert des Attributes des "Inneren" geht also an die Erfahrung über. Die Unterscheidung von jeder äußeren Erfahrung ist im Verhältnis zum Begriff einer Erfahrung überhaupt getroffen worden. Die Beziehung auf einen möglichen Gegenstand mag als der allgemeine Charakter der Erfahrung bezeichnet werden. Dann folgt zunächst, daß vor allem diese Beziehung auch für die äußere Erfahrung als wesentlich besteht. Der Reiz also erhält von dieser Grundlage aus eine nähere Bestimmung. Der Reiz ist nicht als ein äußerer Vorgang schlechthin verstanden. Der Reiz ist vielmehr als Gegenstand ein Gegenstand der Erkenntnis; die latente Voraussetzung des Erkenntnisbegriffs wird am Reiz mitgedacht.

Diese Voraussetzung erhält ihre besondere Bedeutung nun noch dadurch, daß von ihr aus eine Unterscheidung der Empfindung als eines inneren Objektes vom äußeren Reiz erst möglich wird. Da die innere Erfahrung keineswegs definiert ist, - noch auch die Empfindung als inneres Objekt, - so erfolgt ihre Bestimmung von der äußeren Erfahrung aus, deren Begriff allein gegeben ist. Der Begriff des inneren Objekts der Empfindung als Gegenstand der inneren Erfahrung kann nur einen Unterschied am Ganzen der objektiven und gegebenen Erfahrung zum Ausdruck bringen, da ein Artbegriff nach der Tendenz der Psychophysik nicht entstehen soll. Dieser Unterschied also, der den Reiz der Empfindung als äußeres dem inneren Objekt gegenüberstellt, ist der Unterschied von Erkenntnis und Gegenstand der Erkenntnis.

Auf dieser begrifflichen Fassung gründet die Psychophysik den Anspruch ihrer Bedeutung. Das Problem der Beziehung von Reiz und Empfindung verwandelt sich in eine Frage von ganz allgemeiner und grundlegender Formulierung. Die Empfindung repräsentiert die Erkenntnis gegenüber dem Reiz, der als Objekt erst Erkenntnis werden soll. Diese Möglichkeit aber liegt, nach dem vorausgesetzten Erkenntnisbegriff, allein darin, daß die Empfindung vom Reiz her einen Inhalt empfängt. So entsteht im Zusammenhang von Reiz und Empfindung das allgemeine Problem, wie sich die Erkenntnis auf äußere Gegenstände zu beziehen vermag.

Eine alte Frage, an der die Philosophie emporgewachsen ist. Aber das systematische Interesse der Philosophie besteht in der Behauptung, daß dieses Erkenntnisproblem nicht empirisch ist. Die Möglichkeit einer Erfahrung, die sich auf Objekte bezieht, ist logisch und transzendental Gegenstand der Untersuchung. Es müßte denn sein, daß der Philosophie in der inneren Erfahrung ein neuer Weg, und zwar zu ihrer empirischen Begründung erwiesen wäre.

Kann also die innere Erfahrung das Verhältnis von Reiz und Empfindung in jener allgemeinen Bedeutung empirisch zugrunde legen? - Wir haben soeben gesehen, daß der Begriff des inneren Objektes der Empfindung von dem der inneren Erfahrung abhängig ist und daß diese eine Unterscheidung am Begriff der äußeren Erfahrung darstellt. Wie wäre es wohl möglich, daß diese Unterscheidung ein empirisches Verhältnis von zwei Objekten begründen könnte? Die Ableitung der psychophysischen Problemstellung verlangt die Voraussetzung der Erkenntnis für den Reiz; empirisch aber wird von dieser Bedingung wieder abstrahiert, und zwar mit Recht, denn die empirische Erkenntnis bezieht sich auf äußere Vorgänge und nicht auf die Erkenntnisart von Vorgängen. Jene Abstraktion aber ist entweder transzendental, und dann ist sie nicht empirisch; oder aber sie wird innerhalb einer angeblich empirischen Erkenntnis vorgenommen, und dann besteht hier schlechthin ein Widerspruch.

Tatsächlich ist die Psychophysik durch die angeführte allgemeine Formulierung ihres Problems der Sphäre der empirischen Erkenntnis entrückt, und es ist umgekehrt die notwendige Hinführung zu dieser allgemeinen Formulierung ihres Problems ein Beweis, daß durch innere Erfahrung die Beziehung von Reiz und Empfindung ihren empirischen Ausdruck nicht erlangen kann. Versucht man innerhalb der objektiven Erfahrung jenen Gegensatz zum äußeren Objekt, den die Empfindung bezeichnet, zu bestimmen, so wäre als das Korrelat des Objekts der Erfahrung das Subjekt der Erfahrung zu nennen. Aber für die Psychophysik wiederum nicht in empirischer Bedeutung. Denn empirisch wäre das Subjekt der Erfahrung eine Erscheinung, ein bestimmbarer Inhalt der Erfahrung, ein Gegenstand äußerer Wahrnehmung. Der Begriff der inneren Erfahrung widerspricht also dieser Wendung. Die innere Erfahrung verlangt eine Beziehung auf das Subjekt der Erfahrung, die jeder äußeren Erscheinung und überhaupt jeder inhaltlichen Beziehung entgegengesetzt ist. Hiermit aber ist nicht die geringste empirische Vorstellung gewonnen. Auch die Empfindung vermag diese nicht zu geben; denn in der inneren Erfahrung ist die Empfindung keine Erscheinung eines Objekts, sondern eine mögliche Abstraktion von jeder objektiven Erscheinung in einem bloß gedachten Bewußtsein. Diese Abstraktion von der empirischen Existenz des Subjekts der Erfahrung wird für das empirische Bewußtsein einer besonderen Existenz des denkenden und erkennenden Subjekts gehalten.

Demnach ist zu erwarten, daß auch in der tatsächlichen Ausführung der Psychophysik, in der angeblich empirischen Bestimmung von Reiz und Empfindung, der Wirklichkeitsanspruch der Empfindung nicht seinen rechtmäßigen Ausdruck findet. Die Psychophysik bestimmt die Empfindung in der Abhängigkeit vom Reiz, insofern eine gesetzliche und konstante Beziehung zwischen Reiz und Empfindung besteht, so daß vom Dasein und den Veränderungen des einen auf die der anderen geschlossen werden kann. Dieser Schluß soll die Bestimmung der Empfindung ermöglichen. Damit wird der Begriff der inneren Erfahrung wiederum problematisch, denn nicht einmal die empirische Bestimmung der Empfindung ist direkt und unmittelbar möglich. Diese Bestimmung geschieht vielmehr indirekt durch einen Schluß von der Ursache auf die Wirkung. Worin aber besteht der Beweis, daß dieser Schluß richtig ist? Jedenfalls nicht wiederum in der Empfindung; ihre Unbestimmtheit macht vielmehr jenes angenommene Verhältnis von Reiz und Empfindung hypothetisch. Und die Rechtmäßigkeit dieser Hypothese kann nur durch Erfahrung bewiesen werden.

So treibt die Dialektik des Empfindungsbegriffs zu einer Frage zurück, in der die Empfindung ihre empirische Bedeutung wieder erlangt. Nunmehr kann die Möglichkeit der inneren Erfahrung nicht durch den problematischen Begriff ihrer selbst ersetzt werden. Der Begriff der inneren Erfahrung ist suspendiert und mit ihm der Begriff der Empfindung als eines Objekts der inneren Erfahrung. Die Entscheidung wendet sich an das tatsächliche Verhältnis, welches zwischen Reiz und Empfindung bestimmbar ist, ohne daß über die Art der Erkenntnis, die diesen Zusammenhang ermittelt, etwas vorausgesetzt wird. Kann die empirische Beobachtung den Nachweis und die Bestätigung geben, daß zwischen Empfindung und Reiz das Verhältnis einer allgemeinen Korrelation besteht?

Jede Beobachtung, die eine einfache Sinneswahrnehmung wie das exakte Experiment, liefert den Beweis, daß diese Korrelation nicht besteht. Es zeigt sich, daß wir jede Empfindung auch ohne den äußeren Reiz haben können; es zeigt sich ferner, daß die Verschiedenheit der Empfindung besteht bei gleichem Reiz, wenn dieser verschiedene Sinnesnerven trifft. Jede qualitative Bestimmtheit der Empfindung weist auf den Sinnesnerven hin, in dem die objektive Bedingung ihrer Erscheinung gegeben ist. Mit diesen ersten und fundamentalen Ergebnissen der Beobachtung ist also unzweideutig nachgewiesen, daß empirisch das Verhältnis von Reiz und Empfindung nach dem Schema von Ursache und Wirkung nicht zu begreifen ist.

Und warum sollten diese Tatsachen nicht genügen, um die Hypothese eines allgemeinen Zusammenhangs von Empfindung und Reiz, wie die Psychophysik sie zugrunde legt, aufzuheben? - Die Sinnesphysiologie hat die angeführten Erscheinungen unter dem Begriff der subjektiven Sinneserscheinungen zusammengefaßt. In der Bewertung der Erscheinungen aber ist es der Begriff der Subjektivität, an dem man Anstoß genommen hat. Man betrachtet die subjektiven Sinneserscheinungen als bloß subjektiv (sie sind wohl auch Sinnestäuschungen genannt worden), in denen der objektive und reale Zusammenhang von Empfindung und Reiz keineswegs seinen adäquaten Ausdruck findet.

Allein es ist zunächst zu bedenken, daß der Einwand der Subjektivität sich nicht auf die physiologische Beobachtung selbst richtet. Über die Erscheinungen selbst ist kein Zweifel möglich. Demnach ist im faktischen Tatbestand der empirischen Beobachtung ein Grad der Objektivität enthalten, der durch keinen Einspruch zu erschüttern ist. Woher stammt also der Begriff der Sinnestäuschung, der ein extremer Ausdruck für die Subjektivität der Sinnesempfindungen ist?

Der Einwand, der mit diesem Terminus gegen die sinnesphysiologische Erfahrung gerichtet wird, erstreckt sich auf ihr ganzes Fundament in empirischer Rücksicht. Die subjektiven Sinnesempfindungen definieren das Problemgebiet der Physiologie, sofern sie die Gruppe von Erscheinungen darstellen, deren objektive Bestimmung in physiologischen Vorgängen zu suchen ist. Aber gerade in diesem Umfang, in dem die subjektiven Sinnesempfindungen die aktuelle Möglichkeit der Sinnesphysiologie begründen, soll ihre Bedeutung eingeschränkt werden. Das Urteil der Subjektivität betrifft den möglichen Gegenstand der physiologischen Erfahrung. Sofern diese auf dem Material der subjektiven Sinneserscheinungen aufgebaut ist, handelt es sich auch nur um subjektive Verhältnisse in dieser Erfahrung. So käme auch für Empfindung und Reiz nur eine subjektive Beziehung zur Behandlung; das objektive und reale Verhältnis der Empfindung zum Reiz müßte dann Gegenstand einer anderen Erkenntnisart sein.

Sehen wir zunächst von dieser Konsequenz ab, welche auf den Begriff der inneren Erfahrung zurückzulenken sucht, so muß es vor allem befremdlich erscheinen, daß ein Urteil über den Gegenstand einer Erfahrung möglich sein soll außerhalb und gegen diese Erfahrung selbst. Dieses Urteil könnte nur das Ganze dieser Erfahrung betreffen und diese selbst als subjektiv bezeichnen; oder aber es betrifft einen Einzelinhalt der Erfahrung. Nur die erste Möglichkeit kommt hier in Frage. Der Einwand gegen die Sinnesphysiologie setzt dann aber voraus, daß es eine Erfahrung gibt, welche das angeblich objektive Verhältnis von Reiz und Empfindung zu ihrem Gegenstand hat. Gibt es eine solche Erfahrung? - Wir wissen, daß der Anspruch der Psychophysik, diese Erfahrung zu sein, noch immer ohne Begründung ist. Die innere Erfahrung vermag ihren empirischen Anfang und die Grundlage objektiver Erscheinungen nicht zu definieren. Wir haben gesehen, daß schließlich der empirische Ausdruck des Problems von Reiz und Empfindung in einer angenommenen Abhängigkeit der Empfindung vom Reiz gesucht wurde. Diese Abhängigkeit aber existiert empirisch nicht. Die Tatsachen widersprechen dieser Annahme. In diesen Tatsachen begründet sich der objektive Charakter der Sinnesphysiologie. Diese Erfahrung ist als Wissenschaft begründet, und ihre Möglichkeit ist gegeben. Somit ist auch über die Möglichkeit ihres Gegenstandes entschieden, und es ist kein Zweifel, daß das physiologische Verhältnis von Reiz und Empfindung das objektive ist.

Der Begriff der subjektiven Sinnesempfindung bildet keine Beschränkung und keine Begrenzung der Erfahrung, sondern wird durch diese Erscheinungen empirisch bestimmbar; gerade in der Subjektivität der Sinnesempfindungen ist die Möglichkeit des sinnesphysiologischen Problems enthalten. Das Problem bildet die Empfindung. Auf dieses Problem ist der Begriff der Möglichkeit zu beziehen. Es handelt sich nicht um die Möglichkeit der Sinnesphysiologie als Wissenschaft; diese beruth auf den Grundsätzen objektiver Naturerkenntnis und steht an dieser Stelle nicht zur Erörterung. Wohl aber war die Möglichkeit des Problems der Empfindung in Frage gestellt, wie der problematische Begriff der inneren Erfahrung gezeigt hat. Der Begriff der subjektiven Sinnesempfindungen bringt eine Lösung.

Die subjektiven Sinnesempfindungen weisen auf das physiologische Objekt hin, das als Erscheinung (Gegenstand) der äußeren Erfahrung gegeben ist. Mit dieser Wendung ist zugleich der Zusammenhang der Empfindung mit dem Reiz herzustellen. Denn dieser Zusammenhang kann nur in einer objektiven Erfahrung erkannt werden, welche die Wahrnehmung äußerer Erscheinungen voraussetzt, wie sie nun in einem physiologischen Körper gegeben sind. Somit definiert die subjektive Sinnesempfindung ein Verhältnis objektiver Bestimmbarkeit zum Reiz, welches die innere Erfahrung nicht zu erreichen vermochte.

Die innere Erfahrung suchte den Unterschied der Empfindung gegen den Reiz durch Abstraktion von jedem Merkmal eines möglichen Objekts zu bestimmen. Damit gerät die innere Erfahrung in Widerspruch zum Begriff der Erfahrung überhaupt und die Empfindung verliert das Merkmal ihres Begriffs, wie es im System objektiver Erkenntnis bestimmt ist. Dieser empirische Charakter der Empfindung besteht in dem Hinweis auf einen realen Vorgang als Gegenstand der Erfahrung. Der Begriff der subjektiven Sinneserscheinungen bedeutet keine Korrektur dieses Problemcharakters der Empfinung. Vielmehr bleibt diese Bedeutung der Empfindung erhalten, um die Unterscheidung in der Art der Beziehung der Empfindung zu ermöglichen. Der Anspruch der Empfindung bezieht sich nicht auf das äußere Objekt, welches der Reiz darstellt. Der Anspruch der Empfindung findet seine objektive Erfüllung in den physiologischen Vorgängen, welche einen empirischen Zusammenhang mit der Wahrnehmung in einer äußeren Erfahrung gewähren. In diesem Objekt ist die Wirklichkeit der Empfindung begründet; aber nicht in einem Reiz, dessen Realität ja tatsächlich von der Empfindung unabhängig ist. Nur mittelbar hat der Reiz eine Beziehung zur Empfindung. Die Empfindung zeigt das Dasein des Reizes an. Aber das Dasein eines Reizes ist eben - Erscheinung und also subjektiv im physiologischen Sinn. So führt der Begriff der subjektiven Sinnesempfindungen zu einer Bestimmung der Erscheinung überhaupt. Das Sein der Erscheinung ist in den physiologischen Vorgängen und ihren Beziehungen zum Reiz bestimmt, die Gegenstand einer objektiven Erfahrung sind. Wenngleich die Erscheinung keine Qualität des äußeren Objekts ist, so ist sie doch objektiv und Wirklich - auch in einer allgemeinen Entgegensetzung zu diesem äußeren Objekt.

Denn freilich bleibt diese Unterscheidung auch in der Sinnesphysiologie erhalten, wie die Gegenüberstellung von Reiz und Empfindung es zum Ausdruck bringt. Dieser Unterschied ist aber für die Sinnesphysiologie kein Gegensatz zum Begriff eines Objekts überhaupt. Handelt es sich doch um Vorgänge innerhalb derselben objektiven Erfahrung. Aber innerhalb dieser Erfahrung ist eine Gruppe von Erscheinungen durch den Begriff der subjektiven Sinnesempfindungen definiert. Die physiologischen Vorgänge erhalten also durch diese ihre empirische Begründung den Charakter ihrer Bedeutung. Dieses Bedeutung aber kann wiederum nur der des Reizes gegenüberstehen, denn der Unterschied zum Reiz ist der Ursprung jener besonderen Bedeutung. Nun ist die Bedeutung des Reizes die eines Objekts der Erkenntnis. Sollten die subjektiven Sinnesempfindungen auf den Begriff des Subjekts der Erkenntnis hinführen?

Das Verhältnis von Reiz und Empfindung wird so erweitert zu einer Beziehung von Objekt und Subjekt der Erkenntnis. Ein Gebiet von äußeren Erscheinungen ist also die Erscheinung des Subjekts der Erkenntnis zu bestimmen. Dieser Begriff des Subjektes der Erkenntnis ist in einem Zusammenhang von Reiz und Empfindung empirisch zu verstehen, also als ein Inbegriff von Vorgängen, welche nun Erkenntnisvorgänge sind. In den subjektiven Sinnesempfindungen ist die Basis zu einer empirischen Anknüpfung in der Bestimmung dieser Vorgänge gegeben. Hier setzt sich die Kritik des Bewußtseins durch, welche die Möglichkeit eines Problems auf eine inhaltliche Beziehung des Bewußtseins einschränkt. Aber die subjektiven Sinnesempfindungen lehren gerade dies, daß die Erkenntnis empirisch sich selbst als Inhalt und nicht als Bewußtsein gegenübersteht.
LITERATUR - Philosophische Abhandlungen, Hermann Cohen zum 70sten Geburtstag, Berlin 1912