p-4H. RuinJ. G. SulzerJ. VolkeltMFKG. W. CampbellM. Palágyi    
 
HEINRICH HOFMANN
Untersuchungen über den
Empfindungsbegriff

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"In der griechischen Philosophie fließen die Begriffe Empfindung und Wahrnehmung noch unterschiedslos durcheinander. Indem man sich die Wahrnehmung der Körperwelt als eine reine Folgeerscheinung der Einwirkung der Dinge auf die Seele dachte, hatte man auch keine Veranlassung von einer "Deutung" des gegebenen sinnlichen Materials zu reden."

"In der ganzen neueren Erkenntnistheorie unterscheidet man bei der Dingerkenntnis zwei wesentlich verschiedenartige Faktoren: das sinnlich dargebotene Material und die Deutung dieses Materials in der Wahrnehmung zu einer dinglich-gegenständlichen Welt."

"Bei den Aussagen über die reinen Empfindungen muß man sich gegenwärtig halten, daß es sich um keine bloße Tatsachenbeschreibung handelt. Es liegt im Sinne der Definition, daß wir der reinen Empfindungen unmittelbar nicht habhaft werden können; sie sind uns nicht gegeben, sondern ihre Bestimmtheiten sind uns zu beschreiben aufgegeben; sie sind das X, das wir aus einer sehr kompliziert gebauten Gleichung zu ermitteln haben mit Hilfe von Methoden, die uns einen vollkommenen Abschluß der Rechnung nicht gewährleisten können."


Erstes Kapitel
Kritik der Empfindungsbegriffe

§ 1. Empfindung und sinnliche Wahrnehmung

So verschieden ansich die gebräuchlichen Definitionen des Empfindungsbegriffs sein mögen, so scheint es doch eine gemeinsame Tendenz zu sein, welche die verschiedenen Autoren bei der Einführung ihrer Begriffe leitet, nämlich das Bestreben, mit der Empfindung etwas "Einfaches", etwas "psychologisch Elementares" zu bezeichnen und eben damit die Empfindung der sinnlichen Wahrnehmung als dem "Komplizierteren" gegenüberzustellen. Freilich ist die Verwendung des Terminus sinnliche Wahrnehmung auch nicht immer vollkommen prägnant, indem neben der eben skizzierten Bedeutung, wobei sinnliche Wahrnehmung und Empfindung als koordinierte Begriffe erscheinen, der Begriff der "sinnlichen Wahrnehmung" oft auch so verwendet wird, daß er den Gegensatz zu den Phantasie- und Erinnerungsvorstellungen bildet und dementsprechend auch alle Empfindungen mit umfaßt. Ich will diese beiden Wahrnehmungsbegriffe auseinanderhalten und also einen engeren und einen weiteren Begriff von sinnlicher Wahrnehmung unterscheiden. Da jedoch, wie in der Einleitung gesagt worden ist, der Gegensatz zwischen Wahrnehmung und Phantasievorstellung in den folgenden Diskussionen keine Rolle spielen wird, so will ich der Kürze halber den Begriff der Wahrnehmung im engeren Sinn schlechthin mit Wahrnehmung bezeichnen und also vorläufig sinnliche Wahrnehmung und Empfindung als einander koordinierte Begriffe verwenden. Sollte ich gelegentlich den Wahrnehmungsbegriff in einem weiteren Sinn gebrauchen, so werde ich seine Verwendung, falls sie nicht aus dem Zusammenhang von selbst hervorgeht, durch den entsprechenden Zusatz zu erkennen geben.

Daß die Unterscheidung von Empfindung und sinnlicher Wahrnehmung nincht speziell psychologischer Natur ist, sondern auch in fundamentalen erkenntnistheoretischen Anschauungen seinen Grund hat, ist bekannt. Doch ich will auch auf die Geschichte dieser Unterscheidung - wenn auch nur kurz (1) - noch etwas eingehen, um dadurch ein weiteres Moment herauszulösen, das mir auch heute noch bei der Einführung des Empfindungsbegriffs eine maßgebende Rolle zu spielen scheint: nämlich die Charakterisierung der Empfindung als ein einfaches Hinnehmen des sinnlich "Gegebenen" gegenüber der Wahrnehmung, in der dieses "Gegebene" gegenständlich "gedeutet" wird - ein Unterschied, der mit dem zuerst angegebenen in einem gewiß sehr engen Zusammenhang steht, der aber durch die erkenntnistheoretische Bedeutung, die man ihm beizulegen pflegt, einer besonderen Hervorhebung bedarf.

In der griechischen Philosophie fließen die Begriffe Empfindung und Wahrnehmung noch unterschiedslos durcheinander. Indem man sich die Wahrnehmung der Körperwelt als eine reine Folgeerscheinung der Einwirkung der Dinge auf die Seele dachte, hatte man auch keine Veranlassung von einer "Deutung" des gegebenen sinnlichen Materials zu reden. Das Mittelalter in seiner allgemeinen Abhängigkeit vom Altertum weiß auch in Bezug auf die Erkenntnis der Dingwelt nichts wesentlich Neues zutage zu fördern. Erst mit dem Beginn der Neuzeit wird das anders. Angeregt durch die cartesianische Zweifelsfrage, mit welchem Recht wir denn eigentlich von einer körperlichen Dingwelt reden können, wendet man auch den einzelnen "Faktoren", die bei der Dingerkenntnis in Betracht kommen, eine Aufmerksamkeit zu. Dabei verfährt man freilich zumindest erkenntnistheoretisch naiv: ob es eine ansich bestehende Körperwelt, die auf unsere Sinne einzuwirken vermag, gibt, das wird nicht weiter diskutiert, nnur wie diese Körperwelt in unsere Erkenntnis hineinkommt, wie genetisch die Dingerkenntnis zustande kommt, das ist die Frage, die man durch möglichst plausible Theorien zu beantworten sucht. Da spricht DESCARTES von einer Mitwirkung des Urteils, HOBBES schreibt dem "Gedächtnis" eine wesentliche Rolle zu und bei BERKELEY haben wir dann die in kühner Weise entworfene "Theory of Vision", durch die gezeigt werden soll, wie die Wahrnehmung der körperlichen Dingwelt speziell hinsichtlich der räumlichen Eigenschaften sich aus einfachen Anfängen allmählich zu der Vollkommenheit entwickelt, in der sie sich beim Erwachsenen findet. Diese Theorie hat dann der (psychologischen) Erkenntnistheorie bis auf unsere Tage die Richtung vorgeschrieben. Es ist hier nicht der Ort, weiter auf die verschiedenartigen Formen einzugehen, welche man für diese Entwicklung aus dem "ursprünglich Gegebenen" aufgestellt hat, und im speziellen die eigentümliche Form zu erörtern, in der diese Lehre auch in die kantische Erkenntnistheorie Eingang gefunden hat. Jedenfalls unterscheidet man in der ganzen neueren Erkenntnistheorie bei der Dingerkenntnis zwei wesentlich verschiedenartige "Faktoren": das sinnlich "dargebotene" Material und die "Deutung dieses Materials in der Wahrnehmung zu einer dinglich-gegenständlichen Welt. Diese durch ursprünglich erkenntnistheoretische Überlegungen bedingte Scheidung ist dann auch in der modernen Psychologie maßgebend geworden und hat zur Aufstellung eines viel gebrauchten Empfindungsbegriffs geführt, nämlich zum Begriff der "reinen" Empfindung, von dem wir zuerst sprechen wollen.


§ 2. Die reine Empfindung

Ich will den Begriff in der Form behandeln, in der man ihn in den bekannten psychologischen Lehrbüchern von JODL und EBBINGHAUS findet. JODL definiert:
    "Unter Empfindung verstehen wir einen im Zentralorgan auf Veranlassung eines ihm von den peripheren Organen zugeführten Nervenreizes entwickelten Bewußtseinszustand, in welchem ein qualitativ und quantitativ bestimmtes Etwas (Inhalt, Aliquid) zur sinnlichen Erscheinung kommt. Dieses wird in der englischen und *französischen Psychologie auch als das präsentative oder perzeptive Element in der Empfindung bezeichnet." (2)
Prägnanter formuliert EBBINGHAUS den zu bezeichnenden Begriff, indem er die Empfindungen als diejenigen Bewußtseinsgebilde bezeichnet,
    "die in der Seele unmittelbar durch die äußeren Reize hervorgerufen werden, ohne angebbare Mittelglieder, wie namentlich Erfahrungen, lediglich vermöge der angeborenen Struktur der materiellen Organe einerseits und der ursprünglichen Reaktionsweise der Seele auf die nervösen Erregungen andererseits." (3)
Suchen wir uns nun das allgemeine Wesen und die Voraussetzungen des in den gegebenen Definitionen liegenden Empfindungsbegriff im Einzelnen näher zu bringen.

Zunächst heben beide Definitionen, darüber kann kein Zweifel bestehen, mit genügender Deutlichkeit hervor, daß man mit Empfindung etwas Geistiges ("Psychisches") meint und nicht etwa, wie es vielfach von Seiten der Physiologen geschieht, einen sich im Gehirn bzw. den Sinnesorganen vollziehenden (materiellen) Nervenprozeß. Hierin liegt ein für die psychologische Forschung gewiß bedeutungsvolles Moment, aber es ist nicht dasjenige, auf das man gegenüber den anderen psychologischen Empfindungsbegriffe hinzuweisen hätte; Materielles meint ja kein Psychologe, wenn er von Empfindung redet. Aber ein Wesentlichstes und für die ganze Definition Charakteristisches fällt sofort auf, d. h. nämlich, um mit MESSER zu reden, daß in der Definition "über die Sphäre der rein psychologischen Beschreibung" (4) hinausgegangen wird. Um zu sagen, was die Empfindung ist, werden nicht die den Sinnesdaten, die Empfindungen genannt werden sollen, gemeinsamen "rein immanenten" Merkmale angegeben, sondern es werden die allgemeinen Bedingungen, die für ihr Zustandekommen maßgebend sind, verzeichnet. Es handelt sich also, logisch gesprochen, nicht um eine Definition durch rein innere Merkmale, sondern um eine genetische Definition, analog dem Fall, wo man die Kreislinie als eine Kurve definiert, die auf die und die Weise durch "Konstruktion" erzeugt werden kann; nur daß es sich in diesem letzteren Fall umd die "Erzeugung" eines "Idealen", im Fall der Empfindung aber um reale Vorgänge handelt. Vom logischen Standpunkt aus dürfte also gegen die Art der Definition der Empfindung nichts einzuwenden sein. Sehen wir aber nun zu, wie es mit den sachlichen Voraussetzungen und der Verwirklichung der so definierten Empfindungen im Bereich der wissenschaftlichen Erfahrung steht!

Die Voraussetzungen, auf denen unsere Definitionen fußen, sind allgemein gesprochen zunächst die, daß es seelische Individuen gibt, daß von diesen seelischen Individuen jedes für sich mit einem lebendigen Körper durch bestimmte gesetzmäßige Zusammenhänge derart verbunden ist, daß gewisse (im allgemeinen von äußeren materiellen Vorgängen herrührende) nervöse Erregungen in den Sinnesorganen sich zum Gehirn fortpflanzen und aufgrund einer psychophysischen Gesetzmäßigkeit bestimmte seelische Vorgänge zur Folge haben. Vielleicht erscheinen diese Voraussetzungen manchen Psychologen, die das Wesen der Psychologie in der reinen Deskription der seelischen Erlebnisse sehen, schon zu weitgehend und vor allem für die Definition eines so fundamentalen psychologischen Begriffs, wie es die Empfindung ist, verwerflich. Vom Standpunkt der empirischen jedoch, ich will deutlicher sagen experimentellen Psychologie ist gegen diese Voraussetzungen ganz und gar nichts einzuwenden, sie sind eben ihre eigenen Voraussetzungen, die sie nicht aufgeben kann, ohne sich selbst unmöglich zu machen.

Aber freilich mit dem Angegebenen sind noch nicht sämtliche Voraussetzungen, die unsere Definitionen machen, aufgezählt. Es ist da (zumindest in der Definition von EBBINGHAUS, an die ich mich, da sie mir besonders prägnant erscheint, jetzt allein halten werde) noch von einer "angeborenen Struktur der materiellen Organe" und von einer "ursprünglichen Reaktionsweise der Seele auf die äußeren Erregungen" die Rede, und dieser ursprünglichen Reaktionsweise wird als Gegensatz eine Reaktionsweise gegenübergestellt, bei der auch noch allerhand "Erfahrungsmomente" mit im Spiel sind. Diesen Gegensatz werden wir uns aber jetzt noch genauer verdeutlichen müssen, da in ihm noch wesentlich weitergehendere Voraussetzungen zu liegen scheinen, als wir vorhin bezeichnet haben.

Der Aufstellung des genannten Gegensatzes liegt zunächst die These zugrunde, daß jedes menschliche Individuum in den ersten Jahren seines Lebens einen Entwicklungsprozeß durchmacht derart, daß die ursprüngliche Reaktionsweise der Seele bei Einwirkung von Reizen im Laufe der Zeit mehr und mehr ergänzt und verändert wird durch die Mitwirkung von "Reproduktions- oder Erfahrungselementen", die von früheren Einwirkungen herrühren. Wie man sich die Gestaltung dieser "Reproduktionselemente" und ihre "Verschmelzung" mit den frischen Eindrücken zu mehr oder weniger einheitlichen Bewußtseinsganzen im Einzelnen denken mag, und mit welchem Recht man in diesem Zusammenhang überhaupt von "Reproduktion" sprechen darf, das kann uns hier vorerst gleichgültig sein. Wesentlich für die Herausarbeitung unseres Begriffs der reinen Empfindung ist nur, daß man nach dieser These viele, wenn nicht alle sinnlichen Erlebnisse des Erwachsenen "nicht als etwas Fundamentales und Letztes, direkt auf den äußeren Reizen Beruhendes" (5) anzusehen hat und daher sich (im Interesse einer genetischen Kausalerklärung) genötigt sieht, aus der Gesamtheit der sinnlichen Wahrnehmungsanschauungen, die ein Individuum im Laufe eines Lebens überhaupt haben kann, einen gewissen Teil auszusondern, den man sich als reine seelische Folgeerscheinung der äußeren Reizwirkung denkt. Diese reinen, mit keinerlei "Erfahrungsmomenten" "vermischten" bzw. "verschmolzenen", dem Bewußtsein sich darbietenden Reizwirkungen sind es, die Ebbinghaus kurz als Empfindungen bezeichnet und die ich mit dem Terminus "reine Empfindungen" belegen möchte (6).

Zum Unterschied von HELMHOLTZens Begriff der reinen Empfindung, der neben der Angabe der Entstehungsweise zugleich auch bestimmte innere Merkmale enthält (7), muß für die Definition von EBBINGHAUS hervorgehoben werden, daß sie keinerlei Angabe darüber enthält, wie die reinen Empfindungen in den einzelnen Sinnesgebieten beschaffen sind, sondern es ist nur gesagt, welche allgemeinen Bedingungen bei ihrer Entstehung im Bewußtsein in Frage kommen; die Bestimmung der inneren Eigentümlichkeiten des Definierten wird so also der besonderen psychologischen Erforschung vorbehalten. Doch um das Quale der reinen Empfindungen bestimmen zu können, müssen wir wissen, wo wir die bezeichneten "seelischen" Gebild antreffen können, müssen wir die allgemeinen Kriterien dafür kennen, daß wir es in diesem Fall mit reinen Empfindungen zu tun haben, in jenem nicht. Wie steht es nun damit?

Was zunächst die Realisierung der reinen Empfindungen anlangt, so würden wir sie zuer und vor allem im Bewußtsein des neugeborenen Kindes zu suchen haben. Denn bei diesem fehlen die "Erfahrungen", auf die unsere Definition verweist, noch gänzlich, von einer Mitwirkung von "Erfahrungsmomenten" beim Zustandekommen der sinnlichen Inhalte kann dementsprechend hier nicht gesprochen werden; im Sinne unserer Definition würden wir also sämtliche Anschauungen, die dem Neugeborenen zu Bewußtsein kommen, als reine Empfindungen anzusprechen haben. Aber freilich, wenn wir uns auch in der Rede von den Bewußtseinsgebilden der Neugeborenen auf "psychologische" Realitäten beziehen, so können wir uns von der eigentümlichen Prägung, in der die sinnlichen Erscheinungen in einem derartigen Bewußtsein auftreten, doch keine rechte Vorstellung machen, denn wir haben allen Grund anzunehmen - und es war ja auch eine der Voraussetzungen, von denen unsere Definition ausging -, daß die "seelischen" Erscheinungen des Neugeborenen wesentlich primitiver und eben deswegen auch andersartiger sind als die Vorgänge im Bewußtsein des erwachsenen Forschers. Es mag richtig sein, was SCHUPPE (8) sagt, daß nämlich im Bewußtsein des Neugeborenen "die gleichzeitigen Data aller Sinne zusammen einen unklaren Totaleindruck" bilden, und daß es schon ein "Werk der Reflexion" ist,
    "wenn die einzelnen Empfindungen einzelner Sinne als Bestandteile desselben unterschieden und je eine Empfindung eines Sinnes für sich allein gedacht wird",
aber für die wissenschaftliche Forschung, für die Untersuchung der Beschaffenheit und Veränderung der Empfindungen, würde uns das wenig nützen können. Denn dabei können wir uns nur auf Realitäten beziehen, die unserer eigenen Wahrnehmung oder doch zumindest der Wahrnehmung anderer Erwachsener unmittelbar zugänglich sind. Soll also der Begriff der reinen Empfindung wirklich für die Empfindungslehre grundlegend sein, so muß sich seine Verwirklichung nicht bloß im Bewußtsein des Neugeborenen vollziehen, sondern auch im Bewußtsein des erwachsenen Forschers. Sehen wir also jetzt zu, wie es in dieser Hinsicht steht!

Dem Plan der ganzen Arbeit entsprechend wollen wir uns hierbei auf das Gebiet des Gesichtssinns beschränken und als Beispiel die Tiefenwahrnehmung nehmen.
    "Tiefe", sagt Ebbinghaus, ist nichts unmittelbar Gegebenes ...; das Bewußtsein, die volle plastische Körperlichkeit der Dinge unmittelbar zu sehen ... ist irrig. Natürlich haben wir ein Bewußtsein davon, aber sein Inhalt ist nicht [reine] Empfindung." (9) "Für die unmittelbare Empfindung [liegen] die Dinge schlechthin und lückenlos nebeneinander" (10); "die reine optische Empfindung ist eine eigentümlich geartete zweidimensionale Ausdehnung und weiter nichts". (11)
Hier haben wir also klar und deutlich ausgesprochen, einmal wie beschaffen die reinen optischen Empfindungen nicht sind, und zum anderen, welche Eigenschaften wir ihnen zuzuschreiben haben. Im allgemeinen, so sagt man uns, sind die optischen Erscheinungen des Erwachsenen, da bei ihnen das "Tiefenbewußtsein" vorhanden ist, keine reinen Empfindungen, aber gänzlich unzugänglich sind auch für den Erwachsenen die reinen Empfindungen nicht. Zwar ist es nicht leicht,
    "dem ausgebildeten Bewußtsein seine bereitwilligsten Vorstellungen zu nehmen und es auf einen primitiveren Standpunkt zurückzuschrauben", aber "mit einiger Annäherung ... läßt sich der vorauszusetzende positive Eindruck der [ursprünglichen] Räumlichkeit auch dem ausgebildeten Bewußtsein verschaffen. Man schließe die Augen und betrachte das umgebende Dunkel, oder man schaue in die Finsternis eines dunklen Zimmers, in einen dicken Nebel, gegen den Himmel, in eine durchsichtige Flüssigkeit oder die Glut einer großen Flamme." (12)
Die "Entfernungsvorstellungen" treten in all diesen Fällen zurück.
    "Die Ausdehnung nach Höhe und Breite sehe ich, aber zu einer sicheren und bestimmten Tiefenlokalisation komme ich nicht", ich sehe "also in der Tat, wenigstens annähernd, eine zweidimensionale Räumlichkeit ohne Tiefe" - und etwas weiter wird hinzugefügt: "Mir scheint, man kann sich mit Hilfe [dieser Eindrücke] wohl vorstellen, wie dem ganz jungen Kind die Welt erscheinen muß." (13)
Wir kommen also zu der Ansicht, daß, wenn auch in sehr vielen Fällen unsere Gesichtserscheinungen mit einem nicht auf einer reinen Empfindung beruhenden Tiefenbewußtsein behaftet sind, es doch andererseits auch Beispiele gibt, bei denen die Tiefe so gut wie ganz fehlt, wo die reine Empfindung als solche (zumindest annähernd) zur Erscheinung kommt. Auch die Erfahrung des psychologischen Forschers weist also reine Empfindungen auf oder doch zumindest Erscheinungen, die den reinen Empfindungen sehr nahe kommen.

Damit dürfte das, was über den Begriff und das Vorkommen der reinen Empfindung zu sagen wäre, klar gestellt sein; wir wenden uns nur zur Kritik des Gesagten und überlegen, welche Kriterien wir haben, um von unserer Definition aus zu entscheiden, ob etwas als reine Empfindung anzusprechen ist oder nicht.


§ 3. Kritisches über den
Begriff der reinen Empfindung

Es wurde früher gesagt, daß man bei der Einführung des Empfindungsbegriffs von dem Bestreben geleitet wird, etwas "Einfaches", "psychologisch Elementares" begrifflich festzulegen. Den Sinn einer solchen Ausdrucksweise wollen wir uns jetzt noch etwas näher zu bringen und im Zusammenhang damit die Bedeutung des Begriffs der reinen Empfindung für die wissenschaftliche Forschung zu ermitteln suchen.

Es sind - wenn man einstweilen von dem später zu erörternden Begriff WUNDTs absieht - zwei Begriffe von "psychologisch einfach und elementar", die man auseinander zu halten hat:

Erstens: man redet von den Empfindungen als den einfachsten Gebilden in dem Sinn, daß sie das für die wissenschaftliche Forschung Einfachste, Zugänglichste, am ehesten zu Beherrschen sind, so daß man die wissenschaftliche Untersuchung mit ihnen beginnen und das ganze Wissenssystem von ihnen aus aufbauen kann. Dementsprechend wird dann auch die Lehre von den Empfindungen in den psychologischen Lehrbüchern der Behandlung der übrigen seelischen Vorgänge vorausgeschickt.

Sind es nun, so werden wir fragen, die reinen Empfindungen im definierten Sinn, von denen die "psychologische" Empfindungslehre handelt? Es scheint, daß das nicht der Fall ist, zumindest nicht bei den Gesichtsempfindungen, denen unsere Betrachtungen ja speziell gelten sollen. Überlegen wir einmal - ganz unabhängig davon, mit welchem Recht derartige Untersuchungen noch "Psychologie" sind - an was für Erscheinungen z. B. die Untersuchungen über die Unterschiedsempfindlichkeit, die Schwelle, das WEBERsche Gesetz usw. angestellt worden sind. Die Farbenerscheinungen, die hierbei von den Versuchspersonen zu beurteilen sind, sind da gewiß keine reinen optischen Erscheinungen, wie sie uns EBBINGHAUS beschreibt: eigentümlich zweidimensional ausgebreitete Farbenkomplexe, die keine Form, keine Entfernung von der Versuchsperson, überhaupt keinerlei Orientierung nach der dritten Dimension haben. Vielmehr wird es sich in der Regel um Farbenanordnungen handeln von anschauungsmäßig ganz bestimmter Form, etwa um ebene Flächen, die vertikal zur Sehrichtung sind und in einer bestimmten Entfernung erscheinen. Und so auch bei anderen "sinnespsychologischen" Untersuchungen. Die Farbenerscheinungen, die bei den grundlegenden Untersuchungen der Empfindungslehre das Tatsachenmaterial geliefert haben, sind also keine reinen Empfindungen gewesen. Also kann, so werden wir folgern müssen, unser Begriff der reinen Empfindung auch nicht derjenige Empfindungsbegriff sein, der bei der "psychologischen" Empfindungslehre die Grundlage bildet. Damit wäre dann die Unbrauchbarkeit des Begriffs der reinen Empfindung für den Aufbau des "psychologischen" Wissensgebäudes dargelegt.

Freilich könnte man gegen die letzte Überlegung folgendes geltend zu machen suchen: Bei den Untersuchungen über die Farbenempfindungen kommen niemals die Erscheinungen nach ihrem vollen konkreten Bestand in Frage; man untersucht nicht die Gesetzmäßigkeiten der ganzen optischen Erscheinung, sondern nur eines Momentes, eines abstrakten Teiles des konkreten Ganzen, eben der Farbqualität. Für die Untersuchung der Farbqualitäten für sich allein ist es darum auch vollkommen gleichgültig, ob wir uns an reine Empfindungen im Sinn der gegebenen Definition halten, oder ob wir von Farben ausgehen, bei denen nebenbei auch ein Tiefenbewußtsein usw. vorhanden ist. Auf diese räumlichen Eigenheiten der sinnlichen Gebilde kommt es bei den Farbuntersuchungen nicht an, man braucht auf sie auch bei der Definition der Farbempfindung keinerlei Rücksicht zu nehmen. Doch dieser Einwand würde auf sehr schwachen Füßen stehen, denn wenn er wirklich etwas bedeuten wollte, so müßte doch bewiesen werden, daß hinsichtlich der Farbeigenschaften der reinen visuellen Empfindung und der ihr entsprechenden mit dreidimensional-räumlichen Eigenschaften ausgestatteten Anschauung keinerlei Unterschied besteht, daß die "räumliche Formung" für das Quale der Farben bedeutungslos ist. Ansich ist es doch sehr wohl möglich - ja man hat guten Grund zu der Behauptung, daß es sich auch tatsächlich so verhält - daß mit dem Auftreten bzw. der Änderung der räumlichen Bestimmtheiten auch gewisse gesetzmäßige Änderungen der Farbbeschaffenheit einhergehen, so daß es nicht angeht, die räumlichen Bestimmungen, in denen die Farben auftreten, gleichsam nur als ein Kleid anzusehen, in das wir die Farben hineinstecken, als eine "Form", in die wir die Farben hineingießen. Die Farben sind, soweit unsere Erfahrung reicht, nur etwas in der räumlichen Gestaltung, wir haben daher auch kein Recht, die Raumgestalten der Farben von vornherein als etwas Nebensächliches, für das Quale der Farben Irrelevantes zu betrachten. Die Phänomene, auf die wir unsere Aussagen bei den Farbuntersuchungen stützen, das Tatsachenmaterial, die Forschungsobjekte sind Farben im Raum, und darum dürfen wir auch nicht sagen, daß der Begriff, welcher der Empfindungslehre zugrunde liegt, der Begriff der reinen Empfindung ist, denn mit diesem sollen der Definition nach Objekte bezeichnet sein, die nachweislich nicht unsere Forschungsobjekte sind.

Doch darf man meine Ausführungen nicht mißverstehen. Ich will nicht sagen, daß es überhaupt unmöglich ist, die Farben für sich zu untersuchen ohne eine durchgängige Rücksichtnahme auf ihre räumlichen Bestimmtheiten - eine solche Behauptung würde ja durch die Tatsachen der bisher schon geleisteten Farbuntersuchungen ohne weiteres widerlegt sein. Im Gegenteil, es ist auch unsere Ansicht, daß man mit gutem Recht innerhalb sehr weiter Grenzen die Gesetzmäßigkeiten des Farbensehens unabhängig vom Raumsehen behandeln kann, ja sogar behandeln muß. Aber man spricht doch dann nicht von den Farben der reinen Empfindungen, sondern von den Farbeigenschaften der sinnlichen-visuellen Gebilde, wie sie sich in der Erfahrung des erwachsenen Menschen darstellen.

Müssen wir so dem Begriff der reinen Empfindung die Bedeutung absprechen, der Fundamentalbegriff der Empfindungslehre zu sein, so fragt es sich nun andererseits, ob denn diesem Begriff im Rahmen der wissenschaftlichen Forschung nicht eine andere Bedeutung zugeschrieben werden kann. Und in der Tat zeigt die nähere Überlegung, daß unser Begriff doch nicht völlig bedeutungslos ist. Wir erkennen dies, wenn wir uns der Erörterung des zweiten der beiden Begriffe von "psychologisch einfach und elementar", die wir unterscheiden wollten, zuwenden. Dieser Begriff erwächst uns vom Standpunkt der genetischen Psychologie aus.

Wenn man von genetischer Psychologie redet, so hat man im allgemeinen den speziellen Zweig der psychologischen Forschung im Auge, der es sich zur Aufgabe macht, das Seelenleben des entwickelten Individuums als ein nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten aus geringeren Anfängen Gewordenes zu begreifen. Hierzu gehört, daß man die verschiedenartigen seelischen Vorgänge bis zu ihren ersten Anfängen zurückverfolgt und zeigt, in welcher Weise und unter welchen Bedingungen sich aus dem "psychologisch Elementaren und Einfachen" allmählich das komplexe Seelenleben des entwickelten Individuums herausbildet. Eben in diesem Forschungszusammenhang aber gewinnt der Begriff der reinen Empfindung Bedeutung: Als Bedingungen, unter denen sich die Entwicklung der Sinnlichkeit vom primitiven zum entwickelten Bewußtsein vollzieht, treten, wie die psychologische Forschung gezeigt hat, im wesentlichen zwei verschiedenartige "Faktoren" auf, nämlmich die Einwirkung auf die Sinnesorgane und die mannigfach gestalteten "Nachwirkungen" solcher Sinneseindrücke, die man sich gewöhnt hat unter dem Namen "Erfahrungswirkungen" zusammenzufasssen. Fast in jeder Wahrnehmung, die wir Erwachsene machen, sind diese beiden Faktoren aufweisbar. Aber die Sache ist nun nicht so, daß jeder Faktor ein in der sinnlichen Anschauung sich getrennt hervorhebendes sinnliches Gebilde hervorbrächte, sondern beiden Faktoren entspricht ein "Verschmelzungsprodukt", ein in weiten Grenzen einheitliches psychisches Gebilde. Hat aber die psychologische Forschung dies einwandfrei festgestellt, so erwächst ganz von selbst die Forderung, die Beschaffenheiten und Eigentümlichkeiten der seelischen Folgeerscheinungen der Sinneseindrücke ohne Mitwirkung irgendwelcher Erfahrungsmomente, also genau das zu erforschen, was wir die "reinen Empfindungen" genannt haben, und damit zugleich ein Bild davon entwerfen, wie primitiv und einfach die sinnlichen Anschauungen des Neugeborenen aussehen müssen. Diese Aufgabe hat vom psychologischen Standpunkt aus Sinn und Bedeutung, und der Begriff der reinen Empfindung erweist sich nicht bloß als ein brauchbarer, sondern als ein für die psychologische Forschung im Ganzen auch notwendiger Begriff. Daß wir mit der reinen Empfindung etwas bezeichnen, was der unmittelbaren Wahrnehmung und Beobachtung nicht zugänglich ist, macht dabei nichts; wir haben, wenn wir ihn gebrauchen, "psychische" Realitäten im Auge, und die Aufgabe, die Beschaffenheit dieser Realitäten im zu bestimmen, ist daher für die Psychologie keine bloß vermeintliche, sondern eine wirkliche, deren endgültige Lösung freilich nicht ganz einfach ist. Denn ob es Erscheinungen gibt, welche den zu bestimmenden Inhalten nahe kommen und wenn es solche gibt, welche es sind, das vermögen wir von vornherein nicht zu entscheiden. Unmittelbare Kriterien gibt es nicht dafür, sondern dazu ist der ganze experimentelle Apparat nötig, wie ihn die moderne Psychologie aufgebaut hat, und den die zukünftige Forschung noch weiter ausbauen wird. Für die rein deskriptive Psychologie würde sonach der Begriff der reinen Empfindung kaum eine Bedeutung haben; denn die theoretischen Überlegungen, die uns von den entwickelten Anschauungen zur primitiven Form der reinen Empfindung zurückführen sollen, finden ihre wesentlichste Stütze in der Zergliederung der Bedingungen, unter denen unsere sinnlichen Erlebnisse zustande kommen, also in einer Fragestellung, die der deskriptiven Psychologie als solcher fern liegt, und die sich mit den dieser allein zur Verfügung stehenden Beobachtungsmethoden auch gar nicht erledigen läßt. Damit soll freilich nicht behauptet werden, daß für den Reduktionsprozeß in allen Fällen ein bewußt angestelltes Experimentieren erforderlich ist, vielmehr zeigen auch schon die Erfahrungen des gewöhnlichen Lebens, die Täuschungen und Jllusionen, was in bestimmten Fällen nicht auf Kosten der ursprünglichen Reizwirkung gesetzt werden kann. Aber im allgemeinen wird sich aus der unmittelbaren Betrachtung und Vergleichung der verschiedenen sinnlichen Inhalte nur wenig zur Beantwortung der in Rede stehenden Fragen beibringen lassen.
    "Der Eindruck ansich ist ein einheitlicher und ungeteilter; seine sinnliche Grundlage und seine Vorstellungsgrundlage vereinigen sich stets zu einer einzigen Wirkung von überall gleichartiger Lebhaftigkeit und Deutlichkeit." (14)
Will man also die Beschaffenheiten der primitven Form der Sinnlichkeit erforschen, so wird man sich in der Hauptsache an das bewußt angestellte Experiment zu halten haben. Dieses erst wird das Tatsachenmaterial zutage fördern können, aufgrund dessen wir eine Theorie über die Entwicklung unseres Seelenlebens aufstellen können. Natürlich wird auch mit Hilfe des Experiments das Tatsachenmaterial noch ein unvollkommenes bleiben, und es wird noch vieler Entdeckungen bedürfen, um schlagende Beweise für die Richtigkeit bzw. Unrichtigkeit der einen oder anderen Theorie zu liefern. Denn die gedankliche Verarbeitung des vielverschlungenen Materials zu einer in sich und mit den Tatsachen übereinstimmenden Theorie macht unter Umständen große Schwierigkeiten, und so darf man sich nicht wundern, wenn es in allen Fällen zu einer einheitlichen Ansicht noch nicht gekommen ist. So schrieb, um nur einige Beispiele zu erörtern, HELMHOLTZ die Phänomene des Konstrastes im Wesentlichen der Mitwirkung sogenannter unbewußter Schlüsse zu, verbannte also (in unserer Terminologie) die Kontrasterscheinungen aus dem Gebiet der reinen Empfindungen, während man heute wohl allgemein den Kontrast rein physiologisch bedingt sein läßt, also auch in das Gebiet der reinen Empfindung verweist. Und welchem Wechsel der Ansichten begegnet man bei der Beschreibung der räumlichen Eigenschaften der reinen visuellen Empfindungen! Hier spricht man sie als gänzlich unräumlich an, dort schreibt man ihnen eine zweidimensionale Ausdehnung zu und von wieder anderer Seite redet man neben der Zweidimensionalität auch noch von einer in primitiven Anfängen vorhandenen dritten Dimension. Und jeder nimmt im Wesentlichen doch dasselbe Tatsachenmaterial zur Begründung seiner Theorie. Bei den Aussagen über die reinen Empfindungen muß man sich also gegenwärtig halten, daß es sich um keine bloße Tatsachenbeschreibung handelt. Es liegt im Sinne der Definition, daß wir der reinen Empfindungen unmittelbar nicht habhaft werden können; sie sind uns nicht gegeben, sondern ihre Bestimmtheiten sind uns zu beschreiben aufgegeben; sie sind das X, das wir aus einer sehr kompliziert gebauten Gleichung zu ermitteln haben mit Hilfe von Methoden, die uns einen vollkommenen Abschluß der Rechnung nicht gewährleisten können. Es ist zwar anzunehmen, daß wir dem wahren Wert dieses X im Laufe der psychologischen Forschung immer näher kommen werden, aber vollkommen exakt berechnen werden wie es nie können, denn die ganze Aufgabe ist ihrem Sinn nach eine unendliche. Brechen wir die Rechnung irgendwo ab und begnügen wir uns mit dem Näherungswert, so heißt das nicht, daß damit die Rechnung ein für allemal erledigt ist, sondern es können bessere Methoden gefunden werden, die uns das gesuchte X in größerer Annäherung zu bestimmen gestatten, und die Rechnung beginnt von Neuem. Oder unbildlich gesprochen: man kann sich aufgrund des bis jetzt gefundenen Tatsachematerials eine Vorstellung darüber zu machen versuchen, welche Bestimmtheiten man den reinen Empfindungen zuzuschreiben hat, indem man die von überallher zusammengetragenen Tatsachen auf ihre Wichtigkeit hin abwägt, die Gründe für und gegen eine bestimmte Ansicht prüft und aus all den Überlegungen dann schließlich eine Ansicht als die wahrscheinlichste abscheidet. Ob diese Ansicht der Wirklichkeit entspricht, bleibt offen; man stellt nur eine Hypothese auf und muß es der Zukunft überlassen, etwas Besseres an ihre Stelle zu setzen. Entsprechend dieser Ungewißheit über die tatsächlichen Beschaffenheiten der reinen Empfindungen können wir deshalb auch nicht mit Gewißheit behaupten, ob reine Empfindungen oder etwas ihnen Vergleichbares in der Erfahrung des psychologischen Forschers vorkommen. Und wenn EBBINGHAUS, wie wir gesehen haben, bestimmte Erfahrungserscheinungen als Beispiele zur Verdeutlichung der räumlichen Eigenarten der reinen Empfindungen namhaft macht, so soll und kann das nicht heißen, daß wir da tatsächlich unzweifelhaft die in Frage stehenden Gebilde vor uns haben, sondern nur, daß es sich um eine Verdeutlichung dessen handelt, wie wir uns die reinen Empfindungen aufgrund der bisherigen Forschung wahrscheinlich zu denken haben. Der Begriff der reinen Empfindung als Grenzbegriff der psychologischen Forschung ist es aber, an dem wir festhalten wollen, und dem wir eine analoge Wichtigkeit für die Psychologie zuschreiben können wie den Atomen und Molekülen für die Naturwissenschaften (15).
LITERATUR - Heinrich Hofmann, Untersuchungen über den Empfindungsbegriff, [Inaugural-Dissertation] Archiv für die gesamte Psychologie, Bd. 26, Leipzig 1913
    Anmerkungen
    1) Näheres hierüber erfährt man außer in den betreffenden Artikeln in EISLERs "Wörterbuch der philosophischen Begriffe" bei WILLIAM HAMILTON, Lectures on Metaphysics and Logic, 1870, Bd. II und vor allem bei G. K. UPHUES, Wahrnehmung und Empfindung, Leipzig 1888. Auch HERMANN SCHWARZ, Das Wahrnehmungsproblem vom Standpunnkt des Physikers, des Physiologen und des Philosophen, Leipzig 1892 und die Dissertation von WILHELM ENOCH, Der Begriff der Wahrnehmung, Straßburg 1890 sei hingewiesen.
    2) FRIEDRICH JODL, Lehrbuch der Psychologie, Bd. I, zweite Auflage, Stuttgart und Berlin 1903, Seite 199.
    3) HERMANN EBBINGHAUS, Grundzüge der Psychologie, zweite Auflage 1905, Seite 444. EBBINGHAUS bezeichnet zwar diese Sätze nicht ausdrücklich als seine Definition der Empfindung; jedoch nach dem ganzen Zusammenhang, in dem diese Formulierung auftritt, glaube ich keinem Mißverständnis zu unterliegen, wenn ich darin die präzise Angabe des dem Autor vorschwebenden Empfindungsbegriff sehe; es scheint mir in diesen Sätzen nur weiter auseinandergelegt, was implizit auch in der a. a. O. Seite 443 gegebenen Definition liegt, in der die Empfindung "als das psychischen Äquivalent der Einwirkung einer einheitlichen Reizgruppe auf ein Sinnesorgan" bezeichnet wird. - - - Ich bringe die beiden Definitionen von JODL und EBBINGHAUS trotz des ganz voneinander abweichenden Wortlauts unter dieselbe Rubrik, da es mir scheint, als ob beide Forscher dem Sinn nach genau dasselbe im Auge haben. Möglicherweise könnte man allerdings bestehende feinere Unterschiede der beiden Definitionen namhaft machen, doch auf solche feineren Abstufungen kommt es mir hier nicht an. Die allgemeinen Wesen und den Voraussetzungen nach unterscheiden sich beide Definitionen jedenfalls nicht, und auf diese beiden Momente wollen wir bei der Kritik unser hauptsächlichstes Augenmerk richten.
    4) AUGUST MESSER, Empfindung und Denken, 1908, Seite 15
    5) EBBINGHAUS, a. a. O., Seite 435
    6) Der so definierte Begriff der "reinen Empfindung" ist nicht zu verwechseln mit dem, was WUNDT mit diesem Wort bezeichnet; vgl. dessen "Physiologische Psychologie", sechste Auflage, Bd. 1, Seite 409.
    7) HERMANN HELMHOLTZ, Physiologische Optik, zweite Auflage, Seite 609f
    8) WILHELM SCHUPPE, Grundriß der Erkenntnistheorie und Logik, Berlin 1894, Seite 78
    9) EBBINGHAUS, a. a. O., Seite 446
    10) EBBINGHAUS, a. a. O., Seite 448
    11) EBBINGHAUS, a. a. O., Seite 450
    12) EBBINGHAUS, a. a. O., Seite 450/51
    13) EBBINGHAUS, a. a. O., Seite 451
    14) EBBINGHAUS, a. a. O., Bd. 2, Seite 23
    15) Vgl. MAX SCHELER, Die transzendentale und die psychologische Methode, Leipzig 1900, Seite 160. Auch NATORP, Einleitung in die Psychologie, Freiburg i. Br. 1888, vertritt, wenn ich ihn recht verstanden habe, ähnliche Ansichten.