!DOCTYPE HTML PUBLIC "-//IETF//DTD HTML 3.0//EN" "html.dtd"> Friedrich Max Müller, Denken und Sprache
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FRIEDRICH MAX MÜLLER
(1823-1900)
Denken und Sprache

Das Denken im Licht
"Daß Worte die Zeichen für Begriffe und nicht für Dinge sind, ist für alles, was Philosophie heißt, von der größten Wichtigkeit."

Worte die Zeichen für Begriffe Zu diesem Schluße, der nach den Entdeckungen der Sprachwissenschaft unvermeidlich erscheint, hätte man viel früher kommen können. Es ist immer als eine Heldentat der LOCKEschen Philosophie betrachtet worden, daß er die Tatsache begründet habe, daß die Namen nicht die Zeichen für Dinge, sondern ursprünglich immer die Zeichen für Begriffe seien. Es ist wahr, bereits HOBBES hatte dieselbe wichtige Wahrheit ausgesprochen, daß nämlich Worte die Zeichen für Begriffe, nicht für Dinge seien. Aber das schmälert keineswegs LOCKEs Verdienst. Denn die Philosophie ist Gemeingut, und hauptsächlich ist es nur der Gebrauch, den ein Philosoph von einer gegebenen Wahrheit macht, welcher ihm seine Stellung in der Geschichte der Philosophie sichert.

Ich weiß recht wohl, daß MILL dieser Unterscheidung zwischen Worten als Zeichen für Begriffe und Worten als Zeichen für Dinge wenig Bedeutung beimißt, aber dies hängt durchaus ab von dem Gebrauche, den man davon machen kann. LOCKEs bestimmte Ansicht, daß Worte die Zeichen für Begriffe und nicht für Dinge seien, ist meines Erachtens für alles, was Philosophie heißt, von der größten Wichtigkeit.

Wenn wir einen Gemeinnamen gebrauchen, wenn wir "Hund" sagen, meinen wir damit das Ding oder unseren Begriff davon? Entspricht irgendetwas dem "Hund"? Ist nicht "Hund" wie jeder andere Name der Name eines Dinges, das möglicherweise nicht existieren kann? Wer sah jemals schon einen Hund? Wir können einen Wachtel-, Wind- oder Dachshund, einen schwarzen, weißen oder braunen Hund sehen, aber einen Hund hat kein menschliches Auge je gesehen.

Wenn wir also "Hund" sagen, können wir nur unseren Begriff von einem Hunde, d.h. unseren Begriff von vielen oder allen Hunden meinen, und der Name für diesen Begriff dient uns zur Bezeichnung irgend eines einzelnen Hundes. Dasselbe ist bei einem Baume der Fall. Niemand sah je einen Baum, sondern nur diesen oder jenen Tannenbaum, Eichbaum oder Apfelbaum. Ferner aber sah wieder niemand je einen Apfelbaum, sondern nur wenige Teile desselben, ein wenig von der Rinde, ein paar Blätter, hier und da einen Apfel, und von alle dem wieder nur eine Seite.

Baum ist also ein Begriff und als solcher kann er niemals mittels der Sinne gesehen oder vorgestellt werden, kann niemals irgend welche phänomenale oder anschauliche Form erhalten. Wir leben in zwei Welten, der Welt des Gesichts und der Welt des Gedankens. Und so befremdend es klingen mag, nichts von dem, was wir denken, nichts von dem, was wir benennen, nichts von dem, was wir in unserem Wortschatze finden, kann jemals gehört, gesehen oder empfunden werden.

Wir können selbst die Namen für Dinge haben, die niemals existieren, z.B. "Kobold", auch für Dinge, die nicht mehr oder die noch nicht existieren, z.B. "die Trauben des letzten und des nächsten Herbstes". Sie können schwerlich Dinge genannt werden, als seien sie losgelöst von den Begriffen, die wir von ihnen haben, und unsere Namen weisen in diesem Falle deutlich entweder auf das hin, was wir niemals gesehen haben oder was wir nicht mehr oder noch nicht sehen, oder jedenfalls auf das, was wir niemals in derjenigen Form gesehen haben, in welcher wir es begreifen. Die einfache Tatsache, daß ich ein Ding vergangen oder zukünftig nenne, sollte zum Beweise genügen, daß es mein Begriff ist, von dem ich spreche, nicht das von mir unabhängige Ding.

Attribute sind immer abstrakt. Wenn dies bei den Namen konkreter Dinge der Fall ist, so muß es ums so mehr bei den Attributnamen der Fall sein. Alle Attribute sind nach den Scholastikern abstrakte Ausdrücke, obgleich daraus nicht folgt, daß alle abstrakten Ausdrücke, weil wir bei ihrer Bildung das, wozu die Attribute als solche gehören, weglassen müssen.

Wir sehen den weißen Schnee, die weiße Milch, das weiße Pferd, aber nur dadurch, daß wir alles außer der weißen Farbe weglassen (ich spreche hier von der künstlichen oder scholastischen Abstraktion), erhalten wir weiß als ein Attribut. Selbst wenn wir von einem weißen Dinge sprechen, sprechen wir von einem Begriffe, den wir uns gebildet haben; denn unsere Erfahrung bietet uns niemals irgendetwas, was nur ein weißes Ding wäre. Ob wir also nun weiß als ein Attribut gebrauchen oder ob wir von einem weißen Dinge sprechen, wir sprechen von Begriffen, die wir gebildet haben, und die Worte, die wir dafür gebrauchen, sind Namen für unsere Begriffe, nicht Namen für Dinge.

Als prinzipielle Tatsache ergibt sich, daß man nicht sagen kann, die Unterscheidung zwischen Worten als Zeichen für Begriffe und Worten als Zeichen für Dinge habe wenig zu bedeuten. Sie bildet die Wasserscheide zwischen zwei großen Strömen des philosophischen Denkens, zwischen Nominalismus und Realismus.

Name. Nehmen wir z.B. ein Wort wie  Name,  so hätte LOCKE gesagt, es sei ein willkürlich gewählter Laut, um das zu bezeichnen, "womit wir ein Ding nennen". Auch hat das Wort  Name  im gewöhnlichen Verkehr keinen weiteren Inhalt als diese seine überkommene Bedeutung, die man entweder von seinen Eltern oder aus einem Wörterbuche erlernt. Der Sprachforscher kann einen Schritt weiter gehen und durch die Vergleichung anderer Sprachen lernen, daß Lateinisch, Griechisch und Sanskrit ganz ähnliche Worte enthalten, um denselben Begriff auszudrücken, nämlich  nomen  im Lateinischen,  nouma  im Griechischen,  naman  in Sanskrit.

Dies würde ihm sagen, daß  Name  im Deutschen,  name  im Englischen nicht von seinen urgermanischen Vorfahren gewählt worden sein kann, sondern lange vor der Zeit, als der germanische Sprachstamm noch nicht vom Sanskrit, Griechischen und Lateinischen sich abgezweigt hatte, existiert haben muß. Die Frage erhebt sich dann, ob dieses Wort von den ersten sprachbildenden Ariern willkürlich oder einsichtig und vorbedacht gewählt wurde.

Unter das Mikroskop des vergleichenden Grammatikers gebracht, erscheint  Name,  sanskrit  naman  als Zusammensetzung aus einer Wurzel NA, ursprünglich GNA = wissen, und einem Suffix, welches ursrpünglich ein Werkzeug oder eine Tätigkeit bezeichnet. Wir begreifen also, daß  Name  ursprünglich viel mehr als das, was wir ein Ding nennen, bedeutete. Es war nicht rein ein willkürlich gewähltes Zeichen oder ein aufs Geradewohl festgesetztes Kennzeichen oder Merkmal, sondern es sollte die Tätigkeit oder das Werkzeug des Wissens ausdrücken. Dies war der ursprüngliche, in  Name  verkörperte Begriff: nicht womit wir ein Ding  nennen,  sondern was wir von einem Dinge  erkennen. 

Der Ursprung der Begriffe - die Fundamentalfrage der Philosophie. Die Frage nach dem Ursprung der Begriffe oder nach der wahren Beziehung zwischen Besonderem und Allgemeinem ist die Kardinalfrage aller Philosophie. FEUERBACH übertreibt nicht, wenn er schreibt:
    "Die Frage nach dem Verhältnis der Gattung zu dem Individuum gehört zu den wichtigsten und zugleich schwierigsten Fragen der menschlichen Erkenntnis und Philosophie, wie schon daraus erhellt, daß die ganze Geschichte der Philosophie sich eigentlich nur um diese Frage dreht, daß der Streit der Stoiker und Epikureer, der Platoniker und Aristoteliker, der Skeptiker und Dogmatiker in der alten Philosophie, der Nominalisten und Realisten oder Empiristen in neuerer Zeit nur auf diese Frage hinausläuft. Sie ist aber eine der schwierigsten Fragen nicht nur deswegen, weil die Philosophen, namentlich die neuesten, durch den willkürlichen Gebrauch der Worte eine unendliche Konfusion in diese Materie gebracht haben, sondern auch, weil die Natur der Sprache, die Natur des Denkens selbst, welches sich ja gar nicht von der Sprache abtrennen läßt, uns gefangen nimmt und vexiert (ärgert) indem jedes Wort ein allgemeines, daher vielen schon die Sprache allein, weil sich das Einzelne nicht einmal aussprechen lasse, ein Beweis von der Nichtigkeit des Einzelnen und Sinnlichen ist".
Abstrakte Ausdrücke ursprünglich dasselbe wie allgemeine Ausdrücke. Die Wissenschaft der Sprache hat bei der Forschung nach dem Ursprung allgemeiner Ausdrücke zwei Tatsachen von höchster Wichtigkeit erwiesen, nämlich 1), daß alle Ausdrücke ursprünglich allgemeine waren, 2), daß sie nichts anderes als allgemein sein konnten.

Bevor wir jedoch diese Entdeckung für unsere Zwecke vollständig verwerten können, wird notwendig die Frage aufzuwerfen sein:
    "Gibt es eigentlich zwischen allgemeinen und abstrakten und zwischen singulären und konkreten Ausdrücken irgend welchen Unterschied?
Diese Frage mag einem formalen Logiker sehr häretisch klingen, aber für den Erforscher des historischen Werdens und Wachsens des menschlichen Geistes ist es eine Frage, die gestellt und beantwortet werden muß.

Abstrahieren heißt nach einigen Philosophen gewisse Seiten unserer Erfahrung unbeobachtet lassen oder ausschließlich, so daß z.B. von den Tieren nichts übrig bleibt, als die Beobachtung, daß sie vier Beine haben oder Vierfüßler sind. Nach anderen heißt es, bestimmte Seiten unserer Erfahrung herausgreifen und hervorkehren, so daß wir, wenn wir z.B. Tiere sehen, nur auf ihre vier Beine achten. In beiden Fällen ist klar, daß der Ausdrück vierfüßig auf eine Klasse von Geschöpfen anwendbar sein und deshalb  allgemeiner  Ausdruck genannt werden muß. Abstrakt und allgemein sind also zwei Eigenschaften desselben Ausdrucks, die sich nicht trennen lassen;  abstrakt  heißt er wegen des Verfahrens, durch welches er gewonnen wurde,  allgemein  wegen des Charakters, den er annahm.

Konkret heißt dasselbe wie singulär. Besteht nun zwischen abstrakten und allgemeinen Ausdrücken kein eigentlicher Unterschied, so kann ein solcher auch zwischen ihrem Gegenteil, nämlich zwischen konkreten und singulären Ausdrücken nicht bestehen.Wir nennen sie singulär, weil sie auf Objekte sich anwenden lassen, die nur einmal existieren und wir nennen sie konkret, einfach weil sie nicht abstrakt sind. Was lehrt uns nun die Wissenschaft der Sprache? Sie lehrt uns, was nicht oft genug wiederholt werden kann, daß alle Wörter ursprünglich zugleich abstrakt und allgemein waren und daß sie unmöglich irgendetwas anderes hätten sein können.

Die Hauptaufgabe der Wissenschaft des Denkens ist somit, wie es scheint, erfüllt. Wir haben gesehen, was Denken eigentlich ist, und daß es nur in der Sprache seine vollständige Realisation findet. Dadurch wir die ganze Philosophie auf eine neue Grundlage gestellt, welche vermutlich nicht so leicht wieder durch alte Argumente erschüttert werden wird, indem man sagt, daß, da man gedankenlos sprechen könne, man auch ohne Sprache denken könne, oder daß man zuerst denke und dann spreche.

"Zuerst denken" heißt nichts anderes als für sich im Stillen sprechen, eine Sprache, die jedermann beobachten kann, wenn er z.B. einen Brief schreibt, ohne daß er auch nur ein einziges Wort verlauten läßt, welches seine Hand und seine Feder geschäftig zu Papier bringen. Wir können, wenn wir wollen, das geschriebene von dem gesprochenen, das gesprochene von dem gedachten Wort unterscheiden; aber weder das geschriebene, noch das gesprochene, noch das gedachte Wort kann für sich selbständig existieren.

Ich weiß aus Erfahrung, wie schwer man sich von dem Glauben, als gäbe es ein reines Denken, losmacht. Ich werde mich daher nicht wundern, wenn man sagt, des reinen Denkens sich entschlagen heiße die höchste Menschenwürde preisgeben. Und doch ist hier nicht im Mindesten von einem sich entschlagen oder preisgeben die Rede. Verlangt wird nur, daß man die Tatsachen, welche man ernstlich nicht in Abrede stellen kann, anerkenne, und daß man sich immer wieder vergegenwärtige, daß  notio  und  nomen  zwei Namen für dieselbe Sache sind.

Es gibt zwar immer noch Leute, die nur ihre eigene Sprache sprechen können, und Philosophen, welche nur den einen Dialekt verstehen, in welchem sie groß geworden sind, mag es nun der Dialekt HUMEs oder KANTs sein. Es wird mich daher nicht überraschen, wenn manchen Denkern ein philosophisches System, welches auf die absolute Identität von Sprache und Denken gegründet ist, für immer ein Buch mit sieben Siegeln bleiben wird. Sie haben sich den Glauben an  reine  Worte eingeredet, und sie können sich daher von dem Glauben an das  reine Denken  nicht losmachen.

Und dennoch mußten alle ernsten Denker, alle bahnbrechenden Philosophen mit nur wenigen Ausnahmen, wie wir sahen, sie mochten wollen oder nicht, eingestehen, daß Sprache und Denken untrennbar seien. Was aus diesem Geständnisse folgt, haben allerdings, wenn überhaupt welche, nur wenige eingesehen.

Ich habe die sich daraus ergebenden Folgerungen zu ziehen versucht, nämlich daß die Sprache die treue Selbstbiographie des menschlichen Geistes ist, und daß alles und jedes Geheimnis der Philosophie aus diesem uralten Tagebuch der Sprache studiert werden muß. Verstünden wir jedes Wort nach seiner Entstehung und weiteren Entwicklung vollständig, so hätte die Philosophie keine weiteren Geheimnisse mehr und köntte keine mehr haben. Sie würde zu existieren aufhören.

Aber obgleich wir an diesem Ziele noch nicht angekommen sind und es auch ohne die mühevolle Arbeit mehrerer Generationen von Gelehrten und Denkern nicht erreicht werden wird, so sind wir ihm doch schon etwas näher gekommen, und die Resultate, welche die Wissenschaft der Sprache erreicht hat, können für die Wissenschaft des Denkens, wie ich zu zeigen versucht habe, mit Erfolg verwertet werden.

Wenn man das allgemeine Resultat der Sprachwissenschaft darin erblicken kann, daß die Sprache, welche früher als das größte Wunder die menschliche Schaffenskraft weit zu übersteigen schien, jetzt als eine recht verständliche und rein menschliche Errungenschaft erscheint, so ist dasselbe Resultat in der Wissenschaft des Denkens ebenfalls erreicht. Das Denken, einst ein so großes Wunder, haben sich die Menschen auf die verständlichste und einfachste Art erarbeitet. Es ist tatsächlich nichts weiter als Addition und Subtraktion, wie HOBBES sagte, nichts weiter als Vorstellen, Begreifen, Benennen, wie ich nachzuweisen versuchte.


Schluss

Was haben wir gewonnen? Wenn mir ein Leser geduldig bis hierher auf einem Pfade gefolgt ist, der, wie ich sehr wohl weiß, weder bequem noch angenehm war, so würde ich mich nicht überraschen, wenn er fragen sollte: was haben wir nun überhaupt durch all unsere Mühe und Anstrengung erreicht? Manchen mag das Resultat verschwindend klein erscheinen. Wir sind dieselben geblieben, werden sie sagen, wie beim Beginne unserer Wanderung. Wir sprechen, denken, machen Schlüsse, wie wir immer gesprochen, gedacht und Schlüsse gezogen haben. In diesem Leben wird uns nie viel mehr beschieden sein als ein Blick durch trübe Scheiben.

Vielleicht. Aber wenn die Weisheit in der Erkenntnis unserer Unwissenheit besteht, so würde doch schon die Erkenntnis, daß wir nur durch trübe Scheiben blicken, ein beträchtlicher Gewinn sein. Noch größer wäre der Gewinn, wenn wir erkännten, daß wir "durch die Scheiben" d.h. "wegen der Scheiben" so trübe sehen, und der allergrößte, wenn wir ermitteln könnten, was diese Scheiben eigentlich sind, welche uns nur einen so trüben Ausblick ermöglichen.

Dies ist nun der eigentliche Gegenstand unserer mühevollen Wanderung gewesen. Wir haben gefunden, daß die Sprache die Scheiben oder die Brille bildet, welche unsere Blicke trübt. Wir haben auch in der wahren Natur der Sprache etwas entdeckt, was uns erklärt, warum diese Brille teilweise getrübt und teilweise hell ist. Ich kann nicht wie ein Alpenführer beim Erreichen des höchsten Gipfels zu seiner Begleitung wohl zu sagen pflegt, ausrufen: "Nehmt jetzt eure blauen Brillen ab und seht mit bloßen Augen."

Im Gegenteil, ich habe nachzuweisen versucht, warum wir niemals ohne die blaue Brille der Sprache sehen können, warum unser Denken immer phänomenal, d.h. in Worte eingekleidet sein muß. Allein die Erkenntnis, daß wir eine solche Brille tragen, ist immerhin schon etwas; daß wir ihre Farbe, ihre konkave oder konvexe Form in Anschlag bringen können, ist mehr; daß wir von Zeit zu Zeit den Staub und Nebel, der auf unsere Brillengläser fällt und darüber sich lagert, zu entfernen versuchen können, ist das Bedeutendste, und dies ist es, was ich selbst zu tun versucht, und wozu ich auch meine Freunde ermuntert habe.

Denken und Sprache untrennbar. Niemand wird in Zukunft, wie ich glaube, die Tatsache bestreiten können, daß Denken ohne Sprache oder irgend eine andere Verkörperung unmöglich ist. Was wir Denken zu nennen gewohnt sind, ist nur der Revers einer Münze, deren Vorderseite artikulierter Laut heißt, während die kursierende Münze weder Denken noch Laut, sondern eine unteilbare Einheit, nämlich das Wort ist.

Logik und Grammatik. Der Bann, welchen die Sprache ausübt, ist indessen fast unwiderstehlich, sodaß selbst die größten Philosophen, obgleich sie nur zugeben konnten, daß Denken ohne Sprache ein bloßes Phantasiegebilde sei, doch immer wieder von dem Denken und den Gesetzen des Denkens handelten, als ob sie an und für sich reale Existenz hätten. Besonders die Logiker waren sehr beflissen, uns die Lehre einzuprägen, daß die Gesetze des Denkens nicht mit den Gesetzen der Sprache zusammengeworfen werden dürften, daß Logik und Grammatik zwei verschiedene Dinge seien, daß die Logik für alle Sprache dieselbe, die Grammatik aber für jede Sprache eine besondere sei.

Als ob außer in der Sprache auch sonst noch irgendwo die Logik existieren könnte, welche allerdings unter verschiedenen Formen in die Erscheinung tritt, aber nirgends sonst als unter diesen verschiedenen Formen sich realisiert, ebenso wie das Schöne in unzähligen Formen der Natur seine Verwirklichung findet, sonst aber für uns nirgends existiert. Die Logik ist als eine Art allgemeine Grammatik aus den Grammatiken der Welt abstrahiert, nicht umgekehrt die Grammatik aus der Logik

Kein Philosoph kann dies, wenn man in ihn dringt, leugnen.

Die Sprache Gegenstand der Philosophie. Ich führte eine Reihe von Aussprüchen der bedeutendsten Philosophen an, die alle mehr oder weniger bereitwillig zugeben, daß Sprache und Denken untrennbar seien. Einigen scheint dies eine unleugbare Wahrheit zu sein, anderen eine Wahrheit, die zwar unbequem ist, aber nicht wohl in Abrede gestellt werden kann. Allein daraus die unvermeidlichen Folgerungen zu ziehen, und einzusehen, daß das Denken nur in der Sprache lebt, daß die Philosophie lernen muß, daß die Sprache ihr Gegenstand ist, wie die Ereignisse Gegenstand der Geschichte sind, daran hat kein Philosoph, so weit ich weiß, je zu denken gewagt.

Um meine Absicht zu veranschaulichen, verglich ich eben die Sprache mit einer Brille; aber die Sprache bildet in Wahrheit unsere wirklichen Augen. Die Sprache ist das wahre Organ unseres Geistes. Wir denken mit unseren Worten, wie wir mit unseren Augen sehen. Wir dürfen dabei nicht vergessen, daß selbst unsere Augen nur Linsen und unsere Worte nur Werkzeuge sind, und daß das Selbst, welches zu sehen und zu denken scheint, sowohl von den Augen wie von den Worten sich unterscheidet. Die Frage, was dieses Selbst sei, kann hier nicht beantwortet werden. Ist mir noch länger zu leben vergönnt, denke ich sie in einer anderen Abhandlung zu beantworten.

Ich rekapituliere jetzt nur, was ich in der vorliegenden Abhandlung nachzuweisen versucht habe, daß nämlich Denken ohne Sprache unmöglich und die Sprache das lebendige Organ des Denkens sei, wie das Auge das Organ zum Sehen ist, und daß der hauptsächlichste, wenn nicht der einzige Gegenstand jeder wahren Philosophie die Sprache ist.

Die Natur der Sprache. Der nächste, näher zu bestimmende Punkt war: Können wir etwas von diesem Organe erkennen? Wir erforschen den Bau des Auges, bis wir es durch eine Art künstliches Auge, Brille genannt, nachahmen können. Die Theorie des Sehens, die Optik, hat uns viele Geheimnisse enthüllt, uns vor vielen Täuschungen gewarnt, uns sozusagen die Augen geöffnet, so daß sie uns schließlich diese Täuschungen zum Bewußtsein bringt, wenngleich wir gegen sie anzukämpfen nicht im Stande sind.

Dasselbe gilt für die Sprache. Die Sprache schien ein tiefes Geheimnis, die wunderbarste Gabe zu sein welche eine Gottheit dem Menschen verliehen hat. Jeder, der darüber nachzudenken anfing, wurde verwirrt, wie der Naturforscher, der in einem Urwalde sich verloren hat. Das Weiseste, was man über die Sprache sagen konnte, war, wie es schien, daß sie allen menschlichen Begriff übersteige.

Wie anders ist es jetzt! Wir sind vielleicht noch nicht so weit vorangeschritten wie gewisse Physiologen, welche das Auge und das Sehvermögen auf eine reizbare Stelle in der Epidermis (Oberhaut) eines unserer Vorfahren zurückführen. Aber weit entfernt geheimnisvoll und wunderbar zu sein, ist die Sprache völlig einfach und verständlich geworden. Man gebe uns ungefähr 800 Wurzeln, und wir können das größte Wörterbuch erklären; man gebe uns ungefähr 121 Begriffe, und wir erklären die 800 Wurzeln. Selbst diese 121 Begriffe ließen sich auf eine noch kleinere Anzahl zurückführen, wenn man es darauf absehen würde.

Wer sie sorgfältig prüft, wird finden, wie leicht man Graben durch Schneiden oder Schlagen, Beißen durch Schneiden oder Zermalmen, Melken durch Quetschen, Auflesen durch Sammeln, Stehlen durch Aufheben und Wegtragen hätte ausdrücken können. Viele Begriffe wie kochen, rösten, messen, kleiden, schmücken gehören augenscheinlich einer späteren Entwicklungsstufe des zivilisierten Lebens an. Wenn wir sehen, wie viele Spezialbedeutungen auf eine einzige Wurzel wie I = gehen, oder PAS = befestigen, zurückgeführt werden können, so erscheint die Annahme, daß ein Dutzend Wurzeln den ganzen Reichtum unseres Wörterbuches hätte liefern können, an und für sich durchaus nicht so lächerlich, wie man vielfach glaubt.

Alle unsere Gedanken auf ungefähr 121 Begriffe und alle unsere Worte auf ungefähr 800 Wurzeln zurückgeführt zu haben, bedeutet einen Fortschritt. Wir brauchen die Sprache nicht länger als ein wunderbar kompliziertes Gebilde anzustaunen, wir können sie mit verständnisvollem Blick betrachten, eine Einsicht in sie gewinnen, um sie schließlich nur um so mehr zu bewundern, nicht wegen ihrer wunderbar komplizierten Gestaltung, sondern wegen ihrer weit wundervolleren Einfachheit.

LITERATUR - Philosophie als Sprachkritik im 19. Jahrhundert, Textauswahl, Hrsg. Siegfried J. Schmidt, Stuttgart - Bad Cannstatt 1971