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RICHARD MORITZ MEYER
Der Begriff der Einheit

Indem ich mehrere Exemplare einer Art mit einem Wort benenne, stelle ich eine künstliche Einheit her. Drei Schafe sind eine Dreiheit, zusammengefaßt gegen die ganze übrige Herde. Ich habe drei Söhne: es ist eine Größe gebildet, die für sich dasteht.

Man hat oft darauf hingewiesen, daß die wissenschaftliche Analyse sich derjenigen Stoffe zuletzt bemächtigt hat, die uns am nächsten liegen: die Chemie hat sich viel eher mit kuriosen Giften beschäftig, als mit der Luft. Freilich liegt das nicht bloß an der zentripetalen Bewegung der Wissenschaften, die alle mit Kuriositäten beginnen und beim Alltäglichen aufhören - "wir fingen mit den Sternen an und enden mit den Hühneraugen!" -, sondern auch an der besonderen Schwierigkeit, die gerade die häufigsten, gewohntesten Dinge dem wissenschaftlichen Erfassen bieten.

Es kann scheinbar keinen einfacheren Begriff geben als den der Einheit. Man operiert mit ihm überall wie mit einer wohlbekannten Persönlichkeit. So in der Ästhetik, wo er eine zentrale Rolle spielt. HEGEL (Ästhetik Bd. 1, Seite 135, 137) unterscheidet wohl Arten der Einheit und trägt dabei auch zur allgemeineren Charakteristik des Begriffs bei, setzt ihn doch aber schließlich als bekannt voraus, was FRIEDRICH THEODOR VISCHER ("Das Schöne und die Kunst", § 4, 8) durchaus tut. Anderswo mögen sich immerhin Definitionen auftreiben lassen; das Deutsche Wörterbuch (Bd. 3, Seite 198) gibt für den "erst seit dem 18. Jahrhundert in Schwang gekommenen, früher noch nicht hergebrachten Ausdruck" Nachweise aber keine Erklärung.

Diese Nachweise aber führen zumindest auf einen wichtigen Punkt. Neben der seltenen Verwendung im Sinne von "Einigung, Eintracht" unterscheidet JAKOB GRIMM eine doppelte: die von Einzahl, griech.: monas und die ideelle Einheit. Umd die letztere handelt es sich für uns, zunächst aber um ihr Verhältnis zu der ersten.

Schon der schlichte arithmetische Begriff der Einheit ist keineswegs so uralt und selbstverständlich, wie man denken möchte; wobei man von der Schwierigkeit, die Zahl als solche zu definieren, ganz absehen kann; DEDEKINDs glänzende Lösung führt diese Einheit auf allgemeinere Begriffe zurück. Das Zeugnis der indogermanischen Sprachen beweist jene Schwierigkeit. Erstens ist die Zahl "eins" wahrscheinlich jünger als die anderen einfachen Zahlen: man hob eben ursprünglich die Zahl nur hervor, wo es wirklich auf Zählung ankam. Wenn einer beim Brautkauf sechs Ochsen zahlen sollte ("zahlen" und "zählen"!), so mußte wohl die Sechszahl ausgesprochen werden; wenn ein Stier gefallen war, genügte es zu sagen: "Stier ist gefallen". Zweitens ist auch der sogenannte "unbestimmte Artikel" eine Erfindung zwar fast aller Sprachen unseres Sprachstammes, aber doch nicht aller, und eine späte: wo man ausdrücken wollte, daß "ein beliebiger Sklave" eine Botschaft bringen sollte, kam es eben auch zunächst nur auf den Überbringer der Botschaft an und nicht auf sein Einordnen in eine mehrere Exemplare bergende Kategorie. - Die ausdrückliche oder unbetonte Nennung der Einzahl ist also erst allmählich entstanden: bei der Zählung aus einem "Systemzwang", aus einem ästhetischen Bedürfnis, die Zahlenreih zu vervollständigen; bei der Nennung aus dem Gegensatz zur bestimmten Zahl, die den "bestimmten Artikel" erzeugt: "ein Sklave" ist "ein beliebiger", "der Sklave" gerade dieser Knecht.

Aber immerhin schwebte der arithmetische Begriff doch längst dunkel oder auch klar vor, da er einen eigenen Ausdruck fand: dafür zeugt wieder die Sprache mit ihrer Unterscheidung von Singular und Plural. Die Einzahl wurde eben von allen anderen Zahlen abgehoben. (Auch der Dual bedeutet eigentlich "ein Paar", also eine Einheit: die beiden Augen, Ohren, Hände, Füße oder auch - später! - die Eltern werden als eine zweiteilige Einheit aufgefaßt.) Ganz anders aber steht es mit dem Begriff der "ideellen Einheit".

Was bedeutet er? Nun, eben: eine ideelle Einheit, d. h. eine solche, die eigentlich keine ist, sondern die wir nur begrifflich dazu machen. Und wieder hilft uns die Sprache, die Entstehung dieses Begriffs - den wir noch näher betrachten müssen - zu verstehen.

Wir haben schon in sehr frühen Sprachschichten - wenn auch gewiß nicht in den ältesten - zweierlei solche "ideelle Einheiten" sprachlicher Sonderbenennung. Die eine entsteht aus der Zählung selbst. Indem ich mehrere Exemplare einer Art mit einem Wort benenne, stelle ich eine künstliche Einheit her. "Drei Schafe" sind eine Dreiheit, zusammengefaßt gegen die ganze übrige Herde. "Ich habe drei Söhne": es ist eine Größe gebildet, die für sich dasteht. - Man denke ja nicht, daß das absolut unvermeidlich ist. Denn das älteste Zählen, wie wir es bei allen primitiven Völkern treffen und bei allen kulturvierten aus den Namen von Maßen und dgl. erschließen können stellt keineswegs solche Einheiten her. Hebe ich drei Finger auf, so wird damit nur gezählt, d. h. das Aufgreifen von drei Exemplaren symbolisch angedeutet; aber ein Zusammenfassen fehlt. Es ist, als schöpfe ich mit der hohlen Hand aus dem Fluß; ich nehme etwas aus dem Wasser, aber ich bilde kein festes Maß, wie wenn ich mit einem Hohlmaß schöpfe.

Diese Mechanik des arithmetischen Bildens höherer Einheiten wiederholt sich nun aber noch auf einer höheren Stufe. Jede Zahl ist ansich schon eine künstliche Einheit (und eben deshalb von der Eins, der natürlichen Einheit, prinzipiell verschieden). Nun aber werden bestimmte Zahlen sozusagen zu festen Hohlmaßen, um ein für allemal bestimmte Größen abzusondern. Als König XERXES sein Riesenheer zählen wollte, ließ er die Soldaten in große Gehege treiben, deren jedes eine feste Zahl aufnahm. Anders macht es die Sprache auch nicht, wenn sie Zahlensysteme aufstellt. So also das Dezimalsystem, das die Welt erobert hat wie die Indogermanen und durch die Indogermanen. Jede "Zehnheit" ist eine höhere Einheit; man zählt "dreißig nicht durch, sondern treibt je zehn in eine Hürde und zählt die Hürden; nur was übrig bleibt, wird einzeln gezählt: "fünfunddreissig". (Besser, wie in manchen Sprachen, in umgekehrter Folge: dreißig und fünf.) Ebenso dann wieder bei größeren Gehegen: hundert, tausend.

So entstehen also aus der Praxis des Zählens "ideelle Einheiten". Sie beruhen auf dem Begriff der Reihe, d. h. der lückenlosen Folge gleichartiger Exemplare. Das heißt also: die höheren Zahlen als ideelle Einheiten setzen zweierlei voraus: Gleichartigkeit und Kontinuität der gezählten Objekte. Einen Apfel und zwei Birnen kann man bekanntlich nicht addieren; will man es doch, so muß man durch Verwandlung die Gleichartigkeit herstellen: "drei Früchte". Und jede Zahl setzt die Möglichkeit eines lückenlosen Abzählens voraus. Fehlt zwischen Numer vier und Nummer sechs ein Stück, so ist eben keine Zehnzahl vorhanden, sondern nur eine kleinere Zahl.

Neben diesen Gruppenworten, den Kardinalzahlen, besitzt nun aber die Sprache noch andere: die Kollektiva.

Kollektiva sind Worte, die eine beliebige Anzahl gleichartiger Dinge zusammenfassen. So also unsere häufigen deutschen Worte mit dem Präfix ge-: "Gebüsch", d. h. eine Sammlung von Büschen; "allerlei Getier", d. h. mancherlei Tiere verschiedener Art. - Das Kollektivum ist also formell ein Singular, inhaltlich ein Plural; und diese Doppelheit tritt im Griechischen so stark hervor, daß aus dem singularischen Kollektivum erst eine Pluralform entwickelt ist. Im Griechischen regiert bekanntlich das Neutrum Pluralis des Substantivs sein Verbung im Singular: es heißt nicht "die Weiber sind gestorben", sondern "die Weiber ist gestorben", weil die Form "die Weiber" ursprünglich ein Singularis des Kollektivums ist, wie wenn man etwa im 17. Jahrhundert sagte: "Dem Sultan folgte sein Frauenzimmer", d. h. sein Harem, seine Weiber.

Auch das Kollektivum schafft also aus Einheiten gleicher Art eine künstliche Einheit; denn die Gleichartigkeit wird auch hier vorausgesetzt. Das Gebüsch besteht eben (für die Anschauung) aus lauter Büschen, das Gesträuch aus lauter Sträuchen. Natürlich ist aber die Zusammensetzung nicht immer so handgreiflich gekennzeichnet wie in diesen Beispielen. Neben denjenigen Kollektiven, die sich schon formell als solche zu erkennen geben, stehen einfache, nicht abgeleitete Worte mit gleicher Bedeutung: ein Heer, d. h. eine Ansammlung von Soldaten; eine Schar, eine Reihe, oder noch unbestimmter: eine Menge, eine Masse, ein Haufen. Immer aber bleibt der Begriff einer beliebigen Anzahl gleichartiger Exemplare: eine Schafherde besteht nur aus Schafen, ein Bienenvolk nur aus Bienen.

Soweit sind also beide Arten von Größenwerten untereinander wesensgleich: beide bilden aus einer Anzahl von Einheiten, natürlichen Einheiten, eine neue, künstliche Einheit. Aber es ist ein doppelter Unterschied vorhanden. Erstens: die Anzahl ist bei den Numeralien bestimmt, bei den Kollektivis unbestimmt; und zwar so, daß das eine wie das andere wesentlich zur Gattung gehört. Bei den Zahlworten ist das eine ohne weiteres klar: es gibt eben nur in der Anekdote ein Staunen, wenn man ein Quartett bestellt und "nur lumpige vier Kerls" kommen. Aber es ist ebenso wesentlich, daß die "Menge", die "Masse", die "Schar", der "Haufen" keine bestimmte Zahl von Menschen darstellen, daß man nicht weiß, wieviele Büsche im Gebüsch stecken. (Hierauf beruth ja der bekannte sophistische Trugschluß von dem einen Korn, das den Haufen macht!) Natürlich kann sekundär eine solche Benennung für Gruppen von einem bestimmten Umfang eintreten: wir können angeben, wieviel Mann eine Schwadron, ein Armeekorps enthält; ursprünglich aber dient die Kollektivbezeichnung gerade zur Ersparnis des Zählens. Gerade wie der Pluralis lediglich ausdrückt, daß merh als ein Exemplar da ist - "hier sind Schuhe": nicht bloß einer, der uns nichts helfen würde -, so sagt auch das Kollektivum lediglich, daß eine größere Anzahl da ist (mehr als man mit den Augen abschätzen kann, müssen es schon sein): "draußen steht ein Haufen Leute"; ob es nun zwanzig oder dreißig sind, weiß ich nicht, ist auch gleichgültig.

Das also ist die erste Verschiedenheit zwischen Zahlworten und Kollektivworten. Wichtiger noch ist die zweite: nur das Kollektivum betont die Einheitlichkeit der Gruppe.

Liegen zwanzig Äpfel übersichtlich nebeneinander auf dem Tisch, nun, so sind es eben zwanzig einzelne Stücke. Werfe ich sie zusammen, so wird ein Berg daraus, in dem die Individualität der Äpfel verschwindet. Lasse ich in einem Garten zehn Sträuche anpflanzen, so schwebt es mir vor, wie der eine nach dem anderen oder neben den anderen gesetzt wird: sie bleiben eine rein arithmetische Einheit. Sehe ich ein Gesträuch, so empfinde ich die vielleicht ebenfalls zehn Sträuche, die beeinander stehen, als Teile eines Ganzen: sie bilden eine begriffliche Einheit. Der Gesamtbegriff ist Herr über die Teile geworden. Die zahlenmäßige Einheit bildet nur eine Vorstufe zu jenem Maß der Einheitlichkeit, das hier erreicht wird. Ein Heer, ein Volk, eine Generation - ich fühle das Gemeinschaftliche, das Gleichartige der Teile stärker als die tatsächliche Getrenntheit und Verschiedenheit der Krieger, Bürger, Zeitgenossen, die Vorstellung wirkt einheitlich.

Beide Verschiedenheiten hängen offenbar zusammen. Die bestimmte Zahl zwingt us, an die Zusammengesetztheit zu denken. "Die französische Plejade": unwillkürlich frägt man, wer denn die sieben Dichter waren. (Denn natürlich wirken metaphorische Zahworte wie gewöhnliche: ob ich sage, daß ich acht Gäste bei mir gesehen habe oder daß wir bei Tisch die Zahl der Musen hatten, ist einerlei.) Die unbestimmte erlaubt dagegen, von einem Achten auf die Bestandteile abzusehen.

Dennoch ist das Entscheidende schon unterhalb dieses Unterschieds zu suchen. Man bildet Kollektiva, nicht weil man keine Lust hat zu zählen, sondern weil die Gleichartigkeit der Teile stärker betont ist. Man faßt zehn Äpfel nicht zu einer eigentlichen Einheit zusammen, und zwanzig oder hundert auch nicht; wohl aber Sandkörner zum Sandhaufen oder gar Wassertropen zu einem Bad, Fluß, Wasserfall, zur Pfütze, zum Meer.

Besonders stark aber wird die Gleichartigkeit dann betont, wenn sie erst geschaffen wurde: wenn eine bestimmte Auslese zu gewissen Zwecken vorherging. "Ein Rudel Hunde" läßt die einzelnen Tiere immer noch doch unterscheiden, wie sie sich balgen, umd die Wette laufen und bellen; aber "die Meute", eigens zum Zweck der Jagd zusammengestellt und dressiert, ist ein einheitliches Werkzeug. Ein "Haufen" Abenteurer wird zu einer "Schar", wenn sie sich zu einem gemeinsamen Unternehmen, etwa unter einem Führer, einigen, und die Schar ist eine geschlossene Einheit auch für unsere Vorstellung.

Über diese Stufe geht die Sprache in der Bildung künstlicher Einheiten nicht heraus. Wohl aber die Wissenschaft und insbesondere die Philosophie. Ihnen ist es eigentümlich, Einheiten zu bilden, bei denen die Verschiedenartigkeit der Teile wesentlich ist!

Natürlich muß immer die Möglichkeit bleiben, einen Generalnenner für diese zu finden, und wäre es schließlich eben nur diese Bezeichnung "Teile"! Denn man nehme nur so einen Begriff wie "Natur". Die Übereinstimmung aller Gegenstände oder Erscheinungen, die dazu gerechnet werden, besteht eben nur darin, daß sie "natürlich" sind, d. h. Teile der Gesamtheit von Gegenständen oder Erscheinungen, die wir als "Natur" zusammenfassens ...

Oder doch nicht? Liegt hinter der unendlichen Verschiedenheit dieser Bestandteile vielleicht doch auch hier eine Gleichartigkeit? vielleicht gar eine Gleichartigkeit von höherer Stufe, um so viel höherer als in den Kollektivworten, wie diese selbst eine höhere Stufe der Gleichartigkeit den Zahlworten gegenüber besitzen.

Allerdings: das Wesen der rein begrifflichen Einheit liegt darin, daß die unter sich durchaus verschiedenartigen Bestandteile lediglich in ihrer Beziehung auf den Gesamtbegriff gleichartig sind. Wo die Zahlworte eine arithmetische, die Kollektive eine, ich möchte sagen physikalische Einheit aufweisen, finden wir hier eine teleologische Einheit. Oder: wo in den beiden Fällen der sprachlichen Gruppenworte aus einer Summierung von Einzelfällen eine Gesamtvorstellung gebildet wurde, ist hier die Zerlegung einer einheitlichen Vorstellung in Einzelerscheinungen wesentlich - aus denen freilich ursprünglich auch hier die Gesamtvorstellung erst erwachsen ist. Die arithmetische Einheit entsteht, indem man eine bestimmte Anzahl von Objekte so zusammenfaß, daß an ihrer Selbständigkeit nichts geändert wird; die kollektive, indem man hierbei die Selbständigkeit zugunsten der Gesamtvorstellung zurücktreten läßt; die rein begriffliche, indem man die Bestandteile und die Gesamtvorstellung gleichzeitig in ihren gegenseitigen Beziehungen zu erfassen versucht.

Um die Schlagwörter der Romantik anzuwenden: im ersten Fall haben wir eine mechanische Gruppierung, im letzten eine organische; die Kollektivbegriffe nehmen eine Mittelstellung ein.

Der Staat, die Statistik, der Philister, meinen die Romantiker, verstehen nur zu zählen. Aber die höchste Wissenschaft, die Philosophie, und ebenso die Kunst, und so erst recht Gott selbst gestalten, d. h. sie bringen lebende, lebenskräftige Organismen hervor. Ein Organismus ist eine ideelle Einheit im höchsten Sinne des Wortes, d. h. von der Art, daß sowohl die Einheitlichkeit als auch die Idealität von höherem Rang sind als bei anderen künstlichen Einheiten.

Worin also besteht das Wesen einer solchen Einheit?

Sie hat die Kennzeichen der früheren völlig abgestreift. Sie kann der Kontinuität entbehren, die für die Reihe und doch in leichterer Anwendung auch für den Kollektivbegriff unentbehrlich ist; sie will die Gleichartigkeit der Teile nicht, die die anderen Gruppenworte voraussetzen. Um Beispiele dafür aus dem Gebiet der ideellen Einheiten beizubringen: man betont seit HERDER, daß jedes Drama SHAKESPEAREs eine höchst geschlossene Einheit bildet - trotz der Sprünge in der Handlung, trotz der Lücken in der Zeitfolge, die ein Stück wie das "Wintermärchen" so charakteristisch von einer französischen Tragödie mit ihren "drei Einheiten" scheiden. Oder: man hebt hervor, daß ein Volk umsomehr Volk ist, je selbständiger die Klassen der Gsellschaft die Berufsstände einander gegenüberstehen. Gerade daß die Kontinuität und die Gleichartigkeit der Teile mangeln, soll diese Organismen erst ganz organisch machen. Denn damit alle Teile auf den geheimen Mittelpunkt, die Seele des Ganzen Bezug haben können, können sie nicht in einer flachen Reihe angeordnet sein; damit die "Einheit in der Verschiedenheit" oder "in der Mannigfaltigkeit" - denn hierin eben sehen sie das Wesen des natürlichen wie des künstlichen Organismus - gewahrt bleibt, dürfen die Glieder nicht selbst schon untereinander gleichartig sein.

Also ist hier die Einheit von einer ganz anderen Art als bei den anderen Fällen der vereinheitlichenden Gruppenbildung.

Man nehme irgendeinen "Organismus": eine Pflanze, ein Tier, einen Wald, ein Volk. Worin besteht ihre Einheitlichkeit? Weshalb besitzen sie eine solche in höherem Grad als eine Hundertschaft oder ein Gesträuch? eine Menge?

Eine Definition mißglückt, die nahe zu liegen scheint: ein Organismus ist eine Zusammenordnung von Teilen, aus der kein Teil ohne Schädigung des Ganzen entfernt werden kann. Das trifft für die Zahlbegriffe zu: nimmt man von der Dekade ein Stück, von der Woche einen Tag, so hören sie auf Dekade oder Woche zu sein. Für die Organismen trifft das nicht zu. Entfernt ein Blatt von der Rose; laßt den Hirsch die Hörner verlieren; rodet Bäume im Wald aus; laßt einen Teil des Volkes auswandern - sie bleiben begrifflich unverändert. Ebenso bei Zuwachs; wenn die Rose aufblüht, wenn der Mensch wächst, der Wald zunimmt. Aber auch eine historische Ableitung genügt nicht, obwohl den Romantikern so etwas vorschwebt. Etwa: ein Organismus sei eine aus innerer Notwendigkeit, ohne äußeren Zwang erwachsene Zusammenordnung von ursprünglich selbständigen Teilen. Das paßt auf das Gebüsch, auch auf den Welt, vielleicht (was zwar neuere Theoretiker wie EDUARD MEYER bestreiten) auf das Volk; es mag sich metaphorisch auch auf das Kunstwerk anwenden lassen. Aber es schließt den Menschen, das Tier, die Pflanze aus, die nicht aus solchen Teilen erst zusammenwachsen; und es schließt eine Gruppierung wie etwa der vier Jahreszeiten oder der vier Elemente nicht aus, die doch keine Organismen, sondern bloße Zusammenzählungen darstellen.

Der Organismus als ideelle Einheit wird vielleicht am Besten so zu definieren sein: es ist eine Zusammenordnung von unter sich überwiegend verschiedenartigen Teilen, die in dieser Zusammenordnung ein zweckmäßiges Ganzes ausmachen.

"Überwiegend verschiedenartigen Teilen", sagen wir, denn wir dürfen die partielle Gleichartigkeit nicht ausschließen. Besteht doch z. B der physiologische Organismus aus zahllosen gleichartigen Zellen, Blutkörperchen usw. bis hin zu den Haaren. Aber allerdings sind dies sozusagen nur Unterteile; die eigentlichen Teile des Organismus sind unter sich verschieden, wie dann gleich die Haare mit den Blutkörperchen oder die Beine mit der Nase nichts gemein haben. Eben aber durch diese Verschiedenartigkeit der Bestandteile ist deren Arbeitsteilung und damit die unendlich gesteigerte Zweckmäßigkeit des Organismus erst ermöglicht. Denken wir uns eine gut gegliederte Beamtenschaft: natürlich muß der Torschreiber ein ganz anderer Mensch sein als der Generalsteuerdirektor, und der Schullehrer ein anderer als der Gendarm; tüchtige Beamte sind nicht "fungibel", sondern jeder gehört an seinen Platz. - Hierin also liegt die fundamentale Verschiedenheit des Organismus vom Kollektivum. Besuche ich ein Gebirge, so treffe ich, wohin ich mich auch wende, Berge; zerlegt der Anatom einen Körper, so findet sein Messer die verschiedenartigsten Bestandteile; verschiedenartig nach Wesen, Masse, Verteilung, Funktion, Wichtigkeit.

"In dieser Zusammenordnung" - ein Ausdruck, der die Entstehungsweise unberührt läßt. In der Tat glauben wir nicht mit romantischer Gewaltsamkeit zwischen den "gemachten" und "gewachsenen" Organismen einen Strich machen zu dürfen. Was die Natur schafft, wird gewiß organisch sein; und weil wir die so entstanden ideellen Einheiten hereinbeziehen, schließen wir die bloßen Reihen als notwendig mechanische Zusammenordnungen von unserer Definition aus. Aber was der Mensch schafft, oder auch die Menschen, das kann an Zweckmäßigkeit und Einheitlichkeit mit allen Werken der Natur oft den Kampf aufnehmen. Nirgends zeigt sich unser Abrücken von der romantischen Ästhetik mächtiger als hierin. Was LOTZE zaghaft andeutete; der neue Schönheitsbegriff der reinen Zweckmäßigkeit, das ist uns geläufig geworden - gerade weil wir in einer fortschreitenden Poetisierung der Wirklichkeit über das Programm der Romantiker noch herausgingen. Eine Maschine, an der kein Rädchen unnütz ist und keins das andere stört, wirkt auf uns wie ein Organismus: wenn es der Triumph LA METTRIES war, den Menschen zu einer Maschine zu machen, ist es der unserer Zeit, eine Maschine beinahe zu einem lebendigen Wesen zu machen, "so seiend", wie GOETHE von den Naturdingen sagt. Oder wir sprechen vom Organismus des Staates und haben vielmehr Recht dazu, als die spielende Riesenmetapher SCHÄFFLEs vom "sozialen Körper" erweisen konnte. - Nicht wie es wurde, sondern wie es geworden ist - das macht das Wesen des Organismus aus. Ein Volkslied kann diese Bedingungen erfüllen, aber die kunstvolle Dichtung eines großen Künstlers tut es erst recht.

"Ein zweckmäßiges Ganzes" - hier liegt der Kern unserer Auffassung. Wir wiederholen: nicht wie es ist, entscheidet, sondern wie es geworden ist. Ob dem Werden ein bewußter Plan vorlag, ob der Kampf ums Dasein oder vielleicht gar der Zufall die Zweckmäßigkeit zustande brachte - dies haben wir hier nicht zu erörtern: der Begriff ist teleologisch, d. h. auf die Beurteilung des erreichten Zwecks gerichtet, aber die Auffassung braucht deshalb noch nicht teleologisch zu sein. - "Zweckmäßig" also das heißt so geordnet, daß die Teile in dieser Gruppierung unendlich mehr leisten, als sie einzeln oder in anderen Gruppierungen leisten könnten. (Aber nur der Positiv ist verbürgt: es ist wohl noch eine zweckmäßigere Anordnung denkbar, die sich durch eine wieder andere Gruppierung erreichen ließe: womit die Vervollkommnung Spielraum behält. Die Naturtheologie und -teleologie der Frommen im 17. und 18. Jahrhundert schloß sie aus, weil sie in der Organisation jeder Spinne, jeder Ameise, jeder Rose den höchsten Grad an schöpferischer Weisheit bereits erreicht sah; der Darwinismus hat uns anders denken gelehrt.) Die Ordnung leistet also, mit WUNDT zu sprechen, eine "schöpferische Synthese", was eben der bloße Mechanismus nicht kann. Zehn Arbeiter, beliebig aufgestellt, tun die Arbeit von zehn Durchschnitssmenschen; zweckmäßig organisiert, vielleicht die von zwanzig. Hierin liegt ja der ungeheure Vorteil der geschäftlichen und industriellen Arbeitsteilung.

Endlich: "ein Ganzes". Das ist nun freilich beinahe tautologisch: wer erklären "Einheit", indem wir den Begriff "ein Ganzes" in die Definition einsetzen. Aber bloße Tautologie ist es doch wohl nicht. Denn "ein Ganzes" hat Eigenschaften, die in der "Einheit" von vornherein nicht notwendig liegen. Gemeinschaftlich besitzen beide Begriffe das wichtige Merkmal der Abgrenzung gegen die übrige Welt, der Geschlossenheit; ein Ganzes aber besitzt diese Abgrenzung nicht bloß gegen die Außenwelt, sondern (begrifflich) auf gegen seine Teile. Hierin eben liegt ja der höhere Rang dieser Einheiten. Ein Mensch ist etwas völlig anderes als jeder seiner Teile, ein Staat (trotz LUDWIG XIV. und seinem "l'état c'est moi!") etwas völlig anderes als jeder Bestandteil seines Organismus; während ein Gebüsch vom Busch, ein Gebirge vom Berg nur dem Umfang nach verschieden ist. Mindestens bestehen sie aus völlig identischen Bestandteilen.

Mit dieser Definition bewaffnet können wir, wie ich glaube, den Einheitswert der verschiedenen Gesamtbegriffe mit Leichtigkeit feststellen. Denn es gibt auch solche, bei denen er höchst problematisch ist.

Nehmen wir zwei der umfassendsten heraus. Das Wort "Welt" (oder Synonyma wie "Universum") kann lediglich ein "Massenwort" sein, um die Gesamtheit der existierenden Dinge auszudrücken. In diesem Sinn kann von der Einheit der Welt lediglich in einer mathematischen Bedeutung gesprochen werden; sonst aber ist es ein durchaus leerer Begriff, der eine unendliche Masse von Bestandteilen völlig unverändert läßt: es ist lediglich der letzte unbesteigbare Gipfel der durch das Summieren geschaffenen Reihe. - Wer dagegen an eine durchgehende Zweckmäßigkeit dieser Welt glaubt - mag sie nun durch einen Gott als Mittelpunkt getragen werden, oder durch das geheime Streben zahlloser Monaden, oder sonst wie -, für den ist die Welt ein Organismus, der höchste aller Organismen, weil von der größten Einheit bei der größten Verschiedenartigkeit seiner Elemente.

Der gleiche Unterschied gilt von der "Geschichte". Sie wird von ihren Verächtern für ein bloßes Konglomerat von Tatsachen erklärt - die wirkliche, nicht bloß die geschriebene Geschichte! -, und der Begriff der Kontinuität, hier zeitlich wie bei der Welt räumlich anzuwenden, könnte sie (wie wir gesehen haben) von diesem Vorwurf noch nicht schützen. Lediglich der Entwicklungsgedanke, wie immer gefaßt, vermag diese Vorstellung von einem bloßen Sammelbegriff zu dem einer ideellen Einheit zu erheben.

Das bloße numerische Zusammenfassen also schafft noch keine Einheiten - was in der Periode des "Monismus" besonders eingeschärft werden muß. Dadurch, daß die simplifizierende Tendenz der Wissenschaft einheitliche Gesamtnamen schafft (wie "Kraft", "Stoff", "Energie"), ist eine schöpferische Synthese noch nicht verbürgt. Es gibt einheitbildende Gedanken, die für unsere Anschauung eine neue Zweckmäßigkeit schaffen: nur wo sie wirken, können wir solche Massenbegriffe in der Form des Organismus anschauen - womit freilich ihre Zweckmäßigkeit selbst und somit ihre wirklich organische Natur noch nicht gewährleistet ist. Die wichtigsten einheitbildenden Gedanken ("vereinheitlichend" gäbe nicht ganz denselben Sinn) sind für die Wissenschaft die der Entwicklung, für die Kunst die der Harmonie. Entwicklung ist historische Zweckmäßigkeit, Harmonie ästhetische: beide setzen der Anordnung disparater Elemente ein bestimmtes Ziel und machen deshalb, wenn all diese Elemente zu diesem Ziel in eine richtige Beziehung gesetzt werden, aus dem Ergebnis der Anordnung ein Kunstwerk.

In diesem Sinn sei noch eine kurze Anwendung auf die schon eben gestreifte Kunst gestattet.

In der Auffassung der Einheit, scheint mir, liegt der letzte Unterschied zwischen naturalistischer und idealistischer Kunst, zwischen denen wieder vermittelnd die realistische steht.

Die Kunst, sagt ZOLA, will ein Eckchen der Natur geben, durch ein Temperament angeschaut; sie will, lehren noch radikalere Naturalisten, einen Ausschnitt aus der Wirklichkeit geben.

Diese letztere Auffassung opfert unbedenklich den Begriff der Einheit im Kunstwerk, den die Ästhetik immer nachdrücklicher für die Hauptsache erklärt hat. Ein Ausschnitt aus der Wirklichkeit - das ist eben nur eine summierte Reihe von Einzelheiten, die da aufhört, wo der Rahmen anfängt. - Aber auch ZOLA oder TAINE mit ihrer Definition geben dem Kunstwerk noch keine Einheit, denn das persönliche Temperament mag (hier zeigt sich der Unterschied der beiden Adjektive!) vereinheitlichend wirken - einheitbildend wirkt es nicht, solange es eben nur ein Stück Natur geben will. Es mag die Gegenstände einheitlicher stilisieren - ein Organismus entsteht nicht durch die Nachbildung zufälliger Gruppierungen.

Soll also das Kunstwerk ein Organismus sein, so ist ein einheitbildender Faktor nötig. Wir nennen ihn Komposition: die Komposition unterscheidet die realistische und idealistische Kunst von der sie ablehnenden naturalistischen. Die Komposition ist die Herstellung einer abgestimmten Harmonie zwischen den Figuren, Farben, Worten, sie ist der Ausdruck "ästetheischer Zielstrebigkeit". - Aber sie kann übertrieben werden; sie kann so weit getrieben werden, daß sie statt Mittel zu sein zum Zweck wird. Dann ist das Werk keine zweckmäßige Anordnung mehr, weil in der Gruppierung die Teile dann nicht mehr, sondern weniger bedeuten und leisten, als außerhalb derselben. Jede einzelne Figur in KAULBACHs "Zeitalter der Reformation" könnte wirken - die Komposition vernichtet sie. Das ist die Klippe: die übertreibende Komposition führt in den akademischen Idealismus, in das mechanische Arrangement - das Gegenbild zur mechanischen Naturnachahmung! Zwischen beiden aber steht in der Mitte ein gesunder Realismus, der die ursprünglich selbständigen Teile so zu erfassen, zu durchdringen, zu ordnen weiß, daß jeder gewinnt und ein neues Ganzes entsteht, wie im wohlgeordneten Staat. Der Realismus ist die Kunst der schöpferischen Synthese auf ästhetischem Gebiet.

Historisch aber darf man den Satz wagen, daß, wo die Menschheit selbst fortschreitet, überall ihre Schöpfungen eine immer höhere Einheitlichkeit zeigen - das Dogma HERBERT SPENCERs! Man überblicke nur die literarische Entwicklung! Aus der Novellensammlung bildet sich der einheitliche Roman, der immer strenger zur Entwicklungsgeschichte einer Seele wird. Aus einer losen Folge von lyrischen und halbepischen Szenen entsteht das Drama, die Vorführung einer Handlung. Mehr und mehr konzentriert sich auch das lyrische Gedicht, das einst ein ordnungsloses Wühlen in Stimmungen war. Ja hier, wie auf anderen Gebieten - auf dem der zentralisierten Staatsomnipotenz vor allem! - kann man zweifeln, ob die Vereinheitlichung nicht schon ihr Maß überschritten hat. Die Nemesis in der Geschichte heißt: Zurücksinken auf frühere Stufen; die Überorganisation führt wieder in die Mechanisierung herab ...

Aber wir wollen unserer Studie durch solche Ausblicke und Umgriffe nicht nehmen, wovon sie handelt: die Einheit! Diese machte es nötig, im Verlauf der Abhandlung manches vorzutragen, was in einer anderen Gruppierung längst gesagt ist: mögen doch auch diese früher selbständigen Elemente in der neuen Zusammenordnung neue Bedeutung gewonnen haben!
LITERATUR - Richard M. Meyer, Der Begriff der Einheit, Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft, Bd. 3, Stuttgart 1908