p-4ra-3K. HaslbrunnerH. KohnH. DohrnD. BraunschweigerG. Noth    
 
ERNST DÜRR
Die Lehre von der Aufmerksamkeit
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"Nun beruht aber der Wert oder Unwert psychischer Geschehnisse nicht auf dem, was die Aufmerksamkeitserlebnisse als solche charakterisiert, auf der Höhe des Bewußtheitsgrades, auf der Dauer der Beachtung, darauf, daß möglichst vieles möglichst gleichmäßig oder weniger zahlreiches möglichst scharf beachtet wird. Die Vollkommenheit oder Unvollkommenheit psychischer Vorgänge besteht vielmehr in ihrer Tauglichkeit zur Einordnung in das Ganze des Bewußtseinslebens, die oft ebensosehr davon abhängen kann, daß sie geringen, als daß sie hohen Bewußtseinsgrad besitzen."

3. Die Bedingungen der Aufmerksamkeit
[ Fortsetzung 4 ]

 e) Welchen Einfluß auf die Beachtung
eines Bewußtseinsinhaltes üben andere
gleichzeitig vorhandene Bewußtseinsinhalte aus?

Diese Frage scheint sehr einfach dahin beantwortet werden zu können, daß alle neben dem zu beachtenden Bewußtseinsinhalt sich abspielenden Erlebnisse eine Störung bedeuten. Aber ganz so einfach liegen die Verhältnisse dann doch nicht. Vor allem ist darauf hinzweisen, daß wir schon einen Fall kennen gelernt haben, wo eine größere Menge von Bewußtseinsinhalten günstigere Bedingungen für die Beachtung darbieten als eine geringere, sofern nämlich im ersteren Fall gegenseitige assoziative Unterstützung stattfindet. Aber auch wenn wir davon absehen und unter den Bewußtseinsinhalten, die  neben  dem zu beachtenden noch vorhanden sind, nur solche verstehen, die mit jenem nicht assoziativ oder sonstwie zusammengehören, auch dann stößt die Annahme eines störenden Einflusses aller Begleiterlebnisse auf Schwierigkeiten. Man darf allerdings wohl vermuten, daß die gänzliche Abwesenheit aller Bewußtseinsinhalte, die mit dem Gegenstand der Aufmerksamkeit nicht zusammengehören, unter allen Umständen diesem letzteren einen sehr hohen Bewußtseinsgrad verschafft. Das scheint aus der Tatsache der eminenten Lebhaftigkeit unserer Traumvorstellungen und der im Zustand der Hypnose durch Suggestion zu erweckenden Trugwahrnehmungen sich ohne weiteres zu ergeben.

Aber im normalen Zustand des Wachbewußtseins werden den jeweils beachteten Inhalten stets noch viele andere psychische Prozesse in uns hervorgerufen. Man denke nur an die zahlreichen Empfindungen, die durch unserer Körper uns beständig vermittelt werden. Nun liegen die Verhältnisse keineswegs so, daß es etwa für die Beachtung eines Inhalts unter allen Umständen günstiger ist, wenn  außer den konstanten Komponenten  unseres Bewußtseinslebens (im Zustand des Wachseins)  keine  Erlebnisse neben dem zu beachtenden Inhalt vorhanden sind. Vielmehr scheint es neben ablenkenden Nebenumständen auch solche zu geben, durch welche die Leistungen der Aufmerksamkeit gefördert werden. So ist uns schon aus den Erfahrungen des gewöhnlichen Lebens nicht nur die Tatsache bekannt, daß beispielsweise ein musizierender Zimmernachbar die Konzentration unserer Aufmerksamkeit auf eine wissenschaftliche Abhandlung nicht gerade befördert, sondern wir wissen auch, daß - im Gegensatz zu diesem Tatbestand - gewisse Eindrücke, z. B. ein bestimmter Geruch, besondere Farbentöne, gewohnheitsmäßige Bewegungen unseres Körpers und ähnliches uns das Aufmerken erleichtern.

Wir können aufgrund derartiger vorwissenschaftlicher Erfahrungen vielleicht auch die naheliegende Hypothese aufstellen, daß ein Erlebnis um so mehr störend auf die Beachtung eines anderen einwirkt, je mehr es selbst geeignet ist, die gleichzeitige Beachtung mehrerer nicht zur Einheit verbundener Bewußtseinsinhalte den Bewußtseinsgrad jedes der betreffenden Inhalte beeinträchtigt, haben wir ja oben bereits festgestellt. Eine Reihe experimentell psychologischer Untersuchungen, die von R. VOGT, O. BERTELS, A. HAMLIN, F. E. MOYER, L. G. BIRCH und anderen angestellt worden sind, um die Ablenkung der Aufmerksamkeit in ihrer Abhängigkeit von störenden Einflüssen und von der individuellen Eigenart der Versuchspersonen zu bestimmen, haben eigentlich nur solche Störungsreize zur Anwendung gebracht, die geeignet waren, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Bezüglich dieser hat man konstatiert, daß sie nicht alle gleichwertig sind, daß ein Unterschied besteht vor allem zwischen solchen, durch welche die Aufmerksamkeit kontinuierlich beschäftigt wird und solchen, die intermittierend [mit Unterbrechungen - wp] die Beachtung auf sich ziehen, daß ferner besonders ein Antrieb zur Erkennung von Gerüchen unter bestimmten Umständen sehr ablenkend wirkt, daß die Gewöhnung hinsichtlich der Herabsetzung der Wirksamkeit von Störungsreizen eine große Rolle spielt und ähnliches mehr. Ein Versuch, diese Ergebnisse zu erklären durch den Hinweis auf die verschiedene Motivwirksamkeit, welche die verschiedenen Ablenkungsmittel auf die Beachtung der Versuchspersonen ausübten, auf den assoziativen Zusammenhang, der sich im Lauf der Zeit zwischen ihnen und dem Hauptgegenstand der Aufmerksamkeit bildete usw., ein solcher Versuch ist wohl bisher noch nicht gemacht worden.

Vor allem aber scheint  die  Frage einer experimentellen oder sonst wissenschaftlich begründeten Lösung bisher nicht zugeführt worden zu sein, die uns hier vor allem interessiert, ob nämlich die  unbeachtet bleibenden  Bewußtseinsinhalte, die gleichzeitig mit dem Gegenstand der Aufmerksamkeit gegeben sind, keinen Unterschied des Einflusses auf die Beachtung erkennen lassen. Es liegen wohl Untersuchungen vor, aus denen ersichtlich ist, daß  höhere  Aufmerksamkeitsleistungen unter der Einwirkung eines bestimmten, die Beachtung nicht selbst in Anspruch nehmenden Sinnesreizes vollbracht werden können als ohne diesen Reiz. Aber welche Arten von Reizen in diesem Sinn verwendbar sind und unter welchen Umständen sie den betreffenden Einfluß ausüben, darüber wissen wir noch recht wenig.

Die Bewegungen, die der Redner gewohnheitsmäßig ausführt und deren Unterdrückung seine Aufmerksamkeit aufs schwerste beeinträchtigen würde, wirken vielleicht gar nicht als Empfindungsreize positiv günstig auf seine Sammlung und geistige Leistungsfähigkeit ein. Sie haben vielleicht mehr eine negative Bedeutung, indem die nervöse Energie, die sich in ihnen entlädt, ohne solche Entladung zu unangenehmen, die Aufmerksamkeit absorbierenden Spannungszuständen führen würde. Und Geruchsreize, wie die faulen Äpfel, die SCHILLER in der Tischschublade hatte, Gesichtsreize, wie die Farbe der Tapete eines zweckmäßig gewählten Studierzimmers, Gehörsreize, wie das rhythmische Rauschen der Wellen, bei dem sich so gut denken und träumen läßt, kurz alle derartigen, das Aufmerksamsein begünstigenden Reize wirken vielleicht nur indirekt, durch die Erzeugung einer angenehmen Gesamtstimmung, in der alle psychischen Prozesse eine Steigerung erfahren. Vielleicht darf man auch behaupten, daß beim Funktionsbedürfnis, das unsere Sinne im Zustand des Wachseins haben, eine leichte Beschäftigung deshalb vorteilhaft für die Fähigkeit zu Aufmerksamkeitsleistungen ist, weil dadurch die spontane Befriedigung des Tätigkeitstriebes, die viel mehr psychische Energie absorbiert, verhütet wird. Daraus würde es sich auch erklären, warum beispielsweise bei Blinden, bei denen das Funktionsbedürfnis des Gesichtssinns natürlich mit der Funktionsfähigkeit desselben wegfällt, trotz des Fehlens  anregender  Reize die Aufmerksamkeitsleistungen durchschnittlich höhere sind, als bei Vollsinnigen. Welchen Grad von Wahrscheinlichkeit diese verschiedenen Vermutungen im einzelnen besitzen mögen, lassen wir dahingestellt. In ihrer Gesamtheit aber dürften sie, wenn man noch den hohen Bewußtseinsgrad der Traumbilder und der suggerierten Vorstellungen in der Hypnose berücksichtigt, doch eine gewisse Stütze für die Annahme bilden, daß an sich  kein  ohne assoziative und sonstige Verbindung neben dem Gegenstand der Aufmerksamkeit vorhandener Bewußtseinsinhalt förderlich ist für den Bewußtheitsgrad des beachteten Inhalts.

Aber obgleich Nebenreize, die uns die Erfahrung als Unterstützungsmittel für die Aufmerksamkeitsleistungen kennen lehrt, hinsichtlich der  direkten Förderung,  welche die ihnen entsprechenden Bewußtseinsinhalte nach der Meinung mancher Psychologen für das Beachtungserlebenis bedeuten sollen, theoretisch sehr vorsichtig zu behandeln sind, bleibt ihr Wert für die Praxis davon unbeeinträchtigt. Ob z. B. eine gewisse freie Beweglichkit des Körpers positig durch die Bewegungsempfindungen oder nur negativ durch Vermeidung schlimmerer Störungen das Aufmerken erleichtert, das bedingt keine Verschiedenheit des Verhaltens, wodurch man sich oder andere instand setzen kann, schwierige Aufmerksamkeitsleistungen leichter zu bewältigen. Derjenige Instruktor ist und bleibt ein Stümper, der die psychische Energie, die für den Gegenstand der Instruktion verfügbar wäre, durch den Zwang zu einer bestimmten Körperhaltung des Lernenden fortwährend beeinträchtigt, auch wenn er die wohlbegründete Überzeugung hat, daß Bewegungsempfindungen und eine besondere Höhe des Bewußtseinsgrades anderer Erlebnisse in gar keiner direkten kausalen Beziehung stehen können.


 f) Inwiefern ist die Aufmerksamkeit
von physiologischen Bedingungen abhängig?

Wenden wir uns endlich zur Beantwortung der letzten Frage, die wir oben bezüglich der Aufmerksamkeitsbedingungen aufgeworfen haben. Diese soll hier natürlich nicht durch den Hinweis auf die Lehre des psychophysischen Parallelismus ihre Erledigung finden. Sicherlich gibt es ohne korrespondierende Prozesse im Zentralorgan ebensowenig Aufmerksamkeitserlebnisse wie Bewußtseinsvorgänge überhaupt. Hier handelt es sich aber darum, inwiefern eben diese zentralen Prozesse und mit ihnen die Aufmerksamkeitserlebnisse selbst eine funktionelle Zugehörigkeit erkennen lassen zu körperlichen Veränderungen, denen nicht unmittelbar Bewußtseinsinhalte korrespondieren. Vor allem kommen dabei die Einwirkungen von Nahrungs- und Genußmitteln in Betracht, ferner die Einflüsse von Reizen, die starke reflektorische (Blutzirkulation, Atmung usw. betreffende) Lebensäußerungen zur Folge haben, sodann die Bedeutung körperlicher Veränderungen, wie sie durch Muskeltätigkeit, Gehirnarbeit, Schlaf und andere derartige vitale Funktionen bedingt werden und wie sie sich teilweise auch periodisch unter dem Einfluß des Ablaufs der gesamten Lebenstätigkeit und vielleicht auch des Zusammenhangs des organischen mit dem allgemeinen kosmischen Geschehen einstellen, endlich die Folgen von Erkrankungen der verschiedensten Art und besonders des Nervensystems.

Es scheint nun auf den ersten Blick, als müßten sich Abhängigkeiten des Verhaltens der Aufmerksamkeit von diese physiologischen Bedingungen in Hülle und Fülle auffinden lassen. Wir wissen doch, daß wir im Zustand der Müdigkeit weniger gut aufmerken könen, als im ausgeruhten Zustand, daß Alkoholgenuß unsere Konzentrationsfähigkeit gegenüber einer geistigen Arbeit stark zu beeinträchtigen vermag, daß dagegen der Genuß von Tee oder Kaffee unsere Auffassungsfähigkeit erhöht, daß die Schnelligkeit und Sicherheit des Erfassens von Beziehungen nicht unmittelbar nach den Erwachen vom Schlaf, sondern nach einer gewissen Dauer geistiger Tätigkeit am größten ist, daß sehr große Hitze und sehr große Kälte, schlechte Luft, behinderte Nasenatmung zweilen vollständig unfähig macht zur Aufmerksamkeit, daß bei gewissen Geisteskrankheiten jegliches Interesse verloren geht, während bei anderen von einer Hypertrophie [Überproduktion - wp] der Aufmerksamkeit gesprochen werden kann usw.

Aber was hier als "Auffassen", "Aufmerken", "Interesse" bezeichnet wird, das ist etwas ganz anderes, als was wir unter Aufmerksamkeit verstehen. Das richtige Erfassen von Beziehungen, das scharfe Beobachten, das klare Denken, alle die geistigen Leistungen, deren Alteration durch die genannten physiologischen Einflüsse uns so augenfällig zu Bewußtsein kommt, setzen viel mehr voraus, als bloß eine besondere Beschaffenheit des Bewußtseinsgrades. Das wird wohl ohne weiteres zugegeben. Aber, wendet man vielleicht ein, neben anderen Voraussetzungen steckt in den betreffenden Leistungen doch auch ein Aufmerksamkeitsmoment. Sollte dieses nicht beeinflußt werden, wenn die Gesamtleistung beeinflußt wird?

Es ist gar nicht zu bezweifeln, daß eine solche Beeinflussung stattfindet. Die Frage ist nur, ob es möglich und zweckmäßig ist, dieselbe einer besonderen Untersuchung zu unterziehen. Wir müssen nämlich bedenken, daß jede physiologische Beeinflussung in erster Linie die Zahl und Art der Aufmerksamkeitsgegenstände und Aufmerksamkeitsmotive verändert. Bezüglich dieser Veränderung lassen sich keine Regeln aufstellen, wenn man sich nicht mit unbestimmten Ausdrücken, wie Einengung und Erweiterung des Bewußtseinsumfangs, Überwiegen peripher oder zentral erregter Bewußtseinsinhalte, größere oder geringere Intensität der von Erlebnissen des Gegenstandsbewußtseins ausgelösten Gefühle usw., begnügen will. Ja, es ist sogar fraglich, ob man auch nur in solch unbestimmten Ausdrücken einen Zusammenhang zwischen physiologischen Einwirkungen und dem, was unter dem Einfluß derselben im Bewußtsein auftritt, was also Gegenstand und Motiv der Aufmerksamkeit werden kann, festzustellen vermag; denn der jeweilige Bewußtseinsinhalt ist bedingt durch  Reize  und  Dispositionen  und wenn die letzteren durch physiologische Eingriffe beeinflußt werden, so ändern sich häufig auch die ersten (zu denen wir nicht nur die in der Außenwelt, sondern auch die im Organismus gelegenen Erregungsquellen rechnen) in durchaus unkontrollierbarer Weise, so daß das Resultat der Wechselwirkung beider sich häufig jeder gesetzmäßigen Bestimmung entzieht.

Nun könnte man freilich den Einfluß physiologischer Bedingungen auf die Beachtungsgegenstände und -Motive insofern unberücksichtigt lassen, als man einfach die Frage aufwerfen würde: Zeigt sich unter verschiedenen physiologischen Bedingungen, wenn sonst alles ungefähr gleich bleibt, d. h. wenn der Bewußtseinsinhalt der Qualität und Intensität der Empfindungen, der Zahl, Art, Verbindungsweise und Gefühlsbetonung der Vorstellungen und Gedanken nach ungefähr derselbe ist, ein verschiedenes Verhalten der Gesamtbewußtseinshöhe?

Die Unfruchtbarkeit einer derartigen Fragestellung dürfte freilich manchem auf den ersten Blick einleuchten. Sie tritt vor allem klar hervor, wenn wir einen konkreten Fall ins Auge fassen. Es handle sich um die Entscheidung der Frage, ob durch Alkoholgenuß eine Steigerung oder Herabsetzung der Gesamtbewußtseinshöhe herbeigeführt werden kann. Ein einfaches Mittel, diese Entscheidung herbeizuführen, scheint die Bestimmung der Reizschwelle zu sein. Wenn unter sonst so gut als möglich gleich erhaltenen Umständen dem Alkoholbeeinflußten ein stärkerer Reiz dargeboten werden müßte, um eben bemerkt zu werden, als dem Nüchternen, so könnte man, wie es scheint, behaupten, die Gesamthöhe des Bewußtseins sei bei jenem herabgesetzt. Nun ist eine solche Reizschwellenbestimmung unter Alkoholeinfluß tatsächlich ausgeführt worden, (1) hat aber das merkwürdige Resultat ergeben, daß die Reizschwelle beim Alkoholbeeinflußten niedriger liegt, die Reizempfindlichkeit also feiner ist, als beim Nüchternen. Sollen wir daraus schließen, daß die Gesamtbewußtseinshöhe durch Alkohol gesteigert wird? Es wird wenige geben, die zu diesem Schluß geneigt sind. Der Autor der in Rede stehenden Untersuchung zieht ihn jedenfalss nicht, sondern erklärt die Steigerung der Reizempfindlichkeit als eine Folge der Einengung des Bewußtseins. Nun ist ja klar, daß die Gesamtbewußtseinshöhe sich nicht zu verändern braucht, bzw. ebensowohl kleiner wie größer werden kann, wenn wenige Inhalte mit hohen Bewußtseinsgraden anstelle vieler mit niedrigeren Graden der Bewußtheit ausgestatteter Inhalte treten.

Aber eben deshalb fehlt uns nun jedes Mittel, um zu entscheiden, ob die Aufmerksamkeit durch Alkohol gesteigert oder beeinträchtigt wird. Wir können in diesem Zusammenhang auch darauf hinweisen, daß die Halluzinationen eines beim Delirium tremens angelangten Trinkers in ihrer Art, was die Höhe des Bewußtseinsgrades anlangt, ebenso ausgezeichnete Aufmerksamkeitserlebnisse sind, wie die Leistungen eines durch Tee- oder Kaffeegenuß günstig beeinflußten Denkens und daß die Phantasmata, die der Verschmachtende sieht, an Lebhaftigkeit und Eindringlichkeit selbst die Wahrnehmungen des normalen Organismus zu übertreffen vermögen.

Doch scheinen wir uns hier nicht in einem unerhörten Widerspruch mit aller praktischer Erfahrung und mit allen Bedürfnissen angewandter Psychologie zu setzen, wenn wir die Einflüsse, welche anerkannt nützliche und anerkannt schädliche körperliche Veränderungen auf die Aufmerksamkeit ausüben, für ununterscheidbar erklären? Darauf ist ein Doppeltes zu antworten. Zunächst bestreiten wir nur eine Nachweisbarkeit verschiedenen Einflusses verschiedener physiologischer Bedingungen durch Vergleichung der Aufmerksamkeits erlebnisse.  Wir werden später noch genauer einsehen, inwiefern die für einen solchen Nachweis nötige Klassifikation der verschiedenen Individuen nach der Gesamtbewußtseinshöhe, die bei jedem sozusagen ein Querschnitt durchs psychische Leben aufweist, undurchführbar ist.

Wir bestreiten  nicht  einen Einfluß physiologischer Bedingungen auf die  Disposition  zur Aufmerksamkeit. Daß dieser Einfluß in den bewußten Aufmerksamkeitserlebnissen, was das Verhalten des Bewußtseinsgrades anlangt, so unvollkommen zur Geltung kommt, hat seinen Grund großenteils darin, daß, wie wir auch noch genauer sehen werden, die Disposition zur Aufmerksamkeit nicht auf einer einfachen nur in  einer  Linie positiv oder negativ zu verändernden Beschaffenheit des Nervensystems beruth, daß vielmehr verschiedene Komponenten derselben angenommen werden müssen. Daraus ergibt sich allerdings die Möglichkeit, einen verschiedenen Einfluß physiologischer Faktoren (und ebenso auch psychophysischer Geschehnisse) auf die einzelnen Partialdispositionen festzustellen. Aber dafür ist hier, wo wir es mit den Bedingungen der Aufmerksamkeit, nicht der Aufmerksamkeitsdispositionen zu tun haben, kaum der rechte Ort.

Aber, wendet man nun ein, irgendwie muß doch die Beeinflussung auch des verwickeltsten Komplexes von Dispositionen im Bewußtseinsleben sich geltend machen. Das ist ohne weiteres zuzugeben. Nur - und das ist der zweite Punkt unserer Entgegnung auf den Vorwurf, wir vernachlässigten praktisch wichtige Unterschiede - darf man nicht vergessen, daß sich die Mannigfaltigkeit des Bewußtseinslebens nicht in einer Anzahl von Bewußtheitsgraden erschöpft. Bei der praktisch wichtigen Unterscheidung nützlicher und schädlicher Einflüsse auf das geistige Leben handelt es sich offenbar um eine Gegenüberstellung wertvoller und wertloser Bewußtseinsvorgänge, von denen die ersteren durch die nützlichen, die letzteren durch die schädlichen Einwirkungen herbeigeführt werden. Nun beruht aber der Wert oder Unwert psychischer Geschehnisse nicht auf dem, was die Aufmerksamkeitserlebnisse als solche charakterisiert, auf der Höhe des Bewußtheitsgrades, auf der Dauer der Beachtung, darauf, daß möglichst vieles möglichst gleichmäßig oder weniger zahlreiches möglichst scharf beachtet wird. Die Vollkommenheit oder Unvollkommenheit psychischer Vorgänge besteht vielmehr in ihrer Tauglichkeit zur Einordnung in das Ganze des Bewußtseinslebens, die oft ebensosehr davon abhängen kann, daß sie geringen, als daß sie hohen Bewußtseinsgrad besitzen. Selbst wenn es daher möglich wäre, einen verschiedenen Einfluß verschiedener physiologischer Einwirkungen auf die Gesamtbewußtseinshöhe nachzuweisen, so wäre dieser Nachweis praktisch bedeutungslos, während es praktisch sehr wichtig sein kann, einen Einfluß von Nahrungs-, Genuß-, Arzneimitteln und sonstigen körperlichen Einwirkungen auf komplexe geistige Leistungen festzustellen, die sich nicht einfach nach Bewußtseinsgraden klassifizieren lassen.

Während wir also der Lehre von den psychischen Bedingungen der Aufmerksamkeit durchweg eine praktische, vor allem pädagogische Bedeutung zuerkannt haben, sofern sie Anweisungen darüber enthält, wie einem beliebigen einzelnen Bewußtseinsinhalt, bei dem dies gerade wünschenswert ist, ein besonders höher Bewußtseinsgrad verschafft werden kann, sprechen wir einer Lehre von physiologischen Bedingungen der Aufmerksamkeit (in dem hier allein in Betracht kommenden Sinn) jede unmittelbare praktische Bedeutung ab, da sie im besten Fall darüber Aufschluß geben könnte, wie die Gesamtbewußtseinshöhe zu steigern oder herabzusetzen sei.
LITERATUR - Ernst Dürr, Die Lehre von der Aufmerksamkeit, Leipzig 1907
    Anmerkungen
    1) SPECHT, Die Divergenz von Unterschiedsschwelle und Reizschwelle unter Alkohol. Bericht über den II. Kongreß für experimentelle Psychologie, Leipzig 1907, Seite 194f