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WILHELM WINDELBAND
Kants Kritik der Vernunft
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"Die Kategorien sind Beziehungsformen und als solche ansich leer; sie können sich auf einen Gegenstand nur durch die Vermittlung von Anschauungen beziehen, die eine miteinander zu verknüpfende Mannigfaltigkeit von Inhalten darbieten. Diese Anschauung jedoch ist bei uns Menschen nur die sinnliche in den Formen von Zeit und Raum, und für deren synthetische Funktion haben wir wiederum den einzigen Inhalt in den Empfindungen. Danach ist der einzige Gegenstand der menschlichen Erkenntnis die Erfahrung, d. h. die Erscheinung: und die seit Platon übliche Einteilung der Gegenstände der Erkenntnis in Phaenomena und Noumena hat keinen Sinn mehr."

"Bis hierher ist alles, was der naiven Weltauffassung als Gegenstand dünkt, teils in Empfindungen, teils in synthetische Formen der Anschauung des Verstandes aufgelöst worden: es scheint neben dem individuellen Bewußtsein nichts wahrhaft bestehen zu bleiben [...]. Wo bleiben dann aber die Dinge, von denen Kant erklärte, daß es ihm nie in den Sinn gekommen ist, ihre Realität zu leugnen."


Die hervorragende Stellung des Königsberger Philosophen beruth darauf, daß er die verschiedenen Denkmotive der Aufklärungsliteratur allseitig in sich aufgenommen und durch ihre gegenseitige Ergänzung zu einer völlig neuen Auffassung von der Aufgabe und dem Verfahren der Philosophie ausgereift hat. Er ist durch die Schule der wolffischen Metaphysik und durch die Bekanntschaft mit den deutschen Popularphilosophen ebenso hindurchgegangen, wie durch die Versenkung in die tiefgreifenden Problemstellungen HUMEs und durch die Begeisterung für ROUSSEAUs Naturpredigt: die mathematische Strenge der Naturphilosophie NEWTONs, die Feinheit der psychologischen Analyse vom Ursprung menschlicher Vorstellungen und Willensrichtungen in der englischen Literatur, der Deismus in seiner Ausdehnung von TOLAND und SHAFTESBURY bis VOLTAIRE, der ehrliche Freiheitssinn, mit dem die französische Aufklärung auf die Besserung der politischen und sozialen Zustände gedrungen hat - all dies hatte in dem jungen KANT einen treuen, überzeugungsvollen Mitarbeiter gefunden, der mit reicher Weltkenntnis und liebenswürdiger Klugheit, wo es am Ort war auch mit Geschmack und Witz, dabei fern von aller Selbstgefälligkeit und Überhebung die besten Züge des Aufklärertums typisch in sich vereinigte.

Allein zu seiner eigensten Bedeutung hat er sich von allen diesen Grundlagen aus erst an den Schwierigkeiten des Erkenntnisproblems herausgearbeitet. Je mehr er ursprünglich die Metaphysik gerade deshalb geschätzt hatte, weil sie den moralischen und religiösen Überzeugungen wissenschaftliche Sicherheit geben sollte, umso nachhaltiger war die Wirkung auf ihn selbst, als er sich durch eigene, in stetigem Wahrheitsbedürfnis fortschreitende Kritik davon überzeugen mußte, wie wenig das rationalistische Schulsystem jenen Anspruch befriedigt hat, - umso mehr war aber auch sein Blick für die Erkenntnisgrenzen derjenigen Philosophie geschärft, welche ihren Empirismus anhand der psychologischen Methode entwickelte. Beim Studium HUMEs kam ihm dies in solchem Maß zu Bewußtsein, daß er begierig nach dem Hilfsmittel griff, welches die "Nouveaux essais" von LEIBNIZ für die Ermöglichung einer metaphysischen Wissenschaft darzubieten schienen. Aber das erkenntnistheoretische System, das er über dem auf die Mathematik ausgedehnten Prinzip des virtuellen [die Möglichkeit zu etwas - wp] Angeborenseins errichtete, erwies sich ihm selbst sehr bald als unhaltbar, und dies führte ihn auf die langwierigen Untersuchungen, welche ihn in der Zeit von 1770 bis 1780 beschäftigt und ihren Abschluß in der Kritik der reinen Vernunft gefunden haben.

Das wesentlich Neue und Entscheidende dabei war, daß KANT die Unzulänglichkeit der psychologischen Methode für die Behandlung der philosophischen Probleme erkannte (1), und die Fragen, welche den Ursprung (quaestio facti) und die tatsächliche Entwicklung der menschlichen Vernunfttätigkeiten betreffen, vollständig von denjenigen sonderte, welche sich auf ihren Wert (quaestio juris) beziehen. Er teilte dauernd mit der Aufklärung die Tendenz, den Ausgangspunkt aller Untersuchungen nicht in der durch die mannigfachsten Voraussetzungen beeinflußten Auffassung der Dinge, sondern in der Betrachtung der Vernunft selbst zu nehmen: aber er fand in dieser allgemeine und über alle Erfahrung hinausreichende Urteile, deren Geltung weder vom Ausweis ihres tatsächlichen Bewußtwerdens abhängig gemacht, noch durch irgendeine Form des Angeborenseins begründet werden kann. Solche Urteile gilt es im ganzen Umkreis der menschlichen Vernunfttätigkeit festzustellen, um aus ihrem Inhalt selbst und ihren Beziehungen zu dem durch sie bestimmten System des Vernunftlebens ihre Berechtigung oder die Grenzen ihres Anspruchs zu verstehen.

Diese Aufgabe bezeichnete Kant als Kritik der Vernunft und diese Methode als die kritische oder transzendentale Methode: und als ihren Gegenstand betrachtete er die Untersuchung über die Möglichkeit synthetischer Urteile a priori (2). Das beruth auf der fundamentalen Einsicht der Vernunftprinzipien von der Art und Weise, wie sie im empirischen Bewußtsein (sei es des einzelnen oder der Gattung) zustande kommen, völlig unabhängig ist. Alle Philosophie ist dogmatisch, welche die Prinzipien entweder durch eine Aufzeigung ihrer Geneses [Entstehungsgeschichte - wp] aus Empfindungselementen oder durch das Angeborensein nach irgendwelchen metaphysischen Voraussetzungen begründen oder auch nur beurteilen will: die kritische Methode oder die Transzendentalphilosophie untersucht die Gestalt, in welcher diese Prinzipien tatsächlich auftreten, und prüft ihren Geltungswert an der Fähigkeit, welche sie in sich selbst besitzen, um allgemein und notwendig in der Erfahrung angewendet zu werden.

Hieraus ergab sich für KANT die Aufgabe einer systematischen Durchforschung der Vernunftfunktionen, um ihre Prinzipien festzustellen und über deren Geltung zu entscheiden: denn die kritische Methode, welche zuerst in der Erkenntnistheorie gewonnen wurde, erstreckte von selbst ihre Bedeutung auch auf die anderen Sphären der Vernunftbetätigung. Hier aber erwies sich für KANT das neu gewonnene Schema der psychologischen Einteilung als maßgebend für die Gliederung der philosophischen Probleme. Wurden im Seelenleben Denken, Wollen und Fühlen als die Grundformen der Äußerungsweise unterschieden, so mußte die Kritik der Vernunft sich an die so gegebene Einteilung halten: sie betraf gesondert die Prinzipien der Erkenntnis, der Sittlichkeit und der von beiden unabhängigen Gefühlswirkung der Dinge auf die Vernunft.

Danach gliedert sich KANTs Lehre in den theoretischen, den praktischen und den ästhetischen Teil, und seine Hauptwerke sind die drei Kritiken: der reinen Vernunft, der praktischen Vernunft und der Urteilskraft.


IMMANUEL KANT, am 22. April 1724 in Königsberg/Preußen als Sohn eines Sattlers geboren, wurde auf dem pietistischen Collegium Fridericianum gebildet und bezog 1740 die Universität seiner Vaterstadt, um Theologie zu studieren: doch zogen ihn allmählich neben den philosophischen mehr die naturwissenschaftlichen Gegenstände an. Nach Abschluß der Studien war er 1746 - 1755 Hauslehrer bei verschiedenen Familien in der Nähe von Königsberg, habilitierte sich dann im Herbst 1755 als Privatdozent in der philosophischen Fakultät der heimischen Universität und wurde an dieser erst 1770 zum ordentlichen Professor ernannt. Seine Lehrtätigkeit erstreckte sich nicht nur auf die philosophischen Fächer, sondern auch auf Anthropologie und physische Geographie, und gerade darin wirkte er durch seine anregende, feinsinnige und geistreiche Darstellung weit über den Rahmen der Universität hinaus. Auch in der Gesellschaft spielte er eine angesehene Rolle, und seine Mitbürger suchten und fanden bei ihm liebenswürdige Belehrung über alles, was das allgemeine Interesse erregte. Diese heitere, geistreiche Beweglichkeit KANTs wich mit der Zeit einer ernsten, rigoristischen Lebensauffassung und der Herrschaft eines strengen Pflichtbewußtseins, welches sich in der unablässigen Arbeit an seiner großen philosophischen Aufgabe, in der meisterhaften Erfüllung des akademischen Berufs und in der starren Rechtlichkeit seiner Lebensführung, nicht ohne einen Stich ins Pedantische, betätigte. Den gleichmäßigen Ablauf seines einsamen und bescheidenen Gelehrtenlebens störte nicht der wachsende Glanz des Ruhms, der auf seinen Lebensabend fiel, und auch nur vorübergehend der dunkle Schatten, welchen der Haß der unter FRIEDRICH WILHELM II. zur Herrschaft gelangten Orthodoxie [richtigen Lehrmeinung - wp] durch das Verbot seiner Philosophie auf seinen Weg zu werfen drohte. Er starb an Altersschwäche am 12. Februar 1804.

KANTs Leben und Persönlichkeit ist nach den früheren Arbeiten am vollendetsten von KUNO FISCHER gezeichnet worden (Geschichte der neueren Philosophie, Bd. III und IV, 4. Auflage, Heidelberg 1899); über seine Jugend und die erste Zeit seiner Lehrtätigkeit hat EMIL ARNOLDT (Königsberg 1882) gehandelt.

Die Umwandlung, welche mit dem Philosophen gegen Ende des 7. Jahrzehnts des 18. Jahrhunderts vorging, tritt namentlich in seiner schriftstellerischen Tätigkeit hervor. Die frühere, "vorkritischen" Werke zeichnen sich durch leichte, flüssige, anmutige Darstellung aus und stellen sich als liebenswürdige Gelegenheitsschriften eines feinsinnigen, weltgewandten Mannes dar: die späteren Arbeiten lassen die Schwierigkeit der Gedankenarbeit und das Gedränge einander widerstreitender Denkmotige an der umständlichen Schwerfälligkeit und am architektonisch gekünstelten Aufbau der Untersuchung ebenso erkennen wie an der schwierig geschachtelten, vielfach durch Restriktionen [Einschränkungen - wp] unterbrochenen Satzbildung. Minerva hat die Grazien verscheucht: dafür aber schwebt über den späteren Schriften der andächtige Ton eines tiefen Denkens und einer ernsten Überzeugung, der sich hie und da zu einem gewaltigen Pathos und zu wuchtigem Ausdruck steigert.

Für KANTs theoretische Entwicklung war anfänglich der Gegensatz zwischen der leibniz-wolffischen Metaphysik und NEWTONs Naturphilosophie maßgebend. Jene war ihm an der Universität durch MARTIN KNUTZEN, diese durch JOHANN GOTTFRIED TESKE nahegetreten und bei seiner Entfremdung gegen das philosophische Schulsystem wirkte das Interesse für die Naturwissenschaft, der er sich eine Zeitlang ganz widmen zu wollen schien, sehr stark mit. Seine erste Schrift (1747) betraf "Gedanken von der wahren Schätzung lebendiger Kräfte", - eine Streitfrage zwischen cartesianischen und leibnizianischen Physikern; sein großes Werk über die "Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels" war eine naturwissenschaftliche Leistung ersten Rangs, und neben kleineren Aufsätzen gehört hierher seine Promotionsschrift "De igne" (1755), welche eine Hypothese über Imponderabilien [Unwägbarkeiten - wp] aufstellte. Auch seine Lehrtätigkeit bezog sich bis in die spätere Zeit hinein mit Vorliebe auf naturwissenschaftliche Gegenstände.

In der theoretischen Philosophie hatte KANT "mancherlei Umkippungen" seines Standpunktes durchgemacht. Er hatte anfangs (in der physischen Monadologie) sich den Gegensatz, der zwischen LEIBNIZ und NEWTON in der Raumlehre bestanden hat, durch die übliche Unterscheidung der (metaphysisch zu erkennenden) Dinge-ansich und der (physikalisch zu untersuchenden) Erscheinungen zurechtzulegen gesucht; er war dann (in den Schriften nach 1760) zu der Einsicht gelangt, daß eine Metaphysik im Sinne des Rationalismus unmöglich ist, daß Philosophie und Mathematik diametral entgegengesetzte Methoden haben müssen, daß die Philosophie als empirische Erkenntnis des Gegebenen den Kreis der Erfahruhng nicht zu überschreiten vermag. Aber während er sich von VOLTAIRE und ROUSSEAU für diesen Ausfall der metaphysischen Einsicht durch das "natürliche Gefühl" des Rechten und Heiligen trösten ließ, arbeitete er doch fortwährend an einer Verbesserung der Methode der Metaphysik, und als er diese anhand von LEIBNIZ' Noveaux essais gefunden zu haben hoffte, konstruierte er in kühnen Linien das mystisch-dogmatische System seiner Inauguraldissertation. Der Fortgang von da bis zum System des Kritizismus ist dunkel und kontrovers. [...]


Der Gegenstand der Erkenntnis

Die Erkenntnistheorie KANTs hat sich mit zäher Folgerichtigkeit aus den Problemstellungen des modernen Terminismus [philosophische Lehre, nach der alles Denken nur ein Rechnen mit Begriffen ist - wp] ergeben. Aufgewachsen war der Philosoph im naiven Realismus der wolffischen Schule, welche Denknotwendigkeit und Realität unbesehen für identisch gehalten hat: und seine Selbstbefreiung vom Bann dieser Schule bestand darin, daß er die Unmöglichkeit eingesehen hat, aus "reiner Vernunft", d. h. durch bloß logisch-begriffliche Operationen irgendetwas über die Existenz (3) oder das Kausalitätsverhältnis (4) wirklicher Dinge auszumachen. Die Metaphysiker sind "Luftbaumeister mancherlei Gedankenwelten" (5); aber ihre Entwürfe haben keine Beziehung auf die Wirklichkeit. Suchte nun KANT diese Beziehung zunächst in den durch die Erfahrung gegebenen Begriffen, deren genetischer Zusammenhang mit der von der Wissenschaft zu erkennenden Wirklichkeit unmittelbar einzuleuchten schien, so wurde er aus diesem "dogmatischen Schlummer" durch HUME aufgerüttelt (6), der den Nachweis führte, daß gerade die konstitutiven Formen einer begrifflichen Erkenntnis der Wirklichkeit, insbesondere die der Kausalität, nicht anschaulich gegeben, sondern Produkte eines Assoziationsmechanismus ohne demonstrierbare Beziehung auf das Wirkliche sind. Auch aus den "gegebenen" Begriffen war die Realität nicht zu erkennen. Und dann hatte KANT anhand von LEIBNIZ noch einmal erwogen, ob nicht der geläuterte Begriff des virtuellen [der Möglichkeit nach - wp] Angeborenseins mit Hilfe der in Gott begründeten "präformierten Harmonie" zwischen der erkennenden und den zu erkennenden Monaden das Rätsel des Verhältnisses von Denken und sein löst, und er hatte in der Inauguraldissertation diese Lösung der Frage durchzuführen gesucht. Bald aber kam die kühle Überlegung nach, daß diese präformierte Harmonie eine unbegründbare metaphysische Annahme ist, unfähig, ein wissenschaftliches System der Philosophie zu tragen. So zeigte sich, daß weder die empiristische noch die rationalistische Lehre die Kardinalfrage gelöst hatte: worin besteht und worauf beruth die Beziehung der Erkenntnis auf ihren Gegenstand? (7)

1. KANTs eigene, lang erwogene Antwort auf diese Frage ist die Kritik der reinen Vernunft. Sie geht in ihrer systematischen Schlußredaktion, die eine analytische Erläuterung in den Prolegomena gefunden hat, von der Tatsächlichkeit der synthetischen Urteile a priori in drei theoretischen Wissenschaften aus, in der Mathematik, der reinen Naturwissenschaft und der Metaphysik: und es gilt, deren Ansprüche auf allgemeine und notwendige Geltung zu prüfen.

In dieser Formulierung kam die Einsicht zur Geltung, welche KANT im Laufe seiner kritischen Entwicklung vom Wesen der Vernunfttätigkeit gewonnen hatte: sie ist Synthesis, d. h. Vereinheitlichung einer Mannigfaltigkeit (8). Dieser Begriff der Synthesis (9) ist etwas Neues, was die Kr. d. r. V. von der Inauguraldissertation trennt: in ihm fand KANT das Gemeinsame zwischen den Formen der Sinnlichkeit und denjenigen des Verstandes, welche sich in der Darstellung von 1770 nach den Merkmalen der Rezeptivität und der Spontaneität gänzlich voneinander sondern sollten (10). Es zeigte sich nun, daß sich die Synthesis der theoretischen Vernunft in drei Stufen vollzieht:
    - die Verknüpfung der Empfindungen zu Anschauungen geschieht in der Form von Raum und Zeit,

    - die Verknüpfung der Anschauungen zur Erfahrung der natürlichen Wirklichkeit geschieht durch Verstandesbegriffe,

    - die Verknüpfung der Erfahrungsurteile zu metaphysichen Erkenntnissen geschieht durch allgemeine Prinzipien, welche Kant Ideen nennt.
Diese drei Stufen der Erkenntnistätigkeit entwickeln sich also als verschiedene Formen der Synthesis, von denen jede höhere die niedere zu ihrem Inhalt hat. Die Vernunftkritik aber hat zu untersuchen, welches auf jeder Stufe die besonderen Formen dieser Synthesis sind und worin ihre allgemeine und notwendige Geltung besteht.

2. Hinsichtlich der Mathematik fügt sich die Auffassung der Inauguraldissertation auch der Vernunftkritik in der Hauptsache glücklich ein. Die mathematischen Sätze sind synthetisch: sie beruhen in letzter Instanz auf anschaulicher Konstruktion, nicht auf Begriffsentwicklung. Ihre durch keine Erfahrung begründbare Notwendigkeit und Allgemeingültigkeit ist also nur dann zu erklären, wenn ihnen ein anschauliches Prinzip a priori zugrunde liegt. Deshalb zeigt KANT, daß die allgemeinen Vorstellungen von Raum und Zeit, auch welche sich alle Einsichten der Geometrie und der Arithmetik beziehen, die "reinen Formen der Anschauung" oder "Anschauungen a priori" sind. Die Vorstellungen des einen unendlichen Raums und der einen unendlichen Zeit beruhen nicht auf der Kombination von Wahrnehmungen endlicher Räume und Zeiten, sondern es steckt mit den Merkmalen der Grenze im Nebeneinander und Nacheinander schon immer der ganze Raum und die ganze Zeit in der Wahrnehmung einzelner Raum- und Zeitgrößen, die demnach nur als Teile des Raums überhaupt und der Zeit überhaupt vorstellbar sind. Raum und Zeit können nicht "Begriffe" sein, da sie sich ja nur auf einen einzigen und zwar einen nicht fertig gedachten,m sondern in unendlicher Synthesis begriffenen Gegenstand beziehen, und sie verhalten sich zu den Vorstellungen endlicher Größen nicht wie Gattungsbegriffe zu ihren Exemplaren, sondern wie das Ganze zum Teil. Sie sind danach reine, d. h. nicht auf Wahrnehmungen begründete, sondern selbst allen Wahrnehmungen zugrunde liegende Anschauungen (11), so sind sie als solche notwendig: denn es läßt sich zwar alles aus ihnen, aber nicht sie selbst fortdenken. Sie sind die unentrinnbar gegebenen Formen der Anschauung, die Gesetze der Beziehungen, in denen wir allein die Mannigfaltigkeit der Empfindungen mit synthetischer Einheit vorzustellen vermögen. Und zwar ist der Raum die Form des äußeren, die Zeit diejenige des inneren Sinnes: d. h. alle Gegenstände der einzelnen Sinne werden als räumlich, alle Gegenstände der Selbstwahrnehmung werden als zeitlich angeschaut.

Sind demnach Raum und Zeit die "beständige Form unserer sinnlichen Rezeptivität", so kommt den durch das allgemeine immanente Wesen beider Anschauungsarten ohne jede Rücksicht auf den einzelnen erfahrungsmäßigen Inhalt bestimmten Erkenntnissen allgemeine und notwendige Geltung für den ganzen Umkreis dessen zu, was wir anschauen und erfahren können: im Gebiet der Sinnlichkeit - so lehrt die "transzendentale Ästhetik" - ist ein Gegenstand apriorischer Erkenntnis nur die Form der Synthesis des durch die Empfindung gegebenen Mannigfaltigen, - das Gesetz räumlicher und zeitlicher Anordnung. Aber die Allgemeinheit und Notwendigkeit dieser Erkenntnis ist auch nur dann begreiflich, wenn Raum und Zeit eben nichts weiter sind als die notwendigen Formen der sinnlichen Anschauung des Menschen. Käme ihnen eine Realität unabhängig von den Funktionen der Anschauung zu, so wäre die Apriorität der mathematischen Erkenntnis unmöglich. Wären Raum und Zeit selbst Dinge oder reale Eigenschaften und Verhältnisse von Dingen, so könnten wir von ihnen nur durch Erfahrung, also niemals in allgemeiner und notwendiger Weise etwas wissen: dies ist nur möglich, wenn sie eben nichts weiter als die Form sind, unter der alle Dinge in unserer Anschauung erscheinen müssen (12).

Nach diesem Prinzip werden für KANT Apriorität und Phänomenalität Wechselbegriffe. Allgemein und notwendig ist in der menschlichen Erkenntnis nur die Form, unter der in ihr die Dinge erscheinen. Der Rationalismus beschränkt sich auf die Form und gilt auch für diese nur um den Preis ihrer "Subjektivität".

3. Wenn KANT so die räumlichen und zeitlichen Verhältnisse der Wahrnehmungsgegenstände lediglich als Vorstellungsweise angesehen haben wollte, die mit der Realität der Dinge selbst nicht zusammenfällt, so unterschied er (13) diesen Begriff ihrer Idealität sehr genau von jener "Subjektivität der Sinnesqualitäten", welch von ihm wie von der ganzen Philosophie seit DESCARTES und LOCKE für selbstverständlich gehalten wurde. Und zwar handelt es sich dabei wiederum lediglich um den Grund der Phänomenalität. Hinsichtlich der Farbe, des Geschmacks etc. war sie seit PROTAGORAS und DEMOKRIT durch die Verschiedenheit und Relativität der Eindrücke begründet worden: für die Raum- und Zeitformen leitet KANT sie gerade aus der absoluten Beständigkeit ab. Für ihn gewähren daher die sinnlichen Qualitäten nur eine individuelle und zufällige Vorstellungsweise, die räumlichen und zeitlichen Formen dagegen, eine allgemeine und notwendige Erscheinungsweise der Dinge. Alles, was die Wahrnehmung enthält, ist nicht das wahre Wesen der Dinge, sondern Erscheinung: aber die Empfindungsinhalte sind in einem ganz anderen Sinn "Phänomene" als die räumlichen und zeitlichen Formen: jene gelten nur als Zustände des einzelnen Subjekts, diese als "objektive" Anschauungsformen für alle.

Daher sieht schon aus diesem Grund auch KANT die Aufgabe der Naturwissenschaft in der demokritisch-galileischen Reduktion des Qualitativen auf Quantitatives, worin allein auf mathematischer Grundlage Notwendigkeit und Allgemeingültigkeit gefunden werden kann: aber er unterscheidet sich von den Vorgängern darin, daß er in philosophischer Hinsicht auch die mathematische Vorstellungsweise der Natur nur als Erscheinung, wenn auch in einem tieferen Sinn des Wortes gelten lassen kann. Die Empfindung gibt eine notwendige, allgemeingültige Anschauung der Wirklichkeit: aber beide sind nur verschiedene Stufen der Erscheinung, hinter der das wahre Ding-ansich unbekannt bleibt. Raum und Zeit gelten ausnahmslos für alle Gegenstände der Wahrnehmung, aber nicht darüber hinaus: sie haben "empirische Realität" und "transzendentale Idealität".

4. Der Hauptfortschritt der Vernunftkritik über die Inauguraldissertation hinaus besteht nun darin, daß dieselben Prinzipien in einer völlig parallelen Untersuchung (14) auf die Frage nach dem erkenntnistheoretischen Wert ausgedehnt wurde, welcher den synthetischen Formen der Verstandestätigkeit zukommt.

Die Naturwissenschaft bedarf neben ihrer mathematischen Grundlage einer Anzahl allgemeiner Sätze über den Zusammenhang der Dinge, welche, wie der Satz, daß alles Geschehen seine Ursache haben muß, synthetischer Natur sind, dabei aber nicht durch Erfahrung begründet werden können, wenn sie auch dadurch zu Bewußtsein kommen, darauf angewendet werden und darin ihre Bestätigung finden. Von solchen Sätzen sind freilich bisher erst einige gelegentlich aufgestellt und behandelt worden, und es bleibt der Kritik selbst vorbehalten, das "System der Grundsätze" ausfindig zu machen: aber es ist klar, daß ohne diese Grundlage die Naturerkenntnis der notwendigen und allgemeinen Geltung entraten würde. Denn die "Natur" ist nicht bloß ein Aggregat von räumlichen und zeitlichen Formen, von Körpergestaltungen und Bewegungen, sondern ein Zusammenhang, den wir zwar auch sinnlich anschauen, aber zugleich durch Begriffe denken. Verstand nennt KANT das Vermögen, das Mannigfaltige der Anschauung in synthetischer Einheit zu denken, und die reinen Verstandesbegriffe oder Kategorien sind die Formen der Synthesis des Verstandes, wie Raum und Zeit die Formen der Synthesis der Anschauung sind.

Wäre nun die "Natur" als Gegenstand unserer Erkenntnis ein realer Zusammenhang der Dinge, unabhängig von unseren Vernunftfunktionen, so könnten wir wiederum von ihr nur durch die Erfahrung und niemals a priori etwas wissen: eine allgemeine und notwendige Erkenntnis der Natur ist nur möglich, wenn unsere begrifflichen Formen der Synthesis die Natur selbst bestimmen. Schriebe unserem Verstand die Natur die Gesetze vor, so hätten wir davon nur eine empirische, unzulängliche Kenntnis: eine apriorische Erkenntnis der Natur ist also nur möglich, wenn es umgekehrt unser Verstand ist, welcher der Natur die Gesetze vorschreibt.

Allein unser Verstand kann die Natur nicht bestimmen, insofern sie als Ding-ansich oder als System von Dingen-ansich besteht, sondern nur insofern als sie in unserem Denken erscheint. Apriorische Naturerkenntnis ist also nur dann möglich, wenn auch der Zusammenhang, den wir zwischen den Anschauungen denken, nichts weiter ist als unsere Vorstellungsweise: auch die begrifflichen Beziehungen, in denen die Natur Gegenstand unserer Erkenntnis, dürfen nur "Erscheinung" sein.

5. Um zu diesem Resultat zu gelangen, geht die Vernunftkritik zunächst darauf aus, sich dieser synthetischen Formen des Verstandes in systematischer Vollzähligkeit zu versichern. Klar ist dabei von vornherein, daß es sich nicht um jene analytischen Beziehungen handeln kann, welche in der formalen Logik behandelt und aus dem Satz des Widerspruchs begründet werden. Denn diese enthalten nur die Regeln, um die Beziehungen zwischen Begriffen nach Maßgabe des darin schon gegebenen Inhalts zu ermitteln. Solche Verknüpfungsweisen aber, wie sie in der Statuierung des Verhältnisses von Ursache und Wirkung oder von Substanz und Akzidenz [Eigenschaft - wp] vorliegen, sind in jenen analytischen Formen - das hat gerade HUME gezeigt - nicht enthalten.

KANT entdeckt hier die völlig neue Aufgabe der transzendentalen Logik. (15) Neben den (analytischen Verstandesformen, nach welchen die Verhältnisse inhaltlich gegebener Begriffe festgestellt werden, zeigen sich die synthetischen Verstandesformen, durch welche Anschauungen zu Gegenständen der begrifflichen Erkenntnis gemacht werden. Räumlich koordinierte und zeitlich wechselnde Empfindungsbilder werden z. B. erst dadurch "objektiv" oder "gegenständlich", daß sie als Dinge mit bleibenden Eigenschaften und wechselnden Zuständen gedacht werden: aber diese durch die Kategorien ausgedrückte Beziehung steckt analytisch weder in den Empfindungen noch in deren anschaulichen Verhältnissen als solchen. In den analytischen Beziehungen der formalen Logik ist das Denken von den Gegenständen abhängig und erscheint schließlich mit Recht als ein Rechnen mit gegebenen Größen. Die synthetischen Formen der transzendentalen Logik dagegen lassen den Verstand in der schöpferischen Funktion erkennen, vermöge deren er aus den Anschauungen der Gegenstände des Denkens selbst erzeugt.

An dieser Stelle tritt zuerst im Unterschied der formalen und der transzendentalen Logik der fundamentale Gegensatz zwischen KANT und den bis auf ihn herrschenden Auffassungen der griechischen Erkenntnislehre zutage. Die letztere nahm die "Gegenstände" als unabhängig vom Denken "gegeben" an, betrachtete die intellektuellen Vorgänge als durchweg davon abhängig und höchstens berufen, sie abbildlich zu reproduzieren oder sich von ihnen leiten zu lassen. KANT entdeckte, daß die Gegenstände des Denkens keine anderen sind als die Erzeugnisse des Denkens selbst. Diese "Spontaneität" der Vernunft bildet den tiefsten Kern seines transzendentalen Idealismus.

Wenn er aber so mit völlig klarem Bewußtsein neben die analytische Logik des Aristoteles, welche die Subsumtionsverhältnisse fertiger Begriffe zu ihrem wesentlichen Inhalt hatte, eine neue erkenntnistheoretische Logik der Synthesis setzte, so meinte er doch, daß beide eine Strecke gemeinsam haben: die Lehre vom Urteil. Im Urteil wird die zwischen Subjekt und Prädikat gedachte Beziehung als gegenständlich geltend behauptet: alles gegenständliche Denken ist Urteilen. Wenn daher die Kategorien oder Stammbegriff des Verstandes als die Beziehungsformen der Synthesis zu betrachten sind, wodurch Gegenstände zustande kommen, so muß es so viele Kategorien geben, als ich Arten von Urteile finden, und jede Kategorie ist die in einer eigenen Urteilsart wirksame Verknüpfungsweise von Subjekt und Prädikat.

Hiernach meinte nun KANT, die Tafel der Kategorien aus derjenigen der Urteile ableiten zu können. Er unterschied nach den vier Gesichtspunkten der Quantität, Qualität, Relation und Modalität je drei Urteilsarten:
    allgemeine, besondere, einzelne, - bejahende, verneinende, unendliche, - kategorische, hypothetische, disjunktive, - problematische, assertorische, apodiktische;
und diesen sollten die zwölf Kategorien entsprechen:
    Einheit, Vielheit, Allheit, - Realität, Negation, Limitation, - Inhärenz und Subsistenz, Kausalität und Dependenz, Gemeinschaft und Wechselwirkung - Möglichkeit und Unmöglichkeit, Dasein und Nichtsein, Notwendigkeit und Zufälligkeit.
Die Künstlichkeit dieser Konstruktion, die Lockerheit der Beziehungen zwischen Urteilsform und Kategorie, die Ungleichwertigkeit der Kategorien, - das alles liegt auf der Hand; aber KANT faßte unglücklicherweise zu diesem System so viel Zutrauen, daß er es als architektonischen Grundriß für eine große Anzahl seiner späteren Untersuchungen behandelte.

6. Der schwierigste Teil der Aufgabe jedoch war, in der "transzendentalen Deduktion der reinen Verstandesbegriffe" den Nachweis zu führen, wie die Kategorien "die Gegenstände der Erfahrung machen". Die Dunkelheit, in welche hier die tiefsinnige Forschung des Philosophen notwendig gerät, wird am Besten durch einen glücklichen Einfall der Prolegomena erhellt. KANT unterscheidet hier Wahrnehmungsurteile, d. h. solche, worin nur das räumlich zeitliche Verhältnis von Empfindungen für das individuelle Bewußtsein ausgesprochen wird, und Erfahrungsurteile, d. h. solche, worin ein derartiges Verhältnis als objektiv gültig, als im Gegenstand gegeben behauptet wird: und er findet den erkenntnistheoretischen Wertunterschied zwischen beiden darin, daß im Erfahrungsurteil die räumliche oder zeitliche Beziehung durch eine Kategorie, einen begrifflichen Zusammenhang geregelt und begründet wird, während dies im bloßen Wahrnehmungsurteil fehlt. So wird z. B. die Aufeinanderfolge zweier Empfindungen gegenständlich, objektiv und allgemeingültig, wenn sie als dadurch begründet gedacht wird, daß die eine Erscheinung die Ursache der anderen ist. Alle einzelnen Gebilde der räumlichen und zeitlichen Synthesis von Empfindungen werden nur dadurch zu "Gegenständen", daß sie nach einer Regel des Verstandes verknüpft werden. Dem individuellen Vorstellungsmechanismus gegenüber, worin sich die einzelnen Empfindungen beliebig ordnen, trennen und verbinden, ist das gegenständliche, für alle gleichmäßig geltende Denken an bestimmte, begrifflich geregelte Zusammenhänge gebunden.

Insbesondere gilt dies hinsichtlich der zeitlichen Verhältnisse. Denn da auch die Erscheinungen des äußeren Sinnes als "Bestimmungen unseres Gemüts" dem inneren Sinn angehören, so stehen alle Erscheinungen ausnahmslos unter der Form des inneren Sinnes, der Zeit. Deshalb suchte KANT zu zeigen, daß zwischen den Kategorien und den einzelnen Formen der Zeitanschauung ein "Schematismus" obwaltet, der es überhaupt möglich macht, die Formen des Verstandes auf die Gebilde der Anschauung anzuwenden, und der darin besteht, daß jede einzelne Kategorie mit einer besonderen Form des Zeitverhältnisses eine schematische Ähnlichkeit besitzt. In der empirischen Erkenntnis benutzen wir diesen Schematismus, um das wahrgenommene Zeitverhältnis durch die entsprechende Kategorie zu deuten, z. B. die regelmäßige Sukzession als Kausalität aufzufassen: die Transzendentalphilosophie hat umgekehrt die Berechtigung dieses Verfahrens darin zu suchen, daß die Kategorie als Verstandesregel das entsprechende Zeitverhältnis als Gegenstand der Erfahrung objektiv begründet.

In der Tat findet nun das individuelle Bewußtsein in sich den Gegensatz einer Vorstellungsbewegung (etwa der Phantasie), für welche es keine über seinen eigenen Bereich hinausgehende Geltung beansprucht, und andererseits einer Tätigkeit des Erfahrens, bei der es sich in einer für alle andern ebenso geltenden Weise gebunden weiß. Nur in dieser Abhängigkeit besteht die Beziehung des Denkens auf einen Gegenstand. Wurde nun aber erkannt, daß die gegenständliche Geltung des Zeit- (und Raum-)verhältnisses allein in seiner Bestimmung durch eine Verstandesregel begründet sein kann, so ist es dagegen eine Tatsache, daß von dieser Mitwirkung der Kategorien in der Erfahrung das Bewußtsein des Individuums nichts weiß, daß es vielmehr nur das Ergebnis dieser Funktion als die gegenständliche Notwendigkeit seiner Auffassung der räumlichen und zeitlichen Synthese der Empfindungen übernimmt.

Die Erzeugung des Gegenstandes geht also nicht im individuellen Bewußtsein vonstatten, sondern liegt diesem bereits zugrunde: für sie muß also ein höheres, gemeinsames Bewußtsein angenommen werden, das nicht mit seinen Funktionen,, sondern nur mit deren Resultat in das empirische Bewußtsein des Einzelnen fällt. Dieses bezeichnet KANT in den Prolegomena als "das Bewußtsein überhaupt", in der Kritik als transzendentale Apperzeption oder als Ich.

Die Erfahrung ist danach das System der Erscheinungen, worin die räumliche und zeitliche Synthesis der Empfindungen durch die Regeln des Verstandes bestimmt ist. So ist die "Natur als Erscheinung" der Gegenstand einer apriorischen Erkenntnis; denn die Kategorien gelten für alle Erfahrung, weil diese nur durch sie begründet ist.

7. Die allgemeine und notwendige Geltung der Kategorien drückt sich nun in den "Grundsätzen des reinen Verstandes" aus, worin sich die Begriffsformen mittels des Schematismus entwickeln. Hierbei aber zeigt sich sogleich, daß der Schwerpunkt der kantischen Kategorienlehre auf die dritte Gruppe und damit auf diejenigen Probleme fällt, in denen er "Humes Zweifel zu lösen" hoffte. Aus den Kategorien der Quantität und Qualität ergeben sich das "Axiom der Anschauung", daß alle Erscheinungen extensive Größen sind, und die "Antizipationen der Wahrnehmung", wonach der Gegenstand der Empfindung eine intensie Größe ist; bei der Modalität erfolgen gar nur Definitionen des Möglichen, Wirklichen und Notwendigen unter dem Namen der "Postulate des empirischen Denkens". Dagegen beweisen die "Analogien der Erfahrung", daß das Beharrende in der Natur die Substanzen sind, deren Quantum nicht vermehrt noch vermindert werden kann, daß alle Veränderungen nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung vonstatten gehen, und daß die sämtlichen Substanzen in durchgängiger Wechselwirkung untereinander stehen.

Dies sind als die ohne alle empirische Begründung allgemein und notwendig geltenden Grundsätze und die obersten Prämissen aller Naturforschung; sie enthalten das, was KANT die Metaphysik der Natur nennt. Zu ihrer Anwendung jedoch auf die sinnlich gegebene Natur müssen sie durch eine mathematische Formulierung hindurchgehen, weil die Natur das nach den Kategorien geordnete System der in den Formen von Raum und Zeit angeschauten Empfindungen ist. Diese Umsetzung wird durch den empirischen Begriff der Bewegung bewirkt, auf welche alles Geschehen in der Natur theoretisch zurückzuführen ist. Zumindest reicht die eigentliche Wissenschaft der Natur nur so weit, wie sich darin Mathematik anwenden läßt: daher KANT Psychologie und Chemie als bloß deskriptive Disziplinen davon ausgeschlossen hat. Die "Metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft" enthalten somit alles, was aufgrund der Kategorien und der Mathematik allgemein und notwendig über die Gesetze der Bewegung gefolgert werden kann. Das Wichtigste in der so aufgebauten Naturphilosophie KANTs ist seine dynamische Theorie der Materie, worin er jetzt aus den allgemeinsten Grundsätzen der Kritik die schon in der "Naturgeschichte des Himmels" angelegte Lehre ableitete, daß die Substanz des im Raum Beweglichen das Produkt zweier einander in verschiedenem Maß das Gegengewicht haltenden Kräfte, der Attraktion und der Repulsion, ist.

8. Allein jene Metaphysik der Natur kann nach KANTs Voraussetzungen nur eine Metaphysik der Erscheinungen sein: und eine andere ist nicht möglich, denn die Kategorien sind Beziehungsformen und als solche ansich leer; sie können sich auf einen Gegenstand nur durch die Vermittlung von Anschauungen beziehen, die eine miteinander zu verknüpfende Mannigfaltigkeit von Inhalten darbieten. Diese Anschauung jedoch ist bei uns Menschen nur die sinnliche in den Formen von Zeit und Raum, und für deren synthetische Funktion haben wir wiederum den einzigen Inhalt in den Empfindungen. Danach ist der einzige Gegenstand der menschlichen Erkenntnis die Erfahrung, d. h. die Erscheinung: und die seit PLATON übliche Einteilung der Gegenstände der Erkenntnis in Phaenomena und Noumena hat keinen Sinn mehr. Eine über die Erfahrung hinausgreifende Erkenntnis der Dinge-ansich durch "bloße Vernunft" ist ein Unding.

Hat denn aber dann der Begriff des Dings-ansich überhaupt noch einen vernünftigen Sinn? und wird nicht mit ihm auch die Bezeichnung aller Gegenstände unserer Erkenntnis als "Erscheinungen" bedeutungslos? Diese Frage ist der Umkehrpunkt der kantischen Überlegungen gewesen. Bis hierher ist alles, was der naiven Weltauffassung als "Gegenstand" dünkt, teils in Empfindungen, teils in synthetische Formen der Anschauung des Verstandes aufgelöst worden: es scheint neben dem individuellen Bewußtsein nichts wahrhaft bestehen zu bleiben als das "Bewußtsein überhaupt", die transzendentale Apperzeption. Wo bleiben dann aber die "Dinge", von denen KANT erklärte, daß es ihm nie in den Sinn gekommen ist, ihre Realität zu leugnen.

Der Begriff des Dings-ansich kann freilich in der Vernunftkritik keinen positiven Inhalt mehr haben, wie bei LEIBNIZ oder in KANTs Inauguraldissertation: er kann nicht der Gegenstand rein rationaler Erkenntnis, er kann überhaupt kein "Gegenstand" mehr sein. Aber es ist wenigstens kein Widerspruch, ihn bloß zu denken. Zunächst rein hypothtetisch und als etwas, dessen Realität weder zu bejahen noch zu verneinen ist, - ein bloßes "Problem". Die menschliche Erkenntnis ist auf Gegenstände der Erfahrung beschränkt, weil die zum Gebrauch der Kategorien erforderliche Anschauung bei uns nur die rezeptiv-sinnliche in Raum und Zeit ist. Gesetzt, es gäbe eine andere Art der Anschauung, so würde es für diese ebenfalls mit Hilfe der Kategorien auch andere Gegenstände geben.

Solche Gegenstände einer nicht menschlichen Anschauung blieben aber doch immer nur Erscheinungen, wenn diese Anschauung auch wieder als eine solche angenommen würde, die gegebene Empfindungsinhalte in irgendeiner Weise anordnet. Dächte man sich jedoch eine Anschauung von nicht-rezeptiverArt, eine Anschauung, welche nicht nur die Formen, sondern auch den Inhalt synthetisch erzeugt, eine wahrhaft "produktive Einbildungskraft", so müßten deren Gegenstände nicht mehr Erscheinungen, sondern Dinge-ansich sein. Ein solches Vermögen verdiente den Namen einer intellektuellen Anschauung oder eines intuitiven Verstandes: es wäre die Einheit der beiden Erkenntniskräfte der Sinnlichkeit und des Verstandes, welche im Menschen getrennt auftreten, obwohl sie durch ihr stetiges aufeinander Gewiesensein auf eine verborgene gemeinsame Wurzel hindeuten. Die Möglichkeit eines solchen Vermögens ist so wenig zu verneinen, wie seine Realität zu bejahen: doch deutet KANT schon hier an, daß man sich ein höchstes geistiges Wesen so würde vorzustellen haben. Denkbar sind also Noumena oder Dinge-ansich im negativen Sinn als Gegenstände einer nicht-sinnlichen Anschauung, von der freilich unsere Erkenntnis absolut nichts aussagen kann, - als Grenzbegriffe der Erfahrung.

Und sie bleiben schließlich nicht einmal so völlig problematisch, wie es danach zuerst aussieht. Denn wollte man die Realität der Dinge-ansich leugnen, so würde damit "alles in Erscheinungen aufgelöst", und man würde damit die Behauptung wagen, daß nichts wirklich wäre, als was dem Menschen oder anderen sinnlich-rezeptiven Wesen erscheint. Diese Behauptung aber wäre eine völlig unbegründete Vermessenheit. Der transzendentale Idealismus darf daher die Realität der Noumena nicht leugnen, er muß sich nur bewußt bleiben, daß sie auf keine Weise Gegenstände der menschlichen Erkenntnis werden können. Dinge-ansich müssen gedacht werden, sind aber nicht erkennbar. Auf diese Weise gewann KANT das Recht, die Gegenstände des menschlichen Wissens "nur als Erscheinungen" zu bezeichnen, zurück.

9. Damit war dem dritten Teil der Vernunftkritik, der transzendentalen Dialektik (16), der Weg vorgeschrieben. Eine Metaphysik des Unerfahrbaren, oder wie KANT sich später zu sagen gewöhnt hat, des "Übersinnlichen" ist unmöglich. Das mußte durch eine Kritik der historisch vorliegenden Versuche dazu gezeigt werden, und KANT wählte als aktuelles Beispiel dafür die leibniz-wolffische Schulmetaphysik mit ihrer Behandlung der rationalen Psychologie, Kosmologie und Theologie. Zugleich aber sollte nachgewiesen werden, daß das Unerfahrbare, welches nicht erkannt werden kann, doch notwendig gedacht werden mujß, und es sollte damit der transzendentale Schein aufgedeckt werden, durch den auch die großen Denker von jeher verführt worden sind, dieses notwendig zu Denkende als einen Gegenstand möglicher Erkenntnis anzusehen.

Zu letzterem Zweck geht KANT von einem Gegensatz zwischen der Verstandestätigkeit und der sinnlichen Anschauung aus, mit deren Hilfe sie allein gegenständliche Erkenntnis liefert. Das durch die Kategorie bestimmte Denken setzt die Data der Sinnlichkeit in der Weise miteinander in Beziehung, daß jede Erscheinung durch andere Erscheinungen bedingt ist: dabei verlangt aber der Verstand, um die einzelne Erscheinung vollständig zu denken, die Totalität der Bedingungen zu erfassen, durch welche sie im Zusammenhang der ganzen Erfahrung bestimmt ist. Allein diese Anforderung ist angesichts der räumlichen und zeitlichen Unendlichkeit der Erscheinungswelt unerfüllbar. Denn die Kategorien sind Prinzipien der Beziehung zwischen Erscheinungen: sie erkennen die Bedingtheit jeder Erscheinung immer nur wieder durch andere Erscheinungen und verlangen für diese abermals die Einsicht in ihre Bedingtheit durch andere usw. in infinitum [in alle Ewigkeit - wp] (17). Aus diesem Verhältnis von Verstand und Sinnlichkeit ergeben sich für die menschliche Erkenntnis notwendige und doch unlösbare Aufgaben: diese nennt KANT Ideen, und das zu dieser höchsten Synthesis der Verstandeseinsichten erforderliche Vermögen bezeichnet er im engeren Sinn als Vernunft.

Will nun die Vernunft eine so gestellt Aufgabe als gelöst vorstellen, so muß die gesuchte Totalität der Bedingungen als etwas Unbedingtes gedacht werden, welches zwar die Bedingungen für die unendliche Reihe der Erscheinungen in sich enthält, selbst aber nicht mehr bedingt ist. Dieser für die Verstandeserkenntnis in sich widerspruchsvolle Abschluß einer unendlichen Reihe muß gleichwohl gedacht werden, wenn die auf Totalität gerichtete Aufgabe des Verstandes am unendlichen Material der sinnlichen Daten als gelöst betrachtet werden soll. Die Ideen sind daher Vorstellungen des Unbedingten, welche notwendig gedacht werden müssen, ohne jemals Gegenstand der Erkenntnis werden zu können, und der transzendentale Schein, dem die Metaphysik verfällt, besteht darin, sie für gegeben zu erachten, während sie nur aufgegeben sind. In Wahrheit sind sie nicht konstitutive Prinzipien, durch welche wie durch Kategorien Gegenstände der Erkenntnis erzeugt werden, sondern nur regulative Prinzipien, durch welche der Verstand genötigt wird, immer weitere Zusammenhänge im Bereich des Bedingten der Erfahrung aufzusuchen.

Solche Ideen findet KANT drei: das Unbedingte für die Totalität aller Erscheinungen des inneren Sinnes, aller Data des äußeren Sinnes, alles Bedingten überhaupt wird gedacht als Seele, Welt und Gott.

10. Die Kritik der rationalen Psychologie in den "Paralogismen der reinen Vernunft" läuft darauf hinaus, in den üblichen Beweisen für die Substantialität der Seele die quaternio terminorum einer Verwechslung des logischen Subjekts mit dem realen Substrat nachzuweisen: sie zeigt, daß der wissenschaftliche Begriff der Substanz an die Anschauung des im Raum Beharrlichen gebunden und deshalb nur auf dem Gebiet des äußeren Sinns anwendbar ist, und sie führt aus, daß die Idee der Seele als einer unbedingten realen Einheit aller Erscheinungen des inneren Sinnes zwar ebensowenig beweisbar wie widerlegbar, dabei aber das heuristische Prinzip für die Erforschung der Zusammenhänge des Seelenlebens ist.

In ähnlicher Weise behandelt der Abschnitt vom "Ideal der Vernunft" die Idee Gottes. Mit einer präziseren Ausführung seiner früher über denselben Gegenstand geschriebenen Abhandlung zerstört KANT die Beweiskraft der für das Dasein Gottes vorgebrachten Argumente. Er bestreitet dem ontologischen Beweis das Recht, aus dem Begriff allein auf die Existenz zu schließen; er zeigt, daß der kosmologische Beweis eine petition principii [es wird vorausgesetzt, was erst zu beweisen ist - wp] involviert, wenn er die "erste Ursache" alles "Zufälligen" in einem "absolut notwendigen" Wesen sucht; er beweist, daß das teleologische oder physiko-theologische Argument im besten Fall - die Schönheit, Harmonie und Zweckmäßigkeit der Welt zugegeben - auf den antiken Begriff eines weisen und guten "Weltbaumeisters" führt. Aber er betont, daß die Leugnung Gottes eine ebenso unerweislich das Gebiet der Erfahrungserkenntnis überschreitende Behauptung ist wie das Gegenteil, und daß vielmehr im Glauben an eine lebendige, reale Einheit aller Wirklichkeit der einzig kräftige Antrieb zur empirischen Erforschung der einzelnen Zusammenhänge der Erscheinungen besteht.

Bei weitem am charakteristischsten jedoch ist KANTs Behandlung der Idee der Welt in den "Antinomien der reinen Vernunft". Sie prägen den Grundgedanken der transzendentalen Dialektik am schärfsten aus, indem sie zeigen, daß, wenn man das Universum als Gegenstand der Erkenntnis behandelt, man darüber mit gleichem Recht kontradiktorisch einander gegenüberstehende Sätze behaupten kann, sofern man einerseits dem Bedürfnis des Verstandes nach einem Abschluß der Erscheinungsreihen, andererseits dem der sinnlichen Anschauung nach einer unendlichen Fortsetzung dieser Reihen Folge gibt. KANT beweist daher in den "Thesen", daß die Welt in Raum und Zeit Anfang und Ende haben, daß sie hinsichtlich ihrer Substanz eine Grenze der Teilbarkeit aufweisen, daß das Geschehen in ihr freie, d. h. kausal nicht mehr bedingte Anfänge haben und daß zu ihr ein absolut notwendiges Wesen, Gott, gehören muß: und er beweist in den Antithesen für alle vier Fälle das kontradiktorische Gegenteil. Dabei steigert sich die Verwirrung dadurch, daß die Beweise (mit einer Ausnahme) indirekt sind, so daß die These durch eine Widerlegung der Antithese, die Antithese durch eine Widerlegung der These begründet, jede Behauptung also ebenso bewiesen wie widerlegt wird.

Die Auflösung dieser Antinomien geht aber nur für die beiden ersten, die "mathematischen", darauf aus, daß der Satz des ausgeschlossenen Dritten seine Geltung verliert, wo etwas zum Gegenstand der Erkenntnis gemacht werden soll, was dies niemals werden kann, wie das Universum. Bei der dritten und vierten Antinomie, den "dynamischen", welche die Freiheit und Gott betreffen, sucht KANT zu zeigen (was rein theoretisch freilich unmöglich ist), daß es wohl denkbar wäre, daß die Antithesen für die Erscheinungen gelten, die Thesen dagegen für die unerkennbare Welt der Dinge-ansich. Für diese ist es zumindest kein Widerspruch, Freiheit und Gott zu denken, während beide in der Erkenntnis der Erscheinungen allerdings nicht anzutreffen sind.
LITERATUR - Wilhelm Windelband, Lehrbuch der Geschichte der Philosophie, dritte Auflage, Tübingen und Leipzig 1903.
    Anmerkungen
    1) Vgl. den Anfang der transzendentalen Deduktion der reinen Verstandesbegriffe in der Kr. d. r. V. B, Seite 118f.
    2) Dieser Ausdruck hat sich bei der Entstehung der Kr. d. r. V. allmählich durch die Bedeutung gebildet, welche darin der Begriff der Synthesis gewonnen hat. Kant entwickelt jene allgemeine Formel in der Einleitung zur Kr. d. r. V. folgendermaßen: Urteile sind analytisch, wenn die darin behauptete Zugehörigkeit des Prädikats zum Subjekt im Begriff des Subjekts selbst begründet ist ("Erläuterungsurteile"), synthetisch, wenn dies nicht der Fall ist, sodaß die Hinzufügung des Prädikats zum Subjekt noch einen von beiden logisch verschiedenen Grund haben muß ("Erweiterungsurteile"). Dieser Grund ist bei synthetischen Urteilen a posterior ("Wahrnehmungsurteile"). - Vgl. Prolegomena § 18, Werke III, Seite 215. Der Akt der Wahrnehmung selbst, bei den synthetischen Urteilen a priori dagegen, d. h. den allgemeinen Prinzipien zur Deutung der Erfahrung, etwas anderes, - was eben gesucht werden soll. Apriorität ist bei Kant kein zeitliches Vorhergehen vor der Erfahrung, sondern eine sachlich über alle Erfahrung hinausgehende und durch keine Erfahrung begründbare Allgemeinheit und Notwendigkeit der Geltung von Vernunftprinzipien. Wer sich dies nicht klar macht, hat keine Hoffnung, Kant zu verstehen.
    3) Vgl. Kants "Einzig möglicher Beweisgrund für das Dasein Gottes".
    4) Vgl. den "Versuch über die negativen Größen", namentlich den Schluß, Werke I, Hartenstein-Ausgabe, Seite 59f
    5) "Träume eines Geistersehers" I, 3; Werke III, Seite 75
    6) Bei diesem vielerwähnten Selbstbekenntnis Kants wird meist nicht bedacht, daß er für "dogmatisch" nicht nur den Rationalismus, sondern ebenso auch den Empirismus der früheren Erkenntnistheorie erklärte, und daß die klassische Stelle, an der er diesen Ausspruch tut (in der Vorrede der Prolegomena, Werke III, Seite 170f) Hume keineswegs zu Wolff, sondern durchaus zu Locke, Reid und Beattie in Gegensatz bringt. Der Dogmatismus, von dem also Kant durch Hume befreit worden zu sein erklärt, war der empirische.
    7) Vgl. Kants Brief an Marcus Herz vom 21. Februar 1772.
    8) Diese mehrfach wiederholte Definition läßt den Grundbegriff der kritischen Erkenntnislehre in nächster Nähe beim metaphysischen Grundbegriff der Monadologie erscheinen.
    9) Er wird eingefürht in der transzendentalen Analytik bei der Lehre von den Kategori; § 10 und 15 (der ersten Auflage der Kr. d. r. V.).
    10) Daher kommt auch der Begriff der Synthesis in der vorliegenden Gestalt der Vernunftkritik mit den psychologischen Voraussetzungen in Kollision, welche in ihr anfangs vorgetragen werden. Sie stammen aus der deutschen Bearbeitung der Inauguraldissertation, welche ursprünglich unter den Titel "Grenzen der Sinnlichkeit und des Verstandes" gleich nach 1770 erscheinen sollte, dann aber in die transzendentale Ästhetik und in den Anfang der transzendentalen Logik übernommen wurde. So sind sie in die Kr. d. r. V. übergegangen, aber schon in den Prolegomena verwischt. Früher waren Sinnlichkeit und Verstand als Rezeptivität und Spontaneität gegenübergestellt worden: aber Raum und Zeit, die reinen Formen der Sinnlichkeit, bildeten ja die Prinzipien einer synthetischen Ordnung der Empfindungen, gehörten somit unter den allgemeinen Begriff der Synthesis, d. h. der spontanen Einheit des Mannigfaltigen. So sprengte der Begriff der Synthesis das psychologische Schema der Inauguraldissertation.
    11) Es muß hier nochmals erinnert werden, daß es eine schiefe und völlig irreführende Auffassung der kantischen Lehre ist, wenn man dieses "Zugrundelegen" oder "Vorhergehen" zeitlich auffaßt. Der Nativismus, welcher Raum und Zeit für angeborene Vorstellungen hält, ist durchaus unkantisch und steht im Widerspruch mit ausdrücklichen Erklärungen des Philosophen.
    12) Besonders deutlich ist dieser Gedanke in den Prolegomena § 9 entwickelt.
    13) vgl. Kr. d. r. V. § 3, B, Werke II, Seite 68.
    14) Dieser Parallelismus wird am deutlichsten durch einen Vergleich der §§ 9 und 14 der Prolegomena.
    15) vgl. Moritz Steckelmacher, Die formale Logik Kants in ihren Beziehungen zur transzendentalen, Breslau 1878.
    16) Sachlich bilden transzendentale Ästhetik, Analytik und Dialektik, wie auch die Einleitung zeigt, die drei koordinierten Hauptteile der Kr. d. r. V.: der formelle Schematismus der Einteilung, den Kant der seinerzeit üblichen Einrichtung logischer Lehrbücher nachgebildet hat, ist dagegen durchaus irrelevant. Die "Methodenlehre" ist tatsächlich nur ein an feinen Bemerkungen überaus reicher Nachtrag.
    17) vgl. die ähnlichen, aber metaphysisch gewendeten Gedanken bei Cusanus und Spinoza.