tb-1p-4MesserJacobiMesserBauchKirchmannMicheletSchneider    
 
FRIEDRICH ADOLF TRENDELENBURG
Idealismus und Realismus

"Wir haben in der transzendentalen Ästhetik hinreichend bewiesen, daß alles, was im Raum oder der Zeit angeschaut wird, folglich alle Gegenstände einer uns möglichen Erfahrung, nichts als Erscheinung, d. h. bloße Vorstellungen sind, die so, wie sie vorgestellt werden, als ausgedehnte Wesen oder Reihen von Veränderungen, außerhalb unserer Gedanken keine ansich gegründete Existenz haben. Diesen Lehrbegriff nenne ich den transzendentalen Idealismus."

"Der gesunde praktische Mensch ist Realist; der theoretische, der spekulierende kann es nicht in demselben Sinn sein; denn das Unmittelbare erscheint ihm als vermittelt."

1. Noch von einer anderen Seite mag das Ganze unserer Weltanschauung bezeichnet werden.

Es gibt im Leben gang und gebe Kategorien, unter welche man die philosophischen Betrachtungen unterbringt, um mit ihnen, oft ehe man sie verstanden hat, fertig zu werden, und dabei versteht man selbst diese Kategorien nicht immer. Solche Titel sind seit KANT Idealismus und Realismus.

Noch in den ersten Schriften von LEIBNIZ spielen die Namen anders, indem bei ihm noch aus dem Mittelalter der Gegensatz von Realismus und Nominalismus anklingt. Die Namen sind andere, aber die Ansicht ist verwandt. Der Realismus von damals, der die Realität des Allgemeinen in der Weise der platonischen Ideen meint, entspricht dem, was wenigstens in einer Bedeutung des Namens, heute Idealismus heißt; und der Nominalismus, der sich auf die ausschließende Wirklichkeit des Einzelnen steift, entspricht vielfach dem heutigen Realismus (1). Aber die Motive, zunächst von der Untersuchung über die Möglichkeit der Erkenntnis ausgehend, sind zum Teil andere.

Ich schiche eine Bemerkung über den Namen des Idealismus voran. Denn es ist nützlich, die Bedeutungen zu scheiden und dadurch unbestimmten Namen das Spiel zu verderben.

KANT hat die Idee in einem Sinn gewahrt, welcher an PLATO anknüpft. Denn die Idee ist ihm ein notwendiger Vernunftbegriff, dem kein kongruierender Gegenstand in den Sinnen gegeben werden kann (2). Indem die Vernunft auf das Unbedingte geht, geht die Idee als Vernunftbegriff eben dahin. Seit bald nach KANT das Studium PLATOs in der deutschen Philosophie wieder erwachte, bewahrte in Deutschland der Begriff der Idee diese über die Erfahrung hinausragende Würde und nicht selbten versteht man heute unter Idealismus jene Auffassung der Dinge, welche den Ursprung des Wirklichen in den vorbildenden Gedanken Gottes sucht. Das Ideal und das Ideale im Gegensatz des nur Ideellen, das nach und nach der Takt der Sprache zur Unterscheidung abgezweigt hat, leiten diesen Gebrauch des Idealismus.

KANT sagt an einer Stelle der Prolegomena (3), in welcher er sich bemüht, das Ergebnis seiner Lehre von der Lehre BERKELEYs abzuscheiden:
    "Die Bezweiflung der Existenz der Sache macht eigentlich den Idealismus in rezipierter [zu eigen gemachter - wp] Bedeutung aus."
Im Sinne dieses Idealismus hatte BERKELEY gelehrt: der Mensch nehme keine Dinge wahr, sondern nichts als seine "Ideen" (Vorstellungen). Der Gebrauch des englischen Wortes idea, auf den Gebrauch der idea zurückgehend, welchen wir schon in CARTESIUS und SPINOZA finden, und längst von PLATOs Sinn abgefallen, die die Idee als die urbildliche Grundgestalt der Dinge anschaut, hat diese, wie KANT sagt, rezipierte Bedeutung bestimmt. (4) Während KANT die Idee ausdrücklich an PLATO anknüpft, hält er umgekehrt den Idealismus in einem Sinn fest, der sich an diesen rezipierten Gebrauch anschließt. So spricht KANT in der Kritik der Urteilskraft (5) von einem Idealismus der Zweckmäßigkeit und versteht darunter diejenigen Systeme, welche den Zweck in der Natur aufheben, indem sie alle zweckmäßige Form der Naturprodukte auf Zufall, wie EPIKUR, oder auf ein Fatum [Schicksal - wp] zurückführen. Die für den Idealismus der Endursache streitenden Systeme leugnen an den zweckmäßigen Naturdingen die "Intentionalität"; sie leugnen, daß sie absichtlich zu dieser ihrer zweckmäßigen Hervorbringung bestimmt waren, oder mit anderen Worten, daß ein Zweck die Ursache ist. Im Sprachgebrauch der Griechen kann man einem EPIKUR keinen Idealismus zuschreiben. In KANTs Sprachgebrauch bezeichnet darin der Idealismus den Gegensatz gegen den "Realismus der Naturzwecke", die die Aufhebung ihrer Wirklichkeit, ihr Verschwinden in ein Ding der Vorstellung. Es ist ein Idealismus, der Idee im Sinne ihres platonischen Ursprungs ledig und bar.

Wenn nun KANT für seine Betrachtungsweise den Namen des transzendentalen Idealismus ausprägt (6), so denkt der dabei nicht an PLATOs Idee, sondern an den Gegensatz gegen BERKELEYs empirischen Idealismus.
    "Wir haben", sagt Kant, "in der transzendentalen Ästhetik hinreichend bewiesen, daß alles, was im Raum oder der Zeit angeschaut wird, folglich alle Gegenstände einer uns möglichen Erfahrung, nichts als Erscheinung, d. h. bloße Vorstellungen sind, die so, wie sie vorgestellt werden, als ausgedehnte Wesen oder Reihen von Veränderungen, außerhalb unserer Gedanken keine ansich gegründete Existenz haben. Diesen Lehrbegriff nenne ich den transzendentalen Idealismus."

    "Ich habe ihn", sagt Kant weiter, "auch sonst bisweilen den formalen Idealismus genannt, um ihn von dem materialen, d. h. dem gemeinen, der die Existenz äußerer Dinge selbst bezweifelt oder leugnet, zu unterscheiden."
Nach KANT sind die Formen von Raum und Zeit, in welchen uns die Dinge erscheinen, a priori, nur subjektiv; daher nennt KANT seinen Idealismus formal oder transzendental, wobei letzteres Wort ihm die Möglichkeit und den Gebrauch der Erkenntnis a priori bezeichnet.

Man kann in wesentlichen Betrachtungen KANT als den unbewußten Fortsetzer PLATOs ansehen. Was bei PLATO die Erkenntnis als Wiedererinnerung ist, in welcher, wie er selbst sagt (7), der Geist die Wissenschaft aus sich schöpft, das tritt bei KANT als Erkenntnis a priori auf. Wie PLATO z. B. im Menon die Wiedererinnerung an der mathematischen Erkenntnis anschaulich darlegt, oder diese im Staat als eine reine Erkenntnis auf dem Gebiet des Intelligiblen bezeichnet, so steht KANTs transzendentale Ästhetik in nächster Verwandtschaft mit der reinen mathematischen Erkenntnis. Durch das a priori von Raum und Zeit glaubt KANT zum ersten Mal die Frage beantwortet zu haben, wie es der menschlichen Vernunft möglich war, die synthetische, apodiktische, unbegrenzt sich ausbreitende Erkenntnis der reinen Mathematik a priori zustande zu bringen (8). Wenn PLATO im Phaedon (9) die Erkenntnis als Wiedererinnerung daran beweist, daß wir Dinge hinter dem, was sie sein wollen oder sein sollen, zurückbleiben sehen, aber durch die Sinne die Dinge doch nur haben, wie sie sind: so gewahren wir darin leicht den vorausgesetzten Zweck, wenn er auch nicht darin ausgesprochen ist, als stillschweigendes Maß. Denselben Zweck hat KANT, wie wir oben gesehen haben, als ein a priori aufgefaßt. Wenn endlich PLATO in derselben Stelle des Phaedon das Gleiche als einen Begriffe bezeichnet, den wir nirgends im Sinnlichen finden und doch auf den Gegenstand der Sinne anwenden: so erinnert dies bei KANT an die Identität des Selbstbewußtseins als die letzte Quelle allen Apriori; denn das Gleiche ist das Identische im Quantum.

Hiernach könnte man geneigt sein, KANTs transzendentalen Idealismus enger an PLATO anzuschließen; aber man darf es nicht, denn man würde den historischen Sinn des Wortes, die Beziehung auf BERKELEY, verwischen. Bei KANT ist der Name des Idealismus nicht die Bejahung der Idee, sondern die Verneinung des Realen in der Vorstellung. In demselben kantischen Sinn heißen FICHTEs und SCHOPENHAUERs Lehre Idealismus, und noch in SCHLEIERMACHERs Dialektik herrscht dieser Sprachgebrauch (10).

Anders stellt sich freilich die Bezeichnung, wenn sie, wie schon bemerkt wurde, im Sinne späterer deutscher Philosophen, den Idealismus unmittelbar an PLATOs Idee anknüpft und ihn nicht auf das Ding der Vorstellung, sondern auf den Gedanken in den Dingen bezieht.

Im sogenannten absoluten Idealismus, der dialektischen Lehre HEGELs, fällt beides zusammen, der Begriff im menschlichen Geist und der Begriff in den Dingen.

Die eingerissene Verwirrung würde sich lösen, wenn das, was KANT Idealismus nannte, vielmehr Eidolismus [Götzendienst an Trugbildern - wp], oder wenn man lieber will, Subjektivismus nennen würde. Doch ist des die Geister neckenden "...ismus" schon genug in der Sprache und wir wollen diesen Vorrat nicht noch vermehren.

2. Der gesunde praktische Mensch ist Realist; der theoretische, der spekulierende kann es nicht in demselben Sinn sein; denn das Unmittelbare erscheint ihm als vermittelt. Aber er darf die Beziehungen nicht abschneiden, die ins Reale zurückführen, sonst wird alsbald der Mensch das Maß der Dinge und mit der Theorie wird leicht die praktische Betrachtung egoistisch.

HERBART hat insbesondere im Gegensatz gegen den Subjektivismus in FICHTEs Lehre vom setzenden und entgegensetzenden Ich den Realismus behauptet. HERBART weist allenthalben auf das Gegebene hin, auf die gegebene Materie der Empfindung und auf die in der Empfindung gegeben Form.
    "Die Empfindungen liegen nicht", sagt er (11), "wie ein loses Aggregat, oder wie ein Chaos in uns, sondern eben indem sie gegeben werden, fügen sie sich in bestimmten Gruppen und Reihen, und nur in dieser Bestimmtheit kann man sich auf sie als auf ein Gegebenes berufen."
HERBARTs absolute Position liegt in der Empfindung. Von dem in der Erfahrung Gegebenen geht seine ganze Spekulation und der Rückschluß auf das wahre Geschehen aus. HERBART will für seine Metaphysik einen realistischen Regulator: das in der Empfindung Gegebene.

Dieser Hinweis auf das Gegebene hat heilsam gewirkt. Aber wohin hat der Antrieb geführt, da HERBART, gleich den Eleaten, das Identitätsgesetz, das erst dann Bedeutung hat, wenn es bereits notwendige Begriffe gibt, vor allem Inhalt von Begriffen metaphysisch anwandte und daraus ein Sein ohne seines Gleichen hervorzog?

Das Ergebnis war das Gegenteil dessen, was im Gegebenen zwingende Gewalt hat (12). Das Seiende, das HERBART nach jenen Normen ersonnen hat, soll schlechthin positiv sein, einfach, ohne Verneinung und Relation, jede Größenbestimmung abweisend und auch die Bewegung ausschließend. Aber ein solches ist uns nirgends gegeben; ja alles Gegebene ist uns gerade auf die entgegengesetzte Weise gegeben. Wo die Bewegung, durch welche und in welcher uns allein etwas gegeben ist, objektiver Schein wird, wo in der Untersuchung der Metaphysik und daher in der wissenschaftlichen Anwendung der Zweck fehlt, der die Vielheit zur Einheit begreift, und somit der eigentliche Halt für die Einheit, sowohl im Einzelnen wie im Ganzen: da ist der Realismus des Anfangs am Ende zur Negation geworden und hat sich im objektiven Schein zu einer Art Idealismus fortgebildet, das Wort in jenem rezipierten Sinne KANTs genommen. Es ist vergeblich, die Bewegung als objektiven Schein mit dem objektiven Schein in der Astronomie zu denken. KOPERNIKUS drehte die scheinbaren Bewegungen am Himmel um und lehrte sie in wirkliche zu verwandeln. Was innerhalb der Bewegung und durch die Relation der Bewegungen möglich wird, hat keinen Sinn mehr, wenn es als Beispiel gegen die Bewegung überhaupt gewandt wird und nun die ganze Bewegung objektiver Schein sein soll. Die ästhetischen Urteile, die praktischen Ideen, welche in einem höheren Sinn ideal heißen könnten, haben bei HERBART mit der notwendigen Empfindung der Harmonie, welche sie im Schönen und Ethischen mit sich führen, ihren letzten Grund im Gesetz des psychischen Mechanismus.

So ist HERBARTs Realismus in seinen Konsequenzen idealistisch, aber in seinem Grund keineswegs ideal.

3. Unsere Sinne gelten als die Zeugen des Realismus; aber schon LOCKEs empirische Untersuchung beginnt ihre Energien zu idealistischen Voraussetzungen überzuführen. Bei LOCKE geschieht das freilich nur von einer Seite.

Indem er in seinen Betrachtungen über die Sinne (13) die primären Eigenschaften der Körper von den sekundären unterscheidet und jene als solche bestimmt, welche vom Körper in jedem Zustand unzertrennlich sind, und diese als solche, welche die ursprünglichen voraussetzen: bezeichnet er die Vorstellungen der ursprünglichen Eigenschaften als Abbilder, deren Muster in den Körpern selbst wirklich da sind. Solche dem Gegebenen entsprechende, ihm ähnliche Vorstellungen sind die Vorstellungen des Körperhaften (solidity), der Ausdehnung, Gestalt, Bewegung und Ruhe, Zahl. Anders verhält es sich mit den sekundären Eigenschaften der Körper. So wenig, sagt LOCKE, wie der Schmerz, den eine äußere Sache verursacht, in den Dingen ist, so wenig können wir sagen, daß die abgeleiteten Eigenschaften (Farbe, Geruch, Hitze, Geschmack usw.), wie sie uns hervorgebracht werden, so auch in den Dingen sind. Die empirische Untersuchung beginnt hier die Skepsis gegen die Empirie und lehrt uns Kritik.

Es läßt sich gegen LOCKEs Theorie, welche die ursprünglichen Eigenschaften der Körper, Solidität, Ausdehnung, Gestalt, Bewegung und Ruhe, Zahl, unmittelbar und wie ein gegebenes Abbild aus den Sinnen schöpft, leicht nachweisen, daß die Sinne zu diesen Vorstellungen nur Motive geben, aus welchen der Geist sie bildet oder entwirft. Die Zahl, aus der Unterscheidung und Zusammenfassung des Einzelnen entstehend, liegt jenseits der Sinne. Gestalt und Ausdehnung werden aus den Elementen, welche der Tastsinn sammelt, oder der Gesichtssinn zur Konstruktion bietet, entworfen. Das Urteil wirkt dabei mit. Bewegung und Ruhe setzen, um gedacht zu werden, den Vergleich räumlicher Verhältnisse voraus; sie werden, soweit sie sich in der äußeren Welt finden, erschlossen. Die Solidität, welche wir in dem unserem Tastsinn widerstehenden Körper denken, ist doch etwas anderes als die eigentümliche Empfindung des Drucks im Finger. Indem wir auf Anleitung der Sinne den Körpern Ausdehnung und Gestalt, Bewegung oder Ruhe, Solidität, Zahl beilegen, hat schon der Geist aus dem von den Sinnen Gegebenen etwas gemacht, das die Sinne nicht haben; und wenn wir fragen, wie er die Elemente auffaßt und daraus diese notwendigen Eigenschaften der Körpers, ohne welche er aufhört Körper zu sein, bildet: so sehen wir jene konstruktive Bewegung, welche uns in aller Wahrnehmung als intellektuell erschienen ist, in allen wirken und bilden. Durch die Bewegung wird die Ruhe erkannt, die Gestalt beschrieben, die stetige Ausdehnung entworfen; auf die Zeit, das innere Moment der Bewegung, geht die Zahl zurück. Selbst die Undurchdringlichkeit des Körpers wird durch die widerstehende Bewegung gedacht. Diese Bemerkungen folgen aus den obigen Untersuchungen.

Während auf diese Weise selbst in den ursprünglichen Eigenschaften der Körper sich die Meinung widerlegt, als ob der Vorgang der sinnlichen Empfindung ein Abbild dessen sein soll, was in den Körpern vorgeht, so daß die sinnliche Vorstellung und die ursprünglichen Eigenschaften einander entsprechen, wie Eindruck und Abdruck, während sich vielmehr zeigt, daß unsere Vorstellungen dieser Eigenschaften schon durch einen Entwurf geistigen Ursprungs bedingt sind: hat die neuere Physiologie die Frage, wie weit die Vorstellungen der sekundären Eigenschaften empirisch in den Sinnen begründet sind, weiter verfolgt.

4. Die physiologische Betrachtung geht dabei von einer Tatsache aus, die durch Versuche feststeht. Verschiedenartige Reize, welche auf denselben Sinnesnerven wirken, bringen immer nur eine Empfindung derselben Art, eine Empfindung innerhalb derselben Sphäre hervor; und wiederum dieselben äußeren Reize erregen in verschiedenen Sinnen verschiedene Empfindungen, je nach der Natur des Sinnes. So erregt z. B. eine mechanische Wirkung, ein Schlag, ein Stoß, ein Druck im Auge die Empfindung des Lichts und der Farbe, wie durch einen Druck oder Schlag am Augapfel feurige Kreise im Gesichtsfeld entstehen, und ebenso durch einen Schlag die Empfindung eines Knalls im Gehör. Ein englischer Offizier erhielt, wie BELL erzählt (14), den Schuß einer Gewehrkugel, der durch den Knochen des Gesichts ging, und beschrieb seine Empfindung im Augenblick der Verwunderung mit den Worten: es wäre ihm wie ein Blitz vor den Augen gewesen, begleitet von einem Schall, wie wenn die Tür der Paulskirche zuschlagen würde. Auf dieselben galvanischen oder elektrischen Reize flimmert das Auge, klingt das Ohr, schmeckt die Zunge. Chemische Einwirkungen auf das Blut bringen Lichtempfindungen im Auge, Sausen ihm Ohr, Kribbeln im Gefühl hervor. Dieselben Sonnenstrahlen werden im Auge als Licht und im Gefühl als Wärme empfunden. Die physiologische Erfahrung hat ergeben, daß durch die Reizung jeder einzelnen sensiblen Nervenfaser nur solche Empfindungen entstehen können, welche dem Kreis eines einzigen bestimmten Sinnes angehören, und daß jeder Reiz, welcher diese Nervenfaser überhaupt zu erregen vermag, nur Empfindungen dieses besonderen Kreises hervorruft. Hieraus schließt man auf die Bedeutung der Empfindung. Würden spezifische Qualitäten wahrgenommen, so könnten nicht dieselben äußeren Einflüsse auf verschiedene Organe verschiedene Wirkungen hervorbringen. Es kommt bei den Nerven der verschiedenen Sinne auf die Erregung überhaupt an, aber der Nerv kümmert sich nicht um die Natur des erregenden Objekts. Der Sinn empfindet nur seine Energie und nicht die spezifische Qualität der Außenwelt. Was uns durch die Sinne zum Bewußtsein kommt, das sind zunächst nur Eigenschaften und Zustände der Nerven und keine Eigenschaft und kein Zustand eines äußeren Körpers. Die Retina sieht nur sich; sie ist sich selbst Subjekt-Objekt. So empfinden wir nur uns selbst im Umgang mit der Außenwelt. Zwar liegen verändernde Ursachen in den Dingen, aber kein Sinn zeigt sie in ihrer eigentümlichen Natur an, sondern nur in seiner Art der Empfindung.

Unsere Sprache überträgt freilich was wir empfinden auf den Gegenstand, der die Empfindung reizt. Wir nennen den Körper licht, farbig, aber wir empfinden in Wahrheit nicht das Lichte, nicht das Farbige, sondern nur den Nerven licht und in ihm eine Differenz der Energie, welche wir Farbe nennen. Nur durch die Redefigur der Metonymie [in einem nichtwörtlichen Sinn - wp] heißt der Körper licht, farbig. Wir nennen eine Speise, welche wir schmecken, salzig, aber das Salzige ist nur in unserer Empfindung. Jeder Sinn hat nach dieser Lehre von den spezifischen Energien seine Form der Empfindung, in welche er alle Reize faßt und mit der er die Dinge überkleidet. (15)

Es liegt nahe, weiter zu gehen und diese Lehre als eine empirische Ausführung von KANTs transzendentalem Idealismus und beide als übereinstimmend und sich einander bezeugend zu betrachten. Wie bei KANT die Anschauung in ihren Formen, in Raum und Zeit, der Verstand in seinen Formen, in den Kategorien, und die Urteilskraft in ihrem Gesichtspunkt der Einheit, dem Zweck, tätig ist: so werden die Sinne nur ihrer Energien inne, und allenthalben hat der Geist nur seine Energien zum Objekt. Wenn sich der strenge Kantianismus, der die Kausalität für nur subjektiv erklärt, mit dieser Lehre der spezifischen Sinnesenergie verbindet: so darf auch kein einwirkendes Objekt, worin das Ding-ansich kausal wäre, angenommen werden; und dann ist der Mensch abgeschnitten und behält nur seine kleine eigene Welt zum Genuß oder zur Qual.

5. Wir gehen in das ein, was uns diese physiologischen Schlüsse gelehrt haben.

Ohne Frage ist der Sinneseindruck, die sinnliche Empfindung, in welcher wir mitten in einer Wechselwirkung stehen, kein rein Objektives, keine ungemischte Nachricht von Eigenschaften der Dinge. Es ist darin ein Stück eigenen Lebens mitgefaßt. Ohne Frage ist es voreilig, den Dingen zu leihen, was in uns geschieht.

Ebenso ist es wichtig zu erkennen, daß jeder der Sinne, welcher Art auch die Einwirkung ist, nur in seiner Weise rückwirkt, nur in seiner Sprache spricht. In einem Experiment der mechanischen, elektrischen, chemischen Einwirkungen, welches in jedem Sinn eine der Art nach identische Empfindung ergibt, lernen wir auf den subjektiven Anteil in der Empfindung aufmerken.

Aber der Unterschied zwischen einem solchen gewaltsamen Eindruck und der natürlichen und eigentlichen Erregung durch die entsprechende Kraft der Natur tritt deutlich hervor.

Jene gewaltsamen Einwirkungen ergeben eine pathologische, diese natürlichen eine physiologische Tatsache und man wird weder beide verwechseln noch ihren Wert gleichsetzen. Jenen liegt Schmerz und das Gefühl des bedrohten Lebens nahe, diese tun sich durch eine harmonische Empfindung kund.

Es ist ein großer Unterschied, ob ein Sinn von einem adäquaten Objekt angeregt oder von einer inadäquaten Kraft gereizt wird, wie es ein großer Unterschied ist, ob wir durch einen Druck am Auge einen feurigen Ring im Sehfeld erzeugen oder ob wir einen farbigen Kreis sehen. In der Wechselwirkung mit den Objekten der eigentlichen Sphäre leiten und die Sinne unwillkürlich an, mit der Vorstellung nach außen zu gehen, oder geben uns Elemente zur Konstruktion eines Objekts, während sie auf dem anderen Weg nur eine wirre Empfindung haben ohne Halt und Anhaltspunkt. Nur in der Wechselwirkung mit den Objekten der eigentlichen Sphäre lernen und lehren die Sinne zu unterscheiden und zu fixieren.

Die unentwickelte Empfindung wird sich der Unterschiede nicht bewußt, und nur im Umgang mit den adäquaten Objekten entwickelt sich die chaotische Empfindung in die Unterschiede der Energien, deren sie fähig ist, z. B. die Lichtempfindung, die unbestimmte Empfindung des Hellen, in die Unterscheidung der mannigfaltigen und wieder in sich selbst nuancierten Farben. Blindgeborene träumen überhaupt in keinen Gesichtsbildern.

Wo wir in den Sinnestätigkeiten einen Zwang zur Unterscheidung und die Unmöglichkeit anders zu unterscheiden empfinden, wo wir, indem wir uns selbst besinnen, der Unfähigkeit inne werden, die Unterschiede aus uns selbst hervorgebracht zu haben: da erkennen wir das Gegebene und dieser empfundene Zwang bezeichnet das Gegebene, das auf den Gebieten aller Sinne die Empirie zur Empirie macht, zur großen Lehrmeisterin der Menschheit.

Das Gegebene nötigt den Geist durch die Sinne es in Unterschieden zu setzen. Diese Nötigung vollziehen die Objekte, indem sie mit ihrer Wirkung die Sinne berühren, und der Geist entspricht dieser Nötigung, indem er dem Gegebenen nachgeht oder aus den gegebenen Motiven das sinnliche Bild entwirft.

So faßt der Geist durch seine konstruktive Bewegung das Gegebene in Raum und Zeit und projiziert es als ein Objekt.

Hat der Geist in dieser Objektivierung Unrecht?

Ein Objekt im Allgemeinen, eine einwirkende Kraft wird angenommen. Wollte man wirklich die Subjektivität, welche man aus den spezifischen Energien herleitet, auch auf den Raum und die Zeit übertragen, wollte man die Wahrheit der kantischen Lehre darin sehen, daß sie die Anschauung der subjektiven spezifischen Sinnesenergien in subjektive spezifische Geistesenergien fortsetzt; sollten also nach dieser Analogie Raum und Zeit, Kausalität und Zweck nur subjektive Formen sein: so wäre das Ende dieser auf Empirie gegründeten Anschauung eine Aufhebung aller Empirie. Jeder empfände nur in seinen Sinnesenergien, jeder setzte sie nur durch seine Kausalität in seinen Raum und seine Zeit. Der Idealismus in jener Bedeutung, welche KANT die rezipierte nannte, wäre durch den Realismus vollendet.

Einwirkung, Kausalität wird anerkannt. Wenn nun die Wirkungen am Subjekt geschehen, so werden sie notwendig eine subjektive Seite an sich haben; aber diese subjektive Seite, welche durch die Kausalität bedingt ist, läßt sich nun nicht auf die Kausalität selbst ausdehnen. Es wäre eine falsche Analogie vom bedingten Teil auf das Bedingende.

Die sogenannten spezifischen Sinnesenergien sind, für sich genommen, ohne eine hinzutretende Kausalität, eigentlich keine Energie, sondern vielmehr nur Potenzen, Vermögen, welche erst einer Erregung warten und bedürfen, um Energie zu werden. Diese eigene Voraussetzung führt aus dem nur Subjektiven heraus.

Das in den Sinnesempfindungen Gegebene sind Wirkungen, ja eine Wirkung von Wirkungen. Die erregende Kausalität, welche den Sinn trifft, ist in dem großen Zusammenhang der Natur Wirkung; und das empfindende Wesen, durch vielfache Voraussetzungen in seinem Sein und Dasein bedingt, ist Wirkung. Die Erscheinung in der Sinnesempfindung ist Wirkung von beiden. Dadurch verwickelt sich die Frage, die rückwärts geschieht, was beides ansich sein soll. In dem Berührungspunkt, wo die Erscheinungen in den Sinnesempfindungen geboren werden, gehen Subjekt und Objekt ein Verhältnis ein, aber auf beiden Seiten steht Unbekanntes. Unser Gewußtes, kann man daher sagen (16), bildet Verhältnisse ab, ohne daß unser Wissen die Verhältnisglieder einzeln kennt, weil es nur von solchem Gegebenen (dem Sinnlichen) ausgeht, worin nicht die Beschaffenheit der Dinge, sondern nur ihr Zusammenhang und Nichtzusammen sich abbildet. Wie soll aus einer solchen Lage, aus dem bloßen Verhältnis von x zu y, ein Wert für x und y gefunden, aus dem bloßen Verhältnis von zwei Unbekannten ein Inhalt der unbekannten Dinge geschaffen werden?

So verzweifelt ist die Lage nur, solange man die Kausalität abstrakt hält, also eine bloße Verstandeskategorie, welche nur eine Beziehung der Sukzession [Aufeinanderfolge - wp] aussagt, ohne diese Beziehung in ihrem Wesen zu bestimmen. Die Sache selbst führt weiter. Jene Berührung der beiden bezeichneten Wirkungen, welche im Zusammentreffen die Erscheinungen in den Sinnesempfindungen erzeugt, ist nur durch ein Gemeinsames möglich, das durch beide hindurchgeht. Ohne die kontinuierliche Bewegung ist eine Berührung von Objekt und Subjekt, mit welchen Namen wir jene sich begegnenden Wirkungen zu nennen pflegen, unmöglich. In der Bewegung allein ist die Möglichkeit gegeben, daß es überhaupt ein Verhältnis jener als x und y eingeführten unbekannten Größen geben kann. Abgesehen von meinen früheren Untersuchungen über die Kausalität, meldet sich an diesem Punkt, wo Realismus und Idealismus die Krisis bestehen, die Bewegung in ihrer allgemeinsten Form von selbst. Sie läßt besondere Modi, in denen sie auftritt, noch offen; aber schon ihre allgemeine Anerkennung zieht die größte Konsequenz nach sich, die Anerkennung des mathematischen Elements, welches, wie gezeigt wurde, mit Raum und Zeit aus der Bewegung stammt. Durch diese gemeinsame Bewegung, durch das gemeinsame mathematische Element hat der Geist gleichsam eine Handhabe für die Dinge; er kann sie fassen und auf sie rückwirken.

Es kommt noch Eins hinzu: Innerhalb der Sinne, mögen sie in den Einzelnen stumpfer oder schärfer sein, erscheinen in der Wechselwirkung mit den Dingen die Wirkungen konstant, in einem bleibenden Verhältnis beständig. Dieses Konstante gibt dem Individuum den Angriffspunkt auf das Objektive. Wäre die Erscheinung nur subjektiv, so daß sie nicht eine Ursache hinter sich hätte, so wäre sie nur Schein, und der Schein als solcher läßt keine Einwirkung zu. Man kann den Schein nur ändern, indem man auf seine Ursache wirkt; aber wenn man eine Ursache desselben anerkennt, hat er eigentlich schon aufgehört, Schein zu sein; man ergreift dann schon das Sein, das hinter ihm liegt. Der Schein als solcher, der falsche Bote eines Wirklichen, wird nie den Geist zu einer solchen Einwirkung anleiten können, daß die Dinge ihm antworten, wie er will; denn dazu muß er sie aus ihrer Natur heraus rufen. Das Beständige in den Erscheinungen, welche Wirkungen sind, macht unter der Voraussetzung der kontinuierlichen Bewegung, welche das Wesen der wirkenden Ursache ist, eine solche adäquate Einwirkung möglich. Sind die Gesetze der Bewegung zugleich die Gesetze des Geistes, wie sich in der auf konstruktiver Bewegung beruhenden Mathematik erhellt: so lassen sich dadurch die konstanten Wirkungen vergleichen und zerlegen, und die Dinge hinter den Erscheinungen schließen auf. Die Verhältnisglieder, das Subjekt und Objekt, welche sich in der Erscheinung durchdringen, stehen nun nicht gänzlich fremd und unbekannt einander gegenüber; sie haben in dem Gemeinsamen (der Bewegung) eine Möglichkeit ineinander einzugehen. Indem die gebundene materielle Bewegung im Geist frei wird, wird sie allgemein und ist in dieser Allgemeinheit so schöpferisch aus sich und zugleich so fügsam, sich an das Gegeben anzulegen, daß sie, über die Sinne weit hinausgehend, aus der konstanten Wirkung auf den verborgenen kausalen Vorgang schließen lehrt. Es entspricht der Geschichte der Wissenschaften, daß sie vor Allem durch das mathematische Element Macht über die wirkende Ursache gewinnen und diese reale Macht bestätigt den im Gegebenen gegründeten Realismus.

Was LOCKE ursprüngliche Qualitäten der Körper nannte, namentlich Ausdehnung, Gestalt, Bewegung und Ruhe, Zahl, beruth durchweg auf der Bewegung und ihren Erzeugnissen. In der Empfindung drücken sich diese Eigenschaften nicht wie Lettern ab; die Vorstellungen sind keine Abbilder derselben. Aber der Geist entwirft sie durch die mit ihrem Ursprung homogene Tätigkeit, und indem er sich dabei am Konstanten im Gegebenen hält, kommt jene Übereinstimmung zustande, welche den Vergleich eines Ebenbildes oder Abbildes veranlaßt.

Auf demselben Weg gehen wir in LOCKEs sogenannte sekundäre Qualitäten ein, jene Eigenschaften, welche die gewöhnliche sinnliche Vorstellung aus der Erscheinung, die in uns ist, unmittelbar in die Dinge, den einen Faktor der Erscheinung, wirft. Die physiologischen Experimente, welche der Lehre von den spezifischen Sinnesenergien zugrunde liegen, setzen sämtlich die Bewegung als Kausalität voraus, und jene den einzelnen Sinnen adäquaten Erregungen, aus welchen die sogenannten sinnlichen Eigenschaften, LOCKEs sekundäre Qualitäten, entspringen, werden von der strengen Wissenschaft auf Modi der Bewegung zurückgeführt. So stellt z. B. der tiefe Basston, welchen das Ohr vernimmt, 32 Schwinungen in einer Sekunde dar, und die Farben die größten Zahlen von Undulationen; und unsere Empfindungen dieser Eigenschaften sind uns, so dürfen wir sie ansehen, die abgekürzten Ausdrücke solcher Modi der Bewegung.

6. Wir sind undankbar, wenn wir im theoretischen Interesse die Forderung übertreiben und überspannen und von den Sinnen unmittelbar zu erfahren verlangen, was die Natur der Dinge ist.

Es wird nie möglich sein, für ein lebendes Wesen ein rein objektives Organ zu ersinnen, d. h. ein solches, welches, indem es ein Äußeres dem Inneren zuführt, das empfangende Innere, das aktive Bewußtsein eliminieren würde.

Man muß sich vergegenwärtigen, was denn herauskommen würde, wenn unsere Sinne so objektiv wären, daß sie uns unmittelbar in den Dingen anzeigen, was nach der physikalischen Theorie der wahre Anteil der Dinge an den Erscheinungen unserer Sinne ist. Wenn wir uns einige Augenblicke dächten, daß wir statt des Eindrucks unmittelbar perzipieren würden, was im Objekt vorgeht, z. B. statt der unser Lebensgefühl ansprechenden Empfindung jenes Basstons die 32 Schwingungen in der Sekunde unterscheiden, oder statt des Eindrucks des mittleren roten Lichts die 456 Billionen Schwingungen in der Sekunde von etwa 24 Millionstel Zoll an Länge der Wellen: so wäre unserem Geist die Auffassung der Welt ein immerwährendes einförmiges Rechenexempel, oder ein ununterbrochenes Problem der geometrischen Konstruktion. Was hätten wir damit? Wir würden die Qualitäten nach der Wahrheit der physikalischen Theorie perzipieren, aber unsere Anschauung wäre unendlich viel eintöniger, als die Anschauung derer, welche nur Licht und Schatten, aber keine Farben unterscheiden und die Welt nur "wie im Kupferstich" sehen. Diese Wahrheit würden wir gewinnen, aber das Harmonische der Empfindung verlieren, welche uns in der Sprache unseres eigenen Lebens konstante Wirkungen in einen abgekürzten Ausdruck faßt.

Wir verkehren in diesen abgekürzten Ausdrücken mit der Umwelt, und da sie uns konstante Wirkungen darstellen, reichen sie für den Zweck der Selbsterhaltung aus, für welchen die Sinne zunächst da sind. Die konstanten Wirkungen, welche in den Sinnesempfindungen repräsentiert sind, geben dem Menschen die Möglichkeit, sich so weit über das Objekt als einwirkende Ursache zu orientieren, daß er sich ihr gegenüber richtig verhalten und sich zweckgemäß freundlich oder feindlich gegen sie stellen kann, und sie geben der Wissenschaft noch eine größere Möglichkeit der Rückschlüsse.

Indem die Sinne die Selbsterhaltung richtig vermitteln, verbürgen sie eine richtige Offenbarung objektiver Verhältnisse. Jene abgekürzten Ausdrücke, welche win in konstanten Wirkungen an unserem Eigenleben empfangen, stellen uns, richtig gedeutet, Richtiges dar. Sie fördern überdies die Fähigkeit des zusammenfassenden Denkens, das sich ohne sie in unendliche Zahlen, z. B. von Schwingungen, verlieren müßte; denn als abgekürzter Ausdruck betrachtet, ist jede Sinnesempfindung schon eine zusammenfassende Einheit.

Die Sinne helfen dazu mit, die allgemeinen Kräfte der Natur, die Undulationen des Lichts und der Wärme, die elastischen Schwingungen der Luft, chemische Vorgänge für das individuelle Leben zu verwenden und in ein individuelles Leben zu verwandeln. Wenn nun die durch viele reale Voraussetzungen vermittelten Sinne zu den einfachen elementaren Potenzen der Natur stimmen, so geht durch das Entlegene ein Gedanke hindurch und durch ihn vollziehen die Sinne ihren Beruf, das Leben des geteilten Daseins nach der realen Seite zu ergänzen. Während, was von außen in die Sinne hineintritt, sich am subjektiven Leben bricht und dämpft und nur in allgemeinen Wirkungen zu unserer Vorstellung gelangt, gehen unsere Bewegungsorgane mit ihrer Forderung unmittelbar nach außen. Sollen wir uns bewegen können, so muß es eine Widerlage geben, an welcher sich der Leib fortschnellt; diese Werkzeuge der Ortsveränderung fordern eine feste Basis des Bodens. Es tritt dabei nichts dazwischen und dieser Forderung des Objektiven geschieht genug. Überhaupt liegt im Bedürfnis der empfindenden sich bewegenden Wesen und in der Erfüllung, die sie finden, eine Gewähr des Realismus.

7. In dieser Weise führt das Gegebene zum Realen; dasselbe Gegebene bleibt die Anweisung des Geistes für die Anwendung seiner idealen Kategorie, des Zwecks. Wo das Gegebene zu einer Auffassung durch den inneren Zweck nötigt, wo im Sinne eines notwendigen Zweckbegriffs die Dinge behandelt werden und in seinem Sinn antworten, bestätigt die Wirkung in den Dingen, welche der vorausgenommenen Vorstellung entspricht, die Richtigkeit der idealen Voraussetzung. Dieses Prinzip, im Gegebenen anerkannt, führt über das Gegebene in dessen zufälliger Gestalt hinaus; es wird sein Maß und zieht es wie im Ethischen in die Höhe. Der bewegende richtende Zweck weist ins Unbedingte hinein und gibt dem Gedanken im Ursprung der Dinge die Macht über die wirkenden Ursache.

Der Zwang des Gegebenen führt den Geist in der Anwendung der entwerfenden Bewegung, welche das Reale aufschließt, und derselbe Zwang des Gegebenen führt ihn zu der Anwendung seiner idealen Kategorie, des Zwecks. So ist dieser äußere Zwang das Zeichen der inneren Notwendigkeit, welche der Geist sucht.

Auf diesem Weg wird ein Realismus gegründet, der nicht in Materialismus ausschlagen kann; denn seine Bestimmungen gehen durch den inneren Zweck vom Gedanken im Grunde der Dinge aus; und ein Idealismus, der nicht Subjektivismus werden kann, denn er begründet sich durch eine dem Denken und Sein gemeinsame Tätigkeit, welche in der Auffassung der Erscheinung den zwingenden Anweisungen des Gegebenen folgt.

Ein solcher Realismus, welcher das a priori voraussetzt, wird in seinem Grund transzendental, wenn wir das Wort in KANTs Sinne anwenden, und der Idealismus, der sich im Gegebenen gründet, hat seinen Boden im Empirischen. So tauscht sich das Transzendentale und Empirische einander aus; Gedanke und Wirklichkeit suchen und bezeugen einander.

Realismus ohne die Idee zum Materialismus, Idealismus ohne Zugang zum Realen wird ein Traum der Vorstellung, eine Welt der Eidole [Bilder - wp]. In beiden Richtungen wird es schwer, ja unmöglich, den Glauben an das Unbedingte, den Willen Gottes in der Welt, zu wahren, und der Geist wendet sich trauernd und entmutigt von der versiegten Quelle des Gedankens ab. Daher ist es notwendig, die rechte Einigung zu erstreben und nicht abzulassen, bis sie erreicht ist.

In dieser Einigung hat die menschliche Wissenschaft ihre Würde und im Entwurf dieses Ziels und der Begründung des Weges und der Arbeit der Durchführung durch alle Gebiete der Philosophie ihre edle Aufgabe.
LITERATUR: Friedrich Adolf Trendelenburg, Logische Untersuchungen, Bd. 2, Leipzig 1870
    Anmerkungen
    1) Man vergleiche, was noch Herbart vom Standpunkt seines Realismus in der Metaphysik § 329 über das Allgemeine ausführt.
    2) Kr. d. r. V., zweite Auflage, Seite 370, 382 (Rosenkranz Werke II, Seite 253, 263.
    3) Werke III, Rosenkranz, Seite 51.
    4) Schon Christian Wolff in den "Gedanken von Gott, der Welt" etc. 1720, §787 hat diese Bedeutung: "Idealisten, welche die wirkliche Welt außerhalb der Seele leugnen", und Reusch, "systema metaphysicum", 1735 zitiert (§ 790) neben Malebranche auch Berkeley als Idealisten.
    5) Kritik der Urteilskraft, 1790, Seite 318f. Werke IV nach Rosenkranz, Seite 279f.
    6) Kr. d. r. V., zweite Auflage, Seite 518; Werke II, Seite 388.
    7) Menon, Seite 85
    8) Prolegomena, Werke III, Seite 35f
    9) Phaedon, Seite 74f.
    10) Schleiermacher, Dialektik, § 57 und § 168.
    11) Herbart, Metaphysik, Bd. II, § 327.
    12) Herbart, a. a. O., Bd. 1, Seite 175f und 206.
    13) Locke, Versuch über den menschlichen Verstand, zweites Buch, 8. Kapitel, besonders § 15.
    14) Sir Charles Bell, The hand, it's mechanism und vital endwoments as evincing design, Neuauflage 1835, Seite 133.
    15) Johannes Müller, "Physiologie des Menschen", Bd. 2, 1840, Seite 250f; vgl. Helmholtz, "Physische Optik" in Karstens "Enzyklopädie der Physik".
    16) vgl. Herbart, Metaphysik, § 328.