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RUDOLF EUCKEN
Schopenhauer und der Rückschlag
gegen die Vernunftsysteme


Ein kräftiges Lebensgefühl hatte den Menschen verlockt, die Wirklichkeit als ein Reich lauterer Vernunft darzustellen; es waren dabei die freundlichen Seiten der Dinge möglichst hervorgekehrt und der Widerspruch des ersten Eindrucks durch eine Einfügung in größere Zusammenhänge künstlerischer oder logischer Art zu überwinden gesucht.

Vorwort

Mit SCHOPENHAUER beginnt ein starker Rückschlag gegen die Überzeugung von der Vernunft der Wirklichkeit, die das Schaffen des deutschen Humanismus erfüllte und eigentümlich gestaltete. Wie jene Überzeugung nirgends mehr zu einem philosophischen Ausdruck kommt als bei HEGEL, so bildet SCHOPENHAUER den schroffsten Gegensatz zur Denkart HEGELs. Bei HEGEL das Denken, bei SCHOPENHAUER das Empfinden das Grundelement des Seelenlebens; dort der erste Eindruck wesentlich umgebildet und schließlich ganz zurückgedrängt, hier dagegen voll ausklingend und in sich selbst vertieft; dort die Wirklichkeit zusammengehalten durch eine logische Verkettung, hier durch die Ausbreitung starker Empfindungen über den ganzen Umfang der Erfahrung. Die Erfahrung kommt bei SCHOPENHAUER weit mehr zu Gehör, aber an erster Stelle ist er kein Empirist, sondern ein Metaphysiker, er gewinnt einen Standort, von dem er die Erfahrung überschaut und eigentümlich zurechtlegt, ja für den sich ihm unter gänzlicher Umkehrung die nächste Welt in eine bloße Erscheinung verwandelt. Große Intuitionen, seelische Stimmungen tragen hier alle Arbeit, sie lassen weit mehr die vorhandene Welt von vornherein in einem eigentümlichen Durchblick sehen, als daß sie erfahrungsmäßig aus ihr hervorgingen.

Den Kern des Menschenwesens, dann aber der ganzen Wirklichkeit, findet SCHOPENHAUER in einem dunklen Lebenstrieb, einem blinden, rastlos fortstrebenden, durch keine Vernunft gelenkten Wollen. Dieses Wollen, nicht das Erkennen, zeigen tausendfache Erfahrungen des menschlichen Kreises wie der großen Natur deutlich als die allbewegende Kraft. In der Natur verschwindet die Intelligenz durchaus gegenüber jenem Lebensdrang; was sie an Erkennen entwickelt, dient lediglich der Selbsterhaltung der Wesen. Beim Menschen wird der Intellekt freier, aber die Überlegenheit des Wollens mit seinen Interessen ist auch hier augenscheinlich, wird doch selbst aus der Höhe wissenschaftlicher Arbeit das Erkennen leicht aus seiner Bahn gelenkt, sobald sich persönliche Zwecke des Forschers einmischen.

Aus solchen Überzeugungen gestaltet sich ein eindrucksvolles und durchaus neues Naturbild. Hatte der klassischen Zeit die Natur als eine Welt künstlerischer Bildung und aufstrebender Vernunft gegolten, und hatte eine romantische Beleuchtung sie zu einem Reich stiller Größe und seligen Friedens verklärt, so erscheint sie nun, in vollständiger Wendung, als ein Schauplatz dunklen Lebensdrangs und wilden Kampfes. Durch die ganze Natur geht eine rücksichtslose Selbstbehauptung der Wesen, ein unbedingter Wille zum Leben; so wenig dieses Leben bietet, die Wesen umklammern es mit zäher Gier. Dabei treibt und hetzt die Enge des Daseins sie unaufhörlich gegeneinander; ein Wesen wie das fleischfressende Tier kann gar nicht bestehen ohne andere unablässig zu zerfleischen und zu vernichten; der Sieger aber wird alsbald zur Beute eines noch Stärkeren; so ist jedes Wesen in steter Gefahr und Aufregung, das Ganze aber bildet mit seinem ruhe- und sinnlosen Getriebe ein Schauspiel trübster Art.

Steht es beim Menschen besser? Unverkennbar erscheint hier etwas Neues, bei ihm zündet sich der Wille im Intellekt ein Licht an: das Leben gelangt zur Bewußtheit, der Ausblick wird freier, die Empfindlichkeit feiner. Aber eine solche Weiterbildung steigert mehr das Unglück als das Glück. Was immer das Leben an Hemmung und Elend enthält, das kommt nunmehr erst recht zur Empfindung. Der Mensch mit seinen feineren Nerven, seinem beweglicheren Denken, seiner erregten Phantasie erlebt nicht nur das Unglück, das ihn unmittelbar trifft, er muß auch alle Möglichkeiten ausdenken, alles Leid tausendfach im Voraus erleben. Wie Gespenster umschweben ihn die Sorgen auch inmitten augenblicklichen Wohlseins. Wieviel stärker, wie viel quälender beschäftig der Tod den Menschen als das dumpf dahinlebende Tier! Ja, genauer betrachtet überwiegt nicht nur das Unglück, sondern es gibt auch überbaupt kein rechtes Glück. Positiv empfunden wird nämlich nur der Schmerz; was Freude heißt, ist in Wahrheit nur die Aufhebung oder doch Linderung eines Schmerzes. Die Gesundheit fühlen wir nicht, wohl aber die Krankheit, den Besitz nicht, wohl aber den Verlust. Es sind nur kurze Übergangszustände, wie das Gesundwerden, das zum Wohlstand gelangen, welche Freude bereiten; sehr bald entsteht wieder Gleichgültigkeit, Leere, Langeweile; der unersättliche Lebensdrang, der immer neu beschäftigt sein will, sucht neues und anderes und verfällt dadurch neuen Schmerzen. So schwingt das Leben unablässig gleich einem Pendel zwischen Schmerz und Langeweile; die Kunst des gesellschaftlichen Lebens hat letztlich nur den Zweck, über die Langeweile, die innere Leere des landläufigen Daseins hinwegzutäuschen. Daß in Wahrheit der Schmerz das eigentlich Reale in unserem Leben ist, bekunden auch die Dichter, indem sie die Höllenqualen mit den glühendsten Farben auszumalen vermochten, während ihnen für den Himmel nur die Langeweile übrig blieb.

Das alles wäre zu ertragen, könnte der Mensch an seinem eigenen Bild Gefallen finden und sich aus allen Nöten des Lebens auf einen moralischen Kern zurückziehen. Das aber kann er nicht, weitaus überwiegen bei ihm die unedlen Beweggründe die edlen. Die natürliche Selbstsucht, die alle Wesen beherrscht, steigert sich bei ihm zur Schlechtigkeit und Bosheit; in allen Erlebnissen seiner Umgebung, seiner Freunde und Angehörigen sieht er an erster Stelle, was ihm selbst daraus an Nutzen oder Schaden erwächst. Dabei eine stete Heuchelei, die einen jeden nach außen hin als edel und selbstlos erscheinen lassen möchte; auch eine durchgängige Eitelkeit und Torheit, die das Streben auf die nichtigsten Dinge richtet und am Meisten darum bemüht ist, das Individuum in der Meinung der ihm sonst so gleichgültigen Anderen zu erhöhen. Das alles aber hält uns unbarmherzig fest, es gibt keine Möglichkeit einer inneren Wandlung, einer moralischen Läuterung. Denn alles Streben entfließt einem unwandelbaren Charakter; alle Einwirkung vermag nur die Erkenntnis, nicht aber den Willen zu verändern, "wollen läßt sich nicht lernen" (velle non discitur). Die bösen Neigungen mögen durch eine wachsende Bildung eine weniger rohe und für den Träger weniger gefährliche Erscheinung annehmen, in ihrer Substanz sind sie unveränderlich. Auch verspricht weder die Arbeit der Geschichte noch der Zusammenhang des gesellschaftlichen Lebens irgendeine Wendung zum Besseren; die Weltgeschichte mit der Zwecklosigkeit ihres Treibens und der Fülle ihres Leidens muß einem unbefangenen Beobachter wie ein wüster Traum der Menschheit erscheinen; im gesellschaftlichen Zusammensein aber summiert sich weit mehr die Unvernunft als die Vernunft, namentlich wird die erstrebte politische Freiheit weit mehr einer zügellosen Entfesselung von Selbstsucht und Parteiwut als einer inneren Erhöhung des Lebens dienen. So werden hier die geschichtlich-gesellschaftlichen Ideale und Hoffnungen des 19. Jahrhunderts auf das Schroffste abgewiesen. Damit scheint alle Aussicht auf Rettung zu verschwinden. Aber inmitten aller Verkettung und Verstrickung in das Weltgetriebe verbleibt ein Gefühl der Verantwortlichkeit und läßt sich nicht abstreifen; das Elend erreicht seinen Gipfel, indem wir nicht umhin können, es auf unsere Freiheit zu nehmen und als unsere Schuld zu betrachten.

Dieser Widerspruch von Freiheit und Notwendigkeit erweist mit zwingender Kraft eine schwere Verwicklung, aber auch eine größere Tiefe unseres Daseins. Wie dieses Leben nicht aus sich selbst verständlich ist, so kann es nicht das Letzte sein, es muß seinen Ursprung in einer freien Tat haben, in einer Selbstbejahung des Willens, welche dieses Leben in Zeit und Raum hervorgerufen hat; zugleich ist jene Spaltung des Willens in zahllose einander feindliche Wesen erfolgt, deren Zusammenstoß so viel Leid erzeugt; damit entstand jenes unermeßliche Elend, das wir so schmerzlich empfinden und das uns so unerbittlich festhält.

Der Denker verzweifelt jedoch nicht an aller Möglichkeit einer Hilfe. Zunächst ist es die Ausbildung eines kontemplativen Verhaltens zur Welt, das eine Milderung des Elends verheißt. Ein solches Verhalten bildet die Seele von Kunst und Wissenschaft. Beide richten uns auf den objektiven Bestand der Dinge und erfüllen uns mit seiner Anschauung. Damit legt sich die Unruhe des Wollens, es schweigen die Leidenschaften, es vergeht das selbstische Interesse mit seinen Aufregungen, Sorgen, Schmerzen. Das umso mehr, als SCHOPENHAUER, unvermittelt genug, in den Grundformen der Natur schöne Gestalten nach Art der platonischen Ideen findet und damit die bloße Kontemplation zu einem künstlerischen Schauen erhöht.

Am sichtbarsten ist die Befreiungskraft einer solchen künstlerischen Kontemplation beim Genie, das im Schaffen und Schauen zu vollkommener Objektivität gelangt und darüber die Angelegenheiten des Weltgetriebes gänzlich vergißt. Zeiten der Kontemplation haben aber auch die übrigen Menschen, als eine Oase in der sonstigen Wüste des Daseins. Wissenschaft und Kunst erhalten in einer solchen Zurückführung auf die reine Anschauung einen völlig anderen Charakter als bei HEGEL. Suchte dieser in allen Schöpfungen eine aufhellende Idee, so liegt nun alles an der bewältigenden Kraft des unmittelbaren Eindrucks, der Erregung willenloser Stimmung. Dieses Vorziehen des anschaulichen Elements nähert die Wissenschaft der Kunst; zur Kunst der Künste wird die Musik, indem sie alle Regungen unseres innersten Wesens wiedergibt, aber ohne die Wirklichkeit und frei von ihrer Qual. Das Drama aber läßt in seinem tragischen Abschluß das ganze Leben wie einen schweren Traum erscheinen und erweckt die Überzeugung, daß es noch ein ganz anderes Dasein geben muß als das, was uns hier umfängt.

Auf diese Weise wird jedoch das Problem mehr zurückgeschoben als gelöst, das Elend mehr gemildert als aufgehoben; auch steht dieser Weg nicht immer und nicht allen offen. Eine gründliche Befreiung kann nur durch eine völlige Brechung des Willens zum Leben erfolgen, und zu dieser führt lediglich das echte und starke Mitleid mit allem, was da lebt und leidt, nicht nur den Menschen, sondern allen empfindenden Wesen; insofern ist der Weg zur Hilfe nicht wissenschaftlich-künstlerischer, sondern moralischer Art. Indem nämlich solches Mitleid uns das Leider der anderen ganz und gar als ein eigenes empfinden läßt und damit die ganze Schwere Weltelends auf den einzelnen Punkt legt, wächst die Größe des Leids bis zur Unerträglichkeit; alle Hoffnung eines Entrinnens muß schwinden, alle Lust am Leben zusammenbrechen. Gleicht das Leben einer von glühenden Kohlen bedeckten Kreislinie mit einigen kühlen Stellen, so mag zunächst der Einzelne gerade diese Stellen zu erwischen hoffen. Sobald er aber alle anderen Wesen in sein Empfinden einschließt, in allen sich selbst wiedererkennt, verschwindet alle Hoffnung. Nun wird der Wille in sich gehen, die Bejahung des Lebens zurücknehmen und seine Verneinung vollziehen. Was aber im Menschen, dem Höhepunkt des Seins, geschieht, das läßt eine Umwälzung im Ganzen des Alls hoffen: dieses ganze Dasein wird zusammenbrechen, das ja nur aus dem ungestümen Lebensdrang des Willens hervorging. So winkt hier eine große Erlösung, eine volle Stille und Ruhe, die aber ein leeres Nichts nur dem dünken kann, dem diese nächste Welt des Scheins die wahre und letzte Wirklichkeit bedeutet.

Das Urteil über SCHOPENHAUER wird verschieden ausfallen, je nachdem seine Leistung im Zusammenhang der weltgeschichtlichen Bewegung betrachtet oder auf ihre abschließende Gültigkeit geprüft wird. Dort erscheint seine Gedankenwelt als ein berechtigter und bedeutender Rückschlag gegen den Optimismus und Kulturenthusiasmus nicht nur der Aufklärung, sondern auch des deutschen Humanismus, ja der ganzen Neuzeit. Ein kräftiges Lebensgefühl hatte den Menschen verlockt, die Wirklichkeit als ein Reich lauterer Vernunft darzustellen; es waren dabei die freundlichen Seiten der Dinge möglichst hervorgekehrt und der Widerspruch des ersten Eindrucks durch eine Einfügung in größere Zusammenhänge künstlerischer oder logischer Art zu überwinden gesucht. Das mußte sich durch sein eigenes Fortschreiten überspannen und einen Einspruch hervorrufen; SCHOPENHAUER hat diesen Einspruch mit bewunderungswürdiger Selbständigkeit und in klassischer Form zum Ausdruck gebracht; er hat den schlichten Wahrheitssinn für sich, wenn er auf der ganzen Linie das Irrationale unserer Welt empfinden läßt; er rückt damit andere Seiten des Geschehens, andere Gruppen von Tatsachen in den Vordergrund, er berichtigt nicht nur Fehler, er entwirft auch neue Ansichten und Aufgaben; die energische Abweisung bisher versuchter Lösungen wirkt zur Vertiefung des Ganzen und wird dahin weiter wirken. Allem bequemen Optimismus und Rationalismus ist hier auf dem eigenen Boden der Philosophie eine tödliche Wunde geschlagen; auf das Gründlichste ist jener die Neigung ausgetrieben, Welt und Leben dem Menschen möglichst glatt und annehmbar darzustellen.

Aber es ist etwas anderes, SCHOPENHAUERs Bedeutung in dieser Weise anzuerkennen, und wieder anderes, ihn als den unbedingten und abschließenden Meister zu verehren. Derartigen Versuchen ist zunächst entgegenzuhalten, daß seine Behandlung und Schätzung der Dinge mindestens ebenso einseitig und eher noch subjektiver ist als die von ihm bekämpfte: hatte man früher zu ausschließlich beim Licht verweilt, so wird nun nur der Schatten aufgesucht, der Denker schwelgt mit sichtlichem Behagen in seiner kräftigen Ausmalung. Wie sich aber überhaupt die Wirklichkeit dem Menschen gemäß der Art darstellt, die er ihr entgegenbringt, so ist jener Gegensatz der Beurteilung nur der Ausdruck eines anderen seelischen Verhaltens: die Früheren waren vornehmlich vom Drang der Tätigkeit erfüllt und gaben der Welt einen Wert, indem sie ihre Tätigkeit an ihr entwickelten, sie möglichst ganz in Tätigkeit umsetzten; SCHOPENHAUER dagegen bezieht alles Geschehen auf den subjektiven Zustand, die Empfindung und Stimmung. Er verhält sich zur Wirklichkeit nicht sowohl aktiv als kontemplativ. Indem sich dazu ein argwöhnisches und schreckhaftes Temperament gesellt, gewinnt er allerdings einen eigentümlichen Durchblick der gesamten Wirklichkeit und sieht sie in einer Weise, die mit Unrecht vernachlässigt war, aber er gewinnt keine völlige Aneignung und gleichmäßige Würdigung; Er rückt die Wirklichkeit in ein grelles Schräglicht, das mit seinen scharfen Kontrasten stark zur Empfindung wirkt, das aber schließlich ein sehr einseitiges, ja arg verzerrtes Bild ergibt.

Der Mensch SCHOPENHAUERs ist im Grunde eine bloße Zusammensetzung von rohem Naturtrieb und superfeiner, aber ohnmächtiger Geistigkeit; er gleicht, mit seiner Wehrlosigkeit nicht nur nach außen hin, sondern auch gegen sich selbst, einem angeschmiedeten PROMETHEUS; der Denker kennt nur ein blindes Begehren, keinen vernünftigen Willen, keine ethische Persönlichkeit, er hat keinen Platz für eine innere Bewegung und positive Erneuerung des Menschen durch Leid und Liebe, durch Arbeit und Glauben. So ist er an der entscheidenden Stelle arm in aller Fülle des Geistes und läßt er die Seele unter der Herrschaft eines unersättlichen Glücksdurstes, der schließlich wohl oder übel entsagen muß.

Aber nun und nimmter hätte SCHOPENHAUER gewirkt, was er gewirkt hat, hätte er nicht auch noch anderes, Tieferes und Besseres, gebracht. Er hat eine gewaltige Energie metaphysischer Überzeugung, welche das Geheimnisvolle des menschlichen Daseins zu deutlichster Empfindung bringt und mit zwingender Kraft die ganze nächste Welt zu einem Reich der Erscheinung herabsetzt; er hat ethischen Grundstimmungen einen wunderbaren Ausdruck gegeben; er ist ein großer Künstler keineswegs bloß in der Frische, Durchsichtigkeit, Eindringlichkeit seiner Darstellung, sondern vor allem in der Verwandlung dieses ganzen, seiner Ansicht nach so dunklen Weltgetriebes in ein künstlerisches Gedankenbild; damit erfolgt eine Veredlung des Ganzen, und es findet sich ein Gegengewicht gegen die Schwere der Wirklichkeit, die den Menschen sonst erdrücken und alles Streben vernichten müßte. Erreicht nicht in einer solchen metaphysischen, ethischen, künstlerischen Leistung das Geistesleben weit mehr Aktivität, als SCHOPENHAUERs Begriffe bei strenger Fassung gestatten? Erweist sich damit nicht auch hier die Gedankenwelt weiter und reicher als das System?

Voll großer und fruchtbarer Anregungen, dabei durchaus eigentümlich, ist in Wahrheit die Gedankenwelt, die hier aufkommt; nur ist sie bei aller Größe keine Welt, die den Menschen innerlich befestigen und im Ganzen seines Wesens heben könnte. Hat GOETHE recht mit dem Wort: "Was fruchtbar ist, allein ist wahr", so hat SCHOPENHAUER unrecht.

Jene Beschaffenheit seiner Denkweise erklärt auch vollauf, weshalb er so spät zur Anerkennung und Wirkung kam. Solange noch ein freudiger Lebensmut allen Widerstand durch die Entwicklung geistiger Kraft zu überwinden hoffte, konnte sein System nur ein geistreiches Kuriosum dünken; erst als der Idealismus dem Realismus weichen mußte, bald aber auch das geistige Unvermögen des Realismus zur Empfindung gelangte, und nun Abspannung und Zweifel um sich griffen, war seine Zeit gekommen. Als ein Widerspruch aber nicht nur gegen vorübergehende Lebenswogen, sondern gegen den Hauptzug der gesamten Neuzeit wird SCHOPENHAUERs Denkweise nicht so leicht veralten.
LITERATUR - Rudolf Eucken, Die Lebensanschauungen der großen Denker, Leipzig 1905