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Allgemeine Erkenntnislehre [Wirklichkeitsprobleme] [6/6]
29. Die Subjektivität der Zeit Von all den Gründen, welche die Subjektivität der Räumlichkeit über allen Zweifel erheben, behält für die anschauliche Zeitlichkeit der zuletzt dargelegte seine volle Kraft. Denn - im vorigen Paragraphen haben wir es schon erörtert - das spezifische Moment der Zeitlichkeit, durch welches sich die Zeit von jedem anderen eindimensionalen Kontinuum unterscheidet, ist eben etwas rein Anschauliches, nicht begrifflich Definierbares, im Erlebnis des Bewußtseins ist es unmittelbar gegeben. Damit ist nach dem Gesagten seine Subjektivität sicher gestellt. Die übrigen beim Raum ins Feld geführten Gründe kommen im Allgemeinen bei der Zeit nicht in Betracht. Die Zeitlichkeit unterscheidet sich von der Räumlichkeit sehr wesentlich dadurch, daß sie nicht wie die letztere nur ein Inbegriff gewisser Eigenschaften ist, die für die Daten der einzelnen Sinne ganz verschieden sind, aber sich alle auf ein und diesel Ordnung beziehen lassen, sondern bei der Zeit handelt es sich zweifellos um eine einzige Eigenschaft, die allen Erlebnissen anhaftet. Deshalb ist es auch höchst irreführend, wenn man, wie MACH das tut (Analyse der Empfindungen XII), von einer Zeitempfindung spricht, denn von einer Empfindung kann man nur in Bezug auf ein bestimmtes Sinnesorgan reden. Sehr richtig sat HUME (Treatise of human nature, Book I, Part II, Section III):
Und natürlich nicht nur den Empfindungen, sondern, wie gesagt, allen Erlebnissen haftet die Dauer als eine Eigenschaft an; nicht irgendein Sinnesorgan empfindet die Zeit, sondern das ganze Ich erlebt sie. Das wird uns nicht wundernehmen, wenn wir uns an die eigentümliche Rolle erinnern, welche die Zeitlichkeit für die Einheit des Bewußtseins spielte, in der man das Wesentliche des individuellen Ich überhaupt erblicken muß. Der Erinnerungszusammenhang, der die Einheit des Bewußtseins konstituiert, ist eben ein zeitlicher; jene eigentümliche Verknüpfung, die im Bewußtsein Vergangenheit und Zukunft durch die Gegenwart verkettet, scheint die Zeitlichkeit und die Einheit des Bewußtseins gleichermaßen zu begründen. Ob sich über diese letzten Zusammenhänge jemals etwas Näheres wird sagen lassen, muß dahingestellt bleiben; hier kann der Hinweis auf das besondere Verhältnis der Bewußtseinseinheit zur Zeit wiederum nur dazu zu dienen, den Satz "außerhalb des Bewußtseins gibt es keine Zeitlichkeit" noch natürlicher und weniger paradox erscheinen zu lassen. Die angedeuteten Unterschiede zwischen der räumlichen und zeitlichen Anschauung haben manche Denker dazu geführt, der Zeit die transzendente Bedeutung zuzugestehen, die sie dem Raum abgesprochen haben. So bekanntlich LOTZE (zumindest auf dem Standpunkt, den er in seiner "Metaphysik" einnimmt); ihm hat sich in der Gegenwart unter Billigung seiner Argumente STÖRRING angeschlossen ("Einführung in die Erkenntnistheorie", Seite 250f). Was LOTZEs Gründe wirklich beweisen, ist aber nur die Existenz eines transzendenten Korrelates der zeitlichen Ordnung; die Annahme einer solchen versteht sich jedoch für uns von selbst aus denselben Gründen, welche die Setzung einer extramentalen Ordnung erforderten, die der Räumlichkeit entspricht. Wenn übrigens auch das Erleben der Zeit nicht auf verschiedenen Sinnesgebieten verschieden ist, wie dasjenige des Raumes, so gibt es dennoch innerhalb seiner eine Variabilität, die einer objektiven Bedeutung der Zeitanschauung widersprechen würde. Vorgänge, denen "objektiv" gleiche Dauer zugeschrieben wird, können sich doch mit verschieden Zeitlichkeitserlebnissen verbinden; eine Stunde schleicht träge dahin oder saust im Flug vorbei, je nachdem, ob sie mit langweiligem oder mit interessantem Inhalt erfüllt ist. Im Prinzip besteht keine Grenze für die Variabilität der Geschwindigkeit, welche ein Bewußtsein vermöge seiner verschiedenen Zeitanschauung dem Ablauf der Vorgänge subjektiv zuschreibt. In besonders lebendiger Weise hat der Naturforscher KARL ERNST von BAER ("Welche Auffassung der lebenden Natur ist die richtige?", 1862) die Verschiedenheit der Weltbilder ausgemalt, die sich für ein Wesen ergeben, je nachdem sich bei ihm eine große Mannigfaltigkeit von Erlebnissen auf einen für uns kurzen Zeitraum zusammendrängen, oder umgekehrt, ein erlebnisarmes Dasein eine "lange" Zeitdauer in Anspruch nimmt. Diese Ausführungen sind oft von philosophischer Seite zitiert worden (z. B. von LIEBMANN, HEYMANS, STÖRRING). Drängte sich etwa unser ganzes Leben, ohne doch subjektiv kürzer zu erscheinen, auf eine halbe Stunde zusammen, so würden die Pflanzen für uns so unveränderlich sein wie jetzt die Berge, der Lauf der Jahreszeiten wäre unseren fernsten geologischen Epochen vergleichbar; und wer den Untergang der Sonne erlebt, dem würden nur die Geschichtsbücher längst vergangener Zeiten verkünden, daß sie auch einmal aufgegangen ist. Wenn also ein und dieselbe objektive Zeit auf so viele ganz verschiedene Weisen erlebt werden kann - welche soll dann als transzendent real gelten: unsere Zeitanschauung oder etwa die eines Vogels, dessen Pulsschlag soviel schneller ist als der menschliche, oder die einer Eintagsfliegt, oder die eines Wesens, "vor dem tausend Jahre sind wie ein Tag"? Keine ist vor der anderen ausgezeichnet und es wird ganz unmöglich, irgendeinem anschaulichen Zeiterlebnis eine andere als eine subjektive Bedeutung zuzuschreiben. Ein objektiver Verlauf der Vorgänge dürfte weder schnell noch langsam sein; denn die relativen Begriffe müßten für ihn ihren Sinn verlieren. Deshalb kann er überhaupt nicht zeitlich in einem anschaulichen Sinn sein, sondern die transzendente Ordnung, in welcher er besteht, ist unvorstellbar. Denn das darf man nie aus dem Auge verlieren: wenn die Zeitlichkeit der transzendenten Welt abgesprochen wird, so ist ihre Zeitlosigkeit nicht so zu verstehen, als ob die Begriffe, durch die wir alle Erfahrungen zeitlich einordnen, nicht auch anwendbar wären auf jene Welt; sonern es bedeutet nur, daß sie in ihrer transzendenten Anwendung nicht den anschaulichen Inhalt haben, den bei ihrem immanenten Gebrauch eben die Zeitlichkeit bildet. AUch von Gegenständen jenseits des Bewußtseins kann z. B. ausgesagt werden, daß sie "nacheinander" sind, aber damit wird ihnen nicht jenes spezifisch anschauliche Moment beigelegt, welches die Ordnung der Zeitpunkte z. B. unterscheidet von der Ordnung der Raumpunkte auf einer Linie, die doch auch "nacheinander" folgen, aber eben in einem anderen Sinn, der auch nur erlebt werden, nicht begrifflich abgegrenzt werden kann. Das transzendente Korrelat des zeitlichen wie des räumlichen Nacheinander ist eben gleicherweise eine unanschauliche Ordnung, die wir aber mit Hilfe unserer Zahlbegriffe erschöpfend erkennen können. Wenn es noch einer Bestätigung dafür bedürfte, daß die Zeitlichkeit vor der Räumlichkeit hinsichtlich ihrer objektiven Geltung nichts voraus hat, so können wir ein Anzeichen dafür erblicken in neueren Ergebnissen der exakten Naturwissenschaft. In der sogenannten Relativitätstheorie ist es nämlich der modernen Physik gelungen, die gesamte räumlich-zeitliche Ordnung der Welt mathematisch durch ein vierdimensionales Bezugssystem darzustellen, in welchem rein formal betrachtet die zeitliche Ordnung der räumlichen gegenüber keine ausgezeichnete Rolle mehr spielt. Man kann den Gleichungen aller Naturgesetze eine solche Form geben, daß die Zeitgrößen in genau derselben Form in sie eingehen wie die Raumkoordinaten. Abgesehen von einem imaginären Faktor tritt die Zeit in jenen Gleichungen in völlig der gleichen Weise auf wie eine Raumstrecke; sie stellt daher, mit diesem Faktor multipliziert, einfach eine vierte, von den drei übrigen Raumkoordinaten nicht unterscheidbare Koordinate dar. Das ist ein Anzeichen dafür, daß die transzendente Ordnung, welche der Zeit entspricht, in allen Stücken vollkommen analog ist derjenigen, die der räumlichen zugrunde liegt. Diese durch die Relativitätstheorie aufgedeckten Verhältnisse sind vorzüglich geeignet, den Blick zu weiten und dadurch manches Vorurteil aus dem Weg zu räumen, das der Einsicht in die Subjektivität von Raum und Zeit hinderlich sein möchte. Im Übrigen sind ihr aber unmittelbar neue Argumente (deren es ja auch nicht bedarf) für diese Lehre nicht zu entnehmen. Denn die neuen Ideen, welche die physikalische Theorie entwickelt hat, beziehennn sich allein auf die Messung der Zeit, sie haben es nur mit solchen Eigenschaften der zeitlichen Ordnung zu tun, über die uns die unmittelbare Zeitanschauung (1) überhaupt nichts lehrt. Mit einer kurzen terminologischen Bemerkung möchte ich diese Betrachtungen abschließenn. Man redet häufig von der Idealität der Zeit und des Raumes und meint damit dasselbe, was wir hier als Subjektivität bezeichnet haben. Der Sprachgebrauch geht auf KANT zurück. Viele Autoren folgen ihm und bezeichnen überhaupt die Wirklichkeit all dessen, was nur zum Bewußtsein gehört, als ideales Sein. Diese Ausdrucksweise habe ich ausdrücklich vermieden. Von jeher ist nämlich das Wort ideal im Sinne eines Gegensatzes zur real gebraucht worden, und in der Tat wird dann auch von jenen Autoren das transzendente Sein ausdrücklich als das reale dem idealen Sein der Bewußtseinsinhalte gegenüber gestellt (vgl. z. B. BENNO ERDMANN, Logik I, Seite 138). Damit sind dann terminologisch zwei verschiedene Arten von Wirklichkeit eingeführt. Die Gründe, warum ich mich dieser Beziehungsweise nicht anschließen kann, sind bereits früher (§ 26) auseinandergesetzt worden. Es wird der Anschein erweckt, als solle dem idealen Sein, den gegebenen Bewußtseinsinhalten, eine niedere Stufe der Wirklichkeit zugeschrieben werden gegenüber der transzendenten Realität. Selbst wenn dieser Gedanke den Benutzern jener Terminologie ganz fern liegt, kann er doch zur Quelle von Mißverständnissen werden. Die Ordnung der transzendenten Dinge ist um nichts realer als die Ordnung der Bewußtseinsinhalte, welche Raum und Zeit heißt; deswegen vermeiden wir es, die letztere als ideal zu bezeichnen. qualitative Erkenntnis Die Ordnung unserer Bewußtseinsinhalte in Raum und Zeit ist zugleich das Mittel, durch welches wir die transzendente Ordnung der Dinge jenseits des Bewußtseins bestimmen lernen; und diese Einordnung ist der wichtigste Schritt zu ihrer Erkenntnis. Wir müssen uns genau Rechenschaft darüber geben, auf welche Weise dieser Schritt vollzogen wird. Die Hauptpunkte, die dabei in Betracht kommen, habe ich schon früher dargelegt. Dort sahen wir, daß die Identitätssetzung, in welcher jede Erkenntnis besteht, für die äußeren Dinge eine Lokalisation an demselben Raum- und Zeitpunkt bedeutet. Alles in der Außenwelt ist an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit; und das eine im andern wiederfinden heißt in letzter Linie stets: beidem denselben Ort zur selben Zeit anweisen. Wir müssen jetzt diese Bestimmung dahin präzisieren, daß unter den Ausdrücken Raum und Zeit hier die transzendente Ordnung der Dinge zu verstehen ist. Damals konnte ich auf den Unterschied gegenüber der anschaulichen Bedeutung dieser Worte noch nicht aufmerksam machen, aber ich deutete noch kurz an, daß die Ortsbestimmung der objektiven Gegenstände sich nicht auf den Gesichts- oder Tast- oder sonst einen anschaulichen Raum bezieht, sondern auf ein durch Begriffe zu denkendes Korrelat. Es gilt nun, sich darüber klar zu werden, wie man von der anschaulichen räumlich zeitlichen Ordnung zur Konstruktion der transzendenten gelangt. es geschieht immer nach derselben Methode, die ich als die Methode der Koinzidenzen machen möchte. Sie ist erkenntnistheoretisch von allerhöchster Wichtigkeit. Wenn ich meinen Bleistift von verschiedenen Seiten betrachte, so ist (vgl. oben § 24) kein einziger der Elementenkomplexe, die ich dabei erlebe, selber der Bleistift, sondern dieser ist ein von ihnen allen verschiedener Gegenstand, durchaus ein "Ding-ansich" im kantischen Sinn. Alle jene Komplexe, von Beleuchtung, Entfernung usw. abhängig, repräsentieren mir nur den Gegenstand, d. h. sie sind ihm zugeordnet. Die Einzelheiten ihrer Beziehung zu ihm können Physik und Physiologie erst bestimmen, wenn über die Eigenschaften des Gegenstandes Näheres ermittelt ist, d. h. wenn es gelungen ist, ihn durch Bezeichnung mittels allgemeiner Begriffe in der weiter oben beschriebenen Art einzuzirkeln. Die wichtigste Rolle spielen dabei, wie gesagt, diejenigen Ordnungsbegriffe, welche ihm seinen Platz in einem transzendenten Schema anweisen. Berühre ich die Bleistiftspitze, während ich sie anblicke, mit dem Finger, so tritt in meinem Gesichts- und in meinem Tastraum zu gleicher Zeit eine Singularität auf: am Finger stellt sich plötzlich eine Tastempfindung ein und die Gesichtswahrnehmungen des Fingers und des Stiftes haben plötzlich ein räumliches Datum - den Berührungspunkt - gemeinsam. Diese beiden Erlebnisse, die ja ganz disparat sind, werden nun ein und demselben "Punkt" des transzendenten Raums zugeordnet: es ist der Berührungspunkt der beiden Dinge "Finger" und "Bleistift". Beide Erlebnisse gehören verschiedenen Sinnesgebieten an und haben gar keine Ähnlichkeit miteinander, aber es ist ihnen gemeinsam, daß sie Singularitäten, Unstetigkeiten in dem in ihrer Umgebung sonst stetigen Feld der Wahrnehmungen darstellen. Dadurch werden sie aus ihm hervorgehoben und ausgezeichnet. So können sie aufeinander bezogen und demselben objektiven Punkt zugeordnet werden. Ein klares Beispiel für diesen Prozeß, durch den die transzendente Ordnung erkannt wird, finden wir in den in der philosophischen Literatur oft zitierten Berichten über die Erfahrungen operierter Blindgeborener (DUFAUR, Archives des sciences physiques et naturelles, Tome 58, Seite 232). Danach lernte ein solcher ein rundes Stück Papier von einem rechteckigen visuell dadurch unterscheiden, daß das letztere singuläre Punkte, Unstetigkeiten aufgewiesen hat (nämlich die vier Ecken), das erstere nicht. Er kannte Kreis und Rechteck bis dahin nur aus Tasterlebnissen, und diese waren beim Kreis stetig, beim Rechteck enthielten sie vier Singularitäten. Vermöge dieser Gemeinsamkeit wurden die neuen Gesichtswahrnehmungen richtig auf die vertrauten Tastwahrnehmungen bezogen und daher zutreffend gedeutet. Nicht nur die Empfindungen verschiedener Sinnesgebiete, sondern auch verschiedener Individuen dienen in gleicher Weise zur Bestimmung des transzendenten Ordnungsschemas. Wenn ich ein größeres Auditorium auf einen Punkt einer an der Tafel gezeichneten Figur aufmerksam machen will, so lege ich meine Fingerspitze an die betreffende Stelle; und obgleich dabei jeder Zuhörer eine mehr oder weniger verschiedene Gesichtswahrnehmung hat, ist ihnen allen doch ein Zusammenfallen der Fingerspitze mit dem Tafelpunkt gemeinsam. Diese beiden Objekte, vorher verschieden lokalisiert, erhalten durch meine Geste dasselbe Lokalzeichen. Darin spricht sich die Eindeutigkeit der Zuordnung aus, ohne welche es die transzendente Ordnung des objektiven Raumes nicht gäbe. Zwei Wahrnehmungsgegenstände, die im Gesichts- oder Tastraum sich berühren (ein Lokalzeichen gemeinsam haben), müssen transzendenten Dingen entsprechen, die in einem objektiven Ordnungsschema einen "Punkt" gemeinsam haben, denn sonst würden ein und demselben Ort eines Wahrnehmungsraumes, zwei Orte des transzendenten Raumes zugeordnet sein, was der Eindeutigkeit widersprechen würde. Die gesamte Einordnung der Dinge geschieht nun einzig dadurch, daß man derartige Koinzidenzen herstellt. Man bringt (meist optisch) zwei Punkte zur Deckung miteinander und schafft dadurch Singularitäten, indem man die Orte zweier sonst getrennter Elemente zusammenfallen läßt. Auf diese Weise wird ein System von ausgezeichneten Stellen, diskreten Orten in einem transzendenten Raum-Zeit-Schema definiert, die beliebig vermehrt und in Gedanken zu einer kontinuierlichen Mannigfaltigkeit ergänzt werden können, welche dann eine restlos vollständige Einordnung aller räumlichen Gegenstände gestattet. Natürlich ist diese Einordnung relativ, da sie sich ja auf das gegenseitige Verhältnis der Körper gründet (das transzendente Raum-Zeit-Schema ist also nicht etwas "Absolutes", unabhängig von den Dingen Existierendes); dadurch wird aber ihrer Objektivität kein Abbruch getan, denn sie kann jederzeit für jeden Beobachter vollkommen eindeutig konstruiert werden, sobald das zugrunde gelegte Bezugssystem angegeben wird. Jede Orts- und Zeitbestimmung geschieht durch Messung, und alles Messen, vom primitivsten bis zum entwickeltsten, beruth auf Beobachtungen raumzeitlicher Koinzidenzen, wie sie soeben geschildert wurden. Bei den genauesten wissenschaftlichen Bestimmungen läßt sich das am Leichtesten verfolgen. Jede exakte Messung besteht in letzter Linie immer und ausschließlich in der Vergleichung zweier Körper miteinander, nämlich im Anlegen eines Maßstabes an ein zu messendes Objekt, wodurch gewisse Marken des ersteren (z. B. Skalenstriche) mit bestimmten Punkte des letzteren zur Koinzidenz gebracht werden. Alle Meßinstrumente, welcher Konstruktion sie auch sein mögen, wenden dieses Verfahren an. Das Metermaß des Schneiders, das an das Tuch hintereinander angelegt wird, beruth ebensowohl auf diesem Prinzip wie etwa das Thermometer des Physikers, in welchem das Ende der Quecksilbersäule einen bestimmten Skalenstrich erreicht. Bei den meisten Instrumenten ist es ein Zeiger, dessen Zusammenfallen mit einer bestimmten Stelle oder Ziffer beobachtet wird. So auch bei der Uhr; und es ist wohl zu beachten und für die Theorie von Raum und Zeit sehr wichtig, daß auch die Zeit selber nicht anders gemessen wirs als durch die Beobachtung räumlicher Koinzidenzen. (Ein anderer Umstand, der naturphilosophisch von der größten Bedeutung ist, soll hier nur angedeutet, nicht näher verfolgt werden: Das Vergleichen zweier Körper wird zur wahrhaften Messung erst unter der Voraussetzung, daß es einen Sinn hat, vom Abstand zweier Punkte eines Körpers, z. B. der Länge eines Stabes, als von einer Größe zu reden, die ihm unabhängig von seinem Ort und seiner Lage zugeschrieben werden kann, denn nur so wird es möglich, verschiedene Strecken durch die Anlegung eines Maßstabes miteinander zu vergleichen, die Teile einer Skala einander gleich zu machen und anzugeben, wie oft eine bestimmte Strecke (Maßeinheit) in einer anderen enthalten ist. Veränderte sich nämlich der Maßstab bei seinem Transport von Ort zu Ort in unbekannter Weise, so hätte es keinen angebbaren Sinn mehr, von gleichen Abständen an verschiedenen Orten zu sprechen.) Da alles exakte Messen auf der Feststellung von Koinzidenzen der geschilderten Art hinausläuft, so sind ganz unmittelbar nur Strecken meßbar, und diese keineswegs alle, denn oft ist es praktisch unmöglich, sich der zu messenden Entfernung mit einem Maßstab zu nähern; der Abstand des Mondes von der Erde z. B. kann nur indirekt ermittelt werden. Seine Größe läßt sich aber mit Hilfe rein mathematischer Relationen aus direkt gemessenen Größen ableiten. Die Theorie der geometrischen Erkenntnis zeigt (auf den Beweis können wir hier nicht eingehen), daß dies auf rein analytischem Weg geschieht; es bedarf dazu neben den (soeben angedeuteten) zu jeder Messung erforderlichen Voraussetzungen keiner prinzipiell neuen Annahmen. Die indirekte Messung räumlicher Größen schließt also kein neues Problem ein; es ist im Prinzip - folglich für unsere erkenntnistheoretischen Betrachtungen - ganz dasselbe, ob ich z. B. die Länge des Erdmeridians unmittelbar feststellen kann durch Anlegen einer Meßkette, oder ob ich sie nur indirekt durch ein Netz trigonometrischer Dreiecke ermittle. Aber auch außerhalb der exakten Wissenschaften läßt sich jede beliebige raumzeitliche Einordnung prinzipiell auf dieselben Grundlagen zurückführen. Denn jede Ortsangabe im Leben geschieht durch Daten, die auf ungefähren Koinzidenzen beruhen und solche wiederum ermöglichen; und das gleiche gilt von allen Zeitbestimmungen im Leben des Einzelnen wie in der Geschichte: begnügt man sich da auch mit ungefähren Angaben nach Jahren, Monaten, Tagen usw., so sind doch auch dies alles Begriffe, die in letzter Linie nur durch den Lauf der Gestirne und ihr Zusammenfallen mit gewissen Orten (Meridian, Frühlingspunkt usw.) festgelegt sind. Was ist nun durch die Einfügung der Dinge in die transzendente Ordnung erreicht? Ein ganz gewaltiger Erkenntnisfortschritt. Erkennen heißt Wiederfinden des Einen im Anderen. In den bunten, vielgestaltigen Verhältnissen der Erlebnisse verschiedener Individuen (und eines Individuums unter verschiedenen Umständen) ist durch die beschriebenen Methoden ein und dieselbe gemeinsame Ordnung aufgefunden, in der Fülle und dem Gewirr der subjektiven Daten ist die eine objektive Welt entdeckt. Es sind identisch dieselben Gegenstände jener Welt, die in den verschiedensten Beziehungen zu den Elementen der Bewußtseinswelt wiedergefunden werden. Denn die Begriffe der transzendenten Gegenstände sind definiert durch Beziehungen, durch eine Zuordnung zu Gegebenem. Es ist derselbe Bleistift, der sich in Berührung mit meiner rechten Hand befindet, in bestimmter Entfernung von meiner linken, in gewissen Abständen von meinen beiden Augen usw. Wir haben früher gesehen, daß in jedem Urteil eine Identitätssetzung stattfindet, weil es nämlich dasjenige, was da erkannt wird, identisch setzt mit demjenigen, als was es erkannt wird. Und wir fanden dort, daß eine wirklich vollständige Identifizierung, ohne welche eine Erkenntnis eben überhaupt nicht vorliegt, bei realen Gegenständen hauptsächlich da möglich wird, wo einer der in Eins gesetzten Gegenstände, oder beide, als Glied einer Beziehung definiert ist. Bei der Ordnung der objektiven Welt haben wir es nun mit diesem Fall zu tun; zu allen anderen Gegenständen in ihr steht ein durch jene Ordnung bestimmtes Objekt in verschiedenen raumzeitlichen Beziehungen, und es tritt in allen diesen Relationen als ein und dasselbe auf, es wird in jeder von ihnen als eins ihrer Glieder wiedergefunden. So wird die Einfügung in das t ranszendente Ordnungsschema zu einem Wiederfinden der identischen Gegenstände in den mannigfaltigsten Relationen; und das würde einen ungeheuren Erkenntnisfortschritt auch dann bedeuten, wenn jene Relationen qualitativ ganz und gar voneinander verschieden wären und in keiner Weise aufeinander zurückgeführt werden könnten. In Wahrheit aber sind jene objektiven Relationen qualitativ völlig gleichartig; alle ihre Unterschiede werden als rein quantitative aufgedeckt und damit aufeinander zurückführbar. Wir wollen uns genauer klar machen, was das heißt und welche ungeheure Bedeutung diesem Faktum für unsere Erkenntnis zugemessen werden muß. Jede Beziehung der fraglichen Art wird bestimmt durch die Angabe einer Anzahl von Größen (die Lage eines Punktes z. B. durch drei Raumkoordinaten und die Zeit), und zwar vermöge der geschilderten Meßmethoden in letzter Linie durch die Angabe der Länge von Strecken. Die Länge einer Strecke aber ist die Zahl der in ihr enthaltenen Einheiten. Strecken sind extensive Größen, sie sind teilbar, sie bauen sich auf aus lauter gleichen Teilen; ein und dieselbe Längeneinheit wir in allen Längen wiedergefunden, nur in verschiedener Anzahl. So werden sie quantitativ aufeinander zurückgeführt und es gibt keine vollkommenere Art der Erkenntnis. Denn das Wiederfinden des einen Gegenstandes im anderen findet am vollkommensten da statt, wo der letztere eine bloße Summe von lauter gleichen Exemplaren des ersteren ist. Das gehört eben zum Begriff der Summe, daß die Summanden vollständig und unverändert in sie eingehen, daß also der Summand innerhalb der Summe identisch dasselbe bleibt wie außerhalb ihrer. Jede Zahl kann als Summe von Einsen aufgefaßt werden, und so drückt jede Zahl in ihrer Anwendung auf die Wirklichkeit bereits eine Erkenntnis aus, die Erkenntnis nämlich, daß die Einheit in der gemessenen Größe so oft wiedergefunden wurde, wie es eben die Zahl angibt. Das Wesen der quantitativen Erkenntnis besteht also darin, daß sie den erkannten Gegenstand in eine Summe von Einheiten auflöst, welche unverändert und unter sich völlig gleich in ihm wiedergefunden und gezählt werden können. Auf diese Weise werden zunächst alle räumlichen Größen (Strecken, Winkel, Volumina usw.) und sodann (durch Vermittlung des Geschwindigkeitsbegriffs) die Zeitstrecken der Herrschaft der Zahl unterworfen. Alle Relationen der objektiven raumzeitlichen Ordnung werden auf eine bloße Zählung von Einheiten und damit aufeinander zurückgeführt. Von den anschaulichen Raum-Zeit-Verhältnissen gilt dies natürlich nicht; für die Anschauung sind die verschiedenen Lage- und Zeitrelationen im Allgemeinen durchaus qualitativ verschieden; eine horizontale und eine vertikale Strecke, eine rechts gelegene und eine links gelegene z. B. sind anschaulich meist keineswegs von gleicher Qualität. Die Zahlbegriffe und damit die quantitative Erkenntnis beziehen sich vielmehr durchaus auf eine transzendente Ordnung. Es ist von höchster Wichtigkeit, dies zu bemerken: die objektive Welt ist der Gegenstand der quantitativen Erkenntnis. Alle Zahlen der Naturwissenschaft bezeichnen direkt nicht etwa Beziehungen zwischen unmittelbar gegebenen Elementen, sondern zwischen transzendenten Größen, deren objektiver "Ort" durch Zuordnung zu Koinzidenzerlebnissen definiert ist. Mit Hilfe dieser Methode kann jeder dieser "Orte" oder "Punkte" des objektiven Ordnungssystems (jeder "Weltpunkt" in der Sprache der modernen Physik) durch vier Zahlenangaben bezeichnet werden, und jenes System in seiner Gesamtheit läßt sich auffassen als der Inbegriff aller Zahlenquadrupel [vier zusammengehörende Zahlen - wp]. Diese vier Zahlen brauchen natürlich nicht selbst Strecken zu bedeuten, nur muß ihr Wert in letzter Linie durch Streckenmessung festgestellt werden. Durch die Methode der Koinzidenzen werden Strecken in Einheiten zerlegt, und die Zählung der Einheiten macht dann aus, was wir Messung nennen. So hält die Zahl und damit der Begriff der Quantität seinen Einzug in unsere Erkenntnis. Wenn es solchergestalt möglich ist, die Welt der Dinge durch ein Zahlensystem zu beherrschen, so verdanken wir das durchaus unseren räumlichen Erfahrungen, denn in ihnen findet ja das Erlebnis der Koinzidenzen statt. Wir haben weiter oben gesehen, daß im stetigen Fluß der der Bewußtseinsprozesse ein exaktes Denken nur zustande kommt durch eine Auffindung des Diskreten im Kontinuierlichen; jetzt bemerken wir, daß das gleiche noch einmal im engeren Sinne gilt für jede exakte Erkenntnis der Dinge, denn das Prinzip der Koinzidenzen beruth ja gleichfalls auf dem Herausheben des Diskreten, Unstetigen aus dem kontinuierlichen Wahrnehmungsverlauf. So ist für die raumzeitliche Ordnung der Dinge die Erkenntnis auf die vollkommenste, nämlich quantitative Weise im Prinzip erreicht. Aber nun kommt die Frage: Was ist es denn nun, das in dieser raumzeitlichen Ordnung steht? Das heißt: durch welche Begriffe lassen sich die in jenem Ordnungsschema untergebrachten Gegenstände außerdem noch bezeichnen? Zunächst: Auf welchem Weg gelangen wir überhaupt zu einer solchen Bezeichnung? Es gibt nur eine Möglichkeit: wir müssen die Beziehungen benutzen, durch die uns jene Gegenstände definiert sind. Denn sie sind uns ja nicht bekannt, nicht gegeben, sondern wir gelangen zu ihrer Setzung als Wirklichkeiten (wie oben ausgeführt) erst durch die Statuierung von Beziehung, von gewissen Zuordnungen zum Gegebenen. Der Bleistift hat nicht nur einen bestimmten Platz im optischen oder haptischen Anschauungsraum, sondern im ersteren auch eine bestimmte Farbe. Ist es möglich, diese Farbe selbst als dasjenige aufzufassen, das in einem transzendenten Ordnungssystem am "Ort" des objektiven Gegenstandes "Bleistift" lokalisiert werden muß? Wir haben gesehen, daß das nicht möglich ist. Die Farben als Sinnesqualitäten sind subjektiv, sie gehören in den Anschauungsraum des Gesichts, nicht in den objektiven Raum der Dinge. Also unter den Begriff "gelb" kann der objektiv existierende Bleistift nicht subsumiert werden. Man braucht aber doch irgendeinen Begriff, um eine eindeutige Bezeichnung ausführen zu können; und da bietet sich zunächst nur die Möglichkeit, an dem Ort der Bleistiftoberfläche eine unbekannte Qualität anzunehmen (die dann als seine "Eigenschaft" zu bezeichnen wäre), welcher ich das Gelb meines Bewußtseinsinhaltes zuordne, so wie ich dem visuell anschaulichen Platz des Gelb einen bestimmten transzendenten Ort entsprechen lasse. Und nun muß ich dieser selben Qualität auch die Farben zuordnen, welche alle anderen Individuen an ihren "Bleistiftwahrnehmungen" erleben. Ob diese Farberlebnisse den meinen gleich sind oder nicht, ist irrelevant und überhaupt auf ewig unentscheidbar. Nur darauf kommt es an, daß die Zuordnungen eindeutig zu bewerkstelligen sind; und das ist immer möglich, wenn man berücksichtigt, daß jedes der wahrnehmenden Individuen zu diesem Bleistift in anderen Beziehungen steht als die übrigen, so daß alle Differenzen in ihren Aussagen durch die Verschiedenheit jener Beziehungen (bedingt durch ihren Standort und die Beschaffenheit ihrer nervösen Organe) erklärt werden können. Folgendes läßt sich schon ganz allgemein feststellen. Wenn ich einen zweiten Bleistift von genau gleicher Fabrikation daneben halte, der also für mich dieselbe Farbe hat wie der erste, so fällen allen anderen Beschauer ebenfalls das Urteil: "die Farben der beiden sind gleich". Ferner wird ein Individuum, das die fragliche Farbe einmal mit dem Namen "gelb" bezeichnete, sie unter genau den gleichen Umständen immer wieder mit demselben Namen benennen; bei völliger Dunkelheit werden alle Beobachter aussagen, daß der Bleistift ihnen überhaupt durch kein Farberlebnis gegeben ist usw. Neben diesen Übereinstimmungen, die, wie oben erwähnt, sogar viel weiter reichen als bei der Beurteilung der anschaulichen Raumverhältnisse, finden sich unter anderen Umständen auch Abweichungen (bei Farbenblindheit, beim Blicken durch gefärbtes Glas und dgl.); immer aber ist jene unbekannte Qualität des Dings definiert durch die Beziehung zu den entsprechenden Farberlebnissen: es ist die eine, identisch selbe Qualität, die zu jenen differenten psychischen Elementen in verschiedenen Relationen steht. Damit wäre also eine Erkenntnis bestimmter Stufe sehr wohl erreicht; das Vorhandensein jener Qualität wäre als die Bedingung dafür erkannt, daß unter gewissen Umständen im Bewußtsein der Beobachter eine gewisse Gelbempfindung auftritt. Man wird dies ausdrücken können, indem man sagt, daß die Gelbempfindungen der verschiedenen Individuen alle dieselbe Ursache, oder vielmehr Mitursache haben, nämlich im Bestehen der beschriebenen Qualität. Denn es gibt nicht den geringsten Grund, warum man auf einen Zusammenhang der geschilderten Art nicht den geläufigen Begriff einer ursächlichen Beziehung, einer Kausalrelation, anwenden sollte. Darüber wird an anderer Stelle (unten § 40) noch einiges zu sagen sein; hier kommt es nur auf die Einsicht an, daß in der Beziehung der Farbwahrnehmungen verschiedener Individuen auf ein und dieselbe extramentale Realität wirklich eine Erkenntnis gewonnen ist. Es ist eine rein qualitative Erkenntnis, die wir unter der obigen Voraussetzung als eine Ursachenerkenntnis einfachster Art kennzeichnen können. Auf dieser Erkenntnisstufe müßte nun jeder der unendlich vielen Farbnuancen, die ich an den anschaulichen Gegenständen des Gesichtssinnes wahrnehmen kann (gleiche Wahrnehmungsumstände vorausgesetzt), eine besondere Qualität am transzendenten Gegenstand entsprechen. Jede wäre etwas für sich, stände unerkannt neben den übrigen und wäre nicht auf sie zurückführbar. Es ist klar, daß die Wissenschaft bestrebt sein mußte, aus diesem höchst unbefriedigenden Stadium herauszukommen, und wir wissen, daß ihr dies heute glänzend gelungen ist: die Physik führt an die Stelle jener unbekannten Qualitäten Schwingungszustände ein und ordnet den verschiedenen subjektiven Farben verschiedene Frequenzen der objektiven Schwingungen zu. Diese Frequenzen stehen sich nun nicht mehr unreduzierbar gegenüber, sondern als zeitliche Größen sind sie der quantitativen Erkenntnis zugänglich, sie sind durch Abzählen von Einheiten meßbar und dadurch nach den obigen Ausführungen restlos durcheinander erkennbar. Die Feststellung der Frequenzen (bzw. der Wellenlänge) geschieht natürlich wiederum mit Hilfe der Methode der Koinzidenzen, z. B. durch Messung des Abstandes von Interferenzstreifen, Bestimmung des Ortes eines Spektrallinie auf einer Skala usw. Man darf aber nicht glauben, daß die Wissenschaft durch diese Resultate nun alle Qualitäten überhaupt eliminiert hätte. Das ist durchaus nicht der Fall. Denn jene Lichtschwingungen, welche den Farben entsprechen, sind ja bekanntlich elektromagnetischer Natur, d. h. sie bestehen in periodischen Änderungen jener Qualitäten, welche die Physik als elektrische und magnetische Feldstärke bezeichnet, diese selbst aber behalten ihren qualitativen Charakter bei, wenn sie auch zugleich extensive Größen sind, also teilbar, als Summe von Einheiten aufzufassen und damit dem Zahlbegriff unterworfen. Wir wollen uns dieses Fortschreiten der Erkenntnis von der qualitativen zur quantitativen Stufe noch an einem anderen Beispiel klar machen, das lehrreicher ist, weil es sich noch enger an den tatsächlichen Gang und Stand der Forschung anschließt. Wenn ein Körper meine Haut berührt, so habe ich eine Wärmeempfindung, deren Qualität davon abhängt, an welcher Stelle die Berührung stattfindet und was für ein Körper sich vorher mit der Hautstelle in Kontakt befunden hat. Dieselbe Wassermasse scheint der eingetauchten Hand kühl oder warm, je nachdem sie vorher mit wärmerem oder kälterem Wasser in Berührung war. Den verschiedenen Wärmeempfindungen, die ich unter verschiedenen Umständen beim Betasten des Körpers habe, läßt nun der Physiker die eine identische Qualität des Körpers entsprechen, die er als "Temperatur" bezeichnet. Unter sonst gleichen Umständen liegt einer heftigen Wärmeempfindung eine andere Temperatur zugrunde als einer lauen, und der Unterschied zwischen beiden Temperaturen ist zunächst als ein qualitativer zu fassen; der Physiker benutzt jedoch einen Kunstgriff, um die Temperatur der mathematischen Behandlung zu unterwerfen: er ordnet nämlich den verschiedenen Temperaturen Zahlen zu und bedient sich dabei der annähernden Korrespondenz, die zwischen der Qualität der Wärmeempfindung und dem Volumen gewisser Körper besteht (z. B. des Quecksilbers im Thermometerrohr). Dieses Volumen ist nun eine extensive Größe und durch die Methode der Koinzidenzen meßbar; von der Temperatur selbst gilt das aber auf dieser Erkenntnisstufe noch nicht, die Temperaturen sind nicht in addierbare Stücke zerlegt, nicht aufeinander zurückgeführt, es hat keinen Sinn zu sagen, die Temperatur von 20° sei gleich zweimal derjenigen von 10°, sondern nur durch eine völlig willkürliche Festsetzung sind die Zahlen 10 und 20 gewissen Temperaturen zugeordnet, durch die Annahme einer beliebigen thermometrischen Substanz und Skala. Es ist nur die Einsicht benutzt, daß sich die Temperaturen in einer eindimensionalen Reihe ordnen lassen. So könnte man z. B. auch den reinen Spektralfarben oder den Tonhöhen nach einer beliebigen Übereinkunft Zahlen zuordnen, ohne von der Schwingungsnatur der ihnen entsprechenden physischen Gebilde etwas zu wissen. Durch diese Art der Ordnung wäre natürlich ihr Wesen in keiner Weise erkannt. Temperaturmessung ist also in diesem Stadium - es ist das Stadium der sogenannten reinen Thermodynamik - etwas prinzipiell anderes als etwa die Messung von Lichtwellenlängen: sie ist nicht mit einer Wesenserkenntnis der gemessenen Größe verknüpft. Ganz anders dagegen auf der nächsthöheren Erkenntnisstufe, zu welcher sich die sogenannte mechanische Theorie der Wärme erhebt: sie identifiziert die Temperatur mit der mittleren kinetischen Energie der Molekularbewegung; und diese ist nun eine extensive Größe. Definitionsgemäß baut sie sich derart aus Raum- und Zeitgrößen (nämlich aus Geschwindigkeiten) auf, daß sie stets aufgefaßt werden kann als additiv aus Teilen zusammengesetzt. Nun sind Temperaturunterschiede für den Physiker nichts Qualitatives mehr, die Temperatur ist überhaupt als besondere Qualität aus der physikalischen Weltanschauung fortgeschafft, sie ist restlos zurückgeführt auf die mechanischen Begriffe der Masse, des Raumes und der Zeit und damit in einem strengen Sinn meßbar geworden, ihrem Wesen nach restlos erkannt. Aus der Betrachtung dieser Verhältnisse ergibt sich mit Klarheit: Qualitäten sind nur dann vollständig erkannt, d. h. durch Kombinationen bereits vorhandener Begriffe vollkommen und eindeutig zu bezeichnen (siehe weiter oben), wenn es gelingt, sie quantitativ auf andere zurückzuführen. Und dadurch werden sie in ihrer Eigenschaft als besondere Qualitäten aus dem Weltbild gänzlich eliminiert. Möglichkeit der quantitativen Bestimmung ist also nicht nur eine willkommene zur strengeren Fassung nötige Beigabe der Erkennenis, sondern sie ist die unumgängliche Bedingung der restlosen Erkenntnis überhaupt. Nur die quantitative, also letztenendes additive Zurückführung von Größen aufeinander gestattet, die einen in den andern unverändert vollständig wiederzufinden, nämlich als Teile im Ganzen, als Summanden in der Summe. Der Eliminationsprozeß der Qualitäten ist der Kern aller Erkenntnisfortschritte der erklärenden Wissenschaften. Die ältesten naturphilosophischen Annahmen über die Qualitäten des objektiven Seins leiten sich naturgemäß unmittelbar von den Sinnesdaten ab; der Einteilung in die "vier Elemente" liegen z. B. deutlich die Empfindungen des Hautsinnes (und Muskelsinnes) zugrunde: das Wasser ist das Feuchte, das Feuer das Warme, die Erde das Harte, Schwere, die Luft das Leichte, Nachgiebige. Die in den Lehrbüchern noch heute übliche Einteilung der Physik in Mechanik, Akustik, Optik, Wärmelehre beruth durchaus auf den Unterschieden der Sinnesgebiete: die Mechanik entspricht dem Tast- und Muskelsinn, die Akustik dem Ohr, die Optik dem Auge und die Wärmelehre dem Temperatursinn. In der Theorie sind diese Scheidungen natürlich längst aufgegeben. Im Laufe der Zeit sind zunächst die sinnlichen und darauf die an ihre Stelle gerückten objektiven Qualitäten immer mehr eliminiert worden, bis zuletzt nur noch eine ganz geringe Anzahl nicht weiter reduzierter Qualitäten (z. B. die oben erwähnten elektrischen und magnetischen Feldstärken) übrig geblieben ist. Aus ihnen baut die Physik die ganze objektive Welt auf, und alle in ihrem Weltbild vorkommenden Größen werden als räumliche oder zeitliche Kombinationen jener fundamentalen Qualitäten dargestellt. Diese letzteren werden zweckmäßig mit dem Namen "Intensitäten" bezeichnet. Es versteht sich von selbst, daß die Wissenschaft in ihrem Weltbild nicht etwa ohne jede Qualität auskommen und die Natur als ein Spiel reiner Quantitäten betrachten kann. Die Redeweise vom qualitätslosen Atom und dgl. entbehrt des Sinnes, denn Quantität ist eine Abstraktion, die voraussetzt, daß irgendetwas das ist, dessen Quantität sie ist. Es kann nicht sein, ohne irgendwie zu sein; Sein und Qualitätsein ist dasselbe. (Dies hat besonders ERICH BECHER mit Nachdruck betont; er sagt z. B. "Philosophische Voraussetzungen der exakten Naturwissenschaften", Seite 87 -: "Alles, was ist, ist Qualität ..."). Auch die objektive Raum-Zeit-Mannigfaltigkeit ist natürlich unbeschadet ihres extensiven Charakter als etwas Qualitatives aufzufassen, denn sie muß sich doch irgendwie von anderen vierdimensionalen Mannigfaltigkeiten unterscheiden, die quantitativ genau gleich bestimmt sind. Nachdem übrigens einmal die gegenseitige Abhängigkeit der einzelnen Größen endgültig aufgedeckt ist, besteht eine gewisse Willkür, welche Intensitäten man als die fundamentalen bezeichnen, d. h. als diejenigen benutzen will, auf welche alle anderen reduziert werden. Denn wegen der durchgehenden wechselseitigen Beziehungen kann ich stets die bisher als fundamental angenommenen Qualitäten durch einige der übrigen ausdrücken und nun diese letzteren als diejenigen wählen, auf welche alle anderen zurückzuführen sind. So brauche ich - um ein Beispiel herauszugreifen - im Aufbau der gewöhnlichen NEWTONschen Mechanik als Grundbegriffe nicht die üblichen der Masse, der Zeit und der Strecke anzunehmen, sondern ich kann statt ihrer ebensogut etwa das Volumen, die Geschwindigkeit und die Energie zugrunde legen und alle übrigen in der Mechanik auftretenden Größen auf sie reduzieren. Es ist nur eine praktische Frage der Zweckmäßigkeit, für welche Möglichkeit man sich entscheidet. Es wäre also ein unzulässige metaphysische Interpretation des wissenschaftlichen Weltbildes, wenn wir sagen wollten, daß in der Außenwelt überhaupt keine anderen Qualitäten objektiv existieren als jene letzten "Intensitäten", deren quantitative Abwandlungen die Bausteine des Universums der Physik bilden. Denn das physikalische Weltbild ist ein System von Begriffen, das nicht mit der Wirklichkeit selber verwechselt werden darf: wir können die Realitäten der Welt eindeutig bezeichnen durch zusammengesetzte Begriffe, die durch Kombinationen einiger weniger elementarer Bestandteile entstanden sind. Aber jene Realitäten selber werden stets auch als "einfache" aufgefaßt werden können. Das sieht man am leichtesten, wenn man sich die soeben erörterte Willkür in Bezug auf die Wahl der letzten Bausteine des Weltbildes vor Augen hält. Man wird also das "Universum ansich" als eine Mannigfaltigkeit unendlich vieler verschiedener Qualitäten beschreiben müssen, die auf solche Weise miteinander verwoben und voneinander abhängig sind, daß sie sich durch die quantitativen Begriffssysteme der Naturwissenschaften bezeichnen lassen. Durch dieses wird die Gesetzmäßigkeit ihres Entstehens und Vergehens wiedergegeben (wobei die Worte Werden und Vergehen im übertragenen Sinn zu nehmen sind, denn es handelt sich ja nicht um Änderungen in der anschaulichen Zeit, sondern um Stellungen in der objektiven Ordnung). Jeder von den Außenweltsqualitäten kann man einen Begriff zuordnen, der aus einer Kombination von Begriffen anderer Qualitäten gebildet ist: darin drückt sich eben die Gesetzmäßigkeit des allseitigen Zusammenhangs aus, denn erst durch sie wird eine derartige Zuordnung möglich. Jene Gesetzmäßigkeit auffinden heißt die Außenwelt erkennen, denn mit ihr wird das Allgemeinste im Einzelnen wiedergefunden und dieses dadurch erkannt. Die Objekte der Außenwelt, die Dinge-ansich, werden auf diese Weise als gesetzmäßige Zusammenhänge von Qualitäten bestimmt. (Die Betrachtung der Einzelheiten dieses Erkenntnisprozesses muß naturphilosophischen Untersuchungen vorbehalten bleiben, die ich an anderer Stelle mitzuteilen gedenke). Ein Atom, ein Elektron ist also aufzufassen als ein Verband von Qualitäten, die durch bestimmte Gesetze miteinander verknüpft sind - nicht als ein substantielles Ding, welches seine Qualitäten als Eigenschaften trägt und von ihnen, eben als ihr Träger, unterschieden werden könnte. Die Kritik, die HUME gegen diesen Substanzbegriff gerichtet hat, besteht noch immer völlig zu Recht. Wenn man, wie MACHs Positivismus es getan hat, mit dem Ausdruck "Ding ansich" nichts anderes bezeichnen wollte als die Substanz in diesem Sinn, so wäre der Kampf gegen das Ding-ansich sehr berechtigt und sehr nötig. Die Idee eines von den Eigenschaften unabhängigen und sie nur tragenden Kerns ist in der Tat verfehlt, denn der Kern selbst wäre dann ja etwas Eigenschaftsloses. Wir brauchen uns mit dieser Idee nicht weiter zu befassen, denn wir sind bei unserer Analyse überhaupt nicht auf sie gestoßen und können den Prozeß der Naturerkenntnis ohne sie verständlich machen. Dadurch ist ihre Entbehrlichkeit bewiesen. An einer anderen Stelle (Zeitschrift für philosophie und philosophische Kritik, Bd. 159, Seite 172f) habe ich darauf aufmerksam gemacht, daß die Naturwissenschaft in besonderen Fällen sich auch durch empirische, experimentelle Tatsachen gezwungen sieht, den alten Substanzbegriff zu verlassen. Alle Erkenntnis geht also in letzter Linie auf Beziehungen, Abhängigkeiten, nicht auf Dinge, Substanzen. Die Frage nach dem wahren Wesen dieser oder jener Qualität beantwortet sich durch ihre Einordnung in das quantitative Begriffssystem, also durch eine Zurückführung auf die zugrunde gelegten fundamentalen Intensitäten. Und diese Antwort, sobald sie einmal vollständig gefunden ist, hat definitiven Charakter. Wer da meint, daß hiermit das "eigentliche Wesen" der Qualitäten noch nicht ausreichend bestimmt ist, sondern etwa noch verlangt, sie so kennen zu lernen, wie uns die bewußten Qualitäten Lust, Schmerz, warm gelb usw. bekannt sind, der ist wieder dem Irrtum verfallen, welcher Erleben mit Erkennen verwechselt und den wir schon so oft als verwirrend erkannt haben. Was Erkenntnis überhaupt leisten kann, wird in Bezug auf die Qualitäten des Universums durch die Naturwissenschaften in der geschilderten Weise restlos geleistet: sie werden vollkommen erkannt. Bekannt werden sie uns freilich nie; unser Erkenntnistrieb hat aber auch gar keinen Anlaß es zu wünschen, denn ihm wäre damit nichts geholfen. Gerade umgekehrt steht es mit den Qualitäten, welche den Inhalt unseres Bewußtseins bilden. Sie sind uns absolut bekannt, wie aber ist es mit ihrer Erkenntnis bestellt? Im Vergleich mit der Erkenntnis der Außenweltsqualitäten offenbar schlecht genug; denn die Psychologie, welche die Erforschung der subjektiven, bekannten Qualitäten zum Gegenstand hat, kann sich in Bezug zum Umfang und Erkenntniswert ihrer Resultate mit den Naturwissenschaften wohl messen. Und es ist klar, daß zwischen beiden sogar ein prinzipieller Unterschied besteht. In der Tat: die introspektive Psychologie kann niemals über das Stadium der qualitativen Erkenntnis hinausgelangen, für sie ist die unendliche Mannigfaltigkeit der psychischen Qualitäten schlechthin unreduzierbar, jede ist den anderen gegenüber etwas Neues und weist keine extensiven Eigenschaften auf. Jede Empfindung z. B. ist ihrer Natur nach einfach und unzerlegbar; das Verhältnis zwischen einer intensiveren und einer schwächeren Gelbempfindung ist nicht so, daß die erstere aus der schwächeren plus einer zweiten schwächeren bestehen würde, sondern sie wird ihr gegenüber als etwas qualitativ anderes von gleicher Einfachheit und Unteilbarkeit erlebt. Unanfechtbar ist die in dem berühmten kantischen Wort enthaltene Wahrheit, daß "Mathematik auf die Phänomene des inneren Sinnes und ihre Gesetze nicht anwendbar ist." Alle durch die introspektive Methode zu gewinnenden psychischen Gesetzmäßigkeiten (man denke etwa an die Gesetze der Assoziationen, der Aufmerksamkeit, der Willensakte) sagen höchstens aus, daß das Vorhandensein bestimmter Daten die Bedingung für das Auftreten gewisser anderer Daten ist; sie geben also gar wohl eine Kausalerkenntnis, aber die kausal verbundenen Glieder selbst werden dabei auf keine Weise erkannt, wie das bei quantitativer Kausalerkenntnis der Fall wäre, sie bleiben vielmehr jedes für sich in seiner Besonderheit bestehen. Wir würden unendlich viele Begriffe gebrauchen, um die Mannigfaltigkeit der Erlebnisse vollkommen zu beschreiben, denn da sie irreduzibel sind, hätten wir für jedes einen eigenen Begriff nötig. Gibt es keinen Ausweg, um auch in der Psychologie die Stufe der quantitativen Erkenntnis zu erklimmen, auf der es, wie wir gesehen haben, allein möglich wird, das Ziel der Erkenntnis vollständig zu erreichen? Wir haben soeben das Verfahren kennen gelernt, mit Hilfe dessen die Naturwissenschaft Qualitäten durch quantitative Begriffsbildung meistert; es wäre also zu fragen, ob dieses Verfahren auch auf die subjektiven Qualitäten des Bewußtseins anwendbar ist. Damit es anwendbar ist, ist nach den vorhergehenden Betrachtungen erforderlich, daß es räumliche Änderungen gibt, die in völlig bestimmter eindeutiger Weise mit den Qualitäten zusammenhängen; denn dann kann die Aufgabe auf die Methode der raumzeitlichen Koinzidenzen zurückgeführt werden und es wird eine Messung möglich. Das Verfahren der Koinzidenzen aber besteht wesentlich aus physikalischer Beobachtung; beim introspektiven Verfahren gibt es dergleichen nicht. Daraus folgt sofort, daß die Psychologie auf introspektivem Weg das Erkenntnisideal nie erreichen kann. Sie muß also versuchen, für ihre Zwecke die physische Beobachtung zu verwerten. Ist das nun möglich? gibt es räumliche Änderungen, die von den Bewußtseinsqualitäten in ähnlicher Weise abhängen, wie etwa in der Optik der Abstand der Interferenzstreifen von der Farbe, in der Elektrizitätslehre der Ausschlag der Magnetnadel von der magnetischen Feldstärke? Nun, man weiß, daß in der Tat zwischen den subjektiven Qualitäten und der objektiv erschlossenen Welt eine genau bestimmte eindeutige Zuordnung anzunehmen ist. Daß zwischen den als "Sinnesempfindungen" bezeichneten subjektiven Qualitäten und der Außenwelt ein derartiges Verhältnis stattfindet, versteht sich von selbst, denn dieses war es ja gerade, was überhaupt erst zur Setzung und Erkenntnis objektiver Realitäten führte. Daß aber auch zu den übrigen Erlebnissen eindeutig mit ihnen zusammenhängende "physische" Vorgänge sich finden lasen oder zumindest angenommen werden müssen, das lehrt eine weitreichende Erfahrung. Es gibt keine Bewußtseinsqualität, die nicht durch Einwirkungen auf den Körper beeinflußt werden könnte; vermögen wir doch das gesamte Bewußtsein sogar durch eine einfache physische Manipulation (wie z. B. das Einatmen eines Gases) zum Verschwinden zu bringen. Mit Willenserlebnissen hängen unsere Handlungen zusammen, mit körperlicher Erschöpfung, Halluzinationen, mit Magenstörungen, Gemütsdepressionen usw. Zur Erforschung derartiger Zusammenhänge muß die Seelenlehre die reine Methode der Introspektion verlassen und zur physiologischen Psychologie werden. Sie allein kann zu einer prinzipiell vollständigen Erkenntnis des Psychischen gelangen. Mit ihrer Hilfe wird es dann möglich, den gegebenen, subjektiven Qualitäten ihrerseits Begriffe zuzuordnen, ganz wie den erschlossenen objektiven Qualitäten, und damit sind jene erkennbar geworden, wie diese. Es hat sich längst herausgestellt, daß derjenige Teil der objektiven Welt, der mit sämtlichen subjektiven Qualitäten eines Ich am unmittelbarsten zusammenhängt, eben der ist, welcher durch den Begriff des Gehirns, spezieller der Großhirnrinde, des Individuums bezeichnet wird. Die zahlenmäßigen Begriffe, welche man im exakten Weltbild der wissenschaftlichen Erkenntnis für die subjektiven Qualitäten substituieren muß, sind daher keine anderen als irgendwelche bestimmten Gehirnprozesse. Zu ihnen führt die Analyse der wechselseitigen Abhängigkeiten unter allen Umständen. Wenn wir auch unabsehbar weit davon entfernt sind, genau zu wissen, welche Prozesse da im Einzelnen in Frage kommen, so ist doch zumindest der Weg gewiesen: es müssen zerebrale Prozesse für die subjektiven Qualitäten substituiert werden; nur so besteht Hoffnung, sie restlos zu erkennen. Der Weg zur Erkenntnis aller Qualitäten, mögen sie objektiv oder subjektiv sein, ist immer der gleiche: es wird das Zeichensystem der naturwissenschaftlichen Begriffe für sie eingeführt, und sie werden dadurch aus dem Weltbild der exakten Wissenschaft eliminiert; d. h. natürlich nicht: aus der Welt geschafft. Sie sind ja im Gegenteil das allein Reale, und jenes Weltbild ist nur ein aus begrifflichen Zeichen konstruiertes Gebäude. Eine endgültige Erkenntnis von Qualitäten, so kann ich zusammenfassend sagen, ist nur durch die quantitative Methode möglich. Das Bewußtseinsleben ist also nur insofern vollkommen erkennbar, als es gelingt, die introspektive Psychologie in eine physiologische, naturwissenschaftliche, in letzter Linie in eine Physik der Gehirnvorgänge, überzuführen. Man könnte vielleicht glauben, eine Messung und damit eine quantitative Beherrschung psychischer Größen könnte auch auf eine mehr mittelbare Weise ohne eine genaue Erforschung der nervösen Prozesse schon stattfinden. Die Psychophysik FECHNERs nämlich scheint doch zumindest Empfindungen zahlenmäßig zu bemeistern, indem sie Reizstärken mißt; und dazu bedarf sie keines Einblicks in die Natur der zentralen Nervenprozesse. Aber gesetzt, daß selbst die psychophysische Methode FECHNERs sich von all ihren Unvollkommenheiten befreien ließe und auch auf andere Gebilde aus Empfindungen anwendbar wäre (was wiederum praktisch ausgeschlossen erscheint), so wäre damit eine Erkenntnis des Psychischen im höchsten Sinne doch keineswegs gewonnen. Es wäre wohl eine Zuordnung von Zahlen zu seelischen Größen nach einer willkürlichen Skala erzielt, aber sie wären nicht auf etwas anderes zurückgeführt und blieben untereinander völlig unverbunden, von einer Wesenserkenntnis könnte man nicht sprechen. Man hat denselben Fall wie im oben betrachteten physikalischen Beispiel: das Wesen der "Temperatur" blieb solange unbekannt, als ihre Messung nur durch eine Zuordnung von Zahlen aufgrund einer willkürlichen Skala erfolgen konnte; die mechanische Theorie der Wärme aber, welche anstelle der Temperatur die lebendige Kraft der Moleküle einführte, gab damit zugleich ein natürliches Prinzip der quantitativen Beherrschung, das jede Willkür ausschaltete. Erst wenn die quantitativen Beziehungen nicht bloß eine willkürliche Festsetzung widerspiegeln, sondern gleichsam aus der Natur der Sache folgen und eingesehen werden, stellen sie eine Erkenntnis des Wesens dar. (2) Wie hier die Temperatur auf mechanische, so müßten die Bewußtseinsdaten, um wahrhaft erkannt zu werden, allgemein durch natürliche Prinzipien auf physikalische Bestimmungen zurückgeführt werden; und wie das bei der Temperatur, der objektiven Wärmequalität, nur möglich ist durch Hypothesen über die molekulare Struktur der Materie, so bedarf es zur Erkenntnis der subjektiven psychischen Qualitäten eindringender physiologischer Hypothesen über die Natur der Gehirnvorgänge. Der gegenwärtige Stand der Forschung erlaubt aber leider noch nicht die Aufstellung derartiger genügend spezieller Hypothesen, wie sie zur Erreichung dieses letzten Zieles der Psychologie erforderlich wären. Die zuletzt angestellten Erwägungen führen in den Gedankenkreis jenes großen Problems, das in der neueren Philosophie, etwa seit DESCARTES, im Mittelpunkt aller Metaphysik steht: es ist die Frage nach dem Verhältnis des Geistigen zum Körperlichen, der "Seele" zum Leib. Sie gehört, wie ich glaube, zu den Problemen, die einer falschen Fragestellung ihr Dasein verdanken. In der Tat: auf dem Standpunkt, den wir durch die vorhergehenden Betrachtungen gewonnen haben, entrollt sich vor uns ein Weltbild ohne dunkle Schlupfwinkel, in denen sich die eigentümlichen Schwierigkeiten verbergen könnten, die unter dem Namen des psychophysischen Problems gefürchtet sind. Es ist auf jenem Standpunkt schon gelöst, ehe es noch gestellt werden kann. Dies wollen wir nun nachweisen. Um aber zu einer vollkommenen Beruhigung über die Frage zu gelangen, müssen wir dann auch die Quelle des Irrtums aufdecken, durch den die Leib-Seele-Frage zu einem quälenden Problem werden konnte. Den Begriff des Psychischen hatten wir längst fest umgrenzt: er bezeichnete das "schlechthin Gegebene", welches mit "Bewußtseinsinhalt" identisch war; und der Sinn dieser Ausdrücke bedarf wohl keiner näheren Erläuterung mehr. Zu einer Definition des Physischen dagegen lag bisher keine Notwendigkeit und kein Bedürfnis vor. Wir müssen sie nunmehr nachholen, und es wird sich zeigen, daß tatsächlich nichts nötig ist als eine deutliche Vergegenwärtigung der im Begriff des Körperlichen vereinigten Merkmale, um zu völliger Klarheit über das vermeintliche Problem zu gelangen. Das Universum stellte sich uns dar als eine unendliche Mannigfaltigkeit von Qualitäten. Diejenigen von ihnen, die dem Zusammenhang eines Bewußtseins angehören, bezeichneten wir als subjektiv; sie sind das Gegebene und Bekannte. Ihnen gegenüber stehen die objektiven als nicht gegeben und nicht bekannt gegenüber. Die ersteren sind natürlich das, was wir psychisch nennen, wir haben diesen Namen auch schon für sie gebraucht. Sollen wir nun die zweiten, die objektiven, als die physischen bezeichnen? Es wäre gewiß das nächstliegende, aber wir dürften es nur dann, wenn der so bestimmte Begriff auch gerade genau das bedeuten würde, was man in der üblichen Sprechweise mit dem Ausdruck "physisch" treffen will. Das ist nun aber bei näherem Zusehen nicht der Fall. Zwar pflegt man unter "physisch" alles zu verstehen (mag es im Übrigen als Ding, Eigenschaft, Vorgang oder sonst was gelten), was nicht der Innenwelt eines bewußten Wesens zuzurechnen ist, also weder dem Zusammenhang des eigenen Ich noch demjenigen eines fremden Bewußtseins angehört: es scheinen folglich unsere objektiven Qualitäten unter diesen Begriff des Physischen zu fallen, zumindest wenn wir von der Lehre jener Denker absehen, die mit einem "unbewußten Psychischen" glauben rechnen zu müssen. Aber nun denkt jedermann im Leben wie in den Wissenschaften unter dem Begriff des Physischen noch andere Merkmale mit, welche gerade als die wesentlichen gelten, die aber hier, nicht zu genügender Klarheit gebracht, ganz am unrechten Ort stehen, und denen man die Schuld an der Entstehung des "psychophysischen Problems" überhaupt aufbürden muß: es sind die Merkmale der Räumlichkeit. Das Körperliche und das Ausgedehnte sind nicht nur fast stets als untrennbar zusammengehörig, sondern oft genug als schlechthin identisch betrachtet worden; so bekanntlich bei DESCARTES. Räumliche Ausdehnung gehörte immer zur Definition des physischen Körpers; KANT benutzte daher geradezu den Satz: "alle Körper sind ausgedehnt" als Beispiel eines analytischen Urteils. Räumlichkeit ist das wesentliche Merkmal alles Physischen im gebräuchlichen Sinn. Dieser übliche Sinn weiß nichts von dem Unterschied, auf den wir das allergrößte Gewicht legen mußten: das ist der Unterschied zwischen dem Räumlichen als anschaulichem Datum und dem "Raum" als Ordnungsschema der objektiven Welt (oben § 27). Das letztere hatten wir in Ermangelung eines besseren Ausdrucks als den objektiven oder transzendenten Raum bezeichnet, zugleich aber betont, daß damit eine übertragene Bedeutung des Wortes "Raum" eingeführt wird, die nicht sorgfältig genug von der ursprünglichen getrennt werden kann, wonach "Raum" durchaus etwas Anschauliches bedeutet. Es war aber das wichtige Ergebnis (früher § 28) angestellter Betrachtungen, daß eben diese anschauliche Räumlichkeit der extramentalen Welt, den objektiven Qualitäten, nicht zukommt. Wollten wir also die letzteren als physisch bezeichnen, so würden physische Objekte in diesem Sinn keineswegs die anschaulichen, wahrnehmbaren und vorstellbaren Körper sein, die man gemeinhin unter dem Terminus verstehen will. Wir müssen deshalb diesen Terminus zur Bezeichnung der extramentalen Qualitäten vermeiden, wie wir uns ja auch vor den Worten Raum und Zeit in der Anwendung auf die transzendente Ordnung der Dinge hüten wollen. Wir wissen, daß vorstellbare Ausdehnung ganz allein eine Eigenschaft gerade der subjektiven Qualitäten ist; Räumlichkeit in diesem Sinn besitzt also nicht das physische, objektive, sondern im Gegenteil das psychische, subjektive Sein. In jenem populären Begriff des Körperlichen sollen also Merkmal vereint sein, die sich realiter nicht miteinander vertragen: es soll sowohl Ding-ansich (d. h. kein Bewußtseinsinhalt) als auch mit der anschaulichen, wahrnehmbaren Eigenschaft der Ausdehnun behaftet sein. Da beides unvereinbar ist, so muß dieser Begriff des Physischen (Körperlichen, Materiellen) zu Widersprüchen Anlaß geben: es sind eben die Widersprüche, welche das psychophysische Problem ausmachen. Alle großen philosophischen Probleme nämlich beruhen auf störenden, quälenden Widersprüchen, und sie stellen sich äußerlich in gewissen Begriffsgegensätzen dar, deren Versöhnung eben eine Lösung der philosophischen Aufgabe bedeutet. Solche gegensätzlichen Begriffspaare sind z. B. "Freiheit-Notwendigkeit", "Egoismus-Altruismus", "Wesen-Erscheinung" (vgl. § 26) und zu ihnen gehört auch unser Begriffspaar "physisch-psychisch", oder "Leib-Seele", "Materie-Geist" oder durch welche Schlagworte man es sonst auch wiedergeben mag. So haben wir den überkommenen Begriff des Physischen als unvollziehbar, als falsch gebildet erkannt. Sollen wir nun, wie wir eigentlich müßten, den Gebrauch des Wortes überhaupt ablehnen und erklären: Es gibt überhaupt keine physischen Körper? Das wäre natürlich nicht recht, denn es muß sich offenbar irgendwie ein Gebiet zur legitimen Anwendung des Wortes finden lassen, da es sonst nicht die eminent praktische und methodische Bedeutung hätte gewinnen können, die es tatsächlich entfaltet hat. Der Gegenstand der "Physik" muß ja auf irgendeine Weise anzugeben und zu umgrenzen sein. Bis jetzt haben wir zumindest negativ festgestellt, daß wir diesen Zweck verfehlen würden, wenn wir den Terminus "physisch" einfach zur Bezeichung aller nichtphysischen Qualitäten zulassen wollten. Die Ergebnisse früherer Betrachtungen liefern uns aber die Mittel, die Aufgabe auch positiv zu lösen. Vorerst aber ist es wichtig, den Nachweis zu führen, daß es für uns ein Leib-Seele-Problem überhaupt nicht mehr geben kann, daß wir einen widerspruchsvollen Gegensatz zwischen Körper und Geist nicht zu fürchten brauchen, wenn wir auf dem Standpunkt verharren, zu dem die Untersuchungen der vorhergehenden Kapitale uns hinaufgeführt haben. Die Welt ist ein buntes Gefüge zusammenhängender Qualitäten; ein Teil von ihnen ist meinem (oder irgendeinem anderen) Bewußtsein gegeben, und diese nenne ich subjektiv oder psychisch; ein anderer Teil ist keinem Bewußtsein unmittelbar gegeben und diesen bezeichne ich als objektiv - jedoch nicht etwa als physisch. Mit allem Nachdruck mußten wir das Mißverständnis zurückweisen, als könnte man den beiden eine verschiedene Art oder einen verschiedenen Grad von Wirklichkeit zuschreiben, die einen etwa als bloße "Erscheinungen" der andern charakterisieren. Sie sind vielmehr alle sozusagen als gleichwertig zu betrachten, die einen gehören so gut in den durchgehenden Zusammenhang des Universums wie die andern; wir können nicht sagen, daß zwischen den Rollen, die sie in der Welt spielen, ein prinzipieller Unterschied bestände. In jenem Zusammenhang ist allgemein gesprochen alles von allem abhängig, jedes Geschehnis darin ist eine Funktion aller übrigen Geschehnisse und es kommt dabei gar nicht darauf an, ob es sich um objektive oder subjektive Qualitäten handelt. Ob ich jetzt rot sehe oder Freude erlebe, das wird ebensowohl von eigenen früheren Erlebnissen, also von psychischen Qualitäten, abhängen, wie auch vom Vorhandensein irgendwelcher extramentaler Qualitäten, die sogar durch die im vorigen Paragraphen beschriebenen Methoden meiner Erkenntnis zugänglich sind. Und umgekehrt werden auch die letzteren vom Wechsel der ersteren abhängen, sie sind z. B. sicherlich Funktionen meiner "Willens"erlebnisse, denn die objektiven Ereignisse werden doch zweifellos durch mein Handeln beeinflußt: wenn ich z. B. die Empfindungen des Losdrückens eines Revolvers habe und den Knall höre, so geschieht damit sicherlich auch etwas in der extramentalen Welt. Ohne Frage besteht eine durchgehende Abhängigkeit, eine "Wechselwirkung" zwischen den Qualitäten des Universums, also z. B. auch zwischen denen, die meinem Bewußtsein angehören, und jenen extramentalen, welche durch den physischen Begriff "mein Leib" bezeichnet werden. Das ist alles ganz natürlich und fügt sich ohne Schwierigkeit und Zwang in das gewonnene Weltbild ein, es ist kein Problem dabei, es fehlt jedes Motiv, das zu irgendeiner anderen Annahme drängen würde, etwa zur Stellung der Frage, ob nicht vielleicht statt eines allseitigen durchgehenden Zusammenhangs des Wirklichen eine "prästabilierte Harmonie" zwischen Bewußtsein und "Außenwelt" besteht ... nur von einer ganz falschen Position aus kann man zu einer derartigen Fragestellung gelangen. Es könnte somit scheinen, als müßten wir in der Leib-Seele-Frage die Partei derjenigen Denker ergreifen, die eine psychophysische Wechselwirkung lehren. Aber dem ist in Wahrheit nicht so. Denn wir müssen uns erinnern, daß die, welche das Leib-Seele-Problem stellen und zu lösen suchen, unter "physisch" etwas anderes verstehen als unsere extramentalen Qualitäten; sie legen ja die übliche Vorstellung des anschaulichen räumlich ausgedehnten Körpers zugrunde. Daß aber dieser Körperbegriff in sich widerspruchsvoll ist, haben wir soeben festgestellt. Wir müssen nun zusehen, wie sich das ohne Widerspruch ausdrücken läßt, was im hergebrachten Begriff des Physischen wahrhaft gemeint sein soll. Damit wird dann zugleich endlich für uns festgelegt, welche Bedeutung wir mit dem Wort "physisch" künftighin zu verbinden haben. Zu diesem Zweck brauchen wir nur auf die Entwicklungen des vorigen Paragraphen zurückzuschauen, welche uns zeigten, wie die Naturwissenschaft zum Aufbau ihres rein quantitativen Weltbildes gelangt. In diesem Weltbild entstand durch die Ausmerzung der "sekundären Qualitäten" derjenige Begriff der physischen Materie, des qualitätslosen, aber ausgedehnten Stoffes, der seit DEMOKRIT bis zu DESCARTES und über KANT hinaus die naturphilosophische Spekulation beherrscht. Wir haben eingesehen, daß jenes ganze Weltbild nur ein System von Zeichen ist, das wir den Qualitäten und Qualitätskomplexen zuordnen, deren Gesamtheit und Zusammenhang das Universum bildet. Der physische Körper in seiner quantitativen Bestimmtheit ist also ein bloßer Begriff, nichts Wirkliches; das Wirkliche ist immer ein Gefüge von Qualitäten. Die Begriffe vertreten in unserem Denken die extramentale Wirklichkeit, dürfen aber nicht mit ihr verwechselt werden. Das erkenntnistheoretisch noch nicht abgeklärte Denken verwechselt aber nicht nur leicht den Begriff mit dem realen Gegenstand, den er bezeichnet, sondern auch mit den anschaulichen Vorstellungen, welche in unserem Bewußtsein den Begriff repräsentieren. Wenn wir den wissenschaftlichen Begriff eines bestimmten Körpers denken, so geschieht dies durch Vorstellungen, z. B. Gesichtsbilder, die das anschauliche Merkmal der Ausdehnung tragen. Der strenge Begriff des Körpers dagegen enthält davon nichts, sondern nur gewisse Zahlen, welche die "Abmessungen", die "Gestalt" des Körpers angeben, und das bedeutet nicht - wie ausführlich dargelegt - ein objektives Vorhandensein räumlich-anschaulicher Eigenschaften am wirklichen Gegenstand (diese kommen ja nur den Wahrnehmungen und Vorstellungen, nicht etwa dem Extramentalen zu), sondern es bedeutet jene unanschauliche, unverstellbare Ordnung, in welcher die objektiven Qualitäten der Welt untereinander stehen. "Physisch" bedeutet folglich nicht eine besondere Art des Wirklichen, nämlich die zur Wirklichkeitserkenntnis notwendige naturwissenschaftliche Begriffsbildung. "Physisch" darf nicht mißverstanden werden als eine Eigenschaft, die einem Teil des Wirklichen zukäme, einem andern nicht: es ist vielmehr ein Wort für eine Gattung begrifflicher Konstruktion, so wie etwa "geographisch" oder "mathematisch" nicht irgendwelche Besonderheiten an realen Dingen bezeichnen, sondern immer nur eine Weise, sie durch Begriffe darzustellen. Die Physik ist das System exakter Begriffe, welches unsere Erkenntnis allem Wirklichen zuordnet. Allem Wirklichen, denn im Prinzip ist die gesamte Welt der Bezeichnung durch jenes Begriffssystem zugänglich. Natur ist alles, alles Wirkliche ist natürlich. Geist, Bewußtseinsleben, ist kein Gegensatz zur Natur, sondern ein Ausschnitt aus der Gesamtheit des Natürlichen. Daß wir mit dieser Auffassung das Richtige treffen, zeigt sich nachträglich klar bei einer kritischen Betrachtung anderer Versuche, für das Physische eine einwandfreie Definition zu finden. Moderne Denker, die sich mit der Frage beschäftigten, bemühen sich zumeist, den Unterschied des Körperlichen und Seelischen in einen Unterschied der Betrachtungsweisen aufzulösen. Zwei so verschieden gerichtete Philosophen wie MACH und WUNDT stimmen darin überein, daß Physik und Psychologie es schließlich mit denselben Gegenständen zu tun haben, die sie nur auf verschiedene Art bearbeiten. Achten wir, meint MACH, auf die Abhängigkeit eines "Elementes" von denjenigen Elementen, die meinen Körper bilden, so ist es ein psychisches Objekt, eine Empfindung; untersuchen wir es dagegen in seiner Abhängigkeit von anderen "Elementen", so treiben wir Physik, und es ist ein physikalisches Objekt. "Nicht der Stoff, sondern die Untersuchungsrichtung ist in beiden Gebieten verschieden (Analyse der Empfindungen, Seite 14). Nun haben wir uns aber in den letzten und in früheren Paragraphen (§ 24, 25) überzeugt, daß das Wesen der physischen Forschung mit dieser Bestimmung nicht richtig getroffen wird. Die unmittelbar gegebenen Elemente gehen niemals selber in die physikalischen Theorien ein, sie werden unter allen Umständen eliminiert, und erst das, was ihnen substituiert wird, heißt physisch. Das sind aber die Größenbegriffe, welche an die Stelle der gegebenen Qualitäten treten. Diese selbst bleiben ansich und in jeder Betrachtungsweise psychisch. Das Gelb dieser Sonnenblume, der Wohlklang jenes Glockentones sind seelische Größen und gehören niemals in den Kreis der physischen Objekte; die physikalischen Gesetzmäßigkeiten handeln nicht von ihnen, sondern von Schwingungszahlen, Amplituden und dgl. Größen, und diese bauen sich nimmermehr aus subjektiven Qualitäten auf. WUNDT bezeichnet den Standpunkt der Naturwissenschaft als denjenigen der mittelbaren Erfahrung im Gegensatz zu dem der Psychologie als demjenigen der unmittelbaren Erfahrung, und er hebt hervor,
Da erschien es schon aussichtsvoller, bei der Definition des Physischen gerade Gewicht darauf zu legen, daß es im Gegensatz zum Seelischen nicht ein unmittelbar erlebtes Wirkliches ist, sondern daß wir zu seiner Setzung nur durch die Vermittlung des Psychischen gelangen, und die Ausdrücke unmittelbare und mittelbare Erfahrung in diesem Sinne zu verstehen. Aber da ist zu bedenken, daß dann auch psychische Qualitäten Gegenstände der mittelbaren Erfahrung sein können, nämlich diejenigen, die einem fremden Bewußtsein angehören, denn zu ihrer Setzung gelangen wir bekanntlich erst durch Analogieschlüsse. Die eigentliche Meinung war jedoch offenbar, physisch sei jenes Wirkliche, das prinzipiell überhaupt nur der mittelbaren Erfahrung zugänglich ist. Dahin zielt wohl der Definitionsversuch MÜNSTERBERGs, welcher sagt (Prinzipien der Psychologie I, Seite 72, 1900), es bedeute "psychisch, was nur einem Subjekt erfahrbar ist, physisch, was mehreren Subjekten gemeinsam erfahrbar gemacht werden kann". Ihm schließt sich AUGUST MESSER (Einführung in die Erkenntnistheorie, 1909, Seite 121) an. Diese Bestimmung könnte nur dann als einwandfreie Definition gelten, wenn das Wort "erfahrbar" hier beide Male dasselbe bedeuten würde, wenn es einerlei Erfahrung wäre, durch welche die beiden Reiche uns gegeben wären. Aber dies trifft ja nicht zu, denn eine seelische Qualität ist eben schlechthin, unmittelbar gegeben, und immer nur dem Subjekt, welches sie erlebt; bei einem physischen Gegenstand dagegen ist erfahrbar nicht gleich erlebbar, seine Beziehung zu uns ist eine mittelbare, und in einer solchen Beziehung kann er zu vielen Subjekten zugleich stehen. Das gilt aber wiederum ebenso gut vom psychischen Leben anderer Individuen: von ihm können gleichfalls beliebig viele Subjekte eine mittelbare Erfahrung besitzen. Freilich ist das eine ganz verschiedene Art von Erfahrung, aber auf diese Verschiedenheit kommt es gerade an, und solange sie nicht durch die Definition erfaßt wird, ist eben die Abgrenzung des Körperlichen vom Seelischen nicht gelungen. Die Formulierung MÜNSTERBERGs bringt uns folglich keinen Schritt weiter. Auch dadurch wird nichts erreicht, daß man zwei Arten der Erfahrung als "innere" und "äußere" unterscheidet, es wäre vielmehr höchst irreführend aus denselben Gründen, die wir früher (§ 19) gegen die "innere Wahrnehmung" geltend gemacht haben. Wenn man ferner, wie es immer geschieht, zur "äußeren" Erfahrung die Sinneswahrnehmung rechnet, so würden die sinnlichen Qualitäten damit selber ins Reich des Physischen gezogen, und das haben wir eben schon als unzulässig erkannt. Denken wir uns nun diese verschiedenen Definitionsversuche des Körperlichen korrigiert, indem wir an die Stelle der beiden Arten von Erfahrung oder Wahrnehmung, durch welche man Physisches und Psychisches voneinander abgrenzen möchte, den einwandfreien Gegensatz des gegebenen und des nicht gegebenen Wirklichen setzen, so gelingt es trotzdem nicht, auf diesem Weg zu einer brauchbaren Begriffsbestimmung des Physischen zu gelangen. Denn dem stehen eben die Gründe entgegen, welche uns verhinderten, die nicht gegebenen realen Qualitäen einfach als physische zu bezeichnen: diese transzendenten Qualitäten ermangeln, wie gezeigt, all der Eigenschaften, die für den naturwissenschaftlichen wie für den populären Begriff des Physischen gerade die wesentlichen sind. So wunderbar es also auch zunächst klingt: mit der gebräuchlichen Verwendungsart des Terminus "das Physische" bleiben wir am Besten im Einklang, wenn wir darunter nicht etwas Wirkliches verstehen, sondern bloße Begriffe. Nur sie können rein quantitativ bestimmt, ohne "sekundäre Qualitäten" sein, wie das Physische es in der Naturwissenschaft ist. Das Wirkliche dagegen ist immer reine Qualität. Zwischen dem Reich des Wirklichen und dem der Begriffe findet nun natürlich keine "Wechselwirkung" statt. Das Psychische besitzt Realität, das Physische ist bloßes Zeichen. Die Zuordnung, die zwischen beiden etwa besteht, kann folglich nur als eine "parallelistische" aufgefaßt werden. Daß eine solche Zuordnung tatsächlich stattfindet, geht aus den Erwägungen des letzten Paragraphen hervor. Denn dort überzeugten wir uns, daß die einzige Möglichkeit der vollständigen Erkenntnis des Psychischen darin besteht, die quantitativen Begriffe der Naturwissenschaften also das Physische, zur Bezeichnung der psychischen Qualitäten zu verwenden, und daß die Erfahrung den Weg deutlich weist, auf dem dies zu geschehen hat: bestimmte "Gehirnprozesse" sind es, die als physische Zeichen für die psychischen Vorgänge in Betracht kommen. Welche besonderen Gehirnvorgänge ganz bestimmten Erlebnissen zugeordnet werden müssen, vermögen wir freilich beim gegenwärtigen Stand unserer Kenntnisse nicht zu sagen, dazu steht die Erforschung der Gehirnfunktionen noch zu sehr in den Anfängen. Die Möglichkeit einer durchgehenden Zuordnung aber muß behauptet werden, dieses Postulat muß erfüllt sein, wenn das Psychische überhaupt erkannt, d. h. durch aufeinander reduzierbare Begriffe bezeichnet werden soll. Keineswegs alle zerebralen Prozesse dürfen wir als Zeichen von Bewußtsein betrachten, denn bei einem einschlafenden oder ohnmächtigen Gehirn fehlt, soviel wir wissen, das Seelenleben. Aber nicht einmal das ist uns bekannt, wodurch diejenigen physischen Vorgänge, denen psychische Daten, d. h. subjektive, in einem Bewußtseinszusammenhang stehende Qualitäten entsprechen, sich von solchen physischen Prozessen unterscheiden, welche Zeichen für objektive, d. h. zu keinem Bewußtsein gehörende Qualitäten sind. Ein paar Worte darüber werden noch in den nächsten Paragraphen zu sagen sein. So führen uns rein erkenntnistheoretische Gründe zwingend auf den Standpunkt des psychophysischen Parallelismus. Über den Charakter dieses Parallelismus aber wollen wir uns ganz klar sein: er ist nicht metaphysisch, bedeutet nicht ein Parallelgehen zweier Arten des Seins (wie etwa bei GEULINCX), noch zweier Attribute einer einzigen Substanz (wie bei SPINOZA), noch zweier Erscheinungsarten ein und desselben "Wesens" (wie bei KANT), sondern es ist ein erkenntnistheoretischer Parallelismus zwischen den realen psychischen Vorgängen einerseits und einem Begriffssystem andererseits. Den die "physische Welt" ist eben das System der quantitativen Begriffe der Naturwissenschaft.
1) Wie ich an anderer Stelle gezeigt habe (Die philosophische Bedeutung des Relativitätsprinzips, Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, Bd. 159, Seite 143). 2) Über den Unterschied zwischen der Messung im echten naturwissenschaftlichen Sinn und im Sinne einer bloßen Zuordnung von Zahlen nach einem künstlichen Prinzip vgl. die Abhandlung von Johanens von Kries: "Über die Messung intensiver Größen und das sogenannte psychophysische Gesetz", Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. 6, 1882, Seite 257, und meinen Aufsatz "Die Grenze der naturwissenschaftlichen und philosophischen Begriffsbildung" § 5, ebd. Bd. 34, 1910, Seite 132, bei dessen Abfassung mir die Arbeit von Kries noch nicht bekannt war. |