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Die kantische Erkenntnislehre [widerlegt vom Standpunkt der Empirie] [ 1 / 2 ]
VORWORT Man möge es dem ungestümen Eifer eines Neulings verzeihen, wenn derselbe sich so verwegen gezeigt hat, sich gleich den gewaltigsten der Gegner zum Einzelkampf auszuwählen. Aber der Ernst und die Gründlichkeit, mit welchen dieser überaus tiefsinnige, gediegene Forscher seine Sache vertritt, haben nicht verfehlt, auch auf mich eine mächtige Anziehung auszuüben. Und da nun doch einmal angegriffen werden mußte, so war es nur natürlich, daß ich beim ersten Ansatz gleich auf ihn und auf keinen anderen zugestürzt bin. In deutscher Sprache habe ich diese Schrift verfaßt, weil ich es für passend hielt, dem Königsberger Philosophen in seinem eigenen Fahrwasser zu begegnen und dann auch, weil die vorzüglichsten Kenner der kantischen Philosophie und die Hauptvertreter des wissenschaftlichen Transzendentalismus Deutsche sind. Die höchsten Erwartungen, welche ich an diese Arbeit knüpfe, würden erfüllt sein, wenn sich etwa ob dieses, aus innigster Überzeugung unternommenen Angriffs, ein gewissenhafter, weitgreifender Kampf zwischen Transzendentalismus und Empirismus entspinnen sollte, aus welchem als endliches Resultat, zu Aller Heil und Segen, die Erkenntnis geläutert und gefördert hervorgehen würde. Man hat in unserem vom Schicksal so bevorzugten Europa, um das Maß der guten Dinge voll zu machen, sich schon verschiedentlich die größte Mühe gegeben, dem heillosen, ruhestörenden Fortschritt Einhalt zu gebieten. Man hat zu diesem Zweck zahllose Menschenleben geopfert und unerhörte Grausamkeiten verübt. Aber man hat sich bei dem ganzen Vorhaben nicht nur nicht umsichtig, sondern höchst kurzsichtig und unbeholfen benommen. Um wirklich in allem Ernst ein einmal eingeführtes System von Ideen permanent und unangefochten zu erhalten, muß man es genauso machen, wie die Chinesen. Man muß auch bei äußerstem Konservatismus dennoch dem Ehrgeiz und dem Wissensdurst Aller eine gesetzmäßige, aber völlig ungefährliche Bahn eröffnen. Dies kann allein dadurch geschehen, daß man eine ungeheure, für einen Einzelnen gar nicht zu bewältigende Sammlung akkreditierten [offizielle bestätigten - wp] Wissens in stereotypischer Form [als Abklatsch, Klischee - wp] zur gehörigen Benutzung in Bereitschaft hält. Des hierzu nötigen Materials wegen braucht man wahrlich nicht in Verlegenheit zu geraten, da sich ja bekanntlich beliebige Wortgeflechte zu diesem Zweck als tauglich erweisen. Es müssen dieselben nur gehörig arkanistisch [geheimnivoll - wp] behandelt sein. Jeder, der nun den Trieb hat sich zu bilden und Karriere zu machen, muß gezwungenerweise den ihm dargebotenen Bildungsstoff in autorisierter Aufeinanderfolge in sich aufnehmen. Mit je größerem Eifer, mit je größerem Geschick er dies zustande bringt, einen umso größeren Erfolg wird er im Leben erzielen. Mit seiner Gelehrsamkeit wächst zugleich sein Ansehen. Und wenn etwa, was doch möglich wäre, nach den paar ersten schmeichelhaften Errungenschaften der eigentliche Erkenntnisdrang noch ungestillt bleibt, so harrt ja seiner in den geheiligten Archiven ein nicht zu erschöpfener Vorrat von graduell sich steigernder Weisheit. Ein so erhabenes, vielversprechendes Ziel unverwandt im Auge, klimmt der Strebsame befriedigt die endlose Leiter hinan, von Stufe zu Stufe, zu immer größeren Ehren, bis er zuletzt hoch oben, ein vielgeachtetes Glied der erlauchten Maschine, das Zeitliche segnet. Kirchen- oder staatsgefährlich kann der erpichteste Gelehrte bei diesem Arrangement niemals werden, denn die mechanische Arbeit, welche erforderlich ist zur Überwindung, zum Auswendiglernen einer solchen Masse von buchstäblich vorgeschriebenen Wissen, ist so groß und unendlich, daß - Amts- und sonstige Pflichten eingerechnet - weder Zeit, Lust, noch Fähigkeit übrig bleibt für irgendein exoterisches [einem äußeren Kreis zugänglichen - wp] Denken. Man hat auf diese einfache, staatskluge Weise aller erreicht, was man nur erreichen wollte und hat doch zugleich dem ungestümen individuellen Verlangen Rechnung getragen, indem man auf das Liberalste der Freiheit eine himmellange Gasse eröffnet hat. Komme herbei, wer immer Lust zur Ausübung seiner Kräfte verspürt. Allen ist hier Gelegenheit geboten. Tretet in die Bahn. Lauft nur zu um die Wette, so lange, so schnell, so rasend ihr könnt. Kommt soweit es auch immer gehen will. Jedem ist, dem errungenen Sieg gemäß, der Preis gewiß. Alle sind dabei völlig gleichberechtigt. Keinerlei Privilegien werden gestattet. Daher auch jede eigenmächtige Bummelei auf Nebenwegen, jede vorwitzige Neuerungssucht auf das Strengste untersagt ist. Sofort wird des Gemeinwohls wegen dem leisesten Versuch hierzu auf das Entschiedenste gesteuert. Und jetzt zur Vollendung noch eine hohe, dicke Mauer um das Ganze, damit es recht hermetisch von schädlichen Einflüssen abgeschlossen ist und die glückliche Wirtschaft im Innern kann nun ungestört in dulci jubilo [in süßer Freude (Kirchenlied) - wp] so fortdauern bis zum jüngsten Tag. Diesen Vorschlag zur Herstellung eines im Ganzen stabilen und doch im Einzelnen in rastloser Tätigkeit begriffenen kirchlich-staatlichen Organismus, eines sozial-hierarchischen Perpetuum mobile mögen die jetzigen Inhaber der alleinigen Wahrheit - der echten bewegenden Kraft also - in dem perplexen Zustand, in welchem sie sich zur Zeit befinden, einer ernsthaften Erwägung unterziehen. Sie können versichert sein, daß nur auf jener breitesten demokratischen Grundlage das goldene Zeitalter der ewig gleichmäßigen Herrschaft der allein wahrhaftigen Wahrheit eingeführt zu werden vermag. Jeder andere Plan und wäre er noch so klug und spitzfindig ausgeheckt, muß notwendigerweise scheitern. Denn die schadenfrohne, unverständige Natur bringt eine zu große Menge von unruhigen, regellosen Köpfen hervor, als daß sie alle man mit dem besten Willen in der Jugend durch geeignete Erziehung für die ganze Lebensdauer dressieren oder später durch drastische Mittel still zu machen vermöchte. Man muß deshalb nicht nur eine autorisierte Arena eröffnen, worin dieselben nach Belieben sich ihre Hörner abstoßen können; man muß noch obendrein diesen ungestümen Prozeß für den Einzelnen, wie für das Ganze vorteilhaft ausbeuten. Sonst frißt die Freiheitsgrille im Verborgenen als arger Schaden immer weiter um sich, wird zu epidemischen Krankheit und richtet zuletzt die größten Verheerungen an. Das ist der Grund, warum die rechtmäßigen Erben der allein beglückenden Wahrheit es erlebt haben, daß der am gemeinen, schlüpfrigen Boden der Erfahrung kriechende, in der Infamie [Ehrlosigkeit - wp] erzeugte Sprößling des illegitimen Denkens, die sogenannte moderne Aufklärung; daß diese ganz verwilderte verruchte Auflehnung gegen den göttlichen Logos und die ewigen Satzungen eine so erschreckliche Unzahl von Seelen mit unbezähmbarer agressiver Widerspenstigkeit erfüllt hat. Mit Entsetzen sehen sich nunmehr die Getreuen von immer wachsenden Legionen von derartigen unsauberen, konfessionslosen Feinden umringt und diese nehmen mit der Zeit eine so bedrohliche Stellung ein, daß, wenn nicht schleunigst die rechten Maßregeln getroffen werden, eines Tages der ganze herrliche Wunderbau des wahren, erlösenden Glaubens durch den endlichen Ausbruch des göttlichen Zorns wie eine Fata morgana [Trugbild - wp] von der fortan dem Bösen gänzlich eingeräumten Erde verschwunden sein wird. Das wäre aber gar zu schade, denn mit Ausnahme jenes oben gerügten Hauptfehlers, der Unterschätzung des demokratischen Bedürfnisses, muß man gestehen, daß besonders der sogenannte Katholizismus recht scharfsinnig und praktisch zum Zweck der Hütung und Ausweitung der bipedalen Herde [Herde der Zweibeiner - wp] ausgedacht ist. Das System ist in sich abgerundet und logisch zusammenhängend. Die vielfachen Einzelheiten sind trefflich den verschiedenen menschlichen Instinkten angepaßt und sind mit großem Geschick zu einem komplizierten, wohlgegliederten Ganzen verschlungen. Es ist ein grandioser phantastisch-harmonischer Bau, wovon die gothische Kathedrale ein recht ausdrucksvolles Symbol, eine entsprechende Veräußerung ist. Innerlich gleicht das System einem höchst kunstreichen Seelenlabyrinth, in welches einmal hineingeraten, viel Anstrengung und Besonnenheit erforderlich ist, um wieder hinaus zu finden. Von den vielen abtrünnigen Sekten möge sich nur keine schmeicheln, daß es ihr gelungen ist, diesem irren Gewinde von Gefühlen und Vorstellungen zu entfliehen. Alle sind sie noch innig von dem ein oder anderen Teil des Labyrinths umfangen; alle haben sie mehr oder weniger entfernt vom Ausgang ermattet Halt gemacht; gehören daher noch alle zu seinem Bereich. Dasselbe gilt auch vom modern-klassischen Hellenentum; denn es ist von Anfang an so viel vom griechischen Geist in die Errichtung des christlichen Lehrgebäudes mit eingegangen, daß die beiden Denkweisen sich nicht nur nicht gegenseitig aufheben, sondern daß sie im Gegenteil in der Hauptsache miteinander übereinstimmen. Anders verhält es sich jedoch mit dem ganz verworfenen radikalen Empirismus, diesem am rein naturgemäßen Geschehen gebildeten Weltkind der ungläubigen Neuzeit. Völlig unbekümmert in seinem Denken um die herkömmlichen Prämissen [Voraussetzungen - wp], um den angehäuften Vorrat erhabener Überlieferungen; unbeschwert auch von dem magnetischen Zug mystischer Sympathien und hingebender Pietät, womit, durch das Gefühlsmedium der vielen seither vergangenen Geschlechter, jenes ursprüngliche Depositum übernatürlicher Offenbarung mit dem Leben der Gegenwart in geheimnisvoller Verbindung steht; aller vorgefaßten Meinung bar; aller rückläufigen Empfindungen unbehindert; allen supernaturalen [übernatürlichen - wp] Eindrücken verschlossen, sucht der aus dem Verband der traditionellen Denkweise vollständig ausgeschiedene Empirismus auf eigenen mühsamen Wegen die einzelnen Tatsachen und ihren Zusammenhang in der Wirklichkeit zu erforschen, um daraus eine sich selbstgenügende, wenn auch etwa allen übrigen Anschauungen diametral entgegengesetzte Naturerkenntnis zusammenzufügen. Anfangs kaum der Beachtung gewürdigt, ist dieser Paria [Unberührbare - wp] des privilegierten Wissens unterdessen zu einem unerbittlichen, unerschrockenen Gegner desselben emporgewachsen. Herangereift auf ganz anderem Gebiet, ausgestattet mit ganz anderen Erfahrungen, ist er allein die fremde, unberechenbare Gegengewalt, der wahre, unvereinbare Antagonist, mit welchem seiner Zeit unumgänglich auf Leben und Tod um die Weltherrschaft gerungen werden muß. Die Resultate des Empirismus sind und bleiben unassimilierbar [unanpaßbar - wp] für jede Art von Doktrin, welche sich auf eine konstante, in der Vorzeit geoffenbarte, urkundlich bewahrte Unterlage von Wahrheiten stützt. Sie wirken wie Gift auf solche Systeme. Jeder Versuch etwas davon aufzunehmen, verursacht alsbald die gräßlichsten Störungen und Konvulsionen [Krämpfe - wp]. Der fremdartige schädliche Stoff muß ohne Verzug wieder ausgeschieden werden oder er richtet rettungslos den ganzen künstlichen Organismus zugrunde. Hiervon hat man wiederholt die auffälligsten Proben erlebt. Wir haben bereits gesehen, welchen Paroxismus [Anfall - wp] von mutwilliger Zerstörungslust das bißchen Empirismus, welches fromme Männer wie LOCKE und BERKELEY sorgloserweise in die Philosophie eingeführt haben, in dem sonst so gesetzten England hervorgebracht hat. Die unheilvolle Wirkung eines so unvorsichtigen Tuns war jedoch damit noch lange nicht erschöpft. Dieselbe Krankheit pflanzte sich auf das mehr erregbare Frankreich fort. Aus der bloß spekulativen Zerstörungslus wurde dort in allem Ernst eine unwiderstehliche, auf das Reale gerichtete Zerstörungswut. Was Alles in jenen Tobsuchtsanfällen zertrümmert wurde, das hat die ganze Welt erfahren. Die Rekussion [Zurückschlagen - wp] des wilden Ausbruchs hat sämtliche zivilisierte Nationen erschüttert. Aber noch war das gefährliche Gift nicht unschädlich geworden. Es gelangte auch direkt von England nach Deutschland. Zwar veranlaßte es daselbst keine jähen Explosionen; aber, was vielleicht noch schlimmer war, es wühlte sich in dessen wissenschaftlich gründlichen Boden ein und arbeitete wie ein alleszersetzendes Ferment in den Tiefen der Spekulation langsam und sicher fort, so daß fast nirgens mehr die guten, alten, im goldenen oder grauen Zeitalter inspirierten Anschauungen heil geblieben sind. FORMALEN LOGIK IN DER VORKANTISCHEN DEUTSCHEN PHILOSOPHIE Zu jenen Zeiten, da der Empirismus sich zu regen begann, hatte in der deutschen Gelehrtenwelt schon längst eine vernünftelnde, spekulative Theologie die Stelle der alten christlichen Dogmatik eingenommen. Man war eifrig bemüht, eine Vernunft, d. h. eine auf ein rein logisches Denken gegründete Weltanschauung zu errichten und zu befestigen. Das Reich der vom Autoritätsglauben freigerungenen Begriffe sollte in seinem ganzen naturgemäßen Umfang, in seiner ganzen immanenten Reinheit wiederhergestellt werden. Unbekümmert um deren Ursprung und Wesen hat das Menschenvölklein seit undenklichen Zeiten im Besitz der Sprache geschwelgt und hat später bei erwachendem Erkenntnisdrang den überkommenen Begriffsschatz auf allerlei Weise systematisch geordnet und dialektisch verwendet. Immerhin war die Sprache ursprünglich auf der breiten Grundlage eines naturwüchsigen, unverkümmerten Lebens erwachsen, und war somit der Abglanz von seinem vollen Reichtum. Alles was nur - unter dem Einfluß einer bestimmten Umgebung - bewußtlos entstandene Denkbilder an Erkenntnis zu gewähren vermögen, das war der verschlungenen Wortsymbolik abzugewinnen. Und da die Fülle der Natur, der Sonne gleich, die Sinne blendet und verwirrt, so bestrebte man sich, das Geheimnis der Welt nicht direkt aus ihr selbst, sondern erst mittelbar aus ihren reflektierten sprachlichen Umrissen zu enträtseln. An diese wandte man sich um jeglichen Aufschluß und teilte durch ihre Vermittlung den ganzen Umfang des Bewußten mit. So kam es, daß zuletzt Sprechen und Denken so innig miteinander verschmolzen waren, daß man beide Vorgänge gar für identisch gehalten hat. Es galt Alles als Wahrheit, was aus den gegebenen Begriffen ohne Widerspruch gefolgert werden konnte. Und nur in den Begriffen, nicht in den Dingen selbst, wurde die Wahrheit gesucht. Die einzigen Hilfsmittel um in ihren Besitz zu gelangen, waren Logik und Dialektik, ein kunstreiches Spiel mit Begriffen. - Kein Wunder also, daß, nachdem die Phantasie sich einmal am ungehemmten Genuß dieser schrankenlos-geschmeidigen Quelle der Wahrheit gehörig berauscht hatte, sich dann nicht mehr in die engen Schranken der nüchternen, starren Wirklichkeit zu finden wußte. Sie ließ diese immer mehr aus der Erinnerung sinken und beachtete sie nur noch, um sie gelegentlich ihrer materiellen Plumpheit wegen zu schmähen. Der logische Grund war nunmehr der einzig maßgebende Richter für die Gültigkeit aller Erkenntnis. Der urwesentliche Unterschied zwischen ihm, dem sprachlich erzeugten und dem wirklichen Grund, dem Realgrund, dem wahren Tatbestand des Naturzusammenhangs, dieser fundamentale Unterschied und das darin enthaltene unverkennbare Abhängigkeitsverhältnis, in welchem die Begriffe zu den Tatsachen stehen, wurde gänzlich übersehen; ja, die abstrakten Sprach- oder Denkbilder wurden zuletzt gar für das Allerrealste in der Welt gehalten. Dazu kam noch, daß man aus theologischen Rücksichten einzelne kanonisierte [zum Lehrplan gemachte - wp] und dogmatisierte Begriffskomplexe zu den höchsten Prämissen aller Weisheit und Erkenntnis erhoben hat. Dies machte es den im vorgeschriebenen Glauben verstrickten Denkern zur unumgänglichen Aufgabe, den ganzen übrigen Begriffsvorrat mit der einmal festgestellten Auffassung ein für alle Mal in Einklang zu bringen, wobei begreiflicherweise die ursprüngliche Reichhaltigkeit und Bedeutsamkeit der in dieser künstlichen Skala degradierten Begriffe nicht wenig zu leiden hatte. Endlich war es dann der vereinten Anstrengung der hervorragendsten Geister mehrerer Jahrhunderte gelungen, sämtliche Begriffsdefinitionen, aller Wirklichkeit zum Trotz, jenen sanktionierten [abgesegneten - wp] Prämissen gemäß umzumodeln. Die Natur schien nun zur Genüge bezwungen zu sein. Ihr ganzes Gebiet war erobert und assimiliert [angepaßt - wp]. Jede Spur offenen Widerstands vertilgt. Auf ihren Trümmern, auf den Trümmern der alten Zivilisationen, auf den mißachteten Trümmern auch jener erhabenen Lehren ihres eigenen, von weitester Liebe durchglühten, mildherzigen Gründers erhob sich der allumfassende Bau der alleinseligmachenden Kirche. Für jedes Bedürfnis hatte dieselbe nach Gutdünken Lehrsätze und Formeln zubereitet und diese sollten fortan bis zum Ende aller Zeiten der vollgültige Ausdruck, die höchste Weisung für jede Regung der Seele, für jedwede Handlung sein. Aber um wirklich eine solche unbedingte Herrschaft über die Leiber und Seelen der Menschen zu begründen und zu behaupten, dazu war ein unermeßlicher Aufwand an Blut und an allen erdenklichen Schrecknissen erforderlich gewesen. Das ganze blühende kostbare Leben vieler Geschlechter wurde an dem ungeheurlichen Vorhaben vergeudet. Mit allen nur erschwinglichen Mitteln sollten die paar aberwitzigen Hirngespinste einer verrannten obskuren [seltsamen - wp] Vergangenheit gegen den lauten, unaufhörlichen Protest der weltwirkenden Natur dem allzu leichtgläubigen Menschenschlag als höchste heiligste Offenbarung aufgedrängt werden. Wäre damals praktisch geglückt, was theoretisch beschlossen war, nämlich: alle Geister völlig mit jenem System fixer Ideen zu erfüllen, dann wäre bald der furchtbare Ernst des Wahnsinns in die tolle Mummerei [Maskerade - wp] gefahren und diese schöne, sinnreiche, heilsprießende Welt wäre in ein durchgängiges Narrenhaus, in einen stagnierten Pfuhl [fauliger Sumpf - wp] gleichförmiger Verrücktheit verwandelt worden. Doch auch unter dem Wüten jener äußersten katholischen Despotie gab es hie und da eine kühne, freie Menschenseele, für die nicht ganz umsonst die Natur die überreiche Herrlichkeit ihrer Erzeugnisse entfaltet hat; für die sichdas große Mysterium des Lebens nicht gänzlich unbeachtet und unverstanden abspielte. Der urrührige Trieb des unendlichen Wachstums mit seinem stillen sicheren Wirken drang auch damals zuweilen sogar in die abgeschiedenste Mönchsklause, durchbrach gemach mit seiner erlösenden Berührung die starre Hülle der Formeln, welche die gequälte Seele daselbst gefangen hielt; umspielte dann mit dem reinen Licht des offenen, schrankenlosen Himmels den schüchtern sich hervorwagenden Sprößling, bis eine verklärte Wonne, ein übermächtiges Sehnen ihn durchbebte und er sich, gelockt vom sonnigen glückverheißenden Kosen, auf eigenmächtigen Seherschwingen empor, hinaus in das unabsehbare Land der Freiheit erhob. Anfangs waren sie nur spärlich durch die Jahrhunderte gesät, diese Freiheitspropheten, aber sie schlossen dennoch einen geheimen, innigen Bund miteinander zum Sturz dieser, wie jeglicher Zwangsherrschaft und sind durch ihre stetige Empörung gegen die stabilen Satzungen engherziger Orthodoxien [Rechtgläubigkeit - wp] die Erretter der Menschheit geworden. Trotz aller tyrannischen Beaufsichtigung gelang es ihnen, ihr Fühlen, ihr Schauen zu offenbaren; die Kunde ihrer Verachtung gegen das sterile Machwerk einer spitzfindigen Hierarchie, ihrer Begeisterung für das fruchtreiche, segensvolle Wirken der freigegebenen Natur in die offene Welt zu entsenden. Dank eines solchen immer gründlicher sich gestaltenden, immer weiter um sich greifenden, freien Denkens und Forschens, sind wir jetzt an die Schwelle einer neuen, hoffnungsreichen Zeit gelangt; einer Zeit, zu welcher sich alle anderen nur wie kindische Vorspiele verhalten. Denn der allgewaltige Naturgeist hat eine übermächtige, doch zuvor fast ungeahnte Potenz, nun vollends zu bewußter Aktivität gesteigert. Kennt ihr wohl jene verzehrende Glut, die Jegliches, was sich zum vollsten Leben als untauglich erweist, mit dem unerbittlichen Hauch des Todes berührt und als Staub in alle Winde verweht? Diese selbe, alle Poren des Daseins durchdringende, phönixbergende Glut ist es, welche jetzt allenthalben fühlbar über die erkünstelte gleissnerische Überkleidung der Dinge hinstreift und dieselbe zu Asche verwandelt. Die erschreckten Devoten [Untertänigen - wp] erkennen wohl die Imminenz [unmittelbare Drohung - wp] der Gefahr. Sie rotten sich nochmals zusammen zu einer letzten verzweifelten Abwehr der furchtbaren, unversöhnlichen Feindin. Aber unaufhaltsam, wie ein Sturm daherbrausend und von allen Seiten auf sie einbrechend, fährt der Geist der "modernen Wissenschaft" und "freien Forschung" durch die jämmerlichen Komplotte [Verschwörungen - wp] dieser schwachsinnigen Finsterlinge und stiebt sie samt dem ganzen Plunder des alten, verrotteten Regimes wie nutzlose Spreu auseinander. Ja, ihr schlauen Klügler, ihr habt es richtig getroffen. Sie ist es wirklich, die vermaledeite moderne Wissenschaft und sie allein, die eure wahre Todfeindin ist. Euer Schreck darüber ist ein nur zu wohl begründeter. Aber doch wißt ihr nicht recht genau woran ihr damit seid. Ihr gebärdet euch in eurer priesterlichen Bestürzung, als ob das verhaßte Ding ein zu beschwörender Dämon aus dem Reiche Baals wäre, über welche okkulte Domäne ihr ja bekannterweise eine so wundersame Kontrolle auszuüben versteht. Das beweist jedoch sonnenklar, daß ihr nur den Schall des Namens und einige wenige Proben von dessen jähem Wirken kennt; daß ihr aber vom eigentlichen Wesen des Ungetüms auch nicht die geringste Ahnung habt. Nun denn, unsere Sache ist das Sekretieren [unter Verschluß halten - wp] nicht. Gerne wollen wir eurem Horuspizieren [Wahrsagen aus den Eingeweiden von Opfertieren - wp] zu Hilfe kommen und euch einen Einblick in die Eingeweide des verpönten Monstrums gewähren; wollen, wenn ihr es zu fassen wißt, euch sogar großmütig in das Geheimnis seiner schicksalzwingenden Macht einweihen. Bei dieser Auseinandersetzung braucht euch keine Gewissensangst zu befallen, denn es handelt sich dabei nicht etwa um den positiven Nachweis eurer im Dienste der Wahrheit fromm verübten Urkundenfälschungen, oder überhaupt um ein richterliches Vorhalten eures endlosen, zweckgeheiligten Sündenregisters. Darüber seid nur völlig beruhigt. Mit solchem antiquarischen Trödel gibt sich die moderne Wissenschaft nicht ab. Sie ignoriert denselben geflissentlich und belächelt jene altertümlichen, pedantischen Toren, die noch heutzutage, nicht spaßeshalber, sondern im vollen Ernst, mit so schwerfälligen, rostigen Waffen gegen eure immer neu geschmeidigen Ränke zu Felde ziehen. Die moderne Wissenschaft ist ein arger Autodidakt und nichts weniger als ein Kommentator im antiken Sinn; bezieht daher weder ihre Weisheit noch ihre Polemik aus der Auslegung irgendwelcher Verbalien oder Dokumente und mögen dieselben noch so alt, echt und legitim sein. Auch glaubt sie nicht durch noch so emsiges Wiederaufstöbern und Zurechtlegen verschollener kirchlicher oder staatlicher Ereignisse die Lücken ihrer Erkenntnis und Beweisführung ausfüllen zu können. Sie verschmäht es aber deshalb dennoch keineswegs, die progressive Entwicklung des Bewußtseins auch aus dem geringfügigsten Zeugnis der entlegensten Vergangenheit zu studieren. Es erfreut und belehrt sie, zu wissen und zu erwägen, wie ein PLATO, ein ARISTOTELES und so mach anderer Weltweise der Vorzeit empfunden, gedacht und gehandelt haben; aber nichtsdestoweniger reserviert sie sich allemal das Recht eines völlig freien Urteils über dieses, wie ausnahmslos über jedes Empfinden, Denken und Handeln. Ei, das ist ja Rationalismus in des Wortes verwegenster Bedeutung! ruft ihr aus und bildet ecuh vielleicht ein, mit dieser Benennung die moderne Wissenschaft gekennzeichnet zu haben. Aber weit gefehlt! Niemals würde diese junge Wissenschaft sich anmaßen einen auch nur entfernt so eigenmächtigen Gebrauch vom Vernunftvermögen, von der Rationalisierung zu machen, wie z. B. euer eigener vielgepriesener Doctor Universalis, THOMAS AQUINUS, der Engelhafte, und unzählige andere Sophisten, welche die Vernunft zum Übertünchen des sonst auch für den Blödesten allzu krassen Aberglaubens mißbraucht haben. Die Wahrheit ist, daß nie zuvor die Vernunft unter einer strengeren Botmäßigkeit, einer größeren Disziplin gestanden hat, als gerade in der modernen Wissenschaft. Genau so viel Aufwand mehr an Vernünftelei erforderlich ist, um die Wahrheit eines Hirngespinstes, als um die Wahrheit eines Naturgesetzes darzutun, genau so viel größere, abgefeimtere Rationalisten seid ihr, wie wir. Euer System verhält sich zu dem unsrigen, wie etwa ein haarscharf beschriebenes Utopia, zu dieser wirklichen, wenn auch noch wenig gekannten Welt allhier. Aber nun zur Sache! Ihr sollt jetzt erfahren worin denn eigentlich die Quintessenz der modernen Wissenschaft besteht; was denn in Wahrheit die Seele dieser ganzen, revolutionären Aufklärung ist. Wohlan denn: die moderne Wissenschaft ist ihrem innersten Wesen nach nichts weiter, als die Revision des Inhalts sämtlicher überlieferten Begriffe, für den alleinigen Zweck, dieselben auf das gewissenhafteste der gegenwärtigen Naturoffenbarung anzupassen, oder vielmehr, sie ist der völlig erneuerte Aufbau aller Begriffe, aus dem ausschließlichen Material, welches die Naturforschung liefert. Das ganze reichhaltige Vermächtnis, welches sich der Sprache fast bewußtlos eingeprägt hat; alle die mehr oder weniger subjektiven dumpfen Gefühle und Anschauungen unserer Vorfahren, sollen nun bei vollerem Bewußtsein durch objektive Forschung an demselben lebendigen Wirken der Natur, dem sie ehemals entsprossen sind, von Neuem wieder verifiziert und rektifiziert werden. Und sehet wozu es jetzt schon gekommen ist: Jedoch haben sich die wenigen gewissenhaften, vornehmsten Vertreter eures - längst auf den Höhen der Menschheit überwundenen - Standpunks ihm Gefühl ihrer wachsenden Ohnmacht versammelt, um einen letzten Rettungsversuch jener für katholisch dekretierten, künstlich fixierten Vorstellungsgruppe einer beschränkten, unmündigen Vorzeit zu beraten; diese gesinnungstüchtigen Vertreter einer fast abgelebten Denkweise sind jedoch bei ihrem doch so ganz vergeblichen Gang in die Gewalt einer Clique herrschsüchtiger Schwindler, geldgieriger Schlemmer und fanatischer Zeloten [religiöse Eiferer - wp] geraten, welche den lächerlich frechen Plan geschmiedet hat, die ganze Welt hienieden, samt allen guten Dingen darin, unter das raffinierteste, absolutistischste und dabei beschränkteste Priesterregiment zu bringen, welches die Menschheit je erlebt hat; jedoch hat besagte Clique, um zu ihrem perfiden Zweck zu gelangen, jene allzu gewissenhaft befundenen Ehrenmänner durch eine Reihe schamlos bübischer Machinationen maßregeln und mißbrauchen wollen, um einen einstmals durch eine Koterie [Sippschaft - wp] verkommener Römlinge [geistliche Beherrscher Roms - wp] mit dem zweideutigen Schmuck der Tiara [Papstkrone - wp] versehenen, in der Sumpfluft der ewigen Stadt mit Naturnotwendigkeit längst degenerierten Schädel zum unfehlbaren Vehikel der erhabensten, das Schicksal der gesamten Menschheit zu bestimmenden Verkündigungen zu erheben; wobei eure eigenen Koryphäen [Personen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten auf einem bestimmten Gebiet - wp] solchermaßen vor den Augen der Welt beschimpft in ihrer kirchlichen und menschlichen Würde, den Stachel tiefsten Mißmuts im Herzen, nach Hause zurückkehren; während eure Kirche, die mächtigste, konsequenteste von Allen, in einem so unerhört kläglichen Grad der Versunkenheit darniederliegt - sind hingegen auf unserer Seite die Männer der modernen Wissenschaft, die emsigen Schüler der alleswirkenden Gegenwart, die immer wachsende Schar der naturbegeisterten Forscher einmütig und siegesbewußt entschlossen zur vollen regenerierenden Tat: zur tiefinneren Versöhnung mit dem geheimnisvollen Wert unseres jetzigen Daseins; zur vertrauensfreudigen Hingebung aller Kräfte zu dessen Hebung und Verherrlichung; zum andachtsvollen Belauschen der allbedeutsamen, allenthaltenden Lebensphänomene; zum sorgsam gediegenen Aufbau einer neuen umfassenden Wahrheit, gegründet in der exakten Beachtung, im erprobten Verständnis jedes Tatsächlichen; zur Eröffnung aller Fortschrittswege; zur Steigerung, zur harmonischen Entwicklung sämtlicher lebenskräftigen, lebensfördernden Fähigkeiten; zum großartigen Werk der Erkenntnis des Bestehenden, der bewußten Mitwirkung am damit Erstrebten, der reicheren Entfaltung kommender Aeonen [Zeitalter - wp]. Das ist in der Tat die wahre Bedeutung und das wahre Bestreben der modernen Wissenschaft. So mächtig und so drohend sie nun aber auch bereits auftritt, schreckenerregend sie auch jetzt schon erscheint, so ist sie doch noch gar jung, diese moderne Wissenschaft, ein Riese noch in den Kinderschuhen. Vor kaum mehr als einem Jahrhundert waren noch fast sämtliche hervorragenden Gelehrten ausschließlich mit der a priori Begründung einer reinen Begriffswissenschaft beschäftigt. Also nahezu im geraden Gegensatz zur ganzen empirischen modernen Wissenschaft arbeiteten sie an der rein intuitiven Aufstellung eines Systems nicht verifizierter Mutmaßungen über den unerforschten Tatbestand der Dinge. In Deutschland waren es damals die durch WOLFF schulgerecht gemachten Lehren von LEIBNIZ, welche die herrschenden Philosopheme waren. LEIBNIZ, das Universalgenie, war trotz aller Vielseitigkeit doch vor allem Mathematiker gewesen. Die Mathematik ist nun allerdings ansich die untrüglichste aller Wissenschaften; aber sonst ist sie wahrlich keine Panacee [Allheilmittel - wp] gegen den Irrtum. Als das eigenste Produkt des menschlichen Intellekts enthält sie bei aller scheinbaren Unfehlbarkeit dennoch in nuce [im Kern - wp] den Abriß seiner wesentlichsten Täuschungen. Darunter ist nun keine gewichtiger, keine folgenschwerer als der fundamentale Wahn, daß sie durch und durch eine analytische Wissenschaft ist. Einige identische Sätze, d. h. a priori gewisse Axiome an die Spitze, und nun läßt sich daraus, scheinbar unabhängig von aller Erfahrung, mit apodiktischer [sicheren - wp] Gewißheit das ganze übrige Lehrgebäude deduzieren [ableiten - wp] und demonstrieren. Diese analytische Methode, welche die Welt ohne weiteres auf den Kopf stellt, ist lange das wissenschaftliche Ideal gewesen. Sie ist es zum großen Teil immer noch. In diesem jetzigen Augenblick betrachten die meisten Denker unbewußt noch alle Dinge reflektiert in einem geistigen Hohlspiegel und bestehen daher mit störrigem Sinn darauf: daß sich Wachstum von oben nach unten ergibt, die Wurzeln hoch in alle Lüfte und die Zweige der Erde zugewendet. Dies ist in der Tat der radikale Irrtum, an welchem der Menschengeist noch schwer erkrankt darniederliegt; ein Jahrtausende langes Delirium, in welchem er flehend und tobend in einem fruchtlosen Ringen mit selbstgeschaffenen Phantomen seine Kraft verzehrt. Fürwahr, wer gegen diese verderblichste, alle fortschrittlichen Bestrebungen paralysierende Seuche ein Spezifikum fände, der verdiente der höchste Befreier und Wohltäter der Menschheit genannt zu werden. CARTESIUS hatte sich unbedingt für jene verkehrte Welt ausgesprochen. SPINOZA machte bald darauf den klassischen Versuch aus dem supremsten [obersten - wp] Axiom: der Existenz der unendlichen Substanz, das ganze System der Philosophie auf mathematische Weise abzuleiten und auch bei L E I B N I Z war die mathematische Routine der Grundtypus seiner Denkart geworden. Auch ihm galt die Mathematik mit ihrer a priori apodiktischen Gewißheit und ihrem analytischen Verfahren als Norm für jede wahre Wissenschaft. Er war daher vollkommen überzeugt, daß überhaupt alle wissenschaftliche, d. h. notwendige Wahrheit auf gleiche Weise aus einigen Axiomen, einigen angeborenen Ideen, am alleinigen Leitfaden des Satzes vom Widerspruch herauszuspinnen ist. Gerne hätte er, wenn nur seine vielfachen Beschäftigungen und Zerstreuungen es gestattet hätten, sein eigenes philosophisches System noch viel strenger mathematisch dargestellt, wie SPINOZA das seinige. Aber wäre ihm die auch wirklich geglückt, so hätte es doch sicherlich seinen mathematischen Eifer noch lange nicht gekühlt. Er hatte in der Tat noch viel extremere Pläne in dieser Richtung vor; Pläne, mit denen vor ihm noch kein Sterblicher sich jemals zu tragen gewagt hatte. Da er nämlich so ganz überzeugt war, daß alle wesentlichen Wahrheiten in einer Anzahl angeborener Ideen ihren Bestand haben, so kam er auf den höchst pfiffigen Gedanken, daß sich gewiß alle möglichen Wahrheiten auf algebraische Weise müssen berechnen lassen. Sind sie ja doch implizit in jenen angeborenen Prinzipien enthalten und müssen daher auch durch geeignetes Manövrieren aus denselben entwickelt werden können. Es handelt sich nur darum, jeder Grundwahrheit eine charakteristische Zahl zuzuerteilen und solchermaßen ein aus Zahlen bestehendes Gedankenalphabet herzustellen. Dann noch die gehörige Hantierung dieses Materials und es ist damit nicht nur eine Universalsprache gefunden, sondern es können überdies, vermöge einer Art logischen Rechnens mit den Gedankenzahlen, alle erdenklichen Entdeckungen und Erfindungen gemacht werden. Was demnach der große PYTHAGORAS in seiner Zahlensymbolik mystisch vorgefühlt hatte, das war jetzt nahe dran, von LEIBNIZ vor den Augen aller Welt als praktische Wirklichkeit verwertet zu werden. Er stellte sich diese Sache selbst so leicht vor, daß er meinte, wenige Jahre würden dazu ausreichen, sie völlig auszuführen. Aber wieder waren es die vielfachen Beschäftigungen und Zerstreuungen, die den großen Erfinder nicht dazu kommen ließen, sein grandioses Vorhaben zu verwirklichen. Recht schade drum; denn es wäre in der Tat keine so üble Unterhaltung gewesen, sich ein paar Stunden täglich damit abzugeben, neue, überraschende Entdeckungen, eine nach der anderen auszurechnen. Welche Ersparnis an Zeit und an grauer Hirnsubstanz! Ich gestehe, daß ich meinerseits mich gerne zeitlebens mit einem so bequemen Wahrheitskalkül zufrieden gegeben hätte. Gewiß wäre es mir niemals eingefallen, mich nach einer weiteren Erleichterung des Denkprozesses zu sehnen. Daß es aber dem Herrn von LEIBNIZ ebenfalls so ergangen wäre, dafür stehen ich durchaus nicht ein. Zeitmangel, wie wir gesehen haben war das große Gebrechen, woran alle seine wunderbaren Entwürfe gescheitert sind. Es läßt sich daher mit einiger Sicherheit vermuten, daß ihm das eben angegebene, von ihm selbst erdachte Verfahren noch viel zu umständlich war. Ich habe den genialen Ultra-Algebraisten stark im Verdacht, daß er heimlich auf eine noch viel größere Vereinfachung der Gedankenfabrikation aus war. Da es bei ihm feststand, daß die ganze Wisserei in a priori Ideen und Regeln präformiert [vorgeformt - wp] ist; daß sicher ferner metaphysische Figuren, charakteristische Zahlen für alle Grundgedanken finden lassen, so war offenbar keine Ursache vorhanden, warum nicht, nach Vorbild der Rechenmaschinen, auch eine unfehlbare Wahrheitsmaschine konstruiert werden könnte. Man tut oben die Gedankenzahlen hinein, setzt das Getriebe in Bewegung und es kommen alsdann unten die unfehlbaren Wahrheiten fix und fertig heraus. Ob sich wohl die Monadologie und die Theodizee auch darunter befunden haben würden? Warum nicht! Es sind ja in diesen Büchern auch ohne Hilfe der Denkmaschine alle möglichen widersprechenden Ideen logisch vereinbart: "Plato mit Demokrit, Aristoteles mit Descartes, die Scholastiker mit den Neueren" und sogar "die Theologie mit der Vernunft". Mathematiker, Theologe, Eklektiker, all das der Reihe nach und zugleich, verstand es LEIBNIZ mit bewunderungswürdigem und wirklich auch bis zum Exzesse bewundertem Scharfsinn das Wesentliche der heterogensten Doktrinen, das Allgemeinster begrifflicher Abstraktion in ein höchst kompaktes, in sich abgeschlossenes Theorem zusammen zu fassen. Man nehme die Phantasie etwas zu Hilfe, um dem rein logischen Komplex die gehörigen Schemata zu unterbreiten und denke sich mit LEIBNIZ in der ganzen Welt nichts weiter, als lauter einfache, beständige, von Außen unveränderliche, substantielle, subjektive, kraftäußernde, selbsttätige, vorstellende Entelechien [innere Zweckmäßigkeiten - wp], von verschiedener Intensität der Betätigung, welche zahllose Entelechien oder Monaden, durch eine Monas Monadum [Monade von Monaden - wp] in prästabilierter [vorgefertigter - wp] Harmonie miteinander versetzt worden sind, so daß jede Monade, trotzdem sie von den andern nicht wirklich beeinflußt zu werden vermag, dennoch die Tätigkeiten sämtlicher übriger Monaden sich unaufhörlich mehr oder weniger deutlich vorstellt und mit denselben zu einem gemeinschaftlichen Endzweck zusammenstimmt; man denke sich diesen höchst einfachen Tatbestand und man hat damit das richtige Verständnis des Universums erlangt. Wem diese Behauptung etwa unglaubwürdig oder gar absurd erscheint, der möge bedenken, daß es wirklich in Deutschland eine Entwicklungsphase von geraumer Dauer gegeben hat, während welcher die gründlichsten Philosophen in allem Ernst überzeugt waren, daß durch LEIBNIZ' Figmente [Gebilde - wp] die Lösung des Welträtsels gefunden ist. Und wir wollen nur gestehen, daß, trotz des gereifteren Zeitalters, es uns weiland [bisweilen - wp] eine kleine Weile ebenso ergangen ist, daß auch wir einst in jenen reizenden hypothetischen Gefilden mit befriedigter Wahrheitslust uns herumgetummelt haben. Es gibt eine Lebensepoche, da in schwärmerischer Jugendfülle die schnellfertige Phantasie noch ungezügelt in ihrer Begeisterung über dem Reich der Dinge schwebt. Von ihrer Höhe herab entsendet sie leuchtende Gedankenblitze in die im Finstern brütende Welt und empfängt von ihr zurück ein der Gedankenfärbung homogenes, lichtgewirktes Bildnis. Diese bunte Gegengabe mit bebender Bewunderung als höchsten Schatz erfassend, eilt das törichte Herz in kindlichem Ungestüm, es alsbald in seinem innersten Heiligtum zu bergen und ihm in gläubiger Andacht den Kultur der hehren Wahrheit zu weihen. DEMOKRIT und PLATO und SPINOZA und LEIBNIZ und andere namenlose Weltanschauungen haben so der Reihe nach bei uns als Idole fungiert. Aber unberührt vom oberflächlichen Spiel flatterhafter Gedanken brütet in der Tiefe der Tiefen ruhig weiter die unergründliche Erzeugerin aller Dinge und Wesen; bringt aus den Trümmern der Vergangenheit immer höhere Schöpfungen hervor; schreitet inmitten allseitiger Verkennung und stumpfen aberwitzigen Menschenwiderstandes in majestätischer Hoheit ungeahnt erhabenen Zielen entgegen. Wer je einmal den unermeßlichen Gegensatz von Macht und Ohnmacht wahrhaft empfunden hat, den unsagbaren Abstand zwischen der weltwirkenden Naturgewalt und der in ihrer Eigenmächtigkeit jämmerlich sich gebahrenden Menschenschwäche; wem es je einmal bewußt geworden ist, wie jede kleinste Lebensfaser in uns von Moment zu Moment nur allein getragen und erhalten wird von jener unendlichen Flut, die unaufhörlich dem Herzen der Natur entströmt und alle Wesen mit Dasein beseelt; wer solches jemals innegeworden ist, dem wiegt von demselben Augenblick an das Verständnis des kleinsten Zuges der riesengroßen Natur unmeßbar schwerer, als all die schwülen überschwänglichen Hirngespinste und leeren Gedankenschemen der kindischen, krankhaften Menschenphantasie. Völlig blind jedoch für jenes rastlose, allerhaltende Schaffen der lebendigen, über alles sprachliche Begreifen unvergleichlich erhabenen Wirklichkeit fährt das schwatzhafte Heer der a priori Grübler fort, ihr eigenes seichtes Larifari für das wahrhaft waltende, weltbestimmende Gesetz auszugeben. Mitten im üppigsten Lebensschwall ersterben diese befangenen Wortklauber, Narzissus gleich, in eitlem Selbstgefallen. Sie brüsten sich, die armen kaum bewußten Schelme, das erschöpfende, wesenhafte Wissen bereits als angeborenen Besitz in sich zu tragen oder es in unzweideutigen Worten unmittelbar vom Urquell der Wahrheit empfangen zu haben. Daher ist es für sie nur nötig, recht fleißig in bestimmten Büchern nachzulesen oder hübsch bedacht in ihr eigenes, von der Außenwelt unbeflecktes Bewußtsein einzudringen, um, ohne weiteres Bemühen voll und reif die seit Jahrtausenden von so vielen inbrünstigen Suchern mit heißem Verlangen begehrte Frucht der wahren Erkenntnis zu finden und zu pflücken. Wie es nur möglich ist eines solchen leeren Eigendünkels, eines solchen prahlerischen Einfalls wegen die tiefinnere, allein weihespendende Gemeinschaft mit der Allmutter Natur zu verleugnen, wie es derlei a priori Philosphen und Supernaturalisten aller Art noch immerfort zu tun gewohnt sind?! Verstockte, undankbare Toren! Während sie jeden Atemzug, jeden Pulsschlag, jede Lebensregung der verschwenderischen Freigebigkeit der beständigen Allgeberin abborgen, nehmen sie eine stolze, verächtliche Miene gegen sie an, kehren ihr den Rücken zu und machen endlose Bücklinge den ganzen albernen, krüppelhaften, durchaus kraftlosen Intuitionen ihrer höchsteigenen Beschränktheit. Solche verschrobene Köpfe, von denen die Welt noch wimmelt, sind ganz unvermögend, mit begeisterter Andacht, mit gespanntem Interesse den Kundgebungen der allschaffenden Natur zu lauschen. Ihr eigener flitterhafter Phrasenputz präokkupiert [voreingenommen machen - wp] sie dermaßen, daß ihnen stets der Sinn des erhabenen Schauspiels entgeht. Allemal wenn es gilt, die wahre Bedeutung des großen Lebensmysteriums zu vernehmen, fällt ihnen irgendein armseliges Sprüchlein aus abergläubischer Zeit verdunkelnd und zerstreuend dazwischen. So verbleibt ihnen von Anfang bis Ende die unaussprechlich ernste Bedeutsamkeit des Daseins von einem dichten Dunst hohler Floskeln fast ohne Lichtblick verhüllt. Vormals war dieser naturentfremdende Fluch, den die Sprachsymbolik mit sich geführt hat, ein Verhängnis, welches sich unabwendbar über alle Geister erstreckt hat. Doch heutzutage, da ein mehr unmittelbares Verständnis der Natur wieder eröffnet ist, muß das Verweilen in der rein abstrakten Geistesverfassung, das absichtliche Ignorieren des lebendigen, naturgemäßen Geschehens geradezu für böswilligen Eigensinn angesehen werden, für vermessenen und zugleich lächerlichen Widerstand gegen die glorreiche, unaufhaltsame, überwältigende Entfaltung der schöpferischen Macht. LEIBNIZ - wie bereits erwähnt wurde - hielt noch mit fast allen seinen Zeitgenossen die wesentlichsten Wahrheiten für angeborene Ideen. Die Logik galt ihm für das Prinzip und Organ aller Wissenschaft und aller Philosophie. Freilich, wenn man so naiv ist solche Begriffe wie: Ding, Substanz, Identität, Einheit, das Gute, Wahre und mehr dergleichen für angeborene Ideen zu halten, so ist es kein Wunder, wenn man meint, kraft dessen, unabhängig von aller Erfahrung mit bloßer Hilfe der Logik, die echte Philosophie entdecken zu können. Immer sind es wieder die allgemeinen Begriffe, welche, gleich Janus, das eine Gesicht dem Realen, das andere dem Idealen zugewendet, zur Enträtselung ihres Wesens auffordern. Der Ursprung dieser allgemeinen Begriffe, dieser sogenannten Universalia, war schon bei PLATO und ARISTOTELES und später das ganze Mittelalter hindurch der streitige Punkt, um welchen die Meinungen sich scharf in feindliche Gruppen teilten. Wir haben gesehen, daß auch in der neueren Zeit die Reform, welche LOCKE begonnen und BERKELEY und HUME vollendet haben, geradezu den Ursprung einer bestimmten Art allgemeiner Ideen betraf. Sie ging zuerst davon aus, den Glauben an das Angeborensein irgendwelcher Ideen zu bekämpfen und versuchte sodann noch den Rest eines derartigen Glaubens an universalia extra rem [Allgemeinheit ohne Sache - wp], der in der Annahme "abstrakter Ideen" übrig geblieben war, vollends zu zerstören. LOCKEs großes revolutionäres Werk machte offenbar einen bedeutenden Eindruck auf den schnellerfassenden eklektischen Geist von LEIBNIZ. Dieser hatte sich jedoch damals schon zu weit mit seinem eigenen System eingelassen und war auch bereits in einem Alter, in welchem man sich nicht mehr so leicht geistig regeneriert. Für die Ureigentümlichkeit der sinnlichen Eindrücke, der Anschauungen, hatten ihm seine steten a priori - Träumereien jeglichen Sinn genommen. Diese lebendigsten, reichhaltigsten Wirkungen, diese stete Neugeburt der sich gegenseitig befruchtenden Außen- und Innenwelt, diese Grundelemente aller Erkenntnis, waren ihm nur undeutliche, verworrene Begriffskomplexe. Er begnügte sich daher als Antwort auf LOCKEs Sensualismus, nochmals an die unübersteigbare Kluft zu erinnern, welche - wie ihm deuchte - die erhabenen, notwendigen Wahrheiten von den gemeinen, zufälligen Tatsachen trennt. Nebenbei wurde er allerdings zu einer etwas neuen Motivierung seiner Ansichten über angeborene Wahrheiten getrieben. Er meinte jedoch noch immer, daß, wenn auch dieselben nicht geradezu von Anfang an fertig ausgebildet in unserem Bewußtsein existieren, unser Geist doch eine präformierte Befähigung und Neigung besitzt, welche ihn notwendig bestimmt, jene und keine anderen Wahrheiten aus seinen Tiefen hervorzuziehen. Zuletzt spitzte er das Resumé [Zusammenfassung - wp] seiner Einwendungen zu einem Epigramm [kurzes Sinngedicht - wp] zu, welches fast ein Jahrhundert später das Losungswort zu einer Untersuchung von solchem Tiefsinn und solcher Kühnheit werden sollte, daß wohl selbst die versatile [gewandte - wp] Schnellfertigkeit des gefeierten Universalgenies in Bewunderung davor verstummt wäre:
Aber bewußterweise war dem gewandten Denker doch nur die Logik geläufig, die analytische Methode, die Sätze vom Widerspruch und von der Identität. Ich sage geflissentlich "bewußterweise"; denn die gütige gelassene Natur, wenn auch völlig von ihren Kindern verkannt, gibt dieselben dennoch nicht sobald auf; im Stillen fährt sie sorgsam fort Stück für Stück, Tag für Tag, das Reale jener Erkenntnis aufzubauen, welches die selbstklugen Worthelden schon a priori unabhängig von ihr zu besitzen wähnen. Würde sie wirklich einmal eine zeitlang ihre stetige Sinnenspende ihnen vorenthalten, so würde es nicht lange dauern und das atrophisch [kümmerlich - wp] gewordene Gehirn mit seinem begleitenden Blödsinn würde Zeugnis von der traurigen Machtlosigkeit jener Großsprecher ablegen. Die begrifflichen Schemata, die logischen Hypothesen von LEIBNIZ, durch WOLFF in ein ausführliches System gebracht, waren es nun, welche fast allgemein im 18. Jahrhundert auf den deutschen Universitäten als Philosophie gelehrt wurden, und welche somit auch KANT als den höchsten Ausdruck der Weltweisheit zu erlernen hatte. |