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JOHANN NICOLAS TETENS
Philosophische Versuche
[3/3]

"Wie entsteht überhaupt die Beziehung eines Bildes auf den abgebildeten Gegenstand, und wird mit dem Bild, welches vor uns ist, der Gedanke verbunden, daß wir die Sache selbst in dem Bild vor uns haben? wie wird die Aufmerksamkeit auf diese letztere über das Bild hinausgerichtet, daß wir so denken und so überlegen, als hätten wir die Sache vor uns? oder mit einem Wort: auf welche Art lernen wir in einem Bild die Sache sehen und erkennen?"

"Was sind die Wörter der Sprache, die wir noch nicht verstehen, für uns, wenn wir sie aussprechen hören, oder auf dem Papier geschrieben sehen? Nichts als Töne und sichtbare Figuren. Erlernen wir aber nachher ihre Bedeutung, so wird die Aufmerksamkeit so stark auf die durch sie bezeichneten Gedanken hingezogen, daß die individuelle Empfindung, die sie durch das Gehör und Gesicht verursachen, nur wenig, und nur, wenn sie etwas eigenes an sich hat, beachtet und bemerkt wird."

"In einem Gemälde, worin der Geschmacklose nichts als bunte Striche gewahr wird, erblickt das Auge des Kenners tausend feine Züge, Nuancen, Ähnlichkeiten, die dem ersteren entwischen, obgleich sein Auge ebenso gut die Lichtstrahlen faßt, als das vielleicht blödere Gesicht des letzteren. Ein Jäger kann in den leichtesten Spuren die Tierart bemerken, die eine solche hinterlassen hat; der wilde Amerikaner sieht es den Fußstapfen der Menschen im Schnee und auf der Erde an, zu welcher Nation sie gehören, indem die Aufmerksamkeit auf die kleinsten Züge verwendet wird, die einem anderen unbemerkt bleiben, dessen Beobachtungsgeist auf sie nicht geführt wird."


IX. Noch eine Vergleichung der Wiedervorstellungen der letzteren Art
mit denen von der ersten Art, in Hinsicht ihrer Deutlichkeit.

Unsere Einbildungen von gesehenen Dingen haben eine vorzügliche individuelle Deutlichkeit. Die Einbildungen von unterschiedlichen einzelnen Objekten, erhalten sich so deutlich, daß auch viele dieser Ideate in der Abwesenheit durch sie ganz gut sich voneinander unterscheiden lassen. Eine gleiche Klarheit findet sich shcon nicht mehr bei den Vorstellungen des Gehörs; noch weniger bei den Vorstellungen der niederen Sinne, des Geruchs, des Geschmacks. Das Gefühl hat vor den letzteren in diesem Stüc einen Vorzug, oder kann ihn durch Übung erlangen. Man wird es z. B. gewohnt, im Dunklen seinen Hut aus einer Menge anderer herauszufühlen.

Dagegen ist das Vergnügen, was man in der Gesellschaft mit einem Freund genossen hat, oft so sehr einerlei mit dem Vergnügen, das die Gesellschaft des anderen verursachte, daß, wenn man sich an beides wieder erinnert, so scheint es, man könnte die eine derart reproduzierter Empfindungen von der anderen nicht mehr unterscheiden, obgleich die verknüpften Einbildungen des Gesichts ihre individuelle Deutlichkeit behalten haben. Schon in den Empfindungen ist dieser Unterschied der Klarheit merkbar. Tausend äußere Empfindungen sind auf einerlei Art angenehm oder unangenehm. Aber wenn sie es nicht in der Empfindung sind, so sind sie es doch in der Reproduktion, wo man die Eine von der anderen nicht anders, als mittels der assoziierten Ideen von den äußeren Gegenständen unterscheidet.

Dennoch haben auch die Wiedervorstellungen der inneren Gemütsbewegungen ihr Unterscheidendes. Es gibt z. B. mannigfaltige Arten und Stufen der Lust und des Mißfallens, mehrere, als wir mit eigenen Augen belegt haben, die ihr Charakteristisches in der Wiedererinnerung nicht verlieren. Beim Anschauen einer Person empfinden wir Freundschaft; bei der andern Liebe. Ein paar Empfindnisse, die sich auch in der Reproduktion ebenso stark voneinander auszeichnen, als das Gesichtsbild von einem Freund, und von der Geliebten. Noch mehr. Es ist auch einiger individueller Unterschied bei denselben Gefühlen vorhanden, der in der Reproduktion nicht allemal zu schwach ist, um beobachtet werden zu können. Man frage die empfindsamen Leute, wenn man es selbst nicht genug ist, um aus seiner eigenen Erfahrung eine Menge einzelner Fälle bei der Hand zu haben, die dies anschaulich lehren. Es läßt sich also nicht einmal als allgemein behaupten, daß die Abzeichnung der Einzelnen bei den Einbildungen der inneren Gefühle schwächer sind, als bei den Einbildungen der äußeren. Die Gesichtsempfindungen haben einen ausnehmenden Vorzug. Bei den übrigen hängt vieles, wie bei der Reproduktion überhaupt, von der Aufmerksamkeit ab, die man bei der Empfindung anwendet, und mit der man gewohnt ist, die Empfindungen und ihre Vorstellungen zu beobachten. Ich habe dies bloß berühren wollen, um zu erinnern, daß auch diese Verschiedenheit bei den verschiedenen Gattungen von Vorlesungen keinen wesentlichen Unterschied ihrer vorstellenden Natur ausmacht. Sie ist ansich gewiß und bemerkbar genug, und hat ihre wichtigen Folgen; und kann zu den Gedanken verleiten, die letztere Gattung von Vorstellungen würden darum keine Vorstellungen sein, weil sie so sehr weit im Hinblick auf die Klarheit von anderen abweichen, und auch im Hinblick auf den Gebrauch, den man von ihnen machen kann, wenn man Gegenstände durch sie erkennen will.


X. Über die zweite wesentliche Beschaffenheit der Vorstellungen,
die ihnen als Zeichen von Gegenständen zukommt. Sie verweisen
die Reflexion auf ihre Objekte hin.Ursache davon.

Die Beziehung in unseren Vorstellungen - nur von den ursprünglichen Empfindungsvorstellungen ist zunächst die Rede - auf vorhergegangene Modifikationen, und ihre Analogie mit ihnen, macht sie geschickt, Bilder oder Zeichen von diesen abgeben zu können. Aber es ist im neunten der obigen Erfahrungssätze, angemerkt, daß sie noch eine andere zeichnende Eigenschaft an sich haben. Nämlich sie verweisen uns nicht auf sich selbst, wenn sie gegenwärtig in der Seele sind, sie verweisen uns auf andere Gegenstände und Beschaffenheiten, davon sie die Zeichen in uns sind. Wir sehen in den Vorstellungen ihre Objekte, in den Ideen die Ideate, im Bild vom Mond den Mond, und in der Vorstellung von einer ehemaligen Hoffnung den derzeitigen und jetzt abwesenden Zustand des Gemüts. Jenes macht ihre bildliche Natur aus. Dies möchte ich als ihre zeichnende Natur ansehen, wenn diese beiden unterschieden werden sollten.

Darin sind die Vorstellungen aus dem inneren Sinn von den Vorstellungen des äußeren Sinns unterschieden, daß jene uns auf unsere eigenen inneren Veränderungen hinweisen, aus welchen sie zurückgeblieben sind; ein großer Teil von diesen hingegen, auf die äußeren Ursachen der Empfindungen, auf Gegenstände, die außerhalb von uns sind, auf gesehene, gefühlte und überhaupt auch empfundene körperliche Gegenstände.

Dieser Unterschied muß seinen Grund haben, und hat ihn im Gang, den die Reflexion nimmt, wenn sie den Gedanken bildet; die Vorstellung sei eine Vorstellung von etwas anderem, das sie selbst nicht ist. Mit der Wiedervorstellung einer vergangenen Affektion ist das Urteil verbunden: So war meine vorige Empfindung; so war mir derzeit zumute. Der Einbildung vom Mond, und von jedem äußeren Körper hingegen klebt ein anderer Gedanke an. Wir sehen diese Vorstellungen nicht für Vorstellungen von einem ehemaligen Anschauen oder von unserer Empfindung an, sondern für eine Vorstellung, die uns ein angeschautes Ding darstellt. Diese Urteile sind schon mit den Empfindungen verbunden, und haben sich aus diesen in die Reproduktion hineingezogen. Sie selbst sind Wirkungen der Reflexion, der Denkkraft oder der Urteilskraft, wie man sie nennen will; aber sie haben ihre Veranlassungen in den Empfindungen, und in deren Umständen. Was diese Verschiedenheit betrifft, so will ich davon hier noch nichts weiter sagen, weil die Ursache davon eine nähere Untersuchung der Denkkraft erfordert, als ich in diesem Versuch anstellen mag. Ich will hier bei dem stehen bleiben, was beiden Arten von Vorstellungen gemein ist.

Beide Arten von Wiedervorstellungen beziehen sich auf ihre ehemaligen Empfindungen. Da man den sehendgewordenen Engländer, der unter dem Namen des Chesseldischen Blinden bekannt ist, und dessen Geschichte so vieles gelehrt hat, und noch mehr würde haben lehren können, wenn er mehr philosophische Beobachter gehabt hätte; da man ihn das erstemal in die Dünen von Epsom brachte, nannte er diese neuen ungewohnten Empfindungen eine neue Art von Sehen. So möchte vielleicht jeder urteilen, der mit einer völlig gereiften Überlegungskraft begabt, lebhaft von einer für ihn aller Hinsicht neuen Empfindung betroffen würde. Das erste Urteil wird sein: Siehe da eine neue Veränderung von dir selbst! Wenn es dabei geblieben wäre, und nicht bald darauf ein anderer richtigerer Gedanke diesen ersteren verdrängt hätte, so würde der erwähnte Mensch sich an die Dünen von Epsom nicht anders erinnert haben, als man sich an eine Art von Gefühlen erinnert, aber nicht als eine eigene Art von äußeren Gegenständen.

Bei unseren Kindern wächst die Reflexion mitten unter den Empfindungen, und daher ist es wahrscheinlich, daß das erst erwähnte Urteil über das Objektivische der Vorstellung in ihrem Kopf entweder gar nicht, oder doch nicht zu seiner Völligkeit kommen wird, ehe es nicht schon vom nachfolgenden richtigeren vertrieben wird. Da ist also wohl der erste völlig ausgebildete Gedanke, der mit einer Empfindung von einem gesehenen Objekt verbunden ist, dieser: daß es eine äußere Sache ist, was man sieht. Wie dem aber auch ist, so hindert nichts, die Wiedervorstellungen anfangs als Abbildungen und Zeichen der vorigen Empfindungen anzusehen, und die Frage zunächst zur Untersuchung zu bringen, was es für eine Beschaffenheit der Vorstellung ist, die es veranlaßt, daß wir sie auf unsere Empfindungen beziehen, und diese in ihnen sehen, erkennen und beurteilen? Wir sind uns auch der Vorstellungen selbst in uns bewußt, und können sie in uns wahrnehmen; aber wenn wir sie gebrauchen, so sehen wir nicht sowohl auf sie selbst, als auf etwas anderes, auf die Empfindungen nämlich, oder vorhergegangenen Veränderungen, woraus sie in uns entstanden sind.

Es ist nicht schwer, von diesem Phänomen, oder vom natürlichen Hang, wie es einige nennen, die Vorstellungen für ihre Gegenstände zu nehmen, den Grund zu finden. Laßt uns die Beobachtungen fragen, und vorher die Wirkung selbst genauer ansehen, ehe wir ihre Ursache suchen.

Wenn eine abwesende Sache wieder vorgestellt wird; so können wir, sofern die wiedererweckte Einbildung nur einigermaßen lebhaft ist, wahrnehmen, daß eine Tendenz, die völlige vorige Empfindung wieder zu erneuern, mit ihr verbunden ist. Es entsteht eine Anwandlung, eben das wieder zu leiden, wiederum so affiziert zu werden, so zu wollen, und tätig zu sein, wie wir es vorher in der Empfindung gewesen sind. Wir fangen wieder an, gegen abwesende Personen, die wir uns als gegenwärtig einbilden, so zu handeln, als wir vorher getan haben, da wir sie sahen. Wir bewegen die Glieder des Körpers, wir schlagen mit den Händen, wir sprechen mit ihnen, wie vorher. Und wo dies nicht wirklich geschieht, da werden wenigstens die Triebe und ersten Anfänge zu all diesen in uns rege. Die Seelenkräfte erhalten also eine gewisse Richtung; wodurch sie nicht sowohl auf die Vorstellung, welche sonst auch alsdann zu den gegenwärtigen Modifikationen gehört, als vielmehr weiter hinaus auf die vorige Empfindung der Sache bestimmt wird.

Was hier vorgeht, ist dem ähnlich, was uns widerfährt, wenn wir die Augen auf ein Gemälde einer uns interessanten Person, die uns von mehreren Seiten bekannt ist, aufmerksam gerichtet haben. Man vergißt bald, daß es ein Bild ist, was vor uns steht: Es ist die Person selbst vor Augen. Wir werden eben so modifiziert, als wir es sein würden, wenn die Lichtstrahlen, die wir von der leblosen Fläche empfangen, aus dem lebenden Körper ausgingen und mit sich eine ganze Menge von anderen Empfindungen zur Gesellschaft hätten.

Ferner: Unsere Reflexion erblick in der Vorstellung das Objekt, oder, welches hier einerlei ist, die vorige Empfindung. Was heißt das anders, als daß die Reflexion auf den Gegenstand gerichtet ist? Dieser ist es, den sie als die Sache denkt, deren Bild gegenwärtig ist. Sie hat den Gedanken in sich: da ist ein Objekt, eine Sache, ein Gegenstand, und vergleicht, überlegt, schließt ebenso, wie sie es getan hat, als der Gegenstand wirklich vorhanden war.

Jene erstere Wirkung aus der Vorstellung entsteht auch bei den Tieren. Die zweite Wirkung, die Richtung in der Reflexion, findet nur bei vernünftigen Wesen statt, die mit Denkkraft begabt sind. Dsa erste ist eine Folge aus der physischen Natur der Einbildungen. Das letztere ist eine Folge von einer allgemeinen Wirkungsart der Reflexion. Wir verfahren auf dieselbe Weise in allen Fällen, wo Dinge durch ihre Zeichen und Bilder erkannt werden, nur mit dem Unterschied, daß die Reflexion nicht bei allen Arten von Zeichen so leicht, so natürlich in diese Richtung gebracht wird, als bei den Vorstellungen, deren Natur sie von selbst dahin zieht.

So oft man sich ein hohes Gebäude, einen Berg, einen Turm, in der Abwesenheit einbildet, so erheben sich die Augen auf dieselbe Art, wie vormals beim Anschauen. Wenn die Gegenstände in einer großen Entfernung gesehen wurden, so legen sich die Achsen der Augen wiederum in eine ähnliche Lage, als wenn man dahin sehen wollte. Es läßt sich, wie bekannt ist, einem wachenden Menschen, der sich ohne Verstellung sich selbst überläßt, an den Augen ansehen, ob er an dasjenige denkt, was vor ihm ist, oder ob sich seine Phantasie mit abwesenden Sachen beschäftigt. In CHRISTIAN WOLFFs größerer Psychologie, und nun in vielen anderen Schriften, findet man solche Beobachtungen gesammelt, und mit nur einer mäßigen Aufmerksamkeit auf sich selbst findet man dergleichen in Menge, welche zu dem allgemeinen Satz hinführen, daß jede Einbildung mit Tendenzen verbunden ist, den vormaligen Zustand, sogar im äußerlichen Sinnenglied wieder zu erwecken, der bei der Empfindung vorhanden war. Das Auge ist unter den übrigen äußeren Sinnengliedern das beugsamste, und dies ist der Grund der Augensprache; aber oft, zumal bei den übrigen Empfindungen, geht die wiederzurückkehrende Bewegung in der Einbildung nicht so stark nach außen, daß sie bemerkt wird, weil die Tendenz dazu innerlich zu schwach ist. Aber es lehrt doch die Erfahrung, daß, wer sich äußerlich nicht durch Mienen verraten will, auch Herr über seine Einbildungen im Innern sein muß.

Nur eine mäßige Beobachtung seiner Selbst ist nötig, um zu finden, daß die Wiedervorstellungen aus dem inneren Sinn ebensolche Tendenzen, die vorige Empfindung wieder herzustellen, mit sich verbunden haben. Sobald diese Vorstellung anfängt, anschaulich zu werden, so empfindet man einen Ansatz zur vorigen Unruhe, zur vorigen Begierde, zum Verlangen und dem Bestreben, sich aus der verdrießlich gewesenen Lage herauszuentwickeln, als wenn man noch jetzt darin verstrickt wäre. Auch dies. Sobald uns eine vorherige Spekulation wieder einfällt, so setzt sich das Gehirn in seine vorige Lage; das Auge wird wieder scharfsehend, spürend; und der forschende Verstand ist schon wieder am Anfang seines Weges, von Neuem in die Materie hineinzugehen.

Solange die Wiedervorstellungen nicht so voll und so lebhaft sind wie die Empfindungen, und dies werden sie gewöhnlich nicht; solange sind auch die Tendenzen, den vorigen Empfindungszustand zu erneuern, noch immer aufgehaltene und noch unvollendete Bestrebungen. Sie sind es mehr oder weniger, je nachdem die Einbildung selbst lebhafter wird, und den Empfindungen näher kommt. Zuweilen muß man die Reproduktion durch eine selbsttätige Anwendung unserer Kraft befördern, und unterstützen, und sich völlig mit der Einbildung einlassen, wenn die Wiederversetzung in den ehemaligen Zustand bemerkbar werden soll.

Dies ist, meine ich, das Bezeichnende, auf Objekte hinweisende in den Einbildungen. Das bekannte Gesetz der Reproduktion: wenn ein Teil einer ehemaligen Empfindung wieder erweckt ist, so wird der ganze mit ihm vereinigte Zustand hervorgebracht, ist eine Folge davon. Die Seele leidet und handelt nicht so, wie sie leiden und handeln würde, wenn außer einem Teil ihrer vorigen Empfindung, jetzt nichts mehr wieder gegenwärtig in ihr vorhanden wäre; nichts mehr nämlich, als das Stück Empfindung, welches ein Bild, oder eine Einbildung vom empfundenen Gegenstand genannt wird, und der hervorstechende Teil der ganzen Empfindung gewesen ist, um welches die Übrigen sich wie um einen Mittelpunkt gelegt hatten. Es ist noch etwas mehr vorhanden, nämlich eine Tendenz, auch die übrigen Teile der Empfindung, die dunklen Gefühle bei ihr, zu erneuern. Die Seele leidet und ist tätig, und ihre Kraft ist gespannt, als wenn die gesamte Empfindung oder Nachempfindung, welches hier einerlei ist, wiederum erneuert werden sollte.

Wenn uns der Anblick eines Gemäldes nicht sogleich in das vorige Anschauen der abgemalten Person zurücksetzt, so kommt dies ohne Zweifel daher, weil wir hier soviel Eigenes an dem Gemälde, als an einem besonderen Objekt wahrnehmen, das uns aufhält. Das Gemälde ist nicht durch ein Gemälde, sondern auch selbst ein Gegenstand, der als ein solcher seine eigenen Empfindungen erregt. Wäre es ganz und gar ein Bild einer anderen Sache, so würden wir nur allein diese in jenem, und jenes selbst nicht empfinden. Ein Spiegel, der ein vollkommener Spiegel ist, kann nicht selbst gesehen werden, so wenig wie ein Körper, der vollkommen durchsichtig ist, aber Dinge vom äußersten Grad finden sich in der Natur nicht. Auf dieselbe Art verhält es sich mit unseren Vorstellungen. Sie sind in einigen Hinsichten selbst Gegenstände; sie werden als solche gefühlt und erkannt; sie sind dies umso mehr, je verwirrter sie sind, und werden es umso weniger, je mehr sie deutlich und entwickelt werden. Dennoch behalten sie die zeichnende Natur und beweisen sie sogleich am Anfang, wenn die Phantasie sie wieder erweckt.

Es ist nun noch das zweite übrig, nämlich die Richtung der Reflexion auf die Empfindung, welche durch die das Bild begleitende Tendenz verursacht wird. Die Veranlassung dazu ist, wie gesagt wurde, in der Vorstellung; daß aber diese eine solche Veranlassung für die Reflexion sein kann; daß die letztere der Leitung von jener wirklich folgt, davon liegt der Grund in der Natur der Reflexion selbst. Dies muß noch etwas weiter hergeholt werden. Wie entsteht überhaupt die Beziehung eines Bildes auf den abgebildeten Gegenstand, und wird mit dem Bild, welches vor uns ist, der Gedanke verbunden, daß wir die Sache selbst in dem Bild vor uns haben? wie wird die Aufmerksamkeit auf diese letztere über das Bild hinausgerichtet, daß wir so denken und so überlegen, als hätten wir die Sache vor uns? oder mit einem Wort: auf welche Art lernen wir in einem Bild die Sache sehen und erkennen?

Ein paar Beobachtungen lassen uns diesen Gang der Reflexion und die allgemeine Regel ihres Verfahrens bemerken. Ein kleiner Knabe spielt zuweilen mit dem Porträt seines Vaters, als mit einem buntbemalten leichten Körper, ohne daran zu denken, daß es seinen Vater darstellt. Der chesseldische Blinde hatte auf eine ähnliche Art schon einige Zeit her die Gemälde an der Wand von Personen, mit denen er umging, als buntscheckige Flächen angesehen, ehe er gewahr wurde, daß sie Abbildungen von seinen Bekannten waren. Im Anfang war sowohl das Bild wie auch die abgebildete Sache jedes ein eigenes Objekt, nach seinen Vorstellungen. So verhält es sich überhaupt bei allen unsere willkürlichen, in die äußeren Sinne fallenden Zeichen. Was sind die Wörter der Sprache, die wir noch nicht verstehen, für uns, wenn wir sie aussprechen hören, oder auf dem Papier geschrieben sehen? Nichts als Töne und sichtbare Figuren. Erlernen wir aber nachher ihre Bedeutung, so wird die Aufmerksamkeit so stark auf die durch sie bezeichneten Gedanken hingezogen, daß die individuelle Empfindung, die sie durch das Gehör und Gesicht verursachen, nur wenig , und nur, wenn sie etwas eigenes an sich hat, beachtet und bemerkt wird.

Die Reflexion nimmt die Ähnlichkeit zwischen dem Bild und der Sache, die Analogie der Zeichen auf die bezeichneten Gegenstände wahr. Sogleich verbindet sie nicht allein diese beiden Vorstellungen miteinander, sondern sie vereinigt solche gewissermaßen zu einer Vorstellung. Alsdann muß diejenige von ihnen, welche die schwächere, die mattere, unvollständigere, entweder im Anfang schon war, oder bei der öfteren Wiederholung von beiden es darum wird, weil sie weniger interessant ist und also die Aufmerksamkeit weniger beschäftigt, von der stärkeren, völligeren und lebhafteren überwältigt, und auf diese mehr, als diese auf jene bezogen werden. Daher wird von beiden ähnlichen und vereinigten Vorstellungen diejenige, welche die meisten Empfindungen erregt, von mehreren Seiten betrachtet und also lebhafter und stärker vorgestellt wird, zu einer Vorstellung vom Hauptgegenstand gemacht; die andere hingegen, welche uns weniger beschäftigt, und bei der wir auf nichts mehr aufmerksam sind, als auf solche Beschaffenheiten, die ihre Ähnlichkeit mit dem ersten ausmachen, wird für uns zum Zeichen, bei dessen Gegenwart die erstere, als das vornehmste Objekt der Aufmerksamkeit, diese auf sich hinzieht. Der erwähnte Blinde glaubte anfangs in den Gemälden die wahren Personen zu sehen; aber als er sie befühlte, und die Empfindungen nicht antraf, welche er von Personen zu empfangen gewohnt war, so entdeckte er ihr leeres, und ihren nur einseitigen Schein, und fing an, sie für dasjenige zu halten, was sie waren, nämlich für Bilder.

Diese Beobachtungen führen auf das allgemeine Gesetz der Reflexion.
    "Wenn zwei Vorstellungen zu einer vereinigt sind, und eine von ihnen macht einen solchen erheblichen Teil des Ganzen aus, daß, wo dieser Teil gegenwärtig erhalten wird, auch entweder das Ganze selbst gegenwärtig, oder doch eine Tendenz vorhanden ist, es wieder gegenwärtig zu machen; so wird die Denkkraft durch eine solche partielle Vorstellung auf das Ganze gerichtet."
Wir sehen also das Ganze in jenem Teil von ihm. Wenn nun beide Vorstellungen, die zu einem Ganzen vereinigt sind, doch auch abgesondert, jede als ein eigenes Ganzes in uns vorkommen, so wird zwischen ihnen das Verhältnis eines Zeichens zu einem bezeichneten oder abgebildeten Gegenstand gedacht.

Nach diesem Gesetz ist es notwendig, daß die Einbildungen auf ihre vorigen Empfindungen hinweisen. Sie sind Zeichen von Natur, und sind es mehr und näher als jede andere Art von Dingen, die wir zu Zeichen, Bildern und Vorstellungen gemacht haben. Denn was hier Einbildung oder Wiedervorstellung ist, das ist nicht die ganze ehemalige Empfindung, auch nicht das Ganze, was in der Abwesenheit der Gegenstände wiederum in uns hervorkommt, oder hervorzurufen sich anließe. Das Bild vom Mond, die Wiedervorstellung einer Freude ist nur ein Stück aus der ganzen ehemaligen Empfindung, und auch nur ein Stück von der ganzen Modifikation der Seele, welche bei der Reproduktion vorhanden ist. Es ist der Teil, bei dem die Reproduktion der gesamten Empfindung anfängt. Zuweilen ist es der größte Teil, zuweilen nur einige Züge davon; aber allemal so ein Teil, der am klarsten empfunden, am meisten wahrgenommen und am leichtesten reproduziert ist. Wenn ein solcher Zug aus der vorigen Empfindung wieder hervorkommt, so zieht er die übrigen, wie seine Nebenteils mit hervor oder es entsteht doch ein Bestreben, sie hervorzuziehen. Hat die ganze vorige Empfindung von einem einzelnen Gegenstand aus mehreren Eindrücken, und zwar auf verschiedene Sinne bestanden, so ist es, wie die Erfahrung lehrt, öfters die Gesichtsempfindung, und das von ihr nachgebliebene Bild, dessen die Seele sich zu einer solchen Grundlage bei der Reproduktion der Empfindung bedient. Dieser Teil der Einbildung muß also die Reflexion, wo sich diese als erteilende und denkende Kraft beweist, auf das Ganze hinführen, und ihr dies als ein Objekt darstellen. Diese zeichnende Beziehung der Vorstellung auf die Empfindung setzt keine Vergleichung voraus. Sie liegt in der Natur der Wiedervorstellung. Aber wenn das Urteil der Reflexion hinzukommen, und wenn der Gedanke deutlich werden soll; da ist ein Objekt, oder eine Sache, und diese Sache stelle ich mir vor, so ist die Vorstellung schon eine Idee, welches sie ohne Bewußtsein und ohne Vergleichungen nicht werden kann. Es ist aber hier nicht die Rede von dem, was in der Aktion der Denkkraft enthalten ist; es war nur die Rede von einem Gesetz, wonach diese Aktion der Denkkraft erregt wird.

Die Einbildung einer Sache oder die Vorstellung von ihr, habe ich gesagt, ist nur ein Teil der ganzen reproduzierten Modifikation. Das heißt, möchte man einwenden; die Einbildung ist nur ein Teil der Einbildung. Was ist denn die ganze völlige Einbildung? Ich antworte: Man betrachtet hier nur die Einbildungen, insofern sie Zeichen von anderen Gegenständen sind, die wir durch sie erkennen. Zu dieser Absicht gebrauchen wir niemals das Ganze, sondern nur einen hervorstechenden Teil, nur die Grundzüge, nicht alle kleinen Nebenzüge; auch nicht alle diejenigen, die völlig wieder gegenwärtig werden. Die völlige Reproduktion wird niemals zu einer solchen Absicht gebraucht, sondern zeigt sich vielmehr als eine neue gegenwärtige Empfindung, wo sie so vollständige wird, daß sie alle kleineren Gefühle der ehemaligen Empfindung enthält: allein sie könnte doch in in diesem Zustand noch als eine auf die ehemalige Empfindung hinweisende Vorstellung gebraucht werden. Denn wo jene auch mit allen ihren Teilen reproduziert wird, da wird doch kein Teil so völlig wieder ausgedruckt, als er in der Empörung vorhanden war, und daher bleiben immer Bestrebungen zurück, deren Effekte nicht hervorkommen, und die auf ein anderess als ein plus ultra [immer weiter! - wp] verweisen.


XI. Eine Anmerkung über den Unterschiede der analogischen
und der anschaulichen Vorstellungen

Die Analogie der Vorstellungen mit ihren Gegenständen macht diese aus jenen erkennbar. Über diese Beziehung ist so vieles in den Schriften der neueren Philosophen gesagt, daß ich bei meinem Vorsatz, an allem vorbeizugehen oder doch nur um des Zusammenhangs willen zu berühren, was zur völligen Evidenz von anderen gebracht ist, nicht mehr als nur eine Anmerkung über die Natur unserer eigentlich sogenannten analogischen Vorstellungen anzufügen für notwendig halte. Und auch diese setze ich hier nicht darum her, weil ich glaube, daß die Sache nicht schon ins Reine gebracht ist, sondern, weil ich die Gelegenheit nicht vorbei gehen lasen wollte, eine Anwendung von der vorherigen Betrachtung auf einen Teil unserer Kenntnisse zu machen, dessen Aufklärung wichtig und fruchtbar ist. Der erhabene Teil unserer Vorstellungen, welche die Gottheit und ihre Eigenschaften zum Gegenstand hat, gehört zu den analogischen Ideen.

Unsere Vorstellungen von äußeren körperlichen Dingen, und diese Gegenstände selbst, sind so heterogener [ungleichartiger - wp] Natur, wie der Marmor, aus dem eine Statue gemacht ist, und der menschliche Körper, den die Statue vorstellt; so verschiedenartig als die mit Farben bestrichene Leinwand und der abgemalte lebende Kopf, und, wenn hier überhaupt von Graden der Verschiedenartigkeit geredet werden kann, noch verschiedenartiger. Was hat das Bild vom Mond in uns für eine Gleichartigkeit mit dem Körper am Himmel?

Beziehen wir aber unsere ursprünglichen Vorstellungen auf die vorhergegangenen Nachempfindungen, aus denen sie zurückgeblieben sind, so findet wiederum eine gewisse Einartigkeit zwischen ihnen statt. Da sind die Empfindungen, ebensowohl wie ihre nachgebliebenen Spuren, Modifikationen der Seele, welche nur an Völligkeit und Stärke voneinander unterschieden sind. Oder, wenn man will, daß die im Gedächtnis ruhende eingewickelte Vorstellung zu der wieder entwickelten Einbildung und zur Nachempfindung sich wie die Disposition [Veranlagung - wp] einer Kraft zu ihrer wirklichen Tätigkeit verhält, so ist doch auch diese Beziehung schon mehr Homogenität, als die Beziehung des ideellen Mondes auf den objektivischen außerhalb von uns. Die reproduzierte gegenwärtige Vorstellung ist der vorhergegangenen Empfindung oder Nachempfindung näher und ähnlicher, als es die bloße Disposition oder die ruhende Vorstellung ist. Denn sie ist schon mehr entwickelt, als ein bloßer Keim oder Anlage zur ehemaligen Empfindung.

Zu der allgemeinen Analogie zwischen Vorstellungen und ihren Objekten kommt dann auch noch eine nähere Ähnlichkeit hinzu, wenn die Vorstellungen, Dinge und Beschaffenheiten derselben, die mit uns selbst uns unseren eigenen Beschaffenheiten, aus denen der Stoff der Vorstellungen gekommen ist, gleichartiger Natur sind. Dies findet insbesondere bei denen aus dem inneren Sinn statt. Die Vorstellungen von Denktätigkeiten, von Gemütsbewegungen und Handlungen sind für uns Bilder von gleichartigen Modifikationen anderer Menschen und anderer denkenden und empfindsamen Wesen. Ein Vater stellt sich mittels seines eigenen Gefühls vor, was Vaterfreude über Kinderwohl bei einem anderen ist usw.

Dennoch ist bei aller Verschiedenartigkeit der Vorstellungen von äußeren Gegenständen, und der Gegenstände selbst, diese Beziehung zwischen ihnen, daß jene aus der Empfindung der Gegenstände entspringen. Die Vorstellung von der Sonne ist eine Vorstellung aus dem Anschauen. Sie sind also Modifikationen solcher Wesen, wie wir sind, welche entstehen, wenn die Objekte ihnen gegenwärtig sind, und, mittels solcher sinnlicher Werkzeuge als die unsrigen, Eindrücke auf sie machen. Diese Vorstellungen sind daher auch keine willkürlich gemachten Zeichen, sondern natürlich entstandene Abdrücke von den Objekten. So wird der Mond empfunden und so ein Bild bringt er in uns hervor, wenn er gesehen wird, wie die Gesichtsvorstellung ist, unter der wir uns ihn einbilden.

Der blinde SAUNDERSON hatte Vorstellungen von den Lichtstrahlen und von ihrem Zerspalten in Farben, folglich von Dingen und Beschaffenheiten, die durch keinen anderen Sinn empfindbar sind, als durch den, der ihm fehlte, und die es also für ihn nicht sein konnten. Denn obgleich einige Blinde durch ein außerordentlich feines und geschärftes Gefühl die gröberen Farben auf Tüchern und auf anderen Flächen einigermaßen unterschieden haben, so hat man doch kein Beispiel, und ist auch wohl keines jemals zu erwarten, daß ein Blinder auch die Farbenstrahlen, die aus der Zerteilung des weißen Sonnenlichts auf eine Ebene Fläche fallen, durch das Gefühl zu unterscheiden imstande sein wird. SAUNDERSON mag nicht einmal die gröberen Farben auf den Tüchern gefühlt haben. Wie konnten also seine Vorstellungen beschaffen sein, die er von den unfühlbaren Eigenschaften des Lichts hatte? Sie bestanden ohne Zweifel aus Bildern von Linien und von Winkeln, aus geometischen Ideen, die bei ihm so waren, wie sie aus den Empfindungen des Gefühls entspringen können. An Gesichtsbildern von Punkten und Linien und Winkeln, wie sie der sehende Geometer hat, fehlte es ihm. Daher waren seine Vorstellungen von den Farben von den Vorstellungen der Sehenden so unterschiedlich, wie es Eindrücke unterschiedener Sinne sein können und als es Farben und Töne sind. Und dennoch waren sie mit ihren Objekten analogisch, dennoch Vorstellungen, wodurch die Gegenstände erkannt, verglichen und beurteilt werden konnten, auf dieselbe Art wie die Gedanken durch Worte. Dies war ein Beispiel - aber es bedurfte eines solchen außerordentlichen Falls nicht, da so viele andere ähnliche vorhanden sind- daß wir aus unseren ursprünglichen Vorstellungen uns Vorstellungen von Sachen verschaffen, die wir weder empfunden haben, noch empfinden können, und die, wenn sie empfunden würden, Eindrücke in uns hervorbringen müßten, welche ganz verschiedenartig von denen sind, woraus wir die Vorstellungen von ihnen gemacht haben.

Dies ist eine Art von Vorstellungen, die auf ihre Gegenstände keine nähere Beziehung haben, als allein die allgemeine Analogie, die zu jeder Gattung von Zeichen unentbehrlich ist. Sie entsprechen ihren Gegenständen; einerlei Vorstellung gehört zu einerlei Objekt; unterschiedene Vorstellungen zu verschiedenen. Im Übrigen aber sind sie weder mit ihren Objekten gleichartig, noch in einer solchen Verbindung, wie Wirkungen mit ihren Ursachen. Und dies sind die analogischen Vorstellungen, die darum so genannt werden, weil sie nichts mehr sind, als diesf; sie geben bloß symbolische Vorstellungen.

Es ist leicht zu begreifen, daß wir von solchen Gegenständen, die nicht empfunden werden können, z. B. vom Urheber der Welt, von den inneren Kräften der Elemente, und so weiter, keine andere, als bloß analogische Vorstellungen haben können; zumindest keine anderen, als solche, die nur dies und nichts mehr sind, soviel wir es wissen. Man müßte denn geneigt sein, den Gedanken des LEIBNIZ von der allgemeinen Gleichartigkeit aller reellen Kräfte und Wesen anzunehmen und zu glauben, daß sie alle vorstellende Kräfte sind, in dem Sinn, wie es unsere Seele ist. In einigen Fällen können die vorgestellten Objekt selbst unempfindbar sein für uns, und es läßt sich doch vielleicht aus anderen Gründen erkennen, daß sie mit denen, die wir empfinden, von gleicher Natur, und also unsere Vorstellungen von ihnen mehr als analogische Vorstellungen sind.

Indessen beruth der ganze Gebrauch, den die Vernunft von den Vorstellungen jedweder Art machen kann, lediglich auf ihrer Analogie mit den Gegenständen. Es muß sich Sache zur Sache, wie Vorstellung zur Vorstellung verhalten; und die Verhältnisse und Beziehungen der Vorstellungen gegeneinander mit den Verhältnissen und Beziehungen der Gegenstände unter sich, einerlei sein. Und insofern dies stattfindet, sind sie für uns Zeichen der Dinge; weiter nichts. Denn soweit kann sich die Erkennbarkeit der Sachen aus ihnen und durch sie nur erstrecken. Daher sind auch die bloß analogischen Vorstellungen nicht weniger und nicht mehr zuverlässiger, als die ihnen entgegengesetzten, die man unter dem Namen des Anschaulichen befassen kann. So weit die Analogie der Vorstellungen reicht, so weit sind die Urteile und Schlüsse zuverlässig, die wir über die Identität und Verschiedenheit, über die Lage und die Beziehungen und die Abhängigkeit der Objekte fällen, und den Objekten außerhalb von uns zuschreiben, wie solche in den Vorstellungen, das ist, in den ideellen Objekten wahrgenommen werden. Beide Arten, die analogischen und die anschaulichen sind eine Art von Sprache für uns, aber die letztere enthält die natürlichen Zeichen, die entweder Wirkungen auf uns von den bezeichneten Sachen sind, oder gar eben dieselbartigen Dinge. Die Analogischen sind Zeichen, welche die Reflexion sich entweder aus Not selbst macht, weil es ihr an anderen fehlt, oder auch aus Bequemlichkeit. Der Astronom stellt auf einer Fläche von Papier das Weltebäude vor, und der Mechaniker zieht einem Triangel, dessen Fläche und Seiten die Höhe, wodurch die Schwere die Körper heruntertreibt, die Zeit, in der solches geschieht, und die Geschwindigkeit, die im Fallen erlangt wird, vorstellen, und nun schließt er aus den Verhältnissen der Linien und der Flächen seiner Figuren auf die Verhältnisse der durch sie abgebildeten und ihnen entsprechenden körperlichen Beschaffenheiten und Veränderungen. Wenn HOBBES, HUME, ROBINET und andere die analogische Kenntnis von der ersten Ursache darum für unzuverlässig erklärt, weil sie analogisch ist, so bestreiten sie solche aus einem Grund, aus dem auch die Gewißheit der anschaulichen Kenntnis bestritten werden kann.

Einen Unterschied gibt es jedoch zwischen den anschaulichen und den analogischen Vorstellungen, der uns die ersteren in mancher Hinsicht brauchbarer macht, als die letzteren. Die Analogie mit den Objekten ist bei den Anschaulichen völliger, und erstreckt sich über mehrere Beschaffenheiten, auch über kleine Teile der ganzen Vorstellung; wogegen bei den bloß analogischen vieles mit darunter ist, was nichtzum Analogischen und Zeichnenden gehört. Zwei Gesichtsbilder von zwei Menschen lasen die beiden Gegenstände in so mancher Hinsicht an der Größe, Farbe, Gestalt, Lage der Teile, Stellung, Mienen bis auf kleine Beschaffenheiten miteinander vergleichen. Da ist in den sinnlichen Vorstellungen alles Bild und Zeichen. Wenn sich hingegen ein blinder Mathematiker die verschiedenen prismatischen Farben nach ihrer Analogie mit den Tönen, unter Tönen vorstellt, so sind seine Vorstellungen des Gehörs nur Vorstellungen von den Farben in einer sehr eingeschränkten Hinsicht. Jene sind Gemälde auch im Hinblick auf das Kolorit [Farbgebung - wp]; diese nur im Hinblick auf die Zeichnung. Und dies ist auch der Grund, warum man so leicht über die Grenze der Ähnlichkeit hinausgehen und falsche Anwendungen von analogischen Ideen machen kann. Jener Blinde stellte sich das Licht wie den Zucker vor, der ihm einen angenehmen Geschmack gibt. Insofern konnte der Geschmack eine analogische Vorstellung von der Gesichtsempfindung des Lichts abgeben. Aber wenn er nun daraus gefolgert hätte, daß sich das Licht durch Nässe schmelzen läßt oder mit den Zähnen zermalmen, so würde dies ein Versehen gewesen sein, das aus der Überschreitung der Analogie entspringen muß.

Die vornehmste Schwierigkeit bei unseren analogischen Kenntnissen besteht gemeinhin darin, daß die Gründe aufgesucht und deutlich bestimmt werden, worauf die Analogie unserer Ideen mit ihrem Objekt beruth. Diese Gründe der Analogie müssen zugleich auch ihre Ausdehnung und ihre Grenzen ausweisen. Wie und auf welche Art wird es uns möglich, die Analogie unempfindbarer Gegenstände mit empfindbaren, oder mit den Vorstellungen dieser letzteren zu erkennen, und durch welche Wirkungsart des Verstandes können wir darüber unterrichtet werden? Auf diese Frage antworte ich durch eine neue Frage: Wie ist es möglich, zu wissen, daß die äußeren Gegenstände und ihre sinnlichen Bilder in uns einander entsprechen? Woher weiß ich, daß ein fremder Mensch vor mir steht, wenn ich jetzt eine andere Gestalt in mir habe? In solchen Fällen, wo nicht von einer Analogie willkürlicher Zeichen, die wir selbst gemacht haben, und von deren Übereinstimmung wir also auch selbst die Urheber sind, sondern von der Analogie unserer natürlichen Zeichen die Rede ist, beruth unsere Erkenntnis von ihr auf allgemeinen Grundwahrheiten der Vernunft, oder auf natürlichen Denkgesetzen des Verstandes, nach welchen wir über Gegenstände, Dinge, Sachen und Beschaffenheiten aller Art urteilen und urteilen müssen. Nach solchen notwendigen Denkgesetzen beurteilt die Vernunft alles, Bekanntes und Unbekanntes, das Unempfindbare und das Empfundene, die Objekte und die Vorstellungen, Ursachen und Wirkungen, und setzt die Grundanalogie zwischen ihnen fest. Es ist dies aber ein Geschäft der Denkkraft, die sich der Vorstellungen bedient, und nicht eigentlich der vorstellenden Kraft, die jene herbeischafft. Ich übergehe daher die weitere Untersuchung dieser Denkweise. Am meisten liegen dabei die allgemeinen Axiome von der Analogie der Wirkungen mit ihren Ursachen, und von der darauf beruhenden Erkennbarkeit der Ursache, aus ihren Wirkungen zugrunde. Die sind es, wonach wir die Analogie unserer Vorstellungen mit ihren Objekten, und zwar sowohl bei den analogischen, als auch bei den anschaulichen Vorstellungen voraussetzen. Wenn man aber bei einer Gattung von Bildern und Zeichen ihre Beziehung auf Objekte erkennt, so kann auch nachher anstatt derselben eine andere, die ihr ähnlich oder mit ihr in der Empfindung verbunden ist, gebraucht und die Analogie der ersteren Art mit den Objekten auf die letztere ihr untergelegte übertragen werden.


XII. Von der bildlichen Klarheit in den Vorstellungen. Sie kann von der
ideellen in den Ideen unterschieden werden. Wiefern beide sich aufeinander
und auf die zeichnende Natur der Vorstellungen beziehen. Kritik über die gewöhnlichen Abteilungen der Ideen in dunkle und klare, verwirrte und deutliche.

Ich kehre wieder zurück zu den ursprünglichen Vorstellungen, die aus vorhergegangenen Empfindungen in uns entstanden sind. Sie entsprechen ihren Gegenständen, aber nur insofern sie klar und deutlich sind.

Es ist aber eigentlich nur die Rede von der Klarheit und Dunkelheit in den Vorstellungen, noch nicht von derjenigen, die in den Ideen als Ideen ist. Diese beiden Arten von Klarheit können unterschieden sein. Jene ist in der Vorstellung, als in einer Modifikation, welche sich auf ihr Objekt bezieht, ohne Rücksicht auf das Bewußtsein, und auf das wirkliche Gewahrnehmen der Sache durch die Vorstellungen. Sie ist nur Unterscheidbarkeit. Dagegen wo die Idee klar ist, da wird etwas wirklich unterschieden. In der einfachen Empfindungsidee vom weißen Sonnenlicht unterscheiden wir keine prismatischen Farben. Die Vorstellung ist einfach, und enthält nichts voneinander merklich abstechendes; das es nämlich für uns ist. Denn wir mögen sie so stark und so viel von so vielen Seiten ansehen wie wir wollen; so ist die Empfindung und ihre Vorstellung unauflöslich, obgleich sie für sich Mannigfaltiges genug enthält. Ihre Züge sind für uns unleserlich. Dies ist die bildliche Undeutlichkeit oder Verwirrung in den Vorstellungen.

Die Idee ist, wenn dieses Wort noch in keiner eingeschränkten Bedeutung genommen wird, eine Vorstellung mit Bewußtsein, ein Bild, das von anderen Bildern unterschieden wird. In einer engeren Bedeutung ist es ein von uns zu einem Zeichen eines Gegenstandes gemachtes Bild. Die Ideen können dunkel und verwirrt sein, nicht weil es an der dazu nötigen Stärke oder Deutlichkeit des Abdrucks in der Vorstellung fehlt, sondern weil es an der Aufmerksamkeit fehlt, welche erfordert wird, wenn die sich ausnehmenden und unterscheidbaren Züge in der Vorstellung bemerkt werden sollen. Die Vorstellung kann nämlich eine ansich sehr leserliche Schrift für uns sein, und das Auge kaum fehlen, das dieselben scharf und genau genug ansieht. In einem Gemälde, worin der Geschmacklose nichts als bunte Striche gewahr wird, erblickt das Auge des Kenners tausend feine Züge, Nuancen, Ähnlichkeiten, die dem ersteren entwischen, obgleich sein Auge ebenso gut die Lichtstrahlen faßt, als das vielleicht blödere Gesicht des letzteren. Ein Jäger kann in den leichtesten Spuren die Tierart bemerken, die eine solche hinterlassen hat; der wilde Amerikaner sieht es den Fußstapfen der Menschen im Schnee und auf der Erde an, zu welcher Nation sie gehören, indem die Aufmerksamkeit auf die kleinsten Züge verwendet wird, die einem anderen unbemerkt bleiben, dessen Beobachtungsgeist auf sie nicht geführt wird. Es ist bekannt, daß der Beobachter der Natur, der sich der Vergrößerungsgläser bedient, gewisse Teile und Beschaffenheiten an den Objekten, wenn sie vorher mit dem Glas entdeckt sind, nachher auch mit dem bloßen Auge wahrnimmt, ohne solche vor dem Gebrauch des Glases gesehen zu haben.

Diese und ähnliche Erfahrungen lassen sich weder aus der Verschiedenheit des sinnlichen Eindrucks, insofern dieser in den äußeren Objekten außerhalb des Gehirns seine Ursache hat; noch aus dem Unterschied der Bilder auf der Netzhaut beim Gesicht erklären. Es ist offenbar, daß es hier von der Aufmerksamkeit der Beobachtung abhängt, warum Einer in derselben Sache so mancherlei sieht, wo der andere nichts unterscheidet.

Doch mißdeute man dies nicht. Ich will nichts erschleichen. Es ist noch unentschieden, ob die Züge, die in der Idee unbemerkt bleiben, nicht auch in der Vorstellung, als Bild der Sache betrachtet, unausgebildet und dunkel geblieben sind? Ob nicht jedwedes, in der Vorstellung genugsam hervorstechendes und kennbares Merkmal auch zugleich in der Idee wahrgenommen werden muß? oder ob wohl die Vorstellung, als Bild so vollkommen ausgearbeitet, und eine so völlige Vorstellung sein kann, als sie es nachher ist, ohne daß wir uns aller in ihr liegenden und abstechenden Züge bewußt sind? Ob sich nicht etwa notwendig das Bewußtsein ebenso weit über das Bild und dessen Züge erstreckt, wie diese selbst in der Vorstellung apperzipierbar sind? Ob das Bewußtsein eine eigene, von den Tätigkeiten, durch welche die Vorstellung ausgearbeitet wird, unterschiedene Kraftäußerung ist, die auch zuweilen von jenen getrennt sein kann? Über diese Punkte will ich hier nichts ausmachen und mich schon gar nicht auf die angeführten Beobachtungen berufen. Aber so viel ist aus ihnen offenbar, daß es wohl zu unterscheiden ist, ob die Undeutlichkeit und Dunkelheit in der Vorstellung als in einer matten und verwirrten Abbildung ihres Gegenstandes in uns, ihren Grund hat, oder ob sie nur in der Idee als Idee, das ist in der bearbeiteten und mit Bewußtsein verbundenen Vorstellung vorhanden ist. Wo es an der nötigen Helligkeit in der Vorstellung fehlt, da muß es auch in der Idee daran fehlen. Die Klarheit in jener erfordert eine Apperzibilität, eine Erkennbarkeit; es muß die Vorstellung zur Idee gemacht werden können. Die letztere Klarheit der Idee ist die wirkliche Apperzeption. Ob nicht jene Unterscheidbarkeit im Bild vorhanden sein und doch das Bewußtsein fehlen kann, das ist die Frage, auf welche in der alten, und jetzt mehr eingeschläferten als entschiedenen Streitigkeit über die Vorstellungen ohne Bewußtsein (die Mißverständnisse abgesondert) am Ende alles hinausläuft. Aber hier habe ich die Beobachtungen nicht beisammen, die erfordert werden, um diese nicht unwichtige Sache ins Helle zu setzen.

Die Vorstellungen sind nur Bilder von den Objekten für uns, insofern sie die gedachte bildliche Klarheit und Deutlichkeit besitzen; weiter nicht. Insofern sie nicht wahrgenommen werden können mit der Aufmerksamkeit, und also nicht genug zu dieser Absicht von anderen abgesondert und ausgezeichnet sind, insofern sind sie für uns bloße Modifikationen in der Seele, denen die Analogie mit ihren Objektfehlern, durch welche allein sie nur Vorstellungen von Sachen sein können. Sie müssen sich doch im Ganzen voneinander unterscheiden lassen, wenn sie Sachen im Ganzen; und ihre einzelnen Teile müssen genug auseinander gesetzt sein, wenn sich besondere Teile und Beschaffenheiten an Sachen kennbar machen sollen.

Es ist eine viel feinere Frage, ob die zweite Eigenschaft der Vorstellungen, das Hinweisen auf ihre Ideate, auch in derselben Beziehung mit ihrer bildlichen Deutlichkeit und Undeutlichkeit steht. Diese Beschaffenheit kommt ihnen zu, wegen der mit ihnen verbundenen Tendenzen, sich weiter fort zu Empfindungen zu entwickeln. Es scheint, von einer Seite die Sache betrachtet, nicht, daß diese Eigenschaft an ihnen davon abhängt, ob ihre Teile mehr oder weniger auseinander gesetzt und ansich apperzeptibel sind. Ein dunkler Flecken an der Wand, in der Ferne gesehen, zieht uns mit eben der Stärke auf den Gedanken, es sei ein Objekt an der Wand, was wir sehen, aus der Nähe betrachtet werden wir gewahr, daß es ein Miniaturporträt ist und es als ein außerhalb von uns vorhandenes Gemälde erkennen. Die Reflexion sieht in dem einen Fall wie in dem andern, bei den verwirrtesten Ideen, wie bei den deutlichsten, nicht die Vorstellung selbst, sondern durch sie die Sache, die ihr Objekt ist. Eben dies scheint auch die Natur der Vorstellungen mit sich zu bringen. Jeder einzelne Zug in ihnen ist, wenn sie wieder erweckt werden, oder wieder erweckt sind, eine wieder aufgeweckte Spur einer ehemaligen Empfindung, und ist also mit der Tendenz verbunden, den vorigen Zustand völlig herzustellen. Ob diese Züge nunmehr durcheinander laufen, und sich verwirren, oder ob sie mehr abgesondert und auseinandergesetzt sind, wie ändert das etwas an der Tendenz, oder am Ansatz sich wieder völliger darzustellen?

Indessen ist dies doch nur ein Schein, wenn man die Sache von der anderen Seite her ansieht. Ist die Vorstellung im Ganzen klar, so ist insofern die Reflexion damit verbunden. Sie wird von anderen im Ganzen unterschieden. Insofern ist Licht in ihr; und die Reflexion wird auf das Objekt hingezogen, wenngleich die einzelnen Teile der Vorstellung für sich keine solche Wirkung hervorbringen. So viel nur, und nichts mehr lehrt die angeführte Beobachtung.

Aber die Beobachtung lehrt auch ebenso deutlich, daß, je dunkler eine Idee ist, desto eher werden wir es gewahr, daß sie eine Modifikation von uns selbst, und in uns ist. Es kommt uns so vor, sagen; es schwebt uns vor Augen; es liegt uns in den Ohren. Je weniger Klarheit in einer Vorstellung ist, je mehr verwirrt und dunkel sie ist, umso mehr fühlen wir die Vorstellung als eine gegenwärtige Veränderung von uns selbst, und desto leichter wird die Reflexion dahin gezogen, sie von dieser Seite aus anzusehen, und wir sehen alsdann mehr die Vorstellung in uns, als ihren Gegenstand durch sie. Wir sehen den Spiegel, nicht die Sachen, deren Bilder in ihm gesehen werden; wir sehen das Glas der Fenster, nicht die äußeren Körper, davon das Licht durch sie fällt.

Dies hat eine zweifache Ursache. Sofern die Vorstellung und ihre Züge nicht apperzipiert werden, insofern ist mit ihnen kein Aktus der Reflexion verbunden, und es ist also auch nicht möglich, daß die Reflexion eine besondere Richtung erhält. Wo nichts gedacht wird, da wird auch der Gedanke nicht gedacht: es sei etwas eine vormalige Empfindung, oder ein empfundener Gegenstand. Die bunte Vorstellung mag also mit Tendenzen verbunden sein, welche der Reflexion einen Wink geben, und ihren Schwung bestimmen können; aber sie wirken nicht auf sei, da die Tätigkeit der letzteren zurückbleibt.

Zweitens. Wenn sich nun auch ein Aktus der Reflexion mit der Vorstellung verbindet, so kann doch, solange die Vorstellung selbst noch nicht von den übrigen gegenwärtigen Beschaffenheiten der Seele genug abgesondert ist, um wahrgenommen zu werden, auch nichts anderes als das Bestreben der Kraft, das Bild ferner und stärker hervorzuheben, bemerkt werden. Die Vorstellung selbst liegt also im Innern der Seele unter den übrigen versteckt. Fühlt die Seele ihr Bestreben, ohne die Wirkung desselben, nämlich die abgesondert dastehende Vorstellung, so ist dieses Gefühl mit dem inneren Selbstgefühl vereint. Was wird daraus für ein Gedanke entstehen, als dieser, es sei etwas da in uns selbst.

Ist die Vorstellung im Ganzen klar, aber viel befassend und undeutlich, so laufen auch die mit ihren Zügen verbundenen einzelnen Bestrebungen zu vormaligen Empfindungen ineinander. Alsdann ist zwar eine Tendenz zu einer Empfindung vorhanden, die man ihm Ganzen kennt, und deswegen auch die Vorstellung im Ganzen für eine Vorstellung eines Objekts ansieht; aber die einzelnen Teile derselben können nicht unterschieden werden: diese einzelnen Bestrebungen vereinigen sich so mit den übrigen inneren Modifikationen, und bekommen nun im Hinblick auf die Reflexion eine gedoppelte Seite. Zusammen vereinigt in eine ganze Tendenz, führen sie oder führt vielmehr das Gefühl von ihnen, auf eine Sache oder Objekt hin; aber einzeln sind sie unter anderen Seelenbestrebungen vermischt, und das dunkle Gefühl von ihnen in dieser Vermischung muß gleichfalls mit dem Selbstgefühl vereinigt und vermischt sein, daher dann die Reflexion von diesem Gefühl auf einen gegenwärtigen Zustand der Seele gerichtet werden muß. Die Ursache, warum die dunklen Spiegel und halbdurchsichtige Körper mehr selbst gesehen werden, als andere Körper durch sie, ist derselbe allgemeine Grund in einem besonderen Fall unter besonderen Umständen.

Wer die Ursachen des deutlichen und des undeutlichen Sehens aus der Optik kennt und den Grund davon verallgemeinert und auf die Deutlichkeit und Undeutlichkeit der Ideen überhaupt anwendet, wir manche Gelegenheit finden, über den gewöhnlichen Vortrag der Vernunftlehrer Kritiken zu machen. Eine verwirrte Idee, das ist, eine klare aber undeutliche, wird als ein Inbegriff von dunklen Vorstellungen angesehen und die Ursache der Verwirrung wird in einem Mangel der Klarheit gesetzt, als wenn, um die Verwirrung zu heben, nichts erfordert wird, als nur mehr Licht aufzutragen. So ist es nicht. Verdeutlichen ist ein Auseinandersetzen, ein Entwickeln, und nicht, wenigstens nicht allemal, so viel als heller machen. In manchen Fällen ist die allzugroße Helligkeit eben die Ursache von undeutlichem Sehen. Ohne mich hierauf weiter einzulassen, will ich um des Folgenden willen nur eins im Allgemeinen erinnern.

Wenn wir zwei Sachen oder zwei Beschaffenheiten einer Sache oder was hier einerlei ist, ihre Vorstellungen in uns, nicht unterscheiden, so kann es daher sein, weil wir keine von beiden gehörig gewahrwerden. In diesem Fall sehen wir an beiden Sachen nichts. Aber es kann auch daran liegen, daß die Gegenstände einander allzu ähnlich oder allzu nahe beieinander sind, oder sich einander bedecken, oder auch sonst in der Vorstellung so genau ineinander fließen, daß sie wohl beide zugleich, aber nicht jedes gesondert vom andern vorgestellt werden können. Jenes erstere ist der Fall bei den eigentlich dunklen Ideen. Diese, insofern sie dunkel sind - denn einigen Grad von Klarheit müssen sie besitzen, um Ideen zu sein - sind nicht so stark ausgedruckt, daß man die eine mit der anderen, im Ganzen oder in Teilen, vergleichen, und unterscheiden kann. Man weis es nur aus äußeren Umständen, daß es zwei Vorstellungen sind und nicht eine, und urteilt daher, daß ihre Gegenstände unterschieden sind, ohne solche weiter zu kennen. Ich sehe z. B. des Abends im Finstern zwei Menschen, davon einer zur Rechten, der andere zur Linken geht. Dieser Umstand lehrt mich, daß es zwei verschiedene Gegenstände sind, was ich sonst aus den Vorstellungen selbst nicht gewußt haben würde. Die klaren Ideen dagegen, welche zugleich undeutlich sind, hat man mit vollem Recht verwirrte, ineinandergezogene genannt. Diese sind nicht allein klar im Ganzen; sie haben auch Licht in ihren einzelnen Zügen, die man von den Zügen einer anderen gleich verwirrten Vorstellung wohl unterscheidet. Man unterscheidet ja jeden einzelnen Punkt in dem verwirrten Bild von einem grünen Feld, von einem jeden einzelnen Teil in diesem verwirrten Bild von einer Wasserfläche. Nur untereinander und voneinander lassen sich die Teile der verwirrten Idee nicht unterscheiden. In einer weißen Fläche, die stark erleuchtet ist, hat jeder einzelne Strich ein viel stärkeres Licht, als es nötig sein würde, sie zu unterscheiden, wenn ihre Farben verschieden wären; und dennoch werden solche nicht voneinander unterschieden, als nur, wo dies mittels ihrer verschiedenen Lage und Beziehungen auf andere Dinge geschehen kann. Ihre zu große Ähnlichkeit untereinander ist in diesem Fall die vornehmste Ursache dieser Verwirrung. Um die Verwirrung, sofern sie von der Dunkelheit unterschieden ist, wegzubringen, ist es also nicht nur nötig, mehr Licht auf die Ideen zu verbreiten, das zuweilen vermindert werden muß, sondern vielmehr dahin zu sehen, daß die Teile der Idee, oder das Mannigfaltige und Unterscheidbare in ihr, auseinander gerückt und jedes bis dahin abgesondert wird, daß es für sich ohne die übrigen wahrgenommen werden kann. Die Idee muß zu dieser Absicht von verschiedenen Seiten, aus verschiedenen Gesichtspunkten beobachtet und mit anderen vergleichen werden und dgl.

Die Dunkelheit verursacht für sich keine Verwirrung. Die Teile der ganzen Vorstellung können dieselbe Lage und Beziehungen gegeneinander behalten, welche sie haben, wenn sie deutlich ist, und es bedarf nur ihnen allen im gleichen Verhältnis das Licht entzogen werden. Am hellichten Tag scheint eine entfernte Gruppe von Bäumen ein in Eins fortgehendes Ganzes zu sein; da ist Verwirrung. Sind wir in der Nähe, und sehen jeden Baum besonders, so wird, wenn die Nacht hereinbricht, die Vorstellung verdunkelt, aber man findet micht, daß die Ideen von einzelnen Bäumen zusammen ineinander fließen. Aber wenn die Dunkelheit zunimmt, so werden auch die dunklen Vorstellungen wiederum den verwirrten ähnlich. Davon ist die schöpferische Phantasie die Ursache. Denn sobald die Klarheit der Vorstellungen sich bis auf eine gewisse Grenze hin vermindert hat, so findet die Phantasie Gelegenheit, die geschwächten und erlöschenden Züge der Bilder aus sich selbst zu ersetzen. Es sind alle Kühe nach dem Sprichwort, schwarz bei der Nacht; aber sie haben die Farbe nicht, welche die schwarzen am Tag haben; sondern weil die Gegenstände in der Dunkelheit ganz farbenlos sind, so gibt die Phantasie ihnen die schwächste und überzieht sie mit einem Schein, der nichts ist, als ein von ihr selbst gemachter Firnis. So entstehen eigene Schattierungen, wo die einzelnen Züge, wie bei einem verwirrten Schein, ineinander laufen, und durcheinander gemischt werden. Und diese verdunkelten und modifizierten Vorstellungen sind von den deutlichen noch weit mehr unterschieden, als im Hinblick auf eine größere oder geringere Klarheit, obgleich in den gewöhnlichen Fällen die Verwirrungen von der Phantasie gehoben werden, und sich die einzelnen Teile des Ganzen in ihrer wahren Situation darstellen, sobald das entzogene Licht zurück gebracht wird.


XIII. Verschiedene Tätigkeiten und Vermögen der vorstellenden Kraft.
Das Vermögen der Perzeption. Die Einbildungskraft. Die bildende Dichtkraft.

Die ursprünglichen Empfindungsvorstellungen sind der Grundstoff aller übrigen. Die abgeleiteten werden alle ohne Ausnahme aus ihnen gemacht. Eine Betrachtung über die Art und Weise, wie dies geschieht, kann uns in die innere Werkstatt der Seele führen, und es ist unumgänglich notwendig, uns daselbst umzusehen, um von der vorstellenden Kraft aus ihren Wirkungen den vollständigenn Begriff zu erhalten, der uns in den Stand setzt, die Beziehung dieses Vermögens auf die übrigen Seelenvermögen zu begreifen.

Was die Wirkungsarten betrifft, wodurch die Vorstellungen in uns zu Ideen werden, wodurch Bewußtsein und Gewahrnehmen der Gegenstände durch sie entsteht, so setze ich hier solche noch beiseite. Worin bestehen die Tätigkeiten der vorstellenden Kraft, insofern sie mit den bildlichen Abdrücken der Gegenstände in uns beschäftigt ist, insofern sie diese aufnimmt, wiedererweckt und umbildet? Der Weg ist in dieser Untersuchung von anderen völlig gebahnt, und fast ausgetreten worden. Über diese Strecken werde ich geschwind weggehen, und mich nur an solchen Stellen verweilen, wo es noch nicht völlig eben ist.

Die Vorstellungstätigkeiten können unter diesen dreien begriffen werden. Erstens: wir nehmen die ursprünglichen Vorstellungen aus den Empfindungen in uns auf, und unterhalten solche, indem wir nachempfinden und wir verwahren diese Nachempfindungen als aufgenommene Zeichnungen von den empfundenen Objekten in uns. Dies ist die Perzeption oder die Fassungskraft. Zweitens: diese Empfindungsvorstellungen werden reproduziert, auch wenn jene ersten Empfindungen aufgehört haben, das ist, sie werden bis dahin wieder hervorgebracht, daß sie mit Bewußtsein wahrgenommen werden können. Diese Wirkung schreibt man gemeinhin der Einbildungskraft oder der Phantasie zu. Insbesondere heißen die wieder hervorgezogenen Vorstellungen aus den äußeren Sinnen Einbildungen oder Phantasmata. Sie sind überhaupt, auch die aus dem inneren Sinn mitgerechnet, unter dem Namen der Wiedervorstellungen schon befaßt worden.

Die ersten Empfindungsvorstellungen legen sich in der Seele in derselben Ordnung aneinander, in welcher sie nacheinander hervorgebracht worden sind. Sie reihen sich aneinander, und wenn die kleineren Zwischenvorstellungen zwischen anderen herausfallen, so rücken die in der Empfindung etwas entfernten in der Einbildungskraft dichter zusammen. Dies geschieht gewöhnlicherweise dann, wenn wir mehrmals eine Reihe von Empfindungen wiederholen, und nur auf einige sich ausnehmende Teile derselben aufmerksam sind. Eben dadurch ziehen sich oft mehrere getrennte Empfindungen als Teile in ein Ganzes zusammen, und machen eine zusammengesetzte Vorstellung aus.

Die Phantasie würde also bei der Reproduktion der Vorstellungen lediglich ihrer vorigen Koexistenz in den Empfindungen nachgehen, wenn nicht noch ein anderer Grund hinzukäme, der ihre Richtung bestimmt, nämlich dieser: Ähnliche Vorstellungen fallen aufeinander, gleichsam in Eine zusammen. Dies ist nicht allein von solchen wahr, die von merklich ähnlichen Gegenständen entspringen, sondern es fallen überhaupt Vorstellungen zusammen, insofern sie einander ähnlich sind. Wo nur ein gemeinschaftlicher bemerkbarer Zug, nur eine ähnliche Seite in ihnen ist da fallen diese Züge und diese Seiten ineinander, die Ähnlichkeiten machen die Vereinigungspunkte der Vorstellungen aus; und die Stellen, wo die Phantasie von einer zu mehreren anderen unmittelbar übergeht und aus einer Reihe von Vorstellungen in eine andere hinüber kommen kann, die doch in den Empfindungen, dem Ort und der Zeit nach, von jener weit abstand. Das Gesetz der Assoziation der Ideen ist daher zusammengesetzt. Die Vorstellungen werden aufeinander wieder erweckt nach ihrer vorigen Verbindung und nach ihrer Ähnlichkeit.

Drittens: Aber auch dieses Wiederhervorbringen der Ideen ist noch nicht alles, was die menschliche Vorstellungskraft mit ihnen vornimmt. Sie bringt sie nicht allein wieder hervor, verändert nicht bloß die vorige Koexistenz, indem sie einige näher zusammenbringt, als sie es vorher waren, andere wiederum weiter auseinandersetzt, und also ihre Stellen und Verbindungen bald so, bald anders bestimmt, sondern sie schafft auch neue Bilder und Vorstellungen aus dem in den Empfindungen aufgenommenen Stoff. Diese Wirkungen sind oben schon angezeigt worden. Die Seele kann nicht nur ihre Vorstellungen stellen und ordnen, wie der Aufseher über eine Gallerie die Bilder, sondern sie ist selbst Maler und erfindet und verfertigt neue Gemälde.

Diese Verrichtungen gehören dem Dichtungsvermögen an; einer schaffenden Kraft, deren Wirksamkeitssphäre einen größeren Umfang zu haben scheint, als ihr gemeinhin zuerkannt wird. Sie ist die selbsttätige Phantasie; das Genie nach des Herrn GIRARDs Erklärung, und ohne Zweifel ein wesentliches Ingredienz des Genies, auch in einer weiteren Bedeutung des Wortes, die das Genie nicht eben allein auf das Dichtergenie einschränkt.

Ich weiß keine Tätigkeit der Seele, insofern sie mit den Vorstellungen zu tun hat, welche nicht unter eine von diesen dreien gebracht werden könnte. Nur, wie ich vorher erinnert habe, diejenige noch beiseite gesetzt, wodurch Bewußtsein entsteht, und Vorstellungen zu Ideen und Begriffen erhoben werden.


XIV. Über das Gesetz der Ideen-Assoziation. Dessen eigentlicher Sinn.
Ist nur ein Gesetz der Phantasie bei der Reproduktion der Vorstellungen.
Ist kein Gesetz der Verbindungen der Ideen zu neuen Reihen.

Seitdem LOCKE das sogenannte Gesetz der Ideenverknüpfung zwar nicht entdeckt, aber doch deutlich wahrgenommen hat, ist dies wie ein Grundgesetz in der Psychologie angesehen worden. Man hat es in allen seinen Anwendungen aufgespürt, und einen Schlüssel zu den geheimsten und innersten Gemächern in der Seele darin gefunden. Es ist in der Tat ein wichtiger und fruchtbarer Grundsatz, wenn es auch das nicht alles ist, wofür es von einigen gehalten wird. Was so oft geschieht, daß ein Prinzip, woraus so vieles erklärt werden kann, für das einzigste angesehen wird, woraus alles erklärt werden soll; und daß eine Ursache, die unter den übrigen mitwirkenden hervorsticht, allein die Aufmerksamkeit auf sich zieht, und deswegen die übrigen umso leichter übersehen läßt, das hat sich wie es mir scheint, auch hier zugetragen. Das Gesetz der Assoziation soll den Grund geben, warum auf die Idee A im Kopf eines Menschen die Idee B hervortritt, wenn keine neue Empfindung die letztere hineinschiebt; und diesen Grund von der Ideenfolge soll es völlig und bestimmt angeben. Dies verdient eine nähere Untersuchung. Hängt die Folge, in der die Wiedervorstellungen auftreten, die Einmischung neuer Empfindungen beiseite gesetzt, allein von der Phantasie ab? und inwieweit kann die Ähnlichkeit oder die ehemalige unmittelbare Verbindung der Ideen A und B es bestimmen, daß auf A eben B und nicht jede andere wieder hervorgezogen wird?

Die Regel der Assoziation - wenn nichts mehr in ihr gesagt wird, als was aus den Beobachtungen zunächst folgt, und wenn in ihrem Ausdruck alle Wörter vermieden werden, die nur unbestimmte Beziehungen angeben, und mehr geschickt sind, dem Verstand einige allgemeine Begriffe vorschimmern zu lasen, als ihm solche deutlich und abgemessen darzustellen, - will soviel sagen wie:
    "wenn die Seele von der Vorstellung A, die diesen Augenblick in ihr gegenwärtig ist, zu einer anderen B im nächstfolgenden Augenblick unmittelbar übergeht, und diese letztere B nicht aus einer Empfindung hineingeschoben wird, so ist die Veranlassung dazu, daß eben B auf A folgt, entweder diese, weil beide vorher in unseren Empfindungen, oder auch schon in den Vorstellungen, so nahe miteinander verbunden gewesen sind, oder weil sie einander in gewisser Hinsicht ähnlich sind."
Die Sinne wollen wir ruhen lassen, wenn der Gang der Phantasie beobachtet werden soll; die Empfindungen von außen her sollen sich also nicht einmischen, und auch die inneren Sinne nichts beitragen, sondern die Einbildungskraft soll freie Hand haben, zu arbeiten, so wie sie sie im Schlummer und im Traum hat. Wenn die Phantasie gleichgültig und absichtslos die vorigen Ideen wieder hervorzieht so geht sie der Ordnung nach, in der die Vorstellungen in den Empfindngen oder auch ehemals in den Vorstellungen nebeneinander und aufeinander gefolgt sind. Dagegen verfolgt sie mehr das Ähnliche, das Gemeinschaftliche, an welchem die Ideen zusammenhängen, und bringt ähnliche nacheinander hervor, sobald sie sich in einer lebhaften fortdauernden Gemütsbewegung befindet und Trieb, Begierde und Absicht sie nach einer gewissen Richtung hin bestimmt. Die Koexistenz der Vorstellungen in der Empfindung verbindet sie untereinander wie ein Faden die auf ihn gezogenen Perlen. Die Ähnlichkeit vereinigt sie, wie ein gemeinschaftlicher Mittelpunkt, um welchen herum mehrere ähnliche Ideen anliegen, so daß von der einen zur andern ein unmittelbarer Übergang möglich ist, auch bei solchen, die sonst in der Reihe der Koexistenz sehr weit voneinander abstehen. Die Einbildungskraft wechselt mit beiden Arten der Verbindungen ab und macht neue Verbindungen. Nie ist sie einer dieser Beziehungen allein nachgegangen, wenn wir eine ganze Reihe von Reproduktionen untersuchen, die eine merkliche Länge hat. Nur liebt sie unter gewissen Umständen mehr den einen, unter anderen mehr den anderen Hang. Bei einem vergnügten Herzen führt die Phantasie lauter heitere Ideen hervor; bei einem niedergeschlagenen lauter traurige, bei einem betrachtenden solche, die mit dem allgemeinen Begriff, dessen Bearbeitung er vorhat, in Verbindung sind. Jede einzelne der wiedererweckten Vorstellungen würde ganze Reihen von anderen in Gesellschaft mit sich führen, und die Seele würde sich zerstreuen. Aber weil sie sich in ihrem Standort festhält, so wendet sie sich mehr nach solchen Ideen hin, die um ihren gegenwärtigen Zustand, wie um einen gemeinschaftlichen Mittelpunkt herumliegen, und unterdrückt die verbundenen Nebenreihen, die sich auch wohl regen und zwischendurch hervortreten wollen.

Dieses Gesetz der Assoziation bestimmt nichts mehr, als die Ordnung, wie Ideen aufeinander folgen, wenn die Phantasie allein wirkt. Es bestimmt nicht die ganze wirkliche Ordnung, in welcher die Vorstellungen erfolgen, und enthält auch das Gesetz der bildenden Dichtkraft nicht, wenn diese neue Ideen macht. Wo die letztere wirkt, und durch ihre Wirksamkeit neue Verbindungen hervorbringt, da reicht jenes Gesetz bei weitem nicht aus, den Grund der gesamten tätigen Assoziation anzugeben. Eigentlich bestimmt die Regel nichts mehr, als welche Idee überhaupt auf eine andere folgen kann? Auf die Idee A kann nämlich entweder eine von den ihr ähnlichen, oder eine von den koexistierenden folgen, aber von welcher ARt wird nun eine folgen? das hängt von den Ursachen ab, wovon die Einbildungskraft während ihrer Wirksamkeit gelenkt und regiert wird.

Und weiter: Soll eine von den ähnlichen Ideen auf A folgen, welche? und nach welcher Ähnlichkeit? Alle Vorstellungen haben gemeinschaftliche Züge und immer zwei derselben haben mehr als einen Punkt, woran sie zusammenhängen. Welches ist nun der Punkt, um den herum die Phantasie, als um einen Mittelpunkt wirkt? Bei einer jeden einzelnen Idee ist bald diese, bald eine andere die nächste, je nachdem es diese oder jene Beschaffenheit, diese oder jene Seite ist, von der sie angesehen wird, und an der sie mit anderen zusammenhängt. In dieser Hinsicht ist die Verknüpfung der Ideen in der Seele eine durchgängige Verbindung singularum cum singulis [Einzelheit und Einzelnes - wp]. Es gibt also fast keine Idee, von der, zumal in einer großen und reichen Einbildungskraft, nicht ein unmittelbarer Übergang zu jeder anderen vorhanden wäre, wenngleich dieser Weg bei vielen eng und so ungewohnt ist, daß die Phantasie weit leichter und gewöhnlicher einen andern nimmt.

Die Anzahl der mit jeder einzelnen Idee vorher verbundenen, oder durch die Koexistenz angereihten, ist ebenfalls sehr groß, und wird es immer mehr, da neue Verbindungen bei jeder Reproduktion zustanden kommen.

Da also dieses Gesetz der Assoziation nichts weiter lehrt, als daß auf eine gegenwärtige Vorstellung eine andere folgt, die mit ihr einen gemeinschaftlichen Vereinigungspunkt hat, oder eine solche, die ehedem mit ihr verbunden gewesen ist, so gibt diese Regel die wahre Folge der Ideen nicht bestimmter an, als wenn man sagt: "auf eine gegenwärtige Idee kann fast eine jedwede andere folgen." Wird die Regellosigkeit der Phantasie darum eine Regelmäßigkeit, weil die Ideen nach dieser Regel reproduziert werden? Ist in einem quodlibet [wie es beliebt - wp] deswegen eine ordentliche Gedankenfolge, weil diese Folge durch eine Regel bestimmt wird, welche sagt, daß keine Ordnung darin sein soll.

Noch weiter über die Wahrheit hinaus ist es, wenn einige im Gesetz der Assoziation ein allgemeines Gesetz gefunden haben wollen, daß die ganze Folge der Vorstellungen in der Seele bestimmen soll, insofern sie nicht von neuen Empfindungen unterbrochen wird. Wenn die Sonne aufgeht, so sieht man im Osten liegende entfernte und dunkle Gebüsche für Berge an, und so scheint es uns auch bei dieser Regel gegangen zu sein. Es mag sein, daß aus ihr die Folge der Vorstellungen, welche alsdann wieder erweckt werden, wenn alle übrigen Seelenvermögen untätig sind und nur allein die wiederhervorbringende Phantasie beschäftigt ist, und ich will zugeben, daß sie diese Folge vollständig erklärt; wo und wie selten findet denn wohl diese angenommene Bedingung statt? Wann arbeitet die Phantasie allein an der wirklichen Assoziation der Ideen, wozu sie nur die Materialien, der obigen Regel gemäß, darbietet? Das selbsttätige Dichtunsvermögen kommt dazwischen und schafft neue Vorstellungen aus denen, die da sind, und macht also neue Vereinigungspunkte, neue Verknüpfungen und neue Reihen. Die Denkkraft entdeckt neue Verhältnisse und Beziehungen, neue Ähnlichkeiten, neue Koexistenzen und neue Abhängigkeiten, die vorher nicht bemerkt wurden und macht auf diese Art neue Kommunikationskanäle zwischen den Ideen, wodurch einige zur unmittelbaren Verbindung kommen, andere voneinander abgerissen werden, die es vorher nicht gewesen sind. Sollen etwa alle diese neuen selbsttätigen Assoziationen mit zu den Empfindungen, die dazwischen kommen, etwa zu den Empfindungen des inneren Sinnes gerechnet werden, von denen man voraus angenommen hat, daß auf sie keine Rücksicht genommen wird? Wenn dies ist, so heißt jene Regel der Ideenfolge so viel: die Idenn werden wiederum erweckt, nach ihrer Ähnlichkeit oder nach ihrer Koexistenz, wenn nichts dazwischen kommt. Aber dieses wenn ist ein wenn, das Ausnahmen zuläßt, die vielleicht zur Regel gemacht und das was Regel ist, auch als Ausnahme angesehen werden muß.

Die durch die verschiedenen Vermögen der Seele, durch ihr Gefühl, ihre bildende Dichtkraft, die Reflexion und andere, alle Augenblicke hervorgebrachte Verbindungen, erfolgen jede nach ihren eigenen Gesetzen. Denn jedes Seelenvermögen beobachtet ein gewisses Gesetz, so oft es wirksam ist, und auch die schaffende Dichtkraft beobachtet die ihrigen, wenn sie neue Ideen hervorbringt. Diese Gesetze können einzeln aus den Beobachtungen erkannt werden, wie es von den Psychologen zum Teil schon geschehen ist. Aber da nun alle Vermögen, jedes nach seiner Regel in Verbindung sind, und in der Verbindung wirken, wessen Verstand ist groß genug, diese besonderen Regeln in eine allgemeine zusammenzufassen, durch welche die wahre Folge der Vorstellungen bei einem gegebenen Ideenvorrat und bei den gegebenen damaligen Empfindungen bestimmt werden könnte? Die einzelnen Ursachen, welche Wind und Wetter abändern, und ihre Arten zu wirken sind bekannt. Aber die Naturkundigen sind noch weit von einem allgemeinen Gesetz entfernt, wonach sich die Beschaffenheit der veränderlichen Witterung in unseren Gegenden berechnen ließe. Die Gesetze der Attraktion kennt jeder Naturlehrer, und doch ist das sogenannte Problem de trois corps [der drei Körper - wp], das Gesetz der Bewegung, wenn drei Körper sich einander anziehen, ein Kreuz der Analysten. Es ist in der Seelenwelt wie in der Körperwelt. Die einzelnen Ursachen und ihre Wirkungsarten einzeln zu erkennen, das ist noch lange nicht die Erkenntnis der Regel, nach der die Wirkung erfolgt, wenn diese mehreren Ursachen zugleich in Vereinigung miteinander wirken. So ein besonderes Gesetz für ein besonderes Vermögen ist das Gesetz der Ideenassoziation.

Hiermit soll der große Nutzen, den die Entdeckung dieses psychologischen Gesetzes geleistet hat, weder geleugnet noch heruntergesetzt werden. Nichts weniger. Nur lese man nicht mehr darin, als was darin enthalten ist. Man sehe kein Ungeheuer von Riesen, wo nichts als ein simpler Mensch steht.
LITERATUR: Johann Nicolas Tetens, Philosophische Versuche über die menschliche Natur und ihre Entwicklung, Berlin 1913