|
Die Klimax der Theorien [4/4]
4. Das Prinzip der Kontinuität des Geschehens Jeder wirkliche Vorgang, jede Ortsbewegung und qualitative Veränderung, jeder physische oder geistige Entwicklungsprozeß verläuft so, daß er die Zeitstrecke seines Geschehens - (und, wo es sich um eine physische Bewegung im Raum handelt, die Raumstrecke der Bewegungsbahn) - kontinuierlich ausfüllt; nicht aber so, daß er von Zeitpunkt zu Zeitpunkt - (bzw. auch von einem Bahnpunkt zu einem davon getrenten Bahnpunkt) - springend, durch inhaltsleere Zeitintervalle, d. h. absolute Pausen, in ein Diskretum zerfällt wird; nicht so, daß er in einem Moment oder Punkt plötzlich aufhört, um in einem davon getrennten Punkt oder Moment ebenso plötzlich von Neuem anzuheben. Als es dem JOHANNES KEPLER nach langjähriger mühsamer Verstandesarbeit und Durchprobieren von nicht weniger als zwanzig verschiedenen Hypothesen über die Gestalt der wahren heliozentrischen Planetenbahn gelungen war, die von TYCHO de BRAHE beobachteten und in einer Tabelle verzeichneten Marsörter auf einer von ihm a priori konstruierten Ellipse aneinander zu reihen, in deren einem Brennpunkt sich die Sonne befand, da bildete diese diskrete Reihe der Marsörter eine elliptisch geschlossene Perlenschnur. Diese Perlenschnur würde zerrissen werden, die Marspositionen würden haltlos ins chaotisch Unbestimmte auseinandergerollt sein, wenn KEPLER sie nicht zunächst mathematisch auf einer geometrischen Linie, weiter zurück aber logisch auf dem Faden des Prinzips der Kontinuität befestigt hätte. Eben dieses Prinzip aber war eine empirische nicht konstatierbare Präsumtion [Vermutung - wp]. Daß der Planet kontinuierlich durch sämtliche Punkte der elliptischen Bahn hindurchlaufen muß, daß er nicht etwa in der Zwischenzeit zwischen einer Beobachtung und der nächsten von Punkt zu Punkt hinüberhüpft oder gar an einem Bahnpunkt völlig annihiliert [zunichte gemacht - wp] wird, an einem anderen Bahnpunkt plötzlich aus dem Nichts wieder im Dasein auftaucht und ganz neu zu existieren anhebt, davon war KEPLER von vornherein überzeugt, wie wir Alle dies sind. Aber gerade dies war eine das reine Beobachtungsfaktum transzendierende Antizipation, deren objektive Wahrheit freilich von keinem Vernünftigen angezweifelt wird, die aber nur dann logisch legitimiert ist, wenn man ganz universell die Kontinuität des Geschehens als objektiv gültigen Obersatz für die Interpretation und intellektuelle Zusammenfassung empirisch gegebener Zustandssukzessionen behaupten zu dürfen glaubt. Wenn eine Sternschnuppe fällt, so sehen wir eine Strecke weit ihren Bewegungszug am Himmel; wir sehen ihn, wie man sagt, mit leiblichen Augen, obwohl das Anschauungsbild selbst eines so schnell ablaufenden Bewegungsvorgangs keineswegs als pures Empfindungsdatum, als reine Beobachtungstatsache gegeben ist, vielmehr erst durch eine subjektive Zusammenfassung, Deutung, phantasiemäßige Ergänzung einer Mehrheit von Empfindungsdatis zustande kommt. Durch das Teleskop erblicken wir die aus der Erdrotation hervorgehende Scheinbewegung der Fixsterne. Aber wegen der Diskontinuität unserer Beobachtungen können als Faktum immer nur Bruchstücke des objektiven Vorgangs unmittelbar gegeben sein; den Vorgang selbst konstruiert unser Verstand mit einer Verwertung der Empfindungsdata aufgrund gewisser mathematischer und sonstiger Prämissen, in letzter Instanz aufgrund der Interpolationsmaxime der Kontinuität. Ganz allgemein gesprochen: Unsere aktuelle Beobachtung eines objektiven Geschehens muß wegen der Schwankungen und Pausen der individuellen Aufmerksamkeit, wegen der willkürlichen und unwillkürlichen Bewegungen des beobachtenden Sinnesorgans, wegen der interkurrierenden [hinzukommenden - wp] Gedankenemotionen und aus manchen anderen Gründen noch stets diskontinuierlich sein; sie liefert uns daher als tatsächliches Material immer nur vereinzelte Momente, sporadische Bruchstücke, getrennte Entwicklungssphasen des von uns für objektiv gehaltenen Prozesses. Aber wir interpolieren gemäß der Maxime der Kontinuität; wir füllen die Beobachtungslücken durch die Einschaltung nichtbeobachteter Momente aus; wo dies möglich ist, nach Maßgabe mathematisch exakt formulierbarer Spezialgesetze, stets aber der Überzeugung gehorchend, daß ein veränderliches Objekt sämtliche zwischen zwei Entwicklungsmomenten zeitlich, räumlich, qualitativ und quantitativ darin liegenden Übergangszustände durchlaufen muß. Diese Maxime wird, ebenso wie die Prinzipien der realen Identität, der Kontinuität der Existenz und der Kausalität, vom wissenschaftlichen Denken auf das Universum im Ganzen, auf die Erscheinungen der physischen wie der moralischen Welt, mit dem kategorischen Anspruch objektiver Wahrheit in Anwendung gebracht. Ohne das alles wäre eine wissenschaftliche Empirie unmöglich. Ohne das alles würde es unserer Erfahrung so ergehen, wie in GOETHEs Märchen jenem gemischten König, als die züngelnde Flamme der Irrlichter seine goldenen und silbernen Adern und Bänder herausgelockt hat. Man muß zugeben, daß das geschilderte Einschaltungsverfahren kein Privilegium einer strengen Wissenschaft bildet; es ist ein allgemeines Menschenrecht; es wird auch vom gewöhnlichsten Alltagsverstand bei der unwillkürlichen Konstruktion des Anschauungsbildes einer zeitlich ablaufenden Begebenheit ungezwungenerweise ausgeübt. Vielleicht darf man sagen, im gewöhnlichen Denken herrscht es nur nach Art eines psychologischen Naturgesetzes, als eine instinktive Funktion des dem Zug der Phantasie folgenden Vorstellens. In der strengen Wissenschaft hingegen wird die von der Naivität des gewöhnlichen Vorstellens als selbstverständlich angenommene Maxime jenes Verfahrens explizit oder implizit in Gestalt einer vollgültigen Wahrheit behauptet, und nun tritt an die Stelle des psychologischen Naturgesetzes ein ausdrückliches Prinzip. Wie diese Interpolationsmaxime subjektiv entstanden sein mag, das ist ein uns hier ganz fern liegendes Problem der Psychologie. Für die allgemeine Wissenschaftslehre und Erkenntniskritik aber ist es ebenso einleuchtend, daß ohne eine Befolgung der genannten Maxime Erfahrung unmöglich ist, wie daß die Maxime den beobachtbaren Tatbestand transzendiert, folglich kein empeirem ist. Sobald man einsieht, daß sie das assertorisch Gewisse übersteigt, darf man sie als Hypothese einführen. Wenn man sie hingegen als absolut gültig hinstellt und ihr eine absolute Gewißheit vindiziert, so wird sie zum ontologischen Dogma gestempelt, und man steht auf dem Standpunkt der Metaphysik. Ich breche hier ab. Jenes oben versprochene Geflecht von logischen Bändern, Nerven und Schlagadern, welches von uns bei dem energischen Versucht zur Herstellung der reinen Erfahrung unvorsichtigerweise und mit so letalem [tödlichen - wp] Erfolg durchschritten worden war, ist nun herauspräpariert. Hier liegt es vor uns! Der Sachkundige möge es besichtigen, zu Nutz und Frommen für die Geisteschirurgier der Zukunft und für die Lebensfähigkeit der Wissenschaft. HERODOT hat gesagt, Ägypten sei ein Geschenk des Nils. Eine große geologische Wahrheit, die für eine große Klasse mächtiger Ströme und fruchtbarer Alluvialländer [aus Anschwemmungen aufgebaute Flachländer - wp] zutreffend ist. Mit gleichem Recht darf man sagen: Die Erfahrung ist ein Geschenk des Verstandes. Dies enthält durchaus keine Hyperbel, sondern ist im strengsten Sinn wahr, sobald man das Wort Verstand dahin definiert, daß darunter die Gesamtheit der Intellektualfunktionen zusammen begriffen werden soll, durch welche das Material bloßer Sinneseindrücke oder Wahrnehmungsdata auf bestimmte Weise geordnet, ergänzt, in Verbindung gesetzt, objektiv gedeutet und so in die Form eines vollständig artikulierten empirischen Tatbestandes hineingebracht wird. Ganz im Allgemeinen schon leuchtet dies ein aus der Erwägung, daß, wie früher bemerkt, die Erfahrung eines jeden sich nach dem richtet, was er selber ist. Ein Idiot kann genau dieselben Sinneseindrücke haben wie ein genialer Forscher; trotz dieser Identität des beiderseitigen Empfindungsinhaltes besitzt jener eine andere Art von Erfahrung als dieser. Weiterhin ist die spezifisch menschliche Erfahrung eine Akzidenz [Merkmal - wp] der spezifisch menschlichen Geisteskonstitution, behaftet mit deren Vorzügen wie mir ihren Mängeln; demgemäß wird sie von der Erfahrung eines in sinnlicher Hinsicht zwar uns gleich organisierten, zugleich aber intellektuell uns heterogenen Wesens in höherem oder geringerem Grad verschieden sein müssen, und zwar nach der Proportion dieses intellektuellen Unterschieds. Von der bevorstehenden analytischen Untersuchung nun aber, die wohl ebenso unwiderleglich ist, als sie manchem paradox erscheinen mag, wird diese generelle Einsicht bis zur Formulierung präziser Sätze verschärft. Sie hat uns einen Einblick eröffnet in ein System dem gewöhnlichen Bewußtsein in der Regel latent bleibender Prämissen, auf denen unsere Empirie durchgängig beruth, während diese Prämissen selbst doch etwas schlechthin Überempirisches, Unerfahrbares behaupten. Man kann sie "Verstandesantizipationen" nennen, - anticipationes mentis, um einen Ausdruck BACONs zu gebrauchen, welchem er selbst einen tadelnden Beigeschmack verliehen hat. Der Begriff bleibt, der Tadel aber verschwindet. Denn Unvermeidliches, wie z. B., daß der Hungrige essen, der Durstige trinken, der mit Augen Begabte sehen will, zu tadeln, ist unbillig. Wenn BACON verlangt, Nichts soll vom Verstand antizipiert, Alles aus den Dingen selbst geschöpft werden, wenn er eine interpretatio naturae ohne anticipationes mentis verlangt, so befindet er sich in einer utopistischen Jllusion, deren Unausführbarkeit uns ja schon hinreichend deutlich geworden ist. Dabei erhebt jedoch unsere analytische Untersuchung keineswegs den Anspruch auf Vollständigkeit; mit der Heraushebung der vier besprochenen Interpolationsmaximen ist das nichtempirisch-logische Fundament der Erfahrungswissenschaft durchaus nicht etwa erschöpft. Bei weitem nicht! Es bedarf nur der Andeutung, daß der logische Rahmen unserer Erfahrung viel enger noch durch Prämissen von speziell mathematischer Natur determiniert wird, deren objektive Allgemeingültigkeit, wiewohl empirisch unerweisbar, doch bei aller Empirie und für alles Empirische schon vorausgesetzt werden muß. Dahin gehören sämtliche Gesetze der Arithmetik, der Geometrie, der Chronometrie und der Phoronomie [Wissenschaft vom Energieaufwand - wp]; dahin die überempirischen Vorstellungsschemata des absoluten Raums und der absoluten Zeit, als Doppelschauplatz absoluter Bewegung. Der Sachkundige zumindest wird bei nur einiger Selbstbesinnung über sein eigenes Tun das Bekenntnis ablegen, daß diejenigen zur Herstellung exakter Empirie unentbehrlichen Verstandesoperationen, welche man Zählung, Messung, Berechnung nennt, für ihn ein Ding der Unmöglichkeit sein würden, wenn er nicht vor aller Beobachtung und für alles Beobachtbare die strenge objektive Allgemeingültikeit der arithmetischen und geometrischen Gesetze antizipieren wollte. Angenommen, er wollte nicht aufs Zuversichtlichste glauben und behaupten, daß diese Gesetze für alles Erfahrbare objektiv maßgebend und zwingend sein müssen, so stünde er mit von ihm selber gebundenen Händen machtlos vor einer Welt des Zufalls, des Wunders, der kosmischen Taschenspielerei, die sich einer verstandesmäßigen Erforschung deshalb gänzlich entzieht, weil und sofern die unbedingte Anwendbarkeit für uns zwingender Verstandesgesetze auf sie nicht vorausgesetzt wird. Oder wer den absoluten Raum und die absolute Zeit nicht explizit oder implizit den sinnlichen Phänomenen als gemeinsamen Wirkungsschauplatz unterlegen wollte, für den verlören die phoronomischen Prädikate der Ruhe, Bewegung, Geschwindigkeit, Beschleunigung und Bewegungsrichtung jeden objektiven Sinn. Das also wären gleichfalls unentbehrliche anticipationes mentis, auf welche nur hinzuweisen ich mich hier begnügen darf, da sie von mir anderwärts mit gebührender Ausführlichkeit erörtert worden sind (8). Genung, unsere Interpolationsmaximen ebenso wie sonstige hier nur andeutete oder gar nicht in Erwähnung gebrachte Prämissen sind von erfahrungsstiftender Natur; und ein Fehlgriff wird es schwerlich sein, wenn man sie als ebensoviele Charakterzüge der typisch-menschlichen Geisteskonstitution bezeichnet, von welchen wiederum der Typus spezifisch menschlicher Erfahrung und die ganze tatsächlich gegebene Gestaltung des im menschlichen Bewußtsein dastehenden empirischen Weltbildes als eine Folgeerscheinung abhängig ist. Nicht jede Intelligenz braucht der unsrigen gleich konstituiert zu sein. Nicht für jede Intelligenz daber muß dieselbe Erfahrung und dasselbe empirische Weltbild zustande kommen, welche für uns als Faktum gegeben sind. Im Hohlspiegel entspringt ein anderes Bild des Objekts als im Konvexspiegel. Daß nun dieser ganze Erwägungskomplex auf die von anderer Seite her gewonnenen Ergebnisse der vorangegangenen Kapitel eine gründlich modifizierende Rückwirkung ausüben muß, ist offenbar. Auch werden wir nicht ermangeln die notwendig gewordenen Modifikationen eigenhändig zu vollziehen. Bevor dies aber geschieht, ist gerade hier der richtige Ort zu einer nochmaligen Inangriffnahme und definitiven Entkräftung eines Einwurfs, der sich uns schon oben einmal störend in den Weg geworfen hat und dort mit aller Kürze beiseite geschoben worden ist. Er kommt eben immer wieder. Er gehört unter jene hartnäckigen Irrtümer, die allem Vernunftpredigen zum Trotz eine sehr zähe Vitalität deshalb zu fristen wissen, weil sie mit den natürlichen Vorurteilen des "gesunden Menschenverstandes" innigst verwachsen sind. Ich meine den empiristischen Einwurf, der, wie früher bemerkt, aus der verhängnisvollen Doppelsinnigkeit des Ausdrucks "empirische Erkenntnis" entspringt und auf vollkommen irrtümlicher Konfundierung eines psychogenetischen mit einem einem erkenntnistheoretischen Problem beruth. Man könnte uns also mit der Behauptung entgegentreten: sämtliche Erkenntnisurteile überhaupt, somit auch die von uns für nichtempirisch erklärten Interpolationsmaximen und sonstingen Prämissen erfahrungsstiftender Natur, seien doch vielmehr empirisch - ihrem Ursprung nach. Meine Analyse ist daher ungenügend, und sie ist irreführend. Ungenügend insofern, als es von mir verabsäumt wird, sie bis in ihre lediglich empirischen Wurzeln zurückzuverfolgen. Irreführend deshalb, weil sie die superstitiöse [abergläubische - wp] Meinung zu erwecken geneigt ist, als gebe es im Menschen eine von der Wahrnehmung unabhängige Erkenntnisquelle höherer Art, etwa die kartesianischen ideae innatae [angeborene Ideen - wp] oder einen aristotelischen nous poietikos, welcher von außen, von oben, vom Himmel herab (thurathen [von draußen - wp] - man weiß nicht wie! - in den Menschen hineingefahren ist. Und damit wird dann - (vielleicht geflissentlich!) - den wüstesten Spekulationen Tür und Tor geöffnet. Hierauf jetzt unseren ernsten, endgültigen und inamoviblen [unverrückbaren - wp] Bescheid: Der Begriff des Zentauren, um das alte Fabelwesen wieder einmal aus seiner Ruhe aufzustören, - der Begriff des Zentauren ist ein empirischer Begriff; nämlich in psychogenetischer Hinsicht. Aber er ist kein empirischer Begriff, in erkenntnistheoretischer Hinsicht. Er ist in erkenntnistheoretischer Hinsicht nicht empirisch, weil es keine Zentauren gibt; weil die Natur der Dinge kein Wesen hervorgebracht hat, welches diesem erfundenen Phantasietypus entspricht. Er ist in psychogenetischer Hinsicht empirisch, weil er entweder als Ganzes oder seinen Formelementen nach gewissen wahrnehmbaren Originalien nachgebildet ist. Wir Heutigen haben ihn erfahrungsmäßig aus bildlichen Darstellungen und wörtlichen Schilderungen geschöpft; die Urheber der griechischen Mythologie haben ihn durch die phantastische Kombination solcher erfahrungsmäßg gegebenen Gestaltelemente erzeugt, die in der erfahrbaren Natur zwar vorhanden, aber nicht vereinigt sind. Gäbe es nicht in Wirklichkeit die Menschengestalt und die Roßgestalt, so würde auch die Phantasiefigur des Roßmenschen schwerlich ersonnen worden sein. Der Begriff und Grundsatz der realen Identität ist in psychogenetischer Hinsicht - wir wissen nicht was; entweder empirisch oder das Gegenteil. In erkenntnistheoretischer Hinsicht ist er nicht empirisch, wiewohl man ihn in der Regel hierfür hält; er ist nicht empirisch, weil, wie oben klar gezeigt worden ist, eine solche reale Identität und unser Glaube daran die Sphäre des Beobachtbaren schlechterdings transzendiert, weil ihr objektives Vorhandensein zwar vermöge einer verstandesmäßigen Präsumtion vorausgesetzt, nimmermehr aber auf dem Beobachtungsweg erwiesen werden kann. Man lerne doch exakt denken! Man halte doch endlich einmal zwei Probleme auseinander, die voneinander radikal verschieden sind! Die psychogenetische Frage nach dem Ursprung, der subjektiven Entstehungsweise unserer Gedanken gehört in die Psychologie. Die erkenntnistheoretische Frage nach dem Gültigkeitsanspruch und der Aufweisbarkeit eines objektiven Korrelats unserer Gedanken gehört der allgemeinen Wissenschaftslehre an. Wenn der Erkenntniskritiker durch sorgfältigste Analyse zu dem Resultat geführt wird, daß unsere sogenannte Erfahrungswissenschaft auf der antizipierenden Anwendung solcher Prämissen beruth, die über jeden konstatierbaren Beobachtungsinhalt weit hinausgreifen, folglich in erkenntnistheoretische Hinsicht nicht empirisch sind, so ist für ihne die Art, wie jenes psychologische Problem gelöst werden mag, vollständig irrelevant. Denn das in der einen Hinsicht nachweisbar Nichtempirische, kann ja in der anderen Hinsicht ebensogut empirisch wie nichtempirisch sein. Ebenso auch umgekehrt. Nun pflegt freilich der doktrinäre Empirist hergebrachten Stils noch in ganz anderer Beziehung einen inneren Zusammenhang der beiden so völlig heterogenen Probleme auszuklügeln, welcher hier gleichfalls im Interesse der Wahrheit als durchaus illusorisch entlarvt werden muß. Es gibt nämlich eine spezifisch empirische Sorte von Bescheidenheit. Sie stellt aufgrund des Dogmas, daß alle unsere Erkenntnisurteile psychologisch aus Wahrnehmungen und Wahrnehmungsresiduen entstanden sind, den skeptischen Satz auf: Folglich sei es uns auch nicht erlaubt, mit Bestimmtheit zu behaupten, daß Dasjenige, was bisher durch Wahrnehmungstatsachen bewährt worden ist, für immer und in genere [allgemein - wp] wahr sein, d. h. immer und überall von den Wahrnehmungstatsachen bewährt werden muß. Wenn also psychologisch unsere Erkenntnisurteile aus der Wahrnehmung tatsächlich gegebener Einzelfälle entsprungen sind, dann sind sie erkenntnistheoretisch auch nur im Hinblick auf diese bereits beobachteten Einzelfälle gewiß, in Bezug auf alle übrigen aber ungewiß; und wir hätten daher mit geduldiger Resignation einfach abzuwarten, ob die Erfahrung sie auch künftig zu verfizieren die Gewogenheit haben wird. Sehr lobenswert - diese Bescheidenheit! Nur leider an der falschen Stelle und aus den falschen Gründen angebracht. Sicherlich ist kein Mensch ein Prophet. Sicherlich besitzt niemand von uns eine Garantie dafür, daß nicht im nächsten Moment die gesamte Weltordnung über den Haufen gestürzt und damit die Gesamtheit unserer Erfahrungssätze plötzlich annulliert werden könnte. Wir selbst haben dies ja in der vorangegangenen Erörterung offen genug anerkannt. Aber erstens setzt der Empirist in seinen psychologischen Theorien die assertorische Gewißheit und objektive Allgemeingültigkeit der mehrmals erwähnten Interpolationsmaximen sowie mancher anderen Sätze seinerseits schon voraus, kommt also mit seiner skeptischen Bescheidenheit in einen flagranten [offenkundigen - wp] Widerspruch. Zweitens ist seine psychogenetische Ansicht über den Ursprung unserer Erkenntnisurteile auf ein Dogma gebaut, welchem ein anderes Dogma als ebenbürtiger Rivale gegenübersteht; folglich involviert die vermeintliche Bescheidenheit vielmehr einen recht unbescheidenen Dogmatismus. Was das Erste betrifft, so setze man einmal den Fall, irgeneine Wissenschaft wollte unsere erfahrungsstiftenden Prämissen nicht von vornherein als objektiv wahr voraussetzen, sondern die Möglichkeit des kontradiktorischen Gegenteils ganz im Ernst, nicht etwa als eristisch [streitsüchtig - wp] spielende Fiktion, offenhalten. Was wäre der Effekt? Antwort: der Tod aller Wissenschaft. Wenn man die Möglichkeit offenhält, es gäbt ein Tatsachengebiet, in welchem die vier Rechnungsspezies oder die Axiome und Lehrsätze der Geometrie ihre strenge Gültigkeit faktisch verlören, ein Tatsachengebiet, in welchem z. B. 2 x 2 nicht immer gleich 4, sondern zuweilen gleich 5 oder gleich 4½ wäre, so erklärt man dieses Tatsachengebiet von vornherein unserer Wissenschaft für unnahbar, und unsere Vernunft und Empirie ihm gegenüber für bankrott; ein solches Tatsachengebiet wäre eine Hexenwelt, nicht einmal fähig der simpelsten Beobachtung, geschweige denn einer zusammenhängenden empirischen Erforschung unterworfen zu werden. Ein derartiges skeptisches Zugeständnis ist also für die wissenschaftliche Philosophie deshalb unmöglich, weil dadurch die Möglichkeit der Wissenschaft selber negiert und aufgehoben wird. Und weiter! Man versuche es, sich eine Psychologie zu denken, welche allen Ernstes die Möglichkeit offenhalten wollte, das menschliche Seelenleben sei so beschaffen, daß in ihm die psychische Entwicklung nur solange objektiv stattfindet, als sie wirklich beobachtet wird, in den Beobachtunspausen aber völlig abreißt und intermittiert; oder so, daß aus genau denselben psychischen Bedingungen das eine Mal dieser, jedes andere Mal aber ein total anderer Effekt hervorgehen würde; oder so, daß ein im Beobachtungsmoment t konstatiertes psychisches Phänomen x mit dem im unmittelbar benachbarten Beobachtungsmoment t1 konstatierten, allen Merkmalen nach mit x genau übereinstimmenden Phänomen x1 trotzdem realiter nicht identisch wäre, - - eine solche Psychologie ist ein Unding, ein Messer ohne Klinge, dem das Heft fehlt. Mit der Annahme sägt man den Ast ab, auf dem man selber sitzt und stürzt in den Abgrund der Unwissenschaft. Also auch die Psychologie des puren Empirismus muß, um überhaupt möglich zu sein, die objektive Allgemeingültigkeit derselben Interpolationsmaximen schon in limine [von vornherein - wp] voraussetzen, deren objektive Allgemeingültigkeit sie aus skeptischer Bescheidenheit als zweifelhaft preiszugeben befiehlt. Das heißt sie gerät mit ihrer eigenen Bescheidenheit in einen flagranten Widerspruch. Was das Zweite anbelangt, so ist die psychogenetische Frage nach dem Ursprung und der Entstehungsart unserer Erkenntnisurteile bekanntlich ein noch immer unentschiedenes Problem, der ewige Erisapfel zweier rivalisierender Theorien, deren eine Sensualismus heißt und auf klassische Weise von von JOHN LOCKE vertreten wird, während die andere den Namen Noologismus führt und LEIBNIZ zum Repräsentanten hat. Der Wahlspruch der ersten ist das "Nihil intellectu quod non fuerit in sensu" [Nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen war - wp]; derjenige der anderen das "Excipe: nisi intellectus ipse" [außer der Verstand selbst - wp]. Wie diese zwischen zwei psychologischen Theorien obschwebende Streitfrage entschieden werden wird, ja ob sie überhaupt definitiv entscheidbar ist, das wissen wir nicht. Lassen wir die Parteien weiterstreiten! Wenn jede von ihnen mit einem echten Wahrheitssinn und wissenschaftlichem Ernst ihren Standpunkt verteidigt, jede von ihrem Standpunkt aus in das rätselhafte Objekt, das menschliche Seelenleben, immer tiefer einzudringen bestrebt ist, dann kann dies trotz aller unvermeidlich mit unterlaufenden Irrtümer der Sache der Wissenschaft nur zugute kommen. Für unser erkenntnistheoretisches Thema aber ist dieser Streithandel ganz gleichgültig. Mag man also von Seiten des Sensualismus immer wieder, mit stets erneuerter Kraftanstrengung den Versuch unternehmen, menschliche Erkenntnisurteile psychogenetisch aus psychischen Elementartatsachen abzuleiten, z. B. solche Prinzipien wie die Maximen der Kontinuität und der Kausalität aus der, trotz allen springenden Wechsels und aller Diskontinuittät der äußeren Sinnesempfindungen, doch ununterbrochen fortbestehenden Kontinuität der inneren Organempfindungen und des sinnlichen Lebensgefühls, ferner aus dem psychomechanischen Getriebe der Assoziations- und Reproduktionsvorgänge, weiterhin aus dem Gedankenaustausch der alternierend beobachtenden und ihre Beobachtungsresultate sich gegenseitig mitteilenden Individuen, und dgl. mehr Glück zu! Man verfolge diesen Forschungsweg mit Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit ins Einzelnste, ins Minuziöse hinein; und alle dabei eruierten Spezialentdeckungen werden uns im Interesse der Wissenschaft höchst willkommen sein. Man andererseits der Noologismus immer von Neuem behaupten, und vielleicht mit zunehmender Schärfe erweisen, daß die psychomechanischen Prozesse der Entstehung des Wachstums, der Verkettung und des gedächtnismäßigen Ablaufs bloßer Vorstellungsbilder von den ansich unbildlichen Verstandesakten der Bejahung, der Verneinung, der Identifizierung und der Unterscheidung, kurz vom logischen Erkenntnisurteil toto genere [völlig - wp] verschieden sind, und daß nur mittels doktrinärer Gewaltsamkeiten eine Scheindeduktion der letzteren aus den ersteren herstellbar ist. Glück zu! Man verfolge auch diesen Weg; und wenn hierbei außer Irrtümern ein Schatz solider Wahrheiten zutage gefördert wird, so werden wir das im Interesse der Wissenschaft nicht weniger willkommen heißen. Eine Entscheidung hierüber zu suchen, liegt uns beim gegenwärtigen Thema ganz fern. Nur in Parenthese [Klammern - wp] sei bemerkt: Die tabula rasa von LOCKE ist genauso wie die Monade des LEIBNIZ ein überempirischer Begriff, eine Hypothese oder, wenn peremptorisch [aufhebend - wp] behauptet, eine dogmatische Fiktion. Alle Analogien der Natur im Pflanzen- und Tierreich scheinen weit mehr für die Hypothese von LEIBNIZ als für die von LOCKE zu sprechen. Gegen LOCKE spricht beispielsweise der Umstand, daß aus einem Kirschkern immer nur ein Kirschbaum, aus einem Gerstenkorn immer nur Gerste wächst; niemals umgekehrt; egal in welchem Boden sie gesät sind. Eine Entscheidung hierüber zu suchen, liegt uns hier ganz fern. Wir können es nicht. Wir wollen es nicht. Wir brauchen es auch nicht. Aber ein kolossales hysteron - proteron [das Spätere vor dem Früheren - wp] begeht derjenige, welcher die Entscheidung darüber, ob unsere Interpolationsmaximen trotz der von ihnen handgreiflich begangenen Transzendenz objektive Allgemeingültigkeit und Gewißheit besitzen, davon abhängig machen will, wie jener psychologische Streithandel ausfällt. Und wenn er aufgrund der unbewiesenen Behauptung, die sensualistische Theorie sei im Recht, an uns die sehr arrogante und überdies unausführbare Forderung stellt, wir sollten eben deshalb, weil der Sensualismus im Recht ist, im Ernst daran zweifeln, ob denn auch die für alles wissenschaftliche Denken unentbehrlichen Interpolationsmaximen angewendet werden dürfen, so ist das in der Tat ein recht dogmatischer Skeptizismus, eine recht unbescheidene Bescheidenheit! Soviel hier definitiv über eine psychologische Debatte, die sich seit der Polemik zwischen Stoa und Akademie bis zum Nominalismusstreit der Scholastiker, von da bis zur Auseinandersetzung zwischen LOCKE und LEIBNIZ und von hier wiederum bis auf die langatmigen Expektorationen [Absonderungen - wp] der Neo-Baconisten der Gegenwart oft genug - unbillig oft ! - in die an ganz anderer Stelle gelegenen Probleme der allgemeinen Wissenschaftslehre eingemengt und daselbst eine leider recht erkleckliche Verwirrung der Begriffe hervorgerufen hat. - Die in den vorangegangenen Kapiteln aufgestellte Klassifikation und Charakteristik der Theorien war nach dem Muster des baconischen Wissenschaftsideals konstruiert. Als feste Bais der erklärenden Realwissenschaft waren die Theorie der ersten Ordnung anerkannt. Sie bildeten das Piedestal [Sockel - wp], auf welches die Theorien zweiter und dritter Ordnung emporgehoben und gestützt wurden. Wir hielen sie für rein immanent; wir glaubten, sie beschränkten sich ganz auf die Sphäre der gegebenen Tatsächlichkeit, entnähmen dieser allein ihre Erklärungsprinzipien und vollzögen die erklärende Ableitung der sekundären Erscheinungen aus dem Urphänomen sozusagen vor unserem leiblichen Auge. Eben hierin, so gaben wir zu, besteht ihr Vorzug. Eben darum, so sagten wir, seien sie bestimmt, das feste Fundament aller höherstrebenden Erklärungsversuche zu bilden, und wenn man allein auf die tatsächliche Gewißheit Wert legen will, so würden sie zweifellos die besten sein. Wie aber jetzt? Nach der Peripetie, die sich inzwischen vollzogen hat, bedürfen jene früheren Aufstellungen und Zugeständnisse einer wesentlichen Umgestaltung und Restriktion. Denn dort hatten wir uns, unter Anbequemung an den naiven Erfahrungsbegriff der Menge und gewisser Philosophen, dem Glauben hingegeben, als ob dasjenige, was man einen Erfahrungssatz zu nennen pflegt, rein rezeptiv durch ein getreues Auffassen und Festhalten der sich uns von selbst darbietenden Wahrnehmungsinhalte gewonnen werden kann. Diese naive Voraussetzung ist inzwischen entkräftet worden; sie ist durch eine tiefergehende Einsicht ersetzt. Wir haben erkannt, aß der rein faktische, streng a posteriori gegebene Beobachtungsgehalt aus isolierten Stücken, diskreten Fragmenten eines in seiner Totalität nie wirklich wahrnehmbaren Geschehens besteht, und daß diese Wahrnehmungsbruchstücke erst nach Maßgabe bestimmter Verfahrensarten des Verstandes durch außerordentlich viel Nichtbeobachtetes ergänzt, verbunden, in fester Ordnung aneinandergereiht werden müssen, damit ein in räumlicher, zeitlicher kausaler Hinsicht vollständiger und artikulierter Erfahrungssachverhalt zustande kommt. Beispiele und Belege hierfür stehen massenhaft zu Diensten, werden aber jetzt wohl nicht mehr nötig sein. Und was folgt hieraus nun ganz allgemein? Offenbar dieses: Unsere Klassifikation war verfehlt. Sie beruhte auf einem populären Irrtum. Wenn man unter Theorien der ersten Ordnung solche verstehen will, die wirklich rein immanent sind, von denen wirklich das faktisch Beobachtete gar nicht transzendiert wird, so gibt es gar keine Theorien erster Ordnung. Diese ganze Kategorie ist ein leerer, durch keine Beispiele belegbarer, ein gegenstandsloser, ein chimärischer Begriff. Sämtliche Theorien rücken vielmehr in die zweite und dritte Ordnung hinauf. Die vermeintlich so feste Basis des baconischen Wissenschaftsideals weicht unter unseren Füßen; sie stürzt; sie ist verschwunden; - die höheren Stockwerke aber stürzen nicht; sie bleiben, weil sie von den intellektuellen Banden und Klammern unseres Verstandes zusammengehalten und getragen sind. Wir werden gewahr, daß das ganze Gedankengebäude menschlicher Wissenschaft, vom Erdgeschoß strikter Experimentalforschung an bis in die lustigsten Regionen ontologischer Spekulation hinauf, sich vom illusorischen Erdbden des Rein-Empirischen loslöst, mit dem Realen nur durch vereinzelte Wahrnehmungsfäden zusammenhängt, in den intellektuellen Organismus theoretischer Verstandeskonstruktionen ganz und gar eingegliedert ist und als ein Produkt der typischen Konstitution menschlicher Intelligenz, über der von uns glaubensmäßig vorausgesetzten natura rerum [Natur der Dinge - wp] in unbestimmter Höhe schwebt. Ein Anderes ist die Empirie, ein Anderes der Empirismus; und der Empiriker darf mit dem Empiristen durchaus nicht verwechselt werden. Empirie ist eine konkrete Erforschung des für unsere Intelligenz Gegebenen; Empirismus ein doktrinärer Parteistandpunkt innerhalb der Erkenntnistheorie. Empiriker ist der, welche dem uns Gegebenen unmittelbar auf den Leib geht, durch die unbewaffnete oder bewaffnete Autopsie, das Experiment, die Messung, Wägung, Zählung und anderweitige methodische Hilfsmittel unsere Kenntnis der Natur und der Geschichte zu bereichern, zu vertiefen, zu berichtigen bestrebt ist. Empirist aber der, welcher die, wie aus allem Bisherigen evident hervorgeht, unerfüllbare Forderung aufstellt, wir sollten nur das als wahr anerkennen, was aktuell wahrgenommen wird. Wenn der Empiriker, unter sorgfältig gewissenhafter Ausschließung subjektiver Fehlerquellen, sei es am Präpariertisch und Mikroskop oder an der Waage, dem Thermometer, dem Galvanometer oder dem Spektralapparat, oder am Passagen-Instrument und der Pendeluhr, oder durch eine scharfsinnige Entzifferung alter Lapidarinschriften, durch eine Entdeckung historischer Dokumente, durch den kritischen Vergleich von Quellenschriftstellern oder anderswie und anderswo neues Wissensmaterial an den Tag zieht, so macht er sich um den Fortschritt der Erkenntnis und die Zerstörung schädlicher Wahngebilde hochverdient. Wenn aber der Empirist uns aus einem doktrinären Eigensinn dasjenige verbieten will, was seiner doktrinären Schablone gemäß folgerichtigerweise verpönt werden müßte, - wenn er es für unzulässig erklären will, daß wir den wegen der Vereinzelung und Diskontinuität unserer Wahrnehmungen inkohärenten Wahrnehmungsstoff auf den nichtempirischen Faden logischer Einschaltungsprinzipien aufreihen und hierbei das faktisch Perzipierte durch ein interpolierendes Hinzudenken nicht wahrgenommener Zwischenglieder in Verbindung bringen, - so zerstört er leichtfertig die Möglichkeit der empirischen Wissenschaft. Und ferner, wenn der Empiriker in den Mußestunden zwischen seiner verdienstvollen Arbeit die Stimmung und das Bedürfnis fühlt, von so abstrakt philosophischen Untersuchungen wie die gegenwärtige Kenntnis zu nehmen, so wird er hoffentlich gewahr werden, daß hier sein Verdienst unverhohlen anerkannt, seinen Fundamentalüberzeugungen und Grundpostulaten kein Abbrucht getan wird, vielmehr auf das Wesen und Ziel seines eigenen geistigen Tuns eine helle Beleuchtung geworfen wird. Insbesondere wird er - (dessen sind wir gewiß!) - jenes Hauptresultat unserer Untersuchung als präzisen Ausdruck einer von ihm selbst empfundenen Wahrheit begrüßen, daß alle unsere Forschungsarbeit von dem zuversichtlichen Vertrauen getragen wird, es gebe als festen, realen Untergrund unserer wechselnden, diskreten, fragmentarischen Wahrnehmungsreihen eine sich selbst stets treu bleibende Natur der Dinge, eine objektiv konsequente Logik der Tatsachen, die, freilich als solche nicht wahrnehmbar, sondern nur von unserem Verstand nach bestimmten Regeln begrifflich konstruiert und von uns vorausgesetzt, dafür zu sorgen hat, daß das einmal als empirisch wahr Erkannte auch wirklich wahr bleibt, nicht aber das momentan Richtige vermöge eines launenhaft springenden kosmischen Gaukelspiels im nächsten Augenblick ad absurdum geführt wird. Hiermit dürften die im Eingang aufgestellten Thesen hinreichend erläutert und erhärtet sein. Was uns noch übrig bleibt, ist die logische Ortsbestimmung der Erfahrungswissenschaft. Die Inkompatibilitäten der Spezialwissenschaften sind zahlreicher und schärfer, als in der Regel angenommen wird. Sie nehmen an Zahl ab, aber an antinomischer Schärfe zu, je höhere Abstraktionsstufen man erklimmt, und je weiter man den Umkreis der Betrachtung über den globus intellecutalis ausdehnt. Diese Inkompatibilitäten sind das unzweideutige Symptom des unfertigen, provisorischen Zustandes unserer Spezialwissenschaften. Nach Maßgabe des obersten aller logischen Grundsätze, des Satzes vom Widerspruch, würden sie gänzlich verschwinden müssen und durch ein allseits als gültig und adäquat anerkanntes Begriffssystem ersetzt werden können, sobald sämtliche Spezialwissenschaften den Zustand ihrer definitiven Vollendung erreicht hätten. Sie weisen daher durchgängig auf eine höhere, eine höchste Instanz zurück, welche aber bisher noch nicht aufgefunden ist. Unerträglich für unsere Vernunft der Gedanke, es könnte dasselbe, was in einer Spezialwissenschaft wahr ist, in der anderen falsch sein, - etwa nach dem berüchtigten spätscholastischen Rezept von der Existenz einer doppelten Wahrheit. Notwendig im Gegenteil der Gedanke, daß es nur eine Wahrheit, daß also logische Kompatibilität der spezialwissenschaftlichen Prinzipien als eine conditio sine qua non [Grundvoraussetzung - wp] ihrer materialen Richtigkeit zu fordern, und zwar unbedingt zu fordern ist. Faßt man auch nur den Umkreis der Naturwissenschaften ins Auge, so herrscht beispielsweise zwischen den Grundbegriffen der Chemie und denen der Physik keineswegs Übereinstimmung; der Chemiker legt den Atomen ganz andere Prädikate bei, als der Physiker sie haben will. Und wenn beide Prädikationen im Widerspruch stehen, so mag immerhin der Physiker ganz fest an die Wahrheit seiner physikalischen, der Chemiker ebenso fest an die Wahrheit seiner chemischen Atomprädikate glauben, - jeder von ihnen kann dies, als vernünftiger Mensch, nur unter der Voraussetzung, daß der Andere im Unrecht ist und sich mit der Zeit zu adäquateren Vorstellungen bekehren wird, vielleicht auch, daß die Zukunft uns mit einem bis jetzt noch unersonnenen Begriffssystem beschenken wird, worin die Widersprüche beider Wissenschaften ausgelöscht, die Ansprüche beider in Harmonie gebracht sind. Wenn beide Parteien sich der hypothetischen Beschaffenheit ihrer inkompatiblen Prinzipien bewußt bleiben, beide von der verschwiegenen Fundamentalüberzeugung beseelt sind, die reale Natur der Dinge sei so logisch konstruiert, daß ein schlechthin adäquates Begriffssystem keinerlei Widersprüche enthalten kann, so appellieren beide an eine höhere, ihnen selbst unbekannte Instanz. Weiter sodann leidet unsere heutige Organologie oder Physiologie an einem inneren Zwiespalt mit sich; einerseits glaubt sie, aufgrund des Satzes von der Erhaltung der Energie und anderer Prämissen, eine Zerlegung der organischen Lebensprozesse in bloß physikalische und chemische Vorgänge, d. h. eine rein mechanische Theorie des Lebens postulieren zu müssen; andererseits legt sie dem Element des Organismus, der Zelle, gewisse Prädikate bei, wie z. B. die Entwicklungsfähigkeit und Variabilität, welche zum Postulat einer rein mechanischen Lebenstheorie wenn nicht in einem offenkundigen Widerspruch, so doch im Verhältnis einer vollständigen Disparität stehen. Eine höhere, noch ungesunde Instanz soll die Entscheidung treffen. Überdies ist der Physiologe im Hinblick auf die psychophysische Doppelseitigkeit des animalischen Organismus geneigt, schon der Zelle, vielleicht sogar dem Atom rudimentäre psychische Attribute beizulegen, von welchen die Theorie der unorganischen Natur nichts weiß oder nichts wissen darf: und wenn er etwa um der Reinheit der Phänomene willen die psychischen Funktionen des animalischen Organismus einfach ignoriert, so sind sie zwar subjektiv beiseite geschoben, aber nicht objektiv aus der Welt der Tatsachen hinaus expediert [befördert - wp]. Wie könnten sie das auch? Eine höhere, unbekannte Instanz soll die Wahrheit finden. Die Inkompatibilitäten verschärfen sich immer mehr, je weiter man sich dem szientifischen Kardinalgegensatz zwischen den Wissenschaften der Natur und denen des Geistes annähert, bis endlich beim Aufeinandertreffen der kausalen Theorien mit den normativen Theorien der Kontrast als eine schlechthin unleidliche Antinomie zum Ausbruch kommt. Ethik und Rechtslehre sind ein Unding, wenn die Begriffe der sittlichen Freiheit, der Verantwortlichkeit, des Sollens, Dürfens und Nichtdürfens unhaltbare Jllusionen sind. Aber eben diese Begriffe treten zu einer kausal-mechanischen Weltauffassung in den härtesten Widerspruch. Wir fordern eine Entscheidung von einer höchsten Instanz. Diese muß, wiewohl unbekannt, präsumiert werden, wenn die Vernunft gerettet, wenn nicht die letzte Gültigkeitsbasis aller wissenschaftlichen Überzeugung zerstört werden soll. Und wie heißt die unbekannte, von allen Seiten laut oder stillschweigend angerufene Instanz? Sie heißt - Metaphysik. Zwei Arten von Metaphysik gibt es; die dogmatische und die kritische. Die dogmatische Metaphysik, welche von der Philosophie der Hellenen bis auf die Scholastik des Mittelalters, von da bis auf die realistischen und idealistischen Systembildungen des 17., 18. und 19. Jahrhunderts eine Reihe großartig kühner Begriffsgebäude errichtet hat, will eine apodiktische Wissenschaft vom Wesen, Grund und Zusammenhang der Dinge sein. Sie hat aus mancherlei Ursachen mehr und mehr ihren Kredit verloren. Die kritische Metaphysik hat, trotz scheinbarer oder wirklicher Identität des Untersuchungsobjekts, ihren Schwerpunkt an eine ganz andere Stelle hinverlegt; sie ist eine hypothetische Erörterung menschlicher Vorstellungen über Wesen, Grund und Zusammenhang der Dinge. Sie hat die Einsicht errungen, daß der Glaube an die Möglichkeit einer absoluten Welterkenntnis haltlos in der Luft schwebt, und daß unsere Gedanken über das absolut Reale selbst im denkbar günstigsten Fall, nämlich bei vollendeter logischer Kompatibilität und vollkommener Übereinstimmung ihrer Konsequenzen mit der tatsächlich gegebenen Erscheinungswelt, nichts Anderes enthalten würden als die Art und Weise, wie sich jenes Reale für eine Intelligenz von spezifisch menschlicher Geisteskonstitution repräsentieren kann. Aber ohne Erkenntnis und Präzisierung jener Inkompatibilitäten würde ncht einmal die formelle Vorbedingung für eine steigende Approximation [Annäherung - wp] an die unbekannte materiale Wahrheit erfüllt sein; und kritische Metaphysik übernimmt eine Pflicht, deren Erfüllung von den Einzelwissenschaften latenterweise unbedingt verlangt, ostensiblerweise [auffallenderweise - wp] stets auf unsichtbare Schultern abgewälzt wird. Was das Verhältnis der dogmatischen Metaphysik zur empirischen Wissenschaft anbelangt, so ist man in der Regel geneigt, diese beiden als Extreme anzusehen und ihnen auf der Skala szientifischer Unternehmungen die konträr entgegengesetzten Stellen anzuweisen. Erstere hält man gewöhnlich für ein von der zuverlässigen Basis der Tatsachen gänzlich abgelöstes Schattenspiel mit vornehmtuenden aber inhaltlosen Abstraktionen; letztere für die allein ersprießliche, gediegene Forschungsarbeit, welche sich mit der vornehmen aber soliden Hausmannskost greifbarer Tatsachen redlich ernährt und deshalb Tag für Tag an Gesundheit und Leibesumfang sichtlich zunimmt. Diese Auffassungsweise beruth auf einem Irrtum. Wenn ich zurückblicke und nach reiflicher Überlegung das Fazit ziehe, so ist es folgende Schlußalternative, in der unser ganzer Gedankengang zum Stehen kommt. Entweder man hat sich mit uns die überempirische Natur der erfahrungstiftenden Maximen eindringlich zu Bewußtsein gebracht und deren problematische Beschaffenheit erkannt. Nun wohl! Dann ist die empirische Wissenschaft nicht das, wofür sie eigentlich gilt; sie ist keine mit assertorischer [behauptender - wp] Gewißheit begabte, von subjektiven Zutaten geläuterte Tatsachenerkenntnis, sondern nur eine hypothetisch fundierte Theorie. Oder man ignoriert, man leugnet vielleicht sogar das von uns als evident Erwiesene; man behauptet, nicht ohne überlegenes Lächeln, die absolute und objektive Wahrheit jener alle Erfahrungswissenschaft stützenden Prämissen, die von uns als bloße Hypothesen gekennzeichnet worden sind. Nun wohl! Dann ist die ganze empirische Wissenschaft nichts anderes, als eine Unterart der dogmatischen Metaphysik. Hierzwischen kann man seine Auswahl treffen.
8) Ich verweise auf die Kapitel "Über die Phänomenalität des Raumes", "Raumcharakteristik und Raumdeduktion", "Über subjektive, objektive und absolute Zeit", "Über relative und absolute Bewegung" in meiner Analysis der Wirklichkeit,zweite Auflage, Seite 36-144. Ebenso auf: Gedanken und Tatsachen, Heft 1, Seite 38-44, 57 und 62. |