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Über das Unternehmen des Kritizismus die Vernunft zu Verstande zu bringen und der Philosophie überhaupt eine neue Absicht zu geben
Vorbericht Folgendes, den Inhalt und die Absicht meiner Schrift Betreffende, ist hier noch vorauszuschicken notwendig. Die kantische Kritik hat die Auflösung des Problems zum Gegenstand: wie Erkenntnisse a priori, d. h. wie Begriffe, Urteile, Vorstellungen von Gegenständen, teils schlechterdings; teils ihr wenigstens vorgreifend, sie antizipierend; überall aber ohne irgendeine Beimischung aus derselben - möglich sind. Zum Beweis, daß es dergleichen reine Begriff, Urteile und Vorstellungen von Gegenständen, die schlechterdings nicht aus der Erfahrung, sondern aus dem Erkenntnisvermögen allein entspringen, wirklich gibt, werden die reine Mathematik und reine Naturlehre, nebst denen auch dem gemeinsten Verstand offenbaren Grundsätzen der Erfahrung, welche, daß sie der Erfahrung das Gesetz geben, nicht aus der Erfahrung erst entsprungen sein können; dann auch noch besonders jene Erkenntnisse angeführt, die in gar keiner Erfahrung anzutreffen sind, und mit denen eine eigene Wissenschaft, Metaphysik, deren Gegenstände Gott, Freiheit und Unsterblichkeit sind, sich beschäftigt. Die Frage von den sämtlichen Erkenntnissen a priori läßt sich, nach KANT, auf die Frage: wie sind synthetische Urteile überhaupt a priori möglich? zurückführen. Die Möglichkeit analytischer Urteile a priori soll sich dem Faktum der Logik, (die am Anfang ist, obgleich Synthesis der Analysis notwendig überall vorhergeht), sowie die Möglichkeit synthetischer Urteile a posteriori aus dem Faktum der gemeinen Erfahrung, von selbst verstehen. Aber warum denn nicht ebenso die Möglichkeit apriorischer synthetischer Urteile, da sie sich nicht minder durch die Tat beweisen? Einmal, weil, wie gesagt, die Logik am Anfang und hier etwas schon ganz ausgemachtes, ebenso wie die wirkliche Erfahrung beides am Ende und zugleich am Anfang ist. Hernach, weil eine neue gründlichere Untersuchung der reinen synthetischen Prinzipien, wegen der vielfältig von ihnen gemachten unzulässigen, dem Fortgang der wahren Wissenschaft nachteiligen Anwendungen, dann auch wegen anderer sie betreffender Ereignisse, notwendig geworden ist. Ihre Realität und Gültigkeit war mehrmals angefochten worden, und noch ganz kürzlich hatte einer der scharfsinnigsten und tiefdenkendsten Philosophen, DAVID HUME, nicht nur erhebliche, sondern auch sehr lehrreiche und die Wissenschaft befördernde Zweifel dagegen erregt, indem er die Unmöglichkeit der Anwendung der Prinzipien a priori außerhalb der Grenzen der Erfahrung in das hellste Licht gestellt hat. Um nun zugleich das Irrige in den Behauptungen HUMEs zu widerlegen, und das Wahre in denselben zu bestärken, wählt KANT einen ganz eigenen Weg. Er räumt dem Gegner ein: daß der Verstand einer wirklichen Erfahrung (einer Erfahrung von Gegenständen, die wirklich außerhalb unseres Subjekts vorhanden sind, nicht eine bloße Erscheinung sind) allerdings nicht vorgreifen kann; einer Erfahrung bloß in der Einbildung hingegen (einer durchaus subjektiven) muß er notwendig vorgreifen, indem das Einbildung allein durch ein solches Vorgreifen nach Gesetzen bloß des Einbildens (Kategorien) möglich wird. Schon auf dem natürlichen Weg logischer Maximen, bemerkt KANT, werden wir dahin geführt,
Da aber zufolge dieser zwischen dem Objekt und dem Subjekt vorgenommenen philosophischen Teilung das zu Erkennende dem Erkennenden ganz entrückt und auf ewig von ihm getrennt wird: so scheint es fast, auch das Subjekt müßte sich, als Erkenntnisvermögen, nur ebenfalls zur Ruhe begeben. Ist doch das Wahre außerhalb des Erkenntnisvermögens; kann doch das Letzere, ohne Widerspruch seines eigenen Wesens, nichts herausgehen aus sich selbst; muß es doch dieses Wahre, ein für allemal, als ein von ihm nie zu Erkennendes liegen und bloß auf sich beruhen lassen! Wozu also eine unfruchtbare Geschäftigkeit in Absicht eines Gegenstandes, der, als Erkenntnisgegenstand, ewig für uns ein offenbares Nichts, für sich nur ein problematisches Etwas bleibt? Leider ist das Glück eines otium cum dignitate für das Subjekt unerreichbar! Es kann nicht aufhören, sich in Beziehung auf das Objekt, dem es nicht beikommen und das ihm wiederum nichts anhaben kann, zu beschäftigen, ohne daß es selbst aufhört zu sein. Soll es nun, nachdem es über die Nichtigkeit jeglicher Absicht auf das Objekt zur Erkenntnis gekommen ist, seine eigene Vernichtung, und so - ein vollkommenes Ende aller Dinge sich zur letzten Absicht setzen? - Vielleicht! Dieses bedenkliche Vielleicht; die Notwendigkeit, dem Erkenntnisvermögen, welches alle wahre Absicht, allen wahren Grund und Wert durch die gänzliche Beseitigung des Objekts verloren hat, doch wenigstens in einer nichtigen Beziehung auf dasselbe, in einem nach ihm hingerichteten Bestreben, Vorwand seines Daseins und Namens zu lassen, hat wohl hauptsächlich den Urheber der Kritik bewogen, das Objekt als für sich bestehendes Ding, und eine mystische Verbindung oder Kryptogamie [heimliche Paarung - wp] desselben mit dem Subjekt, gewaltsam beizubehalten und unveränderlich zu behaupten. Obgleich er daher die Möglichkeit und Notwendigkeit der Erkenntniss a priori nur aus der Unmöglichkeit und gänzlichen Nichtigkeit der Erkenntnisse a posteriori; oder die apriorische Möglichkeit des Erfahrens nur aus der apriorischen Ungmöchlichkeit, irgendetwas wahrhaft zu erfahren, darzutun und zu erklären wußte: so läßt er dennoch neben der herausgebrachten idealen Unmöglich die vorausgesetzte reale Wirklichkeit stehen, und beide sollen sich gegenseitig nicht beeinträchtigen. Durch diese Uneinigkeit des Systems mit sich selbst, gleich in der Grundlage, mußte die Ausführung desselben so dädalisch [kunstfertig, künstlich - wp] werden, daß es ebenso schwer ist, seine wirklichen Widersprüche zu zeigen, wie den bloß scheinbaren das widersprechende Ansehen zu nehmen; ebenso schwer, das Richtige des Systems zu verteidigen, wie das Unrichtige zu widerlegen. Gerade einer solchen Amalgation [Verschmelzung - wp] von künstlicher Zweideutigkeit hat es größtenteils seine Gunst und die zahlreiche Schar fortwährend standhafter Freunde zu danken. Sein Grundgebrechen, seine Chamäleonsfarbe, daß es halb a priori, halb empirisch sein, zwischen Idealismus und Empirismus in der Mitte schweben soll, kommt ihm beim größeren Publikum sehr zu statten. Etwas im Menschen widersetzt sich einer absoluten Subjektivitätslehre, dem vollkommenen Idealismus; man ergibt sich aber leicht, wenn auch nur der Name des Objektiven bleibt. Das Schaugerüst von Objektivität im kantischen System übte den Scharfsinn seiner Bekenner, man erhielt Gelegenheit, aus widersprechenden Stellen der Kritik zu beweisen, daß KANT sich nicht widerspricht; den Idealismus durch Empirismus, den Empirismus durch Idealismus wieder gut zu machen; die Vortrefflichkeit des Systems eben in dieser Zweiendigkeit zu finden, und sich überhaupt nach beliebigem Geschmack in demselben einzurichten. Hier nun ein Beispiel statt aller. - Raum und Zeit sind nach den ausdrücklichen Behauptungen der Vernunftkritik bloße Formen der äußeren und inneren sinnlichen Anschauung, liefern aber als solche ein mögliches Mannigfaltiges a priori zu einer möglichen Erkenntnis (6). Sie können vermöge dieser Formnatur nie Gegenstände werden (7), lassen sich eben darum nicht anschauen, noch wahrnehmen (8), sind bloße entia imaginaria [imaginäre Wesen - wp] und ohne ein Reales keine Objekte (9). Wenn das Licht nicht den Sinnen gegeben worden, so kann man sich auch keine Finsternis, und wenn nicht ausgedehnte Wesen wahrgenommen werden, keinen Raum vorstellen (10). Und dennoch sind diese nämlichen nicht objektiven Formen der Anschauung, Raum und Zeit, nach anderen Äußerungen auch Gegenstände (11), nicht bloß Formen der Anschauung, sondern Anschauungen selbst, und sind, als solche, sogar einzelne Vorstellunen (12). Es muß demnach doch wohl möglich sein, die Finsternis (die reine Erkenntnis), ohne das Licht (die empirische Erkenntnis) und weil das Reine nach KANT das Empirische erst möglich macht, das Licht nur durch die Finsternis zu sehen (13). In einem wahrhaft kunstvollen politischen Gleichgewicht bedingt die Vorstellung des vollen Raumes die Vorstellung des leeren, und diese bedingt wieder umgekehr die erstere; so daß sich in demselben System die Wahrheit einmal garantieren läßt durch ein vorausgesetztes Reales, und zweitens, auch durch gänzliche Abstraktion von demselben, vermöge bloß reiner a priori entworfenen Gesetze der menschlichen Einbildungskraft. Hält man Raum und Zeit für Gegenstände, so ist es Irrtum; hält man sie für bloße Formen der Anschauung, so ist es wieder ein Irrtum; hält man sie für beides zusammen genommen, so ist es ein Widerspruch; es bleibt also kein anderer Ausweg übrig, als sie für Nichts zu halten, wogegen aber dieselbe kantische Philosophie auf das Feierlichste protestiert. FICHTE, dem es unbegreiflich schien, wie das Ich seine Realität und Substanzialität von der Materie borgen kann (14), wollte alles von außenher Gegebene, als materiale Bedingung der objektiven Realität, aus dem kantischen System und der eigentlichen Meinung des Urhebers verbannen. Wie wenig aber dies möglich ist, erhellt sich schon aus der ersten am Eingang der Kritik hingestellten Frage. Sollte nämlich eine Synthesis a priori erklärt werden, so hätte man zugleich eine reine Antithesis erklären müssen. Doch es findet sich auch nicht die leiseste Ahnung dieses Bedürfnisses. Vielmehr spricht KANT von einer Synthesis des Gleichartigen ohne vorhergehende Antithesis, als wäre ihre Möglichkeit nicht dem geringsten Zweifel unterworfen. Das Mannigfaltige für die Synthesis wurde von ihm empirisch vorausgesetzt, und sollte dennoch bleiben, wenn man von allem Empirischen abstrahiert; eine solche sich selbst betrügende Voraussetzung hat den Schöpfer des Systems samt seinem System betrogen und zeigte sich durch alle einzelnen Zweige desselben unter den verschiedenen Gestalten. Dieses philosophische Vergehen erörtert der folgende Aufsatz. Seine Absicht ist, zu beweisen, daß der Kritizismus die Aufgabe, welche er lösen wollte, wie Urteile a priori möglich sind, nicht gelöst hat; daß sie überhaupt nicht gelöst werden kann, weil ein ursprüngliches Synthetisieren ein ursprüngliches Bestimmen, ein Erschaffen aus Nichts sein würde. Der historische Beweis mußte aus KANTs Schriften auf das Klarste dargetan, jede Behauptung über seine Lehre durch einen Hinweis auf seine eigenen Worte begleitet werden. Darum findet der Leser eine Menge von Zitaten, die sich noch ansehnlich vermehren ließen, wenn nicht eben dieser Reichtum einen sparsamen Gebrauch desselben notwendig machen würde. Sollte man jedoch hier und dort noch eine Beweisstelle vermissen, so findet man sie später bei einer ausführlichen Erörterung desselben Gegenstandes, und das Werk darf sich gewiß diese Einrichtung zum Gewinn rechnen, da es sonst unter Zitaten und Anmerkungen erliegen und sich selbst in der allmählichen Entwicklung vorgreifen müßte. Zum Schluß noch ein Wort über den Titel. Er stützt sich auf das vom Kritizismus herausgebrachte Verhältnis des Verstandes und der Vernunft. Sie befinden sich nach seiner Angabe in einem sonderbaren Krieg. Die Vernunft verlangt mit Recht in den Dingen-ansich das Unbedingte, kann aber zu diesem Recht nicht kommen, weil der Verstand auf seiner Seite mit dem wahren und wirklichen Recht der Gewährung der ganzen Forderung versagt (15). Wegen dieser besser legalisierten Forderung sind die Ansprüche der Vernunft bei Licht besehen dialektisch; sie macht aber notwendig diese Forderungen, ist also dialektisch mit Recht und ist mit Recht im Unrecht. Verständigt muß sie hierüber werden, denn sie kann nicht ablassen vom Verstand, bezieht sich auf ihn allein mit Recht und ist, obgleich er das Unbedingte nur als Widerspruch denkt, dennoch bloß mittels seiner von empirischem Gebrauch (16). Darum gibt es nach dem kantischen Friedensinstrument folgenden Vergleich zwischen beiden. Die Vernunft hat dem Verstand das Verneinen zu verbieten, der Verstand hingegen der Vernunft das Bejahen; die Vernunft hat den Verstand zu respektieren und wird positiv durch ihn eingeschränkt, der Verstand hingegen erhält von der Vernunft nur eine scheinbare Begrenzung, eine negative Einschränkung, und bedient sich ihrer Ideen, ohne seine Verständigkeit aufzugeben, zur äußersten Erweiterung seines Gebietes. Die Vernunft sitzt im Oberhaus, der Verstand im Unterhaus; letzterer repräsentiert die Sinnlichkeit, die eigentliche Souveränität, ohne deren Ratifizierung [Bestätigung - wp] nichts Gültigkeit haben kann. Dies zu wissen, ist eine neue Philosophie, sie heilt die Vernunft von ihrem Naturfehler und lehrt sie verständig sein und genügsam (17). Die kantische Theorie der reinen Vernunft hat zur Absicht, den Verstand vor der Vernunft als einer Betrügerin zu warnen, und gegen ihre Verführungen dadurch möglichst sicher zu stellen, daß sie ihn, wie die Ideen ihn zum Besten habenm, gleichsam mit Händen greifen läßt. Und damit ist dann auch ihre neue Absicht vollendet und die Vernunft zu Verstande gebracht. Eutin, den 30. Juli 1801 F. H. Jacobi
1) Kr. d. r. V., Seite 677. 2) Kr. d. r. V., Seite 793. 3) Kr. d. r. V., Seite 793, 127. 4) Kr. d. r. V., Vorrede, Seite XVI. 5) Kr. d. r. V., Vorrede, Seite XX. 6) Kr. d. r. V., Seite 33f, 137. 7) Kr. d. r. V., Seite 347 8) Kr. d. r. V., Seite 207 9) Kr. d. r. V., Seite 549 10) Kr. d. r. V., Seite 349 11) Kr. d. r. V., Seite 160 12) Kr. d. r. V., Seite 136 13) Kr. d. r. V., Seite 349 14) Kr. d. r. V., Seite 277f 15) Kr. d. r. V., Vorrede, Seite XX. 16) Kr. d. r. V., Seite 383, 671. 17) Kr. d. r. V., Seite 400f und 670f. |