tb-1 A. RichterRickertFrischeisen-KöhlerHerbartvon Kirchmann    
 
WILHELM WINDELBAND
Was ist Philosophie?
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"Man wollte wissen, worauf es beruth, daß die von der Wissenschaft gewonnenen Erkenntnisse einen über die zufällige Entstehung hinausgreifenden, notwendigen Wert besitzen, und wie man in der Wissenschaft zu verfahren habe, um diesen Wert für ihre Ergebnisse zu sichern. Diese Frage ist aber nicht dadurch zu lösen, daß man den naturgesetzmäßigen Prozeß aufzeigt, durch welchen in den Individuen oder in der Gattung das zustande kommt, was Wissenschaft zu sein beansprucht. Denn diese Naturnotwendigkeit psychologischer Entstehung wohnt ausnahmslos allen Vorstellungen und Vorstellungsverbindungen bei, und in ihr liegt deshalb niemals ein Kriterium für die Entscheidung der Wertfrage."

Namen haben ihre Geschichte, aber selten so sonderbare wie das Wort "Philosophie". Wenden wir uns mit der Frage, was eigentlich Philosophie sei, an die Geschichte und sehen wir uns bei denjenigen, welche man Philosophen genannt hat und etwa noch nennt, nach ihrer Auffassung dessen um, was sie trieben und treiben, so erhalten wir so vielgestaltige und so weit von einander abliegende Antworten, daß es völlig aussichtslos sein würde, diese buntschillernde Mannigfaltigkeit auf einen einfachen Ausdruck und die ganze Fülle dieser wechselnden Erscheinungen unter einen einheitlichen Begriff bringen zu wollen. (1)

Oft genug freilich ist der Versuch dazu, namentlich von Historikern der Philosophie, gemacht worden; da hat man von den besonderen Inhaltsbestimmungen absehen wollen, mit denen jeder Philosoph die Quintessenz der von ihm gewonnenen Ansichten und Einsichten schon in die Aufstellung seiner Aufgabe hineinzulegen gewöhnt ist, und so dachte man zu einer rein formalen Definition zu gelangen, welche vom Wechsel der zeitlichen und der nationalen Anschauungen ebenso wie von der Einseitigkeit persönlicher Überzeugungen unabhängig und deshalb geeignet wäre, alles unter sich zu befassen, was je Philosophie genannt worden ist. Aber mag man dabei die Philosophie als Lebensweisheit oder als Wissenschaft von den Prinzipien, als Lehre vom Absoluten oder als Selbsterkenntnis des Menschengeistes oder wie auch immer bezeichnen, stets wird die Definition zu weit oder zu eng erscheinen; immer namentlich wird es historische Gebilde geben, welche, mit dem Namen der Philosophie bezeichnet, doch der einen oder der anderen jener formalen Begriffsbestimmungen sich nicht unterordnen lassen.

Es wäre nutzlos, oft Gesagtes zu wiederholen und die negativen Instanzen beizubringen, welche sich aus der Geschichte gegen jeden derartigen Versuch leicht hervorsuchen lassen. Dagegen empfiehlt es sich, den Gründen dieser Erscheinung etwas genauer nachzugehen. Bekanntlich verlangt die Logik für eine gültige Definition die Angabe des nächst höheren Gattungsbegriffs und des artbildenden Merkmals: beide Erfordernisse aber scheinen in diesem Fall nicht erfüllbar.

Zunächst freilich wird man mit der Behauptung bei der Hand sein, der höhere Begriff, unter welchen die Philosophie gehöre, sei derjenige der Wissenschaft. Es wäre auch nur ein schwacher Einwurf, darauf hinzuweisen, daß sich in diesem Fall die Art zeitweise mit der Gattung völlig deckt, so z. B. zu Beginn des griechischen Denkens, wo es eben nur noch die eine ungeteilte Wissenschaft gibt, oder später in solchen Perioden, wo die universalistische Tendenz eines DESCARTES oder HEGEL die übrigen "Wissenschaften" als solche nur insofern anerkennt, als sie sich zu Teilen der Philosophie machen lassen. Das beweist nur, daß das Verhältnis zwischen dieser Art und der Gattung kein konstantes ist, läßt aber den Charakter der Philosophie als Wissenschaft unangefochten. Ebensowenig ließe sich die Unterordnung der Philosophie unter den Begriff der Wissenschaft durch den Nachweis widerlegen, daß sich in den meisten philosophischen Lehren durchaus unwissenschaftliche Elemente und Gedankengänge vorfinden. Auch das bewiese nur, wie wenig die wirkliche Philosophie bisher ihre Aufgabe löste, und dafür ließen sich aus der Geschichte anderer "Wissenschaften" Parallelerscheinungen anführen, wie die Fabelzeit der Historie, das alchemistische Kindesalter der Chemie oder die astrologische Schwärmperiode der Astronomie. Trotz aller Unvollkommenheit also würde die Philosophie den Namen einer Wissenschaft verdienen, wenn sich nur feststellen ließe, daß alles dasjenige, was man Philosophie nennt, Wissenschaft sein wolle und es bei richtiger Ausführung auch sein könne. Dem ist aber nicht so. Bedenklich schon würde jene Unterordnung, wenn sich zeigen ließe - und es läßt sich zeigen und ist gezeigt worden -, daß die Aufgaben, welche sich die Philosophen nicht nur gelegentlich gestellt, sondern als ihr eigentliches Ziel bezeichnet haben, auf dem Weg wissenschaftlicher Erkenntnis nun und nimmer zu lösen sind. Wenn der zunächst von KANT erbrachte und seitdem in vielen Variationen wiederholte Beweis von der Unmöglichkeit einer wissenschaftlichen Begründung der Metaphysik richtig ist, so fallen damit aus dem Bereich der "Wissenschaft" alle diejenigen "Philosophien" heraus, welche wesentlich metaphysischer Tendenz sind: und das trifft bekanntlich nicht etwa untergeordnete Erscheinungen, sondern jene Höhepunkte der Geschichte der Philosophie, deren Namen in aller Munde sind. Ihre "Begriffsdichtungen" können also unter den Begriff der Wissenschaft nicht objektiv, sondern nur in einem subjektiven Sinn subsumiert werden, daß sie wissenschaftlich leisten wollten und geleistet zu haben glaubten, was sich wissenschaftlich gar nicht leisten läßt. Aber nicht einmal die Allgemeinheit dieses subjektiven Anspruchs, die Philosophie solle Wissenschaft sein, läßt sich bei ihren Vertretern finden. Derer sind schon nicht wenige, welchen das wissenschaftliche Element höchstens als mehr oder weniger unumgängliches Mittel für den eigentlichen Zweck der Philosophie gilt: wer in der letzteren eine Lebenskunst sieht, wie die Philosophen der hellenistischen und römischen Zeit, der sucht in ihr nicht mehr, wie es sich für eine Wissenschaft gebührt, das Wissen um des Wissens willen: und wenn man beim wissenschaftlichen Denken nur eine Anleihe macht, so ist es hinsichtlich der Wissenschaftlichkeit ganz das Gleiche, ob man das zu politischem, technischem, moralischem, religiösem oder sonst einem anderen Zweck tut. Doch auch unter denjenigen, denen die Philosophie eine Erkenntnis ist, sind sich viele klar bewußt, daß sie diese Erkenntnis nicht auf dem Weg wissenschaftlicher Forschung gewinnen können: um nur die Mystiker zu nennen, denen die ganze Philosophie als eine Erleuchtung gilt, - wie oft wiederholt sich in der Geschichte das Geständnis, die letzten Wurzeln philosophischer Überzeugung seien nicht in wissenschaftlicher Beweisführung zu finden! Da wird das Gewissen mit seinen Postulaten, da wird die Vernunft als eine Wahrnehmung unergründlicher Lebenstiefen, da wird die Kunst als Organon der Philosophie, da wird ein geniales Auffassen, eine ursprüngliche "Intuition", da wird eine göttliche Offenbarung als Ankergrund bezeichnet, an dem die Philosophie sich über den Wellen der wissenschaftlichen Bewegung festzulegen habe: gesteht doch selbst der Mann, in welchem viele Zeitgenossen den Philosophen  par excellence  verehren SCHOPENHAUER, vielfach ein, daß seine Lehre, nicht durch methodische Arbeit gewonnen oder beweisbar, nur vor dem überschauenden "Blick" sich gestalte, der das von der Wissenschaft Erkannte erst zusammenschauend deutet.

Es fehlt also viel daran, daß die Philosophie dem Begriff der Wissenschaft so einfach unterstellt werden dürfte, wie man es sich wohl, verführt durch äußere Einrichtungen und gewohnheitsmäßige Bezeichnungen, vorstellt. Gewiß kann der Einzelne sich einen Begriff von der Philosophie machen, welcher diese Unterstellung erlaubt: das ist geschehen, das wird immer wieder geschehen, und wir selbst wollen es versuchen. Aber wenn man die Philosophie als ein reales historisches Gebilde betrachtet, wenn man alles das vergleicht, was in der geistigen Bewegung der europäischen Völker als Philosophie bezeichnet wird, so ist jene Subsumtion nicht gestattet. Das Bewußtsein davon zeigt sich in mancherlei Formen. In der Geschichte der Philosophie selbst nimmt es die Gestalt an, daß immer wieder von Zeit zu Zeit die Bestrebungen auftauchen, die Philosophie endlich "zur Wissenschaft zu erheben". Damit hängt es zusammen, daß, wo auch immer philosophische Richtungen im Streit sind, jede die Neigung zeigt, den Charakter der Wissenschaftlichkeit für sich allein in Anspruch zu nehmen und ihn der feindlichen Ansicht abzusprechen. Die Unterscheidung zwischen wissenschaftlicher und nichtwissenschaftlicher Philosophie ist ein von alters her beliebte Streitphrase. PLATON und ARISTOTELES haben zuerst ihre Philosophie als die Wissenschaft (episteme) der Sophistik als der unwissenschaftlich voraussetzungvollen Meinung (doxa) entgegengestellt, und mit einer Umkehrung, die man einen Witz der Geschichte nennen könnte, pflegen heutzutage die positivistischen und relativistischen Erneuerer der Sophistik ihre Lehre als die "wissenschaftliche" Philosophie derjenigen gegenüberzustellen, welche die große Errungenschaft der griechischen Wissenschaft noch aufrecht erhält. Von den außerhalb Stehenden aber werden doch diejenigen die Philosophie nicht für eine Wissenschaft halten, welche in ihrer Geschichte nichts weiter sehen, als die "Geschichte der menschlichen Irrtümer". Wer endlich noch nicht durch die seichte Überhebung moderner Vielwisserei den Respekt vor der Geschichte verloren hat, wer noch bewunderungsvoll vor den großen Gedankengebilden der Philosophie steht, der wird sich doch klar machen müssen, daß es keineswegs immer die wissenschaftliche Bedeutung ist, der er dabei seinen Tribut zollt, sondern hier die Energie edelster Lebensanschauung, dort die künstlerische Harmonisierung widerstrebender Ideen, - hier die Weite weltumspannender Vorstellungen, dort die ordnende Macht kombinatorischer Gedankenarbeit.

In der Tat verlangen die historischen Tatsachen, von einer so unbedingten Unterordnung der Philosophie unter den Begriff der Wissenschaft, wie sie fast überall angenommen wird, Abstand zu nehmen. Der offene Blick des Historikers wird vielmehr in ihr eine vielverzweigte, proteusartige Kulturerscheinung sehen müssen, die sich nicht einfach schematisieren oder rubrizieren läßt; er wird verstehen, daß man mit jener üblichen Subsumtion der Philosophie wie der Wissenschaft Unrecht tut, - jener, indem man ihrem weitausgreifenden Streben ein zu enges Kleid aufzwängt -, dieser, indem man sie für alles verantwortlich macht, was aus zahlreichen anderen Quellen in die Philosophie einströmt.

Allein gesetzt auch, man könnte die historische Erscheinung der Philosophie unter den Begriff der Wissenschaft subsumieren und alles, was dagegen spricht, auf die Unvollkommenheit der einzelnen Philosophien schieben, so entsteht die nicht minder schwierige Frage, wodurch sich nun innerhalb dieser Gattung die Philosopie als besondere Art von den übrigen Wissenschaften unterscheiden soll. Auch auf diese zweite Frage gibt die Geschichte - und nur von dieser ist hier zunächst die Rede - keine allgemeingültige Antwort. Unterscheiden kann man die Wissenschaften teils nach ihren Gegenständen, teils nach ihren Methoden: aber in keiner von beiden Hinsichten läßt sich ein für alle historischen Erscheinungen der Philosophie gleichbleibendes Merkmal feststellen.

Was zunächst die Gegenstände betrifft, so stehen neben solchen Systemen der Philosophie, welche alles, was ist oder gar "was möglich ist", zu ihrem Objekt machen, ebenso bedeutsame andere, die ihr Untersuchungsgebiet eng begrenzen, sei es z. B. auf die "letzten Gründe" des Seins und Denkens, sei es auf die Lehre vom Geist, sei es auf die Theorie der Wissenschaft, usw. Ganze Wissensgebiete, die für den einen, wenn nicht das einzige, so doch das hauptsächlichste Feld philosophischer Bearbeitung sind, werden vom anderen ausdrücklich aus dem Bereich der Philosophie ausgeschieden. Es gibt Systeme, welche nichts sein wollen als Ethik; es gibt andere, welche, die Philosophie auf Erkenntnistheorie beschränkend, die Untersuchung der moralischen und gar der ästhetischen Probleme der psychologischen und biologischen Entwicklungsgeschichte anheimgeben möchten. Es gibt Systeme, in denen die Philosophie ganz in Psychologie aufgelöst wird: es gibt andere, welche sich sorgfältig gegen die Psychologie als eine empirische Wissenschaft abgrenzen. Von vielen vorsokratischen "Philosophen" kennen wir kaum etwas anderes als einige Beobachtungen und Theorien, die man heutzutage in die Physik, Astronomie, Meteorologie usw. verweisen, niemals aber als philosophisch bezeichnen würde: in den späteren Systemen erscheint bald eine eigene Naturansicht als integrierender Bestandteil, bald wird darauf prinzipiell Verzicht geleistet. In jeder mittelalterlichen Philosophie liegt der Schwerpunkt des Interesses auf Fragen, welche jetzt Gegenstand der Theologie sind; die Entwicklung der neueren Philosopie weist diese Fragen von Jahrhundert zu Jahrhundert mehr von sich ab. Die Probleme des Rechts oder der Kunst stellen hier die wichtigsten Objekte der Philosophie dar: dort leugnet man die Möglichkeit ihrer philosophschen Behandlung. Von einer Geschichtsphilosophie hat, wie das ganze Altertum, so auch die Mehrzahl der metaphysischen Systeme vor KANT nichts gewußt: heutzutage ist sie eine der wichtigsten Disziplinen geworden.

Aus dieser Verschiedenheit der Gegenstände der Philosophie ergibt sich nun eine nicht unerhebliche, prinzipiell bisher noch kaum behandelte (2) Schwierigkeit für den Historiker, die Frage nämlich, in welcher Ausdehnung und in welchen Grenzen er die von einem Philosophen herrührenden Ansichten und Lehren, abgesehen von der biographischen Bedeutung, die sie zur Charakteristik seiner Persönlichkeit haben können, in die Geschichte der Philosophie aufnehmen soll. Nur zwei völlig konsequente Wege scheinen hier offen zu stehen: entweder man folgt der Geschichte selbst in alle Wunderlichkeiten ihrer Namengebung und läßt die historische Darstellung ganz ebenso wie das "philosophische" Interesse von einem Gegenstand zum andern wandern, oder man legt eine bestimmte Definition der Philosophie zugrunde und vollzieht nach dieser die Auswahl und die Ausscheidung der einzelnen Lehren. Im ersteren Fall erkauft man die "historische Objektivität" durch eine verwirrende Verschiedenartigkeit und Zusammenhangslosigkeit der Gegenstände; im anderen Fall beruth die Einheitlichkeit und Durchsichtigkeit, welche erreicht wird, auf der Einseitigkeit, mit der man eine persönlich bestimmte Voraussetzung als Schema in die geschichtliche Bewegung hinein verlegt. Die meisten Historiker der Philosophie haben, ohne darüber Rechenschaft zu geben oder auch wohl geben zu können, einen Mittelweg eingeschlagen, indem sie solche Theorien der Philosophen, welche in das Detail der besonderen Wissenschaften eingreifen, nur in ihrem prinzipiellen Zusammenhang mit der Gesamtlehre entwickelt und auf die Reproduktion der speziellen Durchführung, je nach der Ausdehnung ihrer Arbeit, mehr oder weniger verzichtet haben. Da jedoch dafür ein bestimmtes Kriterium nicht angegeben ist und auch nicht in selbstverständlich allgemeingültiger Weise angegeben werden kann, so hat anstelle dessen meist die Willkürlichkeit des persönlichen Interesses oder die Zufälligkeit eines gewissen Taktgefühls treten müssen.

Diese Schwierigkeit ist, wie die geschichtlichen Verhältnisse einmal liegen, prinzipiell in der Tat nicht zu heben: und sie wird hier nur als eine notwendige Folge davon erwähnt, daß sich aus historischer Vergleichung nichtin allgemeingültiger Weise der Gegenstand der Philosophie feststellen läßt. Die Geschichte zeigt vielmehr, daß im Umkreis dessen, worauf sich die Erkenntnis richten kann, nichts ist, was nicht schon irgendeinmal in die Philosophie hineingezogen, und ebenso nichts, was nicht schon irgendeinmal von ihr ausgeschlossen worden wäre. Umso begreiflicher erscheint die Tendenz, das artbildende Merkmal der Philosophie nicht im Gegenstand, sondern in der Methode zu suchen und zu meinen, daß die Philosophie zwar eben dieselben Gegenstände wie andere Wissenschaften, aber mit einer ihr eigenen Methode behandle, woraus sich dann ergebe, daß sie gewisse Gegenstände, die ihrer Methode unzugänglich seien, von sich ablehne, andere dagegen, welche sich für ihre Behandlung besonders eignen, stets für sich in Anspruch nehmen müsse. Ein solcher Versuch, wie ihn im großen Maßstab WOLFF gemacht hat, indem er für jede Objektgruppe der wissenschaftlichen Erkenntnis eine philosophische und eine, wie man damals sagte "historische", wie man heute sagt "empirische" Disziplin nebeneinander stellte, - ein solcher Versuch läßt sich im theoretischen Entwurf sehr gut durchführen; aber auch er genügt nicht zu einer geschichtlichen Begriffsbestimmung der Philosophie, - aus dem einfachen Grund, weil selbst unter denjenigen Philosophen, welche für ihre Wissenschaft eine besondere Methode in Anspruch nehmen (und das sind bei weitem nicht alle) nicht die geringste Übereinstimmung hinsichtlich dieser "philosophischen Methode" obwaltet. Weder läßt sich daher mit historischer Allgemeingültigkeit von einer besonderen wissenschaftlichen Behandlungsweise sprechen, deren Anwendung das Wesen der Philosophie ausmache, noch läßt sich irgendwie behaupten, daß dieses Wesen überall in dem, wenn auch unfertigen Streben nach einer solchen Methode zu finden sei. Denn einerseits wollen alle diejenigen, denen die Philosophie über die wissenschaftliche Arbeit hinauswächst, folgerichtig von einer philosophischen Methode überhaupt nichts wissen, andererseits verfallen gerade diejenigen, welche die Philosophie "zur Wissenschaft erheben" wollen, sehr häufig dem Bestreben, ihr die auf besonderen Gebieten bewährte Methode anderer Wissenschaften, z. B. der Mathematik oder der induktiven Naturforschung, aufzuzwängen. Wo endlich eine eigene Methode der Philosophie aufgestellt worden ist, wie weit ist sie von einer allgemeinen Anerkennung entfernt! Die dialektische Methode der deutschen Philosophie gilt den meisten als eine wunderliche und törichte Marotte, und wenn KANT für die Philosophie die "kritische" Methode festgestellt zu haben glaubte, so sind die Historiker noch heute nicht einmal darüber einig, was er damit gemeint hat.

Diese Bemerkungen ließen sich durch zahlreiche Beispiele weiter ausspinnen: aber bei der logischen Bedeutung, welche einer negativen Instanz innewohnt, auch wenn sie nur geringsten Umfangs ist, genügen schon die hier erwähnten Fälle, um zu beweisen, daß es auf alle Fälle unmöglich ist, durch  historische Induktion  einen allgemeinen Begriff der Philosophie zu finden, der alle geschichtlichen Erscheinungen, die Philosophie genannt werden, und auch nicht mehr unter sich umfaßte. Geht es nicht an, die Philosophie restlos unter den Gattungsbegriff der Wissenschaft zu subsumieren, so ist da bei anderen Gattungsbegriffen von Kulturtätigkeiten, wie etwa Kunst, Dichtung, erst recht nicht möglich: und so muß man darauf verzichten, auf historischem Wege den nächst höheren Begriff für die Philosophie aufzufinden. Daß aber jede Philosophie ein Geistesprodukt, ein Vorstellungsgebilde ist, das wird zwar niemand bestreiten, aber auch niemand als eine irgendwie verwertbare Einsicht betrachten. Es geht, scheint es, den Philosophen so, wie etwa all den menschlichen Individuen, welche den Namen PAUL tragen, und bei denen auch niemand ein gemeinsames Merkmal aufweisen könnte,  um dessen willen  sie alle diesen gemeinsamen Namen tragen. Alle Namensgebung beruth auf historischer Willkürlichkeit und kann sich deshalb vom Wesen des zu Benennenden mehr oder minder unabhängig und fern halten, und so scheint, wenn man den ganzen Verlauf der Zeiten in Betracht zieht, auch für den Namen "Philosophie" zu gelten, daß der Gemeinsamkeit des Wortes keine Einheitlichkeit des begrifflich zu bestimmenden Wesens entspricht. Beschränkt man sich auf kürzere Zeiträume oder auf einzelne Kulturkreise, so wird man vielleicht in jedem darunter einen konstanten Sinn mit dem Namen der Philosophie verbunden finden: allein dieser hört zu gelten auf, sobald man das Wort durch die ganze Geschichte hindurch in seiner Anwendung verfolgt.

Dieses Resultat der historischen Betrachtung sieht nun freilich äußerst bedenklich aus: denn bliebe es ohne Ergänzung, so würde dadurch eine allgemeine Geschichte der Philosophie sinnlos werden. Sie hätte dann gerade soviel Wert, wie etwa wenn es jemandem einfallen wollte (um auf den obigen Vergleich zurückzukommen), eine Geschichte all der Menschen zu schreiben, welche PAUL geheißen haben. Hieraus erklärt es sich, daß gerade denjenigen "Selbstdenkern", welche einen eigenen, scharft bestimmten Begriff der Philosophie aufgestellt haben, wie etwa KANT und HERBART, die übliche Geschichte der Philosophie, die ihnen so viel Unverwandtes bieten mußte, fern und unsympathisch geblieben ist, während andererseits bekanntermaßen die Zeiten des Eklektizismus, der da nie recht weiß, was er eigentlich Philosophie nennen soll, stetas auch diejenigen der historischen Beschäftigung mit der Philosophie gewesen sind. Soll aber diese historische Besinnung doch einen vernünftigen Sinn behalten, obwohl sie keinen allgemeinen Begriff der Philosophie aufzuweisen vermag, so setzt das voraus, daß der Wechsel, welchen der Name "Philosophie" im Laufe der Jahrhunderte erfahren hat, nicht bloße Willkür und Zufälligkeit bedeutet, sondern selbst einen vernünftigen Sinn und einen eigentümlichen Wert hat. Wenn trotz aller Wunderlichkeit individueller Digressionen [Abweichungen - wp] der Geschichte des Namens "Philosophie" der Ausdruck einer in diesem Zusammenhang des Kulturlebens der europäischen Menschheit tief bedeutsamen Entwicklung ist, so behält die Geschichte dieses Namens und der darunter begriffenen besonderen Erscheinungen nicht allein trotz, sondern gerade wegen dieses Wechsels der Bedeutung einen selbständigen und wertvollen Sinn.

Nicht anders aber verhält es sich damit in der Tat: und nur, wenn man sich diese Geschichte des Namens Philosophie klargemacht hat, wird man auch bestimmen können, was in Zukunft mit dem Anspruch auf mehr als individuelle Gültigkeit berechtigt sein soll, diesen Namen zu tragen.

Den Griechen verdanken wir, wie das Wort, so auch die erste Bedeutung der  philosophia.  Um die Zeit PLATONs, wie es scheint, zur technischen Bezeichnung geworden, bedeutet das Wort genau das, was wir heute im Deutschen mit dem Wort "Wissenschaft" bezeichnen (3), und was freilich glücklicherweise noch viel mehr umfaßt, als das englische und französische  science.  Es ist der Name, welchen ein eben geborenes Kind erhält. Weisheit, die sich in Gestalt uralter mythischer Erzählungen von Geschlecht zu Geschlecht vererbt, Sittenlehren, welche den reflektierten Ausdruck der Volksseele bilden, Lebensklugheit, die, Erfahrung an Erfahrung reihend, der neuen Generation den Lebensweg erleichtert, praktische Kenntnisse, welche im Kampf ums Dasein an den einzelnen Aufgaben und ihrer Lösung gewonnen und im Laufe der Zeiten zu stattlichem Wissen und Können angehäuft werden, - das alles hat es von jeher bei jedem Volk und zu jeder Zeit gegeben. Aber die "Neugierde" des von der Not des Lebens befreiten Kulturgeistes, der in edler Muße zu forschen beginnt, um ohne jeden praktischen Zweck, ohne jedes Hinblicken auf religiöse Erbauung oder sittliche Veredlung das  Wissen nur um seiner selbst willen  zu haben und an ihm als einem absoluten, völlig unabhängigen Wert Genuß zu finden, - diesen reinen Wissenstrieb haben die Griechen zuerst entfaltet, und damit sind sie die Schöpfer der Wissenschaft geworden. Wie den "Spieltrieb", so haben sie auch den Wissenstrieb aus den Umschlingungen mythischen Vorstellungen, aus dem Dienst sittlicher und alltäglicher Bedürfnisse herausgehoben, und so haben sie, wie die Kunst, auch die Wissenschaft zu selbständigen Organen des Kulturlebens gemacht. In der phantastischen Verschwommenheit orientalischen Wesens verlaufen sich die Anfänge künstlerischen und wissenschaftlichen Triebes in das Gewebe eines ungeschiedenen Gesamtlebens: die Griechen als die Führer des Okzidentalismus [Ideologie des Abendlandes - wp] beginnen damit, das Ungeschiedene zu scheiden, das embryonal Unentfaltete zu differenzieren und für die höchsten Tätigkeiten des Kulturmenschen die Arbeitsteilung zu finden. So ist die Geschichte der griechischen Philosophie die Geburtsgeschichte der Wissenschaft: das ist ihr tiefster Sinn und ihre unvergängliche Bedeutung. Langsam löst sich der Wissenstrieb vom allgemeinen Grund ab, in den er ursprünglich eingebettet ist; dann versteht er sich selbst, spricht sich stolz und übermütig aus und vollendet sich endlich, indem der den Begriff der Wissenschaft in voller Klarheit und in seiner ganzen Ausdehnung erzeugt. Von der Forschung des THALES nach dem Urgrund aller Dinge bis zur Logik des Aristoteles - es ist  eine  große typische Entwicklung, deren Thema die Wissenschaft bildet.

Diese Wissenschaft richtet sich deshalb auf alles, was überhaupt Objekt des Wissens werden kann oder werden zu können scheint: sie umspannt das All, die ganze Vorstellungswelt. Was der selbständig gewordene Wissenstrieb als Material für seine Betätigung vorfindet in den Mythologemen der Vergangenheit, in den Lebensregeln der Weisen und Dichter, in den praktischen Kenntnissen eines vielgeschäftigen Handelsvolks, - das ist doch noch so gering, daß es recht gut sich in  einem  Kopf vereinigt und mit wenigen Grundbegriffen verarbeitet werden kann. Und so ist in Griechenland Philosophie die  eine,  ungeteilte Wissenschaft.

Aber der so begonnene Differenzierungsprozeß schreitet notwendig fort. Das Material wächst, und vor dem erkennenden und ordnenden Geist gliedert es sich in die verschiedenen Gruppen von Gegenständen, die eben deshalb auch verschieden behandelt sein wollen. Die Philosophie beginnt sich zu teilen: es scheiden sich die einzelnen "Philosophien" aus, von denen nun schon jede die Lebensarbeit eines Forschers für sich in Anspruch nimmt. Der griechische Geist tritt in das Zeitalter der Spezialwissenschaften. Allein wenn jede davon den Namen ihres Gegenstandes annimmt, - wo bleibt da der Name der Philosophie?

Er haftet zunächst am Allgemeinen. Der gewaltige, systematisierende Geist des ARISTOTELES, in welchem sich jener Differenzierungsprozeß vollzogen hat, schuf neben den anderen auch eine "erste" Philosophie, d. h. eine grundlegende Wissenschaft, welche, später auch Metaphysik genannt, vom höchsten und letzten Zusammenhang aller Erkenntnisse handelte; hier vereinigten sich alle an den einzelnen Aufgaben der Wissenschaft erzeugten Begriffe zu einem Gesamtbild des Universums, und für diese höchste, alles umfassende Leistung blieb deshalb der ursprüngliche Name der Gesamtwissenschaft erhalten.

Allein zugleich trat ein anderes Moment hinzu, welches nicht in der rein wissenschaftlichen, sondern in einer allgemeinen Kulturbewegung seinen Grund hatte. Jene *Teilung der wissenschaftlichen Arbeit fiel in die Zeit des Niedergangs des Griechentums. An die Stelle der nationalen Kulturen trat eine Weltkultur, in der die griechische Wissenschaft zwar ein wesentliches Bindemittel bildete, aber doch hinter anderen Bedürfnissen zurück, oder in deren Dienst trat. Das Griechentum ging in den Hellenismus, der Hellenismus in das römische Reich auf. Ein ungeheurer sozialer Mechanismus bereitete sich vor, der das nationale Leben mit seinen Sonderinteressen verschlang, der das Individuum als ein verschwindendes Atom einem unfaßbaren und fremden Ganzen gegenüberstellte, der endlich durch die Zuspitzung des gesellschaftlichen Wettkampfes den einzelnen nötigte, sich so sehr als möglich unabhängig zu machen und so viel als möglich von Glück und Zufriedenheit für sich aus dem großen Lärm in die Stille des Einzeldasein zu retten. Wo die Geschicke der äußeren Welt vernichtend über ganze Völker und gewaltige Reiche dahinrollten, da schien nur noch im Innern der Persönlichkeit Glück und Genuß zu winken, und so wurde für alle Besseren die Frage nach der rechten Einrichtung des persönlichen Lebens die wichtigste und brennendste. Vor der Lebhaftigkeit dieses Interesses erlahmte der reine Wissenstrieb: nur so weit noch wurde die Wissenschaft geschätzt, als sie diesem Interesse dienen konnte, und jene "erste Philosophie" schien ihr wissenschaftliches Weltbild nur noch dazu darzubieten, daß man einsehe, welche Stellung im allgemeinen Zusammenhang dem Menschen zukomme und wie er danach sein Leben einzurichten habe. Den Typus dieser Bewegung sehen wir in der Stoa. Die  Unterordnung des Wissens unter das Leben  ist der allgemeine Charakter dieser Zeit, und ihr heißt deshalb die Philosophie eine Lebenskunst und eine Tugendübung. Die Wissenschaft ist kein Selbstzweck mehr: sie ist das vornehmste Mittel der Glückseligkeit. Das neue Organ des menschlichen Geistes, das die Griechen entwickelt haben, tritt in eine langandauernde Dienstbarkeit.

Mit den Jahrhunderten wechselt es den Herrn. Während die Spezialwissenschaften in den Dienst der einzelnen sozialen Bedürfnisse, der Technik, des Unterrichts, der Heilkunst, der Gesetzgebung usw. treten, ist die Philosophie zunächst jene Gesamtwissenschaft, die da lehren soll, wie der Mensch zugleich tugendhaft und glücklich wird. Aber je länger dieser Weltzustand dauert, je wilder Genußsucht und Überzeugungslosigkeit die Gesellschaft überfluten, umso mehr wird der Tugendstolz gebrochen, umso aussichtsloser erscheint das Glückseligkeitsstreben des Individuums. Mit all ihrem Glanz und ihrer Lust verödet die äußere Welt, und das Ideal verschiebt sich immer mehr aus der irdischen in eine jenseitige, höhere, reinere Region. Der ethische Gedanke verwandelt sich in den religiösen, und "Philosophie" heißt nun Gotteserkenntnis. Der ganze Apparat der griechischen Wissenschaft, ihr logisches Schema, ihr metaphysisches Begriffssystem scheint nur noch dazu bestimmt zu sein, um der religiösen Sehnsucht und der glaubensvollen Überzeugung einen erkenntnismäßigen Ausdruck zu geben. In der Theosophie [philosophische Gotteslehre - wp] und Theurgie [rituelle Gottesanbetung - wp], die aus den ringenden Jahrhunderten des Übergangs sich in die Mystik des Mittelalters fortpflanzen, tritt dieser neue Charakter der "Philosophie" nicht minder hervor, als in der harten Gedankenarbeit, mit der drei große Religionen sich die griechische Wissenschaft zu assimilieren suchten. In dieser Gestalt, als die Dienerin des Glaubens, erscheint die Philosophie in den langen, schweren Lehrjahrhunderten der germanischen Völker: der Wissenstrieb ist in den religiösen Trieb eingeschmolzen und hat neben diesem kein selbständiges Recht. Philosophie ist der  Versuch wissenschaftlicher Entwicklung und Begründung von religiösen Überzeugungen. 

In der Emanzipation von der Alleinherrschaft des religiösen Bewußtseins liegen die weit in das sogenannte Mittelalter zurückreichenden Wurzeln des modernen Denkens. Auch der Wissenstrieb wird wieder frei und erkennt und behauptet seinen selbsteigenen Wert. Während die Spezialwissenschaften mit teilweise gänzlich neuen Aufgaben und Methoden ihre eigenen Wege gehen, findet die Philosophie in den Idealen Griechenlands das reine Wissen um seiner selbst willen wieder. Sie streift die ethische und die religiöse Zweckbestimmung ab und wird  wieder die Gesamtwissenschaft vom Weltall,  dessen Erkenntnis sie ohne fremde Anlehnung aus sich selbst und um ihrer selbst willen gewinnen will. Die "Philosophie" wird im eigensten Sinne Metaphysik, mag sie nun die Systeme der großen Griechen reproduzieren, - mag sie mit phantastischer Kombination die neuen Anschuungen, welche ihr die Entdeckungen der Zeit darbieten, zu Ende dichten - mag sie in die strenge Schule der altehrwürdigen und doch noch jungen Mathematik gehen - oder mag sie sich vorsichtig mit den Kenntnissen der neuen Naturforschung aufbauen wollen. Immer will sie, unabhängig vom Streit der religiösen Meinungen, eine selbständige, auf die "natürliche Vernunft" sich gründende Welterkenntnis geben, und so stellt sie sich dem Glauben als  "Weltweisheit"  gegenüber.

Allein neben dieses metaphysische Interesse tritt von Anfang an ein anderes, das allmählich das Übergewicht gewinnt. In Opposition gegen die kirchlich bevormundete Wissenschaft entstanden, muß diese neue Philosophie zu allererst zeigen, wie sie ihr neues Wissen erzeugen will. Sie geht von Untersuchungen über das Wesen der Wissenschaft, über den Prozeß der Erkenntnis, über die Anpassung des Denkens an seine Gegenstände aus. Ist diese Tendenz anfänglich methodologisch, so nimmt sie mehr und mehr den Charakter der Erkenntnistheorie an. Sie fragt nicht mehr nur nach den Wegen, - sie fragt nach den Grenzen der Erkenntnis. Gerade der nun sich wiederholende und verschärfende Gegensatz der metaphysischen Systeme erzeugt die Frage, ob überhaupt Metaphysik möglich sei, - d. h. ob die Philosophie ein eigenes Objekt, ob sie neben den Spezialwissenschaften ein Existenzrecht habe.

Und diese Frage wird verneint! Dasselbe Jahrhundert, das im höchsten Wissensstolz die Geschichte durch seine Philosophie zu meistern dachte - das achtzehnte -, es erkennt und bekennt, daß die Wissenskraft des Menschen nicht ausreicht, das Weltall zu umspannen und in die letzten Gründe der Dinge zu dringen. Es gibt keine Metaphysik - die Philosophie hat sich selbst zerstört. Was soll noch ihr leerer Name? Alle einzelnen Gegenstände sind an die besonderen Wissenschaften verteilt, - die Philosophie ist wie der Dichter, der bei der Teilung der Welt zu spät kam. Denn die letzten Ergebnisse der Spezialwissenschaften zusammenzuflicken, das gibt noch lange keine Wissenschaft vom Universum: das ist eine Sache des fleißigen Sammelns oder der künstlerischen Kombination, aber nicht der Wissenschaft. Die Philosophie ist wie der König LEAR, der all sein Gut unter seine Kinder verteilte und es sich nun gefallen lassen muß, als ein Bettler auf die Straße geworfen zu werden.

Indessen, wo die Not am höchsten, ist die Hilfe am nächsten. Hat sich nachweisen lassen, daß die Philosophie, welche Metaphysik sein wollte, unmöglich ist, so ist eben mit diesen Untersuchungen ein neuer Wissenszweig entstanden, der eines Mannes bedarf. Alle anderen Gegenstände mögen restlos unter die Spezialwissenschaften verteilt und auf eine Wissenschaft der Weltanschauung mag definitiv verzichtet sein, - jene Wissenschaften selbst sind eine Tatsache, und vielleicht eine der bedeutsamsten von allen, und sie wollen selbst Objekt einer eigenen Wissenschaft sein, die sich zu ihnen verhält wie sie selbst zu den übrigen Dingen. Neben die anderen Wissenschaften tritt als besondere, scharf bestimmte Disziplin eine  Theorie der Wissenschaft.  Ist sie nicht mehr eine alle übrigen Einsichten zusammenfassende Welterkenntnis, so ist sie nun die Selbsterkenntnis der Wissenschaft, die zentrale Untersuchung, in der alle übrigen Wissenschaften ihre Begründung finden. Auf diese "Wissenschaftslehre" überträgt sich der gegenstandslos gewordene Name der Philosophie: sie ist nicht mehr die Lehre vom Weltall oder von der Lebensführung - sie ist die Lehre vom Wissen, - keine Metaphysik der Dinge, sondern eine "Metaphysik des Wissen".

Achtet man genau auf den Wechsel, der sich in dieser weise durch zwei Jahrtausende hindurch mit der Bedeutung des Namens vollzogen hat, so zeigt sich, daß die Philosophie, obgleich sie durchaus nicht immer Wissenschaft gewesen und, wenn sie Wissenschaft sein wollte, durchaus nicht konstant auf dasselbe Objekt gerichtet war, doch stets in einer bestimmten Beziehung zur wissenschaftlichen Erkenntnis gestanden hat, und daß - was das Wichtigste ist - der Wechsel dieser Beziehung auf der Veränderung der Wertschätzung beruth, welche in der Entwicklung der europäischen Kultur der wissenschaftlichen Erkenntnis zuteil geworden ist.  Die Geschichte des Namens der Philosophie ist die Geschichte der Kulturbedeutung der Wissenschaft.  Sobald das wissenschaftliche Denken sich als der Trieb des Erkennens nur um des Wissens willen verselbständigt, nimmt es den Namen der Philosophie an: als sich dann die einheitliche Wissenschaft in ihre Zweige spaltet, ist die Philosophie die zusammenfassende, abschließende, allgemeine Welterkenntnis. Und sobald das wissenschaftliche Denken wieder zu einem Mittel der ethischen Besinnung oder der religiösen Kontemplation herabgesetzt wird, verwandelt sich die Philosophie in eine Lebenskunst oder in eine Formulierung religiöser Überzeugungen. Sobald dann das wissenschaftliche Leben wieder frei wird, findet auch die Philosophie den Charakter der selbständigen Welterkenntnis wieder, und als sie auf die Lösung dieser Aufgabe zu verzichten beginnt, bildet sie sich in eine Theorie der Wissenschaft selbst um.

Anfänglich also die gesamte, ungeschiedene Wissenschaft überhaupt, wird die Philosophie im undifferenzierten Zustand der besonderen Wissenschaften teils dasjenige Organ, welches die Leistungen aller übrigen zu einer Gesamterkenntnis verbindet, teils ein in den Dienst sittlicher oder religiöser Lebensführung tretendes Glied, teils endlich das nervöse Zentralorgan, in welchem der Lebensprozeß der übrigen Organe zu Bewußtsein kommen soll. Erst die Wissenschaft selbst und ganz, ist die Philosophie nachher entweder das Ergebnis aller einzelnen Wissenschaften oder die Lehre davon, wozu die Wissenschaft da sei, oder endlich die Theorie der Wissenschaft selbst. Immer ist die Auffassung von dem, was Philosophie genannt wird, charakteristisch für die Stellung, welche in der Schätzung der Kulturgüter jederzeit die wissenschaftliche Erkenntnis einnimmt. Ob man sie als ein absolutes Gut ansieht oder nur als ein Mittel zu höheren Zwecken, ob man ihr zutraut, den letzten Lebensgrund der Dinge zu erfassen oder nicht, - das prägt sich in dem Sinne aus, welchen man jedesmal mit dem Namen "Philosophie" verbindet. Die Philosophie einer Zeit ist der Gradmesser für den Wert, welchen diese der Wissenschaft beilegt: eben deshalb erscheint die Philosophie bald selbst als Wissenschaft, bald als etwas darüber Hinausgehendes, und wenn sie als Wissenschaft behandelt wird, umfaßt sie entweder das Weltall, oder sie ist die Untersuchung über das Wesen der wissenschaftlichen Erkenntnis selbst. So mannigfach also die Stellung sein kann, welche im Zusammenhang des Kulturlebens die Wissenschaft einnimmt, so vieldeutig und vielgestaltig ist die Philosophie, und daraus begreift es sich, daß kein einheitlicher Begriff von ihr aus der Geschichte zu gewinnen war.

Es versteht sich, daß diese Übersicht über die Geschichte des Namens der Philosophie eine Durchschnittsbetrachtung ist, welche sich an das Hauptinteresse der verschiedenen Zeiten hält und welche nicht leugnen oder übersehen will, daß die vier besonderen Tendenzen, welche hier unterschieden worden sind, nebeneinander in all den Perioden herlaufen, für deren jede hier eine spezifische Gesamtbedeutung der "Philosophie" skizziert wurde. Schon in der griechischen Philosophie machen sich die Tendenzen geltend, die Philosophie in Lebenskunst oder in Erkenntniskritik zu verwandeln: und andererseits ist das Ideal einer Erkenntnis um ihrer selbst willen nie völlig aus dem Gesichtskreis der europäischen Menschheit verschwunden. Aber die Neigungen der einzelnen treten zurück hinter der Herrschaft des Gesamtbewußtseins. Deshalb allein ist es möglich, eine solche Durchschnittsbetrachtung aufzustellen. Wie sehr aber trotzdem die Individuen ihre eigenen Bahnen gehen, das zeigt sich am besten, wenn man sieht, wie in unserer Zeit all jene vier Auffassungen der Philosophie immer noch wieder erneuert worden sind, nachdem sie durch die bedeutendste verdrängt worden waren.

Denn die wichtigste Wandlung, welche die Philosophie erfahren hat, ist noch nicht erwähnt: es ist diejenige, welche sich an den Namen KANTs knüpft. Sie reiht sich unmittelbar an jene vierte Phase, in der die Philosophie als Theorie der Wissenschaft erschien. Was heißt Theorie der Wissenschaft? Anderen Gegenständen gegenüber heißt Theorie die Erklärung gegebener Erscheinungen aus ihren Ursachen und die Aufstellung derjenigen Gesetze, nach denen sich die kausalen Prozesse der betreffenden Gruppe abspielen. In demselben Sinne faßte man vor KANT auch die Aufgabe der Philosophie: sie sollte die Wissenschaft begreifen. Den Ursprung der Vorstellungen sollte sie aufklären und die Gesetze nachweisen, nach denen sie sich in wissenschaftliche Einsichten, in allgemeine Begriffe und deren urteilsmäßige Verbindungen umwandeln. Es ist ganz einleuchtend, daß, wenn die Philosophie so als eine genetisch erklärende Wissenschaft für das wissenschaftliche Denken aufgefaßt wird, sie vollständig in Untersuchungen über die Entwicklungsgesetze des Geistes aufgelöst erscheint: sie ist dann halb individuelle Psychologie, halb Kulturgeschichte, - dasjenige, was die Franzosen Ideologie nennen. Sie zeigt, nach welchen allgemeinen Gesetzen auf naturnotwendigem Weg die Gewißheit des Individuums und die Vorstellungsweise der Kulturvölker zustande kommt. Daraus begreift sich die psychologische Tendenz, welche allen bedeutenden Erscheinungen der Philosophie des Jahrhunderts vor KANT beiwohnt. Diese Philosophie ist also im wesentlichen eine Anwendung psychologischer und historischer Erkenntnisse auf den Begriff der Wissenschaft: sie will diese ebenso erklären wie die übrigen geistigen Tatsachen.

Indessen findet sich leicht, daß diese im Verfahren der übrigen Wissenschaften begründete Behandlung den Zweck, um dessen willen jene "Theorie der Wissenschaft" gesucht wurde, durchaus nicht erfüllt. Denn die Aufgabe einer solchen Theorie sollte ja gerade die sein, aus der ganzen Masse der Vorstellungen und Vorstellungsverknüpfungen nicht nur diejenigen auszuscheiden und zu beschreiben, welche als wissenschaftliche bezeichnet zu werden pflegen, sondern zu zeigen, weshalb gerade diesen der Wahrheitswert in der Weise zukommt, daß sie ganz allgemein nicht etwa nur tatsächlich anerkannt werden, sondern anerkannt zu werden  verdienen.  Man wollte ja gerade wissen, worauf es beruth, daß die von der Wissenschaft gewonnenen Erkenntnisse einen über die zufällige Entstehung hinausgreifenden, notwendigen Wert besitzen, und wie man in der Wissenschaft zu verfahren habe, um diesen Wert für ihre Ergebnisse zu sichern. Diese Frage ist aber nicht dadurch zu lösen, daß man den naturgesetzmäßigen Prozeß aufzeigt, durch welchen in den Individuen oder in der Gattung das zustande kommt, was Wissenschaft zu sein beansprucht. Denn diese Naturnotwendigkeit psychologischer Entstehung wohnt ausnahmslos allen Vorstellungen und Vorstellungsverbindungen bei, und in ihr liegt deshalb niemals ein Kriterium für die Entscheidung der Wertfrage. Wenn daher die vorkantische Philosophie das erkenntnistheoretische Problem stets in der Weise behandelte, daß sie nach dem Ursprung der Vorstellungen fragte und den Streit darüber führte, ob unsere Erkenntnisse ihrer Entstehung nach auf der Erfahrung oder auf angeborenen Begriffen oder auf beiden und in welchen Verhältnissen zwischen beiden beruhen, so konnte auf dem Boden dieser psychologischen Fragestellung das Problem niemals zur Entscheidung kommen. Für die Psychologie mag es von Interesse sein, festzustellen, ob eine Vorstellung auf dem einen oder dem anderen Weg zustande gekommen ist: für die Erkenntnistheorie handelt es sich nur darum, ob die Vorstellung gelten, d. h. ob sie als wahr anerkannt werden soll.

Darin besteht nun die Größe KANTs, daß er sich aus den Vorurteilen der Zeitphilosophie durch eine unsäglich schwierige und verwickelte Denkarbeit zu der Einsicht erhoben hat, wie vollkommen gleichgültig für den Wahrheitswert einer Vorstellung der naturnotwendige Prozeß ihrer Bewußtwerdenung ist. Die Art und Weise, wie wir nach den psychologischen Gesetzen als Individuen, als Völker, als menschliche Gattung zur Aufstellung bestimmter Vorstellungen und zum Glauben an ihrer Richtigkeit gelangen, entscheidet über ihren absoluten Wahrheitswert nichts. Der naturnotwendige Prozeß des Vorstellungsverlaufs kann beim einzelnen so gut wie bei allen anderen ebensosehr zum Irrtum wie zur Wahrheit führen; er herrscht überall, und seine Aufweisung ist daher kein Beweis für die Geltung der einen Vorstellungen im Gegensatz zu anderen.

Wenn daher auch KANT zunächst mit dem Verzicht auf die frühere Metaphysik sich dahin gedrängt sah, die Philosophie als Metaphysik nicht der Dinge, sondern des Wissens zu definieren, so war für ihn diese Erkenntnistheorie keine individuelle oder kulturhistorische Entwicklungsgeschichte, auch kine genetisch-psychologische Theorie, sondern eine kritische Untersuchung. Gleichviel wie, auf welche Veranlassung und nach welchen Gesetzen sich im Individuum oder in der Gattung diejenigen Urteil zu Bewußtsein gebracht haben, für welche der Wert einer allgemeinen und notwendigen Geltung in Anspruch genommen wird, - die Philosophie fragt nicht nach ihrer Verursachung, sondern nach ihrer Begründung; sie ist keine Erklärung, sondern Kritik.
LITERATUR - Wilhelm Windelband, Was ist Philosophie? [Über Begriff und Geschichte der Philosophie], in Präludien - Aufsätze und Reden zur Einleitung in die Philosophie, Tübingen 1907
    Anmerkungen
    1) Über die Definitionen der Philosophie Näheres bei WINDELBAND, Geschichte der Philosophie, 1907, §§ 1 und 2.
    2) Vgl. des Verfassers Abhandlung über "Geschichte der Philosophie" in der Festschrift für KUNO FISCHER, Heidelberg 1905, Bd. 2, Seite 190f.
    3) Man sollte das nie bei Übersetzungen vergessen, in denen vielfach Mißverständnisse entstehen, wenn man  philosophia  durch "Philosophie" wiedergibt und damit die Gefahr hervorruft, daß der moderne Leser das Wort im heutigen viel engeren Sinn versteht. Statt vieler Beispiele eins! Ein bekanntes platonisches Wort übersetzt man leicht so: "Es werde der Übel der Menschheit kein Ende sein, ehe nicht entweder die Herrscher philosophieren oder die Philosophen herrschen, d. h. ehe nicht politische Macht zusammenfallen." Wie bequem zu belächeln, wenn man dabei unter "philosophieren" an metaphysische Grübeleien und unter "Philosophen" an unpraktische Professoren und einsame Gelehrte denkt! Aber man übersetze nur richtig! Und wenn man dann findet, daß PLATON nichts weiter verlangt, als daß die Regierung in den Händen der wissenschaftlichen Bildung sein solle, so sieht man vielleicht ein, wie prophetisch er der Entwicklung des europäischen Lebens mit jenem Ausspruch vorgegriffen hat.