p-4 tb-1Über den Begriff der unbewußten VorstellungGeschichte des Unbewußten    
 
WILHELM WINDELBAND
Über den gegenwärtigen
Stand der Psychologie


"Wie lange ist der Physiologie ihr bestes Wissen dadurch versperrt worden, daß man für das Wenige, was man wußte, in der  Lebenskraft  eine genügende Erklärung gefunden zu haben meinte! So ist es oft nur ein Wort gewesen, mit welchem sich das Erklärungsbedürfnis beruhigte, und dieses Wort diente dann als gefährliches Ruhekissen für das wissenschaftliche Gewissen, als ein Hemmschuh für die Ausbreitung des Wissens. Überall in der Geschichte des menschlichen Denkens ist das zu frühzeitige hypothetische Erklären des Wissens Feind gewesen, und eben in solchen verfrühten Erklärungsversuchen hat auch der hemmende Einfluß gelegen, welchen die Metaphysik auf die Ausbreitung des psychologischen Wissens ausgeübt hat."

Hochansehnliche Versammlung!

Indem ich das mir übertragene Lehramt der Philosophie an dieser Hochschule hiermit vor Ihnen antrete, will sich meiner Betrachtung unwillkürlich eine wichtige und schwierige Prinzipienfrage aufdrängen, deren Beantwortung tief auch in die akademische Gliederung der Wissenschaften einschneidet - die alte Frage nach dem Verhältnis philosophischer und empirischer Forschung. Denn die Bezeichnung des Lehrstuhls, den ich einnehme, als desjenigen der "induktiven Philosophie" kann doch sicher nur aus der Meinung entsprungen sein, daß auf demselben und von demselben aus der Zusammenhang der Philosophie mit den empirischen, induktiv arbeitenden Wissenschaften aufrecht erhalten und möglichst gefördert werde, und wenn diese Absicht dem allgemeinen wissenschaftlichen Zug der Zeit durchaus entspricht, so begegnet sie zugleich einem lebhaft empfundenen Bedürfnis der Philosophie, welche sich in diesem Fall den Erfahrungswissenschaften nähert, nicht, ums sie wie ehemals zu meistern, sondern um von ihnen zu lernen und mit ihnen zu arbeiten. Wor aber immer zwei Mächte miteinander in eine gedeihliche Zusammenwirkung treten wollen, da haben sie sich vor allem anderen zuerst in ihrer Kompetenz, in der Art und Richtung ihrer Arbeit genau gegeneinander abzugrenzen. Denn nicht aus verschwommener Mittelstellung, sondern nur durch den Kontakt scharf in sich bestimmter Kräfte kann ein gemeinsamer Erfolg erzielt werden. Die erste Bedingung besteht deshalb für jene mit Recht als Bedürfnis empfundene Verknüpfung philosophischer und empirischer Forschung in der genauen Teilung der Arbeit zwischen beiden, in der sicheren und unverrückbaren Abgrenzung ihrer Gebiete. So wünschenswert es nun wäre, wenn wir diesen ersten Teil der Aufgabe wenigstens als gelöst und in allgemeiner Anerkanntheit entschieden sähen, so wenig dürfen wir uns in dieser Hinsicht einer gefährlichen Täuschung über den gegenwärtigen Stand der Sache hingeben, und obwohl sich in den Einzelwissenschaften überall der Trieb nach philosophischer Begründung, Vollendung und Einigung zeigt, obwohl es andererseits kaum noch einen Vertreter der Philosophie geben mag, der den Einfluß der Erfahrungswissenschaften auf die Gestaltung der philosophischen Tätigkeit völlig abzulehnen auch nur versuchte, so kann es doch dem fruchtbaren Fortgang dieser Bestrebungen nur heilsam sein, wenn wir uns offen eingestehen, daß eine Einigung über die Art dieses Zusammenwirkens durchaus noch immer nicht erzielt ist. An keinem Punkt jedoch tritt die Ungewißheit dieses schwankenden Verhältnisses von philosophischer und empirischer Behandlung klarer und dringlicher hervor, als in der eigentümlichen und noch immer so gänzlich streitigen Stellung der Psychologie. Auf der einen Seite sind wir noch immer gewohnt, in der allgemeinen Gliederung der Wissenschaften die Psychologie als eine der spezifisch philosophischen Disziplinen anzusehen, und an den Universitäten fällt ihr Vortrag überall in die Sphäre der Aufgaben des philosophischen Katheders: auf der anderen Seite aber sehen wir selbst bei diesen Vertretern der Psychologie sich mehr und mehr die Ansicht Bahn brechen, daß sich das Heil derselben nur von ihrer völiigen Ablösung von philosophischen Doktrinen, von einer gänzlichen metaphysischen Voraussetzungslosigkeit und von ihrer bedingungslosen Hingabe an die empirische Methode erwarten lasse. Gestatten Sie mir deshalb, Ihnen meine Stellung zu jener allgemeineren Frage an diesem besonders wichtigen und entscheidenden Beispiel der Psychologie anzudeuten, indem ich deren gegenwärtigen Standpunkt nach dieser prinzipiellen Seite hin kritisch zu beleuchten suche.

Wenn man den Wegen nachgeht, welche die psychologische Forschung seit dem vierten und fünften Jahrzehnt unseres Jahrhunderts eingeschlagen hat, so findet man sich von allen Seiten immer energischer auf die breite Heerstraße der Erfahrung gedrängt. Jener Durst nach tatsächlicher Erkenntnis, welcher sich nach der spekulativen Erschöpfung auf allen Gebieten des wissenschaftlichen Denkens kund gab, machte sich auch auf demjenigen der Psychologie geltend, und selbst die Vertreter der verschiedenen metaphysischen Schulen fingen mehr und mehr an, sich zu empirischen Darstellungen der Psychologie herabzulassen, wenn sie auch als Ziel- und Richtpunkt dieser Darstellungen schließlich immer die Bestätigung ihrer metaphysischen Seelentheorien ansahen. Es schien fast, als solle auf diesem Gebiet der tatsächlichen Psychologie der Streit der metaphysischen Meinungen ausgefochten werden: so sehr beeilten sich die Anhänger der verschiedenen Schulen, die Realität ihres Seelenbegrifs in der psychischen Empirie nachzuweisen. Je mehr aber auf diese Weise das empirische Material mit ausdrücklicher Anerkennung in die psychologischen Untersuchungen einströmte, umso mächtiger fing es auch wieder an, seinen Platz darin zu erobern, zu behaupten und zu erweitern, und es war die Zeit nicht mehr fern, in welcher die Metaphysik gänzlich aus der Psychologie verdrängt werden sollte und immer mehr Stimmen sich für die Ansicht erhoben, daß sich die psychologische Forschung gerade in der Auffassung und Deutung des empirischen Materials der metaphysischen Voreingenommenheit völlig zu entschlagen und mit eben der Voraussetzungslosigkeit zu operieren habe, deren Ideal man in der äußeren Naturwissenschaft von sich zu haben glaubte. Der allgemeine Ausdruck dieses Bestrebens war die Ablehnung eines wissenschaftlich zu begründenden Seelenbegriffs: man versicherte mit jener erkenntnistheoretischen Resignation, welche den Epigonen KANTs nicht allzuschwer fallen konnte, vom Wesen der Seele nichts zu wissen und sich deshalb auf die Erkenntnis der Gesetze des psychischen Lebens zu beschränken, und man schuf auf diese Weise, wie ALBERT LANGE es sehr treffend genannt hat, die "Psychologie ohne Seele".

Die Begründng und Befestigung der empirischen Methode in der Psychologie hängt deshalb auf das Innigste mit ihrer Befreiung von den Fesseln der Metaphysik zusammen. Aber dieser Vorgang ist nur ein Glied in einer allgemeineren Bewegung, welche durch die gesamte Geschichte der Wissenschaften hindurchgeht. Von dem Augenblick an, wo der Umfang des menschlichen Wissens zu weit für die Arbeit eines einzelnen Menschen geworden war, sehen wir sich die allgemeine Wissenschaft, welche sich bei den Griechen den Namen der Philosophie gegeben hatte, in verschiedene Zweige gliedern, und in dem Maße, als die Erkenntnis eines solchen einzelnen Gebietes durch die Ansammlung des empirischen Materials in sich erstarkt und sich befestigt, sehen wir dann die einzelnen Wissenschaften sich oft unter heißem Ringen vom gemeinsamen Ursprung losreissen und sich selbständig machen. Die Psychologie als eine der jüngsten Töchter ist nicht nur am längsten im Haus der gemeinsamen Mutter geblieben, sondern auch am zähesten und hartnäckigsten darin festgehalten worden, und seit schon fast mehr als einem Jahrhundert wogt mit wechselndem Erfolg dieser Kampf um ihre Selbständigkeit.

Wenn wir ihn jetzt als zugunsten dieser Selbständigkeit entschieden anzusehen geneigt sind, so ist die  Ursache  dieser Entscheidung freilich wohl zunächst in der allgemeineren Abwendung von metaphysischen Untersuchungen zu finden, welche seit Jahrzehnten einen unverkennbaren Grundzug des wissenschaftlichen Lebens bildet, aber wir müssen auch zugeben, daß gerade für die Psychologie erhebliche und entscheidende  Gründe  für diese Wendung ihres Geschickes in's Gewicht fielen. Nach zwei Richtungen hin glaube ich diese Gründe besonders hervorheben zu sollen.

Der Fortschritt jeder Wissenschaft besteht in der gemeinsamen Arbeit vieler Forscher. So fruchtbar die Initiative sein mag, welche von Zeit zu Zeit von bevorzugten Geistern ausgeht, so ist doch zuletzt auch diese nur durch die sichere Stetigkeit möglich, mit welcher im Laufe der Zeit am gemeinsamen Bau Stein auf Stein gelegt wird. Diese Stetigkeit gemeinsamer Arbeit nun hat der Philosophie fast immer gefehlt, und derselben Mangel trifft selbstverständlich alle Wissenschaften, welche sich auf metaphysischem Grund aufbauen wollen. Die Geschichte der Psychologie ist der Beweis davon: auch sie beginnt, wie die allgemeine Philosophie, fast in jedem Vertreter wieder von vorn, und von einer gemeinsamen Arbeit auf ihrem Gebiet ist höchstens einmal in einer größeren philosophischen Schule, und auch da nicht immer die Rede. Solange deshalb die Psychologie sich in Abhängigkeit von der Metaphysik befand, fehlte ihr der wichtigste Hebel eines fruchtbaren Fortschritts: denn eine Grundlage für gemeinsame Arbeit ist bisher nicht von allgemeinen philosophischen Begriffen, sondern immer nur von den Tatsachen der Erfahrung zu hoffen, welche  jedem  in gleicher Weise zugänglich sind oder gemacht werden können.

Um die zweite Richtung anzudeuten, in welcher die Ablösung der Psychologie von der Metaphysik ihre Berechtigung findet, muß ich ein wenig weiter ausholen. Für die volle und abschließende Erkenntnis der Wissenschaft sind zwei Elemente in gleicher Weise erforderlich: das Wissen auf der einen Seite und andererseits dasjenige, was wir je nach dem subjektiven Gesichtspunkt das Begreifen oder das Erklären nennen. Das Wissen ist dabei diejenige Tätigkeit, durch welche die Realität bestimmter Vorstellungsmomente zur Gewissheit erhoben und die Unterordnung derselben unter allgemeine Begriffe in sicherer und zweifelloser Weise vollzogen wird, sodaß wir dazu auch die Aufstellung allgemeiner Gesetze rechnen müssen, insofern dieselben, um den HELMHOLTZschen Ausdruck zu gebrauchen, nichts anderes sind als Gattungsbegriffe von Veränderungen. Das Erklären dagegen ist überall darauf gerichtet, einen im Wissen gegebenen und festgestellten Inhalt aus einem anderen Vorstellungsinhalt abzuleiten, ihn als ein notwendiges Produkt aus der Zusammenstellung eines anderen Vorstellungsinhaltes zu begreifen. Solange nun die erklärende Tätigkeit mit lauter Elementen des Wissens operiert, solange sie damit beschäftigt ist, nur Gewußtes aus anderem Gewußtem zu begreifen und zu erklären, bezeichnen wir sie als immanente oder als positive Erklärung: sobald sie aber einen Inhalt des Wissens aus einem anderen Inhalt abzuleiten sucht, der selbst kein Gegenstand des Wissens, sondern nur durch das Erklärungsbedürfnis unseres Verstandes zu diesem besonderen Zweck als ein Hilfsbegriff konstruiert worden ist, so wird die Erklärung transzendent oder hypothetisch. Es ist hieraus klar, daß alle Wissenschaften, die einzelnen wie ihre Gesamtheit, zuletzt immer bei Elementen ankommen müssen, die nicht mehr erklärt und begriffen, sondern nur noch gewußt werden können: es ist ebenso klar, daß, solange die Unvollkommenheit der Wissenschaften es noch nicht erlaubt, diese Elemente zweifellos hinzustellen, das Erklärungsbedürfnis stets ein Recht auf die Konstruktion erklärender Hilfsbegriffe haben wird, wie dies z. B. bei der Naturwissenschaft mit den Atomen der Fall ist: aber es ist auch nicht minder klar, daß es stets das Bestreben jeder Wissenschaft sein muß, sich so viel als möglich der immanenten und so wenig als möglich der hypothetischen Erklärung zu bedienen. Denn es leuchtet von vornherein ein, was für eine Gefahr - trotz des heuristischen Wertes, den andererseits jede Hypothese besitzt - für die Erweiterung des Wissens gerade in der hypothetischen Erklärung liegen kann: sobald das Erklärungsbedürfnis durch eine Hypothese befriedigt ist, verschwindet gar leicht in dieser Richtung das Interesse an der Aufsuchung neuer Tatsachen des Wissens, in denen schließlich doch erst die wahre Erklärung liegen würde. Wie lange ist der Physiologie ihr bestes Wissen dadurch versperrt worden, daß man für das Wenige, was man wußte, in der "Lebenskraft" eine genügende Erklärung gefunden zu haben meinte! So ist es oft nur ein Wort gewesen, mit welchem sich das Erklärungsbedürfnis beruhigte, und dieses Wort diente dann als gefährliches Ruhekissen für das wissenschaftliche Gewissen, als ein Hemmschuh für die Ausbreitung des Wissens. Überall in der Geschichte des menschlichen Denkens ist das zu frühzeitige hypothetische Erklären des Wissens Feind gewesen, und eben in solchen verfrühten Erklärungsversuchen hat auch der hemmende Einfluß gelegen, welchen die Metaphysik auf die Ausbreitung des psychologischen Wissens ausgeübt hat.

Denn jede Metaphysik will der Versuch einer Gesamterklärung der gewußten Erscheinungen sein, und indem sie den Anschein erregt, auch die psychischen Erscheinungen aus ihrem letzten Grund begriffen zu haben, läßt sie die eingehendere Forschung nach den gesetzlichen Beziehungen der einzelnen Erscheinungen mehr oder weniger überflüssig erscheinen. Und doch findet sich gewöhnlich sehr bald, daß diese scheinbare Erklärung nur ein etwas mehr verdeckter Ausdruck für das Problem ist. Die einfachste z. B. und deshalb am weitesten und unbefangendsten verbreitete Hypothese, die Annahme der "Seele", erweist bei der einzelnen Forschung ihre völlige Unfruchtbarkeit sogleich darin, daß sie nur der sprachliche Ausdruck für die unbestimmte Ansicht von einem gemeinsamen substantiellen Grund der psychischen Erscheinungen ist, und daß man, um durch sie einzelne Beobachtungen zu erklären, den Inhalt der letzteren hinterrücks wieder in den Seelenbegriff hineinlegen muß. Um zu erklären, daß diese Seele sich ihrer vergangenen Zustände zu erinnern vermag, schreibt man ihr dann die Fähigkeit zu, "Spuren" all ihrer Tätigkeiten in sich zurückzubehalten: genug, man verlegt den Begriff der erfahrenen Tatsachen, mit problematischem Charakter gestempelt, einfach in die ansich leere Seelenvorstellung hinein. So entstand jene Lehre von der Seele mit ihren mannigfachen "Vermögen", welche in Wahrheit keine einzige Tatsache erklärte, sondern nur allgemeine Probleme mehr verhüllte als aufdeckte.

Man wird vielleicht einwenden, diese Theorie der Vermögen sei im höchsten Maße gerade in der empirischen Psychologie des vorigen Jahrhunderts ausgebildet gewesen. Allein so richtig das ist, so muß man doch bedenken, daß eben jene empirische Psychologie des vorigen Jahrhunderts keineswegs so unablässig von metaphysischen Voraussetzungen war, als sie selbst glaubte und den Anschein erregte. Zwar lehnte sie mit großer Emphase die Schulmetaphysik des Rationalismus ab; allein zum größten Teil unter dem Einfluß der schottischen Common-sense-Lehre stehend, arbeitete sie mit jener Metaphysik des sogenannten gesunden Menschenverstandes, welche um kein Haar breit besser, gewisser oder vorsichtiger ist, als die wissenschaftlichen Versuche ihrer Verbesserung. In der Tat, wenn einmal ein einzelner Wissenszweig empirisch wird und sich von der Metaphysik emanzipiert, dann soll es auch vollständig geschehen, und dann sollen namentlich alle jene Voraussetzungen aufgegeben und eliminiert werden, mit denen wir uns von Jugend auf die Fülle der Wahrnehmungen zu ordnen und zu erklären geneigt und gewohnt sind. Es ist der große Fortschritt in der neueren empirischen Psychologie, daß sie nach dieser Richtung hin den Standpunkt des vorigen Jahrhunderts weit überschritten, daß sie - dank der vernichtenden Kritik HERBARTs - alle jene Vermögen und Kräfte, mit denen man die Seele bevölkerte, über Bord geworfen und ihre Aufgabe dahin präzisiert hat, die Gesetze aufzusuchen, nach welchen sich die einfachsten psychischen Phänomene miteinander zu höheren Gebilden vereinigen. Da sich nun weder diese einfachsten Elemente durch apriorische Konstruktion gewinnen, noch jene Gesetze durch begriffliche Ableitung aus den Elementen feststellen lassen, so ist die Aufgabe der Psychologie nur durch Beobachtung und mit Rücksicht auf den Umstand, daß die einfachsten Elemente selbst nie in einem isolierten Zustand beobachtbar sind, durch Zergliederung der Tatsachen zu lösen: und aus allen diesen Gründen hat man sich dann schließlich überzeugt, daß es auch in der Psychologie gerade so ist, wie in allen anderen Wissenschaften, daß man nämlich erst eine ganze Menge  wissen  muß, ehe man auch nur den Versuch machen darf, zu  begreifen  und zu  erklären,  und daß auch dann diese Erklärung so weit als irgend möglich in den Grenzen des Gewußten bleiben muß.

In der Tat ist es nun auch niemals das Interesse der Psychologie gewesen, welches dieselbe bei der Metaphysik festhielt: sondern es brachte vielmehr lediglich der Umstand, daß die Metaphysik und die mit ihr zusammenhängende Erkenntnistheorie sich wesentlich auf die Resultate der Psychologie zu stützen haben, die sehr begreifliche Folge mit sich, daß die Philosophen mit besonderer Energie sich dieser Wissenschaft bemächtigen und sie für ihr Interesse auszubeuten suchten. Daraus aber, daß auf diese Weise die Bearbeiter der Psychologie schließlich doch fast immer nur ein mittelbares Interesse an ihr hatten, ergab sich von selbst auch die Einseitigkeit ihrer Behandlung, welche z. B. auch besonders dann hervortritt, daß unter diesen Umständen die für die allgemeine Philosophie am meisten notwendigen Gebiete der Psychologie, die Lehre von den Vorstellungen und neben ihr vielleicht noch die Lehren von den Willensentscheidungen, bedeutend bevorzugt und deshalb ungleich eingehender behandelt worden sind als die übrigen. Je mehr wir aber selbst überzeugt sind, daß in der zentralen Arbeit aller Wissenschaften, welche die Philosophie zu leiten hat, der Psychologie eine besonders wichtige und entscheidende Aufgabe zufällt, umso mehr müssen wir daran festhalten, daß sie dieser Aufgabe nur genügen kann, wenn sie sich zunächst ganz selbständig und voraussetzungslos in sich selber kräftig und auslebt.

Ist aber diese Auffassung der wissenschaftlichen Aufgabe der Psychologie die herrschende, so ist auch durchaus nicht abzusehen, weshalb man damit nicht nach allen Seiten völlig Ernst machen will, und es wäre sehr wohl die Frage zu überlegen, ob es unter diesen Umständen nicht an der Zeit wäre, in ähnlicher Weise, wie man der Nationalökonomie nach ihrer Ablösung von der Moralphilosophie eine selbständige akademische Existenz gegeben hat, auch an die Gründung eigener Lehrstühle der Psychologie zu denken, damit nicht nur die von der Geschichte selbst vollzogene Mündigkeitserklärung dieser Wissenschaft auch in der akademischen Organisation einen Ausdruck und dadurch in weitesten Kreisen ihre Anerkennung finde, sondern vor allem auch damit die Arbeit eines Forschers in den Stand gesetzt werde, sich auf dieses Gebiet zu konzentrieren.

Es wäre nicht zu befürchten, daß derselbe zuwenig zu tun hätte. Denn mit jenen Zauberworten "Erfahrung und Induktion" ist leider der Psychologie noch wenig geholfen: wie hätte es sonst kommen können, daß nun doch schon seit geraumer Zeit an dieser empirischen Psychologie von vielen und von sehr bedeutenden Männern gearbeitet wird, und daß dadurch der Verwirrung noch immer kein Ende gesetzt und kaum noch der Anfang einer Lehre festzustellen ist, von der wir sagen könnten: "das ist nicht eine der vielen Psychologien, das ist  die  Psychologie!" In der Tat, wenn wir den Wert der empirischen Methode in der Ermöglichung der gemeinsamen Arbeit fanden, wie sich deren jede Naturwissenschaft erfreut, so müssen wir auch zugestehen, daß der psychologische Empirismus eine solche gemeinsame Grundlage bisher noch nicht festzustellen vermocht hat, und wenn die Seele jeder Wissenschaft ihre gemeinsame Methode ist, so gilt es leider auch in dieser Beziehung, daß die moderne Psychologie eine "Psychologie ohne Seele" ist.

Es liegt das, wie oft hervorgehoben, an der Eigentümlichkeit des Gegenstandes der Psychologie, der weder in so zweifellos allgemeiner Wahrnehmung, noch in so methodischer Absichtlichkeit dargestellt werden kann, wie das jede Naturwissenschaft mit ihrem Gegenstand zu tun vermag. Die Folge davon ist die, daß Männer, deren wissenschaftliche Prinzipien an der Naturwissenschaft groß geworden sind, auch der empirischen Psychologie den Wert exakter Wissenschaftlichkeit entwedergänzlich absprechen, wie es bereits KANT getan hat, oder nur so weit zugestehen, als sie mit den Tatsachen der Naturwissenschaft zu arbeiten imstande ist. Im letzteren Sinn hat sich dann in unserem Jahrhundert, zurückgehend auf die Lehren der französischen Enzyklopädisten und Materialisten, hauptsächlich diejenige Richtung geltend gemacht, welche die Psychologie zu einer exakten Wissenschaft dadurch zu erheben hofft, daß sie dieselbe zu einem Zweig der Physiologie und der allgemeinen Biologie herabzudrücken sucht. Wir finden diese Ansicht auch unabhängig von der materialistischen Metaphysik, welche ihren historischen Hintergrund bildet, auf rein methodologische Prinzipien gestützt bei denjenigen Forschern, welche nur in der sinnlichen, experimentell herbeiführbaren Wahrnehmung einen allgemeingültigen Wert anerkennen wollen. Dennoch überschreiten bereits jene psychophysischen Versuche, auf welche diese Ansicht die psychologische Forschung beschränken möchte, überall die Grenze der bloß sinnlichen Wahrnehmung: sobald bei diesen Experimenten die Verhältnisse konstatiert werden sollen, in welchen sich die Veränderung der Empfindung zur Veränderung der äußeren Reize befindet, so liegt darin bereits eine Kombination der sinnlichen und der inneren Wahrnehmung, durch welche die letztere ausdrücklich als berechtigte Grundlage einer wissenschaftlichen Untersuchung anerkannt wird. Weit entfernt also davon, daß diese psychophysischen Bestrebungen die Psychologie in die Physiologie auflösten, bereichern sie vielmehr die äußere Erfahrungswissenschaft durch die Hinzunahme einer Anzahl von inneren Beobachtungen. Nimmt man dazu die zweifellose Tatsache, daß allen Versuchen, welche wir in Rücksicht der Physiologie der Sinnesorgane mit anderen animalischen Wesen machen, eine Deutung äußerer Bewegungen nach Analogie dessen, was wir im eigenen Bewußtsein erfahren, zugrunde liegt, so muß es schließlich zweifelhaft erscheinen, ob für diese psychophysischen Untersuchungen mehr der Inhalt der äußeren oder derjenige der inneren Erfahrung in Betracht kommt.

So wichtig nun aber ferner diese psychophysischen Untersuchungen für die Grundlegung der Psychologie und für die Einsicht in die Gesetzmäßigkeit der elementaren Funktionen des Seelenlebens sein mögen, so dürfen wir doch auch nicht vergessen, daß sie über diese elementaren Prozesse nicht hinausreichen und daß sie uns namentlich bereits da völlig verlassen, wo diese ersten Gebilde des Seelenlebens auch nur zu den einfachsten und gewöhnlichsten Verbindungen zusammentreten. Und es ist nicht nur der relativ unvollkommene Zustand der Nervenphysik und der Gehirnphysiologie, welcher sich hier der Fortsetzung der psychophysischen Methode in den Weg stellt, sondern vielmehr eine prinzipielle Schwierigkeit von durchgreifender und entscheidender Bedeutung.

Denn angenommen selbst, es würde der Nervenphysiologie, mit der Überwindung aller sonstigen Schwierigkeiten, schließlich möglich, mit voller Sicherheit die Leitungsbahnen zu konstatieren, an welche die Entwicklung der psychischen Tätigkeiten gebunden ist, so würde sie vielleicht zuletzt ein reiches Wissen davon gewinnen, welche bestimmten Nervenerregungen mit allen elementaren Formen des psychischen Geschehens verbunden sind; sie würde auch, wenn sie zur sicheren Erkenntnis der Gesetze gelangte, nach denen sich diese Erregungen gegenseitig auslösen, den Ablauf der psychischen Prozesse dadurch vielleicht teilweise zu erklären vermögen; aber sie würde durchaus nichts von der Einheit wissen können, welche in jedem Moment zwischen den verschiedenen Bestandteilen dieses Prozesses im inneren Bewußtsein hergestellt ist. Denn es ist in keiner Weise abzusehen, wie z. B. die zahlreichen Nervenerregungen, die den einzelnen Bestandteilen einer durch mehrere Sinne zugleich gewonnenen Vorstellung eines Dings entsprechen, eine gemeinsame Resultante von der Einheitlichkeit der Bewegungsform geben sollten, wie sie auf dem psychischen Gebiet durch die Einheitlichkeit jener Dingvorstellung faktisch gegeben ist. Sollen wir uns etwa mit einem Rückfall in den phrenologischen Aberglauben denken, daß die ganze Summe von Nervenerregungen, an welche zwei komplizierte Vorstellungen gebunden sind, an eine zentrale Stelle geleitete, dort zu einer einheitlichen Schwingungsform resultiert, welche dem beide Vorstellungen verknüpfenden Urteil entspricht? Oder vermöchte vielleicht die kühnste Phantasie auch nur die Möglichkeit zu behaupten, daß man schließlich einmal eine Vorstellung davon gewinnen könne, welche Verschiedenheit der physiologischen Bewegungsform zwischen der Bildung eines positiven und derjenigen eines negativen Urteils besteht? Hier stehen wir an einer prinzipiellen Kluft, an einer totalen Differenz zwischen der äußeren und der inneren Erfahrung: in der Resultante, zu der sich zwei körperliche Bewegungen vereinigen, ist die Eigenart jeder der beiden letzteren verschwunden; in der psychischen Resultante ist der besondere Inhalt jedes einzelnen Elementes unversehrt erhalten. Deshalb muß eine nur physiologische Psychologie vor dieser einheitlichen Bildung komplexer psychischer Zustände völlig ratlos stehen bleiben.

Diese Einheit heterogener Elemente ist nun aber nichts Geringeres als die Grundtatsache und das Grundproblem des psychischen Lebens. Was wir von den Tatsachen desselben wahrnehmen, sind stets bereits komplizierte und bei der Komplexion einheitlich geformte Gebilde, deren gesetzmäßige Konstitution somit den eigentlichen Gegenstand der speziell psychologischen Forschung ausmacht. Deshalb kann die Psychologie nur soweit mit der Physiologie zusammengehen, als es sich um die Einsicht in den gesetzmäßigen Ursprung der elementaren Bestandteile des psychischen Lebens handelt: von dem Punkt an aber, wo diese Elemente zu einheitlichen Bewußtseinskomplexen zusammentreten, fällt der Psychologie die Untersuchung allein zu: und auf diesem Gebiet kann sie nur durch eine induktive Verarbeitung der Tatsachen der inneren Erfahrung zu Resultaten gelangen.

Den Erkenntniswert der inneren Beobachtung finden wir nun aber durch mancherlei Angriffe bedroht. Zum Teil beruhen dieselben auf jener dualistischen Metaphysik, welche bekanntlich schon sehr früh in die Kantische Vernunftkritik hineininterpretiert worden ist, und der sich freilich KANT selbst in seiner Periode der "praktischen Vernunft" namentlich durch seine Freiheitslehre mehr und mehr zuneigte - jener dualistischen Metaphysik, welche die Welt der Dinge ansich und die Welt der Erscheinungen einander gegenübergestellt und deshalb behauptet, unsere Erfahrung von der "erscheinenden Seele" könne niemals ein Wissen von der Seele als Ding ansich, von der Seele als absoluter Wirklichkeit begründen. Solange jedoch dieser Dualismus nicht bewiesen, solange vielmehr umgekehrt die großartige Entdeckung der Vernunftkritik erster Auflage noch nicht widerlegt ist, wonach das "Ding ansich" als ein völlig inhaltloser Begriff angesehen werden muß, welchen lediglich unser ungeschultes Erklärungsbedürfnis zum reinen Tatbestand der Erfahrung hinzudenkt: solange fällt auch diese Mißachtung der Erfahrung überhaupt und der inneren im Besonderen ohne weitere Widerlegung in sich selbst zusammen.

Weniger einfach steht es mit einem anderen Vorwurf der unmittelbar aus einer Betrachtung der psychischen Tätigkeiten selbst geschöpft wird. Da nämlich zweifellos die bewußte Beobachtung unserer selbst einein in uns vorgehenden psychischen Prozeß zumindest unterbricht und stört, wenn sie ihn nicht ganz aufhebt, so scheint es, als könne die innere Beobachtung niemals zu reinen und unverfälschten Resultaten führen, und dieser Vorwurf ist, wie ihn schon KANT formulierte, hauptsächlich da begründet, wo jemand den Vorgang der inneren Veränderung selbst, die Wandlung und Verwandlung der seelischen Tätigkeiten unmittelbar in sich beobachten will. Dabei ist aber darauf aufmerksam zu machen, daß eine solche unmittelbare Beobachtung des Prozesses nirgends möglich ist, auch nicht in der äußeren Wahrnehmung, da wir stets nur eine Sukzession von Zuständen zu beobachten und dieselbe durch die Annahme eines kontinuierlichen Prozesses, dessen einzelne Phasen jene Zustände gewesen seien, uns zu deuten vermögen. Wenn demnach für die Unterscheidung von Wahrnehmung und Beobachtung nur das Merkmal übrig bleibt, daß Beobachtung absichtliche Wahrnehmung sei, so ist, da wir nach den Resultaten der Physiologie der Sinnesorgane die äußere Wahrnehmung nur für eine besondere Art der inneren ansehen dürfen, mit der Möglichkeit äußerer Beobachtung prinzipiell auch diejenige der inneren gegeben. Nur steht freilich die Beobachtung unserer verwickelteren inneren Zustände hinter derjenigen äußerer Tatsachen in Bezug auf ihre Ausdehnung und ihre Zuverlässigkeit weit zurück. Erstens nämlich greift das Eintreten der Beobachtung in den Prozeß selbst ein, und es kann daher niemals eine größere Anzahl aufeinander folgender Zustände beobachtet werden, wofür auch die stets mit konstruktiver Phantasie versetzte Erinnerung keinen Ersatz bietet; zweitens sind wir nicht imstande, die einzelnen psychischen Tätigkeiten auf experimentellem Weg derartig zu isolieren, wie es in den Naturwissenschaften geschieht, und drittens gibt es für die einzelnen Beobachtungen, da diese immer nur dem betreffenden Individuum selbst zugänglich sind, keine Kontrolle und keine Möglichkeit der Elimination persönlicher Beobachtungsfehler.

Unter diesen Umständen vermag die Psychologie zunächst mit all jenen Beobachtungen gar nichts anzufangen, wie sie z. B. in den Sammlungen und "Magazinen" des vorigen Jahrhunderts massenhaft aufgespeichert sind. Denn da darin meistens irgendwie exzeptionelle Dinge erzählt sind, die irgendjemand in sich erlebt zu haben meinte, so würden dieselben erst dann wissenschaftlichen Wert gewinnen, wenn man sie aus den Gesetzen der normalen psychischen Funktionen erklären vermöchte.

Will man nun zur Kenntnis dieser normalen Vorgänge auf induktivem Weg gelangen, so ist es natürlich erforderlich, aus dem Beobachtungsmaterial des einzelnen Menschen herauszugehen und es mit möglichst vielen anderen Tatsachen zu vergleichen. So nennt sich dann auch die moderne empirische Psychologie mit Vorliebe eine komparative Wissenschaft. Aber kaum hat sie diesen Weg betreten, so findet sie auch schon weier in einem  embarras de richesses  [Überfluß der Möglichkeiten - wp]. Die Tierbeobachtung, die Ethnographie, die Sprachwissenschaft, die Moralstatistik - alle überschütten diese komparative Psychologie mit dem Schat ihres eigenen, zum Teil noch sehr jugendlichen Erwerbs, und es wird dabei selten bedacht, daß alle diese Dinge für die Psychologie erst dann wertvoll werden könnten, wenn sie selbst schon mit festen und sicheren psychologischen Grundbegriffen durcharbeitet wären. Es ist deshalb eine vollständige Verkennung methodischer Wissenschaftlichkeit, wenn z. B. von Seiten der Ethnographie an die Psychologie die Mahnung ergeht, sie solle fürs Erste nur immer Tatsachen und wieder Tatsachen sammeln. Aus dem bloßen Zusammenlesen von Tatsachen ist noch nie eine Wissenschaft geworden; sondern da die Natur dem Einen wie dem Anderen nur so antwortet, wie er fragt, so würde sich dieses reiche Material, welches der Psychologie die Schwesterwissenschaften darbieten, erst dadurch fruchtbar werden, das in den feststehenden Rahmen einer methodischen Untersuchung eingefügt und zur Beantwortung bestimmter, wissenschaftlich entwickelter Probleme aufgesucht und verwendet würde.

Für die Feststellung einer solchen methodischen und begrifflichen Grundlage haben wir somit gar nichts Anderes als die alleralltäglichste und gewöhnlichste Erfahrung. Soll die Psychologie von einem zweifellosen, in allgemeingültiger Erfahrung feststehenden Fundament ausgehen, so kann dasselbe nur aus den Tatsachen gebildet sein, welche sich fortwährend in einem Jeden vollziehen und Jedem gleichmäßig bekannt sind. Freilich dürfen dieselben nicht in der rohen und vielfach unbestimmten Gestalt aufgenommen werden, in der sie sich dem natürlichen Bewußtsein darstellen, sondern es muß vielmehr durch eine sorgfältige und vergleichende Analyse der feste und unwandelbare Charakter konstatiert werden, der den relativ einfachen Zuständen unseres Bewußtseins innewohnt: es hat demnach dieses Analyse vor allem festzustellen, welches die Einheitsform ist, unter der sich die elementaren Gebilde unter allen Umständen zu den komplizierten Gestalten der psychischen Zustände verbinden: und nur in der Aufstellung dieser Einheitsformen wird sie die Gesetze des psychischen Lebens erblicken können. Ausgehend von der Meinung, daß alle psychische Bewegung nur in der Trennung und der Vereinigung der einfachen Elemente unter bestimmten gesetzlichen Formen besteht, wird sie ihre einzige Aufgabe darin zu suchen haben, daß sie diese Formen in der allgemeinen Erfahrung entdeckt und nachweist.

Diesen Weg, auf dem die empirische Psychologie natürlich abwechselnd analytisch und dann versuchsweise synthetisch verfährt, haben dann auch in Deutschland die Empiriker der HERBARTschen und BENEKEschen Richtung, in England die Vertreter der sogenannten Assoziationspsychologie eingeschlagen: und wie wir in den psychophysischen Untersuchungen die grundlegende Einsicht in die elementare Konstitution des Seelenlebens fanden, so sind uns in diesen Untersuchungen über die gesetzmäßigen Assoziationen der elementaren Bestandteile die ersten Anfänge einer allgemeinen Psychologie gegeben. Freilisch sind es erst sehr wenige und nur sehr allgemeine Gesetze, die auf diesem Weg in allgemeinerer Anerkennung festgestellt worden sind, und die vielfach angeregte Frage, ob sich schließlich dieselben in mathematischen Formeln werden aussprechen lassen, worauf namentlich die Forscher der HERBARTschen Richtung, selbst unabhängig von der metaphysischen Begründung von Seiten ihres Urhebers, immer wieder hindrängen, diese Frage muß hier unentschieden gelassen werden: denn die Entscheidung derselben wird schließlich immer davon abhängen, inwieweit die verschiedenen Formen des Bewußtseins auf mathematisch ausdrückbare Intensitätsverschiedenheiten zurückzuführen sind, was namentlich LOTZE mit glücklichstem Erfolg bestritten hat.

Vielleicht aber gehen diese Versuche mathematischer Formulierung noch aus dem Gefühl eines anderen Bedürfnisses hervor: fragen wir uns nämlich, wie es kommt, daß auch unter den Assoziationspsychologen schließlich doch nur ein so geringer Grad von Einstimmigkeit herrscht, so liegt der Grund davon zunächst in dem sehr fühlbaren Mangel einer festen psychologischen Terminologie, für welche dann vielleicht die Zeichen mathematischer Formeln eintreten könnten. In der Tat ist die Psychologie in terminologischer Beziehung gerade deshalb so unsicher, weil ihre Gegenstände, aus allgemeinster Erfahrung bekannt, in jeder Sprache durch eine Anzahl von flüssigen, ineinander übergehenden Ausdrücken wiedergegeben werden, wodurch die Verständigung ganz außerordentlich erschwert wird, und es wäre in erster Linie zu wünschen, daß sich aus den analytischen Untersuchungen ein System fest bestimmter Grundbegriffe herausbildete, vermöge dessen wenigstens der Anfang einer systematischen Gliederung der Probleme gewonnen werden könnte. Wenn man die stetigen Schwankungen betrachtet, welchen schon die allerallgemeinste Klassifikation der psychischen Tätigkeiten noch jetzt bei den Psychologen ausgesetzt ist, so begreift man, weshalb die Psychologie noch nicht einmal jene einfachste Arbeitsteilung kennt, die sich in der Naturwissenschaft durch die bloßen Namen Physik, Chemie, Anatomie, Physiologie usw. ausprägt; so begreift man, weshalb bei diesem Mangel an methodischer Erzeugung von Problemene es so verschwindend wenige Spezialarbeiten auf dem Gebiet der Psychologie gibt - so begreift man mit einem Wort, weshalb sie bisher eine wahrhaft gemeinsame Arbeit nicht gekannt hat.

Erst wenn diese Bedingungen erfüllt sind, wenn in dem so gewonnenen Rahmen von Grundbegriffen und Problemen die Fülle des tatsächlichen Wissens eine rechte Verwendung findet, erst dann würde die Psychologie eine begreifende Wissenschaft werden können, eine Wissenschaft, welche den Tatbestand der inneren Erfahrung aus den gesetzmäßigen Formen seiner Zusammensetzung zu erklären vermöchte. Freilich, manche Forscher auch unter den Assoziationspsychologen wollen sich damit nicht zufrieden geben und wünschten, auch die Gesetze zu begreifen, d. h. einzusehen, weshalb die elementaren Bestandteile des Seelenlebens sich nun gerade in diesen und keinen anderen Formen zu verbinden vermögen. Wenn man aber erst gefunden haben wird, daß all die Untersuchungen über "psychische Chemie" und "psychische Reizung" immer nur wieder dasselbe Problem mit neuen Namen und mit nichtssagenden Analogien bezeichnen, wenn man gefunden haben wird, daß die einfachsten jener Gesetze eben letzte und nur wißbare allgemeine Tatsachen sind, und wenn man dann bedenkt, daß es sich mit den höchsten Gesetzen der äußeren Naturwissenschaft ganz genauso verhält, so wird man die Frage, weshalb die bestehenden Elemente sich nur nach ebenso bestehenden und unbegreiflichen Gesetzen verbinden können, zur Beantwortung jener glücklichen und fernen Zukunft anheimstellen, in welcher eine allgemeine metaphysische Theorie der Kraft das tiefste Problem des inneren und des äußeren Geschehens mit  einem  Schlag lösen wird.

Was aber die Psychologie, ebenso wie alle übrigen Wissenschaften von der Philosophie schon jetzt und immer fordern darf, das ist außer der Rechtfertigung der Methoden der wissenschaftlichen Forschung auch die Begründung der prinzipiellen Formen des Begreifens und Erklärens. In unserer Zeit ist es das kausale Verhältnis, in welchem sich das Erklärungsbedürfnis auch der Wissenschaften zu beruhigen pflegt: uns gilt begriffen, was in einen kausalen Zusammenhang eingereiht ist. Aber wenn deshalb jede einzelne Wissenschaft diesem Prinzip als dem Leitfaden der erklärenden Forschung zunächst zu folgen hat, so ist es Sache der Philosophie, zu beurteilen, ob dieses Prinzip dem gesamten Zusammenhang unserer Erkenntnisse Genüge leistet. Noch nicht verklungen sind die Stimmen derer, welche noch jenseits der kausalen Beziehungen andere Formen der Erklärung suchen, welchen ein Wissensinhalt erst dann als begriffen gilt, wenn sie ihn in einen teleologischen oder in einen logischen Zusammenhang haben einreihen können: und es wäre vermessen und von der Entwicklungsfähigkeit des Menschengeistes zu gering gedacht, wenn wir meinen wollten, daßdie Formen des Erklärens, bis zu denen er bisher gelangt ist, auch die letzten und höchsten bleiben werden!
LITERATUR - Wilhelm Windelband, Über den gegenwärtigen Stand der Psychologie, Antrittsrede zur Professur an der Hochschule zu Zürich am 25. Mai 1876, Leipzig 1876