tb-1ra-2 LogikVom System der KategorienGeschichte und Naturwissenschaft    
 
WILHELM WINDELBAND
Kritische oder genetische Methode?
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"Das Problem der Philosophie ist die Geltung der Axiome."

"Alle Gewißheit, die auf einem Beweis beruth, ist mittelbar: sie steht und fällt mit der Gewißheit der Voraussetzungen des Beweises. Da aber unsere beweisende Tätigkeit nicht ins Unendliche zurückgehen kann, so muß sie einen absoluten Anfang haben und dieser muß in solchen Vorstellungen gesucht werden, die selbst nicht mehr bewiesen werden können. Alles Beweisbare ist mittelbar gewiß; die letzten Voraussetzungen allen Beweisens sind unmittelbar gewiß."


Seit KANT in der Kritik der reinen Vernunft, welche bekanntlich nicht sowohl ein System der Philosophie als vielmehr ein "Traktat von der Methode" sein wollte, dem Psychologismus seiner Zeitgenossen eine neue Auffassung von der Aufgabe und der Erkenntnisweise der Philosohie entgegenzustellen suchte, ist die Frage nach dem Wesen ihrer Methode nicht wieder von der Tagesordnung der Philosophie verschwunden und es ist dies umso mehr begreiflich, als die Entdeckung dieser Frage zugleich diejenige über die Stellung ist, welche man in der Philosophie oder ihr gegenüber einnimmt.

Im Interesse dieser Entscheidung ist es zu beklagen, daß KANTs eigene Lehre mit der ganzen Schwierigkeit ihrer Probleme, mit der großen Elastizität ihrer Darstellung, mit der äußerst komplizierten Verarbeitung mannigfacher, zum Teil antagonistischer Gedankengänge, mit der Unsicherheit ihrer im Werden begriffenen Terminologie nicht so eindeutig und scharf bestimmt aufgetreten ist, daß der Begriff der kritischen Methode, die er zu schaffen beabsichtigte, mit selbstverständlicher Klarheit gegen jedes Mißverständnis geschützt gewesen und als historische Tatsache zweifellos hinzustellen wäre. Das Neue, das er brachte, war in das Alte eingewickelt; es war nicht ausgeschlossen, daß man in seine Lehre einerseits den alten Empirismus und andererseits den alten Rationalismus hineindeutete und daß so sein neues Prinzip zwischen zwei Stühle geriet.

Dennoch liegt die historische Wirksamkeit dieses Prinzips auf der Hand. Denn die kantische Behandlung der Probleme hat die gesamte Philosophie des 19. Jahrhunderts direkt oder indirekt derartig beeinflußt, daß sie nur von jener aus zu verstehen ist. Alle nachkantische Philosophie ist entweder die Entwicklung und mehr oder minder umfassende Ausbildung des kantischen Prinzips oder der Kampf der alten Richtungen gegen die seinige. Es ist nach ihm prinzipiell nichts Neues geschaffen worden. Hie und da sind die metaphysischen, hie und da die psychologistischen Tendenzen des 18. Jahrhunderts erneuert worden, aber niemals ohne durch die Einwirkung der kantischen Philosophie mehr oder minder stark modifiziert zu werden. Die großen metaphysischen Systeme der deutschen Philosophie unterscheiden sich von den früheren wesentlich durch die Aufnahme des kantischen Elements; das, worin der heutige Positivismus - abgesehen von der physiologischen und psychologischen Ausdrucksweise - von demjenigen der Enzyklopädisten abweicht, beruth lediglich auf dem Einfluß kantischer Gedanken und auf der Berücksichtigung der kritischen Probleme, wie sie unbewußt und unerkannt bei den französischen und englischen Schriftstellern dieser Richtung, bewußt und anerkannt bei dem einzig originellen der deutschen Positivisten, KARL GÖRING, hervortritt: der Psychologismus endlich, wie ihn etwa die FRIES und BENEKE darstellen oder wie er sich in der völkerpsychologischen Richtung neu entwickelt hat, verdankt die große Überlegenheit, die er den entsprechenden früheren Theorien gegenüber zweifellos besitzt, lediglich dem Anschluß an die kritische Philosophie. Das ist die Größe des Kantianismus, daß er alle seine Gegner veredelt hat.

Indessen war der Gegensatz der kritischen Philosophie gegen die verschiedenen Richtungen, welche sie vorfand, nicht gleichmäßig scharf ausgesprochen. Gegen die metaphysischen Tendenzen machte die neue Lehre so energisch Front, daß sie nicht in Gefahr geraten konnte, damit direkt verwechselt zu werden und eine Reihe von historischen Einflüssen brachte es zudem mit sich, daß diese Opposition der kritischen gegen die metaphysische Methode in den Mittelpunkt des Interesses gerückt und so scharf wie nur irgend denkbar zugespitzt wurde. Galt doch lange Zeit die transzendentale Dialektik mit dem ganzen Apparat, welchen sie zum Nachweis von der Unmöglichkeit einer Erkenntnis des Dinges-an-sich beibrachte, für den eigentlichen Kern der kantischen Lehre! Nach der anderen Seite dagegen ist die Gefahr eines Mißverständnisses der kritischen Methode sehr viel größer und ausgebreiteter. Denn die Natur der Sache brachte es mit sich, daß KANTs Untersuchung streckenweise mit den üblichen Forschungen über den "Ursprung" der Vorstellungen Hand in Hand gehen mußte und seine eigene Gewöhnung an die zeitgemäße Betrachtungsweise der Probleme ließ ihn den fundamentalen Unterschied, den er selbst zwischen "Ursprung" und "Begründung" statuierte, so wenig festhalten und so wenig klar zur Darstellung bringen, daß schon SCHLEIERMACHER ihm den seither vielfach wiederholten Vorwurf machen konnte, die Grundunterscheidung zwischen analytischen und synthetischen Urteilen erweise sich vor der psychologischen Einsicht als flüssig und unhaltbar. KANT selbst trug Schuld daran, daß der neue Begriff der Apriorität, welchen er aufstellte, sehr bald in die alte Vorstellung psychologischer Priorität herabgezogen und so das Wertvollste seiner Schöpfung verkannt wurde.

Umso mehr ist es nötig, jenen fundamentalen Unterschied, auf dessen Einsicht die Möglichkeit einer kritischen Auffassung der Philosophie beruth, mit aller Schärfe klar zu machen und als der beste Weg dazu empfiehlt sich eine Reflexion auf einen methodischen Hauptunterschied der übrigen Wissenschaften und dessen letzte Bedeutung, wie diese Verhältnisse von der bisherigen Logik unter dem Vorwiegen der Rücksicht auf das Erkenntnisziel der Naturforschung aufgefaßt werden.

Verfolgt man nämlich alle Unterscheidungen, welche hinsichtlich des wissenschaftlichen  Beweisverfahrens  überhaupt zu machen sind, so reduzieren sie sich schließlich auf den Gegensatz von deduktiver und induktiver Methode und dieser beruth auf dem Grundverhältnis, welches allem unserem Denken zugrunde liegt: demjenigen zwischen dem Allgemeinen und dem Besonderen. Die einheitliche Tendenz, welche unser gesamtes Nachdenken beherrscht, läßt sich dahin formulieren, daß wir die Abhängigkeit verstehen wollen, in welcher sich das Einzelne vom Allgemeinen befindet. Darum ist dies das absolute Grundverhältnis des wissenschaftlichen Denkens. An diesem Punkt scheiden sich wissenschaftliche und ästhetische Funktion, wo, während der Blick des Künstlers liebevoll nur das Besondere in seiner gesamten Ausgestaltung erfaßt, der erkennende Geist, ebenso wie der praktisch handelnde, den Gegenstand unter eine allgemeinere Vorstellungsform zu subsumieren, das für diesen Zweck Untaugliche auszuscheiden und nur das "Wesentliche" festzuhalten beginnt. Darin besteht auch die umfassende Macht, welche ARISTOTELES auf die Entwicklung der menschlichen Wissenschaft ausgeübt hat, daß er dieses Grundverhältnis des Allgemeinen und des Besonderen zum Angelpunkt ebenso seiner Wissenschaft wie seiner Logik gemacht hat. An diesem Grundverhältnis und seiner allgemeinen Geltung wird auch dadurch nichts geändert, daß das Allgemeine und Wesentlich in der historischen Forschung sachlich einen anderen Sinn hat als in der Naturwissenschaft, daß es dort einen Wertzusammenhang der Tatsachen, hier ihre Gesetzmäßigkeit bedeutet. (1)

Zwischen zwei Polen bewegt sich somit alles menschliche Erkennen: auf der einen Seite stehen die einzelnen Empfindungen, auf der anderen die allgemeinen Sätze, welche über die möglichen Verhältnisse oder Beziehungen der ersteren bestimmte Regeln aussprechen. Alles wissenschaftliche Denken ist darauf gerichtet, mittels der logischen Verknüpfungsformen jene Empfindungen unter diese allgemeinen Sätze unterzuordnen. Deshalb eben liegt allen logischen Formen diese Beziehung des Einzelnen auf das Allgemeine, die Abhängigkeit des ersteren vom letzteren zugrunde. Alle unsere Erkenntnis besteht darin, das Allgemeinste und das Besonderste miteinander durch die Zwischenglieder, welche unser Nachdenken erzeugt, zu verflechten.

Die Gewißheit und Wahrheit aller dieser Zwischenglieder beruth also in letzter Instanz auf der Gewißheit und Wahrheit jener beiden in ihnen durch logische Operationen verflochtenen Elemente: der Empfindungen und der allgemeinen Sätze. Alles, was zwischen diesen beiden liegt, wird mit Anwendung der logischen Gesetze aus ihnen bewiesen. Daraus ergibt sich von selbst, daß diese Ausgangspunkte als die unerläßlichen Voraussetzungen allen Beweisens selbst nicht bewiesen werden können. Alle Gewißheit, die auf einem Beweis beruth, ist mittelbar: sie steht und fällt mit der Gewißheit der Voraussetzungen des Beweises. Da aber unsere beweisende Tätigkeit nicht ins Unendliche zurückgehen kann, so muß sie einen absoluten Anfang haben und dieser muß in solchen Vorstellungen gesucht werden, die selbst nicht mehr bewiesen werden können. Alles Beweisbare ist mittelbar gewiß; die letzten Voraussetzungen allen Beweisens sind unmittelbar gewiß. Diese unmittelbare Gewißheit trifft also jene beiden diametral einander gegenüberstehenden Ausgangspunkte: die Empfindungen und die allgemeinen Sätze, nach denen die Verhältnisse des Empfundenen aufgefaßt werden sollen. Nennt man die letzteren, wie es gewöhnlich geschieht, Axiome, so darf man sagen: alle menschliche Erkenntnis besitzt die mittelbare Gewißheit, welche aus der logischen Unterordnung von Empfindungen unter Axiome gewonnen werden kann. Alle Sätze, welche die einzelnen Wissenschaften aufstellen und beweisen, sind logisch erzeugte Zwischenglieder zwischen Axiomen und Empfindungen: den Axiomen gegenüber sind sie das mehr oder weniger Besondere, den Empfindungen gegenüber sind sie das mehr oder weniger Allgemeine.

Darum ist es, wie LOTZE sehr richtig hervorgehoben hat, eine "glückliche Tatsache", daß die Masse unserer Empfindungen sich wirklich dazu eignet, unter unsere axiomatischen Voraussetzungen subsumiert zu werden, - eine Tatsache, welche nicht notwendig ist in dem Sinne, daß man sie nicht aufgehoben denken könnte, sondern welche notwendig nur in dem Sinne ist, daß sie absolut  erforderlich  ist, wenn überhaupt Denken für uns möglich sein soll. Unsere Überzeugung, daß wir alle unsere Wahrnehmungen müssen denkend verarbeiten können, ist identisch mit der Voraussetzung, daß die Verhältnisse aller unserer Empfindungen sich unseren Axiomen unterordnen lassen, die man in dieser Hinsicht auch Postulate nennen kann. Wären die beiden Arten von unmittelbarer Gewißheit, die wir besitzen, gänzlich unvergleichlich oder wären sie auch nur so verschieden, daß unser logisches Bewußtsein sie nicht aufeinander beziehen könnte, so gäbe es kein verknüpfendes Denken für uns.

Zugleich aber folgt, wie hier nicht näher gezeigt werden kann, aus dem formalen Wesen des Denkens, daß jene Zwischenglieder, in der Aufstellung die Tätigkeit aller Wissenschaften besteht, immer nur durch gemeinsame Benutzung beider Ausgangspunkte bewiesen werden können: aus bloßen Axiomen folgt, ohne Zuhilfenahme des Besonderen, nie etwas. Um aus einem allgemeinen Satz irgendetwas zu folgern, muß man, nach dem Prinzip des Syllogismus, irgendetwas Besonderes haben, was unter das Subjekt des allgemeinen Satzes subsumiert wird; um von einem generellen Satz zu partikularen überzugehen, muß man ein Subordinations- oder ein Divisionsverhältnis kennen, welches auf rein analytischem Weg aus keinem Begriff gewonnen werden kann, sondern irgendwie durch anderweitige Einsicht gegeben sein muß. Ebensowenig aber ist es möglich, aus bloßen Empfindungen nur mit den formalen Operationen des verknüpfenden Denkens allgemeine Sätze zu erzeugen, welche für den Zusammenhang der Empfindungen gelten sollen: immer macht man dabei nicht nur die allgemeine Voraussetzung, daß überhaupt ein solcher Zusammenhang obwalte, sondern auch eine besondere Voraussetzung über die durch irgendeine Kategorie ausgedrückte Art dieses Zusammenhangs und nur wenn man diese als letzten Obersatz des Schließens annimmt, wird die Verarbeitung der Tatsachen beweiskräftig. Weder bloße Axiome, noch bloße Empfindungen genügen, nun etwas anderes zu beweisen. Wer nur das Allgemeinste besitzt, findet darin nicht den Stoff, um das Besondere herauszuspinnen: wer nur vor der Masse des Besonderen steht, findet keinen Weg, ein Allgemeineres hineinzuschmuggeln.

Man bestimmt deshalb den Gegensatz deduktiver und induktiver Methode schief, wenn man meint, die erstere beweise nur aus Axiomen, die letztere nur aus Empfindungen. Beides ist unrichtig. Auch in der Mathematik folgen die einzelnen Lehrsätze aus den Axiomen nur dadurch, daß die letzteren auf gewisse anschauliche Kombinationen angewendet werden, deren Vorstellung in den Axiomen selbst nicht enthalten war und aus ihnen allein nicht hergeleitet werden könnte. Die Sätze vom ebenen Dreieck folgen aus den Axiomen der Geometrie nur mit Zuhilfenahme eben der Vorstellung vom Dreieck und keine bloß logisch-analytische Notwendigkeit kann aus jenen Axiomen den Begriff des Dreiecks ableiten. Auf der anderen Seite aber hat jeder induktive Beweis, den man etwa für ein einzelnes Naturgesetz führt, seine letzte Begründung in der Voraussetzung eines allgemeinen gesetzlichen Zusammenhangs der Naturerscheinungen, welcher sich in deren konstanter Sukzession offenbare; ohne die Hinzunahme dieses Axioms ist jede Umdeutung der bisher beobachteten Reihenfolge in ein "Gesetz" und jede Erwartung ihrer Wiederholung hinfällig und grundlos.

Unterordnung des Besonderen unter das Allgemeine ist also in allen Fällen das Wesen des Beweisens. Auch die Prinzipien der Induktion sind, nach dieser formalen Richtung betrachtet, im Syllogismus zu suchen und andererseits verlangt jeder Syllogismus einen Untersatz zu seinem Obersatz. Der Gegensatz deduktiven und induktiven Beweisverfahrens - von dem Forschen und Finden ist hier nicht die Rede - muß deshalb innerhalb dieses ihres gemeinsamen Grundcharakters gesucht werden. Er besteht wesentlich darin, daß die Deduktion unter einen allgemeinen Satz einen besonderen, wie auch immer gewonnenen Vorstellungsinhalt subsumiert, um daraus für eben diesen besonderen Fall etwas zu folgern; daß dagegen die Induktion eine Gruppe von Tatsachen unter einen allgemeinen Satz subsumiert, um daraus einen hinsichtlich der Allgemeinheit zwischen jenen Tatsachen und diesem allgemeinen Satz in der Mitte stehenden Satz abzuleiten. Nur in diesem sehr modifizierten und eingeschränkten Sinn gilt es, daß die deduktive Methode vom Allgemeinen zum Besonderen, die induktive dagegen vom Besonderen zum Allgemeineren fortschreitet. Jene setzt das Besondere, diese das Allgemeinste schon voraus. Das Besondere, dessen jede Deduktion bedarf, um überhaupt vom Allgemeinen fortzukommen, ist entweder, wie in der Mathematik, eine willkürlich vollzogene Anschauung oder wie etwa in der Jurisprudenz, eine auf Erfahrung beruhende Annahme von Möglichkeiten oder, wie in der Geschichte, ein Komplex von Tatsachen, die durch eine gemeinsame Wertbeziehung zu einem Ganzen verbunden werden sollen oder, wie in den deduktiven Teile theoretischer Naturwissenschaften, die durch die Erfahrung gegebenen Spezialfälle der allgemeineren Gesetze. Das Allgemeine dagegen, ohne welches keine Induktion möglich ist, besteht immer in ganz allgemeinen Voraussetzungen über die Zusammengehörigkeit oder die Wertverhältnisse der Vorstellungsinhalte in den Grundgesetzen, welche jedem normalen Denken als selbstverständlich gelten. Daher kommt es, daß man bei Anwendung der induktiven Methode diese selbstverständlichen Axiome, deren sie auf Schritt und Tritt benötigt, nicht erst besonders auszusprechen pflegt; es wäre pedantisch und langweilig, bei jedem induktiven Schluß das Kausalitätsgesetz zu nennen, welches doch den unerläßlichen Obersatz dafür bildet. Daraus aber entspringt leicht die Gefahr, diese letzte Begründung ganz zu übersehen und zu meinen, die Prämissen des induktiven Beweises seien mit den Tatsachen erschöpft, die dabei verwertet werden. So konnte jene traurige Ansicht entstehen, als ließe sich eine Wissenschaft als ein bloßer Haufen von Tatsachen wie mit dem Wesen zusammenkehren.

Jedenfalls ist es unbestreitbar, daß aller Erkenntnistätigkeit der einzelnen Wissenschaften, im induktiven so gut wie im deduktiven Fortschritt, die Anerkennung von Axiomen zugrunde liegt, deren Sinn darin besteht, daß durch sie allein über Tatsachen und aus Tatsachen etwas bewiesen, d. h. etwas als wahr erhärtet werden kann. Das System dieser Axiome darzustellen und ihr Verhältnis zur Erkenntnistätigkeit zu entwickeln, - nichts anderes kann die Aufgabe der theoretischen Philosophie, der Logik, sein. Aber von gleich axiomatischer, alle besonderen Funktionen bedingender und begründender Geltung sind auf dem ethischen und zum Teil schon auf dem historischen Gebiet die allgemeinen Zwecke, deren Anerkennung von jedem verlangt wird und nach denen alle Besondere Zwecktätigkeit beurteilt wird, - auf ästhetischem Gebiet die Regeln der Gefühlswirkung, mit denen die allgemeine Mitteilbarkeit bestimmter Gefühle begründet werden kann. Mit einer Erweiterung des gewöhnlichen Sprachgebrauchs kann man so auch von ethischen und ästhetischen Axiomen sprechen und es läßt sich dann die Aufgabe aller philosophischen Untersuchungen auch so formulieren:  das Problem der Philosophie ist die Geltung der Axiome. 

Es gehört zum Begriff der Axiome, wie gezeigt, unbeweisbar zu sein. Deduktiv können sie nicht bewiesen werden, weil sie selbst die Grundlage aller Deduktion bilden und weil für diesen Beweis dann wieder noch Allgemeineres, Unmittelbareres, also noch höhere Axiome in Anspruch genommen werden müßten. Induktiv können sie erst recht nicht bewiesen werden, weil jede Induktion auf dem Gebiet, innerhalb dessen sie vorgenommen wird, bereits eben die Geltung der Axiome voraussetzt. Hieraus ergibt sich, daß die Philosophie weder von der deduktiven noch von der induktiven Methode den Gebrauch machen kann, welcher in den übrigen Wissenschaft üblich ist. Die Geltung Axiome ist weder aus irgendetwas anderem abzuleiten, noch durch die Masse der einzelnen Fälle zu beweisen, in denen sie sich geltend zeigen. Die Philosophie muß also ihrem Problem auf andere Weise beikommen.

KANT hat jene Axiome, um deren Geltung es sich in seiner Kritik handelt, mit dem Namen der synthetischen Urteile a priori bezeichnet und seine drei Hauptwerke verfolgen sie auf den drei oben bezeichneten Gebieten. Will man seinen Begriff ohne die seitdem so vieldeutig gewordene, durch die psychologistische Auffassung völlig verschiefte Terminologie in einer nicht mißzuverstehenden Weise darstellen, so kann man sagen: es handelt sich für die Philosophie um die Geltung solcher Vorstellungsverbindungen, welche, selbst unbeweisbar, allen Beweisen mit unmittelbarer Evidenz zugrunde liegen.

Für die Philosophie kommt deshalb alles darauf an, wie diese unmittelbare Evidenz der Axiome aufgewiesen werden soll. Es gibt keine  logische  Notwendigkeit, mit der die Geltung der Axiome bewiesen werden könnte. Deshalb ist nur zweierlei möglich: entweder man zeigt die  tatsächliche  Geltung auf, man sucht nachzuweisen, daß im wirklichen Prozeß des menschlichen Vorstellens, Wollens und Fühlens diese Axiome tatsächlich als geltend anerkannt werden, daß sie in der empirischen Wirklichkeit des Seelenlebens geltende, anerkannte Prinzipien sind, - oder man zeigt, daß ihnen eine andersartige Notwendigkeit beiwohnt, die  teleologische Notwendigkeit  nämlich, daß ihre Geltung unbedingt anerkannt werden muß, wenn anders gewisse Zwecke erfüllt werden sollen.

Das ist der Punkt, an welchem sich die genetische und die kritische Auffassung der Philosophie voneinander scheiden. Für die genetische Methode sind die Axiome tatsächliche Auffassungsweisen, welche sich in der Entwicklung der menschlichen Vorstellungen, Gefühle und Willensentscheidungen gebildet haben und darin zur Geltung gekommen sind; für die kritische Methode sind diese Axiome - ganz gleichgültig, wie weit ihre tatsächliche Anerkennung reicht - Normen, welche unter der Voraussetzung gelten sollen, daß das Denken den Zweck wahr zu sein, das Wollen den Zweck gut zu sein, das Fühlen den Zweck Schönheit zu erfassen, in allgemein anzuerkennender Weise erfüllen will.

Wenn in dieser Weise für die kritische Philosophie der teleologische Gesichtspunkt in Anspruch genommen wird, so geschieht das ohne jede metaphysische Hypostasierung [einem Gedanken gegenständliche Realität unterschieben - wp] des Zweckbegrifs und so zeigt sich eben darin der fundamentale Unterschied, in welchem sich die Philosophie von den übrigen Wissenschaften befindet. Unter den Prinzipien der erklärenden Wissenschaften hat der Zweckbegriff keine oder eine sehr bescheidene Stelle; das Urteil über den Grad, in welchem ein Ding oder eine Tätigkeit irgendeinem Zweck entspricht, ist kein theoretisches Urteil und keine Einsicht, durch welche die Wirklichkeit des Dings oder der Tätigkeit begriffen würde. Die Teleologie ist keine genetische Erkenntnis. Von den Zwecken ist in der erklärenden Wissenschaft nur auf dem beschränkten Gebiet der Psychologie, der Gesellschaftslehre und der Geschichte die Rede, wo die bewußte Absicht als einer der kausal und gesetzmäßig wirkenden Faktoren des individuellen oder des gemeinsamen Lebens in Rechnung gezogen werden muß: im übrigen aber ist die Einsicht in die Zweckmäßigkeit irgendwelcher Verhältnisse keine kausale Erkenntnis derselben. (2) Die teleologische Notwendigkeit erklärt die Wirklichkeit nicht. Es ist also nicht zu befürchten, daß die Art, wie hier der teleologische Gesichtspunkt für die philosophische Methode in Anspruch genommen wird, in irgendeinem Widerspruch mit den Voraussetzungen der übrigen Wissenschaften gerate: die Philosophie gewinnt aus dem Verzicht, den sie darauf tut, den erklärenden Wissenschaften ins Handwerk zu pfuschen, auf ihrem ganz eigenen Gebiet den Mut, sich zum Gedanken des teleologischen Zusammenhangs als zu ihrem Prinzip zu bekennen.

In gewissem Sinne also gilt es für den ganzen Umfang der kritischen Philosophie, was SCHILLER von einer besonderen Lehre der kantischen gesagt hat: sie schiebt einem, was sie nicht beweisen kann, "ins Gewissen hinein." Die theoretische Philosophie kann ihre Axiome nicht beweisen; weder die sogenannten Denkgesetze der formalen Logik, noch die Grundsätze aller Weltbetrachtung, die sich aus den Kategorien entwickeln, sind irgendwie durch Erfahrung zu begründen; aber die Logik kann zu einem jeden sprechen: Du willst Wahrheit, besinne dich, du mußt die Geltung dieser Normen anerkennen, wenn dieser Wunsch je erfüllt werden soll. Die praktische Philosophie kann die sittlichen Maximen weder durch eine allseitige Induktion gewinnen, noch aus irgendwelchen theoretischen Erkenntnissen der Metaphysik, der Psychologie oder der empirischen Gesellschaftslehre ableiten; aber die Ethik kann sich an jeden mit dieser Argumentation wenden: Du bist überzeugt, daß es ein absolutes Maß gibt, nach welchem entschieden werden soll, was gut und was böse ist: wohlan, wenn du dich recht besinnst, wirst du finden, daß das nur möglich ist, wenn die Geltung gewisser Normen als unerläßlich anerkannt wird. Die ästhetische Philosophie kann die Regeln der Schönheit weder durch theoretisches Welterkennen, noch durch Herumfragen bei allen oder auch nur vielen fühlenden Individuen beweisen; aber sie kann uns zu der Besinnung zwingen, daß, wenn Schönheit etwas anderes sein soll als individuelle Wohlgefälligkeit, wir eine allgemeingültige Norm für sie anerkennen müssen. Die Anerkennung der Axiome ist überall durch einen Zweck bedingt, der als Ideal für unser Denken, Wollen und Fühlen vorausgesetzt werden muß.

Wer daran Anstoß nehmen wollte, daß eine solche Grundvoraussetzung der kritischen Methode unerläßlich ist, der wäre zunächst daran zu erinnern, daß die genetische Methode noch viel mehr und viel speziellere Voraussetzungen machen muß, ohne damit zu einem befriedigenden Resultate zu gelangen. In erster Linie gehören dazu alle diejenigen Axiome, ohne welche es überhaupt keine erklärende Theorie gibt, alle diejenigen, wodurch die Konstatierung von Tatsachen und die Deutung ihres Zusammenhangs allein begründet werden kann. Der ganze Inhalt eines Systems der Erkenntnistheorie muß vorausgesetzt werden, um in philosophischem Sinne irgendeine "Theorie" zu begründen: und das gilt auch von dem tatsächlichen Nachweis und der genetischen Betrachtung der Axiome. Es sind also nicht etwa nur die Gesetze der sogenannten formalen Logik, deren Geltung dabei von vornherein zugestanden werden muß, sondern eben dieselben Grundsätze der Erkenntnistheorie (wie z. B. der Kausalitätssatz), um deren Untersuchung es sich handelt. Für die Axiome der formalen Logik freilich, für die Regeln des Urteilens und Schließens, ist es selbstverständlich, daß ihre Geltung für jede Untersuchung, also auch für die auf sie selbst bezügliche, von vornherein zugestanden sein muß. Wenn man überhaupt nachzudenken anfängt, sei es auch über das Denken selbst, so muß man die Regeln des richtigen Denkens schon eben dabei anwenden, wo man sie etwa als gültig nachweisen will; wenn man überhaupt sich miteinander verständigt, so muß man die dafür geltenden Normen anwenden, auch wenn man erst im Begriff ist, zu untersuchen, wie man es macht, sich miteinander zu verständigen. Logische Untersuchungen anstellen, ohne schon logisch korrekt zu denken, - das wäre in Wahrheit das "Schwimmen lernen, ehe man ins Wasser geht". Das haben alle verständigen Logiker erkannt und daraus darf also keiner logischen Behandlungsweise ein Vorwurf gemacht werden, weil es ausnahmslos für alle Standpunkte zutrifft. Aber die Voraussetzungen der genetischen Methode sind auch mit diesen formalen Bestimmungen lange nicht erschöpft: wie oben gezeigt wurde, beruth jede Feststellung von Tatsachen und jede darauf fußende oder darauf bezügliche Theorie immer auf den allgemeinen "Vorurteilen", unter welche wir unsere Wahrnehmungen im einzelnen oder im ganzen subsumieren und eben das sind die Axiome der Erkenntnistheorie, deren Geltung nachgewiesen werden soll. Besonders aber gilt das, wie es sich ganz von selbst versteht und wie es nicht erst weiter begründet werden braucht, von den Versuchen, die unter dem Druck der empiristisschen Tendenz der Gegenwart die Philosophie zu einer Art von Naturwissenschaft, zu einer "induktiven" Disziplin machen wollen.

Zu jeder derartigen "Theorie" gehört aber außerdem noch ein großes, umfangreiches Material entweder  nur  psychologischer oder psychologischer und historischer Erkenntnisse. Will man zeigen, daß die Axiome wirklich gelten und begreiflich machen, wie sie im naturgesetzlichen Prozeß des menschlichen Seelenlebens zur Geltung gekommen sind, so ist das nur auf dem Boden teils der Psychologie, teils der Kulturgeschichte (im weitesten Sinne des Wortes) möglich. Für die genetische Methode ist deshalb Psychologie und Kulturgeschichte der eigentliche Herd philosophischer Untersuchung. Die Daten dieser empirischen Wissenschaften sind für sie das entscheidende Erkenntnismaterial; die Philosophie ist für sie nichts anderes, als eine auf die Axiome gerichtete psychologisch-kulturgeschichtliche Betrachtung. Sie ist der "hoffnungslose Versuch", durch eine empirische Theorie dasjenige zu begründen, was selbst die Voraussetzung jeder Theorie bildet.

Aber gesetzt auch, man wollte die ganze Masse und die Besonderheit all dieser Voraussetzungen zugeben, so ist doch gar nicht abzusehen, was man durch eine solche Beschränkung auf die empirisch-genetische Behandlung der Axiome für die Aufgabe der Philosophie erreichen will. Das Höchste, was auf diesem Wege zu gewinnen wäre, würde doch immer nur darin bestehen, zu konstatieren und aus den Gesetzen des psychischen Lebens begreiflich zu machen, daß die Axiome tatsächlich gelten. Aber mit diesem Nachweis und dieser Erklärung allein dürfte es etwa ebenso ungünstig stehen, wie mit der tatsächlichen Geltung selbst. Wenn "gelten" im Sinne des Tatsächlichen bedeuten soll, daß etwas anerkannt werde oder das faktisch bestimmende Prinzip sei, so "gelten" die Axiome tatsächlich zwar für einzelne und gelegentlich, aber weder für alle noch jederzeit. Und zwar trifft das die Gattung ebenso wie das Individuum. Denn gegen die tatsächliche Geltung der Axiome lassen sich mit vollem Recht all die Einwände erheben, welche LOCKE gegen die sogenannten angeborenen Ideen gerichtet hat: und man braucht nicht erst zu den Botokuden und anderen interessanten Völkerschaften zu gehen, um zu erfahren, daß etwas tatsächlich allgemein Geltendes im weiten Umkreis der menschlichen Seelentätigkeit nicht angetroffen werden kann; - es sei denn jener Glückseligkeitstrieb, der als rein formaler Begriff des Strebens nach Befriedigung der jeweiligen Wünsche, sie mögen sein, welche sie wollen, so hoch und so niedrig wie nur immer, sich überall und jederzeit realisiert findet. Er ist folgerichtig auch das einzige, was die empiristische Methode der Psychologisten als das Allgemeingeltende konstatiert hat: womit sie denn freilich beim Pöbel, dem sie dadurch nichts neues sagt, großen Erfolg zu haben pflegt. Aber von keinem allgemeinen Satz, weder von einem Denkgesetz der formalen Logik, noch von einem erkenntnistheoretischen Axiom, weder von einer sittlichen Maxime noch von einer ästhetischen Regel läßt sich eine tatsächlich allgemeine Anerkennung feststellen. Kinder und Idioten lassen sich überall als negative Instanzen aufführen und auch wenn man darauf verzichtet, so bieten die ausgewachsenen Exemplare der Spezies  homo sapiens  so viele Varietäten, daß nichts als allgemein anerkannt zwischen ihnen allen gelten darf. Weder durch induktive Vergleichung aller Individuen und Völker noch durch deduktive Ableitung aus einem Begriff vom allgemeinen "Wesen" des Menschen läßt sich das Allgemeingültige finden.
LITERATUR - Wilhelm Windelband, Kritische oder genetische Methode? Präludien, Tübingen 1907
    Anmerkungen
    1) Vgl. hierüber HEINRICH RICKERT, Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung, Tübingen 1902, bes. Seite 305f
    2) Man spricht in neuerer Zeit gern davon, daß die entwicklungsgeschichtliche Forschung, welche in der erklärenden Wissenschaft einen so bedeutenden Raum einnimmt, die Zweckmäßigkeit der Lebewesen zum Prinzip der Erklärung mache und deshalb im Grunde genommen auch teleologischen Charakters sei. Doch herrscht in dieser Hinsicht vermöge der Vieldeutigkeit des Wortes "zweckmäßig" eine gewaltige Verwirrung. Die Zweckmäßigkeit, welche die entwicklungsgeschichtliche Erklärung im Auge hat, ist nicht etwa Normalität, Übereinstimmung mit einem Ideal, sondern einfach Lebensfähigkeit. Zweckmäßig wird von diesem Standpunkt aus alles genannt, was lebensfähig ist, mag es im übrigen sein wie es wolle und wenn man dann schließlich zu der Einsicht kommt, daß im Kampf ums Dasein nur dieses Zweckmäßige sich erhält, so ist das eben keine große Weisheit, sondern eine Tautologie, respektive das analytische Urteil: was lebensfähig ist, bleibt leben.