ra-1OckhamH. J. StörigF. MauthnerW. VossenkuhlB. Russell    
 
KARL VORLÄNDER
Der Universalienstreit

"Die einen  (die Realisten)  behaupten, indem sie sich dabei auf Plato (von dem freilich damals nur ein Teil des Timäus bekannt war!) beriefen, daß die Gattungsbegriffe das Ursprüngliche und Wirkliche, sowohl der Zeit wie dem Range nach, also die wahrhaften Dinge (res) seien, welche das Besondere aus sich erzeugten (universalia  ante  rem). Demgegenüber behauptete die andere Partei, die  Nominalisten,  daß die allgemeinen Begriffe bloße Worte  (nomina,  voces) oder Abstraktionen (intellectus) des Verstandes seien, während in Wirklichkeit nur die Einzeldinge existierten (universalia  post  rem). Zwischen beide schob sich später eine vermittelnde, auf Aristoteles sich berufende Ansicht (sog. gemäßigter Realismus), wonach die Universalien zwar real existierten, aber nur in oder an den Einzeldingen (universalia in re)."

Die Anfänge der Scholastik.
Johannes Eriugena oder Scotus (9. Jahrh.)
- Gerbert (10. Jahrh.) - Berengar von Tours (11. Jahrh.)

Die "hibernische" Weisheit war berühmt. In einer Zeit, wo die wissenschaftliche Kultur sonst überall darniederlag, bildete die irische Geistlichkeit durch ihr wissenschaftliches Streben eine rühmliche Ausnahme. Von Irland pflanzte sich diese Kultur nach Schottland und England (BEDA der "Ehrwürdige"), von dort nach Frankreich (Schule Alkuins in Tours) und Deutschland (HRABAN in Fulda) fort. So stammt denn auch der erste namhafte Philosoph der scholastischen Zeit von der grünen Erin.

1. JOHANNES ERIGUENA oder SCOTTUS (Irland war das Stammland der Schotten und hieß daher noch bis in das II. Jahrhundert  Scotia maior),  lebte um 810-877. Sicher aus seinem Leben ist nur, daß er, sonst ohne geistliches oder weltliches Amt, um 845 dem Rufe KARLs des Kahlen folgend, eine Zeitlang Leiter der Pariser Hofschule war und im Auftrage desselben Herrschers die areopagitischen Schriften ins Lateinische übersetzte. In den damals gerade heftig wütenden Theologenstreit über die Prädestinationslehre griff er durch seine Schrift  De divina praedestinatione  ein. Sein späteres Hauptwerk führte den Titel  De divisione naturae,  ist also, im Gegensatz zu den allermeisten scholastischen Schriften, ein  natur philosophisches. 1225 zu Paris als ketzerisch verbrannt, ist es 1681 wieder neu herausgegeben worden, jetzt am besten in MIGNEs Sammlung der Kirchenväter (Bd. 122), deutsch übersetzt von L. NOACK in der Philosophischen Bibliothek (Bd. 86-87).

Beeinflußt ist JOHANNES, außer durch AUGUSTIN, namentlich durch den von ihm überschätzten "Areopagiten", überhaupt durch die jüngeren griechischen Kirchenlehrer, wie er denn zu den wenigen Scholastikern gehört, die mit der griechischen Sprache noch gründlich vertraut waren. Er unterwirft sich ihrem Ansehen fast schon in demselben Maße wie dem Schriftwort. Doch soll in Zweifelsfällen die Vernunft vor der Autorität den Vorzug haben, denn die  wahre Autorität  ist "nichts anderes als die durch die Kraft der Vernunft entdeckte Wahrheit". Die wahre Philosophie ist mit der wahren Religion einerlei; denn beide fließen aus der göttlichen Weisheit. Allerdings kann nicht alles, was für den Weisen und Mündigen ist, auch vom Einfältigen und Unmündigen verstanden werden. Für den letzteren bedient sich die Schrift, die auch ERIUGENA als unerschütterliche Autorität gilt, häufig poetischer Sagen, Wunder und göttlicher Erscheinungen, die dem geläuterten Sinne des Wissenden nur Symbole geistiger Zustände sind, wie z.B. Hölle, Paradies, Himmelfahrt oder die buchstäblich vorgestellte Wiederkunft zum jüngsten Gericht.

Die  Naturphilosophie  ERIUGENAs ist ganz in der neuplatonisch-mystischen Anschauungsweise des Areopagiten als Entfaltungssystem der Gottheit gedacht, worein sich indessen schon aristotelische Unterscheidungen (des unbewegt Bewegenden, bewegt Bewegenden, bloß Bewegten) mischen. Seine Spekulation beginnt sofort mit der Versenkung in die unaussprechliche Tiefe des Wesens und Urquells aller Dinge, welcher  "nicht geschaffen  ist und doch  schafft".  Als eigenschaftsloses Nichts kennt die Gottheit zunächst sogar sich selbst nicht. Bewußt wird sie ihrer selbst erst als das "geschaffene und doch zugleich schaffende" Wesen, aus dem die ewigen Ideen (Urbilder) aller Dinge hervorgehen, deren Einheit der Logos darstellt. Sie gehen unter dem Einfluß des heiligen Geistes oder der pflegenden göttlichen Liebe in die  "geschaffenen,  selbst  nicht schaffenden"  Dinge ein, natürlich in immer weiteren Abstufungen. So sind alle Dinge Erscheinungen Gottes (Theophanien), unser Leben Gottes Selbstoffenbarung in uns. Es gibt nichts außer ihm. Das Böse ist nur eine aus der menschlichen Freiheit entstandene verkehrte Richtung des Willens. Aus der Vielheit wird dereinst derselbe Logos die Welt wieder zu dem letzten Ziel der Dinge, zu Gott als dem Wesen, das  "weder schafft noch geschaffen wird",  zur ewigen Ruhe (deificatio = Vergottung) zurückführen; das Endziel ist gleich dem Uranfang, der Kreis vollendet.

Neben diesem neuplatonisch-mystischen zeigt jedoch Eriugenas System zugleich einen  logischen  und zwar idealistischen Zug. Wie das Sehen weit mehr ist als das Gesehene, das Hören als das Gehörte, so existieren die Dinge in Wahrheit nur, insofern sie erkannt werden. Diese allgemeinen Gattungsbegriffe (Ideen) sind das einzig wahrhaft Reale, indem sie das Seiende aus sich heraus erzeugen. So leitet der Vater der Scholastik bereits den berühmten  Universalienstreit  ein, der die ganze mittelalterliche Philosophie durchzieht.

2. So hoch ERIUGENAs Denken über dem seiner Zeitgenossen und nächsten Nachfolger stand oder vielleicht gerade um dieses Abstandes willen, gewann er keine unmittelbare und nachhaltige Bedeutung, wie denn überhaupt die karlingische Kultur rasch in Trümmer ging. Das 10. Jahrhundert war in Frankreich und namentlich in Italien im ganzen eine Periode der Unkultur, Sittenroheit, Unwissenheit und des Aberglaubens, und in Deutschland ließ die tatbewegte Zeit der philosophischen Muße keinen Raum. Gegen Ende des Jahrhunderts erglänzt mit einem Male ein neues Licht in Gestalt des als Sylvester II. auf den päpstlichen Stuhl erhobenen GEBERT (gest. 1003), eines großen Geistes, der dem blöden Auge der Zeitgenossen als unheimlicher Zauberer erschien. In dem Kloster Aurillac (Auvergne) vorgebildet, nacheinander Erzbischof von Reims, Ravenna und Papst (999), ein eifriger Liebhaber der Alten, aber noch mehr der Mathematik, ausgezeichnet als Lehrer, teilte er seinen Schülern nicht ein rohes Vielerlei von Wissen mit, sondern baute vor ihren Augen in den Gesetzen der Natur, der Sprache und des Denkens ein System natürlicher Weltanschauung auf. Die sieben freien Künste waren hier zu einem einheitlichen Ganzen verbunden, selbst die Theologie nur eine neben den anderen, alle Einzelwissenschaften untergeordnet der Philosophie. Auf diesem Gebiete wenigstens gibt es auch bei ihm keine übernatürliche Erleuchtung, sondern Vertrauen zu der Zuverlässigkeit des natürlichen Erkennens, das nur soweit reicht als das Gesetz! Dann freilich folgt die Ergänzung durch die Welt des Glaubens. "Wo die Worte fehlen, schwelgt der Glaube," setzt er als Motto über eine seiner theologischen Schriften, welche das Dogma der Transsubstantiation verteidigt. Wie er sich das Verhältnis dieser übernatürlichen Welt des Glaubens zu der natürlichen des Wissens gedacht hat, ist unbekannt. In seinem praktischen Wirken jedenfalls verließ, er sich auf seinen weltlichen Verstand, wenngleich er freilich mit religiöser Überschwenglichkeit von der über alles Weltliche erhabenen Würde des Priestertums zu reden wußte.

3. Um die Mitte des 11. Jahrhunderts macht sich, wohl unter dem Einfluß von Gerberts zahlreichen Schülern, in Deutschland unter dem gelehrten Kaiser Heinrich III., in allen drei Kulturländern ein neuer wissenschaftlicher Aufschwung bemerkbar, der dann nie wieder ganz vernichtet worden ist. Die wissenschaftliche Führung ging zunächst auf  Frankreich  über. Besonders berühmt als Pflanzstätte der Wissenschaft war die Schule von Chartres unter ihrem als "SOKRATES der Franken" gefeierten Leiter FULBERT, der übrigens mehr anregender Lehrer als origineller Denker war, seine Schüler vor Neuerungen warnte und ihnen riet, sich an die Schriften der Väter zu halten. Sein berühmterer Schüler BERENGAR von TOURS (999-1088) beherzigte diese Warnung nicht. Uns interessiert weniger seine Bestreitung der orthodoxen Abendmahlslehre LANFRANKs, welche die Gebildeten der Zeit in zwei Parteien spaltete, als seine bei dieser Gelegenheit entwickelte Stellung zum Dogma überhaupt. BERENGAR ist in der Tat ein Aufklärer des II. Jahrhunderts. Wohl verwendet er zu seiner Verteidigung, wo es ihm gelegen ist, die Autorität der Kirchenväter (des AMBROSIUS, AUGUSTIN u. a.) und der Bibel, aber sein kritischer Geist hat bereits die Wandelbarkeit der ersteren erkannt; die Bibel wird ohne geistige Auslegung zum Fabelbuch; "der Buchstabe tötet". Auch Synoden und Konzilien sind nicht unfehlbar. Der  Wahrheit  allein kommt der Sieg zu. Diese wurzelt freilich in Gott, kann aber auf Erden nur in der  Vernunft  ihre Stätte haben, die freilich für ihn, wie für die ganze Scholastik, vorzugsweise im logisch-dialektischen Beweisverfahren besteht. Gegen die Wahrheit, die Vernunft, die Evidenz der Dinge, das Gewissen kann niemand. Kein Wunder, keine Macht des Himmels und der Erde kann Unwahres wahr, Unmögliches möglich machen.

BERENGAR war ein Theoretiker der Aufklärung, nicht ihr Held. Auch er hat sich schließlich, wie so viele nach ihm, der römischen Kurie (GREGOR VII. war ihm übrigens persönlich zugeneigt) "löblich unterworfen". Dennoch ist der Eindruck seines Auftretens ein lang andauernder gewesen; noch LESSING hat sich mit ihm beschäftigt. Seine Bestreitung der "Wesensverwandlung" im Abendmahl aber steht ferner in Zusammenhang mit dem philosophischen Hauptproblem der Scholastik, das wir schon bei ERIUGENA streiften und zu dem wir nun übergehen: dem Verhältnis der Gattungsbegriffe (universalia) zu den Dingen (res).


Nominalismus und Realismus

1. In der Einleitung des PORPHYRIUS zu ARISTOTELES' logischen Schriften wird die Frage aufgeworfen, ob die Gattungsbegriffe (genera und species, zusammengefaßt unter dem Namen  universalia),  z. B. Eiche, Rind, wirklich d.h. dinglich oder nur in unseren Gedanken vorhanden, ob sie körperlich oder unkörperlich seien, ob sie gesondert von den Sinnendingen oder nur in und an denselben existieren. An diese, dem Mittelalter nur in der lateinischen Übersetzung des Boethius vorliegende, Stelle knüpfte sich der fast das ganze Mittelalter durchziehende sogenannte  Universalienstreit.  Die einen  (die Realisten)  behaupten, indem sie sich dabei auf PLATO (von dem freilich damals nur ein Teil des Timäus bekannt war!) beriefen, daß die Gattungsbegriffe das Ursprüngliche und Wirkliche, sowohl der Zeit wie dem Range nach, also die wahrhaften Dinge (res) seien, welche das Besondere aus sich erzeugten (universalia  ante  rem). Demgegenüber behauptete die andere Partei, die  Nominalisten,  daß die allgemeinen Begriffe bloße Worte  (nomina,  voces) oder Abstraktionen (intellectus) des Verstandes seien, während in Wirklichkeit nur die Einzeldinge existierten (universalia  post  rem). Zwischen beide schob sich später eine vermittelnde, auf Aristoteles sich berufende Ansicht (sog. gemäßigter Realismus), wonach die Universalien zwar real existierten, aber nur in oder an den Einzeldingen (universalia in re).

2. Die althergebrachte Ansicht war im allgemeinen der Realismus, den wir denn auch bereits JOHANNES SCOTTUS vertreten sahen. Demgegenüber zeigen sich in der Schule von Fulda schon nominalistische Anfänge, die jedoch größere Bedeutung erst in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts durch das Auftreten des ROSCELIN von COMPIÉGNE erreichen. Von ihm selbst ist nur ein Brief an seinen Schüler ABÄLARD erhalten; das übrige wissen wir durch die Schriften seiner Gegner, besonders ABÄLARDs und ANSELMs. ROSCELIN bildete die nominalistische Doktrin so folgerecht durch, daß er auch die Unterscheidung von  Teilen  an den Einzeldingen für eine willkürliche, nur der menschlichen Auffassung und Mitteilung dienliche Zerlegung erklärte. Indessen hätte man ihm Sätze wie: "Es gibt keine Farbe an sich, sondern nur gefärbte Körper", "es gibt keine Weisheit an sich, sondern nur weise Menschen", seitens der Kirche wohl noch hingehen lassen. Gefährlich wurde ihm, daß er den Nominalismus auch auf die Dreieinigkeitslehre anzuwenden wagte. Da die Wirklichkeit nur in den Individuen existiert, so, lehrte er, seien auch die drei Personen der Gottheit drei getrennte Substanzen, also im Grunde drei Götter. Wegen dieses "Tritheismus" wurde er von einer Synode zu Soissons 1092 verurteilt und zum Widerrufe gezwungen. - Mit ROSCELIN erlosch der Nominalismus auf lange Zeit; erst im 14. Jahrhundert (vgl. § 68) ist er wieder emporgekommen.

3. Der Realismus feierte einen glänzenden Sieg in ROSCELINs Gegner ANSELM von CANTERBURY (1033-1109). Sohn eines piemontesischen Edelmanns, Schüler und Nachfolger von BERENGARs Gegner LANFRANK als Abt von Bec, war er zuletzt 16 Jahre Erzbischof von Canterbury und ist als solcher durch seine hartnäckige Verfechtung gregorianischer Prinzipien mehrfach mit dem englischen Königtum in Streit geraten. Auch in Glaubenssachen tritt er unbedingt für die kirchliche Autorität ein und ist insofern streng genommen der erste eigentliche Scholastiker. Der Glaube muß der Erkenntnis vorausgehen, dann freilich zu letzterer aufstreben; in diesem Sinne ist sein - übrigens AUGUSTIN entnommenes -  Credo, ut intelligam  [Ich glaube, um zu verstehen - wp] gemeint. Für den der wahren Einsicht Unfähigen reicht die bloße demütige Verehrung (veneratio) aus. Die Sinne, so lehrt seine Schrift  De veritate  im Sinne des Realismus, erkennen das Einzelne, der Geist das Allgemeine; jedes Wesen ist nur dadurch wahr oder gut, daß es an der höchsten Wahrheit oder Güte (Gott) teilnimmt. Seine wichtigsten Lehrstücke sind 1. der  ontologische Beweis  für das  Dasein Gottes,  2. seine Lehre von der stellvertretenden  Genugtuung Christi. 

Den ersteren entwickeln, in klarer Zusammenfassung und selbständiger Wiedergabe augustinischer Gedanken, die beiden Schriften  Monologium  und  Proslogium  ("Anrede", d. i. an die Gottheit). Das allgemeinste Wesen muß auch das allerrealste (ens realissimum) und allervollkommenste (ens perfectissimum) sein; aus diesem Sein (esse) aber folgt notwendig seine Existenz. Während die erstgenannte Schrift diesen Gedanken mehr auf kosmologischem Grunde darlegt, leitet das Proslogium die Existenz Gottes (esse in re) rein aus seinem Begriffe (esse in intellectu) ab.

Die Schrift  Cur deus homo?  d.h. Warum ward Gott Mensch? sucht die logische Notwendigkeit von Christi Opfertod zum Entgelt für die Sündenschuld der Menschheit zu beweisen. Voraussetzungen und Beweisgang sind weit mehr  juristisch  als ethisch. Der Mensch wird gar nicht als sittliches Subjekt gewürdigt, sondern der Sündenfall stellt eine unendliche Beleidigung Gottes dar, die nur durch das stellvertretende Opfer des Gottmenschen gesühnt werden kann. Im übrigen haben wir auf diese noch heute in orthodoxen Kreisen angenommene Rechtfertigungstheorie, als spezifisch theologisch, nicht weiter einzugehen. Auch die übrigen Schriften des einflußreichen Kirchenlehrers behandeln meist theologische Themata (Trinität, Willensfreiheit und Prädestination, Erbsünde u. dergl.). Sein ontologischer Gottesbeweis fand einen scharfsinnigen Bestreiter in dem französischen Mönche GAUNILO, später in THOMAS von AQUINO.

Zu den extremsten Realisten gehörte nach ABÄLARDs Zeugnis WILHELM von CHAMPEAUX (gest. als Bischof von Chalons 1121). In SOKRATES, soll er behauptet haben, sei die "Sokratität" das bloß Zufällige, die Menschheit das Substantielle. Die "Weißheit" würde existieren, wenn es auch kein einziges weißes Ding gäbe. Eine vermittelnde Stellung in dem Universalienstreit nahm der berühmte ABÄLARD ein.


Peter Abälard
(1079 - 1142)

1. PETER ABÄLARD (PIERRE ABEILLARD), 1079 zu Palet bei Nantes geboren, lernte als Schüler erst des ROSCELIN, dann des WILHELM von CHAMPEAUX die beiden Hauptrichtungen der Scholastik an der Quelle kennen. Durch seine Überwindung des letzteren in einem öffentlichen Redestreit erwarb er sich hohen Ruhm als  Dialektiker,  der während seiner dann folgenden Lehrtätigkeit an der Kathedralschule zu Paris noch stieg. Sein berühmter Liebeshandel mit HELOISE, der zu der bekannten Katastrophe führte (von ihm selbst ausführlich erzählt) machte seine glänzende Gestalt den Zeitgenossen noch interessanter. Seine Bücher gingen von Hand zu Hand, Burg zu Burg, Stadt zu Stadt; auch in andere Länder, besonders nach Italien, wo sie selbst am päpstlichen Hofe gern gelesen wurden. Auf den Landstraßen und in den Häusern disputierten Männer, ja selbst Frauen, über seine Sätze. Trotzdem erfolgte zweimal, auf Betreiben seines unermüdlichen Gegners BERNHARD von CLAIRVAUX eine Verurteilung seiner Lehre, und er - unterwarf sich, als gehorsamer Sohn der Kirche. Bald nach der zweiten Verurteilung starb er in einem burgundischen Kloster (1142).

Im Universalienstreit nahm ABÄLARD, soweit sich aus seinen gerade in dieser Hinsicht unvollständig erhaltenen Schriften erkennen läßt, eine  vermittelnde  Stellung ein. Die Realität des Allgemeinen stellt sich an jedem Einzelwesen individuell dar (universalia in rebus). Die Formen (Ideen) der Dinge existierten von jeher im göttlichen Geiste als Begriffe (conceptus mentis), die der Mensch nur in den nach ihnen geschaffenen Dingen mit seinem Verstand erkennen kann.

2. Wichtiger als diese eklektische Stellung im Universalienstreit und als die wahrscheinlich schon sehr früh geschriebenen logischen Untersuchungen seiner "Dialektik" ist für uns seine allgemeine theologisch-philosophische Stellung. ABÄLARD nimmt ohne Zweifel in der Geschichte der  Aufklärung  während des Mittelalters eine wichtige, wenn nicht die wichtigste Stelle ein. Es klingt ganz modern, wenn er ausführt, daß gegenüber den Angriffen auf die Kirche der Verzicht auf den reinen Autoritätsstandpunkt geboten sei. Wie alle Kräfte, so ist auch die Vernunft dem Menschen zum Guten verliehen. Besonders in dem "Dialog zwischen einem  Philosophen, Juden und Christen"  versteigt sich unser Theologe zu bemerkenswert kühnen Wendungen. Die Autorität könne, sagt er, nur einen vorläufigen Ersatz bieten. Auch der Zweifel hat seinen Wert; durch ihn kommen wir zur Forschung, durch Forschung aber zur Wahrheit. Die Vernunft beweist, nicht Bibelsprüche oder Wunder, selbst wenn sie heute noch geschähen und nicht vielmehr auf Betrug oder Aberglauben beruhten. Sie vertritt die Macht der Einheit, Notwendigkeit, Sicherheit, Allgemeinheit. Erst wissen, dann glauben! Plus ratio quam lex, plus consuetudine lex sit! Christ sein heißt Logiker sein (was merkwürdigerweise mit der Logos-Würde Christi zusammengebracht wird). Dementsprechend muß dann auch die Bibel nicht nach ihrem der beschränkten Fassungskraft der Menge angepaßten Buchstaben, sondern geistig verstanden werden. Die Himmelfahrt z.B. bedeutet dem Aufgeklärten die Erhebung der Seele zum Himmlischen, da, wie er wohl weiß, im Weltbild der Wissenschaft ein örtlicher Himmel und eine örtliche Hölle keine Stätte haben; die Dreieinigkeit besagt nur, daß Gott Macht, Weisheit und Liebe sei usw. Ob sein Werk  Sic et non ("Ja und Nein")  einem unmittelbar aufklärerischen Zwecke dienen sollte, ist nicht sicher. Aber, indem es die Ansichten der bedeutenderen Kirchenväter über alle wichtigeren Lehren in pro und contra einander gegenüberstellte und dem Leser die Lösung der Widersprüche überließ, schuf es eine fruchtbare, von den Nachfolgern vielfach fortgepflanzte Methode.

3. Abälard hat ferner zum erstenmal im Mittelalter die  Ethik  in einer besonderen Schrift behandelt, und zwar, wie schon ihr Titel  Scito te ipsum (Erkenne dich selbst!)  erkennen läßt, im Gegensatz zu der üblichen Art so, daß er auf die  Gesinnung  und das  Gewissen des Einzelnen  zurückgeht. Sünde wie Sittlichkeit bestehen einzig und allein in der intentio animi, d. i. Gesinnung. Sünde ist nur da, wo ein Mensch gegen sein Gewissen handelt. Reue, Beichte und Buße haben Wert nur, wenn sie aus dem Herzen hervorgehen. Nach dem obengenannten Dialog ist älter als alle übernatürliche Offenbarung das natürliche Sittengesetz, das bei allen gleich ist, unwandelbar, in sich selbst wurzelnd, an sich zum Heile hinreichend. Abel und Abraham lebten gottwohlgefällig vor der mosaischen Gesetzgebung, und was die Praxis des sittlichen Lebens angeht, so werden die Christen, namentlich die entarteten der Gegenwart, darin von den griechischen Philosophen beschämt (SOKRATES und PLATO hält ABÄLARD für göttlich inspiriert, ja PLATO soll schon fast alle Artikel des christlichen Glaubens entwickelt haben, habe sie aber der Menge verschweigen müssen, weil die Zeit des Christentums noch nicht gekommen war!) CHRISTUS stellte nur das ursprüngliche Sittengesetz wieder her, aber er vollendete es, indem er uns zu Gott als dem höchsten Gute zurückführte. Gegenüber ANSELM Genugtuungstheorie hebt ABÄLARD die Macht der erlösenden Liebe hervor. Am Schlüsse des Dialogs erfolgt keine Entscheidung über den Vorzug einer bestimmten Religion, sondern der Christ, der Jude und der "Philosoph", d. i. konfessionslose Freidenker finden sich zusammen auf dem Boden des Sittengesetzes und der Humanität.

4. Dennoch würde man sich täuschen, wenn man hiernach ABÄLARD, der auch in seinem Stile, wenn es sich nicht gerade um logische Spitzfindigkeiten handelt, etwas Modernes an sich hat, für einen Aufklärer im modernen Sinne halten wollte. Nicht bloß, daß er die Massen verachtete und ein geistiger Aristokrat blieb, das haben auch andere "Aufklärer" getan; nein, er will schließlich mit der gepriesenen Vernunft doch nur - die  Dogmen  der Kirche verteidigen. Die Fülle der Wahrheit liegt allein in Gott; göttliche Dinge sind nicht mit der kleinen Vernunft des Menschen  (ratiuncula humana)  zu erfassen, sondern es bedarf dazu der Erleuchtung von oben. Über dem Anfangsglauben des Wissens steht der evangelische Vollglaube eines THOMAS und PAULUS. Seine Apologie des Wunders ist gequält und mit seiner Grundanschauung von dem stets sich selbst gleichen Wirken Gottes nicht vereinbar. Einen ähnlich widerspruchsvollen Eindruck machte schon den Zeitgenossen seine Erlösungslehre. Auch in der Ethik finden sich solche  Widersprüche  und  Konzessionen  an die hergebrachte kirchliche Auffassung. Neben den Kardinaltugenden, deren höchste die christliche Liebe ist, tritt doch auch die Mönchstugend der  humilitas  stark in den Vordergrund; die Ehe gilt im wesentlichen nur als Mittel gegen geschlechtliche Zügellosigkeit; er hält fest an der Verdammnis der Ungetauften und an der Unterscheidung von Tod- und läßlichen Sünden, wie denn auch noch für das Jenseits Grade der Seligkeit unterschieden werden. "Groß veranlagt, reich an Gaben, von ungewöhnlich mannigfaltigen Bedürfnissen bewegt, hat sich ABÄLARD, der Troubadour unter den Scholastikern, der kritische Dialektiker unter den Mystikern, der religiöse Bekenner unter den Männern der Skepsis... doch nicht zu einer harmonischen Persönlichkeit durchbilden können." Für seine Zeit hat er jedenfalls Bedeutendes geleistet.
LITERATUR - Karl Vorländer, Der Universalienstreit, Geschichte der Philosophie, Leipzig 1908