tb-1Philosophie des Als Ob    
 
HANS VAIHINGER
Kants antithetische Geistesart

"In den Augen all derer, welche mit der Enge ihres Schulmeisterhorizontes die Philosophie messen, und die Philosophen meistern, ist dies natürlich ein Fehler, den sie mit Behagen dreimal unterstreichen. Wer einen weiteren Blick hat, urteilt hierin milder, ja er findet vielleicht, daß die Widersprüche, die sich bei beiden großen Philosophen - wie auch bei anderen - finden, nur das notwendige Gegenstück zum  antinomischen  Charakter der Wirklichkeit selbst sind. Ein Philosoph, der eben nur  eine  Seite an der Wirklichkeit ins Auge faßt, kann bei der theoretischen Bearbeitung eben dieser einen Seite leicht ohne Widersprüche auskommen. Je vielseitiger aber in Philosoph ist d. h. je mehr Seiten der Wirklichkeit er in Betracht zieht, desto weniger wird er Widersprüche vermeiden können."

FRIEDRICH NIETZSCHE hat mit seinem "Antipoden" IMMANUEL KANT doch auch manches gemeinsam. In sachlicher Hinsicht gehört dazu in erster Linie die beiderseitige Als-Ob-Lehre: so habe ich ja deshalb auch schon auf dem Titel der "Philosophie des Als-Ob" die beiden Namen KANT und NIETZSCHE zusammenstellen können. In formeller Hinsicht ist aber beiden auch gemeinsam, daß dem Einen wie dem Andern oft der Vorwurf gemacht wird, daß sie starke Widersprüche innerhalb ihrer eigenen Lehre aufweisen. Ob dieser Vorwurf in Bezug auf NIETZSCHE irgendwie gerechtfertigt sei, kann und will ich hier nicht untersuchen: Zeit und Raum sind dazu zu knapp. Aber in Bezug auf KANTs wirkliche oder angebliche Selbstwidersprüche möchte ich hier Einiges sagen.

Schon zu Lebzeiten KANTs haben nicht bloß KANTs Gegner, sondern auch viele seiner aufrichtigen Freunde erkannt, daß seine Schriften mannigfache Widersprüche aufzeigen, ich meine natürlich nicht die Schriften seiner verschiedenen Entwicklungsperioden, sondern die Schriften seiner kritischen Zeit. Nicht bloß einzelne Schriften untereinander, sondern auch eine und dieselbe Schrift, insbesondere die "Kritik der reinen Vernunft" zeigen, so sah und sagte man schon damals, mehr oder minder starke Widersprüche. Dasselbe beobachtete man nun auch in noch erhöhtem Maße, seitdem man, etwa vom Jahre 1860 an, begann, sich wieder mit KANT gründlicher zu beschäftigen. Auch in der Zwischenzeit zwischen jenen beiden Epochen, von 1804 bis 1860, waren solche Stimmen laut geworden: besonders hatte SCHOPENHAUER, bekanntlich einer der großen Verehrer des großen KANT, auf Widersprüche bei KANT hingewiesen. Gerade SCHOPENHAUERs Aufdeckung angeblicher oder wirklicher Widersprüche bei KANT hat ja dem seit 1860 wiedererwachenden Studium der Kantschen Philosophie viel Anregung gegeben. Die immer gründlicher werdende Beschäftigung mit KANT löste auch immer zahlreichere Äußerungen über den widerspruchsvollen Charakter des Kantschen Werkes aus. So blieb es nicht aus, daß schließlich auch mannigfach an der Größe des Kantschen Geistes und am Ewigkeitswert seiner Schriften Zweifel geäußert wurden. Das böse Wort FICHTEs vom "Dreiviertelskopf" KANTs tauchte wieder auf, je mehr die Neukantische Bewegung wieder in die alten Bahnen von FICHTE, SCHELLING und HEGEL einlenkte.

So entstand in weiteren Kreise immer mehr die Meinung, KANT sei in widerspruchsvoller Denker, so daß es sich eigentlich nicht lohne, in seine Gedankengänge tiefer einzudringen. Je mehr sich auf der einen Seite eine KANT-Orthodoxie geltend, ja sich breit machte, die verlangte, man müsse KANTs Äußerungen mit unbedingtem Glauben und rückhaltlosem Vertrauen hinnehmen, wie Offenbarungen des Heiligen Geistes der Philosophie, desto mehr und schärfer erhob sich jener Einwand gegen KANT, so daß viele von vornherein davon Abstand nahmen, sich mit KANT zu beschäftigen. Häufig riet man direkt vom Studium KANTs ab und berief sich dabei wohl auch ein bekanntes Wort aus einem der Xenien SCHILLERs: darin sagt SCHILLER, der sich doch selbst gewissermaßen als Kantianer betrachtete, ärgerlich und höhnisch von damaligen Kantlesern: "der KANT hat sie alle verwirret".

Aus diesem fatalen Dilemman zwischen KANT-Skepsis und KANT-Orthodoxie führte nun ein Weg heraus, der Ende der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts von Verschiedenen gleichzeitig eingeschlagen wurde. Bis dahin leugnete man entweder mit der KANT-Orthodoxie jeden Widerspruch bei KANT, weil bei einem so großen Geist Widersprüche von vornherein ausgeschlossen seien; oder man sah mit jener KANT-Skepsis in den doch nicht hinwegzuleugnenden Widersprüchen KANTs ein Zeichen geistiger Schwäche und logischer Unvollkommenheit. Jetzt aber kam man zu der Erkenntnis, daß die Widersprüche bei KANT, soweit solche wirklich vorhanden sind und nicht bloß scheinbar, die Folge des Nebeneinander mehrerer verschiedener Tendenzen oder Denkrichtungen des Kantischen Geistes seien. Man erkannte ferner bald, daß diese verschiedenen, ja einander entgegengesetzten Tendenzen bei KANT die Nachwirkungen der verschiedenen vor KANT und zur Zeit KANTs vorhandenen Hauptströmungen des philosophischen Denkens seien. KANT habe den Versuch einer Synthese dieser verschiedenen Richtungen gemacht, sei aber doch nicht ganz über deren innere Antithesen hinweggekommen.

Einen ausgezeichneten Ausdruck fand diese Auffassung im Jahre 1879 in dem scharfsinnigen und verdienstvollen Buch von JOHANNES VOLKELT "Immanuel Kants Erkenntnistheorie nach ihren Grundprinzipien analysiert" (Leipzig, Seite IV und 274). Dieses Buch, das damals nicht voll gewürdigt wurde, hat noch heute großen Wert und würde als eines der wichtigsten Glieder in der Kette der Kantliteratur einen Neudruck durch die Kantgesellschaft verdienen. Aus der Vorrede führe ich folgende Stellen an:
    "Die sich mit KANT beschäftigende Forschung faßt das Denken dieses Philosophen fast überall als zu einfach und durchsichtig, als eine zu wenig komplizierte, mühevolle und dunkel ringende Arbeit auf. Fast überall begegnete ich mehr oder weniger einseitigen Darstellungen seiner Lehre, fast jedes neue Buch über KANT, das ich in die Hand nahm, zeigte mir einen neuen Versuch, diesen oder jenen wesentlichen Faktor seiner Philosophie aus ihrem Mittelpunkt zu drängen oder ganz aus ihr zu verweisen."

    "Wohl fand ich treffliche Leistungen auf dem Gebiet der Kantforschung in großer Zahl: eindringende Analysen seiner Gedankengänge, scharfsinnige Aufdeckungen von Lücken, Verwirrungen und Widersprüchen, feinspürende Untersuchungen über seinen philosophischen Entwicklungsgang, glanzvolle Darstellungen der großen, einfachen Züge seiner Lehre. Dagegen sah ich mich vergebens nach einer eingehenden, umfassenden Untersuchung des komplizierten Zusammenwirkens und Ineinanderarbeitens der fundamentalsten Triebfedern des Kantischen Denkens um, nach einer Darstellung derjenigen Prinzipien, die sein Denken konstituieren, und aus deren Fungieren das eigentümliche Gefüge seiner Philosophie entspringt."

    "Ich faßte daher den Entschluß, eine Analyse der Kantischen Erkenntnistheorie in der Weise zu versuchen, daß dabei allen Seiten seines erkenntnistheoretischen Denkens Gerechtigkeit widerführe und seine fundamentalsten Triebfedern in ihrem verwickelten Zusammenarbeiten bloßgelegt würden."

    "Diese Aufgabe zwingt dazu, in das Denken unseres Philosophen weit tiefer einzudringen, als er selbst es mit seinem Bewußtsein durchdrungen hat."

    "Überall werden wir genötigt sein, von dem, was sich ihm in seinem Bewußtsein darstellt, auf die ihm halb oder völlig unbewußten leitenden Prinzipien seines Denkens zurückzuschließen. Wir werden dabei finden, daß der Mangel an Bewußtsein über die bewegenden Kräfte des eigenen Denkens und die damit zusammenhängende Selbstverständlichkeit so vieler Annahmen für seine Philosophie von überraschend großer Bedeutung ist. Dabei wird sich zugleich zeigen, daß die Analyse seines Denkens nach dieser Seite des Unbewußten und Selbstverständlichen hin zur Bloßlegung derjenigen Fundamentalwidersprüche führt, in denen sich sein Philosophieren konsequent bewegt. So erhebe ich freilich den Anspruch, KANT besser zu verstehen, als er selbst sich verstanden hat."
In Bezug auf diesen Anspruch beruft sich VOLKELT dann auf die bekannte Stelle aus KANTs  Kritik der reinen Vernunft,  in welcher KANT selbst diese Möglichkeit erörtert, einen Philosophen besser zu verstehen, als er es selbst tat.

Diese historisch-analytische Auffassung der "Widersprüche" bei KANT durch VOLKELT und andere ist ein entschiedener Fortschritt über jene ältere kritisch-destruktive Auffassung, als deren Hauptvertreter FRIEDRICH ÜBERWEG genannt sei.

Was mich selbst betrifft, so habe ich diese beiden Auffassungen in mir selbst durchgemacht und erlebt: in meinen Studienjahren die kritisch-destruktive, in meinen ersten Dozentenjahren die historisch-analytische, und gerade in jene Zeit fiel dann die treffliche Schrift von VOLKELT, die mir diese Auffassung erst deutlich zu Bewußtsein brachte, wie auh andere damals durch VOLKELTs Buch gefördert worden sind.

Aber je mehr ich mich in KANT vertiefte anläßlich der Ausarbeitung des ersten Bandes meines Kommentars zu KANTs Kritik der reinen Vernunft zum hundertjährigen Jubiläum derselben 1881, desto deutlich drängte sich mir die Notwendigkeit auf, jene Widersprüche bei KANT noch in einem anderen Licht zu sehen, durch das man dem Geist KANTs doch noch mehr gerecht wurde, als durch die beiden bisherigen Auffassungsweisen. Diese neue Auffassungsart der sich widersprechenden Äußerungen des großen Philosophen kann man die synthetisch-konstruktive nennen. Schon in meiner Abhandlung "Zu Kants Widerlegung des Idealismus" (Straßburger Abhandlungen 1883, Seite 138) habe ich bemerkt, daß die Widersprüche bei KANT nicht schlechterdings als ein Zeichen der Unvollkommenheit zu fassen seien, sondern als ein Zeugnis der vielseitigen Gründlichkeit, mit welcher KANT die Wirklichkeit betrachtet:
    "die Widersprüche bei KANT sind der Ausdruck des Ernstes, mit dem KANT die vorhandenen Gegensätze anfaßte und mit dem er den Fehler vermeiden wollte, der in der einseitigen Vertretung  einer  Richtung gelegen wäre; sie sind, da jene von ihm vereinigten historischen Richtungen Ausprägungen der in der Natur des Gegebenen selbst liegenden Veranlassungen sind, in letzter Linie der Ausdruck der Widersprüche, in welche das menschliche Denken überhaupt, wie es scheint, notwendig gerät".
Etwa 10 Jahre später, in der Vorrede zum zweiten Band meines Kantkommentars 1892 habe ich derselben Auffassung deutlichen Ausdruck gegeben und diese Auffassung in die Worte zusammengedrängt: KANTs "Kritik der reinen Vernunft" sei zugleich das widerspruchvollste und genialste Werk der ganzen Geschichte der Philosophie.

Fast wieder ein Jahr später hatte ich Gelegenheit, dieselbe synthetisch-konstruktive Betrachtungsweise der Kantschen Widersprüche zweimal hintereinander scharf und ausführlich zu formulieren, zuerst in meiner Abhandlung "Kant - ein Metaphysiker?" in der Festschrift zu CHRISTOPH SIGWARTs 70. Geburtstag "Philosophische Abhandlungen" usw. Tübingen 1900. Die wichtigsten Stellen daraus werde ich weiter unten mitteilen. Zwei jahre später gab ich einen Auszug aus jener Tübinger Abhandlung in einem größeren Artikel der "Kantstudien", Band VII, Heft 1, Seite 99 bis 119 unter dem Titel: "Aus zwei Festschriften. Beiträge zum Verständnis der Analytik und der Dialektik in der Kritik der reinen Vernunft". Mit einer Nachschrift betreffend "Kantsophistik". Auch hieraus werde ich weiter unten einige Mitteilungen machen.

Nach einem weiteren Jahrzehnt hatte ich wiederum Veranlassung, dieselbe synthetisch-konstruktive Auffassung der Kantschen Widersprüche zu vertreten, nämlich in meiner "Philosophie des Als-Ob" in der ich KANTs Als-Ob-Lehre im weitesten Ausmaß übersichtlich und eindringlich behandelte und bei der Darstellung seiner Lehre von Gott, Freiheit und Unsterblichkeit Grund hatte, darauf hinzuweisen, daß seine Widersprüche in dieser Hinsicht der Ausfluß der Vielseitigkeit und der Gerechtigkeit seien, mit welcher KANT die verschiedenen Tendenzen der menschlichen Natur zur Geltung bringe. Daß ich mich selbst jedoch dieser Vermittlungstendenz persönlich nicht anschließen könne, sondern in der radikaleren Richtung den Ausdruck meines Wesens finde, habe ich natürlich nicht verhehlt.

Darüber ist nun wiederum ein Jahrzehnt verstrichen. Jetzt, nach fast 40 Jahren, kommt nun, wie ich zu meiner Freude mitteilen kann, endlich, endlich jene Auffassung zum Durchbruch, die synthetisch-konstruktive Betrachtungsweise der Kantschen Widersprüche, die ich schon im Jahr 1883 in der Straßburger Abhandlung "Zu Kants Widerlegung des Idealismus" deutlich und scharf ausgesprochen habe. Zwei Autoren sind fast gleichzeitig zu derselben Auffassung gelangt, ohne meine oben aufgezählten früheren Darstellungen dieser synthetisch-konstruktiven Betrachtungsweise zu kennen und zu nennen. Es liegt diese Betrachtungsweise eben der jetzigen Zeit viel näher, welche durch die Schule von DILTHEY und SIMMEL (denen jetzt auch noch GROOS und JASPERS anzureihen sind) und vor allem durch die Schule von FRIEDRICH NIETZSCHE durchgegangen ist: Jetzt hat man gelernt, die "Widersprüche" eines Mannes wie KANT nicht als Ausdruck der Schwäche, sondern im Gegenteil als Symptome seiner Tiefe und seiner Vielseitigkeit aufzufassen. So konnte es kommen, daß sich jene beiden Autoren in gutem Glauben befanden, als sie vermeinten, die von ihnen vertretene Auffassung der Kantschen Widersprüche sei etwas Neues.

Mit der Jahreszahl 1920 erschien in Kassel eine Schrift [von E. A. Horneffer - wp] "Der Platonismus und die Gegenwart". Darin finden sich Seite 60 folgende sehr bemerkenswerte Worte:
    "Das Auszeichnende in der Stellung KANTs wird darin zu erblicken sein, daß er mit einer bisher nie erreichten Weite der Auffassung, mit einer erstaunlichen Tiefe des philosophischen Blickes sich niemals einer der mehr oder weniger stereotypen Anschauungen hingegeben hat. Er hat den grandiosen Versuch gemacht, sie mehr oder weniger alle in seinem vielseitigen System zu vereinigen. Kein philosophisch denkbarer und geschichtlich ausgeprägter Standpunkt, der nicht bei KANT vertreten wäre, der bei ihm nicht zumindest irgendwie anklänge. Nichts schließt er absolut aus. Sondern alles weiß er an seiner Stelle, in der Grenze seiner Berechtigung anzuerkennen und einzuordnen. Darum ist es so schwer, die Kantische Philosophie auf einen einheitlichen Ausdruck zu bringen, ihr irgendeine Formel aufzuprägen, sie auf irgendeinen Standpunkt hin zu fixieren. Alle möglichen menschlichen Denkarten sind in ihr enthalten, in keiner aber geht sie auf. Darin liegt die außerordentliche Vieldeutigkeit KANTs begründet; seine innere Widersprüchlichkeit muß die verschiedensten Auslegungen immer wieder hervorrufen. Denn die Gegensätze der Wirklichkeit und damit auch des menschlichen Denkens wird die Unauflöslichkeit dieser Widersprüche meistern können."

    "KANTs Philosophie erweist sich mit diesem Willen zur Umspannung und Eingliederung aller Gesichtspunkte als ein Spätling in der philosophischen Entwicklung des menschlichen Geistes, als reichstes Erbe und zugleich als vorwärtstreibender Anfang, da die in dieser Vereinigung eingeschlossene Problematik - KANT ist der problematische Philosoph schlechthin - notwendig zu immer neuen Versuchen der Lösung, des Ausgleichs drängt. Nachdem einmal die ganze Antithetik des menschlichen Geistes in seiner Philosophie Gestalt gefunden hat, muß sie ständig den stärksten Anstoß zu weiterem Philosophieren geben. Darin liegt die erstaunliche Fruchtbarkeit, die Produktivität begründet, die die Kantische Philosophie ständig entfaltet hat, die immer neue Philosopheme oder philosophische Tendenzen aus sich gebiert. Alle weiteren philosophischen Bestrebungen müssen immer wieder an KANT anknüpfen, indem sie dort zumindst ihr Problem, ihre Aufgabe finden."
In völliger Übereinstimmung mit diesen treffenden Ausführungen befindet sich ARTHUR LIEBERT in seinem ebenfalls 1920 erschienenen Aufsatz "Kants Geisteshaltung unter dem Gesichtspunkt der Antinomik" (Kantstudien Bd. XXV, Seite 196-201). Auch sein Thema ist "

die hohe Komplikation in der inneren Verfassung des Kritizismus. Sehr viele KANT-Erklärer haben dieselbe nur zum Anlaß der Aufdeckung angeblicher  Widersprüche  KANTs genommen. Sie sahen nicht, daß in diesen scheinbaren Widersprüchen nur der unvergleichliche Reichtum, die immer neue Problemmassen und Problemtiefen aufgrübelnde Vielseitigkeit des Kantischen Denkens zum Ausdruck gelangt, daß im kritizistischen System alle Richtungen und Gesichtspunkte der gesamten philosophischen Entwicklung Aufnahme und gedankliche Verarbeitung finden."

LIEBERT, der seit Jahren die innere Problematik und Antinomik des menschlichen Geistes und der Welt überhaupt eindringlich und scharfsinnig zum Gegenstand der Untersuchung und der Darstellung gemacht hat, sieht in KANT mit Recht den vollendetsten Typus jener tragischen Antinomik und Problematik.

Die vorstehend zitierten beiden Autoren bestätigen also fast wörtlich meine seit 1883 öfters wiederholte Auffassung. Es ist gleichgültig, ob diese Autoren meine eigenen früheren Darstellungen gekannt haben oder nicht. Wenn sie dieselben, die ja leicht zu erreichen waren, doch gelesen haben sollten, so sind sie eben früher darüber hinweggeglitten, weil die Zeit damals für diese Gedanken noch nicht reif war. Es ja öfters so, daß Gedanken irgendwo früher auftauchen bei irgendeinem Autor und auch von Vielen gelesen werden, aber dann doch bei den Lesern ohne Eindruck bleiben und diesen daher völlig aus dem Gedächtnis entschwinden, bis sie dann, "wenn die Zeit erfüllet ist", aus dem Unterbewußtsein als Neues, als Eigenes wieder auftauchen oder auch wirklich neu gebildet werden, weil der Zeitgeist erst ein anderer werden mußte.

Beide Autoren weisen nun darauf hin, daß die inneren antithetischen Spannungen des Kantischen Geistes am deutlichsten zum Vorschein kommen in der Als-Ob-Lehre KANTs, auf deren Darstellung in der "Philosophie des Als-Ob" beide verweisen. So will ich denn auf den folgenden Seiten, wie ich schon oben in Aussicht gestellt habe, aus den beiden Darstellungen von 1900 und von 1902, in denen ich zum erstenmal auf KANTs Als-Ob-Lehre hinwies, einige Auszüge mitteilen.

Gegenüber der Auffassung von PAULSEN, das Zentrum des Kantschen Denkens sei eine positiv gerichtete Metaphysik im Sinne von PLATON und LEIBNIZ, machte ich vielmehr geltend, daß man von einem einheitlichen Zentrum KANTs in solcher Weise nicht sprechen könne: will man das Bild, das aus der Geometrie genommen ist, gebrauchen, so darf man KANTs Geist jedenfalls nicht als einen Kreis mit einem Zentrum betrachten, sondern mindestens als eine Ellipse mit zwei Brennpunkten. Die positive Tendenz der metaphysischen Verankerung der Ideen Gott, Freiheit und Unsterblichkeit wird voll aufgewogen durch die negative Tendenz ihrer kritischen Auflösung in bloße Erdichtungen. An einer von den früheren KANT-Erklärern gänzlich unbeachteten Stelle der Methodenlehre der Kr. d. r. V. gibt KANT der letzteren Auffassung besonders auffallenden Ausdruck (A 771, B 799):
    "Die Vernunftbegriffe sind, wie gesagt, bloße Ideen und haben freilich keinen Gegenstand in irgendeiner Erfahrung ... Sie sind bloß problematische gedacht, um in Beziehung aus sie (als heuristische Fiktionen) regulative Prinzipien des systematischen Verstandesgebrauchs im Feld der Erfahrung zu gründen. Sieht man davon ab, so sind es bloße Gedankendinge, deren Möglichkeit nicht erweislich ist, und die daher auch nicht der Erklärung wirklicher Erscheinungen durch eine Hypothese zum Grunde gelegt werden können."
Wo in diesem Kantzitat von mir drei Punkte gemacht sind, steht bei KANT selbst ein Zusatz, der leicht mißverstanden werden kann, aber durch das Folgende unzweideutige Erklärung findet. Man könnte meinen: die Vernunftbegriffe bezeichnen "gedichtete und [doch] zugleich dabei für möglich angenommene Gegenstände" (jenseits der Erfahrung). Aber sie sind vielmehr "bloße Gedankendinge, deren Möglichkeit nicht erweislich ist": so heißt es ja auch bei der "Tafel der Begriffe vom Nichts", das Gedankending dürfe nicht "unter die Möglichkeiten gezählt werden". In diesem Sinne wird ja der Ausdruck "nur eine Idee" einmal (A 644, B 672) einfach mit focus imaginarius verdeutlicht. Der bedeutsame Ausdruck "focus imaginarius", den ich ausdrücklich wiederhole und scharf heraushebe, läßt tief blicken, wenn man überhaupt sehen will. Aber es gibt ja so manchen, von dem die mittelalterliche satirische Inschrift am Rathaus zu Wernigerode gilt:
    Was hilft ihm Licht, was hilft ihm Brill,
    Wenn er die Maus nicht sehen will?
Ein solcher wird sich vielleicht gerne an den Kantschen Ausdruck: "problematisch" anklammern, der ja noch die reale Möglichkeit zuläßt. Wie aber KANT den logischen Wert des "Problematischen" faßt, darüber vergleiche man z. B. einmal die Logik, Einleitung, Seite IX: "So wäre z. B. unser Fürwahrhalten der Unsterblichkeit bloß problematisch, wofern wir nur so handeln, als ob wir unsterblich wären." Das "als ob" charakterisiert aber doch eine Erdichtung oder wenigstens etwas der Erdichtung sehr Verwandtes.

Es gibt Stellen bei KANT, in welchen die negative Tendenz unzweideutiger zum Ausdruck kommt. Aber ich habe absichtlich gerade diese Stellen herausgenommen, in welchen trotz der vorwiegenden negativen Tendenz doch auch immer wieder die positive hervorbricht oder wenigstens hindurchschimmert. Die eine auf Kosten der anderen hervorheben bzw. unterdrücken zu wollen, wäre ungerechtfertigt und wäre ja auch ein unvorsichtiges Unterfangen, da ja jeder Leser diese und tausend andere Stellen bei KANT nachlesen und nachprüfen kann. Immer wieder wird man finden, daß beide Tendenzen bei KANT vorhanden sind. Man kann mit PAULSEN in den negativen Wendungen "die größte Entfernung des Kantischen Denkens von seinem Zentrum" finden; man kann mit der Marburger Schule in der Hypostasierung [einem Gedanken gegenständliche Realität unterschieben - wp] der Ideen einen Abfall von der kopernikanischen Tat KANTs, von der Erkenntniskritik erblicken. Aber weder dürfen die Anhänger dieser schärferen Richtung die positive Tendenz bei KANT einfach leugnen, noch darf der Vertreter der konziliatorischen Richtung jene bei KANT tatsächlich vorhandene negative Tendenz unberücksichtigt lassen. Diese verschiedenen Tendenzen sind da, sie gehören zum ganzen und vollen KANT. KANT ist so reich, daß man ihm nichts zu geben hat: aber man darf ihm auch nichts nehmen, sonst macht man ihn mit Unrecht ärmer; man verkennt die Fülle seines Geistes und den Reichtum seines Denkens, wenn man einseitig nur die negative oder die positive Seite herauskehrt.

Aber wenn das der Fall ist, ist denn dann KANT nicht ein schwankendes Rohr, das im Wind der Gedanken hin und herbewegt wird? Eine solche Bemerkung macht auch PAULSEN, wenn er sagt: "Freilich hat die Metaphysik bei KANT etwas eigentümlich Schillerndes, zwischen Wissen und Nichtwissen Schwebendes; jedem: es ist so, folgt ein: das heißt, es ist eigentlich nicht so, auf das dann ein letztes: es ist aber doch so, kommt." Diese Schilderung als solche ist ganz zutreffend: ich würde sie nur dahin ergänzen, daß, wie PAULSEN an einer anderen Stelle sich glücklich ausdrückt, der Verstand zu keinem "Letzten" kommt, sondern in der Schwebe bleibt. Aber verdient denn auch diese - nennen wir sie einfach diese - kritische Schwebe nicht den schärfsten Vorwurf? Ist das denn - so rufen alle, welche aufgrund ihrer "festen Position" jede, auch die schwierigste Frage mit beneidenswerter Sicherheit sofort durch ein - möglichst laut, oft auch vorlaut vorgetragenes - einfaches Ja oder Nein beantworten, - ist denn das überhaupt noch ein Philosoph, der so in der Schwebe bleibt und uns zumutet, dieses Schweben mitzumachen? Oder hat KANT nicht etwa - sagen andere - mit seiner wahren Meinung hinter dem Berg gehalten und durch zweideutige Wendungen und Windungen seine Leser über seine wahre Meinung täuschen wollen? War er nicht ein Heuchler, der mit den Gläubigen glaubte und mit den Zweifelnden zweifelte und sich über beide lustig machte? Solchen nicht selten gehörten Einwänden gegenüber sei hier erinnert an ein treffendes Wort von EMANUEL GEIBEL:
    Sprich nicht, wie jeder seichte Wicht,
    Von Heuchelei mir stets und Lüge.
    Wo ist ein Reich Gemüt, das nicht
    Den Widerspruch noch in sich trüge?
Und da wir schon beim Zitieren von Dichtern angelangt sind, so sei noch das berühmte Wort von CONRAD FERDINAND MEYER hier mit angeführt, das er HUTTEN sagen läßt am Schluß eines mit "Homo sum" überschriebenen Monologes:
    ... ich bin kein ausgeklügelt Buch.
    Ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch.
Ich habe gezeigt, daß es bei PLATON, mit welchem PAULSEN KANT so gerne und mit Recht zusammenstellt, nichts anders ist, speziell wo er sich der "mythischen" Darstellung bedient; dies geschah unter Berufung auf TENNEMANNs, HEGELs, BAURs, ZELLERs und PFLEIDERERs Darstellungen der platonischen Philosophie.

Was speziell PFLEIDERER von PLATON sagt, genau dasselbe, sogar mit denselben Ausdrücken, sagt PAULSEN von KANT: beide finden bei ihrem Philosophen ein "Schillern und Schweben", und das gerade in den entscheidenden Punkten. In den Augen all derer, welche mit der Enge ihres Schulmeisterhorizontes die Philosophie messen, und die Philosophen meistern, ist dies natürlich ein Fehler, den sie mit Behagen dreimal unterstreichen. Wer einen weiteren Blick hat, urteilt hierin milder, ja er findet vielleicht, daß die Widersprüche, die sich bei beiden großen Philosophen - wie auch bei anderen - finden, nur das notwendige Gegenstück zum  antinomischen  Charakter der Wirklichkeit selbst sind. Ein Philosoph, der eben nur  eine  Seite an der Wirklichkeit ins Auge faßt, kann bei der theoretischen Bearbeitung eben dieser einen Seite leicht ohne Widersprüche auskommen. Je vielseitiger aber in Philosoph ist - wie z. B. PLATON im Gegensatz zu DEMOKRIT - d. h. je mehr Seiten der Wirklichkeit er in Betracht zieht, desto weniger wird er Widersprüche vermeiden können, wie schon KROHN und PFLEIDERER mit Beziehung auf PLATON richtig bemerkten.

Ich glaube, es war CARLYLE, der einmal einem Unterredner, der ihm einen Widerspruch nachwies, zornig entgegenrief: "Halten Sie mich denn für einen so flachen Kopf, daß ich mir niemals widersprechen dürfte?" Dieses Privilegium darf auch KANT für sich in Anspruch nehmen: das "Schillern und Schweben" bleibt freilich ein Mangel, aber es ist ein Mangel, der tieferen Reichtum offenbart.

Die Erinnerung an PLATON kann uns noch nach einer anderen Seite hin für das Verständnis KANTs nützlich sein. In KANTs "Metaphysik" spielen natürlich die "Postulate der praktischen Vernunft" eine Hauptrolle; PAULSEN weist immer wieder darauf hin, daß KANT die Ideen von Gott, Freiheit und Unsterblichkeit, deren theoretische Begründung durch den Dogmatismus er verwarf, als notwendige Voraussetzungen für die Ethik wieder eingeführt hat. Natürlich ist auch diese Darstellung richtig; sie kann durch hunderte von Stellen belegt werden. Aber an vielen diesen Stellen macht KANT einen eigentümlichen Vorbehalt, der in PAULSENs Darstellung zurücktritt: wir müssen, sagt KANT, die Sache so betrachten, "als ob" sie so wäre; wir müssen uns dabei der bloßen "Analogie" bewußt bleiben (vgl. z. B. Kr. d. r. V. B 594, 697 - 703). Gewiß gibt es auch einige Stellen, an denen er uns seine Postulate "so derb vor die Nase stellt", wie nur je es ein Metaphysiker tat; aber die meisten Stellen lauten doch sehr vorsichtig und enthalten "peinliche Verklausulierungen", wie PAULSEN selbst sagt, ohne dieselben aber recht zur Geltung kommen zu lassen.

Was KANT so mit seiner beliebten Formel "als ob" einführt, wie lebhaft erinnert es an manche der platonischen Mythen! Am schärfsten drückt dies AUFFAHRT aus in seiner Schrift über "Die platonische Ideenlehre" (1883), in der er in einer Weiterbildung COHENscher Anregungen zu dem Resultat kommt: "Die Unsterblichkeitsidee ist bei PLATO ein ethisches, praktisches Postulat, ein regulatives Prinzip, dazu gesetzt, unser Handeln zu bestimmen, und wenn sie als solches nicht erkannt wird, so rührt das daher, daß sie öfters von ihrem Zweck eben (dem praktischen Zweck) losgetrennt erscheint." Also hier findet sich direkt die Vergleichung des platonischen Mythos mit dem Kantischen Postulat. Das Postulat bei KANT verlangt, wir sollen so handeln, "als ob" jene Ideen wirklich wären, wobei aber nicht ausgeschlossen bleibt, daß sie wirklich sein mögen und dieses "Mögen" verwandelt sich bei KANT an anderen Stellen in ein "Müssen" - auch die Postulate der praktischen Vernunft zeigeb bei KANT dasselbe "Schillern" und "Schweben", wie die Ideen der theoretischen Vernunft, und so ist der Vergleich der Kantischen Postulate mit den platonischen Mythen nicht ohne weiteres abzuweisen. Die platonischen Mythen sprechen, wie sich HEGEL in seiner Kunstsprache so treffend äußert, in der "Weise des Vorstellens", im Gegensatz zum reinen Gedanken; sie sprechen "in Gleichnissen und Ähnlichkeiten". Diese "gleichnisweise Vorstellung" ist auch die Art der Kantischen Postulate: auch PAULSEN spricht einmal vom "symbolischen Anthropomorphismus", den sie enthalten.

PAULSEN hatte KANT mit PLATON zusammengestellt in der Absicht, KANTs Verwandtschaft mit der früheren Metaphysik aufzuweisen: wir sollten in KANT "den echten Platoniker" nicht übersehen, sonst würden wir auch "den Kritiker nicht verstehen". Wir erkennen die Verwandtschaft KANTs mit Platon an, aber wir meinen, man könne auch den echten PLATO nicht verstehen, wenn man den Kritiker in ihm übersieht. Gerade dieses kritische Element aber verbindet PLATON und KANT nicht minder als das metaphysische, ja vielleicht mehr als das letztere.

Das kritische Element bei PLATON zeigt sich nun aber insbesondere darin, daß er einsieht, daß uns für die letzten und höchsten Probleme nur Metaphern übrig bleiben oder wie KANT sagt, Analogien. Dieses Bewußtsein war eben bei KANT nicht minder stark als bei PLATON. Dem Schlagwort: "Kant ein Metaphysiker" kann man das gleichwertige gegenüberstellen: "Kant ein Metaphoriker". - -

Diese vor 20 Jahren geschriebenen Ausführungen enthalten auch schon meine Antwort auf dasjenige, was der Verfasser des "Platonismus und die Gegenwart" über, bzw. gegen die Philosophie des Als Ob sagt. Er erkennt zwar die Bedeutung derselben für den gegenwärtigen Zustand der Philosophie an, hält dieselbe aber für eine bloße Übergangserscheinung, die überwunden werden müsse: er glaubt, daß die Fiktionen Übergänge sind zu einer neuen Realität der Ideen und Wegleiter dazu.
    "Die Stellung und Bedeutung der Fiktion bei KANT werden wir erst erfassen müssen, bevor wir über die Fiktion hinaus wieder zur Idee fortschreiten können, Idee aber nicht als  regulatives Prinzip  gefaßt - auch diese Formel ist wie die Fiktion viel zu schwach, um die Empirie, das Singuläre theoretisch und praktisch zu überwältigen - sondern um über die Fiktion hinaus wieder die reale Idee, den Platonismus zurückzugewinnen. Wir werden nach der stärksten philosophischen Waffe greifen müssen - das ist der Platonismus -, um das unphilosophische Zeitalter - es war bis heute trotz aller Bemühungen der Philosophen unphilosophisch, weil es metaphysiklos war - zu überwinden und abzulösen." (Seite 59)
Ich könnte stolz darauf werden, daß zur Bekämpfung den neuen PROTAGORAS nicht die Gegenwart genügt, sondern daß man dazu den alten Platon zu Hilfe rufen muß. Aber ich fürchte, daß diese "stärkste Waffe" versagen wird: denn in PLATON steckt ja schon selbst der Fiktionalismus darin. Das weiß der betreffende Verfasser natürlich auch selbst, ja er verlangt "die Wiederbelebung und Erneuerung des Platonischen Mythos". Dann wird aber die Auflösung der für real gehaltenen "Ideen" in Mythen wieder bald vor sich gehen und man steht dann wieder vor dem Fiktionalismus, den man eben nur dadurch überwinden kann, daß man ihn in sich aufnimmt.

Nach dieser Zwischenbemerkung kehre ich zur Hauptsache zurück: diese besteht an dieser Stelle darin, daß der Verfasser des "Platonismus und die Gegenwart" mit LIEBERT und mit mir darin übereinstimmt, daß das Schwanken und Schillern in KANTs Als-Ob-Lehre, das für alle drei unzweifelhaft vorhanden ist, nicht ein Zeichen von Schwäche ist, sondern ein Symptom des inneren Reichtums des großen Mannes: eben weil er alle Seiten der menschlichen Natur in sich hat, eben weil er nicht bloß Dogmatiker, sondern auch Skeptiker, nicht bloß Metaphysiker, sondern auch Positivist ist, eben deshalb kommen bei ihm diese entgegengesetzten Tendenzen gleichzeitig zur Geltung. Seine antithetische Geistesnatur ist ja eben dasjenige, was ihn erst befähigte, der große Mann zu werden, der er wurde: "KANT ist der komplizierteste und problematischste Charakter der Neuzeit, der eben dadurch zum ... Typus des in inneren Konflikten sich abringenden letzten Jahrhunderts geworden ist", wie es sehr treffend im dem Buch über den Platonismus Seite 62 heißt.

Dieses gemeinschaftliche wichtige Ergebnis der Entwicklung der Wissenschaft über KANT, der Kantwissenschaft, darf als der bedeutsamste Fortschritt der Erkenntnis des Kantischen Wesens bezeichnet werden. Umso bedauerlicher ist es, daß ADICKES, sonst im übrigen jetzt entschieden neben MENZER einer der besten Kenner KANTs, sich diesem Fortschritt nicht angeschlossen hat. Ja er ght sogar über seinen Lehrer und Freund PAULSEN zurück. Letzterer erkannte ganz richtig, trotzdem gerade er KANTs Anschauungsweise in letzter Linie für die Metaphysik in Anspruch nahm, doch an, daß bei KANT ein beständiges Schillern und Schwanken zwischen der Metaphysik einerseits und einer Skepsis andererseits vorhanden ist. PAULSEN erkannte in KANT neben dem Metaphysiker doch auch noch den Skeptiker und erklärte eben daraus die widerspruchsvolle Haltung KANTs, die er nicht ableugnete, sondern im Gegenteil überall herausstrich. ADICKES aber geht weit über PAULSEN zurück zu jener alten Methode, die Widersprüche bei KANT einfach hinwegzudisputieren und hinwegzu"interpretieren".

In seinem umfangreichen und ebenso inhaltsreichen Werk "Kants Opus posthumum dargestellt und beurteilt" (Ergänzungsheft Nr. 50 zu den "Kantstudien", Berlin 1920, Seite XX und 855 bekämpft ADICKES meine Darstellung der Kantschen Als-Ob-Lehre und speziell der Kantschen Als-Ob-Betrachtung der Gottesidee sehr energisch. Da ich nun auf dem Titelblat dieses Werkes von ADICKES neben FRISCHEISEN-KÖHLER und LIEBERT als Mitherausgeber stehe, so könnten Unkundige zu der Meinung verführt werden, daß ich mich etwa durch die Ausführungen von ADICKES als überholt bekenne. Das ist nicht der Fall: ich habe dem Genannten volle wissenschaftliche Freiheit lassen wollen, nehme diese aber auch für mich selbst in Anspruch. Freilich bin ich sehr im Nachteil: jetzt fast völlig erblindet, kann ich nicht das ganze Rüstzeug anwenden, das mir früher zu Gebote stand, und muß mich auf das Allernotwendigste beschränken. Wer wie ich keinen einzigen Buchstaben mehr selbst lesen noch selbst schreiben kann und zu allem fremde Augen und fremde Hände braucht, für den ist es überaus erschwert, einen wissenschaftlichen Kampf zu führen.

ADICKES geht von der alten und doch wohl auch veralteten Anschauung aus, ein großer Mann, ein großer Geist, ein großer Denker sei eine absolut festgefügte, absolut geschlossene innere Einheit und könne sich deshalb niemals widersprchen innerhalb einer und derselben Periode seines Lebens. Könne oder müsse man also einem solchen Mann Widersprüche nachweisen, so sei es um seine Größe geschehen. Es ist dies fast so, wie Kinder sich einen König vorstellen: er muß eine goldene Krone und ein Szepter haben, sonst ist er eben kein König. Die Psychologie der großen Männer ("La psychologie des grands hommes", wie ein neueres französisches Werk dieses Wissenschaftsgebiet bezeichnet, dem sich bei uns auch OSTWALD zugewendet hat), darf doch nicht von solchen apriorischen Voraussetzungen ausgehen. Man muß die großen Männer nicht nach einem beliebigen Schema konstruieren, sondern in der konkreten Wirklichkeit studieren. So steht es in vielen Büchern, die besonders für die Jugend geschrieben sind, z. B. "ein wahrhaft großer Mann ist nie eitel." Aber es gibt doch recht große Männer, die an Eitelkeit nichts zu wünschen übrig ließen, so z. B. RICHARD WAGNER und selbst ein BEETHOVEN zeigte GOETHE gegenüber eine beleidigende Eitelkeit. Ähnlich apriorische Eigenschaftsurteile kann man öfters in Jugendschriften lesen, und es ist gewiß ganz gut, daß die Jugend in der Ehrfurcht vor den großen Männern erzogen wird. Aber der wissenschaftlichen Untersuchung halten jene apriorischen Konstruktionen nicht stand. So ist es auch mit der angeblichen Eigenschaft der Widerspruchslosigkeit großer Denker. Die Lehren PLATONs sind voll von Widersprüchen und darum ging ein ARISTOTELES über ihn hinaus. Dasselbe gilt wiederum von ARISTOTELES selbst, ebenso von CARTESIUS, SPINOZA, LEIBNIZ und KANT. Die Werke KANTs, von dem ich hier speziell sprechen will, sind freilich Produkte tiefen und langen Nachdenkens, aber sie sind doch nicht "ausgeklügelte Bücher", wie es im bekannten Gedicht von CONRAD FERDINAND MEYER heißt, sondern Eruptionen aus eine glühenden Innern, Ausstrahlungen innerer Kämpfe und Revolutionen und darum können sie niemals so widerspruchslos sein, wie ein mathematisches Lehrbuch. Darum entstanden Spannungen und Brüche, Gegensätze und Widersprüche in diesen Werken. Wer diese nicht sieht, ist ebenso blind, wie derjenige taub ist, der sein Ohr den Stimmen verschließt, die jene Widersprüche aufdecken und offenheraussagen. Das führt dann dazu, daß man entweder jene Widersprüche einfach wegleugnet und damit nicht bloß dem Wortlaut, sondern auch dem Geist des Autors Gewalt antut, oder es führt dazu, daß man, wenn man die Widersprüche nicht mehr leugnen kann, die Größe des betreffenden Geistes wegleugnen zu müssen glaubt. Dann heißt es eben: entweder hat der Betreffende, sagen wir also KANT, sich widerspruchen, dann ist er eben kein großer Geist - oder er ist ein großer Geist, dann kann er sich nicht widersprochen haben. Daß dieses Entweder-Oder falsch ist, das ist das Thema dieser Ausführungen.

Also von jenem alten oder besser veralteten Standpunkt aus hat ADICKES gegen meine Darstellung der Kantischen Als-Ob-Lehre im Opus postumum polemisiert, zunächst im § 304 (Seite 709 - 711) gegen meine Darstellung von KANTs Lehre vom Ding ansich daselbst, das ihm dort immer mehr aus eine Hypothese zu einer Fiktion geworden ist. ADICKES meint, ich könne von meinem "Standpunkt" aus nicht die "Einschränkeungen und Vorbehalte" erklären, welche KANT aber gleichzeitig daselbst gegen diese radikale Auffassung gemacht habe. Ich könnte den Spieß umdrehen und sagen, daß ADICKES von seinem konservativen Standpunkt aus nicht "erklären" könne, wie KANT, wenn ihm doch die metaphysische Realität der Dinge ansich eine so sichere Überzeugung gewesen wäre, zu jenen radikalen Äußerungen gelangt wäre. ADICKES sucht diese radikalen Äußerungen KANTs durch "Interpretation" wegzubringen. Dazu bin ich meinerseits weder verpflichtet noch geneigt: ich brauche aus KANT jene konservativen "Einschränkungen und Vorbehalte" gar nicht hinwegzuinterpretieren, denn ich habe ja von vornherein immer und immer wieder betont, daß KANT über diesen Punkt widerspruchsvolle  Äußerungen  getan habe. Diese Widersprüche brauche ich gar nicht zu "erklären", sondern ich konstatiere sie einfach, ich nehme sie als Tatsachen hin, weil ich von vornherein nicht der Meinung bin, ein Mann wie KANT könne sich gar niemals widersprechen. Daß diese Widersprüche im Opus postumum viel stärker auffallen, als in seinen früheren Schriften, weil sie im O. p. viel dichter nebeneinander stehen, erklärt sich zunächst einfach daraus, daß letzteres kein für die Öffentlichkeit bestimmtes Manuskript ist, sondern vorläufige Aufzeichnungen für den Verfasser allein enthält, die wohl gar nicht für fremde Augen bestimmt waren. Gerade dies übersieht man zu leicht beim O. p. So "erklärt" sich von selbst das dortige "Schwanken", so, wie dem rastlosen Denker solche Widersprüche nebeneinander "aus der Feder fließen" konnten. Man braucht dazu also kaum die Hypothese von ADICKES, es habe, wie er im § 327, Seite 772 sagt, "KANTs Kraft nicht mehr ausgereicht", "die verschiedenen Gesichtspunkte auf einmal zu übersehen". Immerhin mag dies mitgewirkt haben. Aber dieselben Widersprüche, wenn auch nicht in ganz so schroffer Nähe, finden sich ja auch in KANTs früheren Schriften. Das "Interpretieren", welches ADICKES auch in diesem § 327 für sich in Anspruch nimmt, und dessen Gefahr, in ein "willkürliches Verfahren" sich umzuwandeln, er selbst kennt, brauche ich von meinem Standpunkt aus gar nicht auszuüben. Ich gebe meinen Lesern diejenigen Stellen, auf die es mir ankommt und lasse sie selbst urteilen, wiederhole aber bei jeder Gelegenheit, daß KANT gleichzeitig auch gegensätzliche Äußerungen mache.

Vom Standpunkt, den ADICKES einnimmt, ist es ihm ganz unmöglich, die auch von ihm zugegeben "widersprechenden Behauptungen nebeneinander" über die Gottesidee anders hinwegzubringen als durch "Interpretieren", wie dann auch der § 343, Seite 827 - 833 aufs neue wiederholt. Dieses Interpretieren besteht darin, daß ADICKES die ihm und seiner konservativen Auffassung unbequemen Äußerungen KANTs so lange drückt und biegt und schiebt und schwächt, bis der Radikalismus hinweginterpretiert ist. Bei mir ist das umgekehrte Verfahren: ich lasse diese schroffen Differenzen, die nun einmal da sind, nebeneinander bestehen, und erkenne deren Gegensätzlichkeit von vornherein an. Es ist nicht richtig, wenn ADICKES sagt, daß ich auf die positiven Stellen "keine Rücksicht nehme": ich habe immer wieder auf deren Vorhandensein aufmerksam gemacht, aber ich habe sie nicht abgedruckt, weil das nicht in meinem Programm lag. ADICKES wirft mir "das Ungenügende meiner Lösung" vor. Aber ich habe ja gar keine Lösung der Widersprüche zu geben versucht, deren Vorhandensein für meinen Standpunkt gar kein Problem ist, sondern eine einfache Tatsache, die ich eben als "die antithetische Geistesnatur" KANTs bezeichnet habe. So brauche ich also von meiner Darstellung der Kantschen Als-Ob-Lehre nichts zurückzunehmen und brauche sie auch nicht zu ergänzen.

Bei diesem Sachverhalt wird es jedermann Wunder nehmen, daß ADICKES, wie ich nachträglich finde, zu folgenden Äußerungen sich versteigt: Meine Zitate aus KANT seien "aus dem Zusammenhang gerissen (Seite 710 und 711), in denselben seien die "Vorbehalte und Einschränkungen KANTs" unberechtigterweise weggelassen, wenn auch diese Weglassungen durch Punkte in üblicher Weise gekennzeichnet worden seien (Seite 710) und so sei mein Verfahren geradezu "wissenschaftlich unerlaubt" (Seite 772). Darüber hält sich ADICKES lange auf und hält damit auch seine Leser lange auf.

Ich will nicht Böses mit Bösem vergelten: Meine moralischen Anschauungen und Gewohnheiten sind zwar nicht "metaphysisch verankert", aber sie sind mir so zur zweiten Natur geworden, daß ich auch einem so, milde ausgedrückt, ungewöhnlichen und im vorliegenden Fall geradezu unerhörten Vorwurf gegenüber mit der größten Ruhe und Objektivität antworten kann. Im Grunde genügt schon dasjenige, was ich bisher gesagt habe. Ich habe in früheren Publikationen längst vor dem Erscheinen der "Philosophie Als Ob", wie oben erwähnt wurde, darauf hingewiesen, daß bei KANT entgegengesetzte Strömungen gleichzeitig vorhanden sind, die sich an den einzelnen Stellen oft in wunderlichster Weise mischen und durchkreuzen. Ich darf voraussetzen, daß die Kenntnis davon nicht bloß bei Fachmännern, sondern auch in weiteren Kreisen vorhanden ist. Ich habe aber auch in der Ph. d. A. O. selbst darauf oft und energische die Aufmerksamkeit gerichtet, so daß keine Leser des Buches darüber im Zweifel sein kann, daß bei KANT jene beiden Strömungen überall gleichzeitig da sind.

Schon im ersten Teil der Ph. d. A. O. Seite 269f sage ich ausdrücklich, daß "KANTs Interesse geteilt" sei, daß infolgedessen bei ihm "Widersprüche" gleichzeitig vorhanden seien, daß er daher in seiner Ideenlehre zwischen der Auffassung der Ideen als "Fiktionen" und als "Hypothesen" unklar hin und her schwankt.

Am Schluß des zweiten Teils der Ph. d. A. O. wird dasselbe Thema eingehend besprochen, Seite 595f bei Gelegenheit der Erörterung des "fiktiven Urteils": dort wird sechsmal der Ausdruck "Vermischung" auf KANT angewendet, in dem gezeigt wird, daß er die fiktive und die hypothetische Auffassung der Ideen in "unklarer" Weise durcheinander bringe, und beides miteinander "verwechsle".

Im dritten Teil der Ph. d. A. O., in welchem sich Seite 613 bis 733 ausschließlich mit KANTs Als Ob-Lehre beschäftigen, habe ich ebenfalls an verschiedenen Stellen volle Klarheit über die Sachlage gegeben und meinen Lesern von vornherein reinen Wein eingeschenkt. So heißt es auf Seite 619 von der Ideenlehre: "Diese wunderbare Lehre wird vielfach nicht richtig aufgefaßt, weil KANT selbst nach seiner stilistischen Eigenart seine Lehre unter allerlei Verklausulierungen verbirgt, in immer neuen Wendungen, und doch dabei mit unzähligen Wiederholungen, die dazu teilweise untereinander nicht einmal harmonieren. Wir stellen im Folgenden den Kern der Lehre scharf und klar heraus und so kurz wie überhaupt möglich." Nach dieser deutlichen Angabe meines methodischen Verfahrens heißt es dann weiter, daß für meine Behandlung von KANTs Ideenlehre ein bestimmter "Gesichtspunkt" maßgebend sei nämlich die Kantische Betrachtung der Ideen als "heuristische Fiktionen" in der schon oben angeführten "klassischen Stelle" aus der Methodenlehre der Kr. d. r. V. Dann heißt es: "Wir wollen diese Lehre nun, vom Anfang der Transzendentalen Dialektik an, in Kürze verfolgen und von jenem Gesichtspunkt aus betrachten." Deutlicher kann man dem Leser nicht mehr sagen, daß bei der Darstellung der Ideenlehre für die Wahl der Stellen und für deren Betrachtung ein bestimmter, natürlich einseitiger "Gesichtspunkt" maßgebend sei, unter absichtlicher, aber durchaus erlaubter Abstraktion von anderen Gesichtspunkten, deren Vorhandensein und Wichtigkeit ausdrücklich und laut betont wird. Zum Überfluß, um selbst dem schwächsten nicht mißverständlich zu werden, sage ich auf Seite 639:
    "Mit diesem Ausblick schließen wir die Analyse der Kritik der reinen Vernunft und bemerken noch ausdrücklich, daß in der vorstehenden Analyse nur diejenigen Stellen herausgezogen und erörtert sind, welche für unsere Theorie der Fiktion sprehen. Aber bei KANT finden sich in demselben Zusammenhang auch vielfach Stellen, welche eine entgegengesetzte Auslegung zulassen, ja fordern. KANT hat sich bekanntlich sehr vielfach widersprochen; daß diese vielfachen Selbstwidersprüche kein Gegenbeweis gegen seine Größe sind, ist nur dem Philister unverständlich. Es liegt eben in KANTs Entwicklung und im ganzen Zeitmilieu begründet, daß bei KANT zwei Strömungen vorhanden sind, eine kritische und eine dogmatische, eine revolutionäre und eine konservative. Die beiden Seelen KANTs liegen manchmal bei ihm im Streit und so finden sich auch viele Stellen bei KANT, in denen er seinen kritischen Standpunkt abschwächt."
Ganz im Einklang damit heißt es dann auf Seite 632: "Ganz verschwinden in dieser (der Kritik d. pr. Vernunft) die radikalen Momente nicht. Unserer Tendenz gemäß heben wir hier wiederum nur diese radikalen Momente heraus, und auch nur insofern, als sie mit einiger Entschiedenheit sich geltend machen." So wird also von mir jeder Leser immer wieder aufs neue daran erinnert, daß meine Darstellung der Kantischen Ideenlehre von einem bestimmten "Gesichtspunkt" aus gegeben wird und geleitet ist von einer "Tendenz" und daß ich demgemäß alle anders lautenden Stellen weglasse. Doch habe ich gelegentlich, ja öfters auch solche Stellen angeführt, in welchen KANT seine radikale Ideenlehre abschwächt, so besonders Seite 678 Stellen aus der Kritik der Urteilskraft und dort heißt es dann: "Damit hat KANT seine kritische Als Ob-Lehre wenigstens an dieser Stelle selbst aufgegeben. Er bleibt hier nicht auf der Höhe, die er mit so glänzenden Erfolg erreicht hat." Überhaupt habe ich gezeigt, daß KANTs Ideenlehre nicht stationär ist, sondern sich in beständiger Bewegung befindet, bald nach rechts oder links, bald nach unten oder oben, nd in diesem Sinne heißt es nun Seite 652 von KANTs "Grundlegung zur Metaphysik der Sitten" sehr klar: "In dieser prächtigen Stelle hat KANT überhaupt den absoluten Höhepunkt seiner kritischen Philosophie erreicht." Genügend gerechtfertigt habe ich es, und deutlich genug habe ich es oft gesagt, daß ich meinerseits für meinen Zweck nur die negativ lautenden Stellen über die Ideen als Fiktionen heraushebe, und darum absichtlich "auf dogmatisch klingende Stellen keine Rücksicht nehme" (Seite 724).

Im Abschnitt über FORBERG, Seite 733f, weise ich nochmals auf die "Abstufungen" in KANTs Ideenlehre hin, auf sein Schwanken zwischen äußerstem Radikalismus und gemäßigtem Standpunkt und spreche ausdrücklich von der "radikalen Strömung" bei KANT (Seite 734), also im Unterschied von anderen Strömungen. Wenn in demselben Abschnitt Seite 750 in der Anmerkung gesagt wird, KANT habe sich "schließlich zu einem konsequenten entschiedenen Standpunkt durchgerungen" im Sinne des Fiktionalismus, so ist diese Stelle natürlich im Sinne meiner früheren Äußerungen auszulegen, daß nämlich im Opus postumum der Fiktionalismus als solcher eine schärfere Formulierung als früher gefunden habe, daß aber die konservative Strömung als solche stets daneben hergegangen sei. Jedenfalls kann ich für eine derartige Stelle das von ADICKES für KANT aufgestellte methodische Prinzip in Anspruch nehmen, daß scheinbar widersprechende Stellen nach den Hauptstellen zu "interpretieren" sind. Eine solche Hauptstelle steht für alle sichtbar in den Vorbemerkungen des Buches (1. Auflage, Seite XIV und 2. Auflage Seite XVIII) und ebenso in allen folgenden Auflagen: Dort spreche ich ausdrücklich von der "radikalen Unterströmung" bei KANT, und spreche davon, daß ich meinerseits nur "diesen radikalen KANT zur Geltung bringen will", ohne damit den Metaphysiker KANT wegleugnen zu wollen, auf den ich vielmehr überall und immer mit dem Finger hinweise.

All das hat ADICKES übersehen und kämpft gegen mich, als ob ich nur den radikalen KANT gesehen hätte und habe sehen wollen. Er billigt mir zwar die bona fides [guten Glauben - wp] zu, indem er auf Seite 711 sagt: "VAIHINGERs Aufmerksamkeit war so einseitig auf die seiner Auffassung günstigen Wendungen eingestellt, daß er die große Bedeutung jener Vorbehalte und Einschränkungen gar nicht merkte - anderfalls würde er sie selbstverständlich mit zum Abdruck gebracht haben. " Mit diesen Worten hat ADICKES sein eigenes Verfahren aufs treffendste gekennzeichnet: Ausgehend von der Auffassung PAULSENs, KANT sei im Grunde seines Herzens ein Metaphysiker im Sinne von PLATON und LEIBNIZ, hat er selbst bei der Lektüre der "Philosophie des Als-Ob" sich ganz einseitig eingestellt und hat garnicht erkannt, daß es mir durchaus nicht darauf ankommt, bei meiner Darstellung von KANT Radikalismus KANTs metaphysische Neigungen wegzuleugnen. Indem er mich aber des Letzteren beschuldigt, macht er sich selbst einer objektiv falschen Wiedergabe meiner Lehre schuldig. Ich überlasse es dem Urteil aller Billigdenkenden, wessen Verfahren die Bezeichnung "Wissenschaftlich unerlaubt" verdiene, ob das meinige der das von ADICKES?

Noch ein Punkt. ADICKES sagt Seite 711: "Wie in der Kritik der reinen Vernunft steht auch noch im O. p. neben und über dem Transzendentalphilosophen der Mensch KANT, der vom transsubjektiven Sein der Dinge an sich als von einer Selbstverständlichkeit innigst überzeugt ist und stets überzeugt war." Die beste Antwort hierauf gibt das Buch "Der Platonismus und die Gegenwart"; das ein umso unverdächtigerer Zeuge ist, als es im Prinzip ganz auf demselben metaphysischen Boden steht und dieselbe gegnerische Stellung gegen die Als-Ob-Philosophie einnimmt, wie ADICKES selbst. Dort heißt es Seite 63:
    "Die populäre Vorstellung sieht in KANT nur den reinen Denker, bei dem das Intellektuelle hypertrophische Ausbildung erfahren habe.
Die wissenschaftliche Behandlung KANTs ... hat dieser irrigen Auffassung durch eine einseitie Darstellung Vorschub geleistet, indem das ganze Interesse fast ausschließlich auf das theoretische Werk als solches nach seinem reinen Sachgehalt gelenkt war, worüber der menschliche Untergrund, aus dem es hervorgewachsen war, aus dem es sich ständig bis zum Ende speiste, die tieferen seelischen Motive vielfach übersehen wurden."

Die Historiker KANTs haben, wie es Seite 62 heißt, wohl den Gegensatz zwischen Pietismus und Aufklärung in KANT gesehen. "Insofern kommt die historische Tatsächlichkeit in der Entwicklung KANTs bei der wissenschaftlichen Auslegung und Darstellung voll zur Geltung. Aber die gefühlsmäßige Wucht dieses Gegensatzes, die unheimliche tragische Not dieses inneren Zwiespaltes bei KANT haben die Forscher meist verkannt und übersehen, weil die rein intellektualistische Verfassund der letzten Generation diesen Gegensatz innerlich, gefühlsmäßig, als erlebt gar nicht mehr nachempfinden konnte. Man meint, KANT habe kaltblütig eine reinliche Scheidung vorgenommen, habe gemächliche, gemütlich Wissenschaft und Religion auseinandergelegt. Die namenlose innere Not, die er hierbei durchlebte, die ihn zeitweise fast bis zur Verzweiflung tribe, die tragische Spannung dieses Gegensatzes, das innere Geladensein gleichsam von tragischer Spannung, das dieser Gegensatz in das Leben und Schaffen KANTs brachte, das vermochte man nicht mehr nachzufühlen."

ADICKES, der nach seiner "Selbstdarstellung" in der "deutschen Philosophie der Gegenwart", Leipzig 1921, jene tragische Spannung in sich selbst tief erlebt hat, müßte also eigentlich dieselbe auch bei KANT nachfühlen. Aber bei ADICKES ist jene Spannung längst ausgeglichen in einer einheitlichen metaphysischen Überzeugung. Das unterscheidet eben das Talent vom Genie; das Genie wird bis zum letzten Atemzug vom inneren Daimonion getrieben, und bei KANT ist eben jener Gegensatz niemals zu einem dauernden Ausgleich gekommen, immer wieer trieb ihn sein Daimonion bald dahin, bald dorthin, und noch im O. p. spricht er von seinen "tantalischen Qualen". Darin eben liegt die einzig mögliche Lösung des Rätsels, daß KANT bis zuletzt in so schroffer Weise die beiden gegensätzlichen Anschauungen über die Dinge ansich und über die Ideen, speziell die Gottesidee, in sich nebeneinander bestehen ließ. Dies hat das Buch "Der Platonismus und die Gegenwart" richtig erkannt und in dieser richtigen Erkenntnis liegt das große Verdienst dieses Buches.

Wie wenig ADICKES von seinem Standpunkt aus KANT gerecht werden kann, zeigt zum Schluß noch ein recht eklatanter Fall. ADICKES teilt Seite 829 aus HASSEs "Letzte Äußerungen Kants" (1804) folgendes mit.
    "Es ist ein Gott, rief er einst aus, und bewies das aus dem Benehmen der Schwalbe gegen ihre Jungen, die, wenn sie sie nicht mehr ernähren könne. sie aus dem Nest stoße, um sie nicht vor ihren Augen sterben zu sehen. Und dabei sprach er viel zugunsten des physikotheologischen und und teleologischen Arguments für das Dasein Gottes."
Diese Geschichte wird von WASIANSKI "Kant in seinen letzten Lebensjahren" (1804, Seite 192f) in folgender Weise bestätigt. "KANT hatte in einem kühlen Sommer, in dem es wenig Insekten gab, eine Menge Schwalbennester am großen Mehlmagazin am Lizent wahrgenommen und einige Junge auf dem Boden zerschmettert gefunden. Erstaunt über diesen Fall wiederholte er mit höchster Aufmerksamkeit seine Untersuchung und machte eine Entdeckung, wobei er anfangs seinen Augen nicht trauen wollte, daß die Schwalben selbst ihre Jungen aus den Nestern würfen. Voll Verwunderung über diesen verstandähnlichen Naturtrieb, der die Schwalben lehrte, beim Mangel hinlänglicher Nahrung für alle Jungen, einige aufzuopfern, um die übrigen erhalten zu können, sagte dann KANT: "Das stand mein Verstand still, da war nichts dabei zu tun, als hinzufallen und anzubeten"; dies sagte er aber auf eine unbeschreibliche und noch viel weniger nachzuahmende Art. Die hohe Andacht, die auf seinem ehrwürdigen Gesicht glühte, der Ton der Stimme, das Falten seiner Hände, der Enthusiasmus, der diese Worte begleitete, alles war einzig."

Diese Geschichte könnte man leicht zur Seite schieben: man könnte sagen, mangels eines schriftlichen Zeugnisses von KANT selbst sei die Erzählung verdächtig; man könnte sagen, KANT habe sich in seiner gutmütigen Rücksicht seiner damaligen Umgebung akkomodiert, er habe den ihn so treupflegenden Männern eine Freude machen wollen, und diese hätten dazu noch seine Äußerungen mißverstnden, übertrieben, ausgemalt usw. usw.. Ich halte die Erzählung in ihrem von HASSE mitgeteilten Kern für echt, abgesehen von der Kanzelrhetorik WASIANSKIs, dessen Bericht ich aber, um nicht aufs neue von ADICKES koramiert [öffentlich getadelt - wp] zu werden, ebenfalls vollständig mitgeteilt habe.

ADICKES spielt diese Geschichte als letzten und höchsten Trumpf gegen mich aus: "Ein Pantheist (was KANT nie war und nie sein wollte) hätte sich allenfalls ähnlich gehaben können, ein Mann, dem Gott nichts als eine bewußte Fiktion war, ohne Heuchelei niemals!" Zunächst erinnere ich hier an den schon oben angeführten Vers von GEIBEL, man solle in solchen Fällen nicht von "Heuchelei und Lüge" sprechen, "wo ist ein reich Gemüt, das nicht den Widerspruch noch in sich trüge?" Für KANT war eben Gott einerseits eine "bewußte Fiktion", wenn und solange er sich den dafür sprechenden Argumenten hingab, und er war für ihn ein lebendiges Wesen, wenn und solange er die andere Seite erwog. Daß KANT über diesen inneren Zwiespalt niemals definitiv hinauskam, das war eben seine innere Tragik. Ja, wenn KANT ein ADICKES gewesen wäre, dann, dann wäre er schon in jüngeren Jahren zu einer definitiven Entscheidung gekommen, genauso wie ich meinerseits schon früh die entschieden negative Stellung einnahm, die ich jetzt noch einnehme. Wir beide, ADICKES und ich, sind eben im besten Fall bloße Talente, KANT aber war ein Genie, und die Biographien aller Genies zeigen, daß in ihren Trägern von Anfang bis zuletzt eine dämonische Kraft wirkt, die sie hin- und herreißt.

Gerade wenn jene von HASSE und WASIANSKI erzählte Geschichte wahr ist, dann steht ja ADICKES mit seiner Anschauung über KANT vor einem unlösbaren Rätsel. Wenn KANT eine solch entschiedene Überzeugung von Gottes Existenz hatte, so frei von allen Zweifeln, so derb, möchte man fast sagen - wie konnte er dann jene schroffen negativen Stellen niederschreiben, in denen er in so scharfer und deutlicher Weise die Gottesidee als "Dichtung", als "nur eine Idee", als "heuristische Fiktion" bezeichnet? Diese ungeheure Diskrepanz läßt sich auch nicht durch "interpretieren" befriedigend wegbringen, sie läßt sich nur erklären auf dem oben geschilderten Weg einer ursprünglichen und bleibenden antithetischen Geistesart KANTs.

Da diese antithetische Geistesart KANTs eine dauernde Eigenschaft seines Wesens war, so ist es natürlich, daß, wenigstens seit 1781, die positiven und die negativen Aussagen über die Realität der Gottesidee sich nebeneinander finden, mit geringem Übergewicht bald nach der einen, bald nach der anderen Seite oder auch mit stärkerem Übergewicht gelegentlich nach einer der beiden Seiten. Die Stellen sind ja hinreichend bekannt, und die negativen, bzw. die Als-Ob-Stellen, habe ich wohl vollständig zusammengestellt. So habe ich ja auch oben die in der ja allerdings meist überschlagenen "Methodenlehre" der Kr. d. r. V. stehende bedeutsame Stelle über die Natur der Ideen als "heuristische Fiktionen" erörtert. So kann es sich also nach meiner Darstellung nicht darum handeln, daß KANT in seinem O. p. eine Fiktionstheorie, betreffend die Gottesidee, aufgestellt habe, die ganz neu sei. ADICKES polemisiert daher auf Seite 831f ganz unnötig gegen eine derartige Auffassung, die dahin ginge, daß KANT seine frühere theistische Anschauung später im O. p. "auf einmal aufgegeben habe" und plötzlich mit einer Fiktionstheorie aufgetreten sei. "Die Hypothese einer radikalen Sinnesänderung KANTs" habe ich doch nirgends aufgestellt und hatte dazu auch keine Veranlassung. Wenn ADICKES "die Kontinuität in KANTs Entwicklung wahren" will, so hat er also dazu mir gegenüber keinen Grund. Im Gegenteil: die im O. p. hervortretenden stärkeren negativen Wendungen, die man mit ADICKES als "Fiktionstheorie" bezeichnen kann, also diese fiktionstheoretischen Äußerungen, die trotz aller "Interpretation" nicht wegzubringen sind, wären sachlich und psychologisch ganz unverständlich, wenn KANT nicht schon in seinen früheren Schriften diese Fiktionstheorie gezeigt hätte, und das hat er doch 1781 schon reichlich getan und von da ab öfters wiederholt.

Daß die negativ lautenden Stellen in bezug auf die Gottesidee durch "Interpretation" nicht wegzubringen sind, das gibt ADICKES in einer eigenartigen Weise selbst zu. ADICKES unterscheidet an vielen Stellen, z. B. Seite 687, 700f, 824, 825, 830, 833, 834, scharf, sehr scharf zwischen dem "Standpunkt" der Transzendentalphilosophie KANTs einerseits und seiner religiösen Moralphilosophie andererseits. Für die erstere, "für die strenge Transzendentalphilosophie, kann Gott nun einmal nur als eine aus dem Menschengeist mit Notwendigkeit hervorwachsende Idee in Betracht kommen." "Für sie bilden das Ding ansich ebenso wie Gott nur eine notwendig aus unserer Vernunft hervorgehende Idee." Dies ist der "Standpunkt der strengen Wissenschaft". "KANT gesteht willig zu, daß die Transzendentalphilosophie, bzw. die reine philosophische Moral, über die Existenzfrage nichts ausmachen könne, daß für sie nur die von der Vernunft selbst hervorgebrachte Gottesidee in Betracht komme." "Die Stimme des kategorischen Imperativs wäre für die einseitge streng erkenntnistheoretische Betrachtung der Transzendentalphilosophie auch als Eigenprodukt der menschlichen Vernunft begreiflich." Diesem "Standpunkt" der Transzendentalphilosophie steht aber nach ADICKES bei KANT der "Standpunkt" der "Glaubensüberzeugung" gegenüber, wonach KANT niemals ernstlich am Dasein Gottes gezweifelt habe: seinem religiösen Glauben sei die Existenz Gottes als eigener Substanz immer zweifellos geblieben. Das ist ja nun in etwas anderen Worten genau dasselbe, was ich selbst mit LIEBERT und mit dem Verfasser des "Platonismus und die Gegenwart" behaupte. KANT ist eine antithetische Natur, in welcher die schroffsten Gegensätze gleichzeitig nebeneinander vorhanden sind, die dann auch zu ganz entgegengesetzten Äußerungen bei KANT führen. Was ADICKES von KANT aussagt, ist nichts anderes, als die alte, schon im Mittelalter hervorgetretene udn trotz aller Bekämpfung immer wieder siegreiche Idee der "doppelten Wahrheit": das Wissen führt zur Leugnung Gottes, das Glauben verlangt seine Existenz und ist davon überzeugt. Da ADICKES dies bei KANT konstatiert, so begrüße ich ihn als Gesinnungsgenossen und freue mich, daß er meine eigene Auffassung so schön bestätigt hat, und danke ihm für seine Unterstützung. Besseres konnte ich mir nicht wünschen. Aber wozu dann der ganze Lärm? -

Meine Aufgabe ist damit erledigt. Aber beim Interesse, das ADICKES für die HASSE-WASIANSKIsche Geschichte zeigt, und das sie wahrscheinlich auch sonst vielfach finden wird, möchte ich dazu noch einiges bemerken.

Man hat unzweifelhaft die Pflicht, alle Äußerungen eines KANT, so weit sie als echt bezeugt sind, mit ernstester Aufmerksamkeit entgegenzunehmen. Daß ich die HASSE-WASIANSKIsche Geschichte ihrem Kern nach für echt halte, habe ich schon gesagt. So habe ich auch die Erzählung von HASSE, schon als ich sie vor vielen Jahren zum erstenmal las, mit Ernst aufgenommen. Aber die rhetorischen Ausschmückungen und pathetischen Aufbauschungen, welche WASIANSKI angebracht hat, haben mir schon damals ein Lächeln abgewonnen. Dieses Lächeln ist aber diesmal doch, wie ich offen gestehe, zu einem herzlichen Lachen geworden: denn mir fiel dabei unwillkürlich eine andere kleine Geschichte ein, die mir unterdessen auch vor Jahren irgendwann und irgendwoher zugeflattert ist. Ein Lehrer, der mit seiner Klasse einen Spaziergang ins Freie macht, lenkt die Aufmerksamkeit seiner Schüler u. a. auch auf die Schwalben und Sperlinge, welche sich ihre Nahrung suchen, sich dazu Würmer aufpicken und dabei lebhaft zwitschern. "Da seht ihr, wie doch der liebe Gott auch für die Vöglein im Felde sorgt, und ihnen Nahrung gibt, und da hört ihr ja auch, wie die Vöglein dann dem lieben Gott durch ihr Jubilieren danken." Da rief ein zehnjähriger Knirps: "Herr Lehrer, jubilieren die Würmer auch, wenn sie von den Vöglein gefressen werden?"

Die von ihren Eltern mit so kluger Vorsicht, aber auch mit so großer Grausamkeit auf das Pflaster geworfenen jungen Schwalben werden ja wohl auch nicht jubilieren, sondern werden wohl durch den Fall schwere Verletzungen und große Schmerzen davongetragen haben und werden wohl langsam und jämmerlich zugrunde gehen. Wenn sie ein Bewußtsein ihrer Lage hätten, so würden sie wohl gegen jenen teleologischen Gottesbeweis und gegen die ganze Physiko-Theologie protestieren. In der Tat muß man ja wohl auch sagen, daß, wenn in der als kluge Vorsicht aufgefaßten instinktiven oder mehr oder minder bewußten Handlungsweise der alten Schwalben die Einwirkung eines höheren Wesens gesehen wird, dieses höhere Wesen zwar sicherlich sehr klug, aber zugleich auch sehr grausam sein muß. Würde es allmächtig sein, so würde man von ihm erwarten, daß es sein Ziel auf eine etwas weniger grausame und grausige Art erreichen könne. Man könnte weiter sagen, daß durch eine derartige Argumentationsweise zwar allerdings auf ein höheres Wesen geschlossen werden kann, dem man aber lieber den Namen eine Moloch oder eines Schiva, des indischen Gottes der Zerstörung, geben möchte.

Die Biographen KANTs erzählen, er habe sich sehr energisch dagegen ausgesprochen, daß seine Schrift über den Optimismus vom Jahr 1759 unter seine gesammelten Werke aufgenommen werde. Da KANT die anderen Schriften aus jener zeit, die er der Richtung nach doch in seinem Alter ebenfalls nicht mehr billigte, gerne wieder abdrucken ließ, so kann es also nicht bloß die Verschiedenheit des früheren vom späteren Standpunkt allein gewesen sein, die ihn abhielt, die Schrift von 1759 wieder abdrucken zu lassen. Er muß doch eine Art von Beschämung darüber empfunden haben, und tatsächlich ist jene Schrif sehr schwach und seiner nicht würdig. So hat KANT vielleicht auch, nachdem WASIANSKI zur Türe hinaus war, sich selbst gesagt, daß er mit jener Äußerung zu weit gegangen sei und daß jene gar zu optimistisch klingende Auffassung sich mit seinen sonstigen recht pessimistischen Anschauungen nicht vereinigen lasse. Mit Recht hat EDUARD von HARTMANN KANT als "Vater des Pessimismus" bezeichnet in einer eigenen Schrift, die sehr wohl einen Neudruck durch die Kantgesellschaft verdient, besonders wenn sie dann durch zahlreiche weitere Stellen aus KANTs Schriften erweitert würde. KANT hatte ein sehr lebhaftes Gefühl für das jämmerliche Elend der Welt und für die grausamen Einrichtungen der Natur. Dieser Wirklichkeitssinn ist eine der schönsten Seiten von KANT. Auch diese pessimistischen Äußerungen von KANT sind nicht überall mit seinen sonstigen Äußerungen in Harmonie zu bringen und so macht sich eben auch hier die antithetische Geistesart KANTs geltend, ohne deren Berücksichtigung ein volles Verständnis KANTs unmöglich ist.

KANT selbst würde also wohl, wenn er hier noch in eigener Person reden könnte, auf die HASSE-WASIANKIsche Geschichte nicht so hohen Wert legen, wie es ADICKES tut. Er würde es wohl letzterem allein überlassen, jene Schwalbengeschichte als einen richtigen Gottesbeweis aufzufassen. Da es aber gewiß immer noch genug Leute gibt, denen diese Geschichte imponiert, so wollen wir ihnen die Freude machen, diesem Gottesbeweis eine eigene wissenschaftliche Bezeichnung zu geben, wie ja auch die Botaniker und Zoologen den Fund einer neuen Pflanze oder eines neuen Tieres alsbald durch einen lateinischen Namen feiern. So wollen wir auch den von ADICKES gemachten Fund, diese aus der Vergangenheit ausgegrabene Beweisführung für das Dasein Gottes, lateinisch rubrizieren und klassifizieren als argumentum pro existentia Dei ex avicula e nido dejecta [Der Beweis für die Existenz Gottes, niedergeschlagen von dem kleinen Vogel aus dem Nest. - wp]. Mit dieser Signatur versehen mag der Beweis, um mit KANT etwas pathetisch zu sprechen, im "Archiv der menschlichen Vernunft" für alle Zeiten niedergelegt werden, aber nicht unter dem Namen KANTs, seines doch nicht mit völliger Sicherheit festzustellenden Erfinders, sondern unter dem Namen von ADICKES, des verdienstvollen und glücklichen Finders.

Aber die HASSE-WASIANSKIsche Geschichte hat noch eine Fortsetzung, die mir, weiß der Himmel woher, zu Ohren gekommen ist. Zwei zufällig vorübergehende Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, ein Geschwisterpaar, sahen einen solchen aus dem Nest herausgeworfenen kleinen Vogel auf der Straße liegen und bemerkten, daß er sich noch regte. Die Kinder hoben den schwerverletzten und schwerverletzten und schwerleidenden Vogel, um ihn nach Hause zu nehmen und ihn zu pflegen. Ein vorübergehender Unbekannter rief bei diesem Anblick aus: "Dieses Mitleid, diese echte Liebe ist das Einzige in der Welt, das wir das Göttliche nennen und das wir als Göttliche nennen und das wir als Göttliches verehren wollen." Ob dieser Unbekannte gerade ein Kantianer war, das weiß ich nicht zu sagen.
LITERATUR - Hans Vaihinger, Kants antithetische Geistesart, erläutert an seiner Als-Ob-Lehre in Max Oehler, [Hg] Den Manen Friedrich Nietzsches, München 1921