ra-2tb-1Emile du Bois-ReymondEmile MeyersonLeonard NelsonIdentität    
 
HANS VAIHINGER
(1852-1933)
Die Philosophie des Als Ob
[1/4]

"Ich bin überzeugt davon, daß der hier hervorgehende Punkt einmal ein Eckstein der philosophischen Erkenntnistheorie werden wird." - F. A. Lange

Vorrede zur zweiten Auflage

Ich habe in der ersten Auflage mich zunächst nur als "Herausgeber" dieses Werkes bezeichnet. Ich tat das aus gutem Grund und mit gutem Recht. Denn ich habe dieses Werk seinen wesentlichen Hauptstücken nach vor mehr als einem Menschenalter verfaßt: was der Fünfundzwanzigjährige geschrieben hat, dem steht der Sechzigjährige ganz anders und als ein ganze Andere, ja als ein Fremder, gegenüber. Mit gereifter Kritik sieht der Ergraute die vielen Unvollkommenheiten des Jugendwerks und er mußte es daher für eine Art Anmaßung halten, wenn er ohne weiteres der wissenschaftlichen Welt zumutete, das als sein Werk aufzunehmen, was nicht mehr sein Werk ist und das doch seinen unterdessen bekannt gewordenen Namen getragen hätte.

Nun hat aber die wissenschaftliche Welt selbst gesprochen und hat das Werk als ein nicht unbedeutsames Glied in der Entwicklung der heutigen Philosophie in Anspruch genommen. Auch die schärfsten Gegner haben anerkannt, daß in diesem Buch Gedanken ausgesprochen seien, mit denen sich die Philosophie der Gegenwart auseinandersetzen müsse. Viele haben es ausgesprochen, daß durch dieses Buch die Philosophie nach den verschiedensten Seiten hin gefördert werden könne, ja einige sehen sogar in demselben das Buch, welches die Gegenwart braucht. So hat mich das öffentliche Urteil nunmehr dazu berechtigt und auch dazu verpflichtet, mich öffentlich als Verfasser zu nennen. Wenn ich freilich heute das Buch zu schreiben hätte, würde ich es natürlich ganz anders geschrieben haben: ich würde viele Mängel vermieden haben, aber es würde ihm die Frische und der Wagemut des jungen Stürmers und Drängers fehlen, welche dem Buch neben vieler Gegnerschaft doch auch viele Freunde erworben haben.

Man hat mich oft gefragt, warum ich das Werke denn nicht zur Zeit seiner Abfassung herausgegeben habe? Man hat es mir sogar als Mangel an Mut ausgelegt, daß ich das nicht getan habe. Aber der Grund war ein ganz anderer. Ich hatte den ersten grundlegenden Teil des nun hier vorliegenden Buches im Winter 1876/77 in Straßburg rasch niedergeschrieben aufgrund mehrjähriger Beschäftigung mit diesen Gedanken; ich reichte dann das Manuskript als Habilitationsschrift daselbst ein und erhielt infolge des günstigen Urteils von LAAS die  venia legendi  noch im Februar 1877. Die Gedanken des Buches beschäftigten mich schon seit 1873 in Tübingen, Leipzig und Berlin. Als ich im Herbst 1876 LAAS kennen lernte, der eben sein erstes philosophisches Werk veröffentlicht hatte, standen meine Gedanken schon fest; sie waren im wesentlichen beeinflußt durch mathematische und naturwissenschaftliche Studien, besonders durch den damals in seiner Vollblüte stehenden Darwinismus und dessen erste Anwendungen auf das geistige Leben. Diejenigen Philosophen, die mich am stärksten gepackt hatten, waren KANT und SCHOPENHAUER, sowie der von beiden abhängige F. A. LANGE. Aber auch FICHTE und HEGEL waren von Einfluß auf mich. Gleichzeitig aber lernte ich den Positivismus und Empirismus von JOHN STUART MILL kennen. Um dieselbe Zeit trat die Psychologie eines WUNDT und STEINTHAL in mein Leben ein. Vorher aber hatten schon die "Psychologischen Analysen auf physiologischer Grundlage" von HORWICZ einen unauslöschlichen Eindruck auf mich gemacht. Diesem trefflichen Werk verdanke ich den energischen Hinweis auf die grundlegende Rolle des Reflexschemas für die Psyche, das auch meinem Werk zugrunde liegt. Alles Seelenleben ist hiernach eine weitere Ausbildung des Reflexvorganges: Einwirkung von außen, innere Verarbeitung, Wirkung nach außen. Die inneren Verarbeitungen dienen nur als Überleitungen für die  von außen  kommende Einwirkung zu der  nach außen  sich entladenden Tat. Als solche inneren Verarbeitungen und Überleitungen erkannt ich die Fiktionen, die eben schließlich nur dem praktischen Zweck dienen, dem Handeln. Schon von KANT, FICHTE und SCHOPENHAUER her hatte ich die Überzeugung, daß das Denken dem Wollen, dem Handeln diene. So entstammen meine Anschauungen idealistischen und positivistischen Anregungen zugleich.

In den Jahren 1877 und 1878 war ich damit beschäftigt, das Manuskript für den Druck gänzlich umzuarbeiten. Aus dieser Zeit stammt eine große Anzahl von Konvoluten, welche als druckfertig gelten konnten. Mitten in dieser Arbeit traf mich im Januar 1879 eine völlige Veränderung meiner äußeren Lage. Ich konnte mich nicht mehr ruhigem Nachdenken über die mir am Herzen liegenden Probleme hingeben, sondern mußte mich nach lohnenderer Arbeit umsehen. Um jene Zeit hatte ich im Interesse der Drucklegung meines Werkes mich mit KANT häher zu beschäftigen begonnen, was bis dahin nicht der Fall gewesen war; ich hatte aus allerlei Erinnerungen der ersten Lektüre einiger seiner Werke und aus allerlei sekundären Darstellungen gemerkt, daß bei KANT schon die Fiktion eine Rolle spielem müsse, wußte jedoch noch nicht, ob und inwieweit diese Ahnung richtig sei. So hatte ich zu diesem Zweck seminaristische Übungen abgehalten, speziell über KANTs Prolegomena. Bei dieser Gelegenheit entdeckte ich um dieselbe Zeit die unterdessen bekannt gewordene "Blattversetzung in Kants Prolegoma", die besagt, daß ein wesentlicher Teil, der in den § 2 der Einleitung hineingehört, in den § 4 hineingeraten war, jedenfalls durch eine rein äußerliche versehentliche Versetzung eines geschriebenen oder gesetzten Blattes beim Druck, den ja KANT selbst nicht überwachen konnte. Fast hundert Jahre lang hatten Hunderte, Tausende, ja Hunderttausende von Augen auf den Prolegomena geruht, ohne das zu bemerken. Diese Entdeckung schien mir eine Bürgschaft dafür zu sein, daß mir die scharfe logisch-philologische Analyse eines philosophischen Schriftwerkes gelingen müßte und so entwarf ich den Plan eine Kommentars zu KANTs Kritik der reinen Vernunft, deren hundertjähriges Jubiläum bevorstand. Diese Arbeit, die mir die äußere Existenz ermöglichte, dank dem weiten Blick des großen Verlegers WILHELM SPEMANN, beschäftigte und absorbierte mich nun von 1879 - 1883.

Als ich im Jahre 1884 nach Halle a. S. kam, war meine Gesundheit so erschüttert, daß ich neben der Amtstätigkeit keine Zeit und Kraft zu produktiver Arbeit mehr übrig hatte. Sowie sich meine Gesundheit besserte, nahm ich von 1890 an den zweiten Band meines Kantkommentars in Angriff, der 1892 erschien. Dann kamen neue Störungen der Gesundheit und der Arbeitsruhe; als diese Störungen der Gesundheit und der Arbeitsruhe; als diese Störungen der Gesundheit und der Arbeitsruhe; als diese Störungen vorüber waren, gründete ich Ende 1895 die "Kantstudien", deren Leitung mir neue Arbeiten in einem ganz ungeahnten Umfang auferlegte, ich hatte mir die Redaktionsarbeit viel geringer vorgestellt, als sie tatsächlich war, sowohl extensiv als intensiv. Doch wollte ich die Zeitschrift nicht eingehen lassen, deren wissenschaftliche Bedeutung immer mehr anerkannt wurde, und so brachte ich ihrer Fortführung viele Opfer an Zeit und Kraft.

Um jene Zeit, ca. 1898, trat ein Neues in meinen geistigen Horizont ein, die Bekanntschaft mit den Schriften NIETZSCHEs. Der Entwicklung der deutschen Philosophie in den zwanzig Jahren von 1878 - 1898 hatte ich nicht mit allzu großer Freude zugesehen: auf der einen Seite eine experimentelle Psychologie, die an sich sehr wertvoll war, die aber über der Beschäftigung mit teilweise recht unbedeutenden Einzelheiten den Blick für die großen Gesichtspunkte der Psychologie selbst zu verlieren schien, die ich oben im Anschluß an HORWICZ kurz skizziert habe; auf der anderen Seite eine einseitig formal-logische Behandlung der erkenntnistheoretischen Fragen, die mir dadurch nicht viel zu gewinnen schien, daß der Unfruchtbarkeit dieser Erkenntnistheorie durch einen ethischen Einschlag, der mit einem grundlosen absoluten Wertbegriff operierte, nachgeholfen werden sollte. Der Mann, in dessen Richtung sich meine eigenen Gedanken bewegten, F. A. LANGE, wurden von den Zünftigen immer mehr vergessen und mißachtet. Ansätze zu neuen fruchtbaren Bildungen waren wohl vorhanden, aber sie kamen noch nicht recht zur Geltung. So konnte auch ich nicht hoffen, daß mein eigenes Werk, das ich natürlich niemals ganz aus den Augen verlor, Beachtung finden würde. Auch wenn ich die Zeit und die Kraft gehabt hätte, es zu Druck fertig zu machen, konnte ich unter den damaligen Verhältnissen auf keinen tieferen Erfolg rechnen.

Um jene Zeit also, 1898, lernte ich NIETZSCHEs Schriften erst kennen, wie ich dies in den folgenden "Vorbemerkungen zur Einführung" schon in der 1. Auflage geschildert habe. Hier war ein ganz frisches Quellwasser, hier waren Ideen, unabhängig von den traditionellen Fragestellungen und Formulierungen - und diese revolutionären Ideen deckten sich in vielen Punkten mit den meinigen: in meiner Schrift "Nietzsche als Philosoph" habe ich das leise angedeutet. Und noch andere neue Strömungen begannen um jene Zeit, die ich in den folgenden "Vorbemerkungen" geschildert habe.

Nun sah ich, daß für mein Buch die Zeit gekommen war. Nach längerer Überlegung darüber, was ich mit dem vorhandenen Manuskript machen sollte, ließ ich mir zunächst von einem jüngeren Gelehrten eine Abschrift des aus dem Winter 1876/77 Stammenden herstellen. Um dieselbe Zeit, in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts, machten sich aber schon die schlimmen Anzeichen eines schweren Augenleidens bemerkbar. Und so kam ich zu der Erkenntnis, daß ich das Werk nicht mehr werde umarbeiten können, daß ich es vielmehr in der Gestalt und Fassung, in der es vorlag, werde herausgeben müssen.

Aber nun kam eine neue Ablenkung: der hundertjährige Todestag KANTs nahte heran und die Idee einer "Kantgesellschaft" tauchte in mir auf. Diese Idee war mir schon im Jahr 1897 durch den damaligen Verleger der "Kantstudien", ERNST MAASS, entgegengebracht und nahegelegt worden und ich hatte den eifrigen Kantforscher E. FROMM zur Begründung einer solchen Gesellschaft ins Auge gefaßt. Dieser aber verstarb früh. Nun ließ mir die idee, die im Kopf eines Anderen entstanden war, keine Ruhe: mit einiger Besorgnis ging ich an die Verwirklichung, gewarnt durch die Erfahrungen bei der Begründung der "Kantstudien", aber das Pflichtgefühl ließ mich nicht los: ich sah, daß ich der Einzige war, der - im Anschluß an die "Kantstudien" - eine solche Gesellschaft ins Leben rufen konnte. Auch dies absorbierte viel mehr Zeit und Kraft, als mir lieb war: denn ein anderes Pflichtgefühl, das gegenüber meinem eigenen und eigensten Werk, regte sich immer stärker und stärker.

Unterdessen hatte mein Augenleiden immer weitere Fortschritte gemacht und zwang mich, 1906 meine Amtstätigkeit aufzugeben. Die nun gewonnene Zeit und Kraft wurden sofort in den Dienst der Veröffentlichung der "Philosophie des Als Ob" gestellt, wie ich das Werk nun betitelte: der ursprüngliche Titel nebst der ursprünglichen Vorrede finden sich abgedruckt in meiner Selbstanzeige in den "Kantstudien" XVI (1911), Seite 108 - 115.

Im  ersten grundlegenden Teil,  der, wie gesagt, im Winter 1876/77 entstanden ist, habe ich einige unumgänglich notwendige Kürzungen sowie einige Umstellungen vorgenommen, worüber die in Kursiv gedruckten Noten unter dem Text kurz Rechenschaft geben. An einzelnen Stellen sind stilistische Härten und Unebenheiten beseitigt worden; außer ein paar gelegentlichen, einen Übergang herstellenden Worten sowie einigen Überschrifen,  wurde aber nicht das Geringste hinzugesetzt.  Es mußte so verfahren werden schon aus dem Grund, um das Interesse der Priorität, bzw. der Originalität meiner Ausführungen gegenüber eventuell irrigen Datierungsversuchen zu wahren. Man ersieht auch aus der benutzten Literatur, daß und inwieweit die Gedanken meines Buches aus dem damaligen Stand der Wissenschaft hervorwuchsen.

So wurde auch mit den aus den Jahren 1877/78 stammenden Abschnitten verfahren, welche jetzt den  zweiten, speziellen Teil  bilden, nur daß hier zwischen den einzelnen Paragraphen noch verbindende Übergänge geschaffen werden mußten. Auch wurden aufgrund der aus jenen Jahren stammenden Aufzeichnungen Lücken ausgefüllt, die sich in den §§ 18, 21, 23, 27, 28 fanden.

Für den  dritten, historischen Teil  lagen zunächst nur die aus jenen Jahren stammenden Kollektaneen vor. Aufgrund dieser wurde nun der ganze dritte Teil neu niedergeschrieben. Die Belege Seite 711 - 733 aus dem erst nach 1878 bekannt gewordenen nachgelassenen Aufzeichungen KANTs sind schon durch den kleineren Druck als späterer Zusatz gekennzeichnet. Dasselbe st natürlich der Fall mit dem Abschnitt über NIETZSCHE Seite 771 - 790.

In der ersten Auflage, deren Korrektur ich selbst besorgte, sind infolge meines Augenleidens leider viele Druckfehler stehen geblieben. Die Korrektur dieser 2. Auflage hat Dr. ARTHUR LIEBERT in Berlin freundlichst besorgt, dem ich durch die Herstellung eines korrekten Textes zu großem Dank verpflichtet bin.

So möge denn diese 2. Auflage hinausziehen und sich neue Freunde und neue Gegner erwerben zu den Bisherigen. Jene Freunde und Gegner (man kann beides in einer Person sein) haben zu meinen Ausführungen viele wertvolle  Ergänzungen und Einwände  kennen zu lernen.

Ich schließe mit denselben Worten, mit denen das "Vorwort des Herausgebers" in der ersten Auflage schloss:
    "Der Horazische Kanon ist bei diesem Werk beinahe vierfach erfüllt; denn es ist, seinen Hauptbestandteilen nach, vor nunmehr 35 Jahren niedergeschrieben worden. Natürlich würde ich die Herausgabe eines Werkes, as vor einem Menschenalter abgefaßt worden ist, nicht übernommen haben, wenn ich nicht die Überzeugung hätte, daß das Werk auch heute noch, ja villeicht heute noch eher als damals, etwas zu sagen hat. Philosophische Werke prinzipieller Natur hängen, wie  die Könige, nicht von Tagesmeinungen ab.  Ein philosophisches Werk, das nach dreißig Jahren veraltet ist, ist überhaupt nicht philosophisch im prägnanten Sinn des Wortes. Weil ich glaube, daß das vorliegende Werk, trotzdem es über dreißig Jahre alt ist, nicht veraltet ist, kann ich seine Herausgabe vor mir und vor der literarischen Welt verantworten trotz seiner offenbaren Unvollkommenheiten, die es besonders im ersten Teil zeigt."

    "So wie es nun ist, mag es Manchem das lösende Wort in quälenden Problemen bringen, manch Anderem aus dogmatischer Ruhe in neue Zweifel stürzen, bei Vielen Anstoß erreigen, aber hoffentlich auch Einigen neue Anstöße geben."
Halle a. S., im Frühjahr 1913
H. VAIHINGER


Vorwort zur dritten Auflage

Es ist eine für den Verfasser und für die Freunde der "Philosophie des Als Ob" hochbedeutsame Tatsache, daß während und trotz des Weltkrieges eine dritte Auflage dieses umfangreichen Werkes notwendig und möglich geworden ist. Zahlreiche Zuschriften der letzten Jahre lassen erkennen, wie weit sich die Wirkung des Buches erstreckt hat. Die Daheimgebliebenen haben sich mit erhöhtem Interesse mit seinen Problemen beschäftigt, aber auch in den Lazaretten, Gefangenenlagern, ja selbst bis in die Schützengräben hinein hat es aufmerksame Leser gefunden. Andererseits hat der Krieg freilich auch störend in die Verbreitung des Buches eingegriffen. So ist z. B. eine französische Übersetzung, die vom Verlag Felix Alcan in Paris geplant war, noch nicht zur Ausgabe gelangt; andere Übertragungen ins Italienische, Englische und Russische, die zum Teil schon ziemlich weit fortgeschritten waren, mußten unterbrochen werden. Von den Abhandlungen und Besprechungen der letzten Jahre, welche von der weiten Verbreitung des Werkes im In- und Ausland Zeugnis ablegen, seien hier besonders erwähnt die gründliche und sehr ausführliche Besprechung des leider durch den Krieg allzufrüh hinweggerissenen Dr. WALDEMAR KONRAD in der "Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik", sowie die in verschiedenen Zeitschriften veröffentlichten spezielleren Ausführungen Prof. Dr. PAUL KRÜCKMANNs in Münster über die juristischen Fiktionen.

Von selbständigen Publikationen erwähne ich hier die Dissertation des jungen Amerikaners CAMPBELL "Fiktives in der Lehre von den Empfindungen", die unter Prof. FELIX KRÜGER in Halle gearbeitet wurde und im Verlag von Reuther & Reichardt in Berlin 1915 erschienen ist, ferner eine Dissertation von Dr. EBERHARD BOERMA: "Über die Philosophie des Als Ob. Eine Untersuchung ihrer logischen Struktur und ihrer Lösung des Erkenntnis und Lebensproblems", die der Anregung von Prof. EUCKEN in Jena ihre Entstehung verdankt, sowie die sich an die Richtung von Prof. REHMKE in Greifswald anlehnende Doktorarbeit von FRANZ LINDSTAEDT: "Grundwissenschaftliche Kritik der Hauptbegriffe in Vaihingers Philosophie des Als Ob."

Eine Reihe bereits angekündigter Aufsätze und selbständiger Schriften sind dagegen durch den Krieg unterbrochen worden oder mußten kurz vor ihrer Vollendung liegenbleiben. Das gilt besonders von einer gekrönten  Preisschrift  der Bonner Evangelisch-Theologischen Fakultät, als beste Beantwortung der Aufgabe: "Vaihingers Philosophie des Als Ob soll in ihrer Anwendung auf die Objektie der Theologie geprüft und religions-theoretisch gewürdigt werden".

Eine ausführliche bibliographische Mitteilung der seit 1913 erschienen Als Ob-Literatur (zur Vervollständigung der Angaben der 2. Auflage für die Jahre 1911 - 1913) unterlasse ich hier, weil eine solche an anderer Stelle in einem Unternehmen gegeben werden soll, das sich an die "Philosophie des Als Ob" anschließen wird. Es hat sich das Bedürfnis geltend gemacht, in einem eigenen fortlaufenden Sammelorgan alle diejenigen Arbeiten zu konzentrieren, welche durch die von der Philosophie des Als Ob ausgehenden Anregungen und Anstöße hervorgebracht werden und so wird fast gleichzeitig mit dem Erscheinen dieser 3. Auflage ein neues Jahrbuch unter dem Titel  "Annalen der Philosophie"  mit besonderer Rücksicht auf die Probleme der Als Ob-Betrachtung" ins Leben treten. Naturgemäß beschäftigt sich dieses Organ zunächst in erster Linie mit den Problemen der Als Ob-Einstellung, dabei ist jedoch Wert darauf gelegt, nicht nur zustimmende und fortbildende, sondern auch kritische, einschränkende und ablehnende Verfasser zu Worte kommen zu lassen. Es soll auf diese Weise sich aus der vielseitig ausgebauten Debatte Klärung und gründliche Förderung aller einschlägigen Fragen ergeben. Weiter hat sich aber das genannte Organ, ebenfalls im Anschluß an die Philosophie des Als Ob, die allgemeine, sehr aktuelle Aufgabe gestellt, die Beziehungen der beiden großen Hauptströmungen in der Gegenwartsphilosophie, des Idealismus und des Positivismus, zueinander neu zu untersuchen, mit dem Bestreben, das Berechtigte in beiden sich bekämpfenden und teilweise ganz verständnislos sich gegenüberstehenden Richtungen herauszuarbeiten und auf diese Weise eine fruchtbare Berührung und Ineinander-Wirkung zu ermöglichen.

Die so leidvolle und doch wiederum so erhebende Gegenwart hat einerseits gezeigt, wie Vielen der einseitige Positivismus nicht genügt. Eine bedeutsame Hinwendung zu den alten, kraftspendenden und taterzeugenden Idealen hat stattgefunden. Andererseits erkannten jedoch auch viele Anhänger der alten Formen und Formulierungen des Idealismus mit plötzlicher und peinlicher Klarheit dessen ungenügende Berücksichtigung der groben und rücksichtslosen unverhüllten Wirklichkeit. So hat sich denn auf beiden Seiten eine eigentümliche philosophische Stimmung und Strömung erzeugt, die in ihrer Unbefriedigtheit nach Ausgleich strebt und die unseren Tagen den Stempel aufdrückt. Gegenseitige Ergänzung, wie sie auch wohl schon vor den erschütternden Ereignissen der letzten Jahre angestrebt wurde, ist nunmehr zu einer gebieterischen Forderung geworden. Der Verständigungsfrieden zwischen Idealismus und Positivismus, zwischen Transzendentalphilosophie und Psychologie ist somit eine der brennendsten Gegenwartsfragen. Ihn in die Wege zu leiten, soll eine der vornehmsten Aufgaben des neuen Jahrbuches sein.

Den Verlag des neuen Organs, dessen Herausgabe ich gemeinsam mit Dr. RAYMUND SCHMIDT besorge, hat die Firma Felix Meiner in Leipzig übernommen. Es war natürlich naheliegend, daß diese Firma auch die 3. Auflage der Philosophie des Als Ob übernahm. Das war umso leichter, als die beiden ersten Auflagen bei der Firma Reuther & Reichardt in Berlin nur im Kommissionsverlag waren. Letzterer Firma bin ich aber zu dauerndem Dank verpflichtet für die umsichtige und opferfreudige Arbeit, die sie für die Verbreitung der beiden ersten Auflagen mit großem Erfolg geleistet hat.

Zum Schluß darf ich hier vielleicht noch auf eine kleine Schrift von mir selbst hinweisen, die ursprünglich als Teil des zum 70. Geburtstag RUDOLF EUCKENs von den "Kant-Studien" herausgegebenen Festheftes, Januar 1916, dann aber auch als Separatausgabe im Verlag von Reuther & Reichardt in Berlin erschienen ist: "Der Atheismusstreit gegen die Philosophie des Als Ob und das Kantische System". Ich beantwortete darin einen Angriff, dessen ich schon am Schluß der Vorrede zur 2. Auflage kurz Erwähnung getan hatte. Auch der neuen Auflage wird es natürlich nicht an Gegnern fehlen, aber voraussichtlich auch nicht an Freuden. Das Beste, was ich mir und dem Buch wünschen kann, ist, daß es ihm gelingen möge, zur Weiterentwicklung der Philosophie beizutragen.

Hinzufügen möchte ich, daß diese 3. Auflage ein unveränderter Neudruck der 2. Auflage ist, jedoch sind eine größere Anzahl mehr oder minder störender Druckfehler verbessert worden. Für die Durchsicht, die ich leider eines Augenleidens halber nicht selbst vornehmen konnte, darf ich hier meiner Gattin, sowie dem Herrn Dr. RAYMUND SCHMIDT danken, der auch die ganze Drucklegung überwachte. Jenes Leiden verhinderte mich auch, einige Stellen, auf deren Korrekturbedürftigkeit ich aufmerksam gemacht worden war, zu ändern; ich hoffe jedoch, durch eine Operation in den Stand gesetzt zu werden, bei der nächsten Auflage dieses Versäumnis nachzuholen und bin deshalb allen dankbar, die mich erneut auf solche Stellen hinweisen.

Halle, im Frühjahr 1918
H. VAIHINGER.


Vorwort zur 4. Auflage

Die fortschreitende Verschlimmerung seines Augenleidens hinderte den Verfasser, die Durchsicht der 4. Auflage seines epochemachenden Werkes selbst zu besorgen. Auf seinen Wunsch übernahm der Unterzeichnete diese Mühewaltung, die darin bestand, den Text erneut sorgfältig zu lesen und einige geringe Korrekturen auszuführen. An sachlichen Abweichungen von der vorhergehenden enthält die vorliegende Ausgabe nichts als eine textliche Klärung der Ableitung für die infinitesimale Bestimmung des durchlaufenen Raumes beim freien Fall (Seite 531). Außerdem gelang es dem Unterzeichneten das Namensregister am Schluß des Bandes aufgrund einer genauen Durchsicht des Textes um etwa ein Fünftel seines Umfanges zu bereichern.

Daß in so kurzer Zeit, aller Ungunst der Zeitverhältnisse zum Trotz, eine Neuauflage des Werkes notwendig wurde, ist ein äußerlicher Beweis für die Zeitgemäßheit seines Inhaltes. Möge auch diese Auflage den Widerhall finden, den das Werk seiner ganzen Anlage und seiner Grundtendenz nach verdient und in den früheren Auflagen bereits gefunden hat. Auch an dieser Stelle sei noch einmal nachdrücklichst auf die schon im Vorwort zur 3. Auflage angekündigten, nunmehr bereits mit begonnenem zweiten Jahrgang vorliegenden Annalen der Philosophie hingewiesen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, in Form einer Arbeitsgemeinschaft von sechs namhaften Philosophen und acht hervorragenden Vertretern von Einzelwissenschaften, die Anregungen des vorliegenden Werkes im Sinne einer großzügigen Vermittlung zwischen Idealismus und Positivismus, weiterzuverfolgen und auszubilden.

Vielen Wünschen aus den Kreisen der Anhänger und Freunde der Als Ob-Philosophie entsprechend gab der Verlag dem Werk ein Bildnis des Verfassers bei.

Leipzig, Dez. 1919
Dr. RAYMUND SCHMIDT


Vorwort zur 5. und 6. Auflage

Die 4. Auflage der "Philosophie des Als Ob", mit der die beiden vorliegenden Auflagen bis auf einige verbesserte Druckfehler völlig übereinstimmen, war bereits vier Wochen nach ihrem Erscheinen wieder vergriffen. Einer von den Gründen für diesen nicht alltäglichen Erfolg ist zweifellos in der Prämiierung des Werkes durch die literarische Kommission des Nietzsche-Archics mit dem ersten der drei von Konsul LASSEN in Hamburg gestifteten Preise zu suchen. Das Urteil der Kommission hat VAIHINGERs Werk in Verbindung gestellt mit zwei der philosophisch wichtigsten und meistgelesenen Werke der Gegenwart (OSWALD SPENGLERs "Untergang des Abendlandes" und Graf KEYSERLING "Reisetagebuch eines Philosophen") und hat auf diese Weise wesentlich dazu beigetragen, daß die Aufmerksamkeit auch derjenigen Kreise auf dasselbe gelenkt wurde, die nicht lediglich aus Fachinteresse sich mit der neueren philosophischen Literatur beschäftigen. Die Philosophie des Als Ob ist also auf dem Weg, in die weitesten Schichten der Gebildeten unseres Volkes und des Auslandes einzudringen. Der Verfasser des Werkes läßt an dieser Stelle dem hochherzigen Stifter jenes Preises, der Preisjury und vor allem der betagten Schwester des großen Philosophen FRIEDRICH NIETZSCHE, Frau ELISABETH FÖRSTER-NIETZSCHE, für diese Förderung seines Werkes den wärmsten Dank durch den Unterzeichneten zum Ausdruck bringen. Andererseits ist der Erfolg der Philosophie des Als Ob wohl auch in der zunehmenden Neigung der Vertreter der verschiedensten philosophischen Disziplin begründet, sich mehr und mehr von den ausgefahrenen Geleisen der "Schulphilosophie" zu entfernen und "Neuland" zu suchen. Die Philosophie des Als Ob bereitet eine radikale Wendung in den herrschenden Auffassungen von den Methoden und dem Wert des wissenschaftlichen Denkens vor und bietet diesen Suchenden eine Fülle von Anregungen und Ergänzungen. Der Inhalt der neuesten Hefte der "Annalen der Philosophie" (vom 2. Band erschienen bisher zwei neue Hefte), die kaum mehr ausreichen, um allen Erscheinungen, die im Zusammenhang mit der Philosohie des Als Ob stehen, gerecht zu werden, ist ein lebendiges Zeugnis dafür. Daß auch außerhalb des Kreises der Mitarbeiter dieser Zeitschrift in den verschiedensten Einzelwissenschaften von der Methodik der Fiktionen Kenntnis genommen und Förderung erwartet wird, bezeugen die verschiedensten Bemühungen, modernste einzelwissenschaftliche Probleme (wie die EINSTEINsche Relativitätstheorie, die FREUDsche Psychoanalyse, die moderne mathematische Axiomatik) unter Gesichtspunkten der Philosophie des Als Ob zu behandeln und so ihnen anhaftende Schwierigkeiten zu beheben. (Eine Anzahl solcher Versuche wird in diesem Jahr auf einer Als Ob-Konferenz im zeitlichen Anschluß an die Generalversammlung der Kantgesellschaft in Halle in Vorträgen und Diskussionen zum Ausdruck kommen.) Daß auch die Universitäten und Volkshochschulen sich der Wirkung der Philosophie des Als Ob immer weniger verschließen, bezeugen einzelne akademische Preisaufgaben sowie zahlreiche Vorlesungen und Übungen über diesen Gegenstand. Es gebührt den Veranstaltern und Förderern solcher Unternehmungen der Dank aller, denen es mit dem Werk HANS VAIHINGERs ernst ist. - Schließlich ist noch zu erwähnen, daß sowohl das neutrale wie das feindliche Ausland durch Wiederaufnahme der bereits in einem früheren Vorwort erwähnten, durch das Kriegsgewitter unterbrochenen Übertragungen des Werkes in fremde Sprachen zu zeigen beginnt, daß es willens ist nicht nur ernstlich die wissenschaftlichen Beziehungen mit Deutschland überhaupt wieder anzuknüpfen, sondern auch, daß es speziell in der Philosophie des Als Ob eine Kulturerscheinung sieht, an der die internationale Wissenschaft nicht länger vorübergehen kann.

Leipzig, den 6. Mai 1920
Dr. RAYMUND SCHMIDT


Vorwort zur 7. und 8. Auflage

Auch diese Doppelauflage stimmt mit den vorhergehenden bis auf die Richtigstellung einiger Druckfehler wieder völlig überein. Zwar hat sich wohl im Laufe der lebhaften Diskussion der hier angeregten Probleme in der Literatur der letzten Jahre vieles und auch wohl Grundlegendes ergeben, das eine Neubearbeitung, die Ausschaltung mancher innerer Mängel, die Einfügung manches neuen moderneren Gesichtspunktes nahegelegt hätte, dennoch sind Verfasser und Herausgeber zu der Überzeugung gekommen, daß dieses Werke in seinem jugendlichen Zustand zu belassen sei, in welchem es gerade jenen Widerstreit der Meinungen, jene Zustimmung und jenen fruchtbaren Widerspruch erregte, der eine ganz neue Wendung in unserem Philosophieren vorzubereiten scheint. Nur in dieser Widerspruch und Zustimmung fördernden Form kann die Philosophie des Als Ob weiterwirken als ein Sauerteig in der geistigen Entwicklung der Menschheit. Sie hat selbst nie darauf Anspruch gemacht, ein Abschluß zu sein, ein Strich unter der Rechnung einer alten Denkgeneration, sie möchte vielmehr gelten als neuer Anstoß, selbst als ein Durchgangspunkt für die Weiterentwicklung der Menschheit. Sie hat selbst nie darauf Anspruch gemacht, ein Abschluß zu sein, ein Stricht unter der Rechnung einer alten Denkgeneration, sie möchte vielmehr gelten als neuer Anstoß, selbst als ein Durchgangspunkt für die Weiterentwicklung. Diese, wie Verfasser und Herausgeber sie sich denken, mag auch fernerhin in den zu diesem Zweck gegründeten "Annalen der Philosophie" (deren dritter Band jetzt im Erscheinen ist) ihren Tummelplatz sehen und dazu in einer neuen Reihe von Ergänungsschriften, den "Bausteinen zu einer Philosophie des Als Ob" (München, Rösl & Cie), die ihr Erscheinen in diesen Tagen beginnt und auf deren erste Serie auch hier besonders aufmerksam gemacht sei( JOHANNES SPERL: Neue Wege der Kantforschung; ROLF MALLACHOW: Das Als Ob im Recht; PAUL SPICKERBAUM: Die Formensprache in Religion und Theologie; ERICH GUTENBERG: Die Thünensche Idee als Fiktion). - Daß auch sonst in der Bewegung, welche die Philosophie des Als Ob hervorgerufen hat, kein Stillstand eingetreten ist, zeigen neben der endlich gesicherten englischen Ausgabe u. a. folgende Neuerscheinungen, in deren Mittelpunkt die Als Ob-Betrachtungen steht:
    - JULIUS SCHULTZ, Die Grundfiktionen der Biologie, Berlin 1920
    - LUDWIG FISCHER, Das Vollwirkliche und das Als-Ob, Berlin 1921
    - RICHARD MÜLLER-FREIENFELS, Philosophie der Individualität, Leipzig 1921
    - RICHARD HERBERTZ, Das philosophische Urerlebnis, Leipzig-Bern 1921
    - RICHARD KOCH, Die ärtzliche Diagnose, Wiesbaden 1920
    - HANS WITTIG, Die Geltung der Relativitätstheorie, Berlin 1921
Ich schließe diese Vorrede mit folgendem, vom Verfasser der Philosophie des Als Ob selbst formulierten Zusatz:

Bei der Darstellung der "Kantschen Als Ob-Lehre", spezielle im Opus Posthumum, ist in der Philosophie des Als Ob mehrfach ausdrücklich und nachdrücklich darauf hingewiesen worden, 1. daß bei KANT zwei Strömungen gleichzeitig nebeneinander hergehen, einerseits die metaphysisch-vermittelnde, andererseits die radikal-fiktionalistische, 2. daß in der Philosophie des Als-Ob ausschließlich nur die letztere Strömung einseitig berücksichtigt sei. Infolgedessen sind in der Philosophie des Als Ob in den aus KANT zitierten Stellen, die bei ihm üblichen Restriktionen, d. h. die gleichzeitigen metaphysischen Einschränkungen seines Fiktionalismus weggelassen und durch Punkte ersetzt worden, so daß die Leser in den Stand gesetzt sind, in der REICKEschen Ausgabe des Opus Posthumum diese Einschränkungen zu kontrollieren. Obgleich nun in der Ph. d. A. O. genug Warnungstafeln angebracht sind, so daß eigentlich kein Leser über diesen Sachverhalt im unklaren gelassen wird, so wird hier nochmals ausdrücklich auf diesen Sachverhalt hingewiesen. Näheres hierüber findet sich in einer Abhandlung über "Kants antithetische Geistesart, erläutert an seiner Als Ob-Lehre" in der Festschrift, welche unter dem Titel "Den Manen Friedrich Nietzsches" zum 10. Juli 1921 im Musarion-Verlag in München erschienen ist. Es ist zu wünschen, daß diese Anregungen die baldige, vollständige, längst erwartete Veröffentlichung des Opus Posthumum beschleunigen.

Leipzig, 5. Februar 1922
Dr. RAYMUND SCHMIDT
LITERATUR - Hans Vaihinger, Die Philosophie des Als Ob - System der theoretischen, praktischen und religiösen Fiktionen der Menschheit auf Grund eines idealistischen Positivismus, Leipzig 1922