tb-1Die Philosophie des Als ObWie die Philosophie des Als-Ob entstand    
 
HANS VAIHINGER
(1852 - 1933)
Ist die Philosophie des
Als-Ob Skeptizismus


Die Philosophie des Als-Ob ist nicht Skeptizismus: sie begegnet nicht selten diesem Vorurteil, aber nichts ist unzutreffender als diese Meinung.

Die Philosophie des Als-Ob sucht zu zeigen, daß die meisten begrifflichen Vorstellungen, in welchen wir das Gegebene einfangen, einspinnen und einspannen, nicht in diesem Gegebenen selbst begründet sind und daß sie, streng genommen, falsch und widerspruchsvoll sind. Die Philosophie des Als-Ob zeigt aber, daß und warum diese falschen und widerspruchsvollen Vorstellungen doch für uns  nützlich  sind und sie lehrt deshalb, daß die falschen, aber  nützlichen  Vorstellungen eben darum mit dem Bewußtsein ihrer Falschheit von uns als fiktive Als-Ob-Betrachtungen festgehalten werden können und müssen.

Der Maßstab für diese kritische Beurteilung unserer Vorstellungen liegt, wie schon bemerkt, in dem "Gegebenen". Die "Gegebenheiten" (um mich des WINDELBANDschen Ausdruckes zu bedienen) sind aber unsere Empfindungen, jedoch nicht als subjektive Begebenheiten, sondern als objektive Empfindungsinhalte, also eben als objektive "Gegebenheiten".

Die Empfindungsinhalte, welche, um mit MILL zu sprechen, sowohl "sensations", als "possibilities of sensations" sind, haben die erfahrungsmäßige Eigenschaft an sich, daß sie sich uns mit mehr oder minder unwiderstehlichem Zwang aufdrängen. Wir können zwar gewissen Empfindungsinhalten, welche wir nicht zu bekommen wünschen, bis zu einem gewissen Grade aus dem Weg gehen, aber wir müssen dafür dann andere Empfindungsinhalte in Kauf nehmen, die sich uns mit unwiderstehlicher Gewalt anbieten, ohne daß wir ihnen entgehen können.

Wir können das Eintreten solcher Empfindungsinhalte mit mehr oder minder großer Sicherheit vorhersagen, denn die meisten Empfindungsinhalte treten mit mehr oder minder großer Regelmäßigkeit auf, und zwar derart, daß an gewisse Empfindungsinhalte A sich andere Empfindungsinhalte B, C usw. anschließen. Diese Regelmäßigkeiten beobachten wir und aus diesen beobachteten Sukzessionen können wir die Reihenfolge der uns künftig treffenden "Gegebenheiten" teilweise mit allergrößter Wahrscheinlichkeit vorhersagen, mit einer Wahrscheinlichkeit, welche in vielen Fällen sich zu absoluter Sicherheit steigert.

Nicht bloß die Sukzessionen der Empfindungsinhalte sind in dieser Weise für uns mehr oder minder für allemal festgelegt, sondern auch die Koexistenzen derselben: wir bemerken vielfach, daß gewisse Empfindungsinhalte M stets mit anderen Empfindungsinhalten  N, O, P  usw. derartig verknüpft sind, daß  M, N, O, P  immer nur gemeinschaftlich auftreten. Auch hier kommen wir zu größter Wahrscheinlichkeit und vielfach zu absoluter Sicherheit.

Diese Gruppen und Reihen von Empfindungsinhalten bilden dasjenige, was wir populär und auch wissenschaftlich das Reale nennen oder dasjenige, was wir als Welt bezeichnen. An der Existenz der Außenwelt in diesem Sinne zu zweifeln oder die Realität in dem genannten Sinne irgendwie in Frage zu ziehen, ist deshalb durchaus nicht die Meinung der "Philosophie des Als-Ob". Sie bezeichnet sich deshalb selbst ausdrückliche als "Positivismus" in dem Sinne, daß sie die Empfindungsinhalte und deren Gruppen und Reihen als das positiv Gegebene anerkennt, weil sie es anerkennen muß.

Jene Tatsächlichkeiten, welche die Grundlagen alles unseres Denkens, vor allem aber unseres Handelns sind, irgendwie für problematisch zu erklären, liegt durchaus nicht im Sinne der Philosophie des Als-Ob, welche vielmehr gerade darin ihre festeste Grundlage erblickt, die in Zweifel zu ziehen ihr als Anzeichen abnormer Geistesveranlagung erscheinen müßte, das sich dasjenige nicht in Zweifel ziehen läßt, was jedem Augenblick sich mit unwiderstehlichem Zwange aufdrängt, derart, daß, wenn wir dies bei unserem Handeln nicht richtig berücksichtigen, wir sofort den größten Schaden  nehmen.  1)

Hieraus ergibt sich, daß die Subsumtion der Philosophie des Als-Ob unter den allgemeinen Begriff des Skeptizismus absolut unzutreffend ist, daß die Philosophie des Als-Ob vielmehr das strikte Gegenteil des Skeptizismus ist.

Auch noch nach einer anderen Seite hin muß die Philosophie des Als-Ob vom Skeptizismus scharf unterschieden werden.

Der Skeptizismus redet mit Vorliebe von den "Schranken" oder "Grenzen der Erkenntnis". Der Skeptizismus meint dies in dem folgenden Sinne: er meint, daß die menschliche Erkenntnis gegenüber einer höheren übermenschlichen oder göttlichen Erkenntnisweise wesentlich zurückstehe, indem die menschliche Erkenntnis durch ihre eigentümliche Naturveranlagung in Schranken zurückgewiesen werde, welche gegenüber jener übermenschlichen Erkenntnis als künstliche Abgrenzung zu bezeichnen seien. Das ist in dem Sinne gemeint, daß der Mensch immer mit Bedauern auf diese ihm künstlich gesetzten Schranken zu blicken habe, über die hinaus er sehnsüchtig und gewissermaßen neidisch luge, um doch noch etwas von dem zu erhaschen, was für ihn verbotene Frucht sei.

Aber in diesem Sinne kann die Philosophie des Als-Ob niemals von "Schranken der Erkenntnis" oder "Grenzen" derselben sprechen, wenn ihre Ausdrucksweise richtig verstanden wird.

Die Philosophie des Als-Ob hat niemals und nirgend ein Hehl daraus gemacht, daß übermenschliche Wesenheiten für sie unnötige Hypothesen sind. Man kann eine übermenschliche Erkenntnisweise als Fiktion aus methodischen Gründen vorübergehend oder dauernd annehmen, etwa im Begriff eines "Bewußtseins überhaupt", aber die Philosophie des Als-Ob erlaubt nicht derartige nützliche Fiktionen in nutzlose oder sogar schädliche Hypothesen zu verwandeln.

Daher kann die Philosophie des Als-Ob auch niemals von "Grenzen oder Schranken der Erkenntnis" sprechen, mit dem Ausdruck des Bedauerns darüber, daß es dem Menschen versagt sei, diese künstlich gezogenen Schranken zu durchbrechen.

Etwas ganz anderes als solche künstlich gezogenen Schranken sind die natürlichen Endigungen des Erkennens. Da alles Erkennen auf ein Vergleichen hinausläuft, derart, daß Unbekanntes auf Bekanntes reduziert wird, so muß das Erkennen sein natürliches Ende finden, bei den letzten  Gegebenheiten.  Diese werden uns zwar als bekannt vorkomen, aber sie sind nicht mehr auf etwas  anderes reduzierbar. 

Die Reduktion des einen auf das andere kann im einzelnen schwanken, aber zuletzt bleibt  doch Unreduzierbares  übrig. Dies nicht mehr weiter Auflösbare bleibt als fester Rest bestehen. Aber dieser Rest bleibt nicht bloß für die menschliche  Erkenntnis  bestehen, sondern für jede Erkenntnis überhaupt. Dies ist aber kein Skeptizismus, sondern der richtige Name dafür ist eben Positivismus.

Zum Skeptizismus führt vielmehr die entgegengesetzte Richtung, welche man als "absoluten Idealismus" bezeichnet. Diese durch FICHTE eingeleitete, durch HEGEL vollendete und neuerdings wieder in neuen Formen auftretende Richtung nimmt als Ideal des Erkennens ein "Bewußtsein überhaupt" an, in welchem auch die gegebenen Empfindungsinhalte zu logischen Momenten verdampfen sollen. Dieser Logismus möchte eben gerade das empirisch Gegebene, die Tatsachen, die Empfindungsinhalte, welche ihr als Unbegreiflichkeiten unbequem sind, in Momente der logischen Bewegung umsetzen und damit rationalisieren.

Da nun dies Unterfangen keineswegs und niemals gelingen kann, so bleibt für diese Richtung das menschliche Erkennen zuletzt doch stets bedingt, begrenzt, beschränkt und so führt gerade der absolute Idealismus, welche die Empfindungsinhalte in sich aufsaugen möchte, zum Skeptizismus, weil jene Aufsaugung doch nicht gelingt. So muß der absolute Idealismus doch wieder in praxi künstliche Schranken der menschlichen Erkenntnis statuieren, während der Positivismus nur natürliche Endigungen alles Erkennens überhaupt finden kann.

Jener absolute Idealismus ist, wie er vor 120 Jahren von KANT ausging, so auch wiederum in den letzten 25 Jahren aus dem Neukantianismus herausgewachsen, und zwar ziemlich oder teilweise auf dieselbe Weise wie damals. Der extreme Neukantianismus wollte die Dinge an sich und die Affektionen durch die Dinge an sich nicht dulden, geradeso, wie einst FICHTE, welcher alles aus dem Ich ableiten wollte. KANT hatte aber weislich und echt kritisch und wahrhaft besonnen das "Gegebene", also eben die  Empfindungen  stehen lassen. Er hatte dies Gegebene freilich mit einer gewissen Inkonsequenz auf affizierende Dinge an sich zurückgeführt, aber wenn man diese Ausdrucksweise fallen läßt, was man sehr wohl kann, dann bleibt bei ihm doch die ungeheure Mannigfaltigkeit des Gegebenen übrig, an der zu zweifeln ihm niemals einfiel.

Diese Mannigfaltigkeit des Gegebenen eben ist die  Gesamtheit der Empfindungsinhalte,  deren Sicherheit, Zuverlässigeit und Unwiderstehlichkeit die Grundlagen alles wissenschaftlichen  Denkens und alles praktischen Handelns  sind.

Insofern die Philosophie des Als-Ob auf jene Grundlagen überall hinweist, ist sie  Positivismus  und kann und darf niemals als  Skeptizismus  bezeichnet werden.

 Jene Grundlagen der gegebenen Empfindungsinhalte bilden, wenn man den Ausdruck wählen will,  ein Absolutes. Ich sage nicht "das Absolute", um nicht mit dem historischen Sinn dieses Begriffes mich zu berühren, wodurch Mißverständnisse enstehen könnten, aber es können kaum Mißverständnisse enstehen, wenn man immer wieder darauf hinweist, daß die gegebenen Empfindungsinhalte, ihre Gruppen und Reihen, ein Letztes sind, also wenn man will,  ein  Absolutes.

Dieses Absolute, dieses Letzte, bildet die Richtschnur für die  Orientierung unseres Lebens.  Auch unseres Lebens im höheren Sinn des Wortes, denn wir werden uns eben dadurch klar, daß wir die Ideale, welche für unser höheres Leben maßgebend sind, selbst und aus eigener Kraft schaffen müssen, als edle  Fiktionen,  als bewußt ästhetisch-ethische Gestalten unserer schöpferischen Einbildungskraft, welche unsere schaffende und schöpferische Willenskraft beflügeln.

Dies ist beileibe kein Mystizismus. Ebensowenig als die Philosophie des Als-Ob Skeptizismus ist, ebensowenig kann sie in Mystizismus endigen, wie man dies dem Skeptizismus ja des öfteren vorgeworfen und nachgewiesen hat.

Der Mystizismus ist eben der Kompromißstandpunkt von Wissen und Glauben, welcher mit Recht dem schärfer Denkenden verdächtig ist. Der Mystizismus glaubt dasjenige als mehr oder minder grobe Realität zu besitzen, was für die Philosophie des Als-Ob ein geistiges Ideal ist, vom Geiste geschaffen, mit dem Bewußtsein, daß es eben unsere Schöpfung ist.

Vielmehr ist der Mystizismus im schlimmen Sinne des Wortes das Naturgemäße und vielfach auch das historische Ende des absoluten Idealismus und Logismus. Das klassische Beispiel dafür ist FICHTE, dessen letzte Periode im Mystizismus auslief.

Wenn eben das Ich, das Bewußtsein, das Logische in uns oder der Logos Alles ist, wenn ihm, wie einem Moloch, alles Gegebene geopfert werden muß, dann verdampft und verschwindet die Mannigfaltigkeit des Gegebenen in der starren Einheit jenes auf sich selbst versteifenden Ich und dieses glaubt, Alles zu sein, Alles zu haben, Alles zu können. Die Gegebenheit der Empfindungsinhalte oder das, was man gewöhnlich Realität, verliert seine Selbständigkeit und wird zum unselbständigen Spiel jenes allein selbständigen Ich.

Eben weil der absolute Idealismus nun aber vergeblich versucht, aus diesem allein selbständigen Ich oder Logos, oder wie man es nennen mag, nach angeblichen logischen Gesetzen die gesamte bunte und reiche Welt der Empfindungsinhalte so oder so abzuleiten, eben deshalb also, weil dies unmöglich ist, muß der absolute Idealismus schließlich im Mystizismus endigen, wie das auch die neuesten philosophischen Ereignisse, respektive Erzeugnisse lehren; denn da der Absolutist sein erträumtes Ziel doch nicht auf logischem Wege erreicht, so sucht er es auf mystischem Wege zu erzwingen, eventuell durch Intuition.

Wenn das Ich, das Bewußtsein, der  Logos,  Alles ist, dann kann er auch alles, dann schafft er die bunte Vielheit des Gegebenen aus sich selbst und beherrscht diese auch. Dies ist auch der philosophische Sinn der "Christian Science". Die christliche Wissenschaft der Mrs. EDDY zieht die praktischen Konsequenzen aus der Theorie des absoluten Idealismus. Sie hängt auch historisch mit diesem Zusammen, sie entsprang direkt aus  Nachwirkungen  des BERKELEYschen Idealismus, welche sich mit dem in Nordamerika vor 50 Jahren herrschenden "Neu-Hegelianismus" verquickten.

Ist das Ich oder der Geist alles, und ist die ganze Empfindungswelt nur seine Schöpfung, so kann der Geist auch diese ganze sinnliche Welt, welche doch nur Schein ist, durch seine Geisteskraft beherrschen und kann auch Krankheiten, welche doch auch nur sinnlicher Schein sind, durch seine Allmacht hinwegdenken.

Dahin kommt es, wenn - und so rächt es sich, wenn - man die Welt des Gegebenen, er  Empfindungsinhalte,  welche die feste Grundlage des Denkens und Handelns, und die beste Stütze gegen allen Skeptizismus und allen Mystizismus sind, hinwegdisputieren will.
LITERATUR - Hans Vaihinger in Raymund Schmidt (Hrsg), Die deutsche Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellungen, Leipzig 1924
    Anmerkungen
  1. In der letzteren praktischen Bestimmung liegt der wichtigste Unterschied dieser sich uns aufzwängenden normalen Empfindungsinhalte von den pathologischen Zwangsvorstellungen.