tb-1Die Philosophie des Als ObIst die Philosophie des Als-Ob Skeptizismus    
 
HANS VAIHINGER
(1852 - 1933)
Wie die Philosophie
des Als-Ob entstand

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Die Gleichsetzung eines Wirklichen mit einem Unwirklichen ist das Wesen der Fiktion.

In einem schwäbischen Pfarrhause in der Nähe von Tübingen 1852 geboren, wuchs ich natürlich in einem ganz religiösen Milieu auf. Dies war nicht gerade pietistisch engherzig, aber hatte doch einen umgrenzten Horizont: so wurden die Namen des Tübinger liberalen Hegelschen Theologen BAUR, des "Heidenbaur" und seines Schülers DAVID FRIEDRICH STRAUSS mit Scheu genannt. Gegen letzteren hatte mein Vater, der viele theologische Schriften verfaßt hat, eine eigene Broschüre geschrieben.

In meinem 12. Lebensjahre wurde ich einem ganz ausgezeichneten Erzieher und Lehrer übergeben, dem damaligen "Präzeptor" SAUER in Leonberg, der in viel späteren Jahren eine Zierde des Stuttgarter Gymnasiums war. SAUER erregte den Ehrgeiz seiner Schüler durch die Erzählung, daß in derselben uralten "Lateinschule" im 17. Jahrhundert KEPLER und im 18. Jahrhundert SCHELLING als Schüler gesessen hatten.

Ich war sein Lieblingsschüler und mir erzählte er auch von seinen Sanskritstudien, die er unter dem Einfluß des Tübinger Professors ROTH trieb: er beschäftigte sich besonders mit dem großen Epos MAHABHARATA, und nach dem Religionsunterricht ließ er gelegentlich fallen, daß in jenem indischen Epos schon ähnliche Erzählungen sich finden, wie im Neuen Testament, und so erweckte er in mir, bei dem die alt- und neutestamentlichen Geschichten schon ohnedies Bedenken erregt hatten, den Begriff des ethisch wertvollen Mythus.

Im übrigen vertrat er einen rationalistischen Theismus mit stark moralischer Grundlage. Diese Überzeugung erfüllte mich auch bei meiner Konfirmation (1866). Dieser ethische Theismus war mir in jenen Jahren ein starker Halt. Von da ab, als ich das Stuttgarter Gymnasium besuchte, verwandelte sich dieser Theismus unmerklich immer mehr in einen naturbegeisterten Pantheismus. In diesem Umwandlungsprozess fielen mir 1868 HERDERs "Ideen zur Geschichte der Menschheit" in die Hände, die durch ihre Mischung von Theismus und Pantheismus ganz zu meiner damaligen Lebensstimmung passten.

Diesem Buch verdanke ich viel, gibt es doch seinem Leser einen weiten Blick von hoher Warte über die ganze Entwicklung der Menschheitsgeschichte von den ersten Uranfängen durch die verschiedensten Kulturen hindurch. Der Begriff der "Entwicklung" wurde zu einem Grundelement meiner geistigen Konstitution.

Insbesondere zeigt HERDER überall die Entfaltung des geistigen Lebens aus den ersten tierischen Anfängen und betrachtet den Menschen durchaus in Verbindung mit der Natur, aus der er allmählich hervorgegangen ist. Als daher im Jahre 1869 zum erstenmal der Name Darwin an mein Ohr schlug, als mir Mitschüler die neue Lehre von der Abstammung des Menschen von den Tieren mitteilten, machte dies auf mich nicht den geringsten Eindruck, weil mir das alles schon von Herder her geläufig war.

Man hat in späteren Jahren viel darüber gestritten, ob Herder ein "Vorgänger Darwins" genannt werden könne: ich jedenfalls hatte HERDER so gelesen, daß mir Darwins Abstammungslehre nichts Neues sagte. Ich vertiefte in späteren Jahren dieses Studium, aber schon von jener Zeit her ist die Abstammung des Menschen vom Tiere ein Grundpfeiler meiner Weltanschauung geblieben.

Ein Gegengewicht dazu bildete um jene Zeit der Einfluß PLATONs. Er wurden die üblichen platonischen Dialoge gelesen nebst Apologie, aber weit stärkeren Eindruck als der regelmäßige Unterricht eines gediegenen, aber langweiligen und an der Grammatik haftenden alten Professors, machten drei Stunden eines ihn, während eines Krankheitsanfalles vertretenden jungen Hilfslehrers Breitmaier, der die Ideenschau aus dem Phädrus und Höhlenbild aus der Republik griechisch uns vorlas: hier eröffnete sich mir mit einem Schlage der Blick in eine zweite Welt, in die Welt der "Ideen", und da der betreffende Lehrer gleichzeitig von Platons Mythen sprach, so wurde in mir schon damals der Keim gelegt zur Ahnung dessen, was ich später selbst die "Als-Ob-Welt" genannt habe.

Diesen großartigen philosophischen Anregungen gegenüber spielte die damals in Süddeutschland übliche philosophische Propädeutik mit ihrem Grundriß der Logik, Psychologie und Ethik eine fast nichtssagende Rolle, um so mehr, als dieser Unterricht von dem durch Heinrich Heine so ungünstig verewigten Dichter Gustav Pfitzner gegeben wurde. Aber ich will diesem ethisch vortrefflichen Manne gerne hier ein ehrenvolles Wort nachrufen, da mir seine Persönlichkeit als solche geradezu heilig war.

Mein Votum gegen die philosophische Propädeutik, das ich 1905 abgegeben habe, soweit sie als eigenes Unterrichtsfach eingesetzt wird, stammt von jener Erfahrung her. In derselben Schrift aus dem Jahre 1905, "Die Philosophie im Staatsexamen" habe ich dagegen die Philosophie als allgemeines Unterrichtsprinzip in allen Fächern verlangt und besonders auf den "Gelegenheitsunterricht" in Philosophie hingewiesen, der bei Gelegenheit der übrigen Unterrichtsfächer die philosophischen Momente heraushebt.

Ein Beispiel dafür bot mir 1870 ein ganz vorzüglicher Unterricht der Direktors K.A. Schmid, der als Herausgeber einer großen vielbändigen pädagogischen Enzyklopädie sich einen bedeutenden Namen gemacht hat: mit einer Selekta hielt er grammatische Besprechungen über komplizierte Probleme der lateinischen Syntax ab, wobei er uns dazu anleitete, die Schwierigkeiten durch scharfe logische Analyse der Konjunktionen und ihres Gebrauchs zu bewältigen. Die Doppelkonjunktion "Als-Ob" kam dabei nicht vor, aber jedenfalls hat mich diese scharfe logische Schulung erst dazu befähigt, später in der grammatischen Verbindung "Als-Ob" die logisch so bedeutsame Fiktion zu erkennen.

Last not least erwähne ich als wichtigen Einflußjener Zeit die philosophischen Gedichte und Abhandlungen von Schiller. Tritt Schiller schon an sich jedem jungen strebenden Geiste als anfeuernder Antrieb entgegen, so lag mir dieser schwäbische Dichter darum ganz besonders nahe, weil in der Geschichte der Familie meiner Mutter der junge Schiller eine große Rolle gespielt hat: mein Ururgroßvater Professor Balthasar Haug war Schillers Lehrer und sein Sohn der Epigrammendichter Friedrich Haug, Schillers Freund.

Die philosophischen Gedichte von Schiller, in denen die ideale Welt der "reinen Formen", der empirischen Welt gegenübertritt, fügten sich unmittelbar an die vorhin erwähnten Platonischen Einflüsse an. Manche Verse Schillers machten einen unauslöschlichen Eindruck auf mich, so die Worte: "Nur der Irrtum ist das Leben, und das Wissen ist der Tod." 1)  Worte die in gewisser Hinsicht die Grundlage meiner Fiktionslehre geworden sind.

Schillers philosophische Abhandlungen waren mir freilich noch zu schwer; aber verständlich und von großem Einfluß auf mein Denken war mir die Lehre Schillers vom Spieltrieb, als dem Grundelement des künstlerischen Schaffens und Genießens: denn im Spielen erkannte ich später das Als-Ob, als den treibenden Kern des ästhetischen Tuns und Schauens.

Mit diesen Elementen ausgerüstet, bezog ich im Herbst 1870 die Landesuniversität Tübingen. Das "Stift" nahm mich als Zögling auf. Lebendig war und ist in dieser berühmten Anstalt das Andenken an so viele berühmte Namen, die durch sie hindurchgegangen sind: SCHELLING, HEGEL, HÖLDERLIN, WAIBLINGER, BAUR, STRAUSS, VISCHER, ZELLER und viele andere. Die Anstalt wurde zu meiner Zeit in sehr liberalem Sinne verwaltet. Man ließ und läßt auch jetzt noch daselbst der Entwicklung der jungen Geister große Freiheit.

Besonders in den ersten vier Semestern wird eine überaus gründliche philosophische Schulung geboten: das erste Semester war der antiken Philosophie gewidmet, das zweite der neueren bis KANT, das dritte der Zeit von KANT bis HEGEL, das vierte führte durch SCHLEIERMACHER sukzessiv zur philosophisch fundierten Dogmatik. Tüchtige Repetenten gaben sorgfältige Anleitung, teilweise auf selbständiger wissenschaftlicher Grundlage und überwachten die Ausarbeitung größerer philosophischer Abhandlungen der Zöglinge, in denen man dem eigenen Denken der letzteren freien Raum ließ.

Meiner philosophischen Entwicklung wurden durchaus keine Hindernisse in den Weg gelegt: im Gegenteil, ich wurde von allen Seiten gefördert, besonders als ich eine Preisaufgabe der philosophischen Fakultät über "Die neueren Theorien des Bewußtseins" in Angriff nahm. Für diese Arbeit, die ein Jahr erforderte, bekam ich im Herbst 1873 den ersten Preis, der mir eine Reise nach der Schweiz und Oberitalien ermöglichte. Diese Preisarbeit war dann auch der Anlaß, daß mir das Aufgeben des theologischen Studiums, das ich zögernd begonnen hatte, ermöglicht wurde. Der Übergang zur reinen Philosophie wurde mir in jeder Hinsicht erleichtert. So habe ich allen Grund, dem "Tübinger Stift" ein dankbares Andenken zu bewahren, besonders seinem damaligen Leiter, dem weitherzigen und wohlwollenden Ephorus Prof. Buder.

Unter den philosophischen Dozenten ragte natürlich SIGWART als erster hervor. Seine Vorlesungen über Geschichte der Philosophie und über Psychologie und natürlich in erster Linie über Logik waren vorzüglich und ich verdanke ihnen sehr viel. Auch in Übungen besonders über SCHLEIERMACHER lernte ich seinen Scharfsinn und seinen weiten Geist schätzen. Trotzdem kann und darf ich mich nicht als einen Schüler von SIGWART bezeichnen in dem Sinne, daß ich seine philosophische Grundanschauung angenomen hätte.

Was mir an ihm nicht zusagte, das war seine durchgehend teleologische Weltanschauung, die mit seiner an SCHLEIERMACHER sich anschließenden theologischen, bzw. theologisierenden Metaphysik zusammenhing. Daher brachte er der eben aufkommenden naturwissenschaftlichen Entwicklungslehre nicht diejenige Sympathie entgegen, die ich selbst, immer mehr mit naturwissenschaftlichen Studien beschäftigt, für sie empfand. SIGWART war zwar ein Reformator der Logik, aber in den eigentlich philosophischen Problemen, besonders auch in der Frage der mechanischen Naturauffassung, war er mir zu ängstlich.

In letzterer Hinsicht bot mir der damalige Privatdozent Liebmann viel mehr, aber zu meinem Leidwesen wurde er schon nach kurzer Zeit wegberufen. Der andere Ordinarius Reiff hatte auf Schellingscher Grundlage ein eigenes System aufgebaut, das nur vorübergehend auf mich Eindruck machte. Was mir dauernd von ihm verblieb, ist sein oft wiederholter Ausspruch, es könne nicht als Zeichen der Wahrheit eines philosophischen Systems betrachtet werden, daß es "das Gemüt befriedige"; wer das letztere suche, müsse nicht zum Philosophen gehen. Philosophie müsse Licht, brauche aber nicht Wärme zu geben. Der Hegelianer Köstlin las über ästethische Fragen geistreich und anregend, aber als er mich für Planck gewinnen wollte, versagte ich.

So war ich im Grunde doch ganz auf mich selbst angewiesen. Im ersten Semester machte auf mich die Lehre der griechischen Naturphilosphen großen Eindruck wegen ihrer nahen Verwandtschaft mit der modernen Entwicklungslehre. Speziell war es ANAXIMANDER, der mich auch durch seinen tiefsinnigen Spruch von der Schuld aller Einzelwesen fesselte: eine unvollendete Abhandlung über "Anaximander und kein Ende" war das Resultat und ich nahm darin manches vorweg, was nachher Teichmüller und A. über A. gesagt haben.(?) Auch mit Aristoteles beschäftigte ich mich sehr eingehend. Im zweiten Semester fesselte mich Spinoza durch die Größe seiner Konsequenz und die Kälte seiner Weltanschauung.

Mit nichts zu vergleichen aber ist der Eindruck, den KANT auf mich gemacht. Er war mir in jeder Hinsicht ein Befreier, ohne mich zu binden. Die kühne Lehre von der Idealität des Raumes und der Zeit befreit immer den Geist von der Unmittelbarkeit, von dem Druck der materiellen Welt, auch wenn man bald erkennt, daß sie in dieser Form auf die Dauer nicht haltbar ist. Was mich aber am meisten faßte, das war die Entdeckung KANTs von den Widersprüchen, in welche das menschliche Denken verfällt, wenn es sich in das Gebiet der Metaphysik wagt: diese Antinomienlehre KANTs war von tiefgehendem Einfluß auf mich. Neben dieser Begrenzung des Wissens auf die Erfahrung war mir noch ein Gewinn die Kantische Erkenntnis, daß das Praktische, das Handeln den ersten Rang einzunehmen habe, also der sog. Primat der praktischen Vernunft. Dies sagte meinem innersten Wesen besonders zu.

So war es denn natürlich, daß die Systeme von FICHTE, SCHELLING, HEGEL mich trotz ihrer großartigen Architektur und trotz ihrer großzügigen Gedankenführung nicht auf die Dauer fesseln konnten, obgleich ich, gemäß dem Lehrplan des Tübinger Stifts, mich gerade an diesen drei Systemen ganz besonders vertraut machte. Auch an FICHTE gefiel mir aber die Bevorzugung des Praktischen und an HEGEL seine Lehre vom Widerspruch und von dessen Bedeutung für das natürliche Denken und für die Wirklichkeit.

Der offizielle Lehrplan führte nun von dem "deutschen Idealismus" FICHTES, SCHELLINGS und HEGELS direkt zu SCHLEIERMACHER. Es war ein ganz persönliche Abweichung von diesem normalen Lehrgang, daß ich mich nun zu SCHOPENHAUER wandte, denn dieser war bis dahin ignoriert, ja verpönt. Aber die damals großes Aufsehen machende "Philosophie des Unbewußten" von E.von HARTMANN, die freilich auch für das Stift offiziell nicht vorhanden war, die ich aber natürlich mir verschafft hatte, wies ja auf SCHOPENHAUER zurück, der auch sonst überall in der Literatur viel genannt wurde. So ging ich an die Quelle und studierte SCHOPENHAUER gründlich und vollständig.

Mir gab SCHOPENHAUERS Lehre Neues, Großes und Dauerndes: den Pessimismus 2), den Irrationalismus und den Voluntarismus. Der Eindruck, den dies auf mich machte, war zwar nicht extensiv, aber intensiv noch größer, als der von KANT ausging. Um dies zu erklären, muß ich etwas weiter ausholen.

In allen Systemen der Philosophie, die ich bis dahin kennengelernt hatte, war das Irrationale der Welt und des Lebens nicht oder wenigstens ganz ungenügend zur Geltung gekommen: das Ideal der Philosophie war ja eben, alles rationell zu erklären, d.h. durch logisches Schließen als rational zu erweisen, d.h. als logisch, als sinnvoll, als zweckmäßig. Diesem Ideal war die Hegelsche Philosophie am nächsten gekommen, die immer noch als Höchstleistung der Philosophie galt. Dieses ganze Erkenntnisideal hatte mich aber unbefriedigt gelassen: ich hatte einen viel zu scharfen und offenen Blick für das Irrationale, sowohl in der Natur als in der Geschichte.

Das Irrationale war mir von Anfang meines Lebens ebenso mannigfach als stark auch in meiner unmittelbaren Umgebung entgegengetreten. Es kann verwunderlich klingen, aber es ist eine Tatsache, daß dabei auch meine körperliche Veranlagung eine große Rolle spielte. Eine starke Kurzsichtigkeit behinderte mich von Anfang an in meiner ganzen Lebensbetätitigung. Während meine Natur mich zur Tat, zu energischem Handeln, zur Aktivität in jeder Hinsicht und in jedem Sinne trieb, zwang mich jener körperliche Fehler zur Zurückhaltung, zur Passivität, zur Vereinsamung.

Diesen schreienden Gegensatz zwischen körperlicher Konstitution und Temperament empfand ich dauernd als etwas absolut Irrationales. Dies schärfte meinen Blick für alle anderen Irrationalitäten des Daseins. So empfand ich es als einen Mangel an Aufrichtigkeit, daß die meisten Systeme der Philosophie das Irrationale mehr oder minder zu vertuschen suchten. Nun trat mir zum erstenmal ein Mann entgegen, der offen und ehrlich die Irrationalitäten anerkannte und in seinem philosophischen System zu erklären versuchte.

So erschien mir SCHOPENHAUERs Wahrheitsliebe als eine Offenbarung. Seinen metaphysischen Konstruktionen folgte ich nicht, da mir ja von KANT her die Unmöglichkeit aller Metaphysik einleuchtend erschien. Aber was an der Lehre SCHOPENHAUERs empirisch sich mir bestätigte, wurde mir zu dauerndem Eigentum und fruchtbarem Antrieb, besonders soweit es sich mit der damals im Vordergrund stehenden Entwicklungslehre und mit der Theorie vom Kampf ums Dasein verbinden ließ bzw. berührte.

Daß mir bei KANT und bei FICHTE die Voranstellung des Praktischen besonders gefiel, habe ich schon erwähnt. Bei SCHOPENHAUER fand ich dieselbe Tendenz, aber viel klarer, viel stärker, viel umfassender. Jetzt wurde nicht die in der Luft schwebende "praktische Vernunft" in den Vordergrund gestellt, sondern das empirisch psychologische Element des "Willens". Damit erschien mir vieles bisher Unerklärliche erklärt oder wenigstens erklärbar.

Was mir besonders einleuchtete, das war der Nachweis, daß das Denken ursprünglich nur dem Willen dient, als Mittel zu seinen Zwecken und daß das Denken erst im Laufe der Entwicklung sich von der Leitung des Willens emanzipiert und zu einem Selbstzweck wird. Schon SCHOPENHAUER selbst zeigte, daß das Gehirn bei den Tieren ursprünglich ganz klein sei, aber dann auch gerade als Organ zur Ausführung der Willenszwecke genüge, daß es aber bei den höheren Tieren und besonders bei den Menschen eine geradezu unverhältnismäßiges Wachstum angenommen habe. Die gleichzeitige Ausbildung der Darwinschen Entwicklungslehre bestätigte diese Auffassung SCHOPENHAUERs, die mir eine Grundeinsicht in die Wirklichkeit gab.

Diese Schopenhauersche Lehre war mir so fruchtbar, daß sie mir der Ausdehnung und Verallgemeinerung bedürftig erschien. In meinen damaligen Aufzeichnungen (1872ff.) findet sich immer wieder das allgemeine "Gesetz der Überwucherung des Mittels über den Zweck". Überall fand ich Bestätigungen dafür, daß ein ursprüngliches Mittel, das einem bestimmten Zweck dient, die Tendenz hat, sich zu verselbständigen und sich zum Selbstzweck zu machen.

Das Denken, das ursprünglich dem Willen diente und sich nachher zum Selbstzweck aufschwingt, war nur der einleuchtendste Spezialfall eines ganz allgemeinen Naturgesetzes, das im ganzen organischen Leben und in der Geschichte sich überall und immer aufs neue bestätigt. Ich bin leider damals nicht dazugekommen, dieses "Gesetz der Überwucherung" zu veröffentlichen und stand vollends davon ab, davon öffentlich zu sprechen, als viele Jahre später WUNDT seine Lehre von der "Heterogonie der Zwecke" bekannt machte, die dasselbe besagt. Ich glaube aber, daß der Ausdruck "Gesetz der Überwucherung des Mittels über den Zweck" das, um was es sich hier handelt, klarer und deutlicher besagt.

Jene Schopenhauersche Lehre, daß das Denken von Hause aus ein unselbständiges Mittel zum Zweck des Lebenswillens sei und sich nur sozusagen widerrechtlich zu einem Selbstzweck entwickelt habe, rundete sich nun für mich mit der Lehre KANTs zusammen, daß das menschliche Denken an bestimmte Grenzen gebunden sei und daß ihm metaphysische Erkenntnis unmöglich sei. Diese Begrenzung der menschlichen Erkenntnis auf die Erfahrung, die KANT immer und immer wieder betont, erschien mir nun aber nicht mehr als beklagenswerter Mangel des menschlichen Geistes gegenüber einem eventuell höheren Geiste, der nicht an jene Grenzen gebunden sei, sondern jene Begrenzung der menschlichen Erkenntnis ergab sich mir nun als eine notwendige und natürliche Folge jenes Umstandes, daß ja Denken und Erkennen ursprünglich nur Mittel zur Erreichung des Lebenszweckes sind, daß also ihre Verselbständigung eine Losreißung von ihrem ursprünglichen Zweck bedeutet, und daß also das Denken durch jene Losreißung sich unerfüllbare Aufgaben stellt, Aufgaben, die nicht bloß dem menschlichen Denken unerfüllbar sind, während sie einem höheren Denken erfüllbar wären, sondern Aufgaben, die jedem Denken als solchem in sich und an sich unmögliche Leistungen zumutet. Diese Einsicht ist eine der festesten Grundlagen meiner Weltanschauung geworden, die von jener Zeit an in mir wuchs und sich mit den Jahren immer klarbewußter herauskristallisierte.

Noch ein weiterer mächtiger Einfluß, der in derselben Linie arbeitete, machte sich um jene Zeit zwischen 1872 und 1873 geltend. Es fiel mir das Buch von ADOLF HORWICZ in die Hände, "Psychologische Analysen auf physiologischer Grundlage". HORWICZ legte in diesem Werke der ganzen Psychologie das sogenannte Reflexschema zugrunde: Gefühlseindruck infolge von Reizen - Vorstellungen und weiterhin Denken - Ausdrucksbewegung und Willenshandlung.

Die einfachsten Reflexe sind Bewegungserscheinungen infolge von Reizen. Diese Reize müssen schon elementare Gefühle zur Folge haben, die dann eben entsprechende Bewegungen auslösen, die den elementarsten Anfang von Willenshandlungen darstellen. Zwischen jenen Eindrücken einerseits und dem Bewegungsausdruck andererseits schieben sich nun zuerst elementare, dann immer kompliziertere Vorstellungen ein, die in ihrer höchsten Vollendung als Denkvorgänge bezeichnet werden.

So erscheint denn das Vorstellen und weiterhin das Denken als ein bloßes Verbindungsglied, als eine Vermittelung zwischen Eindruck einerseits und Ausdruck andererseits. Diese von HORWICZ sehr sorgfältig und sehr umsichtig durchgeführte Lehre stimmte nun ja sehr gut zu jener mir von SCHOPENHAUER überkommenen Auffassung, daß das Denken ursprünglich nur Mittel zum Zweck des Willens sei und beides stimmte zusammen mit jener von KANT herübergenommenen Überzeugung vom Primat des Praktischen.
LITERATUR - Hans Vaihinger in Raymund Schmidt (Hrsg), Die deutsche Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellungen, Leipzig 1924
    Anmerkungen
  1. MAUTHNER in seinem "Wörterbuch der Philosophie" II (1911), Seite 567 in dem Artikel "Wahrheit" bestreitet, daß dieses Schillerwort für den biologischen Fiktionalismus in Anspruch genommen werden dürfe. Das mag sein. Aber es bleibt eine historische Tatsache, daß jenes Wort bei mir "in gewisser Hinsicht" meinen Fiktionalismus vorbereitet hat.
  2. Der Schopenhauersche Pessimismus wurde mir zu einem grundlegenden und dauernden Bewußtseinsinhalt, um so mehr, als er mir durch schwere und trübe Erfahrungen nahegelegt war. Auch hatte mich früher schon der Schillersche Vers tief ergriffen: "Wer erfreute sich des Lebens, der in seine Tiefen blickt!" Ich habe nicht gefunden, daß durch eine derartige Bewußtseinslage die biologische und sittliche Energie geschwächt wurde. Im Gegenteil: ich gehöre zu denjenigen, denen der Pessimismus überhaupt erst ermöglicht hat, das Leben zu ertragen und denen er sogar erst die ethische Kraft verleiht, zu arbeiten, und sowohl für sich selbst zu kämpfen, als anderen zu helfen. Andererseits gab mir, wie ich glaube, der Pessimismus einen objektiveren Blick für die Realität. Insbesondere habe ich die politische Wirklichkeitslage Deutschlands schon damals, besonders in den letzten 30 Jahren total anders gesehen, bzw. beurteilt, als die weitaus überwiegende Majorität. Speziell habe ich den Weltkrieg, seinen Ausgang und seine Folgen für uns seit vielen Jahren vorhergesehen und vorhergesagt. Ich habe auch gefunden, daß Angehörige anderer Nationen, die einer realistischeren Philosophie als dem üblichen deutschen Idealismus und Objektivismus folgten, einen viel offeneren Blick für die Wirklichkeit hatten. Hätten Deutschlands führende Geister seit 1871 aus SCHOPENHAUER etwas gelernt, so wäre Deutschland nicht in diese furchtbare Lage gekommen. Auch die Entwicklung der sozialen Frage hätte sowohl nach rechts als nach links eine ganz andere Wendung genommen, wenn man statt, von ROUSSEAU und HEGEL, von SCHOPENHAUER ausgegangen wäre. Übrigens ist auch, wie ich schon damals sah, bei KANT eine tiefe pessimistische Unterströmung vorhanden. Als daher E. v. HARTMANN "Kant als Vater des Pessimismus" schilderte, habe ich dies lebhaft begrüßt (vgl. Philosophie des Als-Ob Seite 707 und 735). Kants Lehre vom "radikalen Bösen" in der menschlichen Natur ist eine direkt Widerlegung gewisser Richtungen des extremen Sozialismus.