ra-1F. NietzscheE. Dubois-ReymondH. SpencerR. IngardenL. Nelson    
 
EMIL ANTON ÖLZELT-NEWIN
Alogische Grundlagen unserer Erkenntnis

"Der Charakter des Postulats tritt beim Kausalgesetz an der ungenügenden Zahl und Qualität der Instanzen hervor. Zu den unzählbaren, unerfahrenen und unerfahrbaren Fällen im Reich des Physischen kommen die weit zahlreicheren, selbst für die klarste innere Beobachtung nicht minder zweifelhaften Fälle der psychischen Vorgänge, deren jeweilige Kausationen weniger wissenschaftliche Tatsachen als wissenschaftliche Wünsche darstellen."

"Es ist vornehmlich von zwei Arten von Urteilen mit Postulatcharakter zu sprechen: von solchen, in den das intellektuelle Moment, und von solchen, in denen der Wunsch vorherrscht. Beide sind  subjektiven  Ursprungs, aber die ersten von der Wissenschaft insofern anzuerkennen, als sie über den bloßen Glaubensdrang durch die Beobachtung einer größeren Zahl von Fällen und eine Konstatierung ihrer Gleichheiten die einzige logische Dignität gewähren, deren unsere Erkenntnis auf diesem Gebiet fähig ist - die letzteren mehr mit praktischem, mit Wunschcharakter."

"Nicht die Resignation über unser Erkenntnisvermögen ist es, was uns am schmerzlichsten bedrücken sollte, sondern vielmehr, daß gerade die den Menschen wertvollsten Erkenntnisse, obwohl ihnen die Mängel der intellektuellen Vermögen nicht stärker als anderen anhaften, den Wunschcharakter am stärksten zu tragen verurteilt sind."

Daß der stolze Bau unserer Erkenntnis auf Sand ruht, ist eine von alters her oft gehörte Behauptung. Noch viel öfter wurde aber zu allen Zeiten der Versuch wiederholt, diese als eine skeptische zu brandmarken und zu widerlegen - bisher ohne Erfolg. Die Gegner haben sich nicht übereugt und auch  den  Annäherungsversuch, der der einzig mögliche ist, als wertlos abgelehnt. Bei aller Unzulänglichkeit der Fundamente nämlich, scheint es, bleibt doch ein genügend großer Unterschied zwischen einem in sich stark gefestigten Bau und dem Kartenhaus eines Kindes, das ein Luftzug, eine Maus umzustürzen vermag. In diesem von den tüchtigsten Meistern ersonnenen Bauwerk haben die Menschen ja immer sehr behaglich gelebt, und tun es auch jetzt noch fast alle, auch die Männer der Wissenschaft, und nicht nur der Naturwissenschaft, auch die Philosophen. Nur  einer  Art von Arbeitern ist nicht ganz wohl darinnen, wenigstens in den Zeiten da sie der ersten Spatenstiche gedenken: es sind dies die, welche sich auf die Fundamente verstehen. Aber es scheint, daß, von den Perioden erkenntnistheoretischer Leiden abgesehen, denen wohl nie abzuhelfen sein wird, doch wenigstens die Männer der Logik sich zufriedengeben könnten, wenn man ihnen den unendlichen Unterschied zwischen der Methodik der Wissenschaften und dem Gedankengegaukel eines Kindes vorhält. Sie wollen sich nur nicht bescheiden mit den Mängeln des menschlichen Erkenntnisvermögens. Und ihre Hoffnungen sind auch wieder in unseren Tagen ebenso rege wie jemals, ja man kann sagen, seitdem das völlige Mißglücken des Versuches KANT gegen HUME erwiesen ist, ist der Kampf brennender geworden denn je. Freilich sind es neue und weit schärfere Gründe, die in den Streit geführt werden, als damals, und so ist es gewiß keine müßige Sache, das Problem sich nochmals von seinen neuen Seiten zu besehen.

Was besonders untersucht werden müßte und hier auch ausschließlich geprüft werden soll, sind die Intensitätsgrade, die sich an den steigenden Glauben, zunächst schon des Kindes, knüpfen, das sich zuerst bei seiner Gleichförmigkeit des Naturgeschehens beruhigt, wenn es einmal eine Kugel sieht, die eine zweite stößt - das dann, wenn das zweitmalige Geschehen dem ersten nicht gleicht, sich auf die häufige Wiederholung zu stützen und später aus dem "häufig" zum "immer" zu kommen sucht, und schließlich die Notwendigkeit, das heißt hier noch die Gewißheit, hereinzubringen hofft. Wählt dann einstmals der Jüngling den Beruf des Philosophen, so wird er (nach beglaubigter Statistik) das Kausalgesetz für evident oder erwiesen halten - wie aber zu befürchten ist, ebenso wie in allen früheren Stadien, aufgrund von alogischen Momenten. - Mit diesen nun, die im besonderen auch das Induktionsverfahren angehen, wollen wir uns hier auseinandersetzen.

Wir gehen dazu aus von gewiß einer der wertvollsten Formulierungen, die das Problem in neuester Zeit erfahren hat (1). Sie lautet: "Häufiges Zusammensein begründet unmittelbare Evidenz der Wahrscheinlichkeit für das Bestehen von notwendigem Zusammensein. Die Größe dieser Wahrscheinlichkeit wächst mit der Zahl der beobachteten Fälle."

Unter evidenter Wahrscheinlichkeit soll hier etwas verstanden werden, dem, zum Unterschied vom bloßen Glaubenszwang, von lediglich subjektiven Erlebnissen, vom Angeborenen und Apriorischen, von Kategorien, eine logische Dignität zukommen müßte, die auch über die objektive Welt etwas auszumachen vermag.

Wie verhalten wir uns nun zu jenem Glauben? Ich muß hier einfach bekennen, daß ich, ich mag mich prüfen, so intensiv ich es nur vermag, eine solche Vermutungsevidenz in mir absolut nicht gewahre. Dadurch scheint nun freilich alles erledigt, denn eine Argumentation gegen mich ist ebenso zwecklos wie eine gegen meine Gegner. Es könnte nur noch eines geben, das vielleicht zu tun wäre, zu endgültiger eigener, fremder, und besonders zur Sicherung für die weniger Geschulten: das psychische Erlebnis zu analysieren und zu sehen, wo Fehlerquellen in der Beobachtung verborgen liegen können. Und solche gibt es hier sehr viele, sehr schwierig zu findende und sehr gefährliche. Dieser Versuch könnte von Nutzen sein. Beginnen wir mit der Frage der Dignität der ganzen Klasse einer unmittelbaren Evidenz der Wahrscheinlichkeit.

ALEXIUS MEINONG (2) hat auf diese Evidenzklasse zuerst hingewiesen und gezeigt, wie das Gedächtnisphänomen diesbezüglich ein Erlebnis völlig  sui generis  [aus sich selbst heraus - wp] darstellt, sowohl was Unmittelbarkeit als was die Dignität der Wahrscheinlichkeit betrifft. Jedermann muß anerkennen, daß, was er einen Augenblick vorher gesehen hat, er wirklich gesehen hat, und ein Laie wird sich höchsten dagegen auflehnen, daß man hier nicht anstatt von Wahrscheinlichkeit von Gewißheit spricht. Ehe wir aber davon die Anwendung auf den obigen Fall vornehmen, muß kurz noch an zwei anderen Fällen die Evidenz, wie ich meine, von niemand in annähernd gleicher Intensität erlebt wird wie beim Gedächtnis, was auch immer sonst noch die Gründe für diesen Mangel sein mögen. Die Fälle dieser erweiterten Anwendungsgebiete sind die Gleichförmigkeit des Naturgeschehens und die Existenz der Außenwelt.

Der Glaube an die Gleichförmigkeit des Natugeschehens, nach welchem unter ähnlichen Voraussetzungen Gleiches geschieht, ist zuerst schon im Kind und bei den Tieren Folge eines der stärksten Assoziationstriebe. Dieser wird dann durch häufige Erfahrungen auf das  Höchste  gestärkt und gewöhnlich schließlich, hier noch in unerlaubter Weise, als ein Kausalfall gefaßt, welchem zufolge ohne Ursache nie etwas anderes geschehen kann als früher unter der gleichen Voraussetzung. Auch in wissenschaftlicher Form ist, wenn die Kausalannahmen noch ausgeschlossen sind, der alogische Charakter ebenso klar als er oft übersehen wird. Wer von einem Weltzustand, dem im nächsten Augenblick ein zweiter folgt, behauptet, dieser letzte würde wahrscheinlich, wenn jener erste wieder auftritt, auch wieder folgen (nicht erfolgen), hat einfach ein alogisches Glaubenserlebnis.

Jedenfalls habe ich für die Satz der Gleichförmigkeit des Naturgeschehens nicht nur keine den Gedächtnisfällen ähnliche, sondern überhaupt keine unmittelbare Evidenz der Wahrhscheinlichkeit und bin mit SIGWART (3) der Meinung, daß es sich hier um durchaus mittelbar erworbene Erkenntnisse handelt, um Resultate später und komplexester psychischer Entwicklungen. Ich kann auch bei anderen Formulierungen des Satzes von der Gleichförmigkeit des Naturgeschehens zu keinen anderen Anschauungen kommen und nur zugeben, daß bei ihnen wie bei dem Satz: Keine Geschehen ohne Ursache, die Assoziationstriebe zu den stärksten gehörten und gegen sie am schwersten zu kämpfen ist.

Ähnlich steht es mit der Vermutungsevidenz für eine Außenwelt. Hier haben wir wieder, wie schon beim Tier und beim Kind und bei diesem auch schon bald nach den ersten Erfahrungen (nicht erst dann, wenn es zufällig das Wort "Ich" gebrauchen gelernt hat), die Scheidung zwischen einem embryonalen Ich und den Dingen als eine letzte Tatsache vor allen Postulaten. Diese Scheidung festigt sich später zum Glauben an den "naiven Realismus, um dann schließlich, unter Voraussetzung des gesamten mit Kausalannahmen durchsetzten Induktionsmaterials, zu einer mittelbaren Erkenntnis, einem Wahrscheinlichkeitsbeweis zu führen, zu der Hypothese eines Dings-ansich. Mit Hilfe dieser Induktion, die zwar Postulate voraussetzt, aber in keinem Sinn als Postulat zu bezeichnen ist, werden erste jene Übereinstimmungen, Regelmäßigkeiten im Vorkommen der Dinge und Aussagen anderer Menschen gegeben, die allein unsere Orientierung ermöglichn. Die bloße Gesetzmäßigkeit, gleichviel ob im Psychischen oder Physischen, kann diese nie bieten. Sie findet nur durch jene Hypothese eine Erklärung.

Auch der Solipsist wird sich durch jene unmittelbare Evidenz der Wahrscheinlichkeit für die Existenz der Außenwelt nicht für bekehrt erachten; er wird sagen, daß er eine solche auch im Traum haben könnte. Und wenn man ihm mit dem Vergleich von Werten kommen will zwischen Traumevidenzen und denen des Tages, so wird man wohl am besten gehen, ihn mittels jenes Wahrscheinlichkeitsbeweises zu widerlegen zu versuchen. Jedenfalls finde aber auch ich für den noch kausalfreien Glauben an die Existenz einer Außenwelt bei seiner Entstehung keinen Raum für unmittelbare Evidenzen der Wahrscheinlichkeit und am allerwenigsten für Erkenntnisse über eine transzendent Welt.

Es scheint also, wenn keine weiteren Beispiele für die Klasse einer unmittelbaren Evidenz der Wahrscheinlichkeit (4) erbracht werden, die bessere Annäherungen an die des Gedächtnisses zeigen, daß die so wertvolle Lehre, wenn sie sich nicht schaden will, sich auf diese beschränken müßte. Dies umso mehr, als es ja auch nicht für sie spricht, daß das erweiterte Anwendungsgebiet sich zufällig (wohl in Anführungszeichen) deckt mit den tiefsten Trieben schon des Kindes und der Tiere und gleicherweise mit jenen Erkenntnisarten, für die von jeher die Bezeichnung von Postulaten in Frage stand. In den Händen der Laien aber ist jene Lehre von größter Gefahr. Sie kann allen alles beweisen, und gerade  die  Probleme, die bisher als die schwierigsten galten, werden nun als ganz leicht gelöst erscheinen: das von der Existenz der Außenwelt, der Satz von der Gleichförmigkeit des Naturgeschehens und das Kausalgesetz. Das ist ja gewiß keine Widerlegung, aber zumindest sollten die Anhänger der Lehre durch das Gesagte aufmerksam gemacht werden auf  die  Irrtumsmöglichkeit, daß die Grenzen zwischen alogischem und logischem Glauben, für welch letzteren allein das Wort  Wahrscheinlichkeit  in Verwendung sein sollte, gerade hier äußerst fließend sind.

Kehren wir zu unserer These zurück, so ist wohl das Bedenken gegen ihre unmittelbaren Evidenzen der Wahrscheinlichkeit klarer gemacht. Auch für diese fehlt mir jede Annäherung an die logischen Dignitäten der Gedächtnisevidenz, eben in ähnlicher Weise wie bei den beiden angeführten Beispielen, und auch für sie scheint die Analyse zu ähnlichen Fehlerquellen wie bei diesen zu führen. - Diese Fehlerquellen müssen aber jetzt eingehender besehen werden.

Die größte Irrtumsgefahr liegt auch hier in der Verwechslung von bloßer Regelmäßigkeit und Notwendigkeit, bzw. in der unerlaubterweise schon gemachten Annahme eines kausalen Geschehens, von dem die Notwendigkeit ja erst bewiesen werden soll (5).

In der Behauptung, häufiges Zusammensein begründet Wahrscheinlichkeit für das Bestehen von Notwendigkeit, kann schon, ehe das "häufig" in Frage kommt, eine Fehlerquelle im Glauben an die Gleichförmigkeit des Naturgeschehens liegen, der, wie gesagt, auch in wissenschaftlichster Form schon die Kausalannahmen verbirgt. Der Irrtum ist besonders deshalb so verführerisch, weil es sich dabei nicht nur um eine der stärksten Assoziationen handelt, sondern, was bei anderen Assoziationen nicht der Fall ist, weil sich schon an das einmalige Geschehen, den fallenden Stein, beim Kind ein äußerst starker Glaube knüpft - eine letzte Tatsache psychischer Dispositionen. Ob das häufigere Geschehen diesen Glauben noch sehr bestärkt oder nur zur Abwehr gegen Glaubensstörungen durch Ausnahmen dient, ist ja eine Frage untergeordneter Art. In dem Fall, als von öfterem Geschehen angenommen wird, daß ihm nur eine Verifikationsrolle zukommt, wäre die ganze Macht des Glaubensdranges für die Gleichförmigkeit aufgrund des einmaligen Geschehens zustande gekommen - freilich auch nicht ohne ein verstecktes "oft". Die Intensitätssteigerung wäre dann eben durch häufigeren Ausfall der Gegeninstanzen zu erklären, was zusammen mit der Wucht der Assoziationstätigkeit (wie auch bei einmaligem als Kausalfall und durch Notwendigkeit gedeuteten Vorkommen) die Wirkung so sehr verstärkt.

Eine ähnliche Verwechslung kann auch in der Form stattfinden, daß aus einmaligem Geschehen schon ein Glaube entsteht, der aber ohne unser Wissen gestärkt wird durch frühere Erfahrungen über vollkommene Gleichheit, wie es in der Naturwissenschaft geschieht, die ja immer das Kausalgesetz schon voraussetzt. Wenn sie von einem Körper nur einmal konstatiert, daß er brennt, so kann sie ja den Schluß auf dessen Brennbarkeit machen.

Und nun die Frage der Wiederholung von Geschehnissen. Will man das häufigere Vorkommen zu Hilfe rufen, so ist wieder nicht einzusehen oder mit logischer Dignität zu glauben, selbst wenn unendlich viele Fälle als vorliegend angenommen werden könnten, was eine Enttäuschung hätte hindern sollen in der Vergangenheit, und noch weniger, was sie für die Zukunft hindern würde. Wie und bei wievielter Wiederholung kann einem Glauben darüber logische Dignität oder eine Notwendigkeit, die also unabhängige Realitäten trifft, zukommen? "Oft" ist eben nicht "immer" und "immer" nicht "notwendig". Wir brauchen nur beides und postulieren es nur deshalb. Wir machen den Versuch mit der Notwendigkeitshypothese einfach, um uns dadurch das "immer" und dadurch das Künftige zu sichern, oder umgekehrt, wir machen die Hypothese "immer", weil wir aufgrund einer unerlaubten Umkehrung glauben, uns dadurch die Notwendigkeit in der Vergangenheit, oder was auch immer gilt, für das Künftige zu sichern. Die Frage, ob der Schluß von einem "oft" auf Notwendigkeit oder erst über das "immer" geht, ist dabei wenig von Belang. Wir  wissen,  daß eines das andere voraussetzt und machen die Hypothese nur, um das "immer" zu sichern. Damit haben wir also jedenfalls mindestens zwei, eventuell drei alogische Momente anzunehmen: Vom "oft" zum "immer" und vom "immer" zum "notwendig". Man mag dabei das eine oder andere überspringen oder die Reihenfolge ändern, es bleibt immer dasselbe.

Auch im Begriff "steigende" Wahrscheinlichkeit findet die unmittelbare Evidenz, die bisher allein im Dienst des "oft" Verwendung fand, noch für eine zweite Wahrscheinlichkeit Dienste, auch für das "öfter". Welcher Gedankengang könnte diser höheren Glaubensintensität zur Dignität verhelfen? Man kann sich auch nicht durch die Behauptung retten, daß eben die glaubwürdigere Hypothese die sei, die öfter übereinstimmt mit den Tatsachen; denn auch darin liegt schon das ominöse alogische "oft", um das einfach nie herumzukommen ist. Übrigens dienen solche Hypothesen, die den Postulatcharakter tragen, auch nicht der Erklärung. Diese ist - und das ist eine weitere Irrtumsquelle - zumindest für die unfreiwilligen Hypothesen des Kindes und des naiven Realisten ganz gleichgültig. Daß es sich beim Logiker oft ähnlich verhält, zeigt schon der Wert, den er der Theorie zuliebe bereits dem zweiten Vorkommnis oder gar schon dem ersten gibt, dessen Wahrscheinlichkeit für Notwendigkeit, wenn sie auch nur ein Milliontel wäre, schon betont wird, wo man eben sonst einfach von höchster Unwahrscheinlichkeit spricht. Jede Erklärung ist zunächst nur ein Prüfungsobjekt und besitzt als solches noch keinerlei Wahrscheinlichkeit. Es ist daher ganz unzulässig zu sagen, weil eine Erklärung besser ist als keine, deshalb ist sie wahrscheinlicher; das würde oft das Unwahrscheinlichste wahrscheinlich machen. Oder ist die Annahme zur Erklärung der Schwere, daß ein Kobold Steine anzieht, wahrscheinlicher als die bloße Notwendigkeitsannahme, die dieses Anziehen überhaupt nicht erklärt?

Ferner: Das "öfter", das sonst in jeder Hypothese, die durch Induktion bestätigt werden soll und ohne Kausalannahme einen völlig alogischen Charakter hat, soll, wenn die Hypothese auf Notwendigkeit selbst geht, die Notwendigkeitsannahme selbst ist, logische Dignität erhalten. Doch wohl nur durch deren rückwirkende Kraft, d. h. unter Annahme dessen, was erst bewiesen werden soll? Sonst ist ja nicht einzusehen, wieso die Notwendigkeit anders als irgendeine andere Hypothese durch das "öfter" evident werden soll.

Ferner: Weil wir nie eine Erfahrung über eine Notwendigkeit im Nacheinander gemacht haben, verwechseln wir gerne diesen Fall mit dem des Mathematikers, der, wenn er einem Satz durch Induktion beizukommen trachtet, bevor er ihn beweisen kann, die Notwendigkeit von früher schon kennt, sie daher erwarten und zu beweisen hoffen darf, während die in Frage stehende These eine unbeweisbare und ganz unbestimmt Hypothese ist. Diese Fälle haben eine noch viel bedenklichere Ähnlichkeit, die zu Verwechslungen einlädt mit dem einfachen Fall, daß, wenn wir eine Kurbel an einer Maschine sich beständig drehen sehen, wir schließen, daß ein Kolben die Ursache davon ist. Einen Kolben kennen wir aber von früher her und wissen freilich, wozu er da ist. Ähnlich macht es ja auch die Naturwissenschaft mit analogen und viel kühneren Erklärungen, wenn sie z. B. annimmt, unsichtbare Wirbel sind die Ursache der Anziehung; damit wäre diese Notwendigkeit erklärt. Aber diese Hypothese steht schon unter den Auspizien [Götterwille wird von Auguren aus dem Flug und dem Geschrei der Vögel gelesen - wp] der Notwendigkeit und wird so für den Vergleich unbrauchbar, trotz des Vorranges einer viel größeren Bestimmtheit als die allgemeine Notwendigkeitsannahme, die dafür wieder  Alles  erklären soll. Das dürfte ihr aber kaum anders als mit der Annahme eines Weltgeistes gelingen, der freilich wieder nicht als unmittelbar evident wahrscheinlich erscheinen könnte. Angenommen, wie wollten uns an einer ganz kühnen Annahme ein wenig erfreuen: Ein Kobold sitzt im Mittelpunkt der Erde oder besser im "Weltmittelpunkt" und zieht an tausend unsichtbaren Fäden, die alle Steine zum Fallen, alle Körper einander näherbringen, so folgte daraus nur noch Bedenklicheres für die These. Der Kobold könnte trotz all seiner bisherigen Regelmäßigkeiten, dem "immer" und all den daraus erschlossenen Notwendigkeiten zum Trotz, plötzlich aufhören zu ziehen. Ja noch mehr: er könnte noch früher ermüden und nur oft, nicht immer ziehen, um uns des Rechtes, vom "oft" auf das "immer" zu schließen, zu berauben. Hier hätten wir sogar eine vom "immer" unabhängige Notwendigkeit oder umgekehrt, je nachdem wir das eine oder andere mehr begehren, und sind doch zuletzt ganz auf den alogischen Glauben, auf den guten Willen des Kobolds angewiesen oder auf unser Erschließen aus der Art seiner Handlungen auf sein Wollen. Überall tritt der Postulatcharakter zutage und klar ist nur, daß ohne diesen Glauben nicht einmal das Tier ebensowenig wie das Kind auskommen, sich orientieren und leben könnten; weshalb auch der Trieb dazu durch die Phylogenese [stammesgeschichtliche Entwicklung - wp] mittels der stärksten Assoziationen begründet worden ist, auf daß unfehlbar die größte Intensität erregt werde.

Ob nach all dem sich das menschliche Erkennen nicht mit der bloßen Regelmäßigkeit oder einer Notwendigkeit, die bloß erklärt wird bescheiden müssen? Damit wäre ja ebenso eine Logik der Induktion, und zwar von gleichem Wert aufzubauen, wie mit der Notwendigkeitslogik; es würden dann bloß regelmäßige anstatt notwendige Antezedenzien zu suchen sein. Die Notwendigkeitshypothese vermag ja doch nicht wahrscheinlicher zu machen als die bloße Annahme des "immer"; die Wissenschaftlichkeit basiert in beiden Fällen auf der Konstatierung der größten Zahl von Fällen und ihrer völligen Gleichheit. Das Plus der Sicherheit, das auf die Zukunft geht, ist in beiden Fällen gleich und eine Erklärung in einem Fall sowenig oder so gut möglich als im andern. Induktion kann eben nicht durch Induktion begründet werden.

Ich brauche nach allem nicht mehr zu wiederholen oder zu sagen, daß ich so wenig als von "oft" zum "öfter" und "immer", von diesem zur Notwendigkeit zu gelangen vermag mittels unmittelbarer Evidenz der Wahrscheinlichkeit. Aber einer Einwendung ist noch zu gedenken. Wenn Notwendigkeit im Einzelnen nicht erweislich ist, kann da nicht das allgemeine Kausalgesetz Evidenzen bieten?

Ohne Zweifel kommt das Kausalgesetz - jede Veränderung hat eine Ursache (notwendiges Antezedens) - trotz seiner Allgemeinheit auf keinem anderen Weg zustande als die einzelnen Kausalgesetze. Es ist, obgleich es vielleicht die stärkste subjektive Nötigung repräsentiert, weder unmittelbar gewiß noch wahrscheinlich, sondern mittelbar wahrscheinlich. Es sucht eine Evidenz, wenn man hier eine solcher oder Grade derselben zulassen will, im Unterschied vom alogischen Glaubensdrang, nur aufgrund einer größeren Zahl von Fällen und ihrer Gleichheit in wissenschaftlicher Weise, im Sinne einer Logik der Induktion. Wenn eine auf einem Gebiet wiederholt konstatierte Regelmäßigkeit auch auf anderen, auf möglichst vielen Gebieten konstatiert wurde, so wird dadurch der Glaube an das "immer" oder die Notwendigkeit intensiver und führt schließlich zum Glauben an das Gesamtgeschehen im ganzen Gebiet des entsprechenden menschlichen Erkennens. Die Frage nach der letzten Begründung bleibt dabei wieder unbeantwortet: Sie führt eben zurück zu den alogischen Glaubensintensitäten der einzelnen Induktionsfälle, Gesetze und Urteile und setzt ihre Postulate nur voraus. Der Charakter des Postulats tritt beim Kausalgesetz jedoch an anderen Momenten hervor, an der ungenügenden Zahl und Qualität der Instanzen. Zu den unzählbaren, unerfahrenen und unerfahrbaren Fällen im Reich des Physischen kommen nämlich die weit zahlreicheren, selbst für die klarste innere Beobachtung nicht minder zweifelhaften Fälle der psychischen Vorgänge, deren jeweilige Kausationen weniger wissenschaftliche Tatsachen als wissenschaftliche Wünsche darstellen. Damit ist aber der Grad der Wahrscheinlichkeit sehr eingeschränkt. Freilich, mit Rücksicht auf die Allgemeinheit des Kausalgesetzes und darauf, daß es eine Quelle ist, aus welcher die meisten unserer Erkenntnisse ihre Kraft erhalten, gilt es als Krönung des Baues unserer Erkenntnis: Hauptsächlich aber doch nur deswegen, weil man meint, daß seine Fundamente auch die festesten sind. Aber, wie gesagt, der Weg, auf dem wir zu unserem Glauben an das Kausalgesetz kommen, geht über die einzelnen Kausalerkenntnisse, die dafür, wie immer komplex die einzelnen Induktionsinstanzen sind, wieder nur einfache Instanzen bilden. Somit nimmt das Kausalgesetz von den einzelnen Glaubensinstanzen (auch von den psychischen) seine Dignität viel mehr als umgekehrt, was vielsagend ist für den, der keine unmittelbare Evidenz der Wahrscheinlichkeit oder der Gewißheit dafür besitzt. Wer z. B. die Unfreiheit des Willens mittels des Kausalgesetzes erweisen will, muß bedenken, daß das Kausalgesetz zu seinen Voraussetzungen Instanzen, wie die Kausalerfahrungen des Psychischen, also auch schon der ausnahmslosen Regelmäßigkeiten und Ursächlichkeiten in den Willensmotiven hat. Man muß aber, auch ohne Indeterminist zu sein, sehen, daß es sich hier - die innere Erfahrung sollte uns zumindest unentschieden lassen - um keine ausgemachten Erkenntnisse handelt, und daß statt der Annahme eines kausalen Geschehens jede Art Regelmäßigkeit auch möglich ist, ebenso wie ihr Gegenteil. Sie wäre eine letzte Tatsache, die eben nicht mehr erklärlich ist, über die sich aber zu verwundern so wenig ein Recht besteht wie über ein plötzliches Aufhören der Gleichförmigkeit des Naturgeschehens. Wer hier noch erklären will, überhaupt ein Bedürfnis dazu hat, muß eben eine letzte andere Tatsache aufweisen, also z. B. das Kausalgesetz schon mit Evidenz glauben. Dennoch ist der Glaube an seine Dignität so sehr verbreitet, und zwar auch bei einer großen Zahl der besten Denker - wie ich meine, ohne Einsicht in die Mängel seiner Voraussetzungen. Trotz dieser Mängel aber wird jeder noch so Zweifelnde den Glauben an die einzelnen Kausalgesetze und Induktionen in weitem Umfang, der für das tägliche Leben und für die weitesten Gebiete des Wissens genügt, festhalten, nur ist, wenn für das Kausalgesetz eine höchstgradige Wahrscheinlichkeit in Anspruch genommen wird, diese ohne Evidenz.

Damit wären wir mit unserer analytischen Arbeit über die in Frage stehende These zu Ende, und es erübrigt uns nur noch die Frage, die eigentlich weniger die Sache selbst angeht und zum Teil eine terminologische ist: Welche Verwendung soll für die hier vertretene Resignationstheorie (6) das Wort  Postulat,  wenn man es nicht nur im Sinne KANTs gebrauchen will, finden? Es ist gleichgültig, ob dieses Problem nur in den Erkenntnistheorien vorkommen oder ob auch die Logiker in ihren Einleitungen oder in der Besprechung der Grundlagen des Induktionsverfahrens darauf Bezug nehmen sollen: hier soll nur soweit darauf eingegangen werden, als es eine klare Sonderung der in Diskussion gestandenen alogischen Elemente untereinander und zu anderen Erkenntnisarten fordert.

Es ist vor allem verwirrend, das Wort in dem Sinn zu gebrauchen, was ja oft genug geschieht, daß schon der durch bloße lebhafte Assoziation, durch hervorgerufene Erinnerung bedingte Glaubensdrang wie bei Tieren und Kindern als Postulat bezeichnet wird. Vielmehr wäre vornehmlich von zwei Arten von Urteilen mit Postulatcharakter zu sprechen: von solchen, in den das intellektuelle Moment, und von solchen, in denen der Wunsch vorherrscht. Beide sind subjektiven Ursprungs, aber die ersten von der Wissenschaft insofern anzuerkennen, als sie über den bloßen Glaubensdrang durch die Beobachtung einer größeren Zahl von Fällen und eine Konstatierung ihrer Gleichheiten die einzige logische Dignität gewähren, deren unsere Erkenntnis auf diesem Gebiet fähig ist - die letzteren mehr mit praktischem, mit Wunschcharakter. Die Grenzen beider sind fließend, da beide Momente in ihnen in verschiedenem Maß vertreten sind, und so ist es am besten, hier nur zwischen beiden Extremen die wesentlichsten Übergangspunkte in einer Reihe angeordnet zu nennen. Der Systematiker mag ihnen den Namen  Postulat  vorenthalten oder geben, und dieses je nach dem, was ihm als wissenschaftlich erscheint.

Das am wenigsten wunschbetonte Urteil dieses Charakters ist, daß häufiges Zusammensein den Glauben an eine Notwendigkeit oder an ein beständiges Geschehen begründet. Das Wunschhafte äußert sich hier nur versteckt on der Wahl dieser Hypothese, die gewähren soll, was wir brauchen, die Sicherheit für alle Zukunft, scheinbar in völlig logischer Form. Dieses Urteil kann auch später nicht durch Induktion bestätigt werden, es bildet die Voraussetzung aller Induktion, aller Postulate.

Verwandt damit ist der Satz von der Gleichförmigkeit des Naturgeschehens. Derselbe ist entweder eine unfreiwillige Hypothesenbildung des unentwickelten Denkens oder, was hier in Frage kommt, in wissenschaftlicher Form das Resultat einer Induktion und dann kein Postulat, sondern nur solche voraussetzend. Zu einem solchen wird er erst gestempelt, da die Induktion keine genügenden Instanzen von brauchbarer Qualität zur Verfügung hat, dadurch, daß der Wunsch nach Orientierung den Ersatz bietet. Er trägt noch immer einen vornehmlich intellektuellen Aspekt.

Ähnlichkeit mit diesem Charakter hat auch das Kausalgesetz, und zwar nicht aufgrund der Induktion, die ihm mittelbar Wahrscheinlichkeit verleiht, sondern deshalb, weil der Drang nach Orientierung so stark ist, daß es bei dem großen Anwendungsgebiet und bei der mangelhaften Zahl und dem Charakter der Instanzen keine den einzelnen Kausalurteilen gleiche Glaubensintensität - die das Kausalgesetz doch beansprucht - erzeugen kann.

Aus demselben Grund grägt auch die Annahme einer Übereinstimmung der Geschehnisse der Außenwelt mit dem logischen Gang unseres Denkens denselben Charakter einer mangelhaften Induktion, die unsere Wünsche stützen müssen.

Als Übergang zu den vom Willen vornehmlich betonten Hypothesen wären zu nennen religiöse Annahmen, wie die eines persönlichen Gottes, obgleich auch diese in der Wissenschaft noch Stützen zu finden streben. Sie tun es in der Hypothese eines Weltgeistes zur Erklärung z. B. des sonst unerklärlichen "Entstehens des Psychischen"; der Vernunft, aller vernünftigen Geschehnisse in der Welt. Werden noch weitere Annahmen religiöser und ethischer Natur gemacht über weitere Eigenschaften, wie höchste Weisheit und Güte, so tritt der Postulatcharakter schon stark in den Vordergrund.

Dieser kommt der Hypothese einer persönlichen Unsterblichkeit in noch höherem Maße zu, da hier die Wissenschaft zu keiner Art Wahrscheinlichkeit, weder pro noch kontra, zu gelangen vermag oder zumindest vermochte.

Den reinsten Charakter aber eines praktischen Postulates trägt die Annahme einer Parallelismus zwischen Sittlichkeit und Glück, die ihren Ausgleich im Dies- oder im Jenseits finden sollen, eine Annahme, welche unserem gesamten ethischen Handeln, sofern es Aufopferung und Leid bedingt, den einzig möglichen Sinn geben soll.

Wenden wir nach dieser Umschau über Postulate noch zum Abschluß den Blick auf die Objekte, auf welche sie sich beziehen, so drängt sich der Gedanke auf: Nicht die Resignation über unser Erkenntnisvermögen ist es, was uns am schmerzlichsten bedrücken sollte, sondern vielmehr, daß gerade die den Menschen wertvollsten Erkenntnisse, obwohl ihnen die Mängel der intellektuellen Vermögen nicht stärker als anderen anhaften, den Wunschcharakter am stärksten zu tragen verurteilt sind.



LITERATUR - Anton Ölzelt-Newin, Alogische Grundlagen unserer Erkenntnis, Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, Bd. 163, Leipzig 1914
    Anmerkungen
    1) Diese Formulierung gibt ALOIS HÖFLER dem Problem, und er ist im Begriff, sie in seiner Logik der Öffentlichkeit zu übergeben. Ich verdanke die in darauf bezüglichen zahllosen Diskussionen gewonnene Klärung und Anregung leider vornehmlich seinem Widerspruch. - Auch muß ich mich an diesem Ort auf das beziehen, was ich über ähnliche Formulierungen schon gesagt habe in den Arbeit: "Weshalb das Problem der Willensfreiheit nicht zu lösen ist", "Naturnotwendigkeit und Gleichförmigkeit des Naturgeschehens als Postulate" in "Kleinere philosophische Schriften" und "Die unabhängigen Realitäten" in der Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik", Bd. 129.
    2) MEINONG, Zur erkenntnistheoretischen Würdigung des Gedächtnisses, Gesammelte Abhandlungen, Bd. II, 1913.
    3) SIGWART, Logik, in seinen Auseinandersetzungen mit MILLs Induktionstheorie. Diese Logik anerkennt alogische Grundlagen, berücksichtigt sie aber in ihrem Ausbau so gut wie nicht.
    4) Wenn auch dem Gesetz der großen Zahlen unmittelbare Evidenz zugesprochen wurde, so scheint das insofern irrtümlich, als dasselbe, wie die Wahrscheinlichkeitsrechnung selbst, schon den Glauben an die Gleichförmigkeit des Naturgeschehens zur Voraussetzung hat. Man erwartet z. B. nicht für jeden sechsten Wurf dieselbe Würfelseite, wird sie aber vielleicht ohne jede weitere Erfahrung bei großen Wurfzahlen erwarten: das ist aber wieder einfach ein anderes Anwendungsgebiet des Glaubens an die Gleichförmigkeit des Naturgeschehens. Vielleicht haben wir diese Erkenntnis auch durch Induktion erworben.
    5) Ich darf mitteilen, daß mir während des Nachdenkens über dieses Problem wiederholt ein richtiger Gedanke, den ich früher einmal hatte, als falsch erschienen ist, den ich dann doch wieder als richtig erkannte und umgekehrt. Kein Wunder! Die Geschichte der Philosophie und das geringe Verständnis, ja das Übersehen des ganzen Problems seitens so vieler zeitgenössischer Fachleute zeigt, wie schwierig es ist.
    6) Diese Bezeichnung ist bescheidener als die die Urteilslosigkeit betonende der Skepsis, besonders wenn es sich um eine ein engeres Gebiet betreffende Theorie handelt, und der Begriff  Skeptiker  würde sinnlos werden, wenn diese Theorie sich als richtig herausstellt.