ra-1 A. SchwarzeE. LaskerR. HamerlingJ. BahnsenH. Schwarz    
 
PHILIPP MAINLÄNDER
Die Philosophie der Erlösung

"Die wahre Philosophie muß  idealistisch  sein, d. h. sie darf das erkennende Subjekt nicht überspringen und von den Dingen reden, als ob dieselben, unabhängig von einem Auge, das sie sieht, einer Hand, die sie fühlt, genau ebenso sind, wie das Auge sie sieht, die Hand sie fühlt."

"Die zu ganzen Objekten oder zu ganzen Teilen von Objekten verbundenen Teilvorstellungen des Verstandes werden von der Urteilskraft verglichen. Das Gleiche oder Gleichartige wird von ihr, mit Hilfe der Einbildungskraft, zusammengestellt und der Vernunft übergeben, welche es zu einer Kollektiv-Einheit, dem Begriff, verbindet. Je ähnlicher das Zusammengefaßte ist, desto näher steht der Begriff der Anschaulichen und desto leichter wird der Übergang zu einem anschaulichen Repräsentanten desselben."

"Wären keine erkennenden Wesen in der Welt, so würden die vorhandenen erkenntnislosen Dinge-ansich doch in rastloser Bewegung sein. Tritt die Erkenntnis auf, so ist die Zeit nur Bedingung der Möglichkeit die Bewegung zu  erkennen,  oder auch: die Zeit ist der  subjektive  Maßstab der Bewegung."

"Wir erkennen, daß die  Vorstellung  weder sensual, noch intellektuell, noch rational, sondern  spiritual  ist. Sie ist das Werk des  Geistes,  d. h.  sämtlicher  Erkenntnisvermögen."


Vorwort

Wer einmal Kritik gekostet hat, den ekelt
für immer alles dogmatische Gewäsche.

- Kant

Die Philosophie hat ihren Wert und ihre Würde darin, daß sie alle nicht zu begründenden Annahmen verschmäht und in ihre Data nur  das  aufnimmt, was sich in der anschaulich gegebenen Außenwelt, in den unseren Intellekt konstituierenden Formen zur Auffassung derselben und in dem Allen gemeinsamen Bewußtsein des eigenen Selbst sicher nachweisen läßt.
- Schopenhauer


Wer sich in den Entwicklungsgang des menschlichen Geistes, vom Anfang der Zivilisation bis in unsere Tage, vertieft, der wird ein merkwürdiges Resultat gewinnen: er wird nämlich finden, daß die Vernunft die unleugbare Gewalt der Natur zuerst immer zersplittert auffaßte und die einzelnen Kraftäußerungen personifizierte, also Götter bildete; dann diese Götter zu einem einzigen Gott zusammenschmolz; dann diesen Gott durch das abstrakteste Denken zu einem Wesen machte, das in keiner Weise mehr vorstellbar war; schließlich aber kritisch wurde, ihr feines Gespinst zerriß und das reale Individuum: die Tatsache der inneren und äußeren Erfahrung, auf den Thron setzte.

Die Stationen dieses Weges sind:
    1) Polytheismus
    2) Monotheismus - Pantheismus
                                  a. religiöser Pantheismus,
                                  b. philosophischer Pantheismus
    3) Atheismus
Nicht alle Kulturvölker haben den ganzen Weg zurückgelegt. Das geistige Leben der meisten ist beim ersten oder zweiten Entwicklungspunkt stehen geblieben, und nur in zwei Ländern wurde die Endstation erreicht: in Indien und in Judäa.

Die Religion der Inder war anfänglich Polytheismus, dann Pantheismus. (Des religiösen Pantheismus bemächtigten sich später sehr feine und bedeutende Köpfe und bildeten ihn zum philosophischen Pantheismus {Vedanta-Philosophie} aus.) Da trat BUDDHA, der herrliche Königssohn, auf und gründete in seiner großartigen Karmalehre den Atheismus auf den  Glauben  an die  Allmacht  des Individuums.

Ebenso war die Religion der Juden zuerst roher Polytheismus, dann strenger Monotheismus. In ihm verlor, wie im Pantheismus, das Individuum die letzte Spur von Selbständigkeit. Hatte, wie SCHOPENHAUER sehr treffend bemerkt, JEHOVAH seine ganz ohnmächtige Kreatur hinreichend gequält, so warf er sie auf den Mist. Hiergegen reagierte die kritische Vernunft mit elementarer Gewalt in der erhabenen Persönlichkeit CHRISTI. CHRISTUS setzte das Individuum wieder in sein unverlierbares Recht ein und gründet auf demselben  und  auf dem  Glauben  an die Bewegung der Welt aus dem Leben in den Tod (Untergang der Welt) die atheistische Religion der Erlösung. Daß das reine Christentum im tiefsten Grund echter Atheismus (d. h.  Verneinung  eines mit der Welt  koexistierenden persönlichen  Gottes, aber  Bejahung  eines die Welt durchwehenden gewaltigen Atems einer  vorweltlichen gestorbenen  Gottheit) und nur auf der Oberfläche Monotheismus ist, werde ich im Text beweisen.

Das exoterische Christentum wurde Weltreligion, und nach seinem Triumph hat sich in keinem einzelnen Volk mehr der oben bezeichnete geistige Entwicklungsgang vollzogen.

Dagegen ging neben der christlichen Religion, in der Gemeinschaft der abendländischen Völker, die abendländische Philosophie her und ist jetzt bis in die Nähe der dritten Station gekommen. Sie knüpfte an die aristotelische Philosophie an, welcher die ionische vorangegangen war. In dieser wurden einzelne  sichtbare  Individualitäten der Welt (Wasser, Luft, Feuer) zu Prinzipien des Ganzen gemacht, in ähnlicher Weise wie in jeder Urreligion einzelne beobachtete Tätigkeiten der Natur zu Göttern gestaltet worden sind. Die in der aristotelischen Philosophie, durch Zusammenfassung aller Formen, gewonnene einfache Einheit wurde dann im Mittelalter (das reine Christentum war schon längst verloren gegangen) zum philosophisch zurechtgestutzten Gott der christlichen Kirche; denn die Scholastik ist nichts anderes, als philosophischer Monotheismus.

Dieser verwandelte sich dann durch SCOTUS ERIGENA, VANINI, BRUNO, und SPINOZA in den philosophischen Pantheismus, welcher unter dem Einfluß eines besonderen philosophischen Zweigs (des kritischen Idealismus: LOCKE, BERKELEY, HUME, KANT) einerseits zum Pantheismus ohne Prozeß (SCHOPENHAUER), andererseits zum Pantheismus mit Entwicklung (SCHELLING, HEGEL) weitergebildet, d. h. auf die Spitze getrieben wurde.

In diesem philosophischen Pantheismus (es ist ganz gleich, ob die einfache Einheit  in  der Welt Wille oder Idee, oder Absolutum oder Materie genannt wird) bewegen sich gegenwärtig, wie die vornehmen Inder zur Zeit der Vedantaphilosophie, die meisten Gebildeten aller zivilisierten Völker, deren Grundlage die abendländische Kultur ist. Aber nun ist auch der Tag der Reaktion gekommen.

Das Individuum verlangt, lauter als jemals, Wiederherstellung seines zerrissenen und zertretenen, aber unverlierbaren Rechts.

Das vorliegende Werk ist der erste Versuch, es ihm voll und ganz zu geben.

Die Philosophie der Erlösung ist eine Fortsetzung der Lehren KANTs und SCHOPENHAUERs und eine Bestätigung des Buddhismus und des reinen Christentums. Jene philosophischen Systeme werden von ihr berichtigt und ergänzt, diese Religionen von ihr mit der Wissenschaft versöhnt.

Sie gründet den Atheismus nicht auf irgendeinen Glauben, wie diese Religionen, sondern, als Philosophie, auf das  Wissen  und ist deshalb der Atheismus von ihr zum ersten Mal wissenschaftlich begründet worden.

Er wird auch in das Wissen der Menschheit übergehen; denn dieselbe ist reif für ihn: sie ist mündig geworden.



Analytik des Erkenntnisvermögens

Je allbekannter die Data sind, desto
schwerer ist es, sie auf eine neue und
doch richtige Weise zu kombinieren, da
schon eine überaus große Anzahl von Köpfen
sich an ihnen versucht und die möglichen
Kombinationen derselben erschöpft hat.

- Schopenhauer


1.

Die wahre Philosophie muß  rein immanent  sein, d. h. ihr Stoff sowohl, als ihre Grenze muß die Welt sein. Sie muß die Welt aus Prinzipien, welche in derselben von jedem Menschen erkannt werden können, erklären und darf weder außerweltliche Mächte, von denen man absolut nichts wissen kann, noch Mächte in der Welt, welche jedoch ihrem Wesen nach nicht zu erkennen wären, zu Hilfe rufen.

Die wahre Philosophie muß ferner  idealistisch  sein, d. h. sie darf das erkennende Subjekt nicht überspringen und von den Dingen reden, als ob dieselben, unabhängig von einem Auge, das sie sieht, einer Hand, die sie fühlt, genau ebenso sind, wie das Auge sie sieht, die Hand sie fühlt. Ehe sie wagt einen Schritt zu tun, um das Rätsel der Welt zu lösen, muß sie sorgfältig und genau das Erkenntnisvermögen untersucht haben. Es kann sich ergeben.
    1. daß das erkennende Subjekt ganz aus eigenen Mitteln die Welt produziert;

    2. daß das Subjekt die Welt genauso wahrnimmt wie sie ist;

    3. daß die Welt ein Produkt ist teils des Subjekts, teils eines vom Subjekt unabhängigen Grundes der Erscheinung.
Der Ausgang vom Subjekt ist also der Anfang des einzig sicheren Weges zur Wahrheit. Es ist möglich, wie ich hier noch sagen darf, ja muß, daß den Philosophen ein Sprung über das Subjekt auch darauf führt; aber ein solches Verfahren, das alles dem Zufall anheimgibt, wäre eines besonnenen Denkers unwürdig.


2.

Die Quellen, aus denen alle Erfahrung, alle Erkenntnis, all unser Wissen fließt, sind:
    1) die Sinne,
    2) das Selbstbewußtsein
Eine dritte Quelle gibt es nicht.


3.

Wir betrachten zuerst die sinnliche Erkenntnis. - Ein vor mir stehender Baum wirft die ihn treffenden Lichtstrahlen geradlinig zurück. Einige derselben fallen in mein Auge und machen auf der Netzhaut einen Eindruck, den der erregte Sehnerv zum Gehirn weiterleitet.

Ich betaste einen Stein, und die Gefühlsnerven leiten die erhaltenen Empfindungen zum Gehirn weiter.

Ein Vogel sindt und bringt dadurch eine Wellenbewegung in der Luft hervor. Einige Wellen treffen mein Ohr, das Trommelfell erzittert, und der Gehörnerv leitet den Eindruck zum Gehirn.

Ich ziehe den Duft einer Blume ein. Er berührt die Schleimhäute der Nase und erregt den Riechnerv, der den Eindruck zum Gehirn bringt.

Eine Frucht erregt meine Geschmacksnerven, und sie pflanzen den Eindruck zum Gehirn fort.

Die  Funktion  der Sinne ist mithin: Weiterleitung der Eindrücke zum Gehirn.

Da indessen diese Eindrücke von einer ganz bestimmten Natur und das Produkt einer Reaktion sind, welche gleichfalls eine Funktion ist, so empfiehlt sich, den Sinn im Sinnesorgan und Leitungsapparat zu scheiden. Es wäre demnach die  Funktion  des Sinnesorgans einfach in die Hervorbringung des spezifischen Eindrucks und die Funktion des Leitungsapparates wie oben in die Weiterleitung des bestimmten Eindrucks zu setzen.


4.

Die vom Gehirn nach außen verlegten Sinneseindrücke heißen  Vorstellungen die Gesamtheit dieser ist die  Welt als Vorstellung.  Sie zerfällt in:
    1) die anschauliche Vorstellung oder kurz die Anschauung;
    2) die nicht-anschauliche Vorstellung.
Erstere beruth auf dem Gesichtssinn und teilweise auf dem Tastsinn (Fühlsinn); letztere auf dem Gehör-, Geruchs- und Geschmackssinn, sowie teilweise auf dem Fühlsinn.


5.

Wir haben jetzt zu sehen, wie die  anschauliche  Vorstellung, die Anschauung, für uns entsteht, und beginnen mit dem Eindruck, den der Baum im Auge macht. Mehr ist bis jetzt noch nicht geschehen. Es hat eine gewisse Veränderung auf der Retina stattgefunden und diese Veränderung hat mein Gehirn auffiziert. Geschähe nichts weiter, wäre der Vorgang hier beendet, so würde mein Auge nie den Baum sehen; denn wie sollte die schwache Veränderung in meinen Nerven zu einem Baum in mir verarbeitet werden können, und auf welche wunderbare Weise sollte ich ihn sehen?

Aber das Gehirn reagiert auf den Eindruck und das Erkenntnisvermögen, welches wir  Verstand  nennen, tritt in Tätigkeit. Der Verstand sucht die  Ursache  der Veränderung im Sinnesorgan, und dieser Übergang von der Wirkung im Sinnesorgan zur Ursache ist seine alleinige  Funktion,  ist das  Kausalitätsgesetz Diese Funktion ist dem Verstand angeboren und liegt in seinem Wesen  vor  aller Erfahrung, wie der Magen die Fähigkeit zum Verdauen haben muß, ehe die erste Nahrung in ihn kommt. Wäre das Kausalitätsgesetz nicht die  apriorische  Funktion des Verstandes, so würden wir nie zu einer Anschauung gelangen. Das Kausalitätsgesetz ist, nach den Sinnen, die erste Bedingung der Möglichkeit der Vorstellung und liegt deshalb a priori in uns.

Auf der anderen Seite jedoch würde der Verstand nie in Funktion treten können und wäre ein totes, unnützes Erkenntnisvermögen, wenn er nicht von Ursachen erregt würde. Sollen die Ursachen, welche zur Anschauung führen, in den Sinnen liegen, wie die Wirkungen, so müßten sie von einer unerkennbaren, allmächtigen fremden Hand in uns hervorgebracht werden, was die immanente Philosophie verwerfen muß. Es bleibt also nur die Annahme, daß vom Subjekt vollkommen unabhängige Ursachen in den Sinnesorganen Veränderungen hervorbringen, d. h. daß selbständige  Dinge-ansich  den Verstand in Funktion setzen.

So gewiß demnach das Kausalitätsgesetz in uns, und zwar  vor  aller Erfahrung, liegt, so gewiß ist auf der anderen Seite die vom Subjekt unabhängige Existenz von Dingen ansich, deren  Wirksamkeit  den Verstand allererst in Funktion setzt.


6.

Der Verstand sucht zur Sinnesempfindung die Ursache, und, indem er die Richtung der eingefallenen Lichtstrahlen verfolgt, gelangt er zu ihr. Er würde jedoch nichts wahrnehmen, wenn nicht in ihm,  vor  aller Erfahrung,  Formen  lägen, in welche er die Ursache gleichsam gießt. Die eine derselben ist der  Raum

Wenn man vom Raum spricht, so hebt man gewöhnlich hervor, daß er drei Dimensionen: Höhe, Breite und Tiefe hat und unendlich ist, d. h. es ist zu denken möglich, daß der Raum eine Grenze hat und die Gewißheit, nie in seiner Durchmessung zu einem Ende zu kommen, ist eben seine Unendlichkeit.

Daß der unendliche Raum unabhängig vom Subjekt existiert und seine Einschränkung, die Räumlichkeit, zum Wesen der Dinge ansich gehört, ist eine von der kritischen Philosophie überwundene, aus der naiven Kindheit der Menschheit stammende Absicht, welche zu widerlegen einen unnütze Arbeit wäre. Es gibt außerhalb des anschauenden Subjekts weder einen unendlichen Raum, noch endliche Räumlichkeiten.

Aber der Raum ist auch keine reine Anschauung a priori des Subjekts, noch hat dieses die reine Anschauung a priori von endlichen Räumlichkeiten, durch deren Aneinanderfügung es zur Anschauung eines alles umfassenden, einigen Raumes gelangen könnte, wie ich im Anhang beweisen werde.

Der Raum  als Verstandesform  (vom mathematischen Raum ist jetzt nicht die Rede) ist ein  Punkt,  d. h. der Raum als Verstandesform ist nur unter dem Bild eines Punktes zu denken. Dieser Punkt hat die Fähigkeit (oder ist geradezu die Fähigkeit des Subjekts), die Dinge ansich, welche auf die betreffenden Sinnesorgane wirken, nach drei Richtungen hin zu begrenzen. Das Wesen des Raumes ist demnach die Fähigkeit, nach drei Dimensionen in unbestimmt Weite (in indefinitum) auseinander zu treten. Wo ein Ding ansich aufhört zu wirken, da setzt ihm der Raum die Grenze, und der Raum hat nicht die Kraft, ihm allererst  Ausdehnung zu verleihen.  Er verhält sich vollkommen indifferenz in Bezug auf die Ausdehnung. Er ist gleich gefällig, einem Palast wie einem Quarzkörnchen, einem Pferd wie einer Biene die Grenze zu geben. Das Ding-ansich  bestimmt  ihn, sich so weit zu entfalten, als es wirkt.

Wenn demnach auf der einen Seite der (Punkt-)Raum eine Bedingung der Möglichkeit der Erfahrung, eine apriorische Form unseres Erkenntnisvermögens ist, so ist andererseits gewiß, daß jedes Ding-ansich eine vom Subjekt total unabhängige  Wirksamkeitssphäre  hat. Diese wird nicht vom Raum bestimmt, sondern sie sollizitiert [nötigt - wp] den Raum, sie genau da zu begrenzen, wo sie aufhört.


7.

Die zweite  Form,  welche der Verstand zuhilfe nimmt, um die aufgefundene Ursache wahrzunehmen, ist die  Materie

Sie ist gleichfalls unter dem Bild eines Punktes zu denken (von der Substanz ist hier nicht die Rede). Sie ist die Fähigkeit, jede Eigenschaft der Dinge-ansich, jede spezielle Wirksamkeit derselben innerhalb der vom Raum gezeichneten Gestalt genau und getreu zu  objektivieren;  denn das  Objekt  ist nichts anderes, als das durch die Formen des Subjekts gegangene Ding ansich. Ohne die Materie ist kein Objekt, ohne Objekte keine Außenwelt.

Mit Absicht auf die oben ausgeführte Spaltung des Sinnes in Sinnesorgan und Leitungsapparat ist die Materie zu definieren als Punkt, wo sich die weitergeleiteten Sinneseindrücke, welche die verarbeiteten speziellen Wirksamkeiten anschaulicher Dinge ansich sind, vereinigen. Die Materie ist mithin die gemeinsame Form für alle Sinneseindrücke oder auch die Summe sämtlicher Sinneseindrücke von Dingen ansich der  anschaulichen  Welt.

Die Materie ist also eine weitere Bedingung der Möglichkeit der Erfahrung oder eine apriorische Form unseres Erkenntnisvermögens. Ihr steht, vollkommen unabhängig, die Summe der Wirksamkeiten eines Dings-ansich, oder, mit einem Wort, die  Kraft  gegenüber. Insofern eine Kraft Gegenstand der Wahrnehmung eines Subjekts wird, ist sie  Stoff  (objektivierte Kraft); hingegen ist jede Kraft, unabhängig von einem wahrnehmenden Subjekt, frei von Stoff und  nur  Kraft.

Es ist deshalb wohl zu bemerken, daß, so genau und photographisch getreu auch die subjektive Form Materie die besonderen Wirkungsarten eines Dings-ansich wiedergibt, die Wiedergebung doch  toto genere  [auf jede Art - wp] von der Kraft verschieden ist. Die Gestalt eines Objekts ist identisch mit der Wirksamkeitssphäre des ihm zugrunde liegenden Dings-ansich, aber die von der Materie objektivierten Kraftäußerungen des Dings-ansich sind nicht mit diesen, ihrem Wesen nach, identisch. Auch findet keine Ähnlichkeit statt, weshalb man nur mit dem größten Vorbehalt ein Bild zur Verdeutlichung heranziehen und etwa sagen kann: die Materie stelle die Eigenschaften der Dinge dar, wie ein farbiger Spiegel Gegenstände zeigt, oder das Objekt verhalte sich zum Ding ansich wie eine Marmorbüste zu einem Tonmodell. Das Wesen der Kraft ist eben vom Wesen der Materie  toto genere  verschieden.

Gewiß deutet die Röte eines Objekts auf eine besondere Eigenschaft des Dings-ansich, aber die Röte hat mit dieser Eigenschaft keine Wesensgleichheit. Es ist ganz unzweifelhaft, daß zwei Objekte, von denen das eine glatt und biegsam, das andere rauh und spröde ist. Unterschiede erscheinen lassen, welche im Wesen der beiden Dinge ansich begründet sind; aber die Glätte, die Rauheit, die Biegsamkeit und Sprödheit von Objekten haben mit den betreffenden Eigenschaften der Dinge-ansich keine Wesensgleichheit.

Wir haben deshalb hier zu erklären, daß das  Subjekt  ein  Hauptfaktor  bei der Herstellung der Außenwelt ist, obgleich es die Wirksamkeit eines Dings ansich nicht fälscht, sondern nur genau wiedergibt, was auf dasselbe wirkt. es ist hiernach das Objekt vom Ding-ansich, die Erscheinung von dem in ihr Erscheinenden verschieden. Ding-ansich und Subjekt machen das Objekt. Aber nicht der  Raum  ist, welcher das Objekt von Ding-ansich unterscheidet, und ebensowenig ist es die  Zeit,  wie ich gleich zeigen werde, sondern die  Materie  allein bringt die Kluft zwischen dem Erscheinenden und seiner Erscheinung hervor, obgleich die Materie sich ganz indifferent verhält und aus eigenen Mitteln weder eine Eigenschaft in das Ding ansich legen, noch seine Wirksamkeit verstärken oder schwächen kann. Sie objektiviert einfach den gegebenen Sinneseindruck und es ist ihr ganz gleich, ob sie die dem schreiendsten Rot oder dem sanftesten Blau, der größten Härte oder der vollen Weichheit zugrundeliegende Eigenschaft des Dings ansich zur Vorstellung zu bringen hat; aber sie kann den Eindruck nur  ihrer  Natur gemäß vorstellen, und hier muß deshalb das Messer angesetzt werden, um den richtigen, so überaus wichtigen Schnitt durch das Ideale und Reale machen zu können.


8.

Das Werk des Verstandes ist mit der Auffindung der Ursache zur betreffenden Veränderung im Sinnesorgan und mit ihrer Eingießung in seine beiden Formen Raum und Materie (Objektivierung der Ursache) beendet.

Beide Formen sind gleich wichtig und unterstützen sich gegenseitig. Ich hebe hervor, daß wir ohne den Raum keine hintereinander liegenden Objekte haben würden, daß dagegen der Raum seine Tiefendimension nur an den von der Materie gelieferten abgetönten Farben, an Schatten und Licht in Anwendung bringen kann.

Der Verstand allein hat demnach die Sinneseindrücke zu objektivieren und kein anderes Erkenntnisvermögen unterstützt ihn bei seiner Arbeit. Aber  fertige Objekte  kann der Verstand nicht liefern.


9.

Die vom Verstand objektivierten Sinneseindrücke sind keine ganzen, sondern  Teil-vorstellungen. Solange der Verstand allein tätig ist - was nie der Fall ist, da unsere sämtlichen Erkenntnisvermögen, das eine mehr, das andere weniger, stets zusammen funktionieren, doch ist hier eine Trennung nötig - werden nur diejenigen Teile des Baums deutlich gesehen, welche das Zentrum der Retina oder solche Stellen treffen, die dem Zentrum des Objekts sehr nahe liegen. Wir ändern deshalb während der Betrachtung des Objekts unaufhörlich die Stellung unserer Augen. Bald bewegen wir die Augen vom Wurzelpunkt zur äußersten Spitze der Krone, bald von rechts nach links, bald umgekehrt, bald lassen wir sie über eine kleine Blüte unzählige Male gleiten: nur um jeden Teil mit dem Zentrum der Retina in Berührung zu bringen. Auf diese Weise gewinnen wir eine Menge einzelner deutlicher Teilvorstellungen, welche jedoch der Verstand nicht zu einem Objekt aneinanderfügen kann.

Soll dies geschehen, so müssen sie vom Verstand einem anderen Erkenntnisvermögen, der  Vernunft übergeben werden.


10.

Die Vernunft wird von drei Hilfsvermögen unterstützt: dem  Gedächtnis der  Urteilskraft  und der  Einbildungskraft Sämtliche Erkenntnisvermögen sind, zusammengefaßt, der menschliche  Geist,  so daß sich folgendes Schema ergibt:

Geist
|
Vernunft
Urteilskraft Gedächtnis Einbildungskraft
Verstand
|
Sinne

Die  Funktion  der Vernunft ist  Synthesis  oder Verbindung als  Tätigkeit.  Ich werde fortan immer, wenn von der Funktion der Vernunft die Rede ist, das Wort  Synthesis  gebrauchen, dagegen Verbindung für das Produkt, das Verbundene, setzen.

Die  Form  der Vernunft ist die  Gegenwart. 

Die  Funktion  des Gedächtnisses ist: Aufbewahrnung der Sinneseindrücke.

Die  Funktion  der Urteilskraft ist: Zusammenstellung des Zusammengehörigen.

Die  Funktion  der Einbildungskraft ist: Festhaltung des von der Vernunft verbundenen Anschaulichen als  Bild. 

Die  Funktion  des Geistes überhaupt aber ist: die Tätigkeit aller Vermögen mit Bewußtsein zu begleiten und ihre Erkenntnisse im Punkt des Selbstbewußtseins zu verknüpfen.


11.

In Gemeinschaft mit der Urteilskraft und Einbildungskraft steht die Vernunft in den engsten Beziehungen zum Verstand, zwecks Herstellung der  Anschauung,  mit welcher wir uns noch ausschließlich beschäftigen.

Zunächst gibt die Urteilskraft der Vernunft die zusammengehörigen Teilvorstellungen. Diese verbindet dieselben (also etwa solche, welche zu einem Blatt, einem Zweig, zum Stamm gehören) nach und nach, indem sie immer die Einbildungskraft das Verbundene festhalten läßt, an dieses Bild ein neues Stück fügt und das Ganze wieder von der Einbildungskraft festhalten läßt usw. Dann verbindet sie das ungleichartig Zusammengehörige, also den Stamm, die Äste, Zweige, Blätter und Blüten in ähnlicher Weise, und zwar wiederholt sie ihre Verbindungen im Einzelnen und Ganzen je nachdem es erforderlich ist.

Die Vernunft übt ihre Funktion auf dem gleichsam fortrollenden Punkt der Gegenwart aus, und ist die Zeit dazu unnötig; doch kann die Synthesis auch in dieser stattfinden: Näheres später. Die Einbildungskraft trägt das jeweilig Verbundene immer von Gegenwart zu Gegenwart, und die Vernunft fügt Stück an Stück, stets in der Gegenwart verbleibend, d. h. auf dem Punkt der Gegenwart fortrollend.

Die gewöhnliche Ansicht ist, daß der Verstand das synthetische Vermögen ist; ja es gibt Viele, welche in gutem Glauben behaupten: Synthesis findet überhaupt nicht statt, jeder Gegenstand wird sofort als Ganzes aufgefaßt. Beide Ansichten sind unrichtig. Der Verstand kann nicht verbinden, weil er nur eine einzige Funktion hat: Übergang von der Wirkung im  Sinnesorgan  zur Ursache. Die Synthesis selbst aber kann nie ausfallen, selbst dann nicht, wenn man nur den Kopf einer Stecknadel betrachtet, wie eine scharfe Selbstbeobachtung Jedem zeigen wird; denn die Augen werden sich, wenn auch fast unmerklich, bewegen. Die Täuschung entspringt hauptsächlich daraus, daß wir uns zwar fertiger Verbindungen bewußt sind, aber die Synthesis fast immer unbewußt ausüben: erstens wegen der großen Schnelligkeit, mit der sowohl das vollkommenste Sinnesorgan, das Auge, Eindrücke empfängt und der Verstand dieselben objektiviert, als auch die Vernunft selbst verbindet; zweitens weil wir uns so wenig erinnern, daß wir, als Kinder, die Synthesis allmählich und mit großer Mühe anzuwenden erlernen mußten, wie daß uns die Tiefendimension des Raumes anfänglich ganz unbekannt war. Wie wir jetzt, beim Aufschlagen der Augenlider, sofort jeden Gegenstand in der richtigen Entfernung und ihn selbst, seiner Ausdehnung nach, fehlerlos auffassen, während es eine unbestrittene Tatsache ist, daß dem Neugeborenen sowohl der Mond wie auch die Bilder der Stube und das Gesicht der Mutter, als Farbenkleckse einer einzigen Fläche, dicht vor den Augen schweben, so fassen wir jetzt sofort in einem rapiden Überblick die Objekte, selbst die größten, als ganze auf, während wir als Säuglinge gewiß nur Teile von Objekten sahen und infolge der geringen Übung unserer Urteils- und Einbildungskraft weder das Zusammengehörige beurteilen, noch die entschwundenen Teilvorstellungen festhalten konnten.

Die Täuschung ensteht ferner daraus, daß die meisten Gegenstände, aus passender Entfernung betrachtet, ihr ganzes Bild auf die Retina zeichnen und die Synthesis dadurch so erleichtert wird, daß sie der Wahrnehmung entschlüpft. Einem aufmerksamen Selbstbeobachter drängt sie sich aber schon unwiderstehlich auf, wenn er sich einem Objekt in einer Weise gegenüberstellt, daß er es nicht ganz übersieht, also so, daß wahrgenommene Teile im Verlauf der Synthesis verschwinden. Noch deutlicher tritt sie hervor, wenn wir an einem Gebirgszug dicht vorbeifahren und seine ganze Gestalt erfassen wollen. Am deutlichsten aber wird sie erkannt, wenn wir den Gesichtssinn überspringen und den Tastsinn allein funktionieren lassen, wie ich an einem Beispiel im Anhang ausführlich zeigen werde.

Die Synthesis ist eine apriorische Funktion des Erkenntnisvermögens und als solche eine Bedingung  a priori  der Möglichkeit der Anschauung. Ihr steht, vollkommen unabhängig von ihr, die Einheit des Dings-ansich gegenüber, welche sie zwingt, in einer ganz bestimmten Weise zu verbinden.


12.

Wir haben das Gebiet der Anschauung noch nicht ganz durchmessen, müssen es jedoch jetzt für kurze Zeit verlassen.

In der angegebenen Weise entsteht uns die sichtbare Welt. Es ist aber wohl zu bemerken, daß durch die Synthesis von Teilvorstellungen zu Objekten das  Denken  durchaus nicht in die  Anschauung  gebracht wird. Die Verbindung eines gegebenen Mannigfaltigen der Anschauung ist allerdings ein Werk der Vernunft, aber kein Werk in Begriffen oder durch Begriffe, weder durch reine apriorische (Kategorien), noch durch gewöhnliche Begriffe.

Die Vernunft beschränkt indessen ihre Tätigkeit nicht auf die Synthesis von Teilvorstellungen des Verstandes zu Objekten. Sie übt ihre Funktion, die immer ein und dieselbe ist, noch auf anderen Gebieten aus, wovon wir zunächst das abstrakte, das Gebiet der Reflexion der Welt in Begriffen, betrachten wollen.

Die zu ganzen Objekten oder zu ganzen Teilen von Objekten verbundenen Teilvorstellungen des Verstandes werden von der Urteilskraft verglichen. Das Gleiche oder Gleichartige wird von ihr, mit Hilfe der Einbildungskraft, zusammengestellt und der Vernunft übergeben, welche es zu einer Kollektiv-Einheit, dem Begriff, verbindet. Je ähnlicher das Zusammengefaßte ist, desto näher steht der Begriff der Anschaulichen und desto leichter wird der Übergang zu einem anschaulichen Repräsentanten desselben. Wird dagegen die Zahl der Merkmale an den zusammengefaßten Objekten immer kleiner und der Begriff dadurch immer weiter, so steht er der Anschauung umso ferner. Indessen ist auch der weiteste Begriff von seinem Mutterboden nicht ganz losgelöst, wenn es auch nur  ein  dünner und sehr langer Faden ist, der ihn festhält.

In gleicher Weise wie die Vernunft sichtbare Objekte in Begriffen reflektiert, bildet sie auch, mit Hilfe des Gedächtnisses, Begriffe aus allen unseren anderen Wahrnehmungen, von denen ich im Folgenden sprechen werde.

Es ist klar, daß die Begriffe, welche aus anschaulichen Vorstellungen gezogen sind, leichter und schneller realisiert werden als jene, welche ihren Ursprung in nicht-anschaulichen haben; denn wie das Auge das vollkommenste Sinnesorgan ist, so ist auch die Einbildungskraft das mächtigste Hilfsvermögen der Vernunft.

Indem das Kind die Sprache erlernt, d. h. fertige Begriffe in sich aufnimmt, hat es dieselbe Operation zu vollziehen, welche überhaupt nötig war, um Begriffe zu bilden. Sie wird ihm nur durch den fertigen Begriff erleichtert. Sieht es einen Gegenstand, so vergleicht es ihn mit den ihm bekannten und stellt das Gleichartige zusammen. Es bildet somit keinen Begriff, sondern subsumiert nur unter einen Begriff. Ist ihm ein Gegenstand unbekannt, so ist es ratlos und man muß ihm den richtigen Begriff geben. -

Die Vernunft verbindet dann noch die Begriffe selbst zu Urteilen, d. h. sie verbindet Begriffe, welche die Urteilskraft zusammengestellt hat. Ferner verbindet sie Urteile zu Prämissen, aus denen eine neues Urteil gezogen wird. Ihr Verfahren wird hierbei von den bekannten vier Denkgesetzen geleitet, auf denen die Logik aufgebaut ist.

Auf abstraktem Gebiet  denkt  die Vernunft, und zwar gleichfalls auf dem Punkt der Gegenwart und nicht in der  Zeit.  Zu dieser müssen wir uns aber jetzt wenden. Indem wir es tun, betreten wir ein außerordentlich wichtiges Gebiet, nämlich das der  Verbindungen  der Vernunft aufgrund  apriorischer Formen und Funktionen des Erkenntnisvermögens.  Sämtliche Verbindungen, welche wir kennen lernen werden, sind anhand der  Erfahrung also a posteriori entstanden.


13.

Die  Zeit  ist eine Verbindung der Vernunft und nicht, wie man gewöhnlich annimmt, eine apriorische Form des Erkenntnisvermögens. Die Vernunft des Kindes bewerkstelligt diese Verbindung auf dem Gebiet der Vorstellung sowohl, als auf dem Weg ins Innere. Wir wollen jetzt die Zeit im Licht des Bewußtseins entstehen lassen und wählen hierzu den letzteren Weg, da er für die philosophische Untersuchung der passendste ist, obgleich noch nicht die innere Quelle der Erfahrung abgehandelt haben.

Lösen wir uns von der Außenwelt ab und versenken wir uns in unser Inneres, so finden wir uns in einer kontinuierlichen Hebung und Senkung, kurz in einer unaufhörlichen Bewegung begriffen. Die Stelle, wo diese Bewegung unser Bewußtsein berührt, will ich den  Punkt der Bewegung  nennen. Auf ihm schwimmt (oder sitzt wie angeschraubt) die Form der Vernunft, d. h. der Punkt der  Gegenwart.  Wo der Punkt der Bewegung ist, da ist auch der Punkt der Gegenwart und dieser steht immer genau  über  jenem. Er kann ihm nicht voraneilen und er kann nicht zurückbleiben: Beide sind untrennbar verbunden.

Prüfen wir nun mit Aufmerksamkeit den Vorgang, so finden wir, daß wir zwar immer in der Gegenwart sind, aber stets auf Kosten oder durch den Tod der Gegenwart; mit anderen Worten: wir bewegen uns von Gegenwart zu Gegenwart.

Indem sich nun die Vernunft dieses Übergangs bewußt wird, läßt sie durch die Einbildungskraft die entschwindende Gegenwart festhalten und verbindet sie mit der entstehenden. Sie schiebt gleichsam unter die fortrollenden, fließenden, innigst verbundenen Punkte der Bewegung und der Gegenwart eine  feste  Fläche, an welcher sie den durchlaufenden Weg abliest, und gewinnt eine Reihe  erfüllter  Momente, d. h. eine Reihe erfüllter Übergänge von Gegenwart zu Gegenwart.

Auf diese Weise erlangt sie das Wesen und den Begriff der  Vergangenheit.  Eilt sie dann, in der Gegenwart verbleibend - denn diese kann sie nicht vom Punkt der Bewegung ablösen und vorschieben - der Bewegung voraus und verbindet die kommende Gegenwart mit der ihr folgenden, so gewinnt sie eine Reihe von Momenten, die  erfüllt  sein werden, d. h. sie gewinnt das Wesen und den Begriff der  Zukunft.  Verbindet sie jetzt die Vergangenheit der Zukunft zu einer  idealen festen  Linie von unbestimmter Länge, auf welcher der Punkt der Gegenwart weiterrollt, so hat sie die  Zeit. 

Wie die Gegenwart nichts ist ohne den Punkt der Bewegung, auf dem sie schwimmt, so ist auch die Zeit nichts ohne die Unterlage der realen Bewegung. Die reale Bewegung ist vollkommen unabhängig von der Zeit oder mit anderen Worten: die  reale Sukzession  würde auch stattfinden ohne die  ideale Sukzession.  Wären keine erkennenden Wesen in der Welt, so würden die vorhandenen erkenntnislosen Dinge-ansich doch in rastloser Bewegung sein. Tritt die Erkenntnis auf, so ist die Zeit nur Bedingung der Möglichkeit die Bewegung zu  erkennen,  oder auch: die Zeit ist der  subjektive  Maßstab der Bewegung.

Über dem Punkt der Bewegung des Einzelnen steht, bei erkennenden Wesen, der Punkt der Gegenwart. Der Punkt der Einzelbewegung steht  neben  den Punkten aller anderen Einzelbewegungen, d. h. sämtliche Einzelbewegungen bilden eine allgemeine Bewegung von gleichmäßiger Sukzession. Die Gegenwart des Subjekts indiziert immer genau den Punkt der Bewegung aller Dinge ansich.


14.

Wir begeben uns, die wichtige a posteriori-Verbindung Zeit in der Hand, zur Anschauung zurück. Ich habe oben gesagt, daß die Synthesis von Teilvorstellungen unabhängig von der Zeit ist, da die Vernunft auf dem sich bewegenden Punkt der Gegenwart ihre Verbindungen bewerkstelligt und die Einbildungskraft das Verbundene festhält. Die Synthesis kann aber auch in der Zeit stattfinden, wenn das Subjekt seine Aufmerksamkeit darauf richtet.

Nicht anders verhält es sich mit  Veränderungen,  welche auf dem Punkt der Gegenwart wahrgenommen werden können.

Es gibt zwei Arten von Veränderung. Die eine ist  Ortsveränderung  und die andere  innere Veränderung  (Trieb, Entwicklung). Beide vereinigt der höhere Begriff:  Bewegung. 

Ist nun die Ortsveränderung eine solche, daß sie als Verschiebung des sich bewegenden Objekts gegen ruhende Objekte wahrgenommen werden kann, so hängt ihre Wahrnehmung nicht von der Zeit ab, sondern wird auf dem Punkt der Gegenwart erkannt, wie die Bewegung eines Zweiges, der Flug eines Vogels.

Für die reflektierende Vernunft erfüllen allerdings alle Veränderungen ohne Ausnahme, wie die Anschauung selbst, eine gewisse Zeit; aber wie die Anschauung ist auch die Wahrnehmung solcher Ortsveränderungen nicht vom Bewußtsein der Zeit abhängig; denn das Subjekt erkennt sie unmittelbar auf dem Punkt der Gegenwart, was wohl zu bemerken ist. Die Zeit ist eine ideale Verbindung; sie verfließt nicht, sondern ist eine gedachte feste Linie. Jeder vergangene Augenblick ist gleichsam erstarrt und kann nicht um eine Haaresbreite verschoben werden. Ebenso hat jeder zukünftige Augenblick seine bestimmte feste Stelle auf der idealen Linie. Was sich aber kontinuierlich bewegt, das ist der Punkt der Gegenwart:  er  verfließt,  nicht  die  Zeit. 

Auch wäre es ganz verkehrt zu sagen: eben dieses Verfließen der Gegenwart ist die Zeit; denn verfolgt man nur den Punkt der Gegenwart, so kommt man nie zur Vorstellung der Zeit: da bleibt man immer  in  der Gegenwart. Man muß zurück- und vorwärtssehen und dabei gleichsam feste Uferpunkte haben, umd die ideale Verbindung  Zeit  zu gewinnen.

Hingegen werden Ortsveränderungen, welche nicht unmittelbar auf dem Punkt der Gegenwart wahrgenommen werden können, und alle Entwicklungen nur mittels der Zeit erkannt. Die Bewegung der Zeiger einer Uhr entzieht sich unserer Wahrnehmung. Soll ich nun erkennen, daß  derselbe  Zeiger zuerst auf  6,  dann auf  7  stand, so muß ich mir der Sukzession bewußt werden, d. h. um zwei kontradiktorisch entgegengesetzte Prädikate dem selben Objekt beilegen zu können, bedarf es der Zeit.

Ebenso verhält es sich mit Ortsveränderungen, welche ich, in der Gegenwart verbleibend, hätte vornehmen können, aber nicht wahrgenommen habe (Verschiebung eines Objekts hinter meinem Rücken) und mit Entwicklungen. Unser Baum blüht eben. Versetzen wir uns nun in den Herbst und geben dem Baum Früchte, so bedürfen wir der Zeit, um den blühenden und den früchtetragenden Baum als das selbe Objekt zu erkennen. Ein und derselbe Gegenstand kann hart und weich, rot und grün sein, aber er kann immer nur  eines  von beiden Prädikaten in einer  Gegenwart  haben.


15.

Wir haben jetzt das ganze Gebiet der Anschauung durchmessen.

Ist es, d. h. die Gesamtheit räumlich-materieller Objekte, die ganze Welt unserer Erfahrung? Nein! Sie ist nur ein Ausschnitt aus der Welt als Vorstellung. Wir haben Sinneseindrücke, deren Ursache der Verstand, seine Funktion ausübend, sucht, welche er aber nicht räumlich und materiell gestalten kann. Und dennoch haben wir auch die Vorstellung von nicht-anschaulichen Objekten und dadurch allererst die Vorstellung einer Kollektiv-Einheit des Weltalls. Wie gelangen wir dazu?

Jede Wirkungsart eines Dings-ansich wird, insofern sie die Sinne für die Anschauung (Gesichts- und Tastsinn) affiziert, von der Verstandesform  Materie  objektiviert, d. h. sie wird für uns materiell. Eine Ausnahme findet in keiner Weise statt, und deshalb die Materie das ideale Substrat aller sichterbaren Objekte, welches an und für sich qualitätslos ist, aber alle Kraftsphären umzeichnet.

Infolge dieser Qualitätslosigkeit des idealen Substrates aller sichtbaren Objekte wird der Vernunft ein gleichartiges Mannigfaltiges dargereicht, welches sie zur Einheit der  Substanz  verknüpft.

Die Substanz ist mithin, wie die Zeit, eine  Verbindung  a posteriori der Vernunft aufgrund einer apriorischen Form. Mit Hilfe dieser idealen Verbindung nun denkt die Vernunft zu all denjenigen Sinneseindrücken, welche sich in die Formen des Verstandes nicht eingießen lassen, die Materie hinzu und gelangt auf diese Weise auch zur Vorstellung unkörperlicher Objekte. Diese und die körperlichen Objekte machen ein zusammenhängendes Ganzes von  substanziellen  Objekten aus. Jetzt erst werden uns die Luft, farblose Gase, Düfte und Töne (vibrierende Luft) zu Objekten, obgleich wir sie nicht räumlich und materiell gestalten können, und der Satz hat nunmehr unbedingte Gültigkeit: daß alles, was einen Eindruck auf unsere Sinne macht, notwendig substanziell ist.

Die Einheit der idealen Verbindung  Substanz  steht auf realem Gebiet das Weltall, die Kollektiv-Einheit von Kräften gegenüber, welche von jener total unabhängig ist.


16.

Es verbleiben die Geschmacksempfindungen. Sie führen nicht zu neuen Objekten, sondern zu solchen, welche bereits durch Eindrücke auf andere Sinne entstanden sind. Der Verstand sucht nur die Ursache und überläßt dann der Vernunft das Weitere. Diese übt einfach ihre Funktion aus und verbindet die Wirkung mit dem bereits vorhandenen Objekte, also z. B. den Geschmack einer Birne mit dem materiellen Bissen davon im Mund.

Überhaupt kann nur die Vernunft die verschiedenen von einem Objekt ausgehenden Wirkungen als einer einzigen Kraftsphäre entfließend erkennen; denn der Verstand ist kein synthetisches Vermögen. -

Fassen wir jetzt alles zusammen, so erkennen wir, daß die Vorstellung weder sensual, noch intellektuell, noch rational, sondern  spiritual  ist. Sie ist das Werk des  Geistes,  d. h.  sämtlicher  Erkenntnisvermögen.


17.

Wie ich oben gezeigt habe, führen alle Sinneseindrücke zu Objekten, welche in ihrer Gesamtheit die objektive Welt ausmachen.

Die Vernunft spiegelt diese ganze objektive Welt in Begriffen und gewinnt dadurch, neben der Welt der unmittelbaren Wahrnehmung, eine Welt der Abstraktion.

Schließlich gelangt sie noch zu einer dritten Welt, zur Welt der Reproduktion, welche zwischen den beiden ersten liegt.

Die Vernunft reproduziert, getrennt von der Außenwelt, alles Wahrgenommene mit Hilfe des Gedächtnisses, und zwar bewerkstelligt sie entweder ganz neue Verbindungen, oder stellt sich Entschwundenes genau, aber verblaßt und schwach wieder vor. Der Vorgang ist ganz derselbe wie bei unmittelbaren Eindrücken auf die Sinne. Die Vernunft erinnert sich durchaus nicht  ganzer  Bilder, Gerüche, Geschmacksempfindungen, Worte, Töne, sondern nur der  Sinneseindrücke.  Sie ruft, mit Hilfe des Gedächtnisses, in den Sinnesnerven (und zwar nicht an deren Spitzen, sondern da, wo sie in denjenigen Teil des Gehirns münden, welchen wir uns als Verstand denken müssen) einen Eindruck hervor und der Verstand objektiviert ihn. Nehmen wir unseren Baum an, so gestaltet der Verstand die Eindrücke, die das Gedächtnis bewahrt hat, zu Teilvorstellungen, die Urteilskraft stellt diese zusammen, die Vernunft verbindet das Zusammengestellte, die Einbildungskraft hält das Verbundene fest und ein blasses Abbild des Baumes steht vor uns. Die außerordentliche Schnelligkeit des Vorgangs darf uns nicht, wie gesagt, zu der falschen Annahme verleiten, daß ein unmittelbare Erinnern der Objekte stattfindet. Der Vorgang ist gerade so kompliziert, wie die Entstehung von Objekten aufgrund realer Einwirkungen auf die Sinne.

Die Träume entstehen auf ähnliche Weise. Sie sind vollkommene Reproduktionen. Ihre Objektivität verdanken sie im Allgemeinen der Ruhe des schlafenden Individuums und im Besonderen der vollen Untätigkeit der Enden der Sinnesnerven.


18.

Wir haben jetzt den Rest der wichtigen Verbindungen zu betrachten, welche die Vernunft, aufgrund apriorischer Funktionen und Formen des Erkenntnisvermögens, bewerkstelligt.

Die Funktion des Verstandes ist der Übergang von der Wirkung im  Sinnesorgan  zur Ursache. Er übt sie unbewußt aus, denn der Verstand  denkt  nicht. Er kann auch seine Funktion nicht umgekehrt ausüben und von der Ursache zur Wirkung gehen, denn nur eine Wirkung setzt ihn in Tätigkeit, und solange ein Gegenstand auf ihn wirkt, d. h. solange der Verstand überhaupt in Tätigkeit ist, kann er sich mit Nichts weiter beschäftigen, als mit der aufgefundenen Ursache. Gesetzt, er könnte denken und will von der Ursache zur Wirkung gehen, so würde in diesem Moment das Objekt verschwinden und es könnte nur dadurch wieder gewonnen werden, daß der Verstand neuerdings zur Wirkung die Ursache sucht.

Der Verstand kann also seine Funktion in keiner Weise erweitern. Aber die Vernunft kann es.

Zunächst erkennt sie die Funktion selbst, d. h. sie erkennt, daß die Funktion des Verstandes darin besteht, die Ursache einer Veränderung in den Sinnesorganen zu suchen. Dann legt die Vernunft den Weg von der  Ursache  zur Wirkung zurück. Sie erkennt also zwei kausale Verhältnisse:
    1) das Kausalitätsgesetz, d. h. das Gesetz, daß jede Veränderung in den  Sinnesorganen  des Subjekts eine Ursache haben muß;

    2) daß Dinge-ansich auf das Subjekt wirken.
Hierdurch sind die kausalen Verhältnisse von unbestrittener Gültigkeit erschöpft, denn das erkennende Subjekt kann nicht wissen, ob andere Wesen in gleicher Weise erkennen, oder ob sie anderen Gesetzen unterworfen sind. So lobenswert indessen das behutsame Vorgehen der kritischen Vernunft ist, so tadelnswert würde sie sein, wenn sie das weitere Eindringen in die kausalen Verhältnisse hier aufgäbe. Sie läßt sich auch nicht beirren und stempelt zunächst den Leib des erkennenden Subjekts zu einem Objekt unter Objekten. Aufgrund dieser Erkenntnis gelangt sie zu einem wichtigen dritten kausalen Verhältnis. Sie erweitert nämlich das Kausalitätsgesetz (Verhältnis zwischen Ding-ansich und  Subjekt)  zur  allgemeinen Kausalität,  welche ich in folgende Formel bringe:

Es wirkt Ding-ansich auf Ding ansich und jede Veränderung in einem  Objekt  muß eine Ursache haben, welche der Wirkung in der Zeit vorangeht. (Ich halte absichtlich Ding-ansich und Objekt auch hier auseinander, da wir zwar erkennen, daß Ding-ansich auf Ding-ansich wirkt, aber Dinge ansich vom Subjekt nur als Objekte wahrgenommen werden können.)

Mittels der  allgemeinen Kausalität  verknüpft also die Vernunft Objekt mit Objekt, d. h. die allgemeine Kausalität ist Bedingung der Möglichkeit, das Verhältnis, in dem Dinge-ansich zueinander stehen, zu erkennen.

Hier ist nun der Ort, den Begriff der  Ursache  festzustellen. Da Ding ansich auf Ding ansich wirkt, so gibt es überhaupt nur wirkende Ursachen (causae efficientes), die man einteilen kann in
    1) mechanische Ursachen (Druck und Stoß)
    2) Reize,
    3) Motive.
Die mechanischen Ursachen treten hauptsächlich im unorganischen Reich, die Reize hauptsächlich im Pflanzenreich, die Motive nur im Tierreich auf.

Da ferner der Mensch, vermöge der Zeit, dem Kommenden entgegensehen kann, so kann er sich Ziele setzen, d .h. für den Menschen und nur für ihn gibt es Endursachen (causae finales) oder ideale Ursachen. Sie sind, wie alle anderen Ursahen,  wirkende,  weil sie immer nur wirken können, wenn sie auf dem Punkt der Gegenwart stehen.

Der Begriff der "Gelegenheitsursache" ist dahin einzuschränken, daß er nur die Veranlassung bezeichnet, welche ein Ding-ansich einem anderen gibt, auf ein drittes zu wirken. Zieht eine Wolke, welche die Sonne verhüllte, fort und wird meine Hand warm, so ist das Wegziehen der Wolke Gelegenheitsursache, nicht Ursache selbst, der Erwärmung meiner Hand.


19.

Die Vernunft erweitert ferner die allgemeine Kausalität, welche zwei Dinge verknüpft (das wirkende und leidende) zu einem vierten kausalen Verhältnis, welches die Wirksamkeit  aller  Dinge-ansich umfaßt, zur  Gemeinschaft  oder  Wechselwirkung.  Dieselbe besagt, daß jedes Ding kontinuierlich, direkt und indirekt, auf alle anderen Dinge der Welt wirkt, und daß  gleichzeitig  auf dasselbe alle anderen kontinuierlich, direkt und indirekt, wirken, woraus folgt, daß kein Ding-ansich eine absolut selbständige Wirksamkeit haben kann.

Wie das Gesetz der Kausalität zur Setzung einer vom Subjekt unabhängigen Wirksamkeit und die allgemeine Kausalität zur Setzung der vom Subjekt unabhängigen Einwirkung der Dinge ansich aufeinander führte, so ist auch die Gemeinschaft nur eine subjektive Verknüpfung, vermöge welcher  der reale dynamische Zusammenhang des Weltalls erkannt  wird. Der letztere würde auch vorhanden sein ohne ein erkennendes Subjekt; das Subjekt könnte ihn aber nicht  erkennen,  wenn es nicht die Verbindung der Gemeinschaft in sich zu bewerkstelligen vermöchte, oder mit anderen Worten: die Gemeinschaft ist die Bedingung der Möglichkeit, den dynamischen Zusammenhang des Weltalls zu erfassen.
LITERATUR - Philipp Mainländer, Die Philosophie der Erlösung, Berlin 1879