p-4ra-2 F. MauthnerL. PongratzA. RugeM. Walleser    
 
FRIEDRICH ADOLF TRENDELENBURG
Zur Geschichte
des Wortes Person


"Gedenke, daß du Darsteller (hypokrites) einer Rolle bist, welcher Art der Meister (didaskalos) will; wenn er eine kurze will, einer kurzen, wenn eine lange, einer langen; wenn er will, daß du einen Armen darstellst, dann sorge, daß du einen Armen mit Geist spielst, ebenso wenn einen Hinkenden, wenn eine Obrigkeit, wenn einen gemeinen Mann; denn das ist deine Sache, die dir gegebene Rolle (prosopon) schön zu spielen, aber sie auszuwählen, eines Anderen."

"Michael Servet vertrat seine Bedeutung des Wortes  persona  in seiner Schrift  de trinitatis erroribus  (1532), und erklärte die drei Personen in der Gottheit als drei Funktionen, gleichsam als drei Rollen und starb für diese erste Bedeutung von persona auf  Calvins  Anklage hin den Tod des Ketzers auf dem Scheiterhaufen."

"Kant bedurfte der  Person  zum Ausdruck der ethischen Idee des Menschen. Wenn Dinge, die bloß Mittel wozu sind, Sachen heißen, so wird der Ausdruck für ein Wesen, das als vernünftig Zweck ansich ist und nie bloß Mittel sein darf, Person sein müssen."

Einführung

Die Vielgeschäftigkeit des Großstadtlebens und mannigfache nebenamtliche Tätigkeit haben TRENDELENBURG am Abschluß verschiedener von ihm geplanter größerer Werke verhindert, das Bild seiner wissenschaftlichen Art wäre um bedeutende Züge bereichert worden, hätter er die Ethik und die Psychologie vollenden können, die ihn beschäftigten. Die Lücke aber aus seinem Nachlaß auszufüllen, hinderte ein striktes Verbot, irgendetwas unfertig Hinterlassenes zu veröffentlichen. Nun aber fand sich ein Schriftstück vor, das nicht als unfertig gelten darf, und das TRENDELENBURG sicher in eine Sammlung kleinerer Schriften aufgenommen hätte, wenn er noch zu einer solchen gekommen wäre: eine Untersuchung, welche das Datum 20. Januar 1870 trägt und den den Titel führt: "Zur Geschichte des Wortes Person".

Diese Arbeit liegt nun freilich über 37 Jahre zurück, im Einzelnen hätte TRENDELENBURG selbst gewiß jetzt verschiedenes zu ergänzen und zu verändern gefunden. Aber das Ganze darf trotz seines knappen Umfangs als ein wertvoller Ausdruck der Eigentümlichkeit jenes Denkers und Forschers gelten, dessen Lebensarbeit ihre Bedeutung behält, obschon die Bewegung der Zeit inzwischen andere Bahnen einschlug. Mit voller Deutlichkeit erscheint hier TRENDELENBURGs freundliches Verhältnis zur Geschichte, sein eifriges Streben, die Zeiten in einen engen Zusammenhang zu bringen und den Stand der Gegenwart möglichst aus der Vergangenheit hervorwachsen zu lassen. Zugleich wird ersichtlich, mit welcher Weite des Blicks, welchem Gleichmaß des Interesses, welcher Besonnenheit und Sorgfalt er bei einer solchen Arbeit verfuhr, auch welchen künstlerischen Reiz seine Darstellung in ihrer schlichten Armut hat. Für die "Kantstudien" aber hat diese Abhandlung einen Wert, wennschon sie über KANT selbst nichts Neues bringt. Ein enger Anschluß an die alte Philosophie gestattete TRENDELENBURG kein nahes Verhältnis zu KANT und keine volle Würdigung seiner umwälzenden Leistung. Wie sehr er ihn trotzdem schätzte, das läßt diese kleine Untersuchung in vollem Maß erkennen. Denn sie ist ihrer ganzen Ausdehnung nach auf KANT als Zielpunkt gerichtet; wie seine höchst einflußreiche Vertiefung des Begriffs der Persönlichkeit durch die geschichtliche Arbeit verschiedenster Gebiete vorbereitet war, das soll hier vorgeführt werden. So bildet das Ganze eine Hinführung zum ethischen Hauptbegriff KANTs und zugleich eine Huldigung für KANT, der von hier aus gesehen als der höchste Gipfel erscheint, zu dem die verschiedenen Wege führen.

Rudolf Eucken.



Zur Geschichte des Wortes Person

1. KANT hat den Begriff der Person für die Moral neu ausgeprägt; ein guter Teil seiner ethischen Lehre konzentriert sich in dem Satz: "Der Mensch ist Person". Im Gegensatz gegen den Begriff der Sache sagt KANT in der "Grundlegung der Metaphysik der Sitten" (1785) (1): "Vernünftige Wesen werden Personen genannt, weil ihre Natur sie schon als Zweck ansich, d. h. als etwas, as nicht bloß als Mittel gebraucht werden darf, auszeichnet, mithin sofern alle Willkür einschränkt und ein Gegenstand der Achtung ist." Da die vernünftige Natur als Zweck ansich existiert und nicht bloß als Mittel zum beliebigen Gebrauch für diesen oder jenen Willen, so wird, sagt KANT, der praktische Imperativ folgender sein: "Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst." "Der Mensch ist zwar unheilig genug," sagt KANT an einer anderen Stelle (2), "aber die Menschheit in seiner Person muß ihm heilig sein. In der ganzen Schöpfung kann alles, was man will, und worüber man etwas vermag, auch bloße als  Mittel  gebraucht werden; nur der Mensch, und mit ihm jedes vernünftige Geschöpf, ist  Zweck  ansich".

Wenn der Mensch als vernünftiges Wesen  Person  ist und als solche Selbstzweck, so hängt damit zusammen, daß er, dem vernünftigen Zweck entsprechend, einer vernünftigen Willensbestimmung fähig sei, was das Wesen der Freiheit ausmacht.

So legt KANT in die Person Selbstzweck und Freiheit und sieht die Erhabenheit der menschlichen Natur in dieser Achtung erweckenden Persönlichkeit.

Es ist eine der wohltätigen Wirkungen KANTs, daß er den Begriff der Person neu erhellt. Der Begriff der Person, in welche er die Würde des Menschen legte (alle Sachen haben einen Wert, einen Marktpreis, nur der Mensch allein Würde), und der Begriff der Achtung für den Menschen, der in diesem Sinne "Person" ist, gingen nun Hand in Hand und wuchsen in der Anerkennung miteinander. Stillschweigend hat diese Wirkung das Leben in seinen besten Richtungen mitbestimmt; und, was die wissenschaftliche Bedeutung betrifft, so hat dieser Begriff selbst in der theologischen Ethik, wie z. B. in NITZSCH' "System der christlichen Lehre", Eingang gefunden.

In dem dargestellten Sinn drückt uns der Begriff der "Person" oder die Persönlichkeit im Menschen die Quelle und gleichsam die Substanz seines sittlichen Wesens aus. Wir wären ratlos, wenn wir diesen Begriff in die griechische Sprache, welche die edle Mutter unserer wissenschaftlichen ethischen Ausdrücke ist, zurückübersetzen sollten. In PLATO und ARISTOTELES findet sich keine adäquate Bezeichnung. Sie sprachen vom Menschen, nicht von der Person, wenn sie das dem Menschen Eigentümliche ausdrücken wollen. Wo es Sklaven gibt, wird ein Begriff, wie der Kantische, wenigstens aus dem allgemeinen sittlichen Bewußtsein nicht hervorwachsen. Es ist ein Fortschritt der wissenschaftlichen Begriffe, wenn die neuere Zeit einen solchen Begriff, wie Person, ausprägte.

Aber, fragen wir, um unser Thema zu bezeichnen, wie kann die Person,  persona,  d. h. die vorgehängte Maske, die den angenommenen Schein bedeutet, zum Ausdruck des innersten sittlichen Wesens, zum Ausdruck des eigensten Kerns im Menschen werden? Wissenschaftliche Termini, wie z. B. das Subjektive und Objektive, das a priori und a posteriori, die moralische Gewißheit der mathematischen entgegengesetzt, die Idee und das Konkrete, haben nicht selten ihre Geschichte. Es ist mein Versuch, einen Beitrag zur Geschichte des Wortes "Person" zu geben und zwar in der Richtung der aufgeworfenen Frage: wie kam persona, die Maske, von der der Fuchs im PHAEDRUS sagt, "welch' mächtige Gestalt! Gehirn hat sie nicht" (Seite 1,7), dazu, im Fortgang des Gebrauchs die Persönlichkeit in der Kantischen Ausprägung zu bezeichnen?

2. Wo man von der Geschichte eines Wortes redet, denkt man zunächst an seinen Stammbaum. Indessen ist beim Wort  persona  die Etymologie noch heute nicht sicher gestellt.

Es ist eine bekannte Stelle im GELLIUS V, 7, nach der die persona die Maske von ihrer Eigenschaft, den Namen, die Stimme zusammenzuhalten und den Laut kräftiger und heller hervorbrechen zu lassen hat. Abgesehen von der widersprechenden Quantität (persono und persona) wäre der Name von einer Nebeneigenschaft statt vom eigentlichen Wesen der Maseke, wie etwa den charakteristischen Gesichtszügen, abgeleitet. J. C. SCALIGER zweifelt schon an diesem Ursprung, aber die Ableitung, die er vorschlägt,  peri soma  [um den Körper herum - wp] oder  peri xoma  trifft noch weniger. Ein alter Vokabularius trägt Tieferes in das Wort hinein und deutet persona als per se una. Die neueste Ableitung, die ich las, ist noch tiefsinniger. Da  ona  in den lateinischen Wörtern die Fülle bedeutet (was richtig sein mag, wie in annona, Pomona, Bellona), so bezeichne persona, d. h. per se ona, die Fülle aus sich, wie der Person CHRISTI die Fülle beigelegt wird, das pleroma. JAKOB GRIMM in seiner akademischen Abhandlung vom Jahre 1858 (3) ist nicht abgeneigt, persona unter die Vertretung männlicher durch weibliche Namensformen zu rechnen. Er geht insoweit in die Ableitung von personare ein, als er sich an der Abweichung der Quantität, die auch sonst vorkomme, nicht stößt; aber er erklärt den Sinn anders. Die Bedeutung soll nicht von einer den Laut des Reims erhöhende Larve herkommen, sondern  persona  könnte ansich den Sprechenden, der seine Rede verlauten läßt, bezeichnen, ähnlich wie  vocula  als Beiname, ansich nichts als  parva vox,  einen leise Redenden meint. Diese Etymologie macht einen weiten Umweg und dürfte mit dem üblichen Gebracht von  personare  nicht übereinstimmen. In dieser Verlegenheit wird man fast zu einer anderen Ableitung hingetrieben, die schon FORCELLINI vorschlägt. Wenn die Maske mit dem Theater aus Griechenland nach Rom kam, so wäre es möglich, daß das fremde Wort  prosopon  oder  prosopeion  als ein fremdes sich eine gewaltsame Umformung gefallen lassen mußte, ähnlich wie z. B. der fremde Pflanzenname  hyoskyamos  "iusquiamus wurde, und insofern würde die Analogie, daß umgekehrt wie  Persephone  "Proserpina" wurde,  prosopon  oder  prosopeion  sich in  persona  verwandelte, erträglicher, so daß (nach SCHWENCKs Meinung)  persona  etwa für  prosopina  stände.

Nach diesem Reichtum unsicherer oder ungewisser Vermutungen bekennen wir, daß die Stammverwandtschaft von persona noch nicht entdeckt ist. Wir wenden uns also zur Bedeutung zurück, auf welche es für unseren Zweck allein ankommt.

3. Das Wort "Person" hat schon in LUTHERs Bibelübersetzung eine mehrfache Bedeutung. Bei der Erzählung eines Verrats übersetzt LUTHER 2. Makkab. 12, 4: sie ersäuften sie alle in die zwei hundert Person; und in Luk. 19,3, bei der Erzählung von ZACHÄUS, der JESUM zu sehen begehrt und auf einen Maulbeerbaum stieg: "denn er war klein von Person". In erster Steller haben der griechische Text und die Vulgata nur das Zahlwort; und LUTHER wählt, scheint es, Personen, um Männer und Weiber zusammenzufassen. In der zweiten Stelle heißt es: er war klein von Person, ist das Aussehen, wie in der Maske, eine wesentliche Vorstellung, aber es wird dabei an das Aussehen des ganzen Leibes gedacht.

Unserem Vorwurf stehen andere Zusammenfügungen näher. Schon im alten Testament kehrt der Ausdruck: ohne Ansehen der Person wieder. So heißt es 5. Mos. 16, 17: Gott, der keine Person achtet und kein Geschenk nimmt; 2. Chron. 19, 17: bei dem Herrn unserm Gott ist kein Unrecht noch Ansehen der Person; Hiob 34, 19: "der doch nicht ansiehet die Person der Fürsten". Der Ausdruck des Hebräischen ist sinnlicher. Das "Antlitz annehmen" kann wohl nur heißen: den Blick des Anderen annehmen, d. h. ihm günstig sein. Man kann fragen, ob hier "ein Antlitz bewundern" im eigentlichen sinnlichen Sinn zu verstehen ist, oder ob hier der Gebrauch des  prosopon  schon die Beziehung aufgenommen hat, die wir z. B. im POLYBIUS finden, die Beziehung auf die Rolle, die jemand im Leben spielt. Die Vulgata übersetzt 5. Mos. 10, 17 "Deus, qui personam non accipit [Gott ist jemand, der keine Geschenke annimmt. - wp]". 2. Chron. 19, 7, personarum acceptio. Hiob 34, 19  qui non accipit personas principium.  In dieser Übersetzung ist  prosopon,  das im attischen Griechisch noch nicht die Person vor Gericht bezeichnet, zur persona im juristischen Sinn geworden, und daher stammt LUTHERs: ohne Ansehen der Person. Das  accipere pesonam  erklärt sich in der "persona accepta, persona grata.

Im  prosopon  als Maske liegt immer die Durchführung einer Rolle, die Vertretung eines Charakters. Ausdrücke des neuen Testaments, welche an jene des alten erinnern, klingen an diese Bedeutung noch mehr an. In der Apostelgeschichte 10, 34 ruft PETRUS nach der Bekehrung des römischen Hauptmanns CORNELIUS aus: "Nun erfahre ich mit der Wahrheit, daß Gott die Person nicht ansieht, sondern in allerlei Volk, wer ihn fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm". Ähnlich der Apostel PAULUS im Brief an die Römer, 2, 11, "Preis denen die Gutes tun, vornehmlich den Juden und auch den Griechen; denn es ist kein Ansehen der Person vor Gott", vgl. Gal. 2, 6. Die Vulgata übersetzt  personarum acceptio  (act. 10, 34, Röm, 2, 11). Deus personam hominis non accipit (Gal. 2, 6). Während in dieser lateinischen Übersetzung schon der juristische Gebrauch der Person deutlich hervortritt, hat das griechische  prosopon  noch die besondere Beziehung im Sinn, wie sie die Maske darstellte, das nationale Gesicht, ob Jude, ob Grieche, ob Beschneidung, ob Vorhaut, das wäre ein Ansehen der Person, das im Christentum nicht gilt. In dem Ausdruck: ohne Ansehen der Person tritt der Anspruch, den die Person auf ein Besonderes, z. B. das Nationale, gegen das Allgemeine möchte geltend machen, in die Sprache ein. Im Latein ist dieselbe Beziehung des Besonderen wohl zu erkennen, wenn z. B. CICERO as Attic. VIII, 11, in einem Brief an POMPEJUS sagt, im Zusammenhang mit der Partei, die er genommen, mit der Rolle, die er gespielt hat: ut mea persona semper ad improborum civium impetus aliquid videretur habere populare.

4. Diese Beziehung wird noch wahrscheinlicher, wenn wir bei den Stoikern, die im Leben auf die Übereinstimmung mit sich selbst, auf die Konsequenz des mit sich einigen Charakters gerichtet waren, das prosopon, die persona zum Ausdruck des Ethischen werden sehen. Die Stoiker lieben den Vergleich und nehmen den Vergleich in die eigentliche Lehre auf. So lesen wir in EPIKTETs kurz gefaßter Ethik (in seinem "Enchiridion") (Kap. 17): "Gedenke, daß du Darsteller (Hypokrites) einer Rolle bist, welcher Art der Meister (didaskalos) will; wenn er eine kurze will, einer kurzen, wenn eine lange, einer langen; wenn er will, daß du einen Armen darstellst, dann sorge, daß du einen Armen mit Geist spielst, ebenso wenn einen Hinkenden, wenn eine Obrigkeit, wenn einen gemeinen Mann; denn das ist deine Sache, die dir gegebene Rolle (prosopon) schön zu spielen, aber sie auszuwählen, eines Anderen. In demselben Sinn heißt es Kapitel 37: "Wenn du eine Rolle über dein Vermögen übernimmst, so wirst du sie schlecht und linkisch spielen, und eine andere versäumen, die du ausfüllen könntest." In demselben Sinn gebietet EPIKTET in den Dissertationen, die zugewiesene oder übernommene Rolle zu wahren, zu wissen, was man sein will und darin die eigene Rolle nicht zu vergessen. In den Dissertationen 1, 2, 12 heißt es: "Als FLORUS den AGRIPPINUS um Rat fragte, ob er zu NEROs Schauspiel gehen und dabei einen Dienst übernehmen solle, antwortete AGRIPPINUS: geh nur hin; und als dieser weiter fragte, warum er denn nicht selbst hingehe, erwiderte er: weil ich dergleichen nicht einmal überlege. Denn wer einmal solche Dinge betrachtet, in den Wert des Äußeren eingeht und es berechnet, der ist nicht viel anders dran, als die, welche ihre  eigene  Rolle vergessen." So soll nach der stoischen Lehre (DIOGENES LAERTIUS VIII, § 160) der Weise dem guten dramatischen Künstler (hypokrites) ähnlich sein.

Diese Gedanken sind nicht bloß die Lehre des EPIKTET, des Stoikers zu NEROs Zeit, sondern sie sind bei den ältesten griechischen Stoikern heimisch. Wenigstens haben wir ein Fragment des TELES, der wahrscheinlich ein Zeitgenosse des CHRYSIPP ist, das ähnlich wie EPIKTET spricht; nur mit dem Unterschied, daß es die  Tyche  (das Glück) und nicht den vorsehenden Gott zum Dichter der Rollen macht. Die persona ist in diesem ethischen Sinne der übertragenen oder übernommenen Rolle bei CICERO geläufig, z. B. offic. 1, 28 und 31.

Wir erkennen in diesem Bild das Eigentliche der stoischen Ethik ohne Schwierigkeit. Die gut gedichtete Rolle ist der Natur gemäß, wie der erste Grundsatz der Stoiker verlang, der Natur gemäß zu leben, d. h. der Vernunft, die der Natur zugrunde liegt, zu folgen, und die gut gedichtete Rolle individualisiert ferner das Allgemeine der eigentümlichen Natur des Einzelnen gemäß und gründet es in einem vernünftigen Mittelpunkt. Dadurch wird erreicht, was die Stoiker wollen. Das allgemeine Gesetz der Natur verbindet sich mit dem Willen der eigenen übereinstimmend. Denn es wird richtig gehandelt, und es entsteht der schöne Fluß des Lebens, wenn der Wille des Ordners des Alls und der Dämon des Einzelnen harmonisch übereinstimmen. Indem die Rolle aus dem Ganzen des Dramas entworfen ist und doch im Eigenen des Teils ihr Leben hat, ist sie ein künstlerischer Ausdruck jener Lehre. Überdies bleibt die gut gedichtete Rolle sich selbst treu, wie die  vita sibi concors  [harmonisches Leben für sich selbst - wp], auch welche SENECA uns hinweist. Der Weise nun, der einem guten dramatischen Künstlicher ähnlich sein soll, muß die Rolle selbst entwerfen und selbst darstellen.

Wir haben hier zwar die persona in einer ethischen Bedeutung von eigenem Gepräge, aber nicht in der Bedeutung, die, wie heute, das eigentliche Prinzip der individuellen Sittlichkeit ausdrückt. Im Deutschen finden wir noch Spuren von persona als Maske, Rolle, z. B. in der Zusammenfügung, er hat seine Person gut gespielt, gut vorgestellt.

5. Dasselbe Wort, welches in der Szene vom Schauspieler gebraucht wird, agit personam, gehört der Gerichtssprache an, wenn agere apud iudicem [einen Prozeß führen - wp], actio von der Klage gebraucht wird. Der Kläger (actor) und der Verteidiger gleichen in Rede und Gegenrede den Masken, den Personen auf der Bühne. An den Kläger, den Verteidiger und den Richter sind gleichsam verschiedene Rollen dieses Dramas verteilt. Daher war es ein entsprechender lebendiger, sinnlicher Ausdruck, wenn die Gerichtssprache das Wort  persona  aufnahm. So wird "persona" vom Kläger und Verteidiger gern gebraucht.

Auf diesem Weg, so scheint es, wurde  persona  ein eigentlich juristisches Wort.

"Persona" bezeichnet nun den Träger der unterscheidenden Rechtsbeziehungen, die geltend gemacht werden, wie im Beispiel der persona domini, persona procuratoris [Person des Herrn, Person des Verwalters - wp]. Wie die persona in ihrer eigentlichen Bedeutung als Maske auf einen besonderen oder individuellen Grundzug, der sich in der allgemeinen menschlichen Physiognomie ausgebildet hat, hinweist, so bezeichnet dasselbe Wort, z. B. bei den Rhetoren, die unterscheidenden Beziehungen des Einzelnen zu anderen Einzelnen. Die hier mit persona genannten Beziehungen könnten fast alle, wie namentlich die Beziehungen der Verwandtschaft, zu besonderen Rechtsbeziehungen werden. In der Regel wird jeder in ein und demselben Rechtsgeschäft nur  eine  Beziehung geltend zu machen haben, aber es kann geschehen, daß mehrere zusammentreffen; wie z. B., wenn ein Konsul seinen Sohn emanzipiert, die persona patris und die persona magistratus, bei dem die Emanzipation geschieht, zusammenkommen. Hier sieht man, wie persona der ursprünglichen Bedeutung noch nahe steht und persona und homo noch nicht zusammenfallen. In einem verwandten Sinn kann selbst auf eine Sache, wie die Erbschaft, als Trägerin von Rechtsbeziehungen, die an ihr haften, der Ausdruck persona angewandt werden.

Das römische Recht geht im Gebrauch des Wortes  persona  noch einen Schritt weiter. Da im eigentlichen Sinne nur Menschen, nicht Sachen, Rechte haben können, so ist es geschehen, daß persona in der Sprache des Rechts Menschen ohne Unterschied bezeichnet. Freie und Sklaven, sonst in ihren Rechtsbeziehungen entgegengesetzt, heißen hier alle  personae.  Die personae stehen den  res,  die Personen den Sachen gegenüber. In dieser Bedeutung hat sich persona, aus dem unterschiedenen Besonderen menschlicher Verhältnisse hervorgegangen, alles Besonderen entkleidet und ist in die Vorstellung des Menschen überhaupt verblaßt.

Aus dieser Quelle floß, wenn auch vermittelt, der deutsche Gebrauch der Person, den wir in LUTHERs Bibelübersetzung vertreten fanden, 2. Makk. 12, 4 "sie ersäuften sie alle in die 200 Person". Die lateinische Sprache drückte niemand durch die Negation mit homo aus,  ne + homo = nemo;  die französische sagt z. B. il n'y a personne [es gibt keinen - wp]. So unbezeichnend ist das bezeichnende Wort persona, Maske geworden; und wir haben uns in dieser Richtung von jenem prägnanten Satz KANTs: "der Mensch ist Person" weit entfernt; denn in dieser Bedeutung wäre der Satz das Gegenteil des Prägnanten, es wäre tautologisch. Ja, in dieser Richtung ist der Gebrauch selbst unter die edle Bedeutung des Menschen gesunken: denn man frägt z. B. geringschätzig: was will die Person?

6. Vielleicht griff noch eine andere wissenschaftliche Verwendung des Wortes in diese Verallgemeinerung ein.

Wenn die Griechen, vielleicht die Stoiker, die unsere heutige Grammatik gründeten, die bedeutungsvolle Flexionsendung, die wir Person des Verbums nennen, mit dem Wort  prosopon  Antlitz oder Maske bezeichneten, so hatten sie dabei sicher das Drama vor Augen, in welchem sich die Personen im Ich und Du lebendig bewegen. Bei LUCIAN (de calumn. c. 6) tritt in einem verwandten Beispiel diese im technischen Ausdruck erloschene Beziehung wieder anschaulich hervor. Die Maske, von der die Rede ausgeht, gewöhnlich die zuerst auftretende, ist die erste und die von ihr angeredete die zweite. Überhaupt beginnt jedes Gespräch damit, daß der eine von zweien etwas denkt oder begehrt und dem Andern, was er denkt, mitteilt, oder, was er begehrt, befiehlt. Es war richtig, diejenige Person, in welcher der Impuls des ganzen Gesprächs und gleichsam die Initiative liegt, die erste Person zu nennen. Wir lehnen billig eine psychologische Deutung ab, in welcher das Ich die erste Person heißt, weil das Ich einem jeden das Erste und Nächste ist, oder die idealistische, nach welcher das Ich, weil es selbsttätig und schöpferisch die Vorstellung alles Nicht-Ich hervorbringt, der ersten Person den Namen geben. Wenn es wahrscheinlich ist, daß auf die angegebene Weise sich aus dem Dialog die Bezeichnung  prosopon  für die erste und zweite Person darbot, so unterschied sich von ihnen wie von selbst der, von dem die Rede ist; und wenn dieser etwa in die Handlung selbst eingreift, so heißt er auf natürliche Weise die dritte Maske. Allerdings wird zur dritten Person auch die Bezeichnung der Sache gerechnet, sei es, daß von einer Sache das Verbum in der dritten Person ausgesagt oder ein Pronomen, wie es, auf eine Sache zurückbezogen wird. Aber die Erklärung hat keine Schwierigkeit. Wenn, wie in der dritten Person, von einem persönlichen Subjekt (er, sie) die Rede ist, so wird es von selbst für das Ich und für das Du eine Art Objekt und in dieser Beziehung ist eine gewisse Verwandtschaft zwischen dem Er als Person und dem Er als Sache; sie sind beide Objekt. Wiederum stellt die Sprache auch die Sache, wie z. B. im männlichen oder weiblichen Geschlecht des Wortes, als lebendig dar und nähert dadurch auch die Sache der Person an.

Schon bei ARISTARCH (unter PTOLEMÄUS PHILOMENTOR) ist die grammatische Benennung  prosopon terminus,  und daher geht nicht unwahrscheinlich das prosopon als grammatische Person auf die Geburtsstätte unserer heutigen Grammatik, auf die stoische Schule, zurück, die, wie wir sahen, auch ethisch das prosopon, die Maske, verwandte. Der Schüler des ARISTARCH war DIONYSIUS THRAX und die unter seinem Namen erhaltene griechische Grammatik scheint, wenn auch im Auszug wirklich von ihm herzustammen. VARRO, ein um zehn Jahre älterer Zeitgenosse des CICERO, kennt schon den grammatischen Gebrauch der aus  prosopon  übersetzten persona; und CICERO beginnt jenen juristischen, welcher in persona den Träger einer besonderen Rechtsbeziehung sieht. So mögen sich der grammatische und juristische Gebrauch der  persona  auf dem Weg zur Verallgemeinerung, auf welchem zuletzt  persona  und  homo  gleichbedeutend sind, einander unterstützt haben.

7. Es gehört zur Geschichtes des Wortes "Person", daß über dasselbe ein ganzes Konzil zur Prüfung und Entscheidung getagt hat, und zwar zu Alexandrien im Jahre 362 zur Zeit JULIANs des Abtrünnigen. Es handelte sich dabei im die rechtgläubige Auffassung der Trinität. Die griechische Kirche unterschied als drei  hypostaseis  den Vater, den Sohn und den Geist, dergestalt, daß das  eine  göttliche Wesen (ousia, physis) durch die drei  hypostaseis  hindurchgeht. Sie hatte diese Lehre unter KONSTANTIN zum nikänischen Symbolum erhoben. Aber die lateinischen Kirchenlehrer sahen in diesem Wort  hypostaseis, hyphistamenon,  subsistens einen unangemessenen Ausdruck, der drei für sich bestehende Wesen setzt und die  eine  göttliche Substanz darüber verliert. Ihnen war Gott nur  eine  Hypostasis. Die griechischen Kirchenlehrer fürchteten, durch eine solche Auffassung in die sabellanische Ketzerei zu verfallen, in jene Lehre, daß Vater, Sohn, und Geist nur die verschiedenen Offenbarungsformen der höchsten Einheit sind, die sich in der Schöpfung und Weltgeschichte als Trias entfaltet. In der römischen Kirche hatte zwar TERTULLIAN gegen den Monarchianer PRAXEAS geschrieben, der die Unterscheidung des Vaters, Sohnes und Geistes nicht real, sondern nur ideell nehmen wollte, aber zugleich vorgeschlagen, die drei zu unterscheiden in personae, non substantiae nomine, ad distinctionem, non ad divisionem. So geschah es, daß die Bischöfe der römischen Kirche nicht den Ausdruck  hypostasis,  und die Bischöfe der griechischen nicht den Ausdruck  prosopon, persona,  annehmen wollten. Auf jenem Konzil traten nun Bischöfe aus Italien, Arabien, Ägypten und Libyen mit dem ATHANASIUS, dem Erzbischof von Alexandrien, zusammen. Indem sie einander in der Sache als rechtgläubig anerkannten, erklärten sie den Streit über  hypostasis  und  persona  für einen Wortstreit. Seit dieser Zeit wurde das Wort "persona" oder prosopon gleichbedeutend mit  hypostasis  und  idioma,  und in der christlichen Kirche legitim. So sagt z. B. GREGOR von NAZIANZ (gest. 390) in einer Predigt (oratio 39, Seite 630): "Beim Namen Gottes werden wir von einem dreifachen Licht durchblitzt, von einem dreifachen, in Bezug auf seine eigentümlichen Naturen (idiomata), mag man sie Hypostasen oder lieber Personen nennen, mit einem einfachen hingegen, wenn wir auf die Substanz, d. h. die Gottheit sehen". So einigte man sich in den Wörtern, aber bedeckte doch eigentlich damit die Differenz in der unverstandenen Sache.

Indessen kehrte noch einmal das Wort  persona  seine eigentliche Bedeutung heraus. SERVET vertrat sie in seiner Schrift  de trinitatis erroribus  (1532), und erklärte die drei Personen in der Gottheit als drei Funktionen, gleichsam als drei Rollen und starb für diese erste Bedeutung von persona auf CALVINs Anklage hin den Tod des Ketzers auf dem Scheiterhaufen (1553). Daß es sich um diese erste Bedeutung der persona handelt, tritt unter anderem recht deutlich aus MELANCHTHONs  loci  hervor. In der kirchlichen Erklärung, die MELANCHTHON gibt, gewinnt die persona in der Theologie die Bedeutung der Maske der Bühne, die Bedeutung des eigenen unübertragbaren (unmittelbaren) vernünftigen Wesens, das durch sich selbst besteht. In diesem Sinne sagt die Augsburgische Konfession aus dem Jahr 1530: "und wird durch das Wort  persona  verstanden, nit ein Stück, nit ein eygenschafft in einem andern, sondern es selbig bestadt." Das Wort  persönlich  war in dieser Bedeutung bereits durch die Mystiker, wie MEISTER ECKHART, in unsere Sprache übergegangen. In Gott werden Macht, Weisheit und Liebe (Güte), der Gedanke, der seit ABÄLARDs, wie noch in LEIBNIZ'  systema theologicum  den drei Personen der Trinität zugrunde gelegt wurde, persönlich und wesentlich angeschaut, und mit diesem Gott soll sich der Mensch vereinigen: "Ach, lieber Mensch, was schadet es dir, daß du Gott vergönnest, daß er in dir Gott sei? (Meister Eckhart, Ausg. von PFEIFFER, Seite 66 und 36): und wenn sich Gott dem Menschen gibt, die Minne er selber  personlich  und wesentlich" (Seite 328, 10). Indem der Mensch Gott hat, sagt MEISTER ECKHART weiter (Seite 245, 13), hat er persönliche Macht, persönliche Weisheit und persönliche Güte; er hat sie alle drei, in  einem  Wesen ihre Naturen. Durch diesen Zusatz ist das Wesenhafte in dieser Macht und Weisheit und Güte bezeichnet. Das Theologische grenzt hier an das Ethische; es liegt nahe zu sagen, wer Gottes Macht, Weisheit und Liebe, alle drei persönlich in  einem  Wesen aufnimmt und hat, wird dadurch selbst Person oder persönlich.

8. Noch einmal kehren wir zum juristischen Gebrauch zurück, um auch aus ihm eine ethische Bedeutung zu gewinnen. Wir sahen, wie im römischen Recht  persona  zum Menschen überhaupt wurde, und daß es, wie z. B. im Ausdruck  ius personarum,  Freie und Sklaven begriff. Nach und nach geschieht das nicht mehr, und nur der Freie heißt Person.

Es wird öfter ausgesprochen, daß der Sklave kein Recht hat und hervorgehoben, daß im Gesetz die  servi  den vierfüßigen Tieren gleichgestellt werden (servis nostris exaequat quadrupedes). Wie nun in dieser Betrachtung der Sklave nicht rechtsfähig ist, so scheidet er auch aus den Personen aus. Zur Zeit des JUSTINIAN ist es bereits Doktrin geworden, daß Sklaven keine Personen sind, denn THEOPHILUS, der griechische Übersetzer der Institutionen, hat schon den ausgeprägten Terminus, der Sklave sei  aprosopos,  wofür sich ein entsprechender lateinischer Ausdruck, wie etwa  impersonalis nicht gebildet hat. SAVIGNY bemerkt, daß diese Lehre verhältnismäßig spät entstanden ist. (4) Seit der Zeit JUSTINIANs steht es fest, daß der rechtsfähige Mensch und nur dieser Person ist. Der Sklave ist Sache.  Persona est homo statu civili praeditus  [Die Person ist des Menschen politischer Status. - wp] und die Freiheit ist ihr auschließendes Attribut. Wenn wir weiter fragen, was die Freiheit ist, so wird sie im römischen Recht als das natürliche Vermögen erklärt, zu tun, was jedem beliebt, außer wenn er durch Gewalt oder Recht verhindert wird (Institut. I, 3, 1).

In diesem Begriff der Person war mehr als in den vorangehenden Beziehungen das Wort vorgebildet, dessen KANT zum Ausdruck der ethischen Idee des Menschen bedurfte. Wenn Dinge, die bloß Mittel wozu sind, Sachen heißen, so wird der Ausdruck für ein Wesen, das als vernünftig Zweck ansich ist und nie bloß Mittel sein darf, Person sein müssen.

Schon LEIBNIZ hat in seinem Brief an WAGNER den juristischen Begriff von Person für die tiefere Bezeichnung des Menschlichen verwandt. Indem er Selbstbewußtsein und die Fähigkeit einer Gemeinschaft mit Gott den Vorzug der menschlichen Seele nennt, hält er dafür, daß die Seele, einmal dieser Gemeinschaft teilhaftig, niemals die Person eines Bürgers im Staate Gottes aufgeben werde. Die Berechtigung der Person als eines Bürgers im Staate Gottes erscheint in diesem Zusammenhang als die Würde der Menschheit.

9. Der moralischen Idee der Persönlichkeit, die wir im Ursprung ihres Namens aufsuchten, geht ein psychologischer Begriff der Persönlichkeit voraus (Einleitung zu den metaphysischen Anfangsgründen der Rechtslehre, Seite XXII), der das Vermögen des Menschen darstellt, sich in den verschiedenen Zuständen seines Daseins der Identität seiner selbst bewußt zu werden. Ohne dieses Vermögen des sich fortsetzenden Selbstbewußtseins würde es gar keine Moralität, namentlich keine Zurechnung geben. Ehe noch KANT den Namen der Person ethisch vertiefte und darin die Idee der Menschheit ausprägte, hatte schon LEIBNIZ und nach ihm CHRISTIAN WOLFF die Vorstellung des im Abfluß der Zeit mit sich identischen Selbstbewußtseins mit dem Wort der Person verknüpft. Da LEIBNIZ im angeführten Brief an WAGNER (Ed. ERDMANN, Seite 466) das Selbstbewußtsein und die Erinnerung des vorangegangenen Zustandes als das bezeichnete, was den Menschen über das Tier erhebt, nannte er diesen Vorgang  personae conservatio.  In diesem Namen sagt CHRISTIAN WOLFF in den "Vernünftigen Gedanken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen" (1725) § 924: "Da man nun eine Person ein Ding nennt, das sich bewußt ist, es sei eben dasjenige, was vorher in diesem oder jenem Zustand gewesen war: so sind die Tiere auch keine Personen. Hingegen weil die Menschen sich bewußt sind, daß sie eben diejenigen sind, die vorher in diesem oder jenem Zustand gewesen sind: so sind sie Personen." In demselben Sinn fordert z. B. JACOBI im Gegensatz gegen die Lehre von der blinden, stummen Notwendigkeit, die er im Spinozismus sah, einen  persönlichen  Gott; und wir Menschen geben uns schwer zufrieden mit einer unpersönlichen Weltvernunft als dem letzten Gedanken, worin wir ruhen sollen.

Wenn mit dem Begriff der Person in der Richtung des das menschliche Leben durchdringenden Selbstbewußtseins der Unterschied des Menschen vom Tier bezeichnet war, so geschah es leicht, daß das unterscheidende Wesen des Sittlichen, die Idee der Menschheit, demselben Wort übertragen wurde.

So sehen wir das Wort der Person in verschiedenen Wissenschaften verwandt; und indem es sich auf der einen Seite bis in den vulgären Gebrauch verallgemeinert, geben ihm auf der andern die Wissenschaften einen tiefen Sinn. Sie halten das Wort auf der Höhe und machen es möglich, daß ihm zuletzt der Stempel eines ethischen Grundgedankens aufgeprägt wird. Man sieht es dem Wort der Persönlichkeit an, daß es, wie das parallel gehende Wort der Individualität, das auch seine Geschichte hat, nicht im Volk gewachsen ist. Aber solche, von der Wissenschaft bewußt gebildete Wörter, haben, wenn sie durchdringen und ihren bedeutendenn Inhalt treu wahren, für die Gemeinschaft vorzüglichen Wert; denn sie können zu Maßstäben im öffentlichen Urteil und selbst zu Antrieben des Willens werden; daher ist es die Pflicht der Schriftsteller, das Gepräge nicht abzugreifen und abzuschleifen.
LITERATUR: Friedrich Adolf Trendelenburg, Zur Geschichte des Wortes Person, Kant-Studien, Bd. 13, Berlin 1908
    Anmerkungen
    1) KANT, Metaphysik der Sitten, Ausgabe ROSENKRANZ, Seite 56f
    2) KANT, Kritik der reinen Vernunft, 1788, Seite 155
    3) Denkschriften 1858 über die Vertretung männlicher durch weibliche Namensformen, Seite 49
    4) SAVIGNY, System des heutigen römischen Rechts, Bd. 2, 1840, Seite 32, Anmerkung.