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WILHELM WINDELBAND
Über Sokrates

"Wer am Baum der Erkenntnis nur schüttelt, damit ihm die von anderen gezeitigten Früchte in den Schoß fallen, der kommt leicht dahin, nur eine nach der anderen zu kosten und sie wieder fortzuwerfen, wie es ihm beliebt. Das gilt schon vom Populisator, der diese geistige Nahrung aufliest und zurechtlegt - wie viel mehr gilt es vom gemeinen Mann, der aus dessen Hand lebt! Und so greift nun in Griechenland das Laster der schöngeistigen Nascherei um sich, eine lächerliche Wissensgourmandise, eine lüsterne Bildungsschleckerei. Für die Masse bleibt die Wissensneugier nur eine äußerliche Modesache: an die Stelle der Bildung tritt hier das Halbwissen, das gedankenlose Nachschwatzen, das dünkelhafte Absprechen - der Bildungsschwindel."

"Die Sophisten, die Träger dieser Aufklärung, sind zugleich die Lehrer der politischen Beredsamkeit; das ist sogar ihr eigentlicher Beruf, für den sie bezahlt werden. Dabei kommt es natürlich nur auf die Ausbildung formaler Geschicklichkeit an: sattelfest und schlagfertig will der Schüler werden, daß er jeden Augenblick, was dem Interesse der Partei oder der Person frommt, verteidigen, daß er zu Boden reden kann, was ihm entgegensteht. Nicht um Überzeugung handelt es sich, sondern um Überredung. Alle menschlichen Ansichten sind ja nur relativ; jeder legt sich die Sachen zurecht, wie es ihm eben paßt. Nur keinen doktrinären Eigensinn! Die Dinge wechseln und wir mit ihnen. So endet das Jahrhundert, das mit der gewaltigsten Entfaltung des Hellenentums begann, das auf die Bühne der Weltgeschichte das erste gebildete Volk führte, es endet als das Zeitalter der Überzeugungslosigkeit. Aus dem Schlürfen des Bildungsschaums wird eine Orgie der Verneinung: auf die Demokratisierung des Wissens folgt die Demoralisierung der Bildung: denn demoralisiert ist jede Gesellschaft, welche die Einheit ihrer sittlichen Überzeugungen verloren hat und nun nach diesem oder jenem greift, um nach diesem Sündenfall ihre Blöße mit den Flittern des Wissens zu bedecken."

"Nicht eine sittliche Überzeugung von der Gefährlichkeit seines Wirkens, sondern die kleinlichsten persönlichen Motive haben die Anklage diktiert. Seine Gegner waren niedriege unbedeutende Menschen, die an ihm die Verletzung ihrer persönlichen Eitelkeit zu rächen hatten. Bei seinen Anklägern stand ihm nicht ein ethisches Prinzip, sondern alltägliche Gemeinheit gegenüber."

Sokrates! - Es scheint seltsam, daß sich jemand herausnimmt, noch einmal wieder über ihn zu reden. Unter allen Gestalten der menschlichen Bildungsgeschichte ist vielleicht keine so populär wie diese, - keine, welche wie diese, von den Wellen der Weltliteratur getragen, bis in die entlegendsten Winkel des geistigen Daseins hinein bekannt geworden wäre. SOKRATES hieß das Weisheitsideal aller griechischen Philosophenschulen, und nicht nur in der römischen, nicht nur in der Literatur aller europäischen Völker, auch bei den Juden und Mohammedanern, überall, wohin auch nur ein Tropfen hellenischen Geistes geflossen ist, begegnen wir ihm als einer allbewunderten Persönlichkeit. Auch die oberflächliche Darstellung der sogenannten allgemeinen Weltgeschichte hält bei ihm einen Moment an, auch die flüchtigste Übersicht gönnt ihm einen kurzen Blick. Keiner ist unter uns, der nicht oft von ihm gehört, der nicht mancherlei über ihn gelesen hätte; jeder weiß, wie er gelebt, was er gelehrt, wie er gestorben: - ist es nicht unhöflich, über SOKRATES zu sprechen?

Denn, wie will man hoffen, über ihn etwas Neues zu sagen? Der liebevollen Begeisterung seiner Schüler verdanken wir ein Bild seines ganzen Wesens, welches für uns eine Art von stereoskopischer Lebendigkeit dadurch gewinnt, daß die beiden von so ganz verschiedenen Standpunkten her aufgenommenen Ansichten eines XENOPHON und eines PLATON sich leicht verschmelzen lassen. Und seitdem haben zwei Jahrtausende daran gearbeitet, dieses Bild in immer festeren Umrissen, in immer klarerer Zeichnung auszuführen: philologischer Scharfsinn, kulturhistorische Betrachtung und philosophische Kongenialität [Geistesverwandtschaft - wp] haben gewetteifert, das volle Licht der Erkenntnis darüber auszugießen. Von den verschiedensten Seiten her hat man ihn aufgefaßt, mit den mannigfaltigsten Fragen ihn in mehr oder minder natürliche, mehr oder minder künstliche Beziehung gebracht; sein Leben, seine Lehre, sein Tod, sie sind in allen Richtungen durchforscht, ihre Bedeutung ist hundertfach neu formuliert worden, und kein Winkel darin ist unbeleuchtet geblieben. Eine kaum übersehbare Literatur hat sich über ihn aufgehäuft, ein Heer von gelegentlichen Betrachtungen, von Broschüren, Programmen, Dissertationen, Vorträgen schart sich um bedeutende Gesamtdarstellungen und umfangreiche Werke: - ist es nicht anmaßend, über SOKRATES zu sprechen?

Wenn ich hoffe, daß solche Einwürfe nicht zu Vorwürfen werden sollen, so berufe ich mich auf eins. Die großen Gestalten der menschlichen Geschichte teilen mit den großen Gebilden der menschlichen Kunst den höchsten Vorzug: sie sind unerschöpflich. Es ist immer von neuem Genuß und Erhebung, sich in ihre Anschauung zu versenken, so oft es auch schon geschehen sein mag, und es würde mir schon genügen, wenn wir nur in irgendeiner Weise uns wieder zum Bewußtsein brächten, worin doch der Zauber bestanden hat, den die, wie es scheint, so nüchterne, so prosaische Persönlichkeit des SOKRATES auf Mitwelt und Nachwelt ausgeübt hat und den sie für alle Zeiten ausüben wird. Allein jene Unerschöpflichkeit gilt noch in einem anderen Sinn, so nämlich, daß es oft nur der geringsten Verschiebung des Gesichtspunktes, einer kleinen Veränderung der Beleuchtung bedarf, um jenen Gestalten bedeutsame Konturen abzugewinnen, die in dieser Weise bisher noch nicht hervorgetreten waren. Und so ist auch die Hoffnung nicht völlig ausgeschlossen, daß es einer erneuten Betrachtung gelingen könnte, in der vieldeutigen Erscheinung des SOKRATES einen Zug zu entdecken, durch welchen er tiefen Problemen des gegenwärtigen Lebens unerwartet nahe gerückt wird, und damit zugleich eine bedeutende Linie sichtbar zu machen, mit der er sich vom Hintergrund seiner Zeit abhebt.

Vom Hintergrund seiner Zeit! Denn mehr, als es bei manchem anderen Philosophen notwendig ist, muß man das Bild des SOKRATES auf seinen historischen Hintergrund projizieren, um es richtig zu sehen. Wir müssen uns zurückdenken in das Athen des peloponnesischen Krieges, in die Zeit, wo die perikleische Blüte des Griechentums sich leise zum ersten Welken neigt, während sie noch ihren berauschendsten Duft ausströmt. Noch steht Athen, umgarnt schon von seinen Dämonen, auf der Höhe selbstgeschaffenen, schwer errungenen Glücks, - die Füherin Griechenlands, eine Weltmacht des Handels und die absolute Macht des Geistes. Aus der Peripherie drängt sich nach dem attischen Mittelpunkt die reiche Fülle des hellenischen Kulturlebens. Die Akropolis schmückt sich mit den Werken aller bildenden Kunst zum Tempel des Menschentums, - über die weltbedeutenden Bretter schreiten die Gestalten des SOPHOKLES, des EURIPIDES, des ARISTOPHANES, - und in den offenen Hallen der Stadt ertönen die Lehren der Wissenschaft. Es ist jene goldene Zeit edelster Menschenblüte, die dahingegangen und nicht wiedergekommen ist und nicht wiederkommen wird, so lange Tag und Nacht, Regen und Sonnenschein über diesen Planeten wechseln. Zu dieser Zeit vollzieht sich im Volke Athens ein lang vorbereiteter Umschwung, eine soziale Wandlung ersten Ranges, die für alle folgende Kultur entscheidend wird. Die Wissenschaft, entstanden in der Zurückgezogenheit einsamer Denker, gepflegt im geschlossenen Heiligtum enger Schulverbände, sie tritt auf den Markt, sie erhebt ihre Stimme im Gewirr des öffentlichen Lebens, und sie leiht ihre Waffen den Leidenschaften des Tages. Jetzt fängt die Menge an, ihren Worten zu lauschen; erstaunt, geblendet, überwältigt, gibt man sich dem neuen Eindruck hin, und widerstandslos beugt man sich vor der neu entstandenen Kraft. Erst eine Neugier, dann ein Genuß, endlich ein leidenschaftliches Interesse, - so bemächtigt sich ganz Athens, ganz Griechenlands ein immenses Bedürfnis nach Kenntnis und Wissen - ein Bildungsfieber ergreift die Nation. Und nun öffnen sich die bisher so engen Pforten der Wissenschaft: an die Stelle der stillen Grübler treten die öffentlichen Lehrer des Wissens. Begierig drängt sich um sie alles, was auf der Höhe der Zeit stehen, was einen Einfluß auf die Gemüter der Zeitgenossen gewinnen will. Jetzt kleidet sich die politische Rede in das Gewand wissenschaftlicher Beweisführung, jetzt werden die Lehren der Wissenschaft zu Gegenständen des alltäglichen Gesprächs, jetzt führt man sie in in die Mannigfaltigkeit des praktischen Lebens. Freilich ist es ein Irrtum, wenn man meint, damals habe in Athen Gevatter Schuster und Schneider über Kunst und Wissenschaft so weise reden können, wie heute jeder Rezensent; aber das bleibt wahr: zum erstenmal in der Geschichte tritt uns hier ein Volk entgegen, dessen gesamte Lebensverhältnisse von geistiger Bildung durchdrungen werden, ein Volk, das die Leitung seiner öffentlichen Angelegenheiten in die Hand der überlegenen Geistesgewalt legt, - ein Volk, mit einem Wort, welches die Bildung zu einem wesentlichen Element des nationalen Seins erhebt. Das ist der ewige Ruhm Athens: kein Volk vor diesen Athenern, bei dem die geistige Bildung eine Macht im öffentlichen Leben gewesen wäre, kein Volk nach diesen Athenern, bei dem die geistige Bildung je wieder aufhören könnte, eine Macht im öffentlichen Leben zu sein.

Die nächste Wirkung dieser Ausbreitung der Bildung in alle Schichten des griechischen Volkes war die Lösung aller Bande, welche das individuelle an das allgemeine Bewußtsein ketten. Aber dieser Vorgang ist in der Masse ein ganz anderer, als im einzelnen Denker. Er, der den Mut und die Kraft gewann, auf eigenem Weg nach Wahrheit zu streben, hat in der Forschung selbst, wenn ihm auch altgewohnte Vorstellungen dabei verloren gingen, dafür die Erfahrung gemacht, daß es ein Maß für das individuelle Denken gibt, ein allwaltendes Gesetz, dem sich zu fügen den einzigen Wert allen Wissens ausmacht. Wer aber am Baum der Erkenntnis nur schüttelt, damit ihm die von anderen gezeitigten Früchte in den Schoß fallen, der kommt leicht dahin, nur eine nach der anderen zu kosten und sie wieder fortzuwerfen, wie es ihm beliebt. Das gilt schon vom Populisator, der diese geistige Nahrung aufliest und zurechtlegt - wie viel mehr gilt es vom gemeinen Mann, der aus dessen Hand lebt! Und so greift nun in Griechenland das Laster der schöngeistigen Nascherei um sich, eine lächerliche Wissensgourmandise, eine lüsterne Bildungsschleckerei. Für die Masse bleibt die Wissensneugier nur eine äußerliche Modesache: an die Stelle der Bildung tritt hier das Halbwissen, das gedankenlose Nachschwatzen, das dünkelhafte Absprechen - der Bildungsschwindel. Es wird zum guten Ton, daß der junge Athener auf einige Zeit bei einem Sophisten - so nennen sich diese Aufklärer Griechenlands - in die Schule geht; da lernt er, sich gebildet, sich gewählt auszudrücken, und da lernt er auch, wovon er nachher in der Unterhaltung und in der Rede so reichlichen Gebrauch machen wird, am schicklichen Ort mit ein paar wissenschaftlichen Phrasen um sich zu werfen und mit seiner Kenntnis der neuesten Entdeckungen zu kokettieren. Es gehört zum Sprot, im Bad, in der Palästra [Trainingsarena der Ringkämpfer - wp], beim Symposion über die Theorien und Hypotheken der Philosophie zu disputieren, und eine der liebsten Volksbelustigungen Athens ist es, ein paar solche Professoren wie Kampfhähne aufeinander zu hetzen, wo dann unbändiges Gelächter den schlagfertigsten Witz und die glücklichste Wortverdreherei belohnt.

Allein unter diesem lustigen Treiben verdeckt sich die ernsteste Gefahr: es sind Blumen über einem Abgrund. Denn durch ein solches Hin- und Hergerede wird die Substanz des Volksgeistes zerfressen, und das scharfe Scheidewasser der Kritik, das nun jeder anwenden lernt, zersetzt den Kitt des gesellschaftlichen Baus, - die gemeinsamen Überzeugungen. Da wandern sie nun alle in die Rumpelkammer, die Götter des heiligen Glaubens, nicht nur jene großen, schönheitsstrahlenden Gestalten des Olymp, denen die homerischen Gesänge den lebendigen Odem der Kunst eingehaucht, nein, auch die stillen, uralten Holzbinder des Lokal- und des Familienkultes, an deren wundertätiger Kraft sich die religiöse Inbrunst der Väter entzündet hat: sie gehen dahin, und mit sich nehmen sie Sitte und Ordnung. denn nur eine schnell überwundende Etappe auf diesem Weg ist es, wenn der eine oder der andere von den Sophisten versucht, die verblassenen Bilder durch ein sittlich-allegorische Bemalung neu zu beleben: auch die Ideale der Sittlichkeit sind verblichen. Das selbstherrlich gewordene Individuum entdeckt, daß auch diese Wahrheiten bestritten sind, und daß es nur dem Naturgesetz folgt, wenn es seine Lust und seine Willkür zur Richtschnur seines Handelns nimmt.

Ein äußerer Umstand tritt hinzu. Die Sophisten, die Träger dieser Aufklärung, sind zugleich die Lehrer der politischen Beredsamkeit; das ist sogar ihr eigentlicher Beruf, für den sie bezahlt werden. Dabei kommt es natürlich nur auf die Ausbildung formaler Geschicklichkeit an: sattelfest und schlagfertig will der Schüler werden, daß er jeden Augenblick, was dem Interesse der Partei oder der Person frommt, verteidigen, daß er zu Boden reden kann, was ihm entgegensteht. Nicht um Überzeugung handelt es sich, sondern um Überredung. Alle menschlichen Ansichten sind ja nur relativ; jeder legt sich die Sachen zurecht, wie es ihm eben paßt. Nur keinen doktrinären Eigensinn! Die Dinge wechseln und wir mit ihnen. So endet das Jahrhundert, das mit der gewaltigsten Entfaltung des Hellenentums begann, das auf die Bühne der Weltgeschichte das erste gebildete Volk führte, es endet als das Zeitalter der Überzeugungslosigkeit. Aus dem Schlürfen des Bildungsschaums wird eine Orgie der Verneinung: auf die Demokratisierung des Wissens folgt die Demoralisierung der Bildung: denn demoralisiert ist jede Gesellschaft, welche die Einheit ihrer sittlichen Überzeugungen verloren hat und nun nach diesem oder jenem greift, um nach diesem Sündenfall ihre Blöße mit den Flittern des Wissens zu bedecken.

So etwa, abgesehen vom Stadtklatsch und vom täglichen Wechsel innerer und äußerer Politik, so etwa sieht es in den Köpfen der Athener aus: da erscheint in den Straßen der Weltstadt eine originelle Figur. Mitten unter den schönen, vollgelockten Jünglingen, die auf dem Markt einen reichgekleideten Sophisten umstehen, taucht eine gewaltige Glatze auf. Sie gehört zu einer ungefügen Gestalt, die sich, während alle lächelnd zur Seite weichen, bis zu dem Redner drängt, ihn mit forschenden Blicken eine Weile mustert und ihm endlich ins Wort fällt. Nun folgt in raschem Wechsel Rede und Gegenrede. Den heftigen Perorationen [mit besonderem Nachdruck vorgetragene Rede - wp] des Sophisten setzt Der mit der Glatze unerschütterliche Ruhe entgegen. Da plötzlich erbraust homerisches Lachen, ein faunisches Grinsen läuft über die Züge des Störenfrieds und kehrt die breite Nase noch mehr als sonst nach aufwärts; es scheint, daß die Lacher auf seiner Seite sind. er aber wendet sich kurz ab, zieht den mächtigen Kopf noch enger zwischen die dicken Schultern und schiebt mit tänzelnder Grandezza seinen stattlichen Hängebauch durch die gaffende Menge.

Wer ist der Mann? - SOKRATES heißt er, und alle Welt kennt ihn. Denn seit er den Meißel, den er früher geführt, an den Nagel gehängt hat, ist er stets zu finden, wo in Athen nur etwas los ist. Tags flaniert er durch die Straßen, und abends ist er überall dabei, wo eine fröhliche Gesellschaft zusammenbleibt. Da tut er mit, und niemand tut's ihm über. Besonders aber wo es einen Disput gibt, da ist er gleich bei der Hand, der Schrecken der Sophisten; denn keiner kommt gegen ihn auf. Allein das genügt ihm noch lange nicht: mit jedem schwatzt er, der ihn in den Wurf kommt. - Worüber denn? - Was ihm eben einfällt. Er packt die Leute an, Fremde wie Freunde, und läßt sie nicht los, bis sie seinen Fragen Rede gestanden haben. Den PERIKLES hat er nicht verschont, und nicht den KLEON, und dem ALKIBIADES hat er's angetan, der ist wie vernarrt in ihn. Da ist er wohl einer von den neuen Weisheitskrämern, welche die reiche Jugend an sich locken, ihr alles Wissen und alle Redekunst versprechen und ihr das Gold aus dem Beutel ziehen? - Keineswegs: er hat noch nie auch nur einen Obolus [Kleinmünze - wp] genommen. - So ist er also reich und unabhängig? - Mitnichten, es geht ihm knapp. Daheim sitzen Weib und Kind, die haben nur so gerade zum leben und Frau XANTHIPPE mag nicht so ganz unrecht haben, wenn sie ihn manchmal recht unwirsch empfängt. Doch auch für sich selbst hat und braucht er in allem nur das Allernotwendigste. - Aber was will denn der Mann? Ist er etwa einer von den sinnlosen Schwatznarren? - Nein, alle bewundern ihn, wie er so klar und sicher und verständig zu reden weiß. - Oder ist er so begierig nach der neuen Weisheit, daß er sich keines ihrer Worte entgehen lassen mag und überall nach ihr herumhorcht? - Im Gegenteil, er läßt kein gutes Haar daran und will nichts davon wissen. - Und was hat er Besseres zu sagen? - Nichts: er wiederholt nur immer von einem zum andern, er wisse nur eins: dies nämlich, daß er nichts wisse.

Ein sonderbarer Gesell! Dem sollte man folgen! Richtig, da haben wir ihn gleich wieder: schon in der ersten Seitengasse steht er, bedächtig mit dem Kopfe nickend, vor einem braven Handwerksmann, der dort, wie es im Süden ist, halb im Haus, halb auf der Straße bei der Arbeit sitzt und eben nur innehält, um dem SOKRATES zu antworten. Der hat ihn nach irgendetwas gefragt, was er nicht wisse und worüber er sich bei einem so gebildeten Mann Rat holen wolle und der wackere Meister kramt nun mit fröhlicher Lehrhaftigkeit die Weisheit aus, die er gestern, vorgestern bei dem einen und dem andern Sophisten erlauscht hat. Demütig hört SOKRATES zu und dankt dann für die freundliche Belehrung: aber, sei es nun, daß er zu schwerfällig ist, über schwierige Dinge zu denken, sei es, daß er nicht ordentlich aufgemerkt hat, es ist ihm doch noch nicht alles klar geworden, und der Meister muß schon erlauben, daß er über einiges noch einmal frägt. Prompt und sicher folgt wieder die Antwort: allein dieser SOKRATES scheint sehr schwer von Begriff zu sein; er frägt immer weiter, und - merkwürdig! immer zögernder, immer unsicherer kommen die Antworten. Aber SOKRATES läßt nicht nach, und schließlich hapert es ganz: unser guter Meister ist völlig verwirrt geworden. "Nein, da hast Du recht", sagt er, "das paßt nicht zusammen, so kann es nicht sein." - "Aber wie ist es dann?" beharrt SOKRATES. - "Dann, - ja dann - weiß ich es nicht." - "Siehst Du, ruft SOKRATES, "so geht es mir auch: wir wissen es alle beide nicht." Und damit trollt er sich weiter.

Halt! Ist das der Sinn deines Refrains: "ich weiß, daß ich nichts weiß?" Jetzt fangen wir an, dich zu verstehen, du wunderlicher Kauz! Du weißt recht gut, wozu du dich in den Straßen herumtreibst und die Leute mit deinen querköpfigen Fragen haranguierst [große Töne spucken - wp]: du bekämpfst den Bildungsschwindel!

Ja, dieser seltsame Mann hat seiner Zeit ins Herz geschaut. Er weiß, wie hohl es bei den meisten hinter diesem aufgelesenen Phrasenkram aussieht, und er hat eingesehen, welchen Unfug diese Halbbildung mit sich bringt, deren gefährlichste Seite darin besteht, daß sie zugleich die Einbildung ist, eine volle und ganze Bildung zu sein. Deshalb hat er es sich zur Aufgabe gemacht, bei seinen Mitbürgern den Schein des Wissens zu zerstören, mit dem sie sich selbst und einander blenden. Diese ganze "gebildete" Welt ist ja längst hinaus über alle althergebrachten Vorstellungen und Überzeugungen; sie hat die Autorität des Volksbewußtseins über Bord geworfen: aber stattdessen folgt der einzelne jetzt in jeder besonderen Frage der Autorität seines Weisheitslehrers, dem er nicht minder unselbständig und mit noch viel größerer Unklarheit nachspricht. Darum kommt es dem SOKRATES vor allem darauf an, den Leuten zu Bewußtsein zu bringen, wie wenig sie mit diesem Tausch gewonnen haben; darum macht er, wo er kann, die Sophisten vor allem Volk lächerlich, indem er sie mit überlegener Dialektik in Widersprüche verwickelt, mit faustischem Witz ihrem Wortschwall entgegentritt und die Unzulänglichkeit ihrer Lehren aufdeckt: darum kommt er, der dieses ganze Treiben weit überblickt, zum einzelnen Mitbürger als der Unwissende, als der Dumme und der Lernbegierige, um mit seinen bis ins Detail dringenden Fragen den Mann aus dem Volk zu zwingen, daß er die aufgeschnappten Wissensbrocken mit eigenem Nachdenken durchkaut und ihn schließlich zum Eingeständnis zu nötigen, daß er im Grunde genommen ebensowenig wisse, wie es SOKRATES am Anfang von sich selbst bekannt hat.

Dieses berühmte, halb ironische, halb paradoxe, - halb pädagogische, halb dogmatische Bekenntnis der Unwissenheit von seiten des weisesten der Griechen ist seine Kriegserklärung gegen den Hochmut der Scheinbildung. Dieses Bekenntnis ist aber bei SOKRATES nicht etwa der Ausdruck eines verzweifelnden Skeptizismus, auch nicht derjenige einer mißverstandenen Bescheidenheit, sondern es ist der unmittelbare Ausfluß seines reinen und ernsten Wahrheitstriebes. Der Ernst dieses Wahrheitstriebes richtet sich gegen die spielerische Beschäftigung mit den Ergebnissen des Forschens, die er bei den Zeitgenossen findet, gegen den Bildungssport, der an dieser neuesten und modischen Unterhaltung sein Gefallen findet: und die Reinheit dieses Wahrheitstriebes richtet sich gegen die Frivolität der Sophisten, deren große Masse nicht Männer der Wissenschaft, sondern solche sind, die sich mit der Wissenschaft nur befassen, die sich unter gegebenen Umständen in die Wissenschaft oder in einen ihrer Zweige, wie sonst wohl in irgendeine andere "Branche", hineinarbeiten, denen es nicht um die Wahrheit, sondern um ihren Schein und vor allem um die Wirkung auf ihr Publikum, mag es noch so banausisch, noch so oberflächlich sein, zu tun ist. Ihre Schmeichelrede erweckt dem gemeinen Manne die Vorstellung, als ob er aller Weisheit Fülle und Tiefe durch behagliches Zuhören gewinnen könne: SOKRATES berereitet ihm den Schmerz des Selbstdenkens und nötigt ihn, sich selbst zu bekennen, wie wenig er eingesehen hat, was ihm ganz klar zu sein schien. Er besitzt und erweckt in den anderen die Überzeugung, daß die Wachheit nicht als gebratene Taube in das staunend geöffnete Maul fliegt, sondern daß um sie gerungen werden muß, wie um alle höchsten Güter.

Dieses Wahrheitsbedürfnis ist der Wirkungstrieb des SOKRATES: aber es ist nicht nur ein Charakterzug des Mannes, sondern es wurzelt in einer klaren Überzeugung. Und hierin besteht seine positive Bedeutung. Gegenüber dem Relativismus der sophistischen Theorie, wonach für jeden in jedem Moment wahr ist, was ihm scheint, gegenüber der Überzeugungslosigkeit, welche keinen Beweis, sondern nur Überredung für möglich hält, ist er mit der ganzen Lebendigkeit seines genialen Wesens davon durchdrungen, daß es ein Allwaltendes gibt, das über allen individuellen Meinungen gilt, ein Maß, nach dem eines jeden Ansicht geprüft und gerichtet werden soll. Er glaubt an die Wahrheit und ihr kritisches Recht. Diese Überzeugung ist nicht zu beweisen; denn sie ist die Voraussetzung allen Beweisens. Wer sie nicht hat, in dem kann sie nur geweckt werden, indem er lernt, sich auf sich selbst zu besinnen. Nichts weiter als diese Selbstbesinnung verlangt SOKRATES von seinen Mitbürgern, und nicht umsonst nannte ihn den Weisesten der Got, an dessen Tempel das "Erkenne dich selbst" leuchtete. Die Aufklärung der Hellenen hatte schnell genug zur Maßlosigkeit individueller Selbstbestimmung geführt: was SOKRATES suchte, war die Wahrheit als ein Maß, dem sich die Individuen zu beugen hätten. In dieser Forderung des Maßes ist er der echte Grieche, und mit ihm findet in vollem Selbstbewußtsein die griechische Wissenschaft dasselbe Prinzip, auf dem die griechische Kunst ruht.

Aber dieses Maß muß für das allgemeine Bewußtsein neu gefunden werden. Der alte Glaube, die hergebrachten Vorstellungen, in denen es einst bestand, sind zerstört, und so weit steht auch SOKRATES auf dem Boden der sophistischen Aufklärung, daß er es darin nicht wiederfinden kann und diese Meinungen nicht in ihrer früheren Gestalt erneuern will. Nur darin ist er allen Zeitgenossen voraus, daß er überzeugt ist, es gebe ein solches Maß, und es gelte nur, dasselbe redlich zu suchen. Seine ganze Originalität besteht darin, wie er die Wahrheit sucht. Er lehrt nicht, denn er hat die Wahrheit nicht. Er schwatzt nicht, denn er will die Wahrheit. Er frägt und prüft, denn er hofft die Wahrheit zu finden.

Sein Suchen nach Wahrheit aber steht im innigsten Zusammenhang mit dem geistigen Zustand seines Volkes. Die Zersetzung die er vorfindet, beruth auf der Auflösung des allgemeinen Bewußtseins, an welches sich einst alle gebunden fühlten. Wahrheit gibt es nur, wenn über den Individuen ein Allgemeines steht, dem sie sich zu unterwerfen haben. Wahrheit kann deshalb nur gesucht werden, indem die einzelnen über alle Verschiedenheit ihrer Meinungen hinaus sich miteinander auf dasjenige besinnen, was sie alle anerkennen. Wahrheit ist gemeinsames Denken. Darum ist die Philosopie des SOKRATES kein einsames Forschen und Grübeln, sie ist auch kein Belehren und Lernen: sondern sie ist ein gemeinsames Suchen, eine ernste Unterhaltung. Ihre notwendige Form ist der Dialog. Wo zwei miteinander, ernstlich nach Wahrheit trachtend, ihre Ansichten austauschen, da entdeckt sich zwischen ihnen als ein Zwang der Anerkennung eine höhere, eine andersartige Notwendigkeit, als diejenige wahr, mit welcher der Lauf des Lebens einen jeden von ihnen zu seiner Meinung getrieben hatte. Vorher konnten sie nicht anders, als jeder die Vorstellung bilden, die in ihm das notwendige Produkt seiner ganzen Lebensbetätigung war; jetzt, wo sie verlangen, daß eine und dieselbe Vorstellung für beide gelten solle, entdecken sie, daß es, jenem unwillkürlichen Verlauf der Vorstellungen gegenüber, eine für alle geltende Regel gibt, der sie sich fügen müssen, wenn sie Wahrheit finden wollen. In dieser dialogischen Philosophie kommt eine normative Gesetzgebung zu Bewußtsein, nach deren Befolgung oder Nichtbefolgung der Wahrheitswert der unwillkürlich zustande gekommenen Vorstellungen beurteilt werden soll. Wer einem anderen etwas beweisen will oder wer sich einem Beweis fügt, der erkennt eine Norm an, welche über den Individuen und ihren naturnotwendigen Vorstellungsläufen als das Prinzip ihrer Kritik waltet. Im gemeinsamen Suchen besinnt man sich auf das, was jeder anerkennt, dem es redlich um die Wahrheit zu tun ist.

Ohne diese Norm gibt es keine Wahrheit und kein Wissen. Darum spielt bei SOKRATES und bei seinen großen Nachfolgern, die diesen Gedanken ausgeführt haben, der Gegensatz der Meinung und des Wissens eine so große Rolle: darum hat man sagen können, die Bedeutung des SOKRATES sei die, daß er die Idee des Wissens aufgestellt hat. Für die Sophisten gibt es nur das Naturprodukt, das in einem jeden als seine unumgänglich notwendige Meinung auftritt: für SOKRATES gibt es eine Norm, nach der diesen Naturprodukten ihr Wert bestimmt wird. Diese höhere Notwendigkeit, welche im dialogischen Streben nach der Wahrheit zutage tritt, nennen wir die Gesetzgebung der Vernunft: und in diesem Sinne gilt es, daß SOKRATES der Entdecker der Vernunft ist. Er zum erstenmal verkündet mit vollem Bewußtsein, daß es ein über allen Individuen Geltendes geben müsse, und daß nur da Wissen sei, wo dieses erkannt ist.

Aber diese Entdeckung ist bei SOKRATES nicht eine in das einzelne durchgeführte Theorie, sondern vielmehr eine lebendige Überzeugung: es ist der  Glaube an die Vernunft,  der ihn beseelt. Er forscht deshalb nicht nach, welches dieser Zwang der Anerkennung sei, mit dem die Vernunft über die Meinungen der Individuen entscheidet, er entwickelt keine Logik - das hat erst ARISTOTELES getan -; sonder er begnügt sich damit, diesen Zwang in jedem einzelnen Fall am besonderen Problem zutage treten zu lassen und aus ihm die Anerkennung des Resultats der Unterhaltung zu erzeugen. Durch die gemeinsame Untersuchung will er zu Vorstellungen gelangen, die jeder anerkennen muß, so verschieden die Meinungen gewesen sein mögen, mit denen die einzelnen an die Sache herantraten. Zu diesem Zweck dringt er in erster Linie auf die Fixierung der Wortbedeutungen. In der Unsicherheit des natürliche Sprachgebrauchs, in der Vieldeutigkeit der Wörter und der Wortverbindungen liegt die Gefahr unwillkürlicher nicht minder als künstlicher Täuschungen und Irrungen: Vieles, vielleicht das meiste von den Paradoxien, mit denen die Sophisten ihre Zeitgenossen verblüfften und verwirrten, beruhte auf Wortspielen, und viele ihrer ernstgemeinten Theorien waren nichts anderes als die Versuche, der in dieser Hinsicht noch ungelenken Sprache den richtigen Gedanken abzuringen. Wenn es eine über den Individuen stehende Wahrheit geben soll, so bedarf sie eines Ausdrucks, über welchen die einzelnen sich nicht mißverstehen können: darum ist das Ideal der sokratischen Untersuchung überall das in Definitionen sich aussprechende Wissen. Soll aber in dieser fixierten Wortbedeutung diejenige Vorstellung enthalten sein, über welche sich alle einigen können, so muß sie für alle Gegenstände gelten, welche darunter begriffen werden sollen: die subjektive Allgemeinheit ist nur durch die objektive möglich. Die Einseitigkeit und Falschheit der individuellen Meinungen beruth im wesentliche darauf, daß jeder seine unzulänglichen Erfahrungen zu verallgemeinern durch die psychologische Notwendigkeit des Assoziationsprozesse genötigt wird. Um also den individuellen und wechselnden Vorstellungen den normalen Begriff gegenüberzustellen, schlägt SOKRATES in der Unterredung den Weg der vergleichenden Induktion ein. Alle diese Anfänge des bewußten Forschens nach einer festen, über den zufälligen Ansichten stehenden Wahrheit sind erst später abstrakt formuliert und verfeinert worden: bei SOKRATES treten sie nur in unmittelbarer Anwendung und als ein einfaches Schema der suchenden Unterhaltung auf. Aber sie gehen mit einer Art von genialem Taktgefühl aus jenem Glauben an eine gemeinsam zu findende Wahrheit hervor, und ihre gesamte Anwendung ergibt sich aus dem Sinn, in welchem SOKRATES sich jenen Glauben deutet. Für jedes einfache und kritisch unentwickelte Denken gilt die Vorstellung als das Abbild irgendeines Dings. Soll deshalb als Norm über den individuellen Meinungen die Allgemeingültigkeit der Vernunfterkenntnis stehen, so muß ihr erst recht eine Realität entsprechen, und so setzt das voraus, daß im Zusammenhang der Dinge eine solche Vernunft, und zwar eine der menschlichen Erkenntnis zugängliche und verwandte Vernunft herrsche. Die oberste Voraussetzung der erkennenden Vernunft ist die Realität einer für sie kommensurablen Weltvernunft, welche die Macht und das Gesetz der Wirklichkeit sei. Auch die Vorstellung von dieser die Welt beherrschenden Vernunft ist für SOKRATES keine in das Besondere gehende Einsicht, sondern ein voller tiefer Glaube an die Gottheit.

Und damit hängt ein anderes zusammen, das die Überzeugung des SOKRATES beherrscht. Gesucht und gefunden kann nur werden, was in irgendeiner Gestalt schon da ist. Nicht auf uns und unsere Weisheit hat die allwaltende Vernunft gewartet, um da zu sein: sie ist, und unser Bestes ist, sie zu erfassen. Mit unseren Fragen und Anworten, unseren Beweisen und Widerlegungen, unseren Abstraktionen und Folgerungen erzeugen wir nichts Neues; wir "besinnen" uns nur, wie PLATON es später formuliert hat, auf das, was allen unseren Vorstellungen Wert und Bedeutung gibt. All unser Erkennen ist ein Aufstreben zu der Norm, die über uns schwebt, ein Bewußtwerden des Gesetzes, dem wir alle uns zu beugen haben. In der wissenschaftlichen Untersuchung und Unterhaltung kommt jene Wahrheit zutage, welche unerkannt in einem jeden schlummert. Sie braucht nicht erst gebildet zu werden; sie will nur an das Tageslicht des sich selbst erkennenden Bewußtseins gezogen sein. Das Götterkind der Wahrheit soll aus dem Geist, der es in sich trägt, "entbunden" werden, und die Methode des SOKRATES ist eben die "mäeutische" [Hebammenkunst - wp], in welcher der ursprüngliche Inhalt des Geistes zu klarem Bewußtsein gebracht wird.

Darum ist das sokratische Denken ein suchendes. Das Bekenntnis des Nichtwissens ist ernster gemeint, als es dem Wissensstolz gegenüber erschien, den SOKRATES mit souveräner Ironie zu vernichten suchte: nur hie und da, bei redlichem Bemühen, gelingt es uns, über die Irrungen der Meinung hinweg uns zu einer der Inhaltsbestimmungen der höchsten Vernunft zu erheben. Das Ganze erfassen wir nicht; und wir müssen uns bescheiden, wenn uns der letzte Zusammenhang der Dinge dunkel bleibt und wir nur hie und da ein Festes zu ergreifen vermögen, in welchem unsere Besinnung Ruhe findet.

Hieraus erklärt sich auch Richtung und Gegenstand des sokratischen Philosophierens. Wenn die früheren Denker Griechenlands in unbefangenem Glauben an die Kraft des Denkens, der Welt auf den Grund zu dringen, die letzten Ursachen aller Dinge auffinden und aus ihnen die ganze Welt der Erfahrung erklären wollten, so verzichtet SOKRATES auf die naturphilosophischen Spekulationen: nicht, als hätte er mit den Sophisten gemeint, daß darin niemals Wahrheit erreicht werden könnte; sondern er hat nur den Zweck, den Zeitgenossen zu beweisen, daß es allgemeingültige Einsichten gebe, wenn man sie nur recht suchen wolle, und für diesen Zweck wäre das von vielen phantastischen Hypothesen übersäte Gebiet der Naturphilosophie das allerungültigste gewesen. Es konnte ihm nicht frommen, sich in diesen Streit zu mischen; mit dem Instinkt seines Wahrheitsbedürfnisses fühlte er, daß diese Saat noch lange nicht reif war. Dazu kam, daß weder die künstlichen Theorien der Physiker noch die abstrakten Spitzfindigkeiten der Metaphysiker seinem Wissenstrieb entgegenkamen. Sie alle erzeugten in mühsamer Konstruktion neue Vorstellungsverbindungen, von denen in der Besinnung des natürlichen Menschen auf die Tätigkeit seiner eigenen Vernunft, wie es dem SOKRATES schien, nichts zu finden war. Sie  machten  die Wahrheit; er aber meinte, sie sei schon da vor allem Nachdenken und man habe sie nur zu suchen. Sie schweiften in die Ferne, und er wußte doch, daß das Gute so nahe sei im Innern des Menschen, wenn er nur sich selbst verstehen wolle. Der Vielwisserei seiner Tage gegenüber sucht er die Wahrheit im engsten Kern und erneuert das Wort des alten Weisen:  polymathie noon ou didaskei  [Vielwisserei lehrt kein Verständnis / Heraklit - wp]. Überzeugt, daß die Vernunft da zu suchen sei, wo alle Menschen in gemeinsamer Anerkennung zusammentreffen, wandte er sich mit Vorliebe an das alltägliche Leben und seinen Vorstellungskreis, und in der ganzen hausbackenen Trockenheit seines Wesens suchte er mit seinen Mitbürgern die Wahrheit, welche sich darin entwickelte. Und damit traf er zugleich den Kern der Tagesfrage. An keinem Punkt war die Überzeugungslosigkeit, welche die Aufklärung mit sich brachte, brennender und gefährlicher, als an dem der sittlichen Beurteilung. Hier war das Vaterland in Gefahr, waren die höchsten Güter in Frage gestellt: hier, wenn irgendwo, galt es zu zeigen, daß durch vernünftige Besinnung das Verlorene in höherer Gestalt wiedergewonnen werden könne. Darum wendete SOKRATES sich nicht an die Gelehrten, sondern an das Volk, nicht an einige, sondern an jedermann; darum sprach er nicht von hohen und fernen Dingen, von Sonne, Mond und Sternen, von ihrer Entstehung und Bewegung, sondern er suchte in der stets wiederholten Diskussion der Fragen des bürgerlichen, gesellschaftlichen und staatlichen Lebens die festen Begriffe der sittlichen Beurteilung klarzulegen, welche bei aller Verschiedenheit der individuellen Interessen, Neigungen und Lebensläufe, unentwickelt und nicht zu vollem Bewußtsein gebracht, in allen schlummerten. Wohl sollte, wie es die Aufklärung verlangte, jeder nur dem eigenen Urteil folgen: aber das eben war die gewaltige Überzeugung des SOKRATES, daß, wenn alle im ernsten Austausch ihrer Gedanken und der ihnen geläufigen Vorstellungen hinter ihre Selbsttäuschungen und oberflächlichen Gewöhnungen drängen, sie alle auf den nämlichen Kern stoßen müßte: die sittliche Vernunft. Nicht mehr mit unbefangener Hingabe - deren Zeit ist vorübe -, sondern aus eigenem Urteil soll ein jeder das Sittengesetz über sich als Norm anerkennen, und nicht mehr um gewohnheitsmäßige, - es handelt sich um wissende Tugend.

Dem Objekt nach ist deshalb die sokratische Philosophie ethische Reflexion: die Begriffe, die sie sucht, sind die sittlichen. Am allernächsten, an dem, was jeden Menschen am meisten angeht, soll sich die Energie der gemeinsamen Bestimmung entwickeln. Darum ist dem Weisen von Athen kein Gegenstand zu gering oder zu niedrig: an jeden lassen sich diese Untersuchungen anknüpfen, deren einziger Zweck es ist, den Mitbürgern zu zeigen, daß sie, ohne es zu wissen, trotz allen sophistischen Geredes über die höchsten Wertbestimmungen des Lebens eine allgemein geltende Vernunft anerkennen, daß im Chaos ihrer in der Aulösung begriffenen Vorstellungen doch, wenn man es nur sehen will, ein höchstes Gesett unangefochten besteht, - dasjenige der sittlichen Vernunft.

Diese Beschränkung auf die Fragen des täglichen Menschenlebens hat dem Schwung der weltendichtenden Systeme gegenüber etwas Prosaisches und Nüchternes: aber andererseits erscheint mitten im Bildungsfieber seiner Zeit SOKRATES als die einzige gesunde Natur. Er predigt das eine, was not tut: Besinnung auf das Bleibende, das Allgemeine, das Gesetzgebende, das Normale. Er errichtet über dem Rausch und Taumel der selbstherrlich gewordenen Individuen den neuen Glauben an eine überindividuelle Vernunft. In ihr findet er wieder, was der Zeit verloren gegangen ist: die bindende Autorität. Die sophistische Aufklärung hat die mythische Gestalt des Göttlichen zersetzt, der Unglaube herrscht und die Meinungen der Individuen fallen auseinander: da erneuert SOKRATES die Herrschaft der Autorität, aber er findet sie in der Vernunft, die über allen waltet und der jeder sich mit eigenem Urteil unterwirft.

Dieser Prozeß ist typisch. Ursprünglich ist jede Gesellschaft von einem System von Überzeugungen beherrscht, die ihrem allgemeinen Bewußtsein angehören, welche sich von Generation auf Generation, wenn auch mit leisen, äußerst langsamen und unmerklichen Variationen vererben, und denen das Individuum sich in selbstverständlicher Unterwerfung fügt. Die Auflehnungen dagegen sind im Naturzustand nur praktisch, es sind Willensentscheidungen und Handlungen, bei denen das persönliche, egoistische Motiv über jene soziale Triebbestimmung das Übergewicht errint. Aber in der Entwicklung jedes Kulturvolkes kommt ein Moment, wo diese Auflehnung theoretisch wird, wo die fortschreitende Zivilisation durch die Ausbildung der individuellen Selbständigkeit, durch die Erziehung persönlicher Kritik, durch die Ausbreitung vergleichender Erfahrung die Autorität des allgemeinen Bewußtseins, der Sitte und Gewohnheit untergräbt und zersetzt. Dann beginnt jener Zustand, den FICHTE in seiner Geschichtsphilosophie als den der "vollendeten Sündhäftigkeit" bezeichnet hat - die Anarchie der Individuen, die nichts mehr über sich anerkennen. Das starke Individuum folgt nun der eigenen Meinung, das schwache klammert sich bald an diese, bald an jene, die es hier und da vom starken hat aussprechen hören: jeder aber glaubt, daß, wie physische im Gesichtsraum, so auch sittlich er selbst das Zentrum der Welt sei! Nur das eigene Urteil soll noch sein Kompaß auf der Lebensfahrt sein. Von dieser notwendigen Emanzipation der Individuen her gibt es zu einem besseren Zustand nur den einen Weg, auf welchen die Selbständigkeit des Urteils, sobald sie ernstgenommen wird, von selbst führt: je tiefer das Individuum das eigene Nachdenken verfolgt, umso mehr fühlt es sich unter das Gesetz der Vernunft gebunden, das über allen Individuen herrscht, und umso lieber erkennt es nun kraft seiner eigenen Machtvollkommenheit die in ihm selbst ruhende Autorität der Vernunft an.

Aus der Gebundenheit des allgemeinen Bewußtseins durch das selbständige Urteil der Individuen zur Erfassung der Vernunft - das ist die vorgeschriebene Bahn des menschlichen Geistes. Dieses Gesetz der Geschichte ist bei dem Kulturvolk  par excellence,  bei den Griechen, mit großartiger Einfachheit dargestellt durch den Fortschritt von den Sophisten zu SOKRATES. Jedes andere Volk und der gesamte Völkerkomplex der europäischen Zivilisation hat diese Entwicklung in seiner Weise und in aufsteigender Mächtigkeit wiederholt. Und wenn die denkende Beobachtung der Gegenwart heute wieder ein Chaos durcheinanderwirbelnder Meinungen, eine Auflösung heiligster Überzeugungen und den Übermut mißverstandener Halbbildung vor sich sieht, - - das sokratische Wort unserer Tage ist entweder noch nicht gesprochen, oder die Zeit hat es nicht gehört.

Die wahre Autorität, diejenige, der sich der einzelne nur aus eigenem Urteil unterwerfen kann, der er sich aber bei rechter Besinnung unterwerfen soll - diese wahre Autorität ist die Vernunft. Das ist der Gedanke des SOKRATES, welcher ihm in der Geschichte nicht nur der Wissenschaft, sondern der gesamten Kultur einen ehrwürdigen Platz bereitet. Gegen den Individualismus und Relativismus proklamiert er das Recht der Vernunft. Er tut es, weil er überzeugt ist, daß im Universum selbst, welches den Gegenstand unserer Erkenntnis bildet, diese Vernunft allgestaltend waltet. Und so tritt zwischen den Sophisten und ihm zum erstenmal jener große Gegensatz zutage, der seitdem in tausendfachen Variationen sich durch das Denken der Menschen hindurchzieht. Es gibt im Hinblick auf die Vernunft nur zwei Arten der Weltauffassung: für die eine löst sich aus einem dunklen, gedankenlosen Grund mit derselben Notwendigkeit, die das Element zum Elemente treibt, auch des Menschen Denken und Wollen ab; als ein letztes Dekokt [Absud - wp] des Atomgebräus, als ein feinstes Endprodukt des Kräfteablaufs ist es nur eben da, als eine brutale Tatsache, wie die übrigen auch: für die andere Weltauffassung gibt es, in seinem letzten Zusammenhang für uns unergreifbar, einen höchsten Sinn der Welt, zu dem unser Denken und Wollen mit all seiner Bewegung aufstrebt, um an ihm teilzuhaben. Der Führer dieser zweiten Weltbetrachtung ist SOKRATES: ihm ist die Vernunft das Prinzip der Wissenschaft, weil sie dasjenige der Welt ist. PLATONs Ideenlehre und die im Gottesbegriff gipfelnde Metaphysik des ARISTOTELES sind nur die begrifflichen Ausführungen desjenigen, was SOKRATES in ahnungsvollem Glauben besaß: und was gilt die Verschiedenheit des platonischen und des aristotelischen Systems gegen diese ihre Gemeinsamkeit der sokratischen Erbschaft, welche sie zu Fahnenträgern aller folgenden Kultur gemacht hat?

Diese Vernunftüberzeugung der durch Sokrates bedingten Philosophie ist die reife Frucht des griechischen Denkens, welche das Samenkorn der Zukunft enthält. Aber auch darüber kann kein Zweifel herrschen, daß sie auf dem mütterlichen Boden der griechhischen Kultur, dem sie entwachsen war, wie ein fremdes erscheint. Das neue Prinzip treibt seine Wurzeln in eine neue Welt. Wie von SOKRATES selbst die Eigentümlichkeit berichtet wird, daß er stundenlang stehen konnte, unberührt von den Erscheinungen der Außenwelt und nur seinem Nachdenken überlassen, so flieht die von ihm begründete Wissenschaft aus dem Äußeren in das Innere. Der Gedanke hat sich selbst erfaßt und sich über die schöne Sinnenwelt emporgehoben, zu welcher sich das Griechentum gestaltet hatte. Die immaterielle Welt ist endeckt und das Auge des Geistes hat sich nach innen aufgeschlagen. Die Harmonie des hellenischen Wesens ist gesprengt. Wie in der mächtigen Stirn des SOKRATES der Gedanke über die breite Sinnlichkeit der unteren Gesichtspartien triumphiert, so kämpft in der neuen Lehre - ein Verhältnis, das vor allem PLATON begriff - die Idee des Übersinnlichen mit der Schönheit der Erscheinung. Die Silenenhülle [Mischwesen - wp] muß gesprengt werden, damit das reine Götterbild hervortrete. Die irdische, die sinnliche, die menschliche Welt ist als das Unzulängliche erkannt, und ein Antagonismus zweier Welten ist statuiert, der nie wieder aufhören wird, das menschliche Grübeln zu beschäftigen. Wenn vorher das Menschentum rein in sich geschlossen erschien, so ist seine wertvollste Aufgabe jetzt, sich zum Höheren zu erheben. Aber mit aller Selbstbesinnung kann es diese Aufgabe nicht ganz erfüllen; es muß der göttlichen Stimme vertrauen, die über alles verstandesmäßig Nachdenken hinaus sich in ihm regt. SOKRATES selbst erkannte die Grenze der "wissenden Tugend" an, wenn er, bei wichigen und unwichtigen Dingen, sich warnen und führen ließ durch eine göttliche Mahnung, die er sein Dämonium nannte, und PLATON deutete dieses Wirken des Göttlichen in uns mit feinerem Geist zur schönsten seiner Lehren um, zu dem Gedanken, daß all unsere Liebe, von der niedersten Form der Leidenschaft bis empor zur begeisterten Erfassung der übersinnlichen Welt, nichts anderes sei, als die Sehnsucht des Sterblichen nach dem Unsterblichen, des Zeitlichen nach dem Ewigen, des Menschlichen nach dem Göttlichen, nichts anderes sei, als das Heimweh des Geistes nach seinem ewigen Urgrund - der  eros. 

Dürfen wir so von einem Gegensatz zwischen SOKRATES und dem hellenischen Wesen sprechen, dürfen wir sagen, daß in der geistigen Zersetzung des Griechentums der Sokratismus ein wesentliches Ferment bildete, so wäre es ein Trost, wenn wir in diesem Antagonismus die Ursache für das beklagenswerte Endes des SOKRATES, das einem jeden bekannt ist, wenn wir in dem sterbenden Weisen den Märtyrer seiner Idee sehen könnten. Es hat nich an solchen gefehlt, denen dieser Wunsch erfüllt schien. Man hat in der Verurteilung des SOKRATES eine instinktive Reaktion des im Untergang begriffenen Griechentums gegen die höhere Kulturmacht, der es weichen mußte, gesehen: man hat zu zeigen gesucht, daß hier, wie in ähnlichen Fällen, der Held das Prinzip der Zukunft und damit das höhere, weltgeschichtliche Recht vertrat, daß er aber, um es zu vertreten, den ethischen Zusammenhang seines Volkslebens durchbrechen, vor dem bestehenden Recht in ethischer wie juridischer Beziehung schuldig werden und so dem Gesetz anheimfallen mußte. Der Prozeß des SOKRATES schien eine Tragödie nach Art der ANTIGONE zu sein. Auf Verletzung der Staatsreligion, auf Einführung neuer Götter lautete die Anklage; als der Gegner der alten Überzeugungen schien er verurteilt worden zu sein. Und das de jure! [nach geltendem Recht - wp] Denn er war der gefährlichste Gegner dieser alten Überzeugungen. Er zerstörte sie nicht mehr - das war vor ihm geschehen -, aber er setzte an ihre Stelle das Neue, die Religion der Zukunft, - den Geist und die Vernunft.

Diese Gegensätze lassen sich, wie sich von selbst versteht, in den Prozeß des SOKRATES hineindeuten; aber die entscheidenden, den Ausschlag gebenden psychologischen Mächte in diesem geschichtlichen Vorgang sind sie nicht gewesen. Zunächst: nicht darum ist er angeklagt worden. Nicht eine sittliche Überzeugung von der Gefährlichkeit seines Wirkens, sondern die kleinlichsten persönlichen Motive haben die Anklage diktiert. Seine Gegner waren niedriege unbedeutende Menschen, die an ihm die Verletzung ihrer persönlichen Eitelkeit zu rächen hatten. Bei seinen Anklägern wenigstens stand ihm nicht ein ethisches Prinzip, sondern alltägliche Gemeinheit gegenüber. Aber die Form, welche sie für ihre Anklage fanden, und der Erfolgt, den sie damit hatten, scheint dafür zu sprechen, daß hier wirklich sittliche Gegensätze, große psychologische Geschichtsmächte aufeinander prallten: die ihn verurteilten, scheinen ihn in sittlicher Entrüstung über seine Lehre verdammt zu haben. Allein in dieser Hinsicht ist der Verlauf des Prozesses ganz außerordentlich verwickelt, und vieles davon wird uns immer unverstanden bleiben, weil vielleich eine Menge von persönlichen Beziehungen hineingespielt haben, von denen wir nichts wissen.

In gewissem Sinne bieten die "Wolken" des ARISTOPHANES einen Schlüssel für das Geheimnis, aber freilich einen Schlüssel, der selbst ein Rätsel ist. Wer den großen Dichter beschuldigen wollte, er habe den Philosophen, der ihm zudem in politischer Hinsicht als Gegner der Demokratie so nahe wir nur möglich stand, verunglimpfen wollen, der würde durch die Art, wie PLATON den ARISTOPHANES behandelt hat, widerlegt sein. Aber umso unbegreiflicher scheint es, daß ein Mann von der Bedeutung des ARISTOPHANES den SOKRATES als einen weltfremden Sternengucker darstellen, daß er ihn zu einem gewissenlosen Rabulisten stempeln konnte, der jede schwarze Tat weiß zu waschen sich anheischig mache. Die Oberflächlichkeit der Bildung des Durchschnittsatheners mag es uns möglich erscheinen lassen, daß man den SOKRATES mit den Sophisten verwechselte, daß er als populärster Raisonner [Aufmucker - wp] galt, den man für alles verantwortlich machte, was er selbst am meisten bekämpfte. Aber wie soll man sich erklären, daß ein ARISTOPHANES dem SOKRATES alle die erbärmlichen Theorien der Sophisten in den Mund legte? Hier findet man nur einen Ausweg, wenn man das Wesen des komischen Dichters mit in Betracht zieht. Ein bedingungsloser Anhänger des Alten, ist er überzeugt, daß die Emanzipation des Individuums, die Anerkennung des Rechts für einen jeden, sich selsbt das Gesetz des Wollens zu geben, auf alle Fälle zur Verderbnis führt: von diesem Standpunkt aus gesehen, erscheint in der Tat des SOKRATES auf der gleichen Linie mit den Sophisten, und der Umstand, daß er durch die Selbständigkeit des Individuums hindurch zu einer neuen, wertvolleren Autorität zu gelangen hofft, ist irrelevant. Für ARISTOPHANES, der ganz auf dem Boden des Alten steht, ist auch SOKRATES, so sehr er den Sophisten entgegentreten mag, ein Mann, der an der Auflösung des allgemeinen Bewußtseins arbeitet. SOKRATES hat sich - eben darin besteht seine Größe - auf den Boden der Sophistik begeben, um sie zu bekämpfen: denn nur der siegt, der auf dem neu eröffneten Feld die stärkere Waffe findet. ARISTOPHANES aber sieht schon im Betreten dieses Bodens, in der Mündigkeitserklärung des individuellen Urteils überhaupt, die Verderbnis; er meint, daß, wer sich auf die moderne Bildung überhaupt einläßt, zu ihren schlimmsten Extravaganzen konsequenterweise kommen muß; er glaubt nicht daran, daß durch das Eingehen auf das Neue ein Höheres und Besseres gefunden werden kann, und mit der phantastischen Lizenz der antiken Komödie legt er dem SOKRATES die letzten Frivolitäten der Sophistik in den Mund. Er tut es lediglich als sachlicher, nicht als persönlicher Gegner und Warner.

So wenig es somit in der Absicht des ARISTOPHANES gelegen haben mag, seine Mitbürger gegen SOKRATES aufzureizen, geschadet hat er ihm sicher. Das beweist die platonische Apologie, in der sich der Philosoph ausdrücklich gegen das Zerrbild des Komikers verwahrt. Man erzählt, SOKRATES sei bei der Aufführung der Wolken in gutem Humor aufgestanden, damit man die Maske mit ihrem Original vergleichen könne. Aber die Menge sah nur, ob Stirn, Bart und Nase die gleichen seien: sie wußte nicht, ob die geistigen Züge stimmten. Sonst hätte sie gepfiffen! Sie wurde nur darin bestärkt, in SOKRATES den ausgesprochendsten Vertreter der neuen Denkbewegung zu sehen. Die anderen kamen und gingen; er war Athener, er lebte unter ihnen, und er sorgte selbst dafür, daß jeder ihn kannte. Die anderen stritten ja auch untereinander: was verstand die Masse davon, in welchem ganz verschiedenen Sinn er sie alle bekämpfte! Er galt, weil er der populärste war, als der ärgste der öffentlichen Wortverdreher, als gefährlichster Widersacher der autoritativen Vorstellungen, und als man ein Opfer verlangte für den Untergang des alten Athenertums, da büßte er für die Oberflächlichkeiten der Naturphilosophen und für die Paradoxien der Sophisten. Die Ironie des Schicksals wollte, daß er Mann, der die ernste Bildung predigte, daran zugrunde ging, daß man ihm aufbürdete, was die Männer der fadenscheinigen Halbbildung gesündigt hatten: er wurde verurteilt, weil man ihn für den Erzsophisten hielt.

So kam es, daß eine sinnlose Anklage zu einem sinnlosem Erfolg führte. Bei der ersten Verurteilung hat neben mancherlei persönlichen Verhältnissen zweifellos der Umstand den Ausschlag gegeben, daß die neu zur Herrschaft gelangte Demokratie ihrer Entrüstung über die ethische, politische und soziale Verwilderung des athenischen Wesens einen Ausdruck geben wollte, indem sie den populärsten der Philosophen, denen diese Verwilderung zugeschrieben wurde, verurteilte: und daß dieser gerade als Gegner des demokratischen Wesens, als Freund der eben überwundenen Aristokraten bekannt war, das mochte sehr bedeutsam in einem Augenblick mitsprechen, wo man in Athen meinte, den ungeheuren Mißerfolg des peloponnesischen Krieges der Aristokratie in die Schuhe schieben zu dürfen.

Es waren also wohl politische und soziale Interessen, welche neben den persönlichen, die mir nur zum allergeringsten Teil kennen, bei der Verurteilung des SOKRATES entscheidend mitgespielt haben. Aber ist denn das die Ursache des  Todes urteils? Jedenfalls nicht die zureichende. bekanntlich wurde nach der attischen Gerichtsverfassung zuerst nur - ähnlich wie bei den Geschworenengerichten von hete - die Schuldfrage bejaht oder verneint, und erst ein zweiter Urteilsspruch, den freilich nicht eine sachverständige, sondern dieselbe durch das Los zusammengeblasene Jury fällte, setzte gegebenenfalls die Strafe fest. Zwischen beiden Sprüchen hatte der Verurteilte sich selbst abzuschätzen; er machte gewissermaßen ein Sühne- und Bußangebot, und das war der Moment, durch reuige Klage Mitleid zu erwecken und mit wohl berechneter Schmeichelei dem vielköpfigen Richter einen milderen Spruch abzubetteln. Man kennt den paradoxen Gebrauch, den SOKRATES von dieser Chance machte. Nehmen wir alle Nachrichten zusammen, so kann man nicht darüber im Zweifel sein, daß der noch dazu ganz geringen Majorität, welche das "Schuldig" aussprach, nichts ferner lag, als die Absicht eines Todesurteils. Wenn auch die Ankläger darauf angetragen haben, sie selbst mochten kaum an diesen Erfolg denken. Verbannung war das Höchste, was nach Maßgabe früherer Fälle zu erwarten war, und aus den Anerbietungen der Freunde des SOKRATES geht hervor, daß sie alle bestimmt voraussetzten, es werde mit einer mehr oder minder leichten Geldbuße sein Bewenden haben. Allein SOKRATES täuschte alle Erwartungen. Der Weise veschmähte die Klugheit. Die Wahrhaftigkeit, die sein Leben ausgemacht hatte, führte ihn zum Tode. Er war sich keiner Schuld bewußt; er durfte sich mit Recht sagen und es aussprechen, daß er, ohne jede Rücksicht auf persönlichen Vortel, selbst mit Vernachlässigung seines Hauswesens, unablässig daran gearbeitet hatte, seine Mitbürger aus der Verwirrung ihrer Vorstellungen zu sittlicher Reife emporzuführen. Er wußte, daß seine Arbeit nicht umsonst gewesen war, daß er in den Besten seiner Zeitgenossen den Samen edelster Lebensauffassung ausgestreut hatte, der in vielen herangewachsen war. Und da er nicht lügen konnte noch mochte, da Gerechtigkeit das höchste Prinzip seiner Überzeugung war, so erklärte er, daß er nicht Strafe, sondern die höchste Bürgerehre, die öffentliche Speisung im Prytaneion [Repräsentanthaus der Ratsversammlung - wp], verdiene. Nur um der Form zu genügen, - und schon das war ein Abfall von seinem Selbst - verstand er sich am Schluß, dem Drängen der Freunde nachgebend, dazu, eine kleine Geldbuße, für die sie Bürgschaft leisten würden, zu beantragen.

Es ist nicht leicht, dieses Vorgehen des SOKRATES zu beurteilen. Über die Wirkung auf seine Richter konnte er nicht im Zweifel sein. Er, der feine Psychologe, mußte wissen, daß er sie damit zum äußersten reizte. Wollte er sie reizen und wollte er das Äußerste? Wollte er sich zum Märtyrer machen? Und wozu? Dachte er seiner Sache damit zu dienen? er hätte seine Athener schlecht gekannt! Trieb ihn die Eitelkeit des Nachruhms? Keinem Menschen lag sie ferner als ihm. War der Siebzigjährige des Lebens überdrüssig und wollte er, der den Selbstmord verschmähte, sich der Hand des Richters bedienen? Er wäre der schlimmste der Sophisten gewesen, wenn er zu diesem Zweck das Todesurteil sichtlich und absichtlich provoziert hätte.

Nichts von alledem. Man stellt die Frage schief, wenn man untersucht, was SOKRATES mit dieser verhängnisvollen Erklärung  gewollt  habe. Sie war ihm nicht, was sie vielleicht jedem anderen in seiner Lage gewesen wäre, ein Mittel, durch das er irgendetwas erreichen wollte: sie war der notwendige Ausdruck seines Wesens. Unbekümmert um alle Folgen tat er einfach, was er seiner Natur nach tun mußte: er sagte die Wahrheit, er sprach seine Überzeugung aus. er glaubte, die Bürgerkrone verdient zu haben und er verlangte sie. Gewiß, etwas ist darin vom Starrsinn griechischen Doktrinarismus, der das Prinzip vertritt, gleichgültig ob die Welt darüber zugrunde geht, und ein klein wenig ist auch schon darin von jenem Tugendstolz, den spätere Nachfolger des SOKRATES bis zur Karikatur ausgebildet haben: aber großartig und bewunderungswürdig bleibt die rücksichtslose Unerschrockenheit, mit der er es im entscheidenden Moment seiner selbst für unwürdig hielt, der Wahrheit untreu zu werden.

Allein von dem, was da Großes und Erhabenes in der Seele des greisen Angeklagten vor sich ging, ahnten seine Richter nichts: sie fühlten nur, daß der alte Gegner der Demokratie ihnen - vielleicht mehr als er es wollte - seine Verachtung bezeugte. Die Leidenschaft war entfesselt, von einer gerechten Prüfung der Sache war keine Rede mehr; ein großer Teil der Stimmen, die ihn unschuldig befunden hatten, fiel mit leichter Mühe den Gegnern zu, und ergrimmt über den Mannesmut der Wahrhaftigkeit verurteilte die "rechtserzeugende" Plebs von Athen den Schuldlosesten, der unter ihr wandelte, zum Tode.

Man hat von der Tragikomödie der Weltgeschichte gesprochen: ich kenne wenige Ereignisse, auf welche dieser Ausdruck so gut paßte, wie auf den Prozeß des SOKRATES. Vom großen geistigen Gegensatz zwischen ihm und seinen Richtern ist darin keine Rede. Eine Anzahl von persönlichen Intrigen vereinigen sich auf einen politische Tendenz-Prozeß, der sich mit der gegen Männer der Wissenschaft üblichen Anklage auf Atheismus einführt. Mit der Mehrheit von ein paar Stimmen wird das "Schuldig" über einen Mann gesprochen, den man gerade für das verantwortlich macht, was er allein mit Erfolg bekämpft. Aber alle Wahrscheinlichkeit ist für eine geringe, nur formelle Strafe. Da beleidigt der Angeklagt durch sein freimütiges Unschuldsbewußtsein den Pöbel, der über ihn zu Gericht sitzt, und so kommt es zu einem Ausgang, den wohl niemand vermutet hatte, - eine eindringliche Warnung, wie töricht es ist, der gedankenlosen Menge und dem Spiel des Zufalls das Richtschwert in die Hand zu geben.

Erscheint so der ganze Verlauf des sokratischen Prozesses als eine ungeheure Torheit, so hat SOKRATES dafür gesorgt, daß zum Schluß das Skurile abgefallen und nur ein erhabenes Schauspiel übrig geblieben ist.

Auch darüber ist jeder Zweifel ausgeschlossen, daß dem verurteilten Philosophen, wenn er gewollt hätte, der Weg aus dem Kerker offen gestanden hätte. Die Freunde des SOKRATES waren bereit, ihm die Pforten zu öffnen, der Zufall gab eine reichliche Zeit als Gelegenheit dazu, und die öffentliche Meinung Athens bestand offenbar auf der Ausführung des übereilten Todesurteils nicht so heftig, daß besondere Vorsichtsmaßregeln zur Verhinderung eines Fluchtversuchs getroffen worden wären. SOKRATES wäre in der Lage gewesen, mit Hilfe seiner Freunde die Ungerechtigkeit der athenischen Volksjustiz zu rektifizieren [berichtigen - wp] und wer weiß, ob die Athener selbst ihm darüber gezürnt hätten! Auch darauf hat SOKRATES verzichtet. Er achtete das Leben nicht hoch genug, um wegen dieses niederen Gutes zum erstenmal ein bewußtes Unrecht zu begehen. Er, der die Anarchie bekämpft, der das Gesetz der Vernunft gesucht hatte, er durfte das Gesetz nicht übertreten, auch wo ihm das Unvernünftigste geschah. Er harrte aus bis zum letzten Tag.

Dieser Tag ist eine der erhabensten Erinnerungen der Menschheit: die Bewunderung zweier Jahrtausende hat ihn verherrlicht. Was ist an diesem Ende so Besonderes? SOKRATES war weder der erste noch der letzte, der, unschuldig, seiner Überzeugung getreu, seines Rechts bewußt, in den Tod gegangen ist, und tausend andere haben ebenso unerschrocken wie der die dunkle Schwelle überschritten. Warum bewegt uns sein Ende so viel gewaltiger? Ich glaube, das Ergreifende darin ist der Mangel an allem Pathos. Das ist kein tragisches Märtyrergefühl und kein siegreicher Untergangsjubel. Da ist kein leidenschaftliches Sterbenwollen und kein schmerzzuckendes Sichlosreißen. Da ist kein Bangen und Leiden, kein Hangen und Scheiden. Da ist nur Ruhe und Klarheit und das stolze Bewußtsein der Notwendigkeit: "Es muß sein - es sei!" Viel trägt zu diesem eigenartigen Eindruck die leichtere Art bei, wie überhaupt der antike Mensch, dem modernen gegenübe, von der freundlichen Gewohnheit des Daseins und Wirkens Abschied nahm, - viel gewiß auch die geschmackvollere Gewohnheit, mit der das athenische Staatswesen einer solchen traurigen Notwendigkeit ohne blutigen Schreckens- und Schmerzensapparat sich entledigte: aber die Hauptsache bleibt doch der Mann selbst, der, weil er des Ewigen gewiß ist, sich zum Tod wie zu jeder Handlung des Lebens mit stiller Besonnenheit anschickt. Voll gläubigen Vertrauens in die göttliche Führung, begreift er nicht, wie den anderen der Tod eine so gefürchtete Änderung sein kann. Er lebt in der Vernunft, und die Unvernunft schreckt ihn nicht. So verbringt er den Tag des Todes mit seinen Freunden in freundlichem Gespräch, das nur um eine Schattierung ernster, feierlicher sich von selbst gestaltet; er ordnet seine Angelegenheiten, und da die Sonne sinkt, trinkt er wie in festlicher Heiterkeit den Todesbecher. Es ist das Ende des Menschen, der die Zeit und ihren Wechsel besiegt hat, weil sein Blick auf dem Ewigen ruht; und wäre nicht in den Versen, mit denen SCHILLER das Ende des vollgebildeten Menschen verherrlicht hat, doch noch ein wenig von der tragischen Pose, die dem Wesen des deutschen Dramatikers so nahe und dem des attischen Weisen so fern lag, - so paßten ganz auf den Tod des SOKRATES die schönen Worte:
    "Mit dem Geschick in hoher Einigkeit,
    Gelassen hingestützt auf Grazien und Musen,
    Empfängt er das Geschoß, das ihn bedräut,
    Mit freundlich dargebot'nem Busen
    Vom sanften Bogen der Notwendigkeit."
LITERATUR - Wilhelm Windelband, Über Sokrates [ein Vortrag] in Präludien - Aufsätze und Reden zur Einleitung in die Philosophie, Tübingen 1907