ra-2ra-1 M. E. MayerH. LammaschG. RadbruchE. Laas    
 
CHRISTOPH SIGWART
Der Begriff des Wollens und sein
Verhältnis zum Begriff der Ursache


"Daß das Gesollte etwas ist, was in unmittelbarer Einheit mit mir selbst gedacht wird, spricht sich darin aus, daß zum Verbum wollen zunächst ein Infinitiv gehört, dessen Subjekt der Wollende selbst ist: ich will etwas haben, genießen, erreichen; nicht das Objektive ansich, sondern  meine  Beziehung zum Objekt ist ursprünglich Gegenstand des Wollens. Auch da, wo sich dieses persönliche Moment verbirgt, weil es sich um allgemeine Interessen des Rechts usw. handelt, ist es doch vorhanden; der Staatsmann, der sich eine Reform der Gesetzgebung zum Zweck setzt, wird vielleicht von der Veränderung gar nicht persönlich betroffen; aber indem er die Interessen der Gesamtheit zu den seinigen macht, steht der Zweck in ideeller Beziehung zu ihm und ist Quelle seiner Befriedigung; er identifiziert sich mit einer Idee."

Die psychologische Forschung ist immer in Gefahr, über der Verfolgung ihrer höchsten Ziele die nächsten Aufgaben aus dem Auge zu verlieren. Ihre höchsten Ziele bestehen ja gewiß in der Erkenntnis des Wesens des Geistes, in der Lösung der Frage nach dem wahren Subjekt des psychischen Lebens und nach den fundamentalen Gesetzen, welche seine einzelnen Erscheinungen beherrschen und seine Wechselbeziehungen zur materiellen Welt regeln; wem es gelänge, den Streit zwischen Materialismus und Spiritualismus, zwischen Determinismus und Indeterminismus, zwischen Empirismus und Apriorismus zu beenden, der würde den höchsten Preis davon tragen. Aber indem die Entscheidung dieser und ähnlicher Fragen gesucht wurde, ist, gerade in den letzten Dezennien, die bescheidenere Aufgabe vernachlässigt worden, die Begriffe, durch welche die genaue Erfassung und Beschreibung des wirklichen bewußten Geschehens, die Basis aller Psychologie, allein möglich ist, festzustellen und die Analyse, die sich nur an das unmittelbar in unserem Bewußtsein Gegebene hält, die das Zusammengesetzte in seine unterscheidbaren Faktoren zu zerlegen und der Verwechslung verwandter Erscheinungen zu wehren sucht, ihrem Ziel entgegenzuführen, das erreicht wäre, wenn wir eine sichere Terminologie für die Beschreibung und Unterscheidung bewußter Vorgänge hätten. Zwar ist, was mit der Sinnesphysiologie zusammenhängt, in dieser Richtung mit Erfolg methodisch bearbeitet worden; umso mehr sind die anderen Gebiete des Seelenlebens in den Hintergrund getreten, und wir finden die eigentümliche Erscheinung, daß, wer eine sichere Belehrung über die Bedeutung der psychologischen Termini sucht, die überall angewandt werden, vergeblich fast die ganze neuere Literatur durchforschen könnte ohne Übereinstimmung zu finden. Im Gegenteil: in vieler Hinsicht hat die Philosophie hier eingerissen was früer gebaut war; sie hat im Bestreben umfassende Ansichten zu gewinnen ihren Ausdrücken eine Weite und Unbestimmtheit gegeben, die sie zur exakten Beschreibung des Beobachteten unbrauchbar macht, und die sorgsamen Unterscheidungen der bloß klassifizierenden Periode sind großenteils verwischt. Was nennt die Psychologie heutzutage  Wille  und  Wollen?  Es darf nur an die Ausdehnung erinnert werden, die SCHOPENHAUER diesem Wort gab, um den Umfang der Zerstörung zu überblicken. Die folgenden Blätter wollen, in ganz elementarer Weise und ohne den Anspruch mehr als ein Fragment zu bieten, den Versuch machen, an diesem speziellen Punkt wieder einmal eine bloß analysierende Methode anzuwenden und Distinktionen, die zuweilen vergessen werden, aufzufrischen.

Ich erfülle dabei nur eine Pflicht der Dankbarkeit, wenn ich erwähne, daß mir die nächste Anregung zu den folgenden Ausführungen durch die Lektüre von JHERINGs "Zweck im Recht" und BINDINGs "Normen" gegeben worden ist, zu denen mich das Bedürfnis geführt hatte, die Aufgaben der psychologischen Analyse am konkreten Stoff gelöst zu sehen. Ich schätze den Gewinn, den ich den lebendigen und geistvollen Anschauungen des ersten, den scharf und energisch eindringenden Untersuchungen des zweiten Werkes schulde, darum nicht weniger hoch, weil ich vom Standpunkt des Psychologen aus ihren Voraussetzungen nicht überall zustimmen kann.


I.

Jeder Versuch, auf dem Weg der Analyse des Beobachtbaren zu bestimmten psychologischen Begriffen zu gelangen, muß sich zunächst an die  Sprache des gewöhnlichen Lebens  wenden, da nur mit Hilfe dieser die Objekte, um die es sich handelt, überhaupt zur Vorstellung gebracht und zur Untersuchung gestellt werden können; denn der Hinweis auf das, was jeder in sich erfährt, ist nur durch die Ausdrücke möglich, durch die er es auszusprechen gewöhnt ist; und die genauere Beobachtung hat mich gelehrt, daß im Gebrauch dieser Ausdrücke, auch wo sie unbestimmt oder vieldeutig scheinen, eine Fülle von Resultaten richtiger Beobachtung niedergelegt ist, von welcher die wissenschaftliche Psychologie viel zu lernen hat.

Das Verbum  "wollen"  drückt, wie jede ähnliche Bezeichnung einer psychischen Tätigkeit, zunächst etwas aus, was als ein Geschehen in mir in einem bestimmten Moment mit Bewußtsein aufgefaßt und von einem andersartigen Geschehen unterschieden wird.  Wollen  bezeichnet dasjenig, was für mein Bewußtsein in mir vorgeht, wenn ich sage; Ich  will;  so gut wie "sehen" dasjenige bezeichnet, was in mir geschieht, wenn ich sage: "ich  sehe"  und  wünschen  dasjenige, was ich in meinem Bewußtsein habe, wenn ich sage: "ich  wünsche".  Die Grundbedeutung jedes Wortes auf diesem Gebiet muß immer etwas  Bewußtes  und zwar in einem bestimmten Moment zu Bewußtsein kommendes meinen, oder zumindest sich auf dasselbe zurückführen lassen; sonst hätte es gar keinen Sinn.

Von diesem Gesichtspunkt aus ist  unbewußtes Wollen  eine  contradictio in adjecto  [Widerspruch in sich - wp]; man kann veranlaßt sein zu glauben, daß unbewußte Tätigkeiten stattfinden und daß sie denselben  Erfolg  haben wie diejenigen, die wir Wollen nennen; wir mögen vielleicht selbst Recht haben sie in einem  erweiterten Sinne  als Wollen zu bezeichnen; aber nur, weil wir zuerst ein bewußtes Wollen kennengelernt haben; und sicherer wird es immer sein, für den weiteren Begriff einen anderen Terminus zu wählen.

Daraus folgt weiter, daß die Analyse dessen, was wir unter Wollen verstehen, da einsetzen muß, wo wir uns des Wollens mit der größten Deutlichkeit als eines bestimmten Aktes bewußt sein, den wir von anderen bewußten Akten unterscheiden; ist das festgestellt, so lassen sich erst verwandte Erscheinungen damit vergleichen und das Recht einer weiteren Ausdehnung des Wortes untersuchen.

Das Abstraktum "Wille" aber möchte man wünschen in einer solchen Untersuchung ganz zu vermeiden; denn es ist ein  Proteus,  [Verwandlungskünstler des griechischen Olymp - wp] dessen Verwandlungen zu folgen eine eigene Abhandlung erfordern würde. Während es nämlich in der gewöhnlichsten, populärsten Anwendung das bezeichnet,  was  gewollt wird - einem seinen Willen tun - dein Wille geschehe - letzter Wille usw. - also den  Inhalt  eines bestimmten Wollens meint (boulema [Absicht, Wille - wp]), drückt es in anderer Anwendung als abstraktes Verbalsubstantiv (boulesis [Wollen, Verlangen - wp]) die allgemeine  Form  der Tätigkeit, die wir Wollen nennen, abgesehen von jedem bestimmten Inhalt aus, so wenn wir von der Freiheit des Willens, von einem festen Willen reden oder von einem sagen, er habe keinen eigenen Willen; die wissenschaftliche Sprache aber hat dieses Abstraktum hypostasiert [einem Gedanken gegenständliche Realität unterschieben - wp] und mit der Umgebung des wirklichen Subjekts des Wollens, des individuellen Menschen, zum Subjekt der einzelnen Willenstätigkeiten gemacht (der Wille bewegt die Glieder), und ihre Spitze hat diese Hypostasierung in dem Satz SCHOPENHAUERs erreicht, daß das "Ansich" der Welt "Wille" ist - ein Wille bei dem die Frage: "wer will?" und die Frage: "was wird gewollt?" aufhören soll, damit ist aber auch jede Brücke zwischen dem deutschen Sinn des Wortes und dieser Verwendung desselben abgebrochen.


II.

1. In irgendeinem Fall, in welchem wir uns unseres Wollens vollkommen klar als eines ausdrücklichen Aktes bewußt sind, und in welchem die vorangehenden und Vorbereitenden Momente sich ebenso deutlich sondern, verläuft der  innere bewußte Prozeß  zunächst durch folgende Stadien:

a) Das  erste Moment  ist die  Vorstellung eines künftigen Zustandes,  welches uns entweder von außen, etwa duch die Aufforderung eines Andern, oder durch das innere Spiel unserer Vorstellungen erweckt wird, und sich  als möglicher Gegenstand eines Wollens  darbietet. die  Frage  an mich stellt, ob ich mein Wollen darauf richte oder nicht. So der  Vorschlag,  den mir ein Anderer macht, das  Projekt,  das in mir selbst entsteht. Es enthält zunächst diese Vorstellung eines Künftigen; aber diese Vorstellung unterscheidet sich anderen Vorstellungen eines Künftigen, die bloß theoretisch meine  Erwartung  beschäftigen, dadurch, daß sie einmal von dem Gedanken begleitet ist, es stehe in meiner  Macht sie zu verwirklichen, und zweitens irgendeinen  Reiz  für mich enthält, mein Interesse erweckt, mir von irgendeiner Seite Befriedigung verspricht, mich (nach dem älteren Ausdruck)  sollizitiert  [reizt, anregt - wp].

b) Diese Vorstellung eines Künftigen, die wir der Kürze wegen das  Projekt  nennen wollen, führt zur  Überlegung des Verhältnisses, in welchem dasselbe zu mir steht.  Diese Überlegung betrifft zwei Fragen:
    α) Die Frage:  Soll  ich das Projekt zum Gegenstand meines Wollens machen? Diese Frage erfordert einerseits die Verdeutlichung der  Vorstellung meiner selbst,  andererseits die  Verdeutlichung des Projekts.  In ersterer Hinsicht kommt in Betracht, in welchem Verhältnis das Projekt zur Totalität meines wirklichen Ich, der Gesamtheit meiner Neigungen, meiner Interessen, meiner Pflichten, meines Geschmacks usw. steht; ob der künftige Zustand mit mir harmoniert oder nicht, ober er imstande ist mich zu befriedigen, mich zu fördern, ob er, verglichen mit dem gegenwärtigen oder einem anderen möglichen, ein  Gut  für mich ist, oder ob ich mich damit in Widerspruch zu mir selbst setze, weniger dadurch befriedigt sein werde, ob er ein absolutes oder relatives  Übel  ist, ob er mir schließlich  gleichgültig,  sein Sein oder Nichtsein ohne Wert für mich ist. Die Beantwortung dieser Frage erfordert also eine Reflexion auf die Gesamtheit meines Ich nach allen Seiten. Sie erfordert aber auch eine Verdeutlichung dessen, was das Projekt enthält; eine Verdeutlichung aller Seiten desselben, insbesondere aller  Folgen,  die seine Verwirklichung für mich haben würde, und eine Erwägung des Verhältnisses, in welchem diese Folgen zu mir und der Gesamtheit meiner Interessen stehen.

    β) Mit der Frage: "Soll ich?" verbindet sich die Frage: " Kann  ich?" Läßt sich das Projekt nicht bloß überhaupt realisieren, sondern durch  mein Tun  realisieren? Stehen ihm nicht unüberwindbare Hindernisse entgegen? Lassen sich die  Mittel  finden, durch die ich seine Verwirklichung herbeiführen kann? Hierzu gehört eine Überlegung der  realen Beziehungen,  in welchen der vorgebildete Zustand innerhalb des ursächlichen Zusammenhangs der Welt steht; ob er nach den mir bekannten Naturgesetzen überhaupt herbeigeführt werden kann, von welcher Art von Ursachen erwartet werden darf, daß sie ihn hervorbringen, und ob ich imstande bin, eine dieser Ursachen in Wirksamkeit zu setzen. Ob diese Überlegung nun zugleich schon zu einer bestimmten Einsicht führt,  in welcher Weise  das Projekt realisierbar ist, oder nur zu der Überzeugung, daß es überhaupt nicht unmöglich ist, und nicht bloß von Ursachen abhängt, auf die ich keinen Einfluß habe, ist in diesem Stadium von untergeordneter Bedeutung; genug wenn ich nur überzeugt bin, daß es für mich  nicht unmöglich  ist. Denn nun kann das dritte erfolgen, nämlich
c) die  Willensentscheidung,  durch welche ich den zukünftigen Zustand als  meinen Zweck  setze, als Gegenstand meines Wollens mit Bewußtsein bejahe, mir das Projekt als etwas vorsetze, was durch mein Tun verwirklicht werden soll; oder aber  verneine,  daß es ein Zweck für mich ist, es abweise, entweder weil es gleichgültig, oder weil es ein Übel ist. Der Überlegung gegenüber ist die Entscheidung der  Schluß,  zu welchem die Prämissen mich hinsichtlich der Zweckmäßigkeit und Möglichkeit des Projekts mich geführt haben, der Abschluß des erwägenden Denkens, der  Beschluß. 

Dieser Beschluß ist ein  rein innerer Vorgang,  in dem ich meine bloßen Gedanken zu mir selbst ins Verhältnis setze; es ergibt sich daraus, wie er als bloßes  Urteil  aufgefaßt werden konnte. Denn im Urteil ist auch bloß ein innerer psychischer Akt vorhanden, der eine Frage entscheidet; aber während im Urteil nur das Verhältnis der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung von Subjekt und Prädikat, das in ihrem Inhalt als solchem liegt,  anerkannt  wird, handelt es sich hier um den nicht weiter beschreibbaren Akt, durch den ich ein Gedachtes in Beziehung zu  mir  setze, indem ich es zum Gegenstand meines Wollens mache, dadurch mir selbst eine bestimmte Richtung gebe, mich mit einem bestimmten Inhalt erfülle; denn mein eigenes Sein ist es, das ich durch den gewollten Zweck zu ergänzen, zu fördern, zu erweitern mir bewußt bin, wenn ich ein Projekt bejahe; mein eigenes Sein, das keiner Ergänzung bedarf, oder das ich zu behaupten und in Harmonie mit sich selbst zu erhalten denke, wenn ich ein Projekt abweise.
    α) Der  bejahende  Beschluß ist es, der sich in den Worten ausspricht: "Ich  will."  Daß das Gesollte etwas ist, was in unmittelbarer Einheit mit mir selbst gedacht wird, spricht sich darin aus, daß zum Verbum wollen zunächst ein Infinitiv gehört, dessen Subjekt der Wollende selbst ist: ich will etwas haben, genießen, erreichen; nicht das Objektive ansich, sondern  meine  Beziehung zum Objekt ist ursprünglich Gegenstand des Wollens. Auch da, wo sich dieses persönliche Moment verbirgt, weil es sich um allgemeine Interessen des Rechts usw. handelt, ist es doch vorhanden; der Staatsmann, der sich eine Reform der Gesetzgebung zum Zweck setzt, wird vielleicht von der Veränderung gar nicht persönlich betroffen; aber indem er die Interessen der Gesamtheit zu den seinigen macht, steht der Zweck in ideeller Beziehung zu ihm und ist Quelle seiner Befriedigung; er identifiziert sich mit einer Idee.

    Daß das Gewollte sich niemals von mir ganz loslösen kann, ist schon damit gegeben, daß jede solche Willensentscheidung die Vorstellung meiner  realen Kausalität  einschließt. Das Zukünftige wird ja gedacht als etwass durch  mein Tun Hervorzubringendes, die Vorstellung meiner selbst, die zugrunde liegt, ist die eines Subjekts, das die reale Macht hat, den Zweck zu verwirklichen; darum liegt in jedem Wollen eingeschlossen: ich will etwas  tun.  Dieses Tun kann bloß in der Ausübung der Macht [nietzsche} bestehen, die ich über den Verlauf meiner Vorstellungen und Gedanken habe; wenn ich über irgendeine wissenschaftliche Frage ins Reine kommen will, besteht das Tun, das ich im Sinn habe, im Nachdenken, und ich setze voraus, daß es in meiner Macht steht, meine Gedanken bei einem Gegenstand festzuhalten, sie untereinander zu vergleichen, Schlüsse zu ziehen; in anderen Fällen ist das Tun, welches den gewollten Zustand herbeiführen soll, eine Bewegung meiner Glieder, und ich bin mir der Macht bewußt, diese hervorzubringen. Aber auch da, wo der Zweck durch das Tun Anderer verwirklicht werden soll, wie bei einem Befehl, den ich erteile, kann ich doch nur sagen: ich  will,  daß Du dieses oder jenes tust, wenn ich voraussetze, daß mein Wort die Macht hat, Den Andern zu bestimmen. (In diesem Fall ist das Aussprechen des Wollens nicht bloß die Offenbarung meines Innern, sondern zugleich die Ausübung der Macht, welche den Zweck verwirklicht). So ist in jedem Zweck die doppelte Beziehung zu mir gedacht, einmal, daß ich für ihn tätig sein, und dann, daß er, realisiert, mein eigenes Sein erhalten oder fördern wird.

    Liegt aber so die Vorstellung meiner Kausalität in jeder positiven Willensrichtung, so ist darum dieser Akt selbst noch nicht kausal  nach außen,  er ist auf das bloß gedachte Zukünftige gerichtet, und ganz in meinem Bewußtsein beschlossen, ohne gegenwärtige Bedeutung für die Außenwelt. Daraus erklärt sich, wie sich das Verbum "wollen" einerseits zur bloßen Futurbedeutung verflüchtigen konnte, wie im Englischen, andererseits das Futurum ganz richtiger Ausdruck des Wollens z. B. in Verheißung und Drohung werden kann.

    β) Ist die Willensentscheidung  verneinend:  so weist sie einfach die von außen gekommene oder im Innern entstandene Zumutung ab, und eine weitere Folge geht direkt aus dem Willensakt nicht hervor. Ein innerer  Willensakt  aber ist vorhanden;  nolle  heißt nicht einfach "nicht wollen" in dem Sinne, daß gar kein bewußtes Tun vollzogen würde, das unter den Begriff des Wollens zu subsumieren wäre, in dem Sinne, in welchem der Schlafende nicht will, sondern  nolle  heißt wollend einen möglichen Zweckgedanken verneinen; fände keine Willensentscheidung statt, so bliebe ich unschlüssig vor der unentschiedenen Frage stehen. So gut auf dem Gebiet des Denkens die Verneinung nicht ein Unterlassen des Urteils ist, sondern selbst ein Urteil, das eine Gedankenverbindung für unvollziehbar erklärt, so gut ist auf dem Gebiet des Wollens auch die einfache Abweisung eines Projekts ein wirkliches Wollen. Aber der  Gegenstand dieses Wollens  ist ansich etwas rein Negatives, und insofern Unbestimmtes; es wird nur das Projekt aus dem Kreis der möglichen Zwecke ausgeschieden. Sucht man nach einem faßbaren Inhalt dieses Wollens, so kann man nur die  Freiheit  des Subjekts, die abstrakte Möglichkeit etwas anderes zu wollen, also zuletzt doch wieder bloß etwas rein Negatives finden; und man kann nicht sagen, ein Nicht-wollen eines bestimmten Zweckes sei nur in der Weise möglich, daß etwas anderes Positives gewollt wird, sozusagen ein konträrer Gegensatz des bloß kontradiktorischen. Wenn ich beim Mahl eine mir dargebotene Speise ablehne, so tue ich das nicht notwendig, weil ich etwas anderes will; denn was ich sonst etwa im Augenblick wollen kann, Unterhaltung oder dgl., schließt ja das Essen nicht aus; ich lehne ab weil ich keine Lust habe, weil dasjenige  fehlt,  was das Dargebotene zu einem Zweck für mich machen könnte. Häufig genug allerdings wird mein Nichtwollen dadurch  begründet  sein, daß ich etwas anderes will was jenen Zweck ausschließt; wenn ich die Aufforderung zu einem Spazierganng abschlage, weil ich zu arbeiten habe, so will ich nicht spazierengehen  sondern  arbeiten; aber der Wille zur Arbeit entsteht nicht erst jetzt als Gegensatz zum Projekt des Spaziergangs, sondern war vorher da, und ist nur der Grund der Ablehnung, die ansich doch bloß ausdrückt, daß ich  nicht will.  Umgekehrt, wenn ich mich besinne was jetzt zu tun sei und das, was mir zuerst einfällt, verwerfe, so habe ich noch gar keinen positiven Gegensatz zu dem was ich nicht will, ich setze die Überlegung vielmehr weiter fort, um etwas anderes zu finden, und der Wille dieses zu tun folgt dem Nichtwollen des ersten vollkommen getrennt und selbständig nach.

    An diesem Charakter des Nicht-wollens macht es auch keinen wesentlichen Unterschied, ob mir das Projekt gleichgültig ist und mir weder Lust noch Unlust verspricht, oder ob es als ein Übel erscheint, dessen Nichtsein ich wünschen muß; dieser Unterschied wird erst wirksam, wo es sich um Vorgänge handelt, die nicht erst durch mich eingeleitet werden sollen, sondern sich ohne mein Zutun vorbereiten. Ob ich eine Speise ablehne, weil sie mir zuwider ist, oder weil ich satt bin und keine Lust mehr habe, ist ein verschiedener Grund des Nichtwollens; der formelle Charakter desselben aber ist in beiden Fällen derselbe.
2. War die Willensentscheidung  bejahend,  will ich das Gedachte als meinen Zweck, so beginnt nun der  zweite Akt  des Dramas, der  Prozeß der Verwirklichung  des Zwecks. Lassen wir die Fälle beiseite, in denen der gewollte zukünftige Zustand selbst ein bloß innerer ist (ich will mir das merken, will mir das und das überlegen und so fort; nehmen wir die häufigeren, in welchen es sich um einen Zustand äußerer Dinge und ihr reales Verhältnis zu mir handelt, so verläuft die Verwirklichung des Zwecks durch folgende Phasen:

a) Die  Feststellung der Mittel,  durch welche der Zustand wirklich herbeigeführt werden kann, die durch das Denken zu leistende Aufstellung des  bestimmten Planes,  nach welchem reale Ursachen in Bewegung gesetzt werden sollen, aus denen der vorgebildete Zustand als ihre Wirkung hervorgeht. Vom erstrebten Punkt rückwärts gehend überschlagen wir die nächsten Ursachen, aus denen er resultiert, von unserer Lage aus vorwärtsgehend die Punkte, an denen wir eingreifen können; und es ergibt sich ein Verfahren oder mehrere Verfahrensweisen, durch die der Zweck von mir realisiert werden kann, und deren erstes Glied jedenfalls eine Bewegung meines eigenen Leibes ist, sei es der Sprachorgane oder des Arms und der Hand usw. Wo das Mittel durch den Zweck vollkommen bestimmt ist, vollzieht sich die Feststellung des Mittels durch einen einfachen Syllogismus, der oft gar nicht ausdrücklich beachtet wird, weil sich der Gedanke ungesucht einfindet; stehen verschiedene Mittel zur Auswahl, so werden sie nach ihrer  Zweckmäßigkeit  verglichen, und diese hängt teils von der Sicherheit ab, mit der sie den Erfolg hervorbringen, teils vom Kraftaufwand, den sie nötig machen, teils davon daß sie keine unerwünschten Nebenerfolge hervorbringen können. (Es liegt in der Natur der Sache, daß die genaue Überlegung der Mittel in den einfacheren Fällen mit der Erwägung der Möglichkeit des Projekts zusammenfließt, und also der Entscheidung für den Zweck schon vorangehen kann; insofern ist das Wollen des Zwecks von der  Kenntnis  der Mittel abhängig; aber ebenso gewiß ist, daß das Wollen des Zwecks das  prius  zum  Wollen  der Mittel ist).

Der Abschluß dieses Mittel wählenden Denkens ist wiederum ein  Beschluß,  durch den wir uns bestimmen, das sicherste, leichteste, ungefährlichste Mittel anzuwenden. Dieses Auffinden der zweckmäßigen Mittel ist das Gebiet der  Klugheit;  das Mittel, das die Klugheit rät, wird nun der nächste dem Zweck untergeordnete Gegenstand des Wollens; es stellt sich dem  Endzweck  als  nächster Zweck  gegenüber.

b) Diesem Beschluß, der wiederum ein rein innerer Vorgang ist, folgt nun die  Ausführung selbst,  und diese erfordert den  Willensimpuls, durch den ich meine Glieder in Bewegung setze, das Kommando, das ich meinen Sprachwerkzeugen, meinen Armen, meiner Hand erteile, die vorgestellte Bewegung zu machen, die weiter wirkend schließlich den gewollten Erfolg hervorbringen wird. Erst mit diesem Willensimpuls zu einer bestimmten Bewegung,  der vom Wollen des Zwecks und dem Beschluß der bestimmten Art seiner Verwirklichung unterschieden ist, tritt meine Tätigkeit über das psychologische, innere Gebiet hinaus und wird im gewöhnlichen Sinne  kausal,  d. h. ein von mir Verschiedenes bestimmend und verändernd; erst damit  handle  ist, und  Handlung  ist im eigentlichen Sinne nichts als die gewollte Bewegung meines Leibes; der im Handeln unmittelbar  wirksame  Wille ist direkt nur der Wille, der zu seinem Inhalt die Ausführung einer vorgestellten Bewegung hat und vermöge unserer Organisation diese Bewegung wirklich hervorbringt; denn nur die Bewegungen unserer Glieder stehen ja in einem direkten Verhältnis der kausalen Abhängigkeit von einem auf diese Bewegung gerichteten Willensimpuls, alles weitere ist von den mechanischen Gesetzen abhängig, nach welchen den Bewegungen meines Leibes die Bewegungen anderer Körper folgen, oder von den psychologischen, nach denen die äußeren  Zeichen die ich gebe, beseelte Wesen bestimmen.

[Wie dieser Willensimpuls es angreift, unsere Glieder in Bewegung zu setzen, und durch welche Vermittlungen wir die Herrschaft über dieselben erlangt haben, die wir tatsächlich ausüben, ist eine Frage, die hier übergangen werden kann; es genügt die Tatsache, daß wir imstande sind, durch einen nicht weiter zu beschreibenden Akt eine bestimmte vorher vorgestellte Bewegung zu bewirken, und daß dieses Vermögen in einem gesunden Zustand nur da beschränkt ist, wo ungewohnte und nicht eingeübte Bewegungen verlangt werden.

Dieser Willensimpuls zu einer bestimmten Bewegung tritt uns da besonders deutlich ins Bewußtsein, wo es gilt, eine Bewegung, zu der wir uns vorbereitet haben, und deren Vorstellung längere Zeit unwirksam in unserem Bewußtsein bleibt, in einem bestimmten Zeitpunkt - etwa auf ein gegebenes Signal hin - auszuführen; jetzt sind wir uns des psychischen Akts, der die wirkliche Bewegung hervorbringt, deutlich als eines  Wollens  bewußt, obgleich er sofort von dem die wirkliche Bewegung begleitenden Gefühl abgelöst und in den Hintergrund gedrängt wird; noch deutlicher ist das Bewußtsein des Wollens, wo es gilt durch Kraftanstrengung einen Widerstand zu überwinden; denn was wir Anstrengung nennen, ist ursprünglich ein intensiveres Wollen, mit dem sich aber sofort die Gefühle verknüpfen, welche die höchste Spannung unserer Muskeln begleiten. Nur dürfen nicht diese Gefühle deshalb mit dem Willensimpuls selbst verwechselt werden.

Nun ist weiter klar, daß in unserem gewöhnlichen Handeln dieser Willensimpuls nicht isoliert auftritt, als etwas, was von seinen Zusammenhängen losgelöst werden könnte; es kommt ja nicht darauf an, daß diese Bewegung gemacht, sondern darauf, daß durch sie etwas erreicht wird. Die Bewegung als solche ist nicht Selbstzweck; auch wo sie nicht bestimmt ist, etwas Äußeres zu verändern, wird sie doch um eines Zweckes willen vorgenommen, bestehe dieser nun in dem Wohlgefühl das ihr folgt, wo wir uns aus einer unbequemen Lage befreien oder nach längerer Ruhe unser Blut in rascheren Umlauf bringen, oder auch nur in der Erprobung unserer Herrschaft über unsere Glieder und dem Bewußtsein, daß wie sie bewegen können, sobald wir wollen. Dieser enge Zusammenhang der willkürlichen Bewegung mit einem über sie hinausliegenden Zweck zeigt sich besonders deutlich darin, daß in vielen Fällen der Impuls zur Bewegung sich weit mehr mit der Vorstellung ihres Erfolgs, als mit der Vorstellung ihrer Form assoziiert hat. Beim Sprechen liegt das klar zutage: die Impulse die wir unseren Sprachorganen geben, sind durch die Vorstellung der Laute geleitet, die wir hervorbringen wollen, während wir von den Veränderungen der Stimmbänder, der Zunge usw. keine oder zumindest keine deutliche Vorstellung haben.

So erscheint der Akt, welcher die Bewegung hervorruft, regelmäßig abhängig von einem auf den Erfolg derselben gerichteten Streben, und in diesem ist der psychologische Grund zu suchen, durch den der Bewegungsimpuls selbst erst wirklich wird. An der besonderen Beschaffenheit dieses vorangehenden Moments scheiden sich dann auch verschiedene Abstufungen des Begriffs der willkürlichen Bewegung, der teils in einem engeren, teils in einem weiteren Sinn genommen werden kann.

Der willkürlichen Bewegung steht, als der äußerste Gegensatz, die mir von außen durch Zug und Druck aufgezwungene rein passive Bewegung gegenüber, wie wenn ein Anderer meinen Arm hebt oder beugt.

Daran schließen sich die sogenannten Reflexbewegungen, die, durch keinen bewußten psychischen Vorgang bedingt, vielmehr durch den direkten Übergang eines von außen kommenden oder im Körper selbst entstandenen Reizes von einem sensiblen auf einen motorischen Nerven hervorgebracht werden, also nur in einem körperlichen Mechanismus begründet sind und höchstens vom Bewußtsein, daß sie geschehen, nicht von einem Bewußtsein, daß wir sie irgendwie intendiert haben, begleitet sind. Wenn ich hier sage, daß ich die Bewegung mache, so bin  ich  jetzt  mein Leib,  als das Subjekt dieser Bewegung aus dem sie zu entspringen scheint; wenn ich zucke, atme usw. so ist der Grund, warum ich diese Bewegungen  mir  zuschreibe, nur die Abwesenheit eines sichtbaren äußeren Zwanges und die Gewohnheit, meinen Leib als mich selbst zu bezeichnen; ich könnte ebenso richtig sagen: mein Finger zuckt, meine Brust hebt und senkt sich; ich, als bewußtes Subjekt, bin dabei nur Beobachter eines ohne mein Zutun erfolgenden Geschehens.

Diesen körperlich verursachten Bewegungen stehen gegenüber alle diejenigen, als deren unmittelbaren Grund wir einen bewußten Zustand oder Vorgang kennen. Aber auch unter diesen ist ein Teil unwillkürlich; alle diejenigen nämlich, welche aus Gefühlserregungen entspringen, wie der mimische Ausdruck unserer Gemütszustände durch die Gesichtsmuskeln, das Zusammenfahren beim Schreck, das Herzklopfen und Zittern in der Angst, das Schluchzen in der Trauer. Hier zweifeln wir nicht, daß das psychische Antezedens [Vorausgehende - wp] die nächste Ursache der körperlichen Bewegung ist; aber wir sind uns keines besonderen  Aktes  bewußt, durch den  wir  die Bewegung hervorbringen, sie erfolgt ohne daß wir sie vorher vorgestellt hätten, darin den Reflexbewegungen verwandt, daß sie selbst gegen unseren Willen eintritt. Die Erregung der motorischen Nerven, von welcher diese Bewegungen bedingt sind, war jetzt direkt durch den Gefühlszustand hervorgebracht; und dieser seinerseits ist ohne unser Zutun eingetreten und uns angetan worden. Darum ist die Definition "Willensakt ist die psychische Ursache, durch welche motorische Nerven unmittelbar erregt werden" noch zu weit (1).

Eine  willkürliche  Bewegung im weitesten Sinne unterscheidet sich nun zunächst dadurch von diesen unwillkürlichen Bewegungsformen, daß zu ihren Bedingungen die Vorstellung der Bewegung selbst oder ihres nächsten Erfolgs gehört; daß sie nicht nur eintritt, um nachher wahrgenommen zu werden, sondern erst vorgestellt war, und nun durch jenen nicht weiter zu beschreibenden Akt, den wir Bewegungsimpuls nannten, verwirklicht wird, und die für unser Bewußtsein unterscheidbar spezifische Natur desselben drücken wir eben dadurch aus, daß wir ihn ein  Wollen  nennen, und ihn dadurch sowohl von der Vorstellung als auch von den begleitenden Gefühlen unterscheiden. Er fällt unter den allgemeinen Begriff des Wollens als einer inneren auf einen Zweck gerichteten Tätigkeit; die Natur hat ihm aber die unmittelbare Wirksamkeit durch die Einrichtung unserer Organisation gesichert.

(Die Fälle der sogenannten Nachahmungsbewegungen scheinen zwar nahe zu legen, daß zuweilen die Vorstellung einer Bewegung selbst für sich genügt, die Bewegung auszulösen; aber dieses Gebiet ist ein streitiges, sofern es fraglich ist, ob nicht ein durch die gesehene Bewegung hervorgerufenes Gefühl das eigentliche Agens ist, solche Bewegungen also unter die mimischen fallen, oder ob die Vorstellung ganz unmittelbar die Bewegung, oder einen uns nur nicht deutlich zu Bewußtsein kommenden Bewegungsimpuls erzeugt; und wir können es beiseite lassen.)

Daß wir den Begriff der willkürlichen Bewegung ursprünglich auf die Tatsache gründen, daß wir uns eines auf die Hervorbringung einer Bewegung gerichteten Willensaktes bewußt sind, darüber kann kein Zweifel sein. Die Bewegung als solche, wie wir sie zum Beispiel an einem andern sehen, verrät uns nichts über ihre Ursache; daß diese Ursache überhaupt eine psychische ist, können wir nur durch eine Übertragung dessen erschließen, was wir in uns selbst erfahren; und ein psychischer Vorgang ist überhaupt für uns ursprünglich nur dadurch vorhanden, daß wir uns desselben bewußt sind.

Aber nun ergeben sich Schwierigkeiten. Wir werden geneigt sein, alle Bewegungen, die denjenigen gleichen, welche wir durch einen bewußten Willensakt hervorbringen, unter den Begriff der willkürlichen zu subsumieren; alle diejenigen, als deren Bedingung wir eine Vorstellung der auszuführenden Bewegung und den Willensimpuls sie auszuführen kennengelernt haben. Bewegungen, die zweckmäßig sind, ohne Reflexbewegungen zu sein, Bewegungen, von denen wir wissen, daß wir sie erst erlernt haben, indem wir eine uns vorgemachte Bewegung selbst auszuführen versuchten, werden wir zu den willkürlichen rechnen müssen. Aber wir sagen ohne Bedenken, daß wir solche Bewegungen unwillkürlich machen. Er trat unwillkürlich einen Schritt zurück - es entfuhr ihm das Wort - sagen wir von jemand, der durch eine unerwartete Erscheinung, die ihm gegenübertritt, überrascht wird. Aber einen Schritt machen, ein Wort aussprechen, rechnen wir sonst unter die willkürlichen Bewegungen, schon weil sie erlernt sind, und danach machten wir willkürliche Bewegungen unwillkürlich. Genauer zugesehen sind sie aber nur nicht aus einem klar bewußten Wollen ihres Zwecks hervorgegangen; was bei ihnen fehlt, ist nicht der elementare Bewegungsimpuls, sondern das deutliche Bewußtsein ihres Zwecks und eines darauf gerichteten Wollens; und dieses deutliche Bewußtsein fehlt, weil mit einer die Reflexion ausschließenden Schnelligkeit die Vorstellung der Bewegung und ihres Erfolgs den Drang sie zu verwirklichen und dieser den Bewegungsimpuls herbeirief. Darum nennen wir solche Bewegungen wohl auch instinktiv, wenn sie wirklich zweckmäßig, übereilt, wenn sie unzweckmäßig waren. Von diesen scheiden sich also diejenigen Bewegungen, deren Erfolg Gegenstand eines deutlich bewußten Wollens war; bei denen ebenso der Bewegungsimpuls einem auf den Erfolg gerichteten Wollen mit Bewußtsein folgte; wir könnten sie zum Unterschied  gewollte  Bewegungen nennen].

c) Läuft die Handlung selbst und die Kette der äußeren Vorgänge, die sie in Bewegung gesetzt hat, nach dem Programm ab, das ich innerlich entworfen habe, war die Berechnung ihres Erfolges richtig und wird sie durch keinen unvorhergesehenen Zufall gestört, so wird der ursprüngliche Zweck durch die willkürliche Bewegung und ihre Folgen erreicht, was ich gewollt habe, ist durch die Handlung verwirklicht, und der ganze Prozeß findet seinen Abschluß in der Befriedigung, die mir das Eintreten des erstrebten Zustandes gewährt.

Die beiden Hauptakte, in welche nach diesem Schema der normale Verlauf eines nach außen gerichteten Wollens zerfällt, stellen sich je nach dem Standpunkt, von dem das Ganze betrachtet wird, in verschiedener Bedeutung dar. Für die psychologische Betrachtung, die sich in das Innere versetzt, ist der erste Akt das Wichtigste, Wesentlichste; der zweite ein Nachspiel, das unterbrochen werden kann, ohne daß die Bedeutung des Wollens dadurch eine andere würde. Für die von außen kommende, historische Betrachtung ist der zweite Akt das Wesentliche, das aus dem Wollen hervorgehende in die gemeinsame Welt heraustretende Handeln und das dadurch bewirkte Geschehen; erst mit dem Bewegungsimpuls gewinnt ja das Wollen Bedeutung für Andere; die rein inneren Vorgänge erscheinen jetzt als bloße Vorbereitung, und das Wollen erweckt also nur Interesse, sofern es Ursache des wirklichen äußeren Geschehens ist. Derselbe Gegensatz läßt sich als der Gegensatz der moralischen und juristischen Betrachtung bezeichnen. Dort kommt es zuerst auf die  Gesinnung  an, hier zuerst auf die  Handlung  und ihren Erfolg.

Es hängt damit zusammen, daß da, wo von der Betrachtung der Handlung ausgegangen wird, die Neigung vorhanden ist, als den  Willen  im eigentlichen und strengen Sinn nur die Tätigkeit zu verstehen, welche eine bestimmte Bewegung unmittelbar hervorruft, als das notwendige Korrelat des Wollens die  Tat  zu bezeichnen, die in einer Veränderung der körperlichen Welt besteht, für diejenigen bewußten Zustände dagegen, welche nicht unmittelbar nach außen kausal sind, andere Bezeichnungen, Wunsch, Absicht und dgl. zu verwenden.

Allein damit kommt der wissenschaftliche Sprachgebrauch mit dem allgemein üblichen in eine Kollision, die gerade auf psychologischem Gebiet besonders gefährlich ist; er muß es für falsch erklären, wenn ich sage: Ich will heute Nachmittag abreisen, auch wenn mir vollkommen feststeht, daß die Reise um irgendeines Zweckes willen notwendig ist, und ich an die Möglichkeit gar nicht denke, daß ich sie nicht mache; erst wenn ich den Weg nach dem Bahnhof einschlage, wäre der Wille da. Ja es dürfte dann streng genommen immer nur vom Wollen der Bewegung, nicht einmal vom Wollen ihres nächsten Erfolges geredet werden.

Weiterhin isoliert eine solche Distinktion den Willensakt, der in der Bewegung tätig ist, in einer Weise, die dem psychologischen Tatbestand widerspricht; denn die Bewegungsimpulse treten ja nicht gesondert und selbständig auf, sondern nur als Teile eines umfassenderen Vorgangs, sie sind von der Vorstellung des Erfolgs und einer auf seine Verwirklichung gerichteten inneren Bewegung abhängig; wo diese Abhängigkeit fehlt, würde man auch kaum sagen können, daß die körperliche Bewegung gewollt ist.

Schließlich wird die Gleichartigkeit verdeckt, welche für unsere unmittelbare Auffassung zwischen den Akten besteht, durch die wir uns nur innerlich die Richtung auf ein bestimmtes Ziel geben, und den Akten durch die wir Glieder bewegen. Der Wille, durch den ich mich für einen Zweck entscheide, oder meine Aufmerksamkeit spanne, oder mein Nachdenken einer Frage zuwende, setzt ebenso eine wirkliche Bestimmtheit meines Ich und gibt seinen Tätigkeiten eine Richtung, wie der Wille den Arm zu strecken meinen Leib bestimmt; das Undefinierbare, was wir überhaupt Wollen nennen, ist in beiden gleichartig; ob die sichtbaren Folgen sofort oder erst nach einer Zwischenzeit eintreten, kann keinen begrifflichen Unterschied begründen.

So verdienstlich also die Sorgfalt ist, mit welcher diejenigen Willensakte, durch die wir unmittelbar kausal nach außen sind, von den auf unser Bewußtsein beschränkten Tätigkeiten geschieden werden, so scheint sie mir doch zu weit zu gehen, wenn sie den letzteren bestreiten will, im eigentlichen Sinne ein Wollen zu sein. Der besonderen Betonung des Willens, der Bewegung erzeugt, liegt dabei allerdings der richtige Gedanke zugrunde, daß das Bewußtsein einer auch nach außen wirksamen Macht eine Bedingung des zwecksetzenden Wollens überhaupt ist, und einen integrierenden Teil des psychologischen Gesamtzustandes bildet, aus dem unsere Willensentscheidungen hervorgehen.


III.

Gehen wir nun die einzelnen Stadien des ganzen Prozesses genauer durch, so bietet sich als Gegenstand der Untersuchung teils die Art und Weise, wie sie zustande kommen, teils die spezielleren Variationen, deren sie fähig sind.


1. a) Die Entstehung des Projekts

Die Wege, auf denen die möglichen Objekte unserer Willensentscheidungen, also Vorstellungen künftiger Zustände, die einen anregenden Reiz ausüben, in unser Bewußtsein treten, sind, wenn wir die Entstehung ethischer Ideen beiseite lassen, folgende:

α) Die eine Hauptquelle, aus welcher uns Aufforderungen zum Wollen zufließen, sind die wechselnden Gefühlszustände und das aus ihnen unwillkürlich und widerstandslos sich entwickelnde  Begehren. 

Jeder unbehagliche Zustand, in welchem wir uns befinden, weckt ein  Verlangen,  aus ihm herauszukommen; der Gegenstand dieses Verlangens ist zunächst die ganz unbestimmte weil bloß negative Vorstellung der Befreiung von der Unlust, aber indem dasselbe unsere Vorstellungstätigkeit in Bewegung setzt, bietet die Erinnerung aus früherer Erfahrung die Vorstellung der Mittel, welche die Unlust beenden und das unbestimmte Verlangen erhält jetzt sein bestimmtes Ziel. So erweckt der Hunger das Verlangen nach Speise, der Frost das Verlangen nach Umhüllung, die Unlust der Sonnenhitze das Verlangen nach Schatten usw.

Für unser Bewußtsein aber verdrängt die bestimmtere, anschaulichere Vorstellung die unbestimmtere; die Speise wird der im Vordergrund stehende Gegenstand des Verlangens, mit dem das Aufhören des Hungers verschmilzt.

Jedes wahrgenommene Objekt ferner und jedes Phantasiebild, mit dem sich die Vorstellung einer Lust, eines Genusses verknüpft, erweckt das Streben nach diesem Genuß, das  Gelüsten. - Jenes Verlangen und dieses Gelüsten sind die beiden Formen des nicht weiter definierbaren rein inneren, ohne unser Zutun eintretenden Zustandes, den wir  Begehren  nennen, des empfundenen Drangs aus der Gegenwart heraus nach der vorgestellten und antizipierten relativ höheren Lust der Zukunft hin. Dieser Drang verknüpft sich dann, ursprünglich ebenso ohne Dazwischentreten einer Überlegung und eines bewußten Wollens, mit  Bewegungsreizen,  die, wenn sie nicht gehemmt werden, zu wirklichen Bewegungen führen; weshalb die Sprache den inneren Zustand durch diese äußere Folge bezeichnen kann (oregesthai, streben, ver-langen).

Aber dieses fortwährend in uns sich erzeugende Verlangen, Gelüsten, Begehren ist als solches noch kein  Wollen;  und gegen die heutzutage herrschende Neigung, die Grenzen der Begriffe aufzuheben bis zur Formel eines unbewußten Wollens, ist auf die  Scheidung von Wollen und Begehren  Gewicht zu legen, die schon ARISTOTELES sicher festgestellt hat und die auch der Sprachgebrauch, obwohl er oft die Grenzen zu verwischen scheint, doch im Wesentlichen beobachtet. Das bloße im Moment auf äußere Reize entstehende Begehren erscheint als etwas  Passives was dem Subjekt angetan wird, was es in sich findet ("mich verlangt, mich gelüstet"); erst wenn die  Reflexion auf das eigene Selbst  dazwischen tritt, das die unwillkürlichen Regungen beherrscht und entweder hemmt oder durch eigene Tätigkeit bejaht und zu den seinigen macht, tritt das  Wollen  ein (2). Das Beherrschtsein durch das Begehren, vermöge dessen unmittelbar jedes momentane Begehren und jedes Gelüsten in Handlung übergeht, erscheint als der rein  tierische  Zustand der bloßen  epithymia  [Verlangen - wp]; erst wo dieser unwillkürliche Ablauf durch eine Reflexion auf das Selbst und sein Verhältnis zum begehrten Objekt, also durch einen Anfang von Überlegung gehemmt war, tritt das  Wollen  als etwas Aktives, mit Bewußtsein aus der Einheit des Subjekts entspringendes ein. Vom Hund, der nach einem vorgehaltenen Bissen sofort schnappt, sagen wir nicht, er  will  ihn; aber wir sagen, "er will ihn nicht", wenn er ihn infolge einer Drohung oder früherer Dressur verweigert, weil jetzt das Begehren durch etwas anderes gehemmt war, das nur wirken konnte, weil es sich in der Einheit des Hundebewußtseins mit jenem begegnete. Der Konflikt verschiedener Begehrungen ist es zuerst, der das Tier wie den Menschen auf sich selbst zurückwirft und auch im Tier Reflexion, Überlegung, Wahl zwischen verschiedenen Objekten und damit die allgemeine Form des  Wollens  erzeugt; die  Höhe  des Wollens aber richtet sich nach der Deutlichkeit und dem Umfang der Vorstellung des eigenen Selbst, und seiner Verhältnisse zur Außenwelt. (Wenn die frühere Psychologie dem sinnlichen Begehren das vernünftige Wollen gegenüberstellte, so ist der letzte Ausdruck richtig, wenn er nur sagen will, daß ein von der Macht der unmittelbaren Begierde befreites, vergleichendes Denken dem Wollen zugrunde liegt; unrichtig, wenn darum dem Tier die Möglichkeit der Form des Wollens abgesprochen wird. Will man das Wollen an das "Selbstbewußtsein" knüpfen - kann der Hund ohne "Selbstbewußtsein" auf seinen Namen hören?)

So wenig also das Begehren selbst schon ein Wollen ist, so leitet es durch den Reiz, den es ausübt, doch überall das  Wollen,  die Entscheidung ein, ob dem bestimmten einzelnen Begehren Folge zu geben ist oder nicht.

β) Eine zweite Hauptquelle der Zweckgedanken sind  Aufforderungen von Anderen  durch Beispiel, Rat oder Befehl; sie geben zugleich die Vorstellung des möglichen Zwecks und den Impuls ihn zu dem meinigen zu machen; auf diesem Weg treten durch die Erziehung zuerst die ethischen Zwecke ins Bewußtsein. Die Abhängigkeit des Menschen von der Gesellschaft, in der er lebt, ist so groß, daß auch auf diesem Gebiet vielfach in der Form des Begehrens, d. h. reflexionslos und blind, ohne Hindurchgang durch ein ausdrückliches Wollen die Aufforderung ausgeführt wird; der  eigene  Wille offenbart sich ja hier zuerst in einem  Nein,  im Ungehorsam gegen die Zumutung.

γ) Eine  dritte  Quelle von Vorstellungen des Zukünftigen, welche Fragen an unsere Willensentscheidung stellen, ist die  Voraussicht  dessen, was der Lauf der Natur oder die Tätigkeit Anderer herbeiführen wird. Steht die erwartete Wirkung äußerer Ursachen in irgendeiner Beziehung zu meinen Interessen, so kann sie mich nicht gleichgültig lassen. Aber wo sie sofort als günstig erkannt wird, stellt sie keine Frage an unser Wollen, sie kann nur Hoffnung und Freude erwecken; nur wo das erwartete Geschehen in irgendeiner Hinsicht ein Übel für uns scheint, uns Schmerz, Verlust, Rechtsverletzung droht, unsere sonstigen schon gewollten Zwecke oder unsere unmittelbaren Begehrungen kreuzt, stellt unseree Voraussicht die Frage, ob wir es  hindern  sollen. Das Projekt also, das uns dann beschäftigt, ist das  Nichtsein  eines vorausgesehenen Ereignisses. Es bedarf keiner Ausführung, wie vielfach unsere Überlegung durch solche Fragen der  Abwehr  dessen, was uns widerwärtig ist, in Anspruch genommen wird.


1. b) Das Stadium der Überlegung

α) Die Überlegung der Frage:  Soll  ich? kann zu einem sicheren und unzweifelhaften Resultat führen oder nicht.

Die Prämissen, von denen das überlegende Denken ausgeht, sind zu einem großen Teil schon vorher festgestellt: allgemeine Zwecke und Regeln, aus denen die Bejahung eines speziellen Zweckgedankens mit logischer Notwendigkeit und ohne Einsprache von irgendeiner Seite her zweifellos erfolgt, sobald die Subsumtion des vorliegenden Einzelfalls vollzogen ist. In solchen Fällen kommt das Stadium der Überlegung kaum zu Bewußtsein; die Gewohnheiten des Denkens vollziehen sich ohne besondere Aufmerksamkeit, und ebenso folgt das Wollen der Gewohnheit. Niemand bedarf der ausdrücklichen Überlegung, ob er unter den gewöhnlichen Verhältnissen sein Berufsgeschäft treiben soll; der Kaufmann nicht, ob er seinen Kunden die Waren zeigen, überlassen und Bezahlung dafür nehmen soll; der Arzt nicht, ob er zu seinen anstehenden Patienten zur gewohnten Zeit gehen soll; es versteht sich von selbst, daß er das will.

In anderen Fällen wird die Bejahung des Zwecks herbeigeführt dadurch, daß einem lebhaften irgendwoher im Augenblick erregten Begehren die Reflexion nur keine Hemmung entgegenzusetzen weiß. Wer Erdbeeren im Wald findet, hat keine Regel, aus der er beschließen müßte sie zu pflücken; er pflückt sie, weil ihm nach dem Wohlgeschmack gelüstet; aber er folgt doch nur darum dem Begehren, weil weder ein Rechtsgrund noch etwa eine diätische Vorsicht ihn abhalten. Weil er durch solche Erwägungen, wenn auch noch so flüchtig, hindurchgeht, ist sein Tun keine reine Folge der Begierde, obgleich diese den einzigen  positiven  Grund seines Wollens enthält.

Ebenso wird, wo es sich um die Frage handelt, ob ich etwas verhindern soll, entweder der schon festgestellte allgemeine Zweck entscheiden, den das drohende Ereignis vereiteln würde, oder eine lebhafte Abneigung gegen eine Unlust, wie wenn ich eine Öffnung schließe, durch die Rauch in mein Zimmer dringt; in diesem Fall ist nur das aus der erwarteten Unlust entsprungene negative Begehren der Grund meines Wollens; aber ein Willensakt wird doch vollzogen, sofern ich zugleich sehe, daß keine andere Rücksicht die Abwehr der Schädlichkeit verbietet. Die Beweglichkeit des menschlichen Denkens ist im normalen Zustand so groß, daß wir immer das Recht haben, zunächst nicht das einfache unmittelbare Begehren, sondern das vom Wollen bejahte Begehren vorauszusetzen.

Sondert sich in solchen Fällen die Überlegung meist nicht als besonderes Stadium aus, wenn nicht die Komplikation der Frage eine ausdrückliche Anstrengung des Denkens erfordert, so steht es umgekehrt da, wo das überlegende Denken zu  keinem bestimmten Ja oder Nein kommt. 

Diese Unvollendbarkeit tritt vor allem da ein, wo inkommensurable Interessen in Konflikt treten, Pflicht und Neigung, Ehre und Vorteil; wo sich also von verschiedenen Prämissen aus entgegengesetzte Resultate ergeben, ohne daß der Wert derselben mit demselben Maßstab gemessen werden könnte; hier gestaltet sich die Überlegung zum inneren  Kampf den keine noch so feine und umfassende Rechnung beenden kann, wie die Ungewißheit, was vorteilhafter ist, oder was sittlich richtiger ist, sich durch Denken beenden läßt.

Das überlegende Denken ist aber auch dann unvollendbar, wenn der als Zweckgedanke sich darbietende künftige Zustand sich nicht in seiner Totalität mit allen Nebenumständen und Folgen voraussehen läßt, wenn mit der Befriedigung, die er in irgendeiner Hinsicht verspricht, Gefahren der Nichtbefriedigung in anderer Hinsicht verbunden sind. Die Frage, ob ich eine mir angebotene Stellung annehmen soll, macht mir unmöglich, alles zu überblicken, was dieselbe mit sich bringen wird; im besten Fall muß ich mit Wahrscheinlichkeiten operieren, die sich nicht schätzen lassen, und es ist ganz vergeblich, vom rechnenden Denken den entscheidenden Abschluß als sichere Konklusion aus gegebenen Prämissen zu erwarten; die Überlegung kommt nicht zum Ziel, und soll die Willensentscheidung erfolgen, so muß sie einen anderen Charakter als den eines seiner zureichenden Gründe sich bewußten Beschlusses annehmen.

β) Die Überlegung über die Frage  "kann ich"  (im Sinne der bloß physischen, nicht der sogenannten moralischen Möglichkeit, die unter die Frage fällt) ist rein theoretischer Natur. Sie betrifft die Kausalverhältnisse, die zwischen Bewegungen meiner Glieder und dem projektierten Zustand bestehen, und ihre Beantwortung ist bedingt durch die Kenntnis der Gesetze, nach denen Veränderungen bestimmter Dinge von den auf sie gerichteten Bewegungen und der gegenseitigen Lage, in welche sie dadurch kommen, abhängig sind. Wo diese Verhältnisse sehr einfach und unserer Vorstellung geläufig sind, wo z. B. eine einfache eingeübte Bewegung ausreicht, meinen Zweck zu verwirklichen, kommt diese Frage, weil sie zu keinem Denken reizt, nicht für sich zu Bewußtsein; die psychologische Assoziation führt den Gedanken der nötigen Handlung herbei und ohne Hemmung geht der Willensimpuls daraus hervor. Wenn mir eine Erklärung zur Unterschrift vorgelegt wird, überlege ich nicht, ob ich die Fähigkeit habe meinen Namen zu unterschreiben; ist die Frage: Soll ich? bejaht, so folgt die Handlung ohne ein dazwischentretendes weiteres Denken, auch die einzelnen Züge der Feder bedürfen keiner besonderen Willensimpulse, sondern laufen nach eingeübten Assoziationen auf einen einzigen Anstoß ab.

In anderen Fällen steht zwar die Möglichkeit, meinen Zweck zu realisieren, im Allgemeinen fest, es gibt mir bekannte Ursachen, die den Zweck herbeiführen, und diese Ursachen sind der Art, daß ich sie in Bewegung setzen kann; aber dieses Können ist kein unbedingtes, sondern hängt von den jeweiligen Umständen, von der Abwesenheit negativer Bedingungen usw. ab. Der Gedanke, ein Haus zu erwerben, oder an einen bestimmten Ort zu reisen, enthält keine Unmöglichkeit, wie der Gedanke, das Wetter zu regulieren; ich weiß, was dazu gehört, und daß ich unter Umständen in der Lage sein werde, das Projekt auszuführen; ob aber diese Umstände schon vorhanden sind oder später eintreten, und auf welchem Weg mir die Erreichung des Ziels möglich sein wird, weiß ich nicht.

Bestimmter gestaltet sich meine Einsicht, wenn ich einerseits erkenne, daß für die Gegenwart mein Projekt ncht realisierbar ist, andererseits aber von der Zukunft eine Änderung der Umstände erwarte, die mir dasselbe möglich macht. Eine Reise nach Rom ist für jetzt unausführbar, denn ich habe keine Zeit und kein Geld dazu; aber ich erwarte, daß die Zukunft mir beides verschaffen wird, die Überlegung der Möglichkeit führt also zu einem Resultat, das bestimmt bejahend, nur gegenüber von dem, was ich jederzeit und augenblicklich vermag, zeitlich eingeschränkt ist.

Auch diese verschiedenen Abstufungen der Möglichkeit führen zu Modifikationen in der Natur des dritten Moments, das wir oben genannt haben, der Willensentscheidung.
LITERATUR - Christoph Sigwart, Kleine Schriften, Bd. II, Freiburg i. Br. 1889
    Anmerkungen
    1) ZITELMANN, Irrtum und Rechtsgeschäft (Seite 36 verglichen mit Seite 129, Anm.), dessen eingehenden, sorgfältigen und methodischen Analysen der hier in Betracht kommenden psychologischen Tatsachen ich im Wesentlichen zustimmen kann, obgleich ich in der Terminologie abweiche. Nur gegen den Satz Seite 72, daß der Wille (d. h. der Bewegungsimpuls) gedacht werden muß als ansich außerhalb jeder Verbindung mit der Vorstellung stehend, habe ich Bedenken, die im Folgenden näher ausgeführt sind.
    2) Gegen diese Unterscheidung hat LAAS in einem scharfsinnig analysierenden und reichhaltigen Artikel "Die Kausalität des Ich" (Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, IV. Jahrgang, Heft 1. 2. 3) auf Seite 329 Einwendungen erhoben, die ich nicht für berechtigt halten kann. Er geht von einem Gegensatz zwischen Tun und Leiden, Freiheit und Abhängigkeit des Ich aus, und bestimmt den Ursprung des Gegensatzes zwischen Tun und Leiden ganz richtig dahin, daß "Leiden" ursprünglich Veränderungen bezeichnet, die der Mensch wider Willen an sich und in sich erfährt, zumal solche, die unangenehm und schmerzlich sind; diejenigen Veränderungen aber Taten genannt werden, die von seinem Wünschen und Wollen abhängig waren; und daß für die Taten zunächst keine weiteren Ursachen gesucht wurden, weil der Mensch seine eigene Tat aus seinem Wollen völlig verständlich fand. - - - Leiden, führt LAAS fort, ist immer unfrei, nur Tätigkeiten sind frei. "Die Anwendung des Freiheitsprädikats aufgrund eigener innerer Erfahrungen ist eine verschiedene, je nach dem Standpunkt, den wir uns gegenüber einnehmen; sie ist vor allem eine grundverschiedene, je nachdem wir nur auf den vorliegenden Zeitpunkt achten oder weitere Rücksichten nehmen. Das Ich fühlt sich in jedem Moment bei dem, was in ihm und mit seinem Leib geschieht, insoweit frei, als es fühlt und glaubt, mit seinem Wollen den betreffenden Vorgang kausiert zu haben und so weit und so lange eigener Beifall ihn begleitet." "Übrigens" fährt die Note fort, "ist es dafür gleichgültig, ob die Handlung mit oder ohne Reflexion geschieht. Simultan fühlt sich das Ich ebenso frei, wenn es, wie der Hund, nach dem vorgehaltenen Bissen sofort begehrlich schnappt, wie, wenn es sich erst nach einer Überlegung entscheidet." Hier kann ich den Zweifel nicht unterdrücken, ob eine Handlung, die ohne Reflexion geschieht, bei der das Bewußtsein sich nur auf den gegenwärtigen Zeitpunkt bezieht, überhaupt mit dem Bewußtsein der  Freiheit  verknüpft sein kann, und nicht vielmehr bloß mit Bewußtsein und etwa noch mit einem Gefühl der Lust  geschieht.  Daß ich zwischen  freien  Tätigkeiten und nicht freien in mir selbst unterscheide, ist doch nur möglich, wenn ich nicht nur auf den vorliegenden Zeitpunkt achte, sondern das Bewußtsein meiner selbst als einheitlichen Subjekts habe, aus dem eine  Mehrheit  von Tätigkeiten in der Zukunft hervorgehen kann, oder in der Vergangenheit hervorgehen konnte, und mir bewußt bin, durch  mein Wollen  eine dieser möglichen Tätigkeiten verwirklicht zu haben; das Bewußtsein der Freiheit setzt notwendig voraus, daß ich mich über den einzelnen Moment erhebe, nicht in ihm aufgehe, daß durch einen ausdrücklichen Akt erst für eine als möglich vorgestellte Tätigkeit entschieden wird. Es ist dabei wahr, daß nicht jedem besonnenen Entschluß ein Kampf zwischen Reizen und Gegenreizen vorangegangen sein muß (Laas Seite 330, Note); aber ein Entschluß ist doch nur dann ein  besonnener,  wenn er nicht bloß den augenblicklichen Drang und die daraus erwartete Lust ins Auge faßt, vielmehr weiter hinaus auf die übrigen Interessen des Subjekts und die Folgen seines Tuns achtet. Dafür, ob ein Tun als ein im strengen Sinne  gewolltes  angesehen werden kann, hat das Dazwischentreten der Reflexion nicht bloß sekundäre, sondern fundamentale Bedeutung. Denn die Einwände von LAAS ruhen zuletzt auf seiner Definition von Wollen, die er Seite 44 gibt. Er nennt jeden eine willkürliche Bewegung hervorbringenden "Wunsch" - der Ausdruck ist nicht geschickt gewählt, ich würde lieber sagen Streben - ein Wollen. Diese Definition scheint mir einerseits zu weit, da zum Wollen ein Selbstbewußtsein gehört, das sich der einzelnen Aktion gegenüberstellt, andererseits zu eng, sofern Wollen und selbst Absicht nur da sein soll, wo die Tat unmittelbar folgt. "Tat muß sein, wo wirklich Wille und Absicht zugestanden werden soll". Wie sind dann die Akte zu nennen, in denen ich beschließe zu einer bestimmten Zeit etwas zu tun? - - - Sobald ich nun von dem Bewußtsein aus, ein einheitliches Subjekt aller meiner Tätigkeiten zu sein und durch meine Willensentscheidung die einen zu verwirklichen, andere zu unterlassen, die Vorgänge in mir auffasse, dann scheint mir unanfechtbar zu sein, daß ich die bloßen Begehrungen, das Gelüsten nach etwas, den Reiz, den ein Gegenstand des Genusses auf mich ausübt, in mir als etwas erlebe, was ohne  mein  Zutun ins Bewußtsein tritt, also von diesem Gesichtspunkt aus etwas Passives ist, wie es ja von jeher als  pathos, passio  bezeichnet wurde; und daß, wo so entstandene Begehrungen ohne weiteres Bewegungen erzeugen, wie ich es vom Tier voraussetze, ich diese nicht als eigentlich gewollte und damit auch nicht als freie bezeichnen darf; und daß dieser ganze Ablauf von diesem Standpunkt aus ein unwillkürlicher genannt werden muß, weil eben kein bewußtes Wollen dazwischen tritt. - - - LAAS meint, es sei nicht einzusehen, wie der durch eine hemmende Überlegung herbeigeführte zeitweilige Aufenthalt ansich so schwerwiegende Diskrimina hervorbringen soll. Der Aufenthalt ansich tuts freilich nicht, sondern die Tätigkeit des Subjekts, die in der Überlegung und dem daraus hervorgehenden Wollen zutage tritt; die Art, wie das Tun das einemal und das anderemal aus dem Subjekt hervorgeht, ist eine wesentlich verschiedene. Dort, bei widerstandslosen Befriedigen eines momentanen Begehrens, verhält sich das Subjekt nicht anders, als der Stein SPINOZAs, bei dem die folgende Bewegung aus der vorangehenden nach Naturgesetzen folgt; es ist eine einfache Reihe aufeinanderfolgender Zustände; der Stein, wenn er ein Bewußtsein hätte, würde empfinden, daß er sich bewegt, das Tier empfindet ebenso, daß es sich bewegt und Lust davon genießt. Aber LAAS sagt selbst ganz treffend, der Stein SPINOZAs würde sich nicht  frei  fühlen, sollte er auch Bewußtsein davon und Freude an dem haben, was mit ihm geschieht, wenn er nicht zugleich glauben würde, daß er durch seinen  Willen  seine Bewegung kausiert hat; und ebenso kann das Tier, das blindlings und ohne Reflexion seiner Begierde folgt, nicht eines Wollens bewußt sein und sich nicht frei fühlen. Die ganze Ausführung von LAAS verkennt die spezifische Natur des Wollens im Unterschied zum widerstandslos in uns aufsteigenden Begehren und Gelüsten; verkennt, daß das Bewußtsein, eine Bewegung kausiert zu haben, überhaupt nicht ohne Reflexion möglich ist.