cr-4 A. Martyvon PfordtenA. StöhrE. Martinak    
 
CHRISTOPH SIGWART
Die Impersonalien
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"Es ist insbesondere unmöglich, durch ein eine einzelne Vorstellung ausdrückendes Wort ohne alle weitere Beziehung auch nur die einfachste Tatsache mitzuteilen; wer erführe etwas, wenn ich ohne alles erratbare Motiv sagte: Gewitter - Sonnenfinsternis - Krieg - fallen - reiten usw. Es hat also seinen guten Grund, daß die menschliche Rede sich nicht in isoligerten Wörtern bewegen kann, vielmehr das Aussprechen von Wörtern nur einen Sinn hat, wenn dadurch irgendeine, im einzelnen Wort für sich noch nicht enthaltene  Beziehung  seines Inhalts zu anderen Bewußtseinsobjekten gestiftet und der Hörende aufgefordert wird, diese Beziehung auch für sich herzustellen."

Die alte und viel verhandelte Frage nach dem Wesen der sogenannten  Impersonalien  und der durch sie gebildeten Sätze, die neuerdings auch als  "subjektlose Sätze"  bezeichnet werden, hat ihr Hauptinteresse darin, daß die Erklärung dieser Redeweisen eine Probe zugleich für die grammatische Lehre vom Satz und für die logische Lehre vom Urteil abgeben muß. Das Problem ist ja eben das, wie denn die Tatsache dieser Sätze mit der in Grammatik und Logik übereinstimmend überlieferten Lehre zu vereinigen sei, daß jeder Satz Subjekt und Prädikat haben müsse, jedes Urteil einen Prädikatsbegriff von einem Subjekt bejahe oder verneine. Sowohl vom grammatischen wie vom logischen Standpunkt aus schien in einer Aussage wie "pluit" [es regnet - wp] das unerläßliche Subjekt zu fehlen und doch konnte nicht bestritten werden, daß dieses  pluit  eine Behauptung enthalte, die wahr oder falsch sein könne, als den logischen Charakter eines Urteils, den grammatischen eines Aussagesatzes habe.

In der Tat zeigt eine Übersicht über die bisher aufgetretenen weit auseinandergehenden Erklärungsversuche die Verlegenheit, in welche die besonders in den neueren Sprachen sehr häufigen impersonalen Redewendungen sowohl Grammatik wie Logiker versetzt haben; und diese Verlegenheit rührt hauptsächlich davon her, daß die überlieferte Logik der Grammatik nur eine unvollständige und einseitige Theorie des Urteils zu bieten hatte, zum Teil auch davon, daß die Gesichtspunkte und die Terminologie der Grammatiker und Logiker sich nicht überall deckten.

In letzter Zeit hat hauptsächlich MIKLOSICH die Aufmerksamkeit wieder auf die alte Streitfrage gelenkt (1) und einer Übersicht über die verschiedenen Theorien der Grammatiker und Logiker eine höchst verdienstliche Sammlung von Beispielen aus verschiedenen hauptsächlich slavischen Sprachen hinzugefügt, welche er in eine Anzahl von Klassen zu ordnen sucht. Er ist dabei geneigt, im Anschluß an BRENTANO von der sprachlichen Tatsache der "subjektlosen Sätze" aus die hergebrachte Lehre vom Urteil umzugestalten, nach welcher jedes Urteil in einer Verbindung oder Trennung zweier Elemente bestehe, also notwendig zweigliedrig sei; das Wesentliche des Urteils soll vielmehr das Anerkennen oder Verwerfen sein und dieses entweder nur  einen  Begriff oder das Verhältnis  zweier  wie Subjekt und Prädikat sich verhaltender Begriffe betreffen.

1. Aus dieser lehrreichen Untersuchung geht jedenfalls aufs Neue hervor, daß es vor allem ein  logisches Problem  ist, das diese sprachlichen Erscheinungen in sich schließen und von dieser Seite wünschte ich einen Beitrag zur Lösung der Frage zu geben (2); die eigentliche sprachgeschichtliche Untersuchung und damit die Diskussion einer Menge speziellerer grammatischer Punkte muß ich den Philologen überlassen.

Beide Gesichtspunkte zu trennen ist trotz ihres engen Zusammenhangs nicht nur möglich, sondern notwendig. Die sprachliche Tatsache der impersonalen Wendungen stellt nämlich von einer Seite die Frage: was denkt derjenige, der heute diese Redewendungen gebraucht, was ist der innere Vorgang in seinem Bewußtsein, den er durch die von den Gewohnheiten der Sprache ihm gebotenen Wendungen ausdrücken will? Von der anderen Seite die Frage: wie ist es gekommen, daß die überlieferte Sprache gerade diese Redewendungen bietet und wie sind sie geschichtlich geworden? Das erste ist eine psychologisch-logische Frage, die nur durch Reflexion auf das, was wir vorstellen und denken, zuletzt beantwortet werden kann; das zweite ist eine Frage der Sprachgeschichte.

Beides fällt oft genug völlig auseinander. Die in der jetzigen Sprache vorhandene Bedeutung eines Wortes kann unzweifelhaft sein, ohne daß wir wissen, warum die Sprache gerade dieses Wort für die gegebene Vorstellung bietet. Was der Hahn an einem Faß ist, weiß jeder; aber wer weiß, warum er für diesen Gegenstand dasselbe Wort gebraucht, das den krähenden Vogel bezeichnet? Wer einen Satz mit "überhaupt" beginnt, will damit ausdrücken, daß, was er nun sagt, eine allgemeine Wahrheit enthalte, unter welcher das vorher Behauptete als besonderer Fall enthalten sei; aber warum gebraucht er dafür einen Ausdruck, der wörtlich super caput [drohend über einem Haupt - wp] bedeutet? Das gilt nicht bloß von Übertragungen, sondern zuletzt auch von den Grundbedeutungen der Wörter; wie die Vorstellungen, die ich mit Mensch und mit Vater bezeichne, in uns zustande kamen, ist kein Geheimnis; wie aber die Wörter Mensch und Vater etymologisch zu erklären sind, ist eine ganz andere Frage. Und was von einzelnen Wörtern unzweifelhaft gilt, das kann auch bei zusammengesetzteren Redewendungen zutreffen; es ist auch hier nicht ausgeschlossen, daß wir einen bestimmten Gedanken in bloß gewohnheitsmäßiger und konventioneller Weise durch Worte wiedergeben, ohne uns ihren ursprünglichen Sinn und den Grund klar zu machen, aus dem wir gerade diese Wendung wählen; das begegnet uns besonders bei einer Menge sprichwörtlicher Redensarten; ins Bockshorn jagen, über den Löffel barbieren - sprechen wir gläubig nach, ohne uns bei dem Löffel oder dem Bockshorn etwas Verständliches zu denken; der Sinn der Elemente des Ausdrucks ist verschwunden, nur seine einheitliche Bedeutung geblieben.

Zuletzt freilich geht, wie die erste Sprachschöpfung, so auch die Übertragung und die Ausbildung gewohnheitsmäßiger Redensarten auf psychologische Gründe und Gesetze zurück; aber einerseits hat der Redende kein Bewußtsein derselben, andererseits läßt sich aus ihnen höchstens die Möglichkeit, nicht die Notwendigkeit bestimmter Sprachgewohnheiten deduzieren. Die Aneignung einer gegebenen Sprache bewegt sich in ganz anderen Bahnen als die ursprüngliche Schöpfung und allmähliche Ausbildung derselben.

2. Die Natur der Sprache läßt auch den Weg unsicher erscheinen, den man zunächst versucht sein könnte einzuschlagen, nämlich auf den inneren Vorgang, der sich in den impersonalen Sätzen ausdrückt, aus der gemeinsamen sprachlichen Form zurückzuschließen, welche sie grammatisch annehmen. Stimmen sie darin überein, daß sie einen verbalen Ausdruck - ein einfaches Verbum oder das mit einem Adjektiv oder Substantiv verbundene Verbum Sein - ohne ein ausdrücklich genanntes und bestimmt bezeichnetes Subjekt bieten, so liegt es nahe, eben von dieser grammatischen Tatsache auszugehen und daraus den entsprechenden inneren Vorgang zu konstruieren und von diesem Gesichtspunkt aus haben die meisten Theorien für alle impersonalen Wendungen zunächst eine einzige, für sämtliche Beispiele in gleicher Weise genügende Erklärung gesucht.

Allein dieser Rückschluß aus dem, was gesagt, auf das, was gedacht wird, ist zuerst darum unsicher, weil, wie SCHUPPE (a. a. O. Seite 258f) vollkommen zutreffend hervorhebt, nicht alles, was gedacht wird, auch notwendig seinen besonderen Ausdruck in der Sprache findet, ja vieles in seiner Natur nach gar nicht finden kann; es gibt keine Sprache, bei der der Hörende nicht viele subintelligiren [unterschwellig reinhören - wp] müßte. Es kann also niemals aus dem Fehlen einer bestimmten sprachlichen Bezeichnung auf das Fehlen eines Gedankens geschlossen werden.

Zum Zweiten aber wird die Voraussetzung, daß die Übereinstimmung der äußeren grammatischen Fom auf Gleichartigkeit des zugrunde liegenden Gedankens hinweise, durch sonstige Analogien nicht gerechtfertigt; der proteusartige Charakter der Sprachformen zeigt sich vielmehr eben darin, daß dieselben Zeichen zum Ausdruck von Gedanken verwendet werden, welche die Logik unterscheiden muß; wie die meisten Wörter der Sprache vieldeutig sind, so auch ihre formellen Ausdrucksmittel. Dieselbe Flexionsform des Präsens bezeichnet das eine Mal den gegenwärtigen Augenblick, das andere Mal eine von allen Zeitunterschieden unabhängige Geltung; die Substantivform hat zu ihrem Inhalt Dinge, Eigenschaften, Zustände, Vorgänge, Relationen; im Zusammenhang damit stellt die Personalendung des Verbs zwischen dem Verbalbegriff und dem Subjekt eine Einheit her, die ihrem logischen Charakter nach in verschiedenen Fällen sehr verschieden ist und nicht so leicht auf einen und denselben scharfen Begriff gebracht werden kan. Es ist also bedenklich, aus einem irgendwie konstruierten allgemeinen Begriff des Sinnes der Verbalprädikation die einzelnen Erscheinungen zu erklären; vielmehr muß erst aus dem Inhalt dessen, was gedacht wird, der genaue Sinn auch dieser formellen Elemente festgestellt und entschieden werden, ob sie sich wirklich auf denselben Begriff bringen lassen.

Diese Vieldeutigkeit der Sprachformen könnte auch in den impersonalen Ausdrücken möglicherweise vorhanden sein und daraus folgt, daß nicht von der gemeinsamen grammatischen Erscheinung überhaupt, sondern nur von den einzelnen Beispielen ausgegangen werden kann, auch auf die Gefahr hin, ausführlicher zu werden, als auf den ersten Blick für eine vereinzelte Frage nötig erscheint. Die Aufgabe ist, zunächst in den einzelnen Fällen auf den inneren Vorgang zurückzugehen und diesen aus seinen psychologischen Bedingungen zu verstehen, um daraus erst zu entscheiden, ob die gleiche sprachliche Form auch wirklich immer dasselbe meint; vielleicht ergibt sich auch, daß zwischen denjenigen Gedanken, die sich in impersonalen Wendungen Ausdruck geben und den anderen, welche in dem regelrechten Satz mit bestimmtem Subjekt und Prädikat sich darstellen, keine so feste Grenze besteht, daß die impersonalen Sätze eine leicht abgrenzbare Spezies des Satzes oder des Urteils bildeten.

Wenn aber der innere Vorgang, der dem sprachlichen Ausdruck zu Grunde liegt, nächster Gegenstand der Untersuchung sein muß, so kann es sich nicht darum handeln, daß wir diesen inneren Vorgang ganz losgelöst von aller Beziehung zu der sprachlichen Bezeichnung betrachten wollten. Denn das Verhältnis unserer Vorstellungen zu den uns geläufigen bedeutsamen Wörtern überhaupt ist ein wesentlicher Teil des ganzen psychologischen Tatbestandes, aus dem der einzelne Ausdruck hervorgeht; überdem wäre es auch vergeblich, auf ein völlig wortloses und von der Sprache noch unberührtes Denken mit der Reflexion zurückzugehen, da wir ein von der Sprache unabhängiges Denken in unserer Erfahrung nicht finden und nur eine künstliche Analyse in unserem konkreten Denken diejenigen Elemente trennen könnte, welche vor der Sprache und unabhängig von dieser vorhanden sein mußten und diejenigen, welche mit dem Gebrauch der Wörter verflochten sind (womit sehr wohl vereinbar ist, daß im einzelnen Fall unterschieden werden kann zwischen dem, was gedacht und dem, was in der Sprache bestimmt ausgedrückt wird).

Das Zurückgehen auf die im Sprechen überhaupt sich betätigenden psychologischen Funktionen kann auch allein zu einer vollständigen Analyse der Urteilsfunktion führen und die einseitigen Auffassungen des Urteils, welche vorzugsweise diese Frage verwirrt haben, berichtigen helfen; und so werden wir einige allgemeine Sätze über das Verhältnis unserer Vorstellungen zu den Wörtern überhaupt vorauszuschicken haben.

Dabei können wir mit Rücksicht auf unseren Gegenstand uns zunächst auf ein bestimmtes Gebiet beschränken. Es ist zugestanden, daß die impersonalen Sätze ganz überwiegend dazu dienen, das unmittelbar, sei es äußerlich, sei es innerlich in einem bestimmten Zeitpunkt Wahrgenommene auszudrücken. Nicht allgemeine abstrakte Wahrheiten pflegen sich in dieses Gewand zu kleiden, sondern die Auffassung konkreter einzelner Erscheinungen, Vorgänge und Zustände; ob wir sagen: es blitzt, es donnert, es schneit oder: es friert mich, es ist mir bang, es ekelt mir - die Aussagen bewegen sich auf dem Boden des Konkreten und zwar meist im Gebiet der unmittelbaren Wahrnehmung und greifen nur nach einzelnen, später zu besprechenden Richtungen über dieses hinaus. (3) Zur vorläufigen Orientierung dürfen wir von den letzteren Fällen absehen und uns zunächst nur die Denktätigkeiten vergegenwärtigen, welche in der Auffassung des wahrnehmbaren Seins und Geschehens tätig sind.

3. Für unseren gegenwärtigen Zweck gehen wir dabei von einem Bestand von Vorstellungen der uns umgebenden wahrnehmbaren Welt aus, den jede neu eintretende Wahrnehmung schon vorfindet und in den sie sich einreiht. Daß die Welt ums uns her, die unsere Sinne uns zeigen, aus einer Menge großer und kleiner Dinge besteht, daß diese Dinge an verschiedenen Orten des Raumes sind, durch ihre Gestalt, ihre Farbe, ihre Härte, ihren Geruch usw. sich unterscheiden; daß sie, wenn wir sie durch aufeinanderfolgende Zeitpunkte hindurch beobachten, zum Teil sich bewegen, ihre Größe und ihre Eigenschaften ändern, zum Teil ruhig und unverändet beharren; daß sie in mannigfaltiger Weise aufeinander und auf uns wirken, sich drücken, drängen, stoßen, schlagen, uns wohl oder weh tun - diese Auffassung hat sich überall in vollkommen übereinstimmender Weise entwickelt und innerhalb dieser immer schon vorhandenen und uns bekannten Welt einzelner Dinge geht alles vor, was wir Neues erleben und auffassen können. Wie gerade diese Gestaltung unseres Weltbildes aus den zunächst gegebenen Sinnesempfindungen geworden ist, das zu untersuchen ist eines der schwierigsten und anziehendsten Probleme einer Psychologie, welche die vor aller bewußten Reflexion liegende Entwicklung des Geistes ergründen möchte; aber auch die scharfsinnigste Theorie ist doch nur eine mehr oder weniger wahrscheinliche Hypothese, welche den uns allen geläufigen und, wie wir meinen, unmittelbar verständlichen und klaren Tatbestand zum Ausgangspunkt nimmt; für die Erklärung der Impersonalien auf dieses hypothetische Gebiet zurückzugehen wäre erst notwendig, wenn die gegebenen entwickelten Vorstellungsformen etwa nicht ausreichten.

Ähnlich verhält es sich mit der Sprachgeschichte. Die Sprachen, die wir kennen, haben überall die Scheidung der Wörter in Substantiva, Adjektiva und Verba vollzogen und damit jener Gestaltung unserer vorgestellten Welt Ausdruck gegeben; auch die Grundformen der Satzbildung sind durchweg von dem Gedanken beherrscht, daß die Dinge Eigenschaften an sich haben und in der Zeit ein bestimmtes Verhalten zeigen und Tätigkeiten entwickeln. Auch hier ist ja kein Zweifel, daß diese Unterschiede der Wortgattungen erst aus einer früheren Phase geworden sind, aber für die nähere Art und Weise dieser Entwicklung sind wir ebenso auf Hypothesen angewiesen. Von diesen aber auszugehen ist umso weniger gefordert, als im Laufe der Geschichte die Verwendung der Impersonalien jedenfalls nicht in Abnahme begriffen ist und die ältesten Sprachdenkmäler sie ebenso als Ausnahmen vom regelrechten Satz zeigen, wie die heutige Sprache; ja in dem Gebiet, das auch dem Laien in der Sprachlehrsamkeit zugänglich ist, steht auf der einen Seite HOMER, der verschwindend wenige Beispiele zeigt und unser heutiges Deutsch, in dem von von Impersonalien wimmelt. (4) Die bekannte Sprachgeschichte zeigt also den impersonalen Satz nicht etwa als eine embryonale Form, aus der nachweisbar erst der vollständige, in Subjekt und Prädikat deutlich gegliederte Satz sich entwickelt hätte; ebenso könnte jener umgekehrt grammatisch als eine Verkümmerung und Rückbildung betrachtet werden, deren Motive teils im Zurücktreten der Phantasie, teils im Streben nach Kürze und in der Bequemlichkeit liegen, die sich erspart auszusprechen, was zum Verständnis entbehrlich ist.

4. Weit wichtiger als solche hypothetische Konstruktionen einer Entwicklung, die wir nicht beobachten können, ist die Analyse der Vorgänge, die tatsächlich unserem Sprechen in der entwickelten Sprache zugrunde liegen; und das Erste, was wir uns hier klar zu machen haben, ist die Funktion der Wörter überhaupt. Damit ein Wort zur Bezeichnung einer eben gegenwärtigen Vorstellung verwendet und vom Hörenden verstanden werden kann, ist notwendig, daß seine Bedeutung sowohl dem Sprechenden als dem Hörenden bekannt sei; und das setzt voraus, daß er, unabhängig von der gegenwärtigen Anschauung, einen schon früher gewonnenen und erinnerbaren Vorstellungsinhalt besitze, dessen Zeichen durch eine feste Assoziation das Wort geworden ist. Das gilt - um bei den Wörtern von anschaulicher Bedeutung stehen zu bleiben - von Eigennamen so gut wie von Appellativen, von Substantiven so gut wie von Adjektiven und Verben. Umd das Wort "Mensch" oder "rot" gebrauchen zu können, muß mir aus früherer Wahrnehmung das Bild der menschlichen Gestalt, die Erinnerung des Eindrucks der roten Farbe gegenwärtig sein; diese innere Vorstellung ist zunächst unmittelbar mit dem Wort verbunden und wird durch dasselbe im Hörenden wachgerufen. Ebenso knüpft sich an einen Eigennamen, dessen Bedeutung sowohl der Sprechende als der Hörende kennt, eine aus früherer Bekanntschaft, aus Bildern oder aus Mitteilung anderer stammende Vorstellung einer einzelnen Person, eines einzelnen Berges, einer Stadt usw., eine Vorstellung, die ich mit dem Bewußtsein festhalte, daß ihr Objekt von allen anderen gleichartigen Objekten unterschieden sei; was der Eigenname zunächst und unmittelbar repräsentiert, ist diese in der Erinnerung lebendige Vorstellung seines Trägers.

So wie diese Wortbedeutungen in unserer Erinnerung haften, sind sie aus ihren ursprünglichen Verbindungen losgelöst; das Wort "rot" setzt voraus, daß ich die Eigenschaft der roten Farbe in Gedanken von den verschiedenen roten Körpern, an denen ich sie wahrgenommen, getrennt habe; das Wort "fliegen" setzt voraus, daß ich diese bestimmte Bewegungsart unterschieden habe von den einzelnen fliegenden Tieren; obgleich, was ich fliegen sah, immer ein Vogel oder Käfer oder Schmetterling war und es sich von selbst versteht, daß "fliegen" ein fliegendes Ding voraussetzt, beweist doch das Wort selbst, daß ich das Bild des fliegenden Vogels in die Gestalt, die ich mir auch sitzend vorstellen kann, und die Art seiner Bewegung zerlegt habe und die letztere für sich festhalten kann, ohne gerade ein bestimmtes Ding, das fliegt, hinzuzudenken. Das Bild eines bekannten Menschen hat sich mir ebenso von seinen Umgebungen, von den verschiedenen Örtern, an denen ich ihn gesehen habe und von seinen bestimmten Stellungen, ob er stand oder saß oder ging, soweit losgelöst, daß ich nur die bleibenden Züge seiner Gestalt und seiner Gesichtsbildung fest behalten habe, obgleich ich, wenn ich ihn mir lebhaft vorstelle, ihn in irgendeiner Stellung vorstellen muß; aber diese gehört nicht unauflöslich zur Bedeutung seines Namens.

So repräsentieren die Wörter der Sprache eine Zahl von getrennten und relativ selbständigen Vorstellungselementen; nicht nur die räumliche und zeitliche Ordnung der wirklichen Welt erscheint darin aufgelöst, wie ein Mosaik in seine einzelnen Steine zerlegt, sondern auch die viel innigere Verbindung der einzelnen Dinge mit ihren Eigenschaften, Zuständen und Tätigkeiten; auch als einzelne, individuelle werden die wenigsten Anschauungen behalten, sondern nur ein gemeinsames Bild bleibt von der Menge gleichartiger Objekte zurück; die zahllosen Schafe oder Tannen, die ich schon gesehen habe, sind, da mich ihre Unterschiede nicht interessierten, durch ein einziges wenn auch verschiebbares Bild und durch dasselbe Wort von allgemeiner Bedeutung in meinem Gedächtnis vertreten. Es ist wie wenn der Satz eines Buches auseinandergebrochen wird und die gleichen Lettern zusammen in ein Fach gelegt und nur durch die Etikette des Faches vertreten werden.

Diese selbstverständlichen Sätze ist darum nicht ganz überflüssig hervorzuheben, weil doch zuweilen ihre Konsequenzne übersehen werden, wenn es sich umd die Deutung einer Aussage handelt.

Es geht zunächst daraus hervor, daß mit einem einzelnen Wort für sich, ohne eine ausgesprochene oder vom Hörenden aus den gegebenen Umständen hinzugefügte Ergänzung schlechterdings nichts Neues mitgeteilt werden kann. Denn das einzelne Wort für sich kann im Hörer eben nur eine der Vorstellungen wach rufen, die er von früher her hat, ohne alle Beziehung; er lernt daraus nichts, als daß ich jetzt an das durch das Wort bezeichnete denke, vielleicht ganz zufällig oder willkürlich und ist aufgefordert, sich nun dasselbe zu vergegenwärtigen; aber er gewinnt nichts, was er nicht schon hätte und in welche für ihn wichtige Beziehung er nun diese Vorstellung setzen soll, muß ihm völlig dunkel bleiben. Wenn UHLAND ein Gedicht beginnt: Saatengrün, Veilchenduft, Lerchenwirbel, Amselschlag, Sonnenregen, linde Luft - so erwecken diese Wörter wohl Bilder im Hörer und vermögen etwa die damit verbundenen angenehmen Gefühle zu beleben; aber wozu er sich das vorstellen soll, sagt erst die Folge. Und wer ein ganzes Wörterbuch durchläse, dem würde damit schlechterdings nichts geboten als die Aufforderung in buntem Wechsel sich alles Mögliche vorzustellen, was er schon kennt.

Es ist insbesondere unmöglich, durch ein eine einzelne Vorstellung ausdrückendes Wort ohne alle weitere Beziehung auch nur die einfachste Tatsache mitzuteilen; wer erführe etwas, wenn ich ohne alles erratbare Motiv sagte: Gewitter - Sonnenfinsternis - Krieg - fallen - reiten usw.

Es hat also seinen guten Grund, daß die menschliche Rede sich nicht in isoligerten Wörtern bewegen kann, vielmehr das Aussprechen von Wörtern nur einen Sinn hat, wenn dadurch irgendeine, im einzelnen Wort für sich noch nicht enthaltene  Beziehung  seines Inhalts zu anderen Bewußtseinsobjekten gestiftet und der Hörende aufgefordert wird, diese Beziehung auch für sich herzustellen.

Kein Zweifel daß, zumal in der ungebundenen mündlichen Rede, auch durch einzelne Wörter vielfach ein anderer Erfolg, als der der bloßen Reproduktion vielfach ein anderer Erfolg, als der der bloßen Reproduktion einer Vorstellung erreicht wird; aber nur unter der Bedingung, daß der Angeredete die nicht ausgesprochene Beziehung ergänzt. Wenn ich rufe: "Hans", so will ich ihn aufmerksam machen; er ergänzt, daß ich etwas von ihm will, aus der Tatsache des Rufens selbst; wenn ich kommandiere: halt! vorwärts! vorfahren! so weit der Angeredete, daß  er  etwas tun soll; die Worte: prachtvoll, abscheulich, traurig, Schade, mit denen ich einen Anblick oder eine Erzählung begleite, beurteilen das Gesehene oder Berichtete; "sehr verbunden" meint ebenso unzweifelhaft mich, als das Wort Schurke oder Commediante vom Angeredeten auf das richtige Subjekt bezogen wird.

Wo aber diese Ergänzung des ausgesprochenen Wortes unsicher und nicht durch die Situation selbst angezeigt ist, da muß auch sie sprachlich bezeichnet werden und daraus ergibt sich, daß die menschliche Rede, um etwas zu sagen und ihren Zweck zu erreichen, in der Regel durch die Wörter selbst die geforderte Beziehung zweier oder mehrerer Bewußtseinselemente herstellen und also mindestens zweigliedrig sein muß.
LITERATUR - Christoph Sigwart, Die Impersonalien - eine logische Untersuchung, Freiburg/i. B. 1889
    Anmerkungen
    1) FRANZ MIKLOSICH, Subjektlose Sätze, 2. Auflage, Wien 1883
    2) Die Abhandlung von WILHELM SCHUPPE über denselben Gegenstand (Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft, Bd. XVI, 1886), die mir erst zu Gesicht gekommen ist, nachdem die vorliegende Ausführung schon entworfen war, enthält viele richtige Gesichtspunkte, mit denen ich, wenn auch auf anderem Wege, zusammentreffe.
    3) Vgl. HERMANN PAUL, Prinzipien der Sprachgeschichte, 2. Auflage, Seite 107
    4) MIKLOSICH bestreitet Seite 13f zwar gegen BENFEY die Behauptung, daß eine Zunahme der impersonalen Wendungen beweisbar sei; es will mir aber scheinen, daß seine Gründe nicht überzeugend sind.