cr-4 Wissenschaft und MachtWissenschaft als Beruf    
 
ARTHUR SCHOPENHAUER
(1788-1860)
Über die
Universitätsphilosophie


"Wie weit wird man noch reichen mit der oktroyierten Rockenphilosophie, oder mit hohlen Wortgebäuden, mit nichtssagenden, oder selbst die gemeinsten und faßlichsten Wahrheiten durch Wortschwall verundeutlichenden Floskeln, oder gar mit hegelischem absoluten Nonsens? - Und nun noch andererseits, wenn dann auch wirklich der redliche Johannes aus der Wüste käme, der, in Felle gekleidet und von Heuschrecken genährt, von all dem Unwesen unberührt geblieben, unterweilen, mit reinem Herzen und ganzem Ernst, der Forschung nach Wahrheit oblegen hätte und deren Früchte jetzt anböte; welchen Empfang hätte er zu gewärtigen von jenen zu Staatszwecken gedungenen Geschäftsmännern der Katheder, die mit Weib und Kind von der Philosophie zu leben haben? - O, wie wird es dir da ergehn, mein armer Johannes aus der Wüste, wenn, wie zu erwarten steht, was Du bringst nicht der stillschweigenden Konvention der Herren von der lukrativen Philosophie gemäß abgefaßt ist! Sie werden dich ansehn als Einen, der den Geist des Spiels nicht gefaßt hat und dadurch es ihnen Allen zu verderben droht; mithin als ihren gemeinsamen Feind und Widersacher. Wäre was du bringst nun auch das größte Meisterstück des menschlichen Geistes; vor ihren Augen könnte es doch nimmermehr Gnade finden."

"Es ist alles nur eine Szene des Schauspiels, welches wir zu allen Zeiten, in allen Künsten und Wissenschaften, vor Augen haben, nämlich den alten Kampf derer, die  für  die Sache leben, mit denen, die  von  ihr leben, oder derer, die es  sind,  mit denen, die es  vorstellen.  Den Einen ist sie der Zweck, zu welchem ihr Leben das bloße Mittel ist; den Andern das Mittel, ja die lästige Bedingung zum Leben, zum Wohlsein, zum Genuß, zum Familienglück, als in welchen allein ihr wahrer Ernst liegt; weil hier die Grenze ihrer Wirkungssphäre von der Natur gezogen ist. Wer dies exemplifiziert sehn und näher kennenlernen will, studiere Literaturgeschichte und lese die Biographien großer Meister in jeder Art und Kunst. Da wird er sehn, daß es zu allen Zeiten so gewesen ist, und begreifen, daß es auch so bleiben wird. In der Vergangenheit erkennt es Jeder; fast Keiner in der Gegenwart. Die glänzenden Blätter der Literaturgeschichte sind, beinahe durchgängig, zugleich die tragischen. In allen Fächern bringen sie uns vor Augen, wie, in der Regel, das Verdienst hat warten müssen, bis die Narren ausgenarrt hatten, das Gelage zu Ende und Alles zu Bett gegangen war: dann erhob es sich, wie ein Gespenst aus tiefer Nacht, um seinen, ihm vorenthaltenen Ehrenplatz doch endlich noch als Schatten einzunehmen."


Daß die Philosophie auf Universitäten gelehrt wird, ist ihr allerdings auf mancherlei Weise ersprießlich. Sie erhält damit eine öffentliche Existenz und ihre Standarte ist aufgeplanzt vor den Augen der Menschen; wodurch stets von Neuem ihr Dasein in Erinnerung gebracht und bemerklich wird. Der Hauptgewinn hieraus wird aber sein, daß mancher junge und fähige Kopf mit ihr bekannt gemacht und zu ihrem Studio auferweckt wird. Inzwischen muß man zugeben, daß der zu ihr Befähigte und eben daher ihrer Bedürftige sie auch wohl auf anderen Wegen antreffen und kennenlernen würde. Denn was sich liebtund füreinander geboren ist findet sich leicht zusammen: verwandte Seelen grüßen sich schon aus der Ferne. Einen Solchen nämlich wird jedes Buch irgendeines echten Philosophen, das ihm in die Hände fällt, mächtiger und wirksamer anregen, als der Vortrag eines Kathederphilosophen, wie ihn der Tag gibt, es vermag. Auch sollte auf den Gymnasien der PLATO fleißig gelesen werden, als welcher das wirksamste Erregungsmittel des philosophischen Geistes ist. Überhaupt aber bin ich allmählich der Meinung geworden, daß der erwähnte Nutzen der Kathederphilosophie von dem Nachteil überwogen werde, den die Philosophie als Professioni der Philosophie als freier Wahrheitsforschung oder die Philosophie im Auftrag der Regierung der Philosophie im Auftrag der Natur und der Menschheit bringt.

Zuvörderst nämlich wird eine Regierung nicht Leute besolden, um Dem, was sie durch tausend von ihr angestellte Priester, oder Religionslehrer, von allen Kanzeln verkünden läßt, direkt, oder auch nur indirekt, zu widersprechen; da Dergleichen, in dem Maße, als es wirkte, jene erstere Veranstaltung unwirksam machen müßte. Denn bekanntlich heben Urteile einander nicht allein durch den kontradiktorischen, sondern auch durch den bloß konträren Gegensatz auf: zum Beispiel dem Urteil "die Rose ist rot" widerspricht nicht allein dieses "sie ist nicht rot"; sondern auch schon dieses "sie ist gelb", als welches hierin ebensoviel, ja, mehr leistet. Daher der Grundsatz  improbant secundus docentes  [eine zweite Lehre wird verworfen - wp] Durch diesen Umstand geraten aber die Universitätsphilosophen in eine ganz eigentümliche Lage, deren öffentliches Geheimnis hier einmal Worte finden mag. In allen anderen Wissenschaften nämlich haben die Professoren derselben bloß die Verpflichtung, nach Kräften und Möglichkeit, zu lehren was wahr und richtig ist. Ganz allein bei den Professoren der Philosophie ist die Sache  cum grano salis  [mit einer Brise Salz - wp] zu verstehen. Hier nämlich hat es mit derselben eine eigene Bewandtnis, welche darauf beruth, daß das Problem ihrer Wissenschaft dasselbe ist, worüber auch die Religion, in ihrer Weise, Aufschluß erteilt; deshalb ich diese als die Metaphysik des Volkes bezeichnet habe. Demnach nun sollen zwar auch die Professoren der Philosophie allerdings lehren was wahr und richtig ist: aber eben dieses muß im Grunde und im Wesentlichen dasselbe sein, was die Landesreligion auch lehrt, als welche ja ebenfalls wahr und richtig ist. Hieraus entsprang jener naive, schon in meiner Kritik der Kantischen Philosophie angezogene Ausspruch eines ganz reputierlichen Philosophieprofessors, im Jahr 1840: "leugnet eine Philosophie die Grundideen des Christentum; so ist sie entweder falsch, oder,  wenn auch wahr, doch unbrauchbar."  Man sieht daraus, daß in der Universitätsphilosophie die Wahrheit nur eine sekundäre Stelle einnimmt und, wenn es gefordert wird, aufstehen muß, einer anderen Eigenschaft Platz zu machen. - Dies also unterscheidet auf den Universitäten die Philosophie von allen anderen daselbst kathedersässigen Wissenschaften.

Infolge hiervon wird, solange die Kirche besteht, auf den Universitäten stets nur eine solche Philosophie gelehrt werden dürfen, welche, mit durchgängiger Rücksicht auf die Landesreligion abgefaßt, dieser im Wesentlichen parallel läuft und daher stets, - allenfalls kraus figuriert, seltsam verbrämt und dadurch schwer verständlich gemacht, - doch im Grunde und in der Hauptsache nichts anderes, als eine Paraphrase und Apologie der Landesreligion ist. Den unter diesen Beschränkungen Lehrenden bleibt sonach nichts anderes übrig, als nach neuen Wendungen und Formen zu suchen, unter welchen sie den in abstrakte Ausdrücke verkleideten und dadurch fade gemachten Inhalt der Landesreligion aufstellen, der alsdann Philosophie heißt. Will jedoch Einer oder der Andere außerdem noch etwas tun; so wird er entweder in benachbarte Fächer divagieren, oder seine Zuflucht zu allerlei unschuldigen Pößchen nehmen, wie etwa schwere analytische Rechnungen über das Äquilibrium der Vorstellungen im menschlichen Kopfe ausführen, und ähnliche Späße. Inzwischen bleiben die solchermaßen beschränkten Universitätsphilosophen bei der Sache ganz wohlgemut; weil ihr eigentlicher Ernst darin liegt, mit Ehren ein redliches Auskommen für sich, nebst Weib und Kind, zu erwerben, auch ein gewisses Ansehen vor den Leuten zu genießen; hingegen das tiefbewegte Gemüt eines wirklichen Philosophen, dessen ganzer und großer Ernst im Aufsuchen eines Schlüssels zu unserem, so rätselhaften wie mißliche Dasein liegt, von ihnen zu den mythologischen Wesen gezählt wird; wenn nicht etwa gar der damit Behaftete, sollte er ihnen je vorkommen, ihnen als von Monomanie besessen erscheint. Denn daß es mit der Philosophie so recht eigentlicher, bitterer Ernst sein könne, läßt wohl, in der Regel, kein Mensch sich weniger träumen, als ein Dozent derselben; gleichwie der ungläubigste Christ der Papst zu sein pflegt. Daher gehört es dann auch zu den seltensten Fällen, daß ein wirklicher Philosoph zugleich ein Dozent der Philosophie gewesen wäre. Daß gerade KANT diesen Ausnahmefall darstellt, habe ich, nebst den Gründen und Folgen der Sache, im zweiten Band meines Hauptwerks, Kapitel 17, Seite 162, bereits erörtert. Übrigens liefert zu der oben aufgedeckten konditionellen Existenz aller Universitätsphilosophie einen Beleg das bekannte Schicksal FICHTEs; wenn auch dieser im Grunde ein bloßer Sophist, kein wirklicher Philosoph, war. Er hatte es nämlich gewagt, in seinem Philosophieren die Lehren der Landesreligion außer Acht zu lassen; wovon die Folge seine Kassation war und zudem noch, daß der Pöbel ihn insultierte. Auch hat die Strafe bei ihm angeschlagen, indem, nach seiner späteren Anstellung in Berlin, das absolute Ich sich ganz gehorsamst in den lieben Gott verwandelt hat und die ganze Lehre überhaupt einen überaus christlichen Anstrich erhielt; wovon besonders die "Anweisung zum seligen Leben" zeugt. Bemerkenswert ist bei seinem Fall noch der Umstand, daß man ihm zum Hauptvergehen den Satz, Gott sei nichts anderes, als eben die moralische Weltordnung selbst, anrechnete; während solcher doch nur wenig verschieden ist vom Ausspruch des Evangelisten JOHANNES: Gott ist die Liebe.

Es ist demnach leicht abzusehen, daß, unter solchen Umständen, die Kathederphilosophie nicht wohl umhin kann, es zu machen
    "Wie eine der langbeinigen Zikaden,
    Die immer fliegt und fliegend springt -
    Und gleich im Gras ihr altes Liedchen singt."
Das Bedenkliche bei der Sache ist auch bloß die doch einzuräumende Möglichkeit, daß die letzte dem Menschen erreichbare Einsicht in die Natur der Dinge, in sein eigenes Wesen und das der Welt nicht gerade zusammenträfe mit den Lehren, welche teils dem ehemaligen Völkchen der Juden eröffnet worden, teils vor 1800 Jahren in Jerusalem aufgetreten sind. Dieses Bedenken auf einmal niederzuschlagen, erfand der Philosophieprofessor HEGEL den Ausdruck "absolute Religion", mit der denn auch seinen Zweck erreichte; da er sein Publikum gekannt hat: auch ist sie für die Kathederphilosophie wirklich und recht eigentlich absolut, d. h. eine solche, die absolut und schlechterdings wahr sein soll und muß, sonst - - - - - ! - Andere wieder, von diesen Wahrheitsforschern, schmelzen Philosophie und Religion zu einem Kentauren zusammen, den sie Religionsphilosophie nennen; pflegen auch zu lehren, Religion und Philosophie seien eigentlich dasselbe; - welcher Satz jedoch nur in dem Sinne wahr zu sein scheint, in welchem FRANZ I., in Bezug auf KARL V., sehr versöhnlich gesagt haben soll: "was mein Bruder Karl will, das will ich auch," - nämlich Mailand. Wieder andere machen nicht soviele Umstände, sondern reden geradezu von einer Christlichen Philosophie; - welches ungefähr so herauskommt, wie wenn man von einer Christlichen Arithmetik reden wollte, die fünf gerade sein ließe. Dergleichen von Glaubenslehren entnommene Epitheta sind zu der Philosophie offenbar unanständig, da sie sich für den Versuch der Vernunft gibt, aus eigenen Mitteln und unabhängig von aller Autorität das Problem des Daseins zu lösen. Als eine Wissenschaft hat sie es durchaus nicht damit zu tun, was  geglaubt  werden darf, oder soll, oder muß; sondern bloß damit, was sich  wissen  läßt. Sollte dieses nun auch als etwas ganz anderes sich ergeben, als was man zu glauben hat; so würde selbst dadurch der Glaube nicht beeinträchtigt sein: denn dafür ist er Glaube, daß er enthält was man  nicht  wissen kann. Könnte man dasselbe auch wissen; so würde der Glaube als ganz unnütz und selbst lächerlich dastehen; etwa wie wenn über Gegenstände der Mathematik noch eine Glaubenslehre aufgestellt würde. Ist man aber etwa überzeugt, daß die ganze und volle Wahrheit in der Landesreligion enthalten und ausgesprochen sei, nun, so halte man sich daran und verzichte auf alles Philosophieren. Aber man wolle nicht scheinen was man nicht ist. das Vorgeben unbefangener Wahrheitsforschung, mit dem Entschluß, die Landesreligion zum Resultat, ja zum Maßstab und zur Kontrolle derselben zu machen, ist unerträglich, und eine solche, an die Landesreligion, wie der Kettenhund an die Mauer, gebundene Philosophie ist nur das ärgerliche Zerrbild der höchsten und edelsten Bestrebung der Menschheit. Inzwischen ist gerade ein Hauptabsatzartikel der Universitätsphilosophen eben jene, oben als Kentaur bezeichnete Religionsphilosophie, die eigentlich auf eine Art Gnosis hinausläuft. Auch Programmtitel, wie  de verae philosophiae erga religionem pietate  [die wahre Philosophie der Religion und Frömmigkeit - wp] eine passende Inschrift auf so einen philosophischen Schafstall, bezeichnen recht deutlich die Tendenz und die Motive der Kathederphilosophie. Zwar nehmen diese zahmen Philosophen bisweilen einen Anlauf, der gefährlich aussieht: allein man kann die Sache mit Ruhe abwarten, überzeugt, daß sie doch bei dem ein für allemal gesteckten Ziel anlangen werden. Ja, bisweilen fühlt man sich versucht zu glauben, daß sie ihre ernstlich gemeinten philosophischen Forschungen schon vor ihrem zwölften Jahr abgetan und bereits damals ihre Ansicht vom Wesen der Welt, und was dem anhängt, für immer festgestellt hätten; weil sie, nach allen philosophischen Diskussionen und halsbrecherischen Abwegen, unter verwegenen Führern, doch immer wieder bei dem anlangen, was uns in jenem Alter plausibel gemacht zu werden pflegt, und es sogar als Kriterium der Wahrheit zu nehmen scheinen. Alle die heterodoxen philosophischen Lehren, mit welchen sie dazwischen, im Laufe ihres Lebens, sich haben beschäftigen müssen, scheinen ihnen nur dazusein, um widerlegt zu werden und dadurch jene ersteren desto fester zu etablieren. Man muß es sogar bewundern, wie sie, mit so vielen argen Ketzereien ihr Leben zubringend, doch ihre innere philosophische Unschuld so rein zu bewahren gewußt haben.

Wem, nach dem allen, noch ein Zweifel über Geist und Zweck der Universitätsphilosophie bliebe, der betrachte das Schicksal der HEGELschen Afterweisheit. Hat es ihr etwa geschadt, daß ihr Grundgedanke der absurdeste Einfall, daß er eine auf den Kopf gestellte Welt, eine philosophische Hanswurstiade (1) war und ihr Inhalt der hohlste, sinnleerste Wortkram, an welchem jemals Strohköpfe ihr Genüge gehabt, und daß ihr Vortrag, in den Werken des Urhebers selbst, der widerwärtigste und unsinnigste Gallimathias ist, ja, an die Deliramente der Tollhäusler erinnert? O nein, nicht im Mindesten! Vielmehr hat sie dabei 20 Jahre hindurch, als die glänzendste Kathederphilosophie, die je Gehalt und Honorar einbrachte, floriert und ist fett geworden, ist nämlich in ganz Deutschland, durch Hunderte von Büchern, als der endlich erreichte Gipfel menschlicher Weisheit und als die Philosophie der Philosophien verkündet, ja, in den Himmel erhoben worden: Studenten wurden darauf examiniert und Professoren darauf angestellt; wer nicht mitwollte, wurde von dem dreist gemachten Repetenten ihres so lenksamen, wie geistlosen Urhebers für einen "Narren auf eigene Hand" erklärt, und sogar die Wenigen, welche eine schwache Opposition gegen diesen Unfug wagten, traten mit derselben nur schüchtern, unter Anerkennung des "großen Geistes und überschwänglichen Genies" - jenes abgeschmackten Philosophasters auf. Den Beleg zu dem hier Gesagten gibt die gesamte Literatur des sauberen Treibens, welche, als nunmehr geschlossene Akten, hingeht, durch den Vorhof höhnisch lachender Nachbarn, zu jenem Richterstuhl, wo wir uns wiedersehn, zum Tribunal der Nachwelt, welches, unter anderen Implementen, auch eine Schandglocke führt, die sogar über ganze Zeitalter geläutet werden kann. - Was nun aber ist es dann endlich gewesen, das jener Gloria ein so plötzliches Ende gemacht, den Sturz der  bestia triunfante  [triumphierende Bestie - wp] herbeigezogen und die ganze große Armee ihrer Söldner und Gimpel zerstreut hat, bis auf einige Überbleibsel, die noch als Nachzügler und Marodeure, unter der Fahne der "Halle'schen Jahrbücher" zusammengerottet, ein Weilchen ihr Unwesen, zum öffentlichen Skandal, treiben durften, und ein Paar armselige Pinsel, die was man ihnen in den Jünglingsjahren aufgebunden noch heute glauben und damit hausieren gehn? - Nichts anderes, als daß Einer den boshaften Einfall gehabt hat, nachzuweisen, daß das eine Universitätsphilosophie sei, die bloß scheinbar und nur den Worten nach, nicht aber wirklich und im eigentlichen Sinne mit der Landesreligion übereinstimme: hier also lag die Achillesferse. Wie sehn daraus,
    "welch' eine Qualität
    Den Ausschlag gibt, den Mann erhöht,"
oder was das eigentliche Kriterium der Wahrheit und Geltungsfähigkeit einer Philosophie auf deutschen Universitäten sei und worauf es dabei ankomme; außerdem ja ein derartiger Angriff, auch abgesehen von der Verächtlichkeit jeder Verketzerung, hätte ganz kurz mit  ouden pros dionyson  [Das hat nichts mit Dionysos zu tun. - wp] abgefertigt werden müssen.

Wer zu derselben Einsicht noch fernerer Belege bedarf, betrachte das Nachspiel zur großen HEGEL-Farce, nämlich die gleich darauf folgende, so überaus zeitgemäßte Konversion des Herrn von SCHELLING vom Spinozismus zum Bigottismus und seine darauf folgende Versetzung von München nach Berlin, unter Trompetenstößen aller Zeitungen, nach deren Andeutungen man hätte glauben können, er bringe dahin den persönlichen Gott, nach welchem so großes Begehr war, in der Tasche mit; worauf dann der Zudrang der Studenten so groß wurde, daß sie sogar durch die Fenster in den Hörsaal stiegen, dann, am Ende des Kursus, das Großmannsdiplom, welches eine Anzahl Professoren der Universität, die seine Zuhörer gewesen, ihm untertänigst überbrachten und überhaupt die ganze höchst glänzende und nicht weniger lukrative Rolle desselben in Berlin, die er ohne Erröten durchgespielt hat; und das im hohen Alter, wo die Sorge um das Andenken, das man hinterläßt, in edleren Naturen jede andere überwiegt. Man könnte bei so etwas ordentlich wehmütig werden; ja man könnte beinahe meinen, die Philosophieprofessoren selbst müßten dabei erröten: doch das ist Schwärmerei. Wem nun aber nach Betrachtung einer solchen Konsumation nicht die Augen aufgehen über die Kathederphilosophie und ihre Helden, dem ist nicht zu helfen.

Inzwischen verlangt die Billigkeit, daß man die Universitätsphilosophie nicht bloß, wie hier geschehen, aus dem Standpunkt des angeblichen, sondern auch aus dem des wahren und eigentlichen Zweckes derselben beurteile. Dieser nämlich läuft darauf hinaus, daß die künftigen Referendare, Advokaten, Ärzte, Kandidaten und Schulmänner auch im Innersten ihrer Überzeugungen diejenige Richtung erhalten, welche den Absichten, die der Staat und seine Regierung mit ihnen haben, angemessen ist. Dagegen habe ich nichts einzuwenden, bescheide mich also in dieser Hinsicht. Denn über die Notwendigkeit, oder Entbehrlichkeit eines solchen Staatsmittels zu urteilen, halte ich mich nicht für kompetent; sondern stelle es denen anheim, welche die schwere Aufgabe haben,  Menschen  zu regieren, d. h. unter vielen Millionen eines, der großen Mehrzahl nach, grenzenlos egoistischen, ungerechten, unbilligen, unredlichen, neidischen, boshaften und dabei sehr beschränkten und querköpfigen Geschlechts, Gesetz, Ordnung, Ruhe und Friede aufrecht zu erhalten und die Wenigen, denen irgendein Besitz zuteil geworden, zu schützen gegen die Unzahl derer, welche nichts, als ihre Körperkräfte haben. Die Aufgabe ist so schwer, daß ich mich wahrlich nicht vermesse, über die dabei anzuwendenden Mittel mit ihnen zu rechten. Denn "ich danke Gott an jedem Morgen, daß ich nicht brauch' für's Röm'sche Reich zu sorgen," - ist stets mein Wahlspruch gewesen.

Aber ein Anderes bleibt das Verhältnis einer solchen Universitätsphilosophie zum Staat, und ein Anderes ihr Verhältnis zur Philosophie selbst und ansich, welche, in dieser Beziehung, als die  reine  Philosophie, von jener, als der  angewandten,  unterschieden werden könnte. Diese nämlich kennt keinen andern Zweck als die Wahrheit, und da möchte sich ergeben, daß jeder andere, mittels ihrer angestrebte, diesem verderblich wird. Ihr hohes Ziel ist die Befriedigung jenes edlen Bedürfnisses, von mir das  metaphysische  genannt, welches der Menschheit, zu allen Zeiten, sich innig und lebhaft fühlbar macht, am stärksten aber, wenn, wie eben jetzt, das Ansehen der Glaubenslehre mehr und mehr gesunken ist. Diese nämlich, als auf die große Masse des Menschengeschlechts berechnet und derselben angemessen, kann bloß  allegorische  Wahrheit enthalten, welche sie jedoch  sensu proprio  [im egentlichen Sinn - wp] wahr geltend zu machen hat. Dadurch nun aber wird, bei immer weiterer Verbreitung jeder Art historischer, physikalischer, und sogar philosophischer Kenntnisse, die Anzahl der Menschen, denen sie nicht mehr genügen kann, immer größer, und diese wird mehr und mehr auf Wahrheit  sensu proprio  dringen. Was aber kann alsdann, dieser Anforderung gegenüber, eine solche  nervis alienis mobile  [an Stöcken von einem anderen geführten - wp] Kathederpuppe leisten? Wie weit wird man da noch reichen mit der oktroyierten Rockenphilosophie, oder mit hohlen Wortgebäuden, mit nichtssagenden, oder selbst die gemeinsten und faßlichsten Wahrheiten durch Wortschwall verundeutlichenden Floskeln, oder gar mit hegelischem absoluten Nonsens? - Und nun noch andererseits, wenn dann auch wirklich der redliche JOHANNES aus der Wüste käme, der, in Felle gekleidet und von Heuschrecken genährt, von all dem Unwesen unberührt geblieben, unterweilen, mit reinem Herzen und ganzem Ernst, der Forschung nach Wahrheit oblegen hätte und deren Früchte jetzt anböte; welchen Empfang hätte er zu gewärtigen von jenen zu Staatszwecken gedungenen Geschäftsmännern der Katheder, die mit Weib und Kind von der Philosophie zu leben haben, deren Losung daher ist  primum vivere, deinde philosophari  [zuerst leben, dann philosophieren - wp], die demgemäß den Markt in Besitz genommen und schon dafür gesorgt haben, daß hier nichts gelte, als was sie gelten lassen, mithin Verdienste nur existieren, sofern es ihnen und ihrer Mittelmäßigkeit beliebt, sie anzuerkennen. Sie haben nämlich die Aufmerksamkeit des ohnehin kleinen, sich mit Philosophie befassenden Publikums am Leitseil; da dasselbe auf Sachen, die nicht, wie die poetischen Produktionien, Ergötzung, sondern Belehrung, und zwar pekuniär unfruchtbare Belehrung, verheißen, seine Zeit, Mühe und Anstrengung wahrlich nicht verwenden wird, ohne vorher volle Versicherung darüber zu haben, daß solche auch reichlich belohnt werden. Diese nun erwartet es, seinem angeerbten Glauben, daß wer von einer Sache lebt, es auch sei, der sie versteht, zufolge, von den Männern des Fachs, welche dann auch, auf Kathedern und in Kompendien, Journalen und Literaturzeitungen sich mit Zuversicht als die eigentlichen Meister der Sache gerieren: von diesen demnach läßt es sich das Beachtenswerte und sein Gegenteil vorschmecken und aussuchen. - O, wie wird es dir da ergehn, mein armer JOHANNES aus der Wüste, wenn, wie zu erwarten steht, was Du bringst nicht der stillschweigenden Konvention der Herren von der lukrativen Philosophie gemäß abgefaßt ist! Sie werden dich ansehn als Einen, der den Geist des Spiels nicht gefaßt hat und dadurch es ihnen Allen zu verderben droht; mithin als ihren gemeinsamen Feind und Widersacher. Wäre was du bringst nun auch das größte Meisterstück des menschlichen Geistes; vor ihren Augen könnte es doch nimmermehr Gnade finden. Denn es wäre ja nicht  ad normam conventionis  [der Konvention gemäß - wp] abgefaßt, folglich nicht der Art, daß sie es zum Gegenstand ihres Kathedervortrags machen könnten, um nun auch  davon  zu leben. Wenn es aber dennoch durchdränge, wenn es, als belehrend und Aufschlüsse enthaltend, die Aufmerksamkeit des Publikums erregte und von diesem des Studiums wert befunden würde; so müßte es ja in demselben Maße die kathederfähige Philosophie um eben jene Aufmerksamkeit, ja, um ihren Kredit und, was noch schlimmer ist, um ihren Absatz bringen.  Di meloria!  [Um Gotteswillen! - wp] Daher darf dergleichen nicht aufkommen, und müssen dagegen Alle für Einen Mann stehn. Die Methode und Taktik hierzu gibt ein glücklicher Instinkt, wie er jedem Wesen zu seiner Selbsterhaltung verliehen ist, bald an die Hand. Nämlich das Bestreiten und Widerlegen einer, der  norma conventionis  zuwiderlaufenden Philosophie ist oft, zumal wo man wohl gar Verdienste und gewisse, nicht durch das Professorendiplom erteilbare Eigenschaften wittert, eine bedenkliche Sache, an die man, im letzteren Fall, sich gar nicht wagen darf, indem dadurch die Werke, deren Unterdrückung indiziert ist, Notorietät [juristischer Gewißheit - wp] erhalten und die Neugierigen hinzulaufen würden, alsdann aber höchst unangenehme Vergleichungen angestellt werden könnten und der Ausgang mißlich sein dürfte. Hingegen einhellig, als Brüder gleichen Sinnes, wie gleichen Vermögens, eine solche ungelegene Leistung als  non avenue  [ungültig - wp] betrachten; mit der unbefangendsten Miene das Bedeutendste als ganz unbedeutend, das tief Durchdachte und für die Jahrhunderte Vorhandene als nicht der Rede wert aufnehmen, um es so zu ersticken; hämisch die Lippen zusammenbeißen und dazu schweigen, schweigen mit jenem schon vom alten SENEKA denunzierten  silentium, quod livor indixerit  [boshaftes Schweigen - wp]; und unterweilen nur desto lauter über die abortiven Geisteskinder und Mißgeburten der Genossenschaft krähen, in dem beruhigenden Bewußtsein, daß ja das, wovon Keiner weiß, so gut wie nicht vorhanden ist, und daß die Sachen in der Welt für das gelten, was sie scheinen und heißen, nicht für das, was sie sind; - Dies ist die sicherste und gefahrloseste Methode gegen Verdienste, welche ich demnach allen Flachköpfen, die ihren Unterhalt durch Dinge suchen, zu denen höhere Begabtheit gehört, bestens empfohlen haben wollte.

Jedoch sollen hier keineswegs, als über ein  inauditum nefas  [unerhörtes Verbrechen - wp], die Götter angerufen werden: ist doch dies alles nur eine Szene des Schauspiels, welches wir zu allen Zeiten, in allen Künsten und Wissenschaften, vor Augen haben, nämlich den alten Kampf derer, die  für  die Sache leben, mit denen, die  von  ihr leben, oder derer, die es  sind,  mit denen, die es  vorstellen.  Den Einen ist sie der Zweck, zu welchem ihr Leben das bloße Mittel ist; den Andern das Mittel, ja die lästige Bedingung zum Leben, zum Wohlsein, zum Genuß, zum Familienglück, als in welchen allein ihr wahrer Ernst liegt; weil hier die Grenze ihrer Wirkungssphäre von der Natur gezogen ist. Wer dies exemplifiziert sehn und näher kennenlernen will, studiere Literaturgeschichte und lese die Biographien großer Meister in jeder Art und Kunst. Da wird er sehn, daß es zu allen Zeiten so gewesen ist, und begreifen, daß es auch so bleiben wird. In der Vergangenheit erkennt es Jeder; fast Keiner in der Gegenwart. Die glänzenden Blätter der Literaturgeschichte sind, beinahe durchgängig, zugleich die tragischen. In allen Fächern bringen sie uns vor Augen, wie, in der Regel, das Verdienst hat warten müssen, bis die Narren ausgenarrt hatten, das Gelage zu Ende und Alles zu Bett gegangen war: dann erhob es sich, wie ein Gespenst aus tiefer Nacht, um seinen, ihm vorenthaltenen Ehrenplatz doch endlich noch als Schatten einzunehmen.

Wir inzwischen haben es hier allein mit der Philosophie und ihren Vertretern zu tun. Da finden wir nun zunächst, daß von jeher sehr wenige Philosophen Professoren der Philosophie gewesen sind, und unverhältnismäßig noch wenigere Professoren der Philosophie Philosophen; daher man sagen könnte, daß, wie die idiolektrischen Körper keine Leiter der Elektrizität sind, so die Philosophen keine Professoren der Philosophie. In der Tat steht dem Selbstdenker diese Bestellung beinahe mehr im Weg, als jede andere. Denn das philosophische Katheder ist gewissermaßenn ein öffentlicher Beichtstuhl, wo man  coram populo  [vor dem Volk - w] sein Glaubensbekenntnis ablegt. Sodann ist der wirklichen Erlangung gründlicher, oder gar tiefer Einsichten, also dem wahren Weisewerden, fast nichts so hinderlich, wie der beständige Zwang, weise zu scheinen, das Auskramen vorgeblicher Erkenntnisse, vor den lernbegierigen Schülern und das Antworten-bereit-haben auf alle ersinnlichen Fragen. Das Schlimmste aber ist, daß einen Mann in solcher Lage, bei jedem Gedanken, der etwa noch in ihm aufsteigt, schon die Sorge beschleicht, wie solcher zu den Absichten hoher Vorgesetzter passen würde: Dies paralysiert sein Denken so sehr, daß schon die Gedanken selbst nicht mehr aufzusteigen wagen. Der Wahrheit ist die Atmosphäre der Freiheit unentbehrlich. Über die  exceptio, quae firmat regulam  [Die Ausnahme bestätigt die Regel - wp], daß KANT Professor gewesen, habe ich schon oben das Nötige erwähnt, und füge nur hinzu, daß auch KANTs Philosophie eine großartigere, entschiedenere, reinere und schönere geworden sein würde, wenn er nicht jene Professur bekleidet hätte; obwohl er, sehr weise, den Philosophen möglichst vom Professor gesondert hielt, indem er seine eigene Lehre nicht auf dem Katheder vortrug. (siehe ROSENKRANZ, Geschichte der Kantischen Philosophie, Seite 148)

Sehe ich nun aber auf die, in dem halben Jahrhundert, welches seit KANTs Wirksamkeit verstrichen ist, auftretenden, angeblichen Philosophen zurück; so erblicke ich leider keinen, dem ich nachrühmen könnte, sein wahrer und ganzer Ernst sei die Erforschung der Wahrheit gewesen: vielmehr finde ich sie alle, wenn auch nicht immer mit deutlichem Bewußtsein, auf den bloßen Schein der Sache, auf Effektmachen, Imponieren, ja, Mystifizieren bedacht und eifrig bemüht, den Beifall der Vorgesetzten und nächstdem der Studenten zu erlangen; wobei der letzte Zweck immer bleibt, den Ertrag der Sache, mit Weib und Kind, behaglich zu verschmausen. So ist es aber auch eigentlich der menschlichen Natur gemäß, welche, wie jede tierische Natur, als unmittelbare Zwecke nur Essen, Trinken und Pflege der Brutpflege kennt, dazu aber, als ihre besondere Apanage, nur noch die Sucht zu glänzen und zu scheinen erhalten hat. Hingegen ist zu wirklichen und echten Leistungen in der Philosophie, wie in der Poesie und den schönen Künsten, die erste Bedingung ein ganz abnormer Hang, der, gegen die Regel der menschlichen Natur, an die Stelle des subjektiven Strebens nach dem Wohl der eigenen Person, ein völlig  objektives,  auf eine der Person fremde  Leistung  gerichtetes Bestreben setzt und eben dieserhalb sehr treffend  exzentrisch  genannt, mitunter wohl auch als Donquichottisch verspottet wird. Aber schon ARISTOTELES hat es gesagt: "Man darf nicht jener Mahung Gehör geben, die uns anweist, unser Streben als Menschen auf Menschliches und als Sterbliche auf Sterbliches zu beschränken, sondern wir sollen, soweit es möglich ist, uns bemühen, unsterblich zu sein, und alles zu dem Zweck tun, dem Besten, was in uns ist nachzuleben." (Nikomach. Ethik, X. 7) Eine solche Geistesrichtung ist allerdings eine höchst seltene Anomalie, deren Früchte jedoch, eben deswegen, im Laufe der Zeit, der ganzen Menschheit zugute kommen; da sie glücklicherweise von der Gattung sind, die sich aufbewahren läßt. Näher: man kann die Denker einteilen in solche, die  für sich selbst,  und solche, die  für Andere  denken: diese sind die Regel, jene die Ausnahme. Erstere sind demnach Selbstdenker im zwiefachen, und Egoisten im edelsten Sinne des Wortes: sie allein sind es, von denen die Welt Belehrung empfängt. Denn nur das Licht, welches Einer sich selbst angezündet hat, leuchtet nachmals auch Andern; so daß von dem, was SENEKA in moralischer Hinsicht behauptet,  alteri vivas oportet, si vis tibi vivere  [Für den Mitmenschen muß man leben, wenn man für sich selbst leben will - wp] (ep. 48), in intellektualer Hinsicht das Umgekehrte gilt:  tibi cogites oportet, si omnibus cogitasse volueris.  [Wir sollen das denken, was alle wollen. - wp] Dies ist aber gerade die seltene, durch keinen Vorsatz und guten Willen zu erzwingende Anomalie, ohne welche jedoch, in der Philosophie, kein wirklicher Fortschritt möglich ist. Denn für Andere, oder überhaupt für mittelbare Zwecke, gerät nimmermehr ein Kopf in die höchste, dazu eben erforderte, Anspannung, als welche gerade das Vergessen seiner selbst und aller Zwecke verlangt; sondern da bleibt es beim Schein und Vorgeben der Sache. Da werden zwar allenfalls einige vorgefundene Begriffe auf mancherlei Weise kombiniert und so gleichsam ein Kartenhäuserbau damit vorgenommen: aber nichts Neues und Echtes kommt dadurch in die Welt. Nun nehme man noch hinzu, daß Leute, denen das eigene Wohl der wahre Zweck, das Denken nur Mittel dazu ist, stets die temporären Bedürfnisse und Neigungen der Zeitgenossen, die Absichten der Befehlenden und dgl. mehr im Auge behalten müssen. Dabei läßt sich nicht nach der Wahrheit zielen, die, selbst bei redlich auf sie gerichtetem Blick, unendlich schwer zu treffen ist.

Überhaupt aber, wie sollte der, welcher für sich, nebst Weib und Kind, ein redliches Auskommen sucht, zugleich sich der  Wahrheit  weihen? der Wahrheit, die zu allen Zeiten ein gefährlicher Begleiter, ein überall unwillkommener Gast gewesen ist, - die vermutlich auch deshalb nackt dargestellt wird, weil sie nichts mitbringt, nichts auszuteilen hat, sondern nur ihrer selbst wegen gesucht sein will. Zwei so verschiedenen Herren, wie der Welt und der Wahrheit, die nichts, als den Anfangsbuchstaben, gemein haben, läßt sich zugleich nicht dienen: das Unternehmen führt zur Heuchelei, zur Augendienerei, zur Achselträgerei. Da kann es geschehen, daß aus einem Priester der Wahrheit ein Verfechter des Truges wird, der eifrig lehrt was er selbst nicht glaubt, dabei der vertrauensvollen Jugend die Zeit und den Kopf verdirbt, auch wohl gar, mit Verleugnung alles literarischen Gewissens, zum Präkonen einflußreicher Pfuscher, z. B. frömmelnder Strohköpfe, sich hergibt; oder auch, daß er, weil vom Stat und zu Staatszwecken besoldet, nun den Staat zu apotheosieren, ihn zum Gipfelpunkt allen menschlichen Strebens und aller Dinge zu machen, sich angelegen sein läßt, und dadurch nicht nur den philosophischen Hörsal in eine Schule der plattesten Philisterei umschafft, sondern am Ende, wie z. B. HEGEL, zu der empörenden Lehre gelangt, daß die Bestimmung des Menschen im  Staat  aufgehe, - etwa wie die der Biene im Bienenkorb; wodurch das hohe Ziel unseres Dasein den Augen ganz entrückt wird.
LITERATUR - Arthur Schopenhauer, Über die Universitätsphilosophie, Parerga und Parlipomena I, Berlin 1851
    Anmerkungen
    1) Siehe meine Kritik der Kantischen Philosophie, 2. Auflage, Seite 572.