cr-4ra-1 KausalitätMethodeWelt als Wille    
 
ARTHUR SCHOPENHAUER
(1788-1860)
Über die vierfache Wurzel
des Satzes vom zureichenden Grunde


"Jeder Beweis ist die Zurückführung auf ein Anerkanntes, und wenn wir von diesem, was es auch sei, immer wieder einen Beweis fordern, so werden wir zuletzt auf gewisse Sätze geraten, welche die Formen und Gesetze, und daher die Bedingungen allen Denkens und Erkennens ausdrücken, aus deren Anwendung mithin alles Denken und Erkennen besteht; so daß Gewißheit nichts weiter ist, als Übereinstimmung mit ihnen, folglich ihre eigene Gewißheit nicht wieder aus anderen Sätzen sich erhellen kann."

Vorrede zur zweiten Auflage

Diese elementarphilosophische Abhandlung, welche zuerst im Jahre 1813 erschien, als ich mir die Doktorwürde damit erworben hatte, ist nachmals der Unterbau meines ganzen Systems geworden. Deshalb darf sie im Buchhandel nicht fehlen; wie dies, ohne daß ich es wußte, seit vier Jahren der Fall gewesen ist.

Nun aber eine solche Jugendarbeit nochmals mit allen ihren Flecken und Fehlern in die Welt zu schicken schien mir unverantwortlich. Denn ich bedenke, daß die Zeit, da ich nichts mehr werde emendieren [verbessern - wp] können, nicht mehr sehr fern sein kann, mit ihr aber erst die Periode meiner eigentlichen Wirksamkeit eintritt, von der ich mich getröste, daß sie eine lange sein wird, im festen Vertrauen auf die Verheißung des SENECA:  etiamsi omnibus tecum viventibus silentium livor indixerit; venient qui sine offensa, sine gratia judicent  [Wenn auch allen, die mit dir lebten, der Neid Schweigen auferlegt hat, so werden diejenigen kommen, die ohne Mißgunst und ohne Gunst urteilen. - wp] (Epistulae 79). Ich habe daher, soweit es ging, der vorliegenden Jugendarbeit nachgeholfen und muß sogar, bei der Kürze und Ungewißheit des Lebens, es als ein besonderes Glück ansehen, daß mir vergönnt gewesen ist, im sechzigsten Jahr noch zu berichtigen was ich im sechsundzwanzigsten geschrieben hatte.

Dabei nun aber ist es mein Vorsatz gewesen, mit meinem jungen Menschen glimpflich zu verfahren und ihn, soviel als immer möglich, zu Wort kommen und auch ausreden zu lassen. Allein wo er Unrichtiges, oder Überflüssiges vorbrachte, oder auch das Beste zur Seite liegen ließ, habe ich ihm dann doch ins Wort fallen müssen; und dies ist oft genug der Fall gewesen; so daß vielleicht mancher den Eindruck davon erhalten wird, wie wenn ein Alter das Buch eines jungen Mannes vorliest, jedoch es öfter sinken läßt, um sich in eigenen Exkursen über das Thema zu ergehen.

Es ist leicht abzusehen, daß ein in dieser Art und nach so langer Zeit nachgebessertes Werk nimmermehr die Einheit und Abrundung erlangen konnte, welche nur denen zukommt, die aus einem Guß sind. Sogar schon in Stil und Vortrag wird sich eine so unverkennbare Verschiedenheit fühlbar machen, daß der taktbegabte Leser wohl nie im Zweifel sein wird, ob er den Alten oder den Jungen hört. Denn freilich ist ein weiter Abstand zwischen dem sanften, bescheidenen Ton des jungen Mannes, der seine Sache vertrauensvoll vorträgt, indem er noch einfältig genug ist, ganz ernsthaft zu glauben, daß es allen, die sich mit Philosophie beschäftigen, um nichts anderes, als die Wahrheit, zu tun sein könne und daß folglich wer diese fördert ihnen willkommen sein werde; - und der festen, mitunter aber etwas rauhen Stimme des Alten, der denn doch endlich hat dahinterkommen müssen, in welch noble Gesellschaft von Gewerbsleuten und untertänigen Augendienern er da geraten ist, und worauf es bei ihnen eigentlich abgesehen sei. Ja, wenn jetzt mitunter ihm die Indignation [Entrüstung - wp] aus allen Poren quillt; so wird der billige Leser ihm auch  das  nicht verdenken; hat es doch nachgerade der Erfolg gelehrt, was dabei herauskommt, wenn man, das Streben nach Wahrheit im Munde, die Augen immer nur auf die Intentionn höchster Vorgesetzter gerichtet hält; und wenn dabei, von der anderen Seite, das  e quovis ligno fit Mercurius  [Der Gott Merkur ist nicht nur aus einem Stück Holz gemacht. [Der Gott Merkur ist nicht nur aus einem Stück Holz gemacht. - Horaz] auch auf die großen Philosophen ausgedehnt und demnach ein plumper Scharlatan, wie HEGEL, getrost zu einem solchen gestempelt wird. Die Deutsche Philosophie steht nämlich da, mit Verachtung beladen, vom Ausland verspottet, von den redlichen Wissenschaften ausgestoßen, - gleich einer Metze [Hure - wp], die, für schnöden Lohn, sich gestern jenem, heute diesem preisgegeben hat; und die Köpfe der jetzigen Gelehrtengeneration sind desorganisiert durch HEGELschen Unsinn: zum Denken unfähig, roh und betäubt werden sie die Beute des platten Materialismus, der aus dem Basiliskenei hervorgekrochen ist. Glück zu! Ich kehre zu meiner Sache zurück.

Über die Disparität [Unverträglichkeit - wp] des Tones also wird man sich zu trösten haben: denn ich konnte hier nicht, wie ich bei meinem Hauptwerk getan, die späteren Zusätze abgesondert beifügen; kommt es doch auch nicht darauf an, daß man wisse, was ich im sechsundzwanzigsten und was im sechzigsten Jahr geschrieben habe; vielmehr nur darauf, daß die, welche sich in den Grundbegriffen allen Philosophierens orientieren, sich festsetzen und klar werden wollen, auch an diesen wenigen Bogen ein Büchelchen erhalten, woraus sie etwas Tüchtiges, Solides und Wahres lernen können: und dies, hoffe ich, wird der Fall sein. Sogar ist, bei der Ausführung, die manche Teile jetzt erhalten haben, eine kompendiöse [zusammengefaßte - wp] Theorie des gesamten Erkenntnisvermögens daraus geworden, welche, indem sie immer nur dem Satz vom Grunde nachgeht, die Sache von einer neuen und eigentümlichen Seite vorführt, ihre Ergänzung dann aber durch das erste Buch der "Welt als Wille und Vorstellung", nebst dazugehörigen Kapiteln des zweiten Bandes, und durch die Kritik der Kantischen Philosophie erhält.



Erstes Kapitel
E i n l e i t u n g

§ 1.
Die Methode

PLATO der göttliche und der erstaunliche KANT vereinigen ihre nachdrucksvollen Stimmen in der Anempfehlung einer Regel zur Methode allen Philosophierens, ja allen Wissens überhaupt. (1) Man soll, sagen sie, zweien Gesetzen, dem der  Homogenität  und dem der  Spezifikation,  auf gleiche Weise, niacht aber dem einen, zum Nachteil des andern, Genüge leisten. Das Gesetz der  Homogenität  heißt uns, durch Aufmerken auf die Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen der Dinge, Arten erfassen, diese ebenso zu Gattungen, und diese zu Geschlechtern vereinigen, bis wir zuletzt zum obersten, alles umfassenden Begriff gelangen. Da dieses Gesetz ein transzendentales, unserer Vernunft wesentliches ist, setzt es die Übereinstimmung der Natur mit sich voraus, welche Voraussetzung ausgedrückt ist in der alten Regel:  entia praeter necessitatem non esse multiplicanda  [Das Seiende darf nicht über das Notwendige hinaus vermehrt werden. - wp]. - Das Gesetz der Spezifikation drückt KANT dagegen so aus:  entium varietas non temere esse minuendas  [Die Vielfalt der Erscheinungen sollte nicht voreilig verkürzt werden. - wp]. Es ist nämlich erforderlich, daß wir die unter einem vielumfassenden Geschlechterbegriff vereinigten Gattungen und wiederumg die unter diesen begriffenen, höheren und niederen Arten wohl unterscheiden, uns hütend, irgendeinen Sprung zu machen und wohl gar die niederen Arten, oder vollends Individuen, unmittelbar unter den Geschlechtsbegriff zu subsumieren; indem jeder Begriff noch einer Einteilung in niedrigere fähig ist und sogar keiner auf die bloße Anschauung herabgeht. KANT lehrt, daß beide Gesetze transzendentale, Übereinstimmung der Dinge mit sich  a priori  postulierende Grundsätze der Vernunft seien, und PLATO schein dasselbe auf seine Weise auszudrücken, indem er sagt, diese Regeln, denen alle Wissenschaft ihre Entstehung verdankt, seien zugleich mit dem Feuer des PROMETHEUS vom Göttersitz zu uns herabgeworfen.


§ 2.
Ihre Anwendung in einem gegenwärtigen Fall

Daß letztere dieser Gesetze finde ich, so mächtiger Empfehlung ungeachtet, zu wenig angewendet auf einen Hauptgrundsatz in aller Erkenntnis, den  Satz vom zureichenden Grunde.  Obgleich man ihn nämlich längst und oft aufgestellt hat, so hat man dennoch seine höchst verschiedenen Anwendungen, in deren jeder er eine andere Bedeutung erhält, und welche daher seinen Ursprung aus verschiedenen Erkenntniskräften verraten, gehörig zu sondern vernachlässigt. Daß aber gerade bei der Betrachtung unserer Geisteskräfte die Anwendung des Prinzips der Homogenität, mit Vernachlässigung des ihm entgegengesetzten, viele und langdauernde Irrtümer erzeugt und dagegen die Anwendung des Gesetzes der Spezifikation die größten und wichtigsten Fortschritte bewirkt hat, - dies lehrt die Vergleichung der Kantischen Philosophie mit allen früheren. Es sei mir deshalb vergönnt, eine Stelle herzusetzen, in der KANT die Anwendung des Gesetzes der Spezifikation auf die Quellen unserer Erkenntnis empfiehlt, indem solche meinem gegenwärtigen Bestreben seine Würdigung gibt.
    "Es ist von der äußersten Erheblichkeit, Erkenntnisse, die ihrer Gattung und Ursprung nach von anderen unterschieden sind, zu isolieren und sorgfältig zu verhüten, daß sie nicht mit andern, mit welchen sie im Gebrauch gewöhnlich verbunden sind, in ein Gemisch zusammenfließen. Was Chemiker beim Scheiden der Materie, was Mathematiker in ihrer reinen Größenlehre tun, das obliegt noch weit mehr dem Philosophen, damit er den Anteil, den eine besondere Art der Erkenntnis am herumschweifenden Verstandesgebrauch hat, ihren eigenen Wert und Einfluß, sicher bestimmen könne." (Kritik der reinen Vernunft, der Methodenlehre 3. Hauptstück)

§ 3.
Nutzen dieser Untersuchung

Sollte mir zu zeigen gelingen, daß der zum Gegenstand dieser Untersuchung gemachte Grundsatz nicht unmittelbar aus  einer,  sondern zunächst aus  verschiedenen  Grunderkenntnissen unseres Geistes fließt; so wird daraus folgen, daß die Notwendigkeit, welche er als ein  a priori  feststehender Satz bei sich führt, ebenfalls nicht  eine  und überall  dieselbe,  sondern eine ebenso vielfache, wie die Quellen des Satzes selbst ist. Dann aber wird jeder, der auf den Satz einen Schluß gründet, die Verbindlichkeit haben, genau zu bestimmen, auf welche der verschiedenen, dem Satz zum Grunde liegenden Notwendigkeiten er sich stütze, und solche durch einen eigenen Namen (wie ich welche vorschlagen werde) zu bezeichnen. Ich hoffe, daß dadurch für die Deutlichkeit und Bestimmtheit im Philosophieren einiges gewonnen sein wird, und halte die, durch genaue Bestimmung der Bedeutung jedes Ausdrucks zu bewirkende, größtmögliche Verständlichkeit für ein zur Philosophie unumgänglich nötiges Erfordernis, um uns vor Irrtum und absichtlicher Täuschung zu sichern und jede im Gebiet der Philosophie gewonnene Erkentnis zu einem sicheren und nicht, durch später aufgedeckten Mißverstand oder Zweideutigkeit, uns wieder zu entreißenden Eigentum zu machen. Überhaupt wird der echte Philosoph überall Helle und Deutlichkeit suchen, und stets bestrebt sein, nicht einem trüben, reißenden Regenbach zu gleichen, sondern vielmehr einem Schweizer See, der, durch seine Ruhe, bei großer Tiefe große Klarheit hat, welche eben erst die Tiefe sichtbar macht.  La clartè est la bonne foi des philosophes  [Die Klarheit ist der gute Glaube des Philosophen. - wp] hat VAUVENARGUES gesagt. Der unechte hingegen wird zwar keineswegs, nach TALLEYRANDs Maxime, durch die Worte seine Gedanken, wohl aber seinen Mangel daran zu verbergen suchen, und wird die aus eigener Unklarheit des Denkes erwachsende Unverständlichkeit seiner Philosopheme dem Leser ins Gewissen schieben. Hieraus erklärt sich, warum in einigen Schriften, z. B. den SCHELLINGschen, der didaktische Ton so häufig in den scheltenden übergeht, ja oft die Leser schon im Voraus, durch Antizipation ihrer Unfähigkeit, gescholten werden.


§ 4.
Wichtigkeit des Satzes
vom zureichenden Grunde

Sie ist überaus groß, da man ihn die Grundlage aller Wissenschaft nennen darf.  Wissenschaft  nämlich bedeutet ein  System  von Erkenntnissen, d. h. ein Ganzes von verknüpften Erkenntnissen, im Gegensatz des bloßen Aggregats derselben. Was aber andere, als der Satz vom zureichenden Grund, verbindet die Glieder eines Systems? Das eben zeichnet jede Wissenschaft vor dem bloßen Aggregat aus, daß ihre Erkenntnisse eine aus der andern, als ihrem Grund, folgen. Darum sagt schon PLATO (Menon):  kai gar hai doxai hai alethis ou pollou axiai eisin, heos an tis autas dese aitias logismo.  (etiam opionones verae non multi pretii sunt, donec quis illas rationcinatione a causis ducta liget.) [Denn auch die richtigen Vorstellungen sind eine schöne Sache, die aber nicht viel wert sind, bis man sie bindet durch begründetes Denken. - wp]. - Zudem enthalten fast alle Wissenschaften Kenntnisse von Ursachen, aus denen sich die Wirkungen bestimmen lassen, und ebenso andere Erkenntnisse von Notwendigkeiten der Folgen aus Gründen, wie sie in unserer ferneren Betrachtung vorkommen werden; welches bereits ARISTOTELES (Metaphysik V, 1) [Alles intellektuelle Wissen, Verständnis oder geistige Teilnahme in irgendeiner Weise ist über Ursachen und Prinzipien. - wp] ausdrückt in den Worten:  pasa episteme dianeotike, e kai metechousa ti dianoias, peri aitias kai archas esti.  (omnis intellectualis scientia, sive aliquo modo intellectu participans, circa causas et principia est). [Alles intellektuelle Wissen, Verständnis oder geistige Teilnahme in irgendeiner Weise ist über Ursachen und Prinzipien. - wp] - Da es nun die, von uns stets  a priori  gemachte Voraussetzung, daß alles einen Grund habe, ist, die uns berechtigt, überall Warum zu fragen; so darf man das Warum die Mutter aller Wissenschaften nennen.


§ 5.
Der Satz selbst

Weiterhin soll gezeigt werden, daß der Satz vom zureichenden Grund ein gemeinschaftlicher Ausdruck mehrerer  a priori  gegebener Erkenntnisse ist. Vorläufig muß er indessen in irgendeiner Formel aufgestellt werden. Ich wähle die WOLFFische als die allgemeinste:  Nihil est sine ratione cur potius sit, quam nun sit.  Nichts ist ohne Grund warum es sei. [...]


Zweites Kapitel
Übersicht des Hauptsächlichen, so bisher über den
Satz vom zureichenden Grunde gelehrt worden.


§ 6.
Erste Aufstellung des Satzes und Unterscheidung
zweier Bedeutungen desselben

Für einen solchen Ur-Grundsatz aller Erkenntnis mußte auch der, mehr oder weniger genau bestimmte, abstrakte Ausdruck sehr früh gefunden werden; daher es schwer und dabei nicht von großem Interesse sein möchte, nachzuweisen, wo zuerst ein solcher vorkommt. PLATO und ARISTOTELES stellen ihn noch nicht förmlich als einen Hauptgrundsatz auf, sprechen ihn jedoch öfter als eine durch sich selbst gewisse Wahrheit aus. [...] Was jedoch die so höchst wichtige Unterscheidung zwischen Erkenntnisgrund und Ursache betrifft, so verrät zwar ARISTOTELES gewissermaßen einen Begriff von der Sache, sofern er in den Analyt. post. I, 13, ausführlich dartut, daß das Wissen und Beweisen,  daß  etwas sei, sich sehr unterscheidet von dem Wissen und Beweisen,  warum  es sei: was er nun als Letzteres darstellt, ist die Erkenntnis der Ursache, was als Ersteres, der Erkenntnisgrund ist. Aber zu einem ganz deutlichen Bewußtsein des Unterschiedes bringt er es doch nicht; sonst er ihn auch in seinen übrigen Schriften festgehalten und beobachtet haben würde. Dies aber ist durchaus nicht der Fall: denn sogar wo er, wie in den oben beigebrachten Stellen, darauf ausgeht, die verschiedenen Arten der Gründe zu unterscheiden, kommt ihm der in dem hier in Betracht genommenen Kapitel angeregte, so wesentliche Unterschied nicht mehr in den Sinn; und überdies gebraucht er das Wort  aition  [zugrunde liegender ursächlicher Zusammenhang - wp] durchgängig für jeden Grund, welcher Art er auch sei, nennt sogar sehr häufig den Erkenntnisgrund, ja, die Prämissen eines Schlusses  aitias:  so z. B. Metaph. IV, 18. Rhet II, 21, besonders Analyt. post. I, 2, wo geradezu die Prämissen eines Schlußes  aitiai tou symperasmatos  heißen. Wenn man aber zwei verwandte Begriffe durch dasselbe Wort bezeichnet; so ist dies ein Zeichen, daß man ihren Unterschied nicht kennt, oder doch nicht festhält: denn zufällige Homonymie [Gleichnamigkeit - wp] weit verschiedener Dinge ist etwas ganz anderes. Am auffallendsten kommt aber dieser Fehler zutage in seiner Darstellung des Sophismas  non causae ut causa, para to mê aition hôs aition  im Buche de sophisticis elenchis, c. 5. Unter  aition  versteht er hier durchaus nur den Beweisgrund, die Prämissen, also einen Erkenntnisgrund, indem das Sophisma darin besteht, daß man ganz richtig etwas als unmöglich dartut, dasselbe jedoch auf den damit bestrittenen Satz gar nicht einfließt, welchen man dennoch dadurch umgestoßen zu haben vorgibt. Von physischen Ursachen ist also dabei gar nicht die Rede. Allein der Gebrauch des Wortes  aition  hat bei den Logikern neuerer Zeit so viel Gewicht gehabt, daß sie, bloß daran sich festhaltend, in ihren Darstellungen der  fallaciarum extra dictionem  die  fallacia non causae ut causa  [Annahme eines falschen Grundes - wp] durchgängig erklären als die Angabe einer physischen Ursache, die es nicht ist: so z. B. REIMARUS, G. E. SCHULTZE, FRIES und alle, die mir vorgekommen sind: erst in TWESTENs  Logik  finde ich dieses Sophisma richtig dargestellt. Auch in sonstigen wissenschaftlichen Werken und Disputationen wird, in der Regel, durch die Anschuldigung einer  fallacia non causae ut causa  die Einschiebung einer falschen Ursache bezeichnet.

Von dieser, bei den Alten durchgängig vorhandenen Vermengung und Verwechslung des logischen Gesetzes vom Erkenntnisgrund mit dem transzendentalen Naturgesetz von Ursache und Wirkung liefert uns noch SEXTUS EMPIRICUS ein starkes Beispiel. Nämlich im 9. Buch  adversus Mathematicos,  also dem Buch  adv. physicos,  § 204, unternimmt er, das Gesetz der Kausalität zu beweisen, und sagt: Einer, der behauptet, daß es keine Ursache (aitia) gebe, hat entweder keine Ursache (aitia), aus der er dies behauptet, oder er hat eine. Im ersten Fall ist seine Behauptung nicht wahrer, als ihr Gegenteil: im andern stellt er eben durch seine Behauptung fest, daß es Ursachen gibt.

Wir sehen also, daß die lten es noch nicht zur deutlichen Unterscheidung zwischen der Forderung eines Erkenntnisgrundes zur Begründung eines Urteils und der einer Ursache zum Eintritt eines realen Vorgangs gebracht haben. - Was nun späterhin die Scholastiker betrifft, so war das Gesetz der Kausalität ihnen eben ein über alle Untersuchung erhabenes Axiom:  non inquirimus an causa sit, quia nihil est per se notius,  [Es gibt keinen Grund zu suchen, weil nichts bekannt ist. - wp] sagt SUAREZ, Disp. 12, sect. 1. Dabei hielten sie an der aristotelischen Einteilung der Ursachen fest: hingegen die hier in Rede stehende notwendige Unterscheidung haben, soviel mir bekannt ist, auch sie sich nicht zum Bewußtsein gebracht.


§ 7.
Kartesius

Denn sogar unseren vortrefflichen KARTESIUS, den Anreger der subjektiven Betrachtung und dadurch den Vater der neueren Philosophie, finden wir, in dieser Hinsicht, noch in kaum erklärlichen Verwechslungen begriffen, und werden sogleich sehen, zu welchen ernsthaften und beklagenswerten Folgen diese in der Metaphysik geführt haben. Er sagt in der "responsio ad secundas objectiones in meditationes de prima philosophia, axioma I: "Nulla res existit, de qua non possit quaeri, quaenam sit causa, cur existat. Hoc enim de ipso Deo quaeri potest, non quod indigeat ulla causa ut existat, sed quia ipsa ejus naturae immensitas est causa, sive ratio, propter quam nulla causa indiget ad existendum." Er hätte sagen müssen: die Unermeßlichkeit Gottes ist ein Erkenntnisgrund, aus welchem folgt, daß Gott keiner Ursache bedarf. Er vermengt jedoch beides, und man sieht, daß er sich des großen Unterschiedes zwischen Ursache und Erkenntnisgrund nicht deutlich bewußt ist. Eigentlich aber ist es die Absicht, welche bei ihm die Einsicht verfälscht. Er schiebt nämlich hier, wo das Kausalitätsgesetz eine  Ursache  fordert, statt dieser einen  Erkenntnisgrund  ein, weil ein solcher nicht gleich wieder weiter führt, wie jene; und bahnt sich so, durch eben dieses Axiom, den Weg zu einem  ontologischen Beweis  des Daseins Gottes, dessen Erfinder er wurde, nachdem ANSELMUS nur die Anleitung dazu im Allgemeinen geliefert hatte. Denn gleich nach den Axiomen, von denen das angeführte das erste ist, wird nun dieser ontologische Beweis förmlich und ganz ernsthaft aufgestellt: ist er ja doch in jenem Axiom eigentlich schon ausgesprochen, oder liegt zumindest so fertig darin, wie das Hühnchen im lange bebrüteten Ei. Also, während alle anderen Dinge zu ihrem Dasein einer Ursache bedürfen, genügt dem auf der Leiter des kosmologischen Beweises herangebrachten Gott, statt derselben, die in seinem eigenen Begriff liegende  immensitas:  oder, wie der Beweis selbst sich ausdrückt:  in conceptu entis summe perfecti existentia necessaria continetur  [Im Begriff ist bereits im höchsten Grad perfekt die erforderliche Existenz enthalten. - wp]. Dies ist also die  tour de passe-passe  [Taschenspielerei - wp], zu welcher man die schon dem ARISTOTELES geläufige  Verwechslung der beiden Hauptbedeutungen des Satzes vom Grunde,  sogleich  in majorem dei gloriam  [zur größten Ehre Gottes - wp] gebrauchte.

Bei Licht und unbefangen betrachtet ist nun dieser berühmte ontologische Beweis wirklich eine allerliebste Schnurre. Da denkt nämlich Einer, bei irgendeiner Gelegenheit, sich einen Begriff aus, den er aus allerlei Prädikaten zusammensetzt, dabei jedoch Sorge trägt, daß unter diesen, entweder blank und bar, oder aber, was anständiger ist, in ein anderes Prädikat, z. B.  perfectio, immensitas,  oder so etwas, eingewickelt, auch das Prädikat der Realität oder Existenz ist. Bekanntlich kann man aus einem gegebenen Begriff alle seine wesentlichen, d. h. in ihm mit gedachten, Prädikate, und ebenso auch die wesentlichen Prädikate dieser Prädikate, mittels lauter analytischer Urteile, herausziehen, welche demnach  logische  Wahrheit, d. h. am gegebenen Begriff ihren Erkenntnisgrund haben. Demgemäß holt nun jener aus seinem beliebig erdachten Begriff auch das Prädikat der Realität oder Existenz, heraus: und darum nun soll ein dem Begriff entsprechender Gegenstand, unabhängig von demselben, in der Wirklichkeit existieren!
    "Wär' der Gedank' nicht so verwünscht gescheut,
    Man wär' versucht, ihn herzlich dumm zu nennen."
Übrigens ist die einfache Antwort auf eine solche ontologische Demonstration: "Es kommt alles darauf an, wo due deinen Begriff herhast: ist er aus der Erfahrung geschöpft: àl la bonne heure, da existiert sein Gegenstand und bedarf keines weiteren Beweises: ist er hingegen in deinem eigenen  sinciput  [Stirn - wp] ausgeheckt; da helfen ihm alle seine Prädikate nichts: er ist eben ein Hirngespinst. Daß aber die Theologie, um in dem ihr ganz fremden Gebiet der Philosophie, als wo sie gar zu gerne wäre, Fuß zu fassen, zu dergleichen Beweisen hat ihre Zuflucht nehmen müssen, erregt ein sehr ungünstiges Vorurteil gegen ihre Ansprüche. - Aber o! über die prophetische Weisheit des ARISTOTELES! Er hatte nie etwas vernommen von einem ontologischen Beweis: aber, als sähe er vor sich in die Nacht der kommenden finsteren Zeiten, erblickte darin jene scholastische Flause und wollte ihr den Weg versperren, demonstriert er sorgfältig, im 7. Kapitel des 2. Buchs  Analyticorum posteriorum,  daß die Definition einer Sache und der Beweis ihrer Existenz zwei verschiedene und ewig geschiedene Dinge sind, indem wir durch das eine erfahren,  was  gemeint sei, durch das andere aber,  daß  so etwas existiert und wie ein Orakel spricht er die Sentenz aus: "Die Existenz kann nie zur Essenz, das Dasein nie zum Wesen des Dings gehören." - Wie sehr hingegen Herr von SCHELLING den ontologischen Beweis strapaziert, ist zu ersehen aus einer langen Note Seite 152 des ersten Bandes seiner philosophischen Schriften von 1809. Aber etwas noch Lehrreicheres ist daraus zu ersehen, nämlich, wie dreistes, vornehmtuendes Schwadronieren ausreicht, den Deutschen Sand in die Augen zu streuen. Daß aber gar ein so durchweg erbärmlicher Patron, wie HEGEL, dessen ganze Philosophasterei eigentlich eine monströse Amplifikation des ontologischen Beweises war, diesen gegen KANTs Kritik hat verteidigen wollen, ist eine Allianz, deren der ontologische Beweis selbst sich schämen würde, so wenig sonst das Schämen seine Sache ist. - Man erwarte nur nicht, daß ich mit Achtung von Leuten spreche, welche die Philosophie in Verachtung gebracht haben.


§ 8.
Spinoza

Obgleich SPINOZAs Philosophie hauptsächlich im Negieren des von seinem Lehrer KARTESIUS aufgestellten zweifachen Dualismus, nämlich zwischen Gott und Welt, und zwischen Seele und Leib, besteht; so blieb er ihm doch völlig getreu in der oben nachgewiesenen Verwechslung und Vermischung des Verhältnisses zwischen Erkenntnisgrund und Folge mit dem zwischen Ursache und Wirkung; ja, er suchte aus derselben, für seine Metaphysik, womöglich noch größere Vorteile zu ziehen, als sein Lehrer für die seinige daraus gezogen hatte: denn die besagte Verwechslung ist die Grundlage seines ganzen Pantheismus geworden.

In einem Begriff nämlich sind alle seine wesentlichen Prädikate enthalten, implizit; daher lassen sie sich, durch bloß analytische Urteile explizit aus ihm entwickeln: die Summe dieser ist seine Definition. Diese ist daher von ihm selbst, nicht dem Inhalt, sondern nur der Form nach, verschieden; indem sie aus Urteilen besteht, die alle in ihm mitgedacht sind, und daher in ihm ihren Erkenntnisgrund haben, sofern sie sein Wesen darlegen. Diese können demnach angesehen werden als die Folgen jenes Begriffs, als ihres Grundes. Dieses Verhältnis eines Begriffs zu den in ihm gegründeten und aus ihm entwickelbaren analytischen Urteilen ist nun ganz und gar das Verhältnis, welches SPINOZAs sogenannter Gott zur Welt, oder richtiger, welches die einzige und alleinige Substanz zu ihren zahllosen Akzidenzien hat. (Deus, sive substantia constans infinitis attributis. Eth. I. pr. 11. - Deus, sive omnia Dei attributa). Es ist also das Verhältnis des  Erkenntnisgrundes  zu seiner Folge; statt daß der  wirkliche  Theismus (der des SPINOZA ist bloß ein nomineller) das Verhältnis der  Ursache  zur Wirkung annimmt, in welchem der Grund von der Folge, nicht, wie in jenem, bloß der Betrachtungsart nach, sondern wesentlich und wirklich, also ansich und immer, verschieden und getrennt bleibt. Denn eine solche Ursache der Welt, mit Hinzufügung der Persönlichkeit, ist es, die das Wort  Gott,  ehrlicherweise gebraucht, bezeichnet. Hingegen ist ein unpersönlicher Gott eine  contradictio in adjecto  [Widerspruch insich - wp]. Indem nun aber SPINOZA auch in dem von ihm aufgestellten Verhältnis das Wort Gottes für die Substanz beibehalten wollte und solche sogar ausdrücklich die  Ursache  der Welt benannte, konnte er dies nur dadurch zustande bringen, daß er jene beiden Verhältnisse, folglich auch den Satz vom Erkenntnisgrund mit dem der Kausalität, ganz und gar vermischte. Dies zu belegen bringe ich, von unzähligen, nur folgende Stellen in Erinnerung. "Notandum, dari necessario unius cujusque rei existentis certam aliquam causam, propter quam existit. Et notandum, hanc causam, propter quam aliqua res existit, vel debere contineri in ipsa natura et definitione rei existentis (nimirum quod ad ipsius naturam pertinet existere) vel debere extra ipsam dari." (Ethik P. I, prop. 8, schol. 2). Im letzteren Fall meint er eine wirkende Ursache, wie sich diese aus dem Folgenden ergibt; im ersteren hingegen einen bloßen Erkenntnisgrund: er identifiziert jedoch beides und arbeitet dadurch seiner Arbsich, Gott mit der Welt zu identifizieren, vor. Einen im Innern eines gegebenen Begriffs liegenden Erkenntnisgrund mit einer von Außen wirkenden Ursache zu verwechseln und dieser gleichzustellen, ist überall sein Kunstgriff; und vom KARTESIUS hat er ihn gelernt. [...]

So ist denn SPINOZAs Pantheismus eigentlich nur die  Realisierung  des ontologischen Beweises des KARTESIUS. Zunächst adoptiert er den ontologischen Satz des KARTESIUS, statt  Deus  sagt er (im Anfang) stets  substantia  und nun schließt er: substantiae essentia necessario involvit existentiam, ergo erit substantia causa sui. [Die Substanz ist notwendigerweise in der Existenz des Wesens enthalten, demzufolge ist die Substanz Ursache seiner selbst. - wp] (Eth. P. I, prop. 7) Also durch dasselbe Argument, womit KARTESIUS das Dasein Gottes bewiesen hatte, beweist er das absolut notwendige Dasein der Welt, - die also keines Gottes bedarf. [...] Was also KARTESIUS nur  ideal,  nur  subjektiv,  d. h. nur für uns, nur zum Zweck der  Erkenntnis,  nämlich des Beweises des Daseins Gottes, aufgestellt hatte, das nahm SPINOZA  real  und  objektiv,  als das wirkliche Verhältnis Gottes zur Welt. Bei KARTESIUS liegt im  Begriff  Gottes Existenz und wird so zum Argument für sein wirkliches Dasein: beim SPINOZA steckt Gott selbst in der Welt. Was demnach bei KARTESIUS bloßer Erkenntnisgrund war, macht SPINOZA zum Realgrund: hatte jener in einem ontologischen Sinn Beweise gelehrt, daß aus der  essentia  Gottes seine  existentia  folgt, so macht dieser daraus die  causa sui  [Ursache seiner selbst - wp] und eröffnet dreist seine Ethik mit: "per causam sui intelligo id, cujus essentia (Begriff) involvit existentiam; taub gegen den ARISTOTELES, der ihm zuruft:  to d'einai ouk ousia oudeni  [Das Wort "Seiendes" bezeichnet keinen Gegenstandsbereich. - wp]. Hier haben wir nun die handgreiflichste Verwechslung des Erkenntnisgrundes mit der Ursache. Und wenn die Neospinozisten (Schellingianer, Hegelianer usw.), gewohnt, Worte für Gedanken zu halten, sich oft in vornehm andächtiger Bewunderung über dieses  causa sui  ergehen; so sehe ich meinerseits in  causa sui  nur eine  contradictio in adjecto,  ein Vorher, was nachher ist, ein freches Machtwort, die unendliche Kausalkette abzuschneiden, ja, ein Analogon zu jenem Österreicher, der, als er, die Agraffe auf seinem festgeschnallten Schacko zu befestigen, nicht hoch genug hinaufreichen konnte, auf den Stuhl stieg. Das rechte Emblem der  causa sui  ist Baron MÜNCHHAUSEN, sein im Wasser sinkendes Pferd mit den Beinen umklammernd und an seinem über den Kopf nach vorn geschlagenen Zopf sich mitsamt dem Pferd in die Höhe ziehend; und darunter gesetzt:  causa sui. 

[...]

Zu diesen, aus Mangel an Deutlichkeit im Denken entsprungenen Verirrungen jener beiden großen Geister der Vergangenheit hat in unseren Tagen Herr von SCHELLING noch ein kleines Nachspiel geliefert, indem er dem vorliegenden Klimax noch die dritte Stufe aufzusetzen sich bemüht hat. War nämlich KARTESIUS der Forderung des unerbittlichen Kausalgesetzes, welches seinen Gott in die Enge trieb, dadurch begegnet, daß er der verlangten Ursache einen Erkenntnisgrund substituierte, um die Sache zur Ruhe zu bringen; und hatte SPINOZA aus diesem eine wirkliche Ursache und also  causa sui  gemacht, wobei ihm der Gott zur Welt wurde; so ließ Herr von SCHELLING (in seiner Abhandlung von der menschlichen Freiheit) in Gott selbst den Grund und die Folge auseinandertreten, konsolidierte also die Sache noch viel besser dadurch, daß er sie zu einer realen und leibhaften Hypostase [einem Gedanken gegenständliche Realität unterschieben - wp] des Grundes und seiner Folge erhob, indem er uns mit etwas bekannt machte, "das in Gott nicht Er selbst sei, sondern sein Grund, als ein Urgrund, oder vielmehr  Ungrund."  Hoc quidem vere palmarium est. [Das ist wirklich hervorragend. - wp] Daß er übrigens die ganze Fabel aus JAKOB BÖHMEs "Gründlichen Bericht vom irdischen und himmlischen Mysterio" genommen hat, ist heutzutage bekannt genug: woher aber JAKOB BÖHME selbst die Sache hatte und wo also eigentlich der Ungrund zu Hause ist, scheint man nicht zu wissen; daher erlaube ich mir, es herzusetzen. Es ist der bythos, d. h.  abyssus, vorago,  also bodenlose Tiefe,  Ungrund,  der Valentianer (einer Ketzersekte des zweiten Jahrhunderts), welcher das ihm konsubstantiale Schweigen befruchtete, das nun den Verstand und die Welt gebar. [...] Dem JAKOB BÖHME muß das irgendwie aus der Ketzergeschichte zu Ohren gekommen sein und aus dessen Händen hat Herr von SCHELLING es gläubig entgegengenommen.


§ 9.
Leibniz

LEIBNIZ hat zuerst den Satz vom Grunde als einen Hauptgrundsatz aller Erkenntnis und Wissenschaft förmlich aufgestellt. Er proklamiert ihn an vielen Stellen seiner Werke sehr pomphaft, tut gar wichtig damit und stellt sich, als ob er ihn erst erfunden hätte; jedoch weiß er von demselben nichts weiter zu sagen, als nur immer, daß alles und jedes einen zureichenden Grund haben muß, warum es so und nicht anders sei; was die Welt denn doch wohl auch vor ihm gewußt haben wird. Die Unterscheidung der zwei Hauptbedeutungen desselben deutet er dabei gelegentlich zwar an, hat sie jedoch nicht ausdrücklich hervorgehoben, noch auch sonst sie irgendwo deutlich erörtert. Die Hauptstelle ist in seinen  principiis philosophiae  § 32, und ein wenig besser in der französischen Bearbeitung derselben, überschrieben  Monadologie.  [...] - womit zu vergleichen  Theodicee  § 44 und der 5. Brief an CLARKE, § 125.


§ 10.
Wolff

WOLFF ist also der Erste, welcher die beiden Hauptbedeutungen unseres Grundsatzes ausdrücklich sondert und ihren Unterschied auseinandergesetzt hat. Er stellt jedoch den Satz vom zureichenden Grund noch nicht, wie es jetzt geschieht, in der Logik auf, sondern in der Ontologie. Daselbst dringt er zwar schon § 71 darauf, daß man den Satz vom zureichenden Grund der Erkenntnis nicht mit dem von Ursache und Wirkung verwechseln soll, bestimmt hier aber doch nicht deutlich den Unterschied und begeht selbst Verwechslungen, indem er eben hier im Kapitel  de ratione sufficiente  §§ 70, 74, 75, 77, zum Beleg für das  principium rationis sufficientis  Beispiele von Ursache und Wirkung und Motiv und Handlung anführt, die, wenn er jene Unterscheidung machen will, im Kapitel  de causis  desselben Werks angeführt werden müßten. In diesem führt er wieder ganz ähnliche Beispiele an und stellt auch hier wieder das  principium cognoscendi  auf (§ 876), das zwar, als oben bereits abgehandelt, nicht hierher gehört, jedoch dient, die bestimmte und deutliche Unterscheidung desselben vom Gesetz der Kausalität einzuführen, welche sodann §§ 881 - 884 folgt.  Principium,  sagt er hier ferner,  dicitur id, quod in se continet rationem alterius  [Ein Prinzip ist etwas, das in sich die Ratio für etwas anderes enthält. - wp] und er unterscheidet drei Arten derselben, nämlich 1)  principium fiendi  [nichts wird ohne hinreichenden Grund - wp], 2)  principium essendi  [nichts ist ohne hinreichenden Grund - wp]. Das letztere scheint mir ein unstatthafter Begriff. Möglichkeit überhaupt ist, wie KANT zur Genüge gezeigt hat, Übereinstimmung mit den uns  a priori  bewußten Bedingungen aller Erfahrung. Aus diesen wissen wir, daß Veränderungen als Wirkungen von Ursachen möglich sind, d. h. daß ein Zustand auf einen anderen folgen kann, wenn dieser die Bedingungen zu jenem enthält: hier finden wir, als Wirkung, den Zustand des Warmseins eines Steins, und, als Ursache, den ihm vorhergehenden der endlichen Wärmekapazität des Steins und seiner Berührung mit freier Wärme. Daß nun WOLFF die zuerst genannte Beschaffenheit dieses Zustandes des  principium essendi  und die zweite  principium fiendi  nennen will, beruth auf einer Täuschung, die ihm daraus entsteht, daß die auf der Seite des Steins liegenden Bedingungen bleibender sind und daher auf die übrigen länger warten können. Daß nämlich der Stein ein solcher ist, wie er ist, von einer solchen chemischen Beschaffenheit, die so und so viel spezifische Wärme, folglich eine im umgekehrten Verhältnis derselben stehende Wärmekapazität mit sich bringt, ist, eben wie andererseits sein in Berührung mit freier Wärme kommen, Folge einer Kette früherer Ursachen, sämtlich  principiorum fiendi:  das Zusammentreffen beiderseitiger Umstände aber macht allererst den Zustand aus, der, als Ursache, die Erwärmung, als Wirkung, bedingt. Nirgends bleibt dabei Raum für WOLFFs  principium essendi,  das ich daher nicht anerkenne und über welches ich hier teils deshalb etwas ausführlich gewesen bin, weil ich den Namen in einer ganz anderen Bedeutung unten gebrauchen werden, und teils weil die Erörterung beiträgt, den wahren Sinn des Kausalitätsgesetzes faßlich zu machen. 3) unterscheidet WOLFF, wie gesagt ein  principium cognoscendi  [nichts ist wahr ohne hinreichenden Grund - wp] und unter  causa  führt er noch an  causa impulsiva, sive ratio voluntatem determinans. 


§ 11.
Philosophen zwischen Wolff und Kant

BAUMGARTEN, in seiner  Metaphysica,  §§ 20 -24 und §§ 306 - 313, wiederholt die WOLFFischen Unterscheidungen.

REIMARUS, in der  Vernunftlehre  § 81, unterscheidet 1)  inneren Grund,  wovon seiner Erklärung mit WOLFFs  ratio essendi  übereinstimmt, indessen von der  ratio cognoscendi  gelten würde, wenn er nicht auf Dinge übertrüge, was nur von Begriffen gilt; und 2)  äußeren  Grund, d. h.  causa. - § 120f bestimmt er die  ratio cognoscendi  richtig, als eine Bedingung der Aussage: allein § 125 verwechselt er doch, in einem Beispiel damit die Ursache.

LAMBERT, im  Neuen Organon,  erwähnt die WOLFFischen Unterscheidungen nicht mehr, zeigt aber in einem Beispiel, daß er Erkenntnisgrund von Ursache unterscheidet, nämlich Bd. I, § 572, wo er sagt, Gott sei  principium essendi  der Wahrheiten und die Wahrheiten  principia cognoscendi  Gottes.

PLATTNER, in den Aphorismen, § 868, sagt: "Was innerhalb der Vorstellung Grund und Folge (principium cognoscendi, ratio - rationatum) heißt, das ist in der Wirklichkeit Ursache und Wirkung (causa efficiens - effectus). Jede Ursache ist Erkenntnisgrund, jede Wirkung Erkenntnisfolge." Er meint also, daß Ursache und Wirkung dasjenige sind, was, in der Wirklichkeit, den Begriffen von Grund und Folge im Denken entspricht, daß jene zu diesen sich verhielten etwa wie Substanz und Akzidenz zu Subjekt und Prädikat, oder wie Qualität des Objekts zur Empfindung derselben in uns usw. Ich halte es für überflüssig, diese Meinung zu widerlegen, da jeder leicht einsehen wird, daß das Verhältnis von Grund und Folge in Urteilen etwas ganz anderes ist, als eine Erkenntnis von Wirkung und Ursache; obwohl in einzelnen Fällen auch die Erkenntnis einer Ursache, als solcher, der Grund eines Urteils sein kann, das die Wirkung aussagt (vgl. § 36).


§ 12.
Hume

Bis auf diesen ernsthaften Denker hatte noch niemand an Folgendem gezweifelt: Zuerst und vor allen Dingen im Himmel und auf Erden ist der Satz vom zureichenden Grunde, nämlich als Gesetz der Kausalität. Denn er ist eine  veritas aeterna:  d. h. er selbst ist an und für sich, erhaben über Götter und Schicksal: alles Übrige hingegen, z. B. der Verstand, der den Satz vom Grunde denkt, nicht weniger die ganze Welt und auch was etwa die Ursache dieser Welt sein mag, wie Atome, Bewegung, ein Schöpfer usw., ist dies erst in Gemäßheit und vermöge desselben. HUME war der Erste, dem es einfiel, zu fragen, woher denn dieses Gesetz der Kausalität seine Autorität hat und die Kreditive derselben zu verlangen. Sein Ergebnis, daß die Kausalität nichts weiter, als die empirisch wahrgenommene und uns gewöhnlich gewordene  Zeitfolge  der Dinge und Zustände sei, ist bekannt: Jeder fühlt sogleich das Falsche desselben, und es zu widerlegen ist auch nicht schwer. Allein das Verdienst lag in der Frage selbst: sie wurde die Anregung und der Anknüpfungspunkt zu KANTs tiefsinnigen Untersuchungen und dadurch zu einem ungleich tiefer gefaßten und gründlicheren Idealismus, als der bisherige, der hauptsächlich der BERKELEYsche ist, gewesen war, zum transzendentalen Idealismus, aus welchem uns die Überzeugung hervorgeht, daß die Welt so abhängig von uns im Ganzen ist, wie wir es von ihr im Einzelnen sind. Denn indem er die transzendentalen Prinzipien nachwies als solche, vermöge deren wir über die Objekte und ihre Möglichkeit einiges  a priori,  d. h.  vor  aller Erfahrung bestimmen können, bewies er daraus, daß diese Dinge nicht unabhängig von unserer Erkenntnis so dasein können, wie sie sich uns darstellen. Die Verwandtschaft einer solchen Welt mit dem Traum tritt hervor.


§ 13.
Kant und seine Schule

KANTs Hauptstelle über den Satz vom zureichenden Grunde steht in einer kleinen Schrift "Über eine Entdeckung, nach der alle Kritik der reinen Vernunft entbehrlich gemacht werden soll" und zwar im ersten Abschnitt derselben unter  A.  Daselbst bringt KANT auf die Unterscheidung "des logischen (formalen) Prinzips der Erkenntnis "ein jeder Satz muß seinen Grund haben" von dem transzendentalen (materialen) Prinzip "ein jedes Ding muß seinen Grund haben," indem er gegen EBERHARD polemisiert, der beides hatte identifizieren wollen. Seinen Beweis der Apriorität und dadurch Transzendentalität des Kausalgesetzes werde ich weiterhin in einem eigenen Paragraphen kritisieren, nachdem ich den allein richtigen zuvor werde geliefert haben. Nach diesen Vorgängen bestimmen dann die mancherlei Lehrbücher der Logik, welche die kantische Schule geliefert hat, z. B. die von HOFBAUER, MAASS, JAKOB, KIESEWETTER u. a. den Unterschied zwischen Erkenntnisgrund und Ursache ziemlich genau. KIESEWETTER besonders gibt ihn in seiner  Logik  (Bd. 1, Seite 16) völlig genügend so an: "Logischer Grund (Erkenntnisgrund) ist nicht zu verwechseln mit dem realen (der Ursache). Der Satz des zureichenden Grundes gehört in die Logik, der Satz der Kausalität in die Metaphysik. (Seite 60). Jener ist Grundsatz des Denkens, dieser der Erfahrung. Ursache betrifft wirkliche Dinge, logischer Grund nur Vorstellungen." Die Gegner KANTs dringen noch mehr auf diese Unterscheidung. G. E. SCHULZE, in seiner  Logik  § 19. Anmerk. 1 und § 63, klagt über eine Verwechslung des Satzes vom zureichenden Grund mit dem der Kausalität. SALOMON MAIMON, in seiner  Logik,  Seite 20 und 21, klagt, daß man viel vom zureichenden Grund gesprochen hat, ohne zu erklären, was man darunter versteht, und in der Vorrede Seite XXIV tadelt er, daß KANT das Prinzip der Kausalität von der logischen Form der hypothetischen Urteile ableitet.
F. H. JACOBI, in seinen "Briefen über die Lehre des Spinoza", Beilage 7, Seite 414, sagt, daß aus der Vermischung des Begriffs des Grundes mit dem der Ursache eine Täuschung entsteht, welche die Quelle verschiedener falscher Spekulationen geworden ist: auch gibt er den Unterschied derselben auf seine Weise an. Indessen findet man hier, wie gewöhnlich bei ihm, mehr ein selbstgefälliges Spiel mit Phrasen, als ernsthaftes Philosophieren.
Wie schließlich Herr von SCHELLING Grund und Ursache unterscheidet, kann man ersehen aus seinen "Aphorismen zur Einleitung in die Naturphilosophie", § 184, welche das erste Heft des ersten Bandes der "Jahrbücher der Medizin" von MARCUS und SCHELLING eröffnen. Daselbst wird man belehrt, daß die Schwere der  Grund  und das Licht die  Ursache  der Dinge ist; - welches ich bloß als ein Kuriosum anführe, da außerdem ein solches leichtfertiges In-den-Tag-hinein-Schwätzen keine Stelle unter den Meinungen ernster und redlicher Forscher verdient.


§ 14.
Über die Beweise des Satzes

Noch ist zu erwähnen, daß man mehrmals vergeblich versucht hat, den Satz vom zureichenden Grund überhaupt zu beweisen, meistens ohne genau zu bestimmen, in welcher Bedeutung man ihn nahm. Zum Beispiel WOLFF in der  Ontologie  § 70, welchen Beweis BAUMGARTEN in der  Metaphysik  § 20 wiederholt. Es wäre überflüssig, ihn auch hier zu wiederholen und zu widerlegen, da es in die Augen fällt, daß er auf einem Wortspiel beruth. PLATTNER in den Aphorismen § 828, JAKOB in der  Logik  und  Metaphysik  (Seite 38, 1794), haben andere Beweise versucht, in denen der Zirkel sehr leicht zu erkennen ist. Von KANTs Beweisen soll, wie gesagt, weiter unten gerede werden. Da ich durch diese Abhandlung die verschiedenen Gesetze unseres Erkenntnisvermögens, deren gemeinschaftlicher Ausdruck der Satz vom zureichenden Grund ist, aufzuweisen hoffe; so wird sich von selbst ergeben, daß der Satz überhaupt nicht zu beweisen ist, sondern von all jenen Beweisen (mit Ausnahme des kantischen, welcher nicht auf die Gültigkeit sondern auf die Apriorität des Kausalitätsgesetzes gerichtet ist) gilt, was ARISTOTELES sagt: rationem eorum quaerunt, quorum non est ratio: demonstrationis enim principium non est demonstratio. [Fragt man nach ihrem Grund, ist dieser kein Grund: so ist der Beweis dieses Prinzips nicht zu beweisen. - wp] Denn jeder Beweis ist die Zurückführung auf ein Anerkanntes, und wenn wir von diesem, was es auch sei, immer wieder einen Beweis fordern, so werden wir zuletzt auf gewisse Sätze geraten, welche die Formen und Gesetze, und daher die Bedingungen allen Denkens und Erkennens ausdrücken, aus deren Anwendung mithin alles Denken und Erkennen besteht; so daß Gewißheit nichts weiter ist, als Übereinstimmung mit ihnen, folglich ihre eigene Gewißheit nicht wieder aus anderen Sätzen sich erhellen kann. Wir werden im 5. Kapitel die Art der Wahrheit solcher Sätze erörtern.

Einen Beweis für den Satz vom Grunde insbesondere zu suchen, ist überdies eine spezielle Verkehrtheit, welche von einem Mangel an Besonnenheit zeugt. Jeder Beweis nämlich ist die Darlegung des Grundes zu einem ausgesprochenen Urteil, welches eben dadurch das Prädikat  wahr  erhält. Eben von dieser Erfordernis eines Grundes für jedes Urteil ist der Satz vom Grunde der Ausdruck. Wer nun einen Beweis, d. h. die Darlegung eines Grundes, für ihn fordert, setzt ihn eben hierdurch schon als wahr voraus, ja, stützt seine Forderung eben auf diese Voraussetzung. Er gerät also in diesen Zirkel, daß er einen Beweis der Berechtigung, einen Beweis zu fordern, fordert.
LITERATUR - Arthur Schopenhauer, Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde, Leipzig 1864
    Anmerkungen
    1) PLATON, Philebos, Seite 219 - 223. Politic, Seite 62 und 63, Phaedrus Seite 361 - 363. KANT, Kritik der reinen Vernunft, Anhang zur transzendentalen Dialektik.