cr-4Gustav GerberFriedrich Max Müller    
 
GEORG RUNZE
(1852-1922)
Die Bedeutung der Sprache
für das wissenschaftliche Erkennen

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Erkenntnistheoretische Überlegungen
Sprache, Wollen und Erkennen
        "...der Glaube an die Erkennbarkeit - dieses Prinzip allen Wissens..."


I. Das Problem

Meine Herren! - Die Grundfrage der Philosophie ist zugleich das Grundrätsel des Lebens, denn nur dies ist Philosophie, das Leben, das Dasein als solches, ohne Sonderzwecke zum Gegenstand des Nachdenkens zu machen. Eine oberflächliche Annahme setzt voraus, das Problem des Daseins, das qualvoll uralte Rätsel, könne zwar an und für sich - als Problem - festgestellt werden, die Lösung desselben hingegen bleibe das ferne Ziel, dem wir uns nur allmählich annähern und dessen fortschreitende Aufhellung, wie wir sie der Geschichte des menschlichen Denkens verdanken, keines wegs mit der Klärung des Problems gleichen Schritt halte oder für die Zukunft eine definitive Lösung verbürge.

Demgegenüber ist zu behaupten, daß mit dem Problem die Lösung, mit den Lösungsversuchen die Klärung des Problems mit uns wächst; nicht zwischen Problem und Lösung liegt die Kluft, deren sukzessive Überbrückung von THALES bis SCHOPENHAUER die Riesenarbeit des Weltgeistes bildet, sondern zwischen den verschiedenen Versuchen richtiger und richtigerer Problemformulierung besteht jene gewaltige Gradabstufung, welche durch die Marksteine der Geistesgeschichte gekennzeichnet wird. Ist aber einmal das Problem in einer für das jeweilige Zeitalter adäquaten Weise ausgesprochen, so ist auch das lösende Wort nicht fern: mit dem recht geäußerten Bedürfnis ist auch die Angabe der Quelle, als welche die Befriedigung geschöpft wird, mit annähernder Sicherheit gegeben.

Wie jemand, um seinen leiblichen Ernährungsinstinkt richtig zu diagnostizieren, eine Summe von objektiven Nahrungsmitteln kennen muß, so hat, wer Philosoph sein will, dasjenige Erfahrungsgebiet gründlich zu kennen, über welches er zu philosophieren unternimmt; nur in dem Umfange, in welchem eingehende Analyse des empirischen Beobachtungsmaterials vorausgesetzt werden kann, werden auch die Versuche synthetischer Problemformulierung mit Erfolg gekrönt sein.

Insoweit aber, als jene Bedingung erfüllt ist, und die Summe der materiellen Erscheinungen nun noch einer formellen, geistig beherrschenden Verstandesdurchdringung bedarf, um in befriedigender Weise logisch und psychologisch assimiliert zu werden: insoweit wird auch nichts Weiteres erforderlich sein, als das Erkenntnisbedürfnis richtig zu formulieren, um eo ipso [selbstverständlich, wp] unfehlbar den Weg zur erwarteten Befriedigung zu betreten: - auf die  Fragestellung  ist das Hauptgewicht zu legen.
    Also: die richtige Problemstellung ist zugleich schon der wichtigste Schritt zu Lösung des Problems.
Jeder Fortschritt in der Geschichte der Philosophie hat vornehmlich darin bestanden, daß die geniale Intuition in kühner Überschreitung der bisherigen Denkmethode einen neuen Gesichtspunkt eröffnete, unter welchem die Forschung fortan den Blick in eine noch unbekannte Sphäre des Universums zu werfen hatte. So, wenn SOKRATES und BACO von VERULAM das Auge vom Himmel auf die Erde lenkten und mit der empirischen Induktion (Schluß vom Einzelnen aufs Allgemeine), jener die psychologische Selbstbeobachtung, dieser die Einsicht in die naturwissenschaftlichen Grundlagen aller Geisteswissenschaften anbahnten.

So vor allem KANT, in dessen Gesamtleistung keineswegs auf die Resultate der Anwendung des Kritizismus der Löwenanteil entfällt, sondern dessen Hauptverdienst vielmehr darin besteht, daß er nach dem Vorgange HUMEs die Problemstellungen der rationalen Psychologie, der Kosmologie und Ontologie durch Erschließung einer ganz neuen Einstellung amortisierte.

Die Problemstellung: "Wie sind synthetische Urteile a priori möglich?" verhält sich dem Werte nach zu der Antwort, die KANT darauf gibt, wie 100 zu 1. - man hat KANT verstanden, wenn man diese Fragestellung verstanden hat; und man kann sich in diesem Falle selber die richtige Antwort geben,  ohne  die scholastischen Eierschalen des Dogmatismus mit in Kauf zu nehmen, unter deren gebrechlicher Umhüllung KANT seine teilweise orakelhaften Antworten gibt und seine Systemschöpfung unternimmt.

Ebenso besteht SCHOPENHAUERs Bedeutung hauptsächlich in der schneidigen Festigkeit, mit welcher er dem Grundinteresse der neueren Zeit, welche der logisch-metaphysischen und bloß formal-psychologischen Probleme überdrüssig zu werden anfing, einen prophetisch-korrekten Ausdruck gegeben hat: seine Grundfrage nimmt nunmehr einen einerseits echt psychisch-naturalistischen, andrerseits einen ethisch-metaphysischen Charakter an. Nämlich: Was hat das Leben überhaupt für einen Wert? Oder (was in SCHOPENHAUERs Sinne, schon nach seiner Berliner Antrittsvorlesung zu urteilen, ungefähr dasselbe sagt:) welche Auffassung von der Zeit ist die wahre?

Ob man darauf die Antwort gibt, die EUGEN DÜHRING, oder diejenige, welche FRIEDRICH ALBERT LANGE, oder gar diejenige, welche EDUARD von HARTMANN gegeben hat, - das ist weniger von Belang, als daß der Nachweis geführt werde, ob jene Problemstellung heute überhaupt noch zeitgemäß sei. Als  nicht  mehr zeitgemäß würde sie erwiesen sein, sobald die Frage beantwortet wäre, welcher psychische Zustand mit Notwendigkeit sowohl zu jener Problemstellung als auch zu den heterogensten (andersartigsten) Versuchen seiner Lösung habe führen müssen; denn mit dem Nachweis seines naturgesetzmäßigen Auftretens wird der philosophische Reiz zu fernerer freier Synthesis in dem bezüglichen Einzelfalle vernichtet.

Als zeitgemäß hingegen würde die Problemformulierung anerkant, sobald wir zugestehen müssen, daß der Reiz noch vorhanden ist, der Frage in jener Form näher zu treten. In diesem Falle nämlich wirken die psychologischen Motive, welche einst das Rätsel geschaffen hatten, noch fort: die intellektuelle Unruhe des Forschens nötigt zur Selbstbefreiung von den störenden Willensregungen, in denen die Nichtübereinstimmung und Unfertigkeit des bisher gewonnenen Weltbildes sich reflektiert.

Nun sind aber jene psychologischen Motive, die zum Philosophieren drängen, in ihrer Wirksamkeit gebunden an die sprachlichen Vorstellungsformen; der sprachliche Ausdruck eben ist es, in welchem vor allem die unmittelbare Selbstäußerung des Willens sich kundgibt. Ja es ist ein und dieselbe Vorstellungsreihe, welche für die Formulierung, wie die, welche für die Lösung des Problems verwendet werden muß. Und ebenso wie erst das fortdauernde Interesse an der Erörterung einer Frage den Beweis liefert für die Lebensfähigkeit des Problems, so ist der fortdauernd lebensfähige Bestand des sprachlichen Ausdruckes zugleich Träger und Vehikel für den wirklichen, Symptom und Hebel für den möglichen Fortbestand jenes Interesses selbst.

Nur insofern wird der Wille, welcher zur Fragestellung treibt, ein Interesse daran haben, sein Fragebedürnis in einer zeitgemäß  veränderten  sprachlichen Formulierung auszuprägen, als ungesucht sich anbahnende Erweiterungen oder Veränderungen der Vorstellungsgebilde zugleich bereits angefangen haben, neue Ausdrucksformen in Umlauf zu setzen.

So lange die Empfindungseindrücke noch nicht in sprachlichen  Ausdrücken  kristallisiert sind, fehlt auch den aus jenen resultierenden Vorstellungen diejenige Klarheit, welche geeignet wäre, zu einer auch nur  problematischen  sachgemäßen Urteilsbildung zu ermächtigen. Von der Einsicht in die bestimmende Bedeutung der Sprache für den Gedanken ist die Reife der philosophischen Urteilskraft abhängig.


Meine Herren!

Auf die vorstehenden, zunächst aufgestellten Prämissen könnte eine besondere Methode des Philosophierens gegründet werden, welche wir die sprachpsychologische nennen würden. Sie besteht darin, daß in allem philosophischen Denken
  1. psychologisch nachgewiesen wird, wie jedes theoretische Problem, welches nicht der empirischen Detailforschung anheimfällt, in der recht verstandenen Weise seines psychischen Zustandekommens bereits die  Handhaben zu seiner Lösung  darbietet; und daß
  2. die wesentlich und weitaus maßgebenste Handhabe eben der sprachliche Ausdruck selber ist, dessen etymologischer Ursprung und linguistische Entstehungsart, dessen allmählich grammatische Ausprägung und dialektische Formulierung den Schlüssel gibt zur Aufschließung und Enthüllung des gesuchten Vorstellungsinhalts, d.h. zur Erkenntnis der Wahrheit.
Erhebt nun diese Methode den Anspruch, die relativ allseitigste und zum Ziel führende Art zu philosophieren zu sein, so liegt darin das Eingeständnis des Philosophen, daß philologische Schulung und sprachwissenschaftliche Begabung wesentliche Erfordernisse für philosophisches Urteilen sind. Die Betonung der sprachlichen Ursprünge philosophischer Begriffe, wie sie die Denkmethode JOHANN GEORG HAMANNs, FRANZ von BAADERs, MAX MÜLLERs auszeichnet, würde als sein Charakteristikum philosophischen Sinnes zu gelten haben.

Es wird hoffentlich in Zukunft anerkannt werden, daß es der Mangel an sprachlicher Schulung und an Rücksichtnahme auf die empirische Genesis der philosophischen Terminologie gewesen ist, worin von Anfang an die Achillesferse des KANTischen Kritizismus bestand. Soweit ein philosophisches Problem nicht mit Hilfe sprachlicher Analyse unmittelbar gelöst werden kann, entsteht der Verdacht, daß seine Formulierung entweder auf Mißverständnis oder auf bewußter Begriffsdichtung beruhe. Nur dann würde selbst die schätzenswerteste Virtuosität in begriffsdichtender Systemtechnik eine berechtigte Hälfte der Philosophie bilden, wenn sie sich, dem edlen Weibe gleichend, als der schwächere Teil freiwillig unterordnet dem männlichen, kritischen Wahrheitssinn.

Und innerhalb der kritischen Beurteilung ist es wiederum das
    Sprachverständnis, aus welchem der Wahrheitssinn seine geistige Sehkraft schöpft und stetig schärfen muß.
Nur diesem Verständnis kann die vollkommene Begriffsklärung gelingen. Wenn dies für alle Wissenschaften gilt, so ganz besonders für die Philosophie. Um aber die Tragweite, welche das Sprachverständnis für die Philosophie haben sollte vollständig zu übersehen und zu würdigen, versuchen wir zunächst eine Klassifizierung der Wissenschaften mit Rücksicht auf die Bedeutung der Sprache.


II. Die Klassifizierung der Wissenschaften und die Sprache

In Anlehnung an einen allgemeineren obwohl nicht durchweg einheitlichen Sprachgebrauch teilen wir die Wissenschaften vorläufig in empirische und spekulative. Jene begnügen sich, die Erfahrung vom Gegebenen zu reproduzieren; diese gehen über das Feld des Gegebenen hinaus, indem sie vermöge des schaffenden Denkens aus dem Bekannten das Unbekannte zu ermitteln, aus dem Experiment die Hypothese zu gewinnen suchen und aus den analytisch gewonnenen Faktoren und Einzelergebnissen durch Synthesis einen einheitlichen Systembau herstellen.

Allein schon die (auf beide Kategorien anwendbaren) Begriffe des Experiments und der Analyse, der Hypothese und der Synthesis drohen von vornherein jene auch ihrerseits problematische Hauptunterscheidung zu durchkreuzen. Wir fügen deshalb sogleich das Resultat unserer Klassifizierung hinzu, und erklären, daß für uns ein Hauptunterschied beider Kategorien darin bestehen wird, daß die spekulativen Wissenschaften wesentlich im Element der Sprache versieren, während die empirischen sich von dem Einfluß der Sprache möglichst zu emanzipieren geneigt sind.

Versuchen wir zunächst, von dieser Charakteristik des Gegenstandes abzusehen, so wäre zu sagen: Die empirische Wissenschaft bildet die "Wirklichkeit" ab; ihr Ideal ist die für die Sinne, insbesondere für das Auge wahrnehmbare, durch Vergleichung kontrollierbare Kopie des Wirklichen. Wo aber findet solche reine Objektivität der Reproduktion statt? Eine nackte, absolut treue Abbildung wird noch nicht vollkommen erreicht in der mündlichen Naturbeschreibung, in der zahlenmäßigen Statistik, nicht einmal in dem wörtlichen (epischen) Referat oder der "dramatischen" Wiedergabe einer historisch vorliegenden Rede. Denn in diese verschiedenen Formen der Darstellung fließen immer noch subjektive Beimischungen ein, sofern die Wahl des Ausdrucks (in der Naturgeschichte), die Betonung der Stimme (im wörtlichen Referat) sowie die Einteilung und Anordnung der statistischen Rubriken dem individuellen Ermessen überlassen bleibt.

Gegenüber diesen Übergangsformen würde letztes Ideal einer Kopierung der Wirklichkeit das weniger gemachte als vielmehr gewordene Bild, z.B. das Photogramm einzelner Momente einer Feldschlacht, das Phonogramm einer Rede sein, allenfalls auch die perspektivische Nachzeichnung, die botanische, zoologische Illustration, der geologische Atlas.

Wie ist es aber mit der Mathematik? Ist sie eine in jenem Sinne empirische oder eine spekulative Wissenschaft? Eine Betrachtung über die Mathematik wird wiederum die Unzulänglichkeit der üblichen Klassifikation dartun. Die Mathematik, als in sich streng geschlossener Formelbau, beruht insofern auf einem subjektiv bedingten Spiel des reflektierenden Gedankens, als ihre Formeln nur gewonnen werden durch absichtliches Disponieren und schöpferisch ordnendes Objektivieren unserer inneren Erkenntnisformen, welche zugleich als Substrat für die Erforschung der Naturgesetze dienen, indem wir sie in die konkrete Einzelwirklichkeit organisierend hineintragen.

Insofern ist die Mathematik eine spekulative Wissenschaft. Die Mathematik besteht in einem Formelspiel, welches eine Summe von beliebigen vorgestellten Größen in der farblosen Allgemeinheit von Raum, Zeit und Zahl zusammenfassen lehrt. Oder: Sie ist die spielende Auseinanderlegung der Einen, subjektiv bedingten, Raumanschauung in unendlich vielfach modifizierte Einzelobjektivationen - mittels des abstrakt zählenden Zeitrhythmus. Diese subjektive Spiel ist nun allerdings gleichzeitig das Substrat der ernsten Wertschätzung, welche dem realen Weltzweck zukommt. Die Evidenz der mathematischen Operationen, deren Kehrseite die nie versagende Treffsicherheit der praktischen Mess- und Rechenkunst ist, erweist sich als einer der mächtigsten Bundesgenossen für den Willen in seiner weltgestaltenden Kulturarbeit.

Indessen, was abgesehen von dieser gewissen Zielarbeit des Willens den theoretischen Wahrheitsgehalt der Mathematik ausmacht, das beruht lediglich auf dem Glauben an die Übereinstimmung zwischen den konkreten Formen der äußeren Welt, welche den Sinnen wahrnehmbar sind, und den abstraktesten Gesetzen der inneren Welt des Verstandes, von welcher eben die Zahlen, Linien, Figuren und mathematischen Körper einfache Wiederholugnen, Selbstaussagen über den elementarsten Bewußtseinsinhalt sind. Gerade so wie der logische Satz des Widerspruchs sind die Wahrheiten der Mathematik nur insofern "objektiver" Art, als sie Abdrücke einer inneren Wirklichkeit sind.

Hingegen der Denkakt, welcher diese Wirklichkeit zum Ausdruck bringt, ist nichts anderes als die Selbstaussage des Verstandes über sein eigenes Sein. Wenn der Mathematiker eine Figur zeichnet, so kopiert er zwar seinen Bewußtseinsinhalt, jedoch so, daß dieser Inhalt selbst schon jene Abstraktionen (z.B. den Punkt) und die Kombinationen (z.B. das Dreieck) voraussetzt, wie sie aus einem instinktiven Trieb nach sondernder und verknüpfender Verstandestätigkeit zu entstehen pflegen.

Dieser gesamte Inhalt, bis zur Zahleinheit und zum Punkt, ist qua Inhalt nicht sowohl Kopie als vielmehr zunächst Schöpfung des Bewußtsein: als reine und ursprüngliche Abbildung der inneren Welt würde lediglich das Dasein des mathematischen Denkens zu bezeichnen sein, denn dieses ist der getreue Reflex, Abdruck, Widerschein der erkennen wollenden Vorstellungstätigkeit, welche aller Wissenschaft zugrunde liegt.

Das ernstliche Streben nach Erkenntnis und der mit diesem Streben identische Glaube an die Erkennbarkeit - dieses Prinzip alles Wissens ist zugleich das einzige empirische, d.h. die Wirklichkeit kopierende Element innerhalb der Mathematik. Und vollkommen naturwahr würde auch dieses empirische Echo der inneren Wirklichkeit nur insoweit heißen dürfen, wie es als stumme Selbstbeobachtung den Gefühlsmodus der Forschungstriebes kristallisieren läßt.

Jedes erklärende Wort, wie es den Sinn zu enthüllen versucht, verhüllt zugleich die Wirklichkeit durch seine schöpferische, mythenbildende Allmacht. Schon die soeben und vorhin gebrauchten Gleichnisse: Reflex, Abdruck, Wiederschein, Echo, Kristallisation, - mögen sie auch durch immer farblosere Kategorien ersetzt werden, würden in jedem Falle geeignet sein, die Gefahr zu illustrieren, welche in der Substituierung des deutschen Wortes an Stelle der stummen Beobachtung liegt.

Wie hier, so auch in der objektiven Naturbeschreibung. Wie verschieden sind die Schilderungen der Reisenden, wie groß die Überraschungen und die Enttäuschungen, die dem Selbstsehenden bereitet werden, wenn er bis dahin von dem Vorurteil einer gelesenen oder gehörten Schilderung eingenommen gewesen! Keine referierende Beschreibung könnte die Oberfläche des Mondes so adäquat wiedergeben, wie es die teleskopische Autopsie ermöglicht. Möge also die empirische Wissenschaft der wörtlichen Erklärungen sich möglichst enthalten, es sei denn, daß die Mißverständnisse, welche aus dem bildlichen Charakter des Wortes entstehen, durch direkte Anschauung paralysiert werden können. Die echten Naturforscher, die ARCHIMEDES-, die HUMBOLDT-, die DARWIN-Naturen sind im Allgemeinen tatsächlich dem möglichst knappen Ausdruck zugetan.

Wenn wir für die sogenannte empirische Wissenschaftsform ein gemeinsames Charakteristikum angeben wollen, so ist es dies, daß sie ihrem Wesen nach überwiegend von unsprachlicher Art ist. Wo sie indessen die Mitteilungsform der Sprache nicht entbehren kann, z.B. zur Anweisung des Technikers, welcher den für das Experiment erforderlichen Apparat herzustellen hat, oder andrerseits zur Unterweisung des Jüngers der Wissenschaft, - da handelt es sich niemals bloß um das empirische Erkennen als solches, sondern sei es um indirekte Mittel oder um nebensächliche Zwecke.

Zwar soll die Sprache selber ein Gegenstand der empirischen Forschung sein. Der Sprachgelehrte, der Linguist, der Lautphysiologe beschreibt die Weise, wie der Einzelne spricht, wie Völker und Zeitalter sprachen; aber auch ihm liegt es vorzugsweise ob, zu hören und in der stummen Abbreviatur (Abkürzung) der Tongebilde, in Buchstabenbildern das direkt Gehörte oder mittelbar Vernommene zu kopieren. Nicht ist hier der schaffende Ausdruck Organon der Wissenschaft, sondern nur das gehörte Wort ist Gegenstand derselben.

Der Linguist schadet seiner Aufgabe, wenn er zu früh über die Sprache mit der Sprache zu philosophieren anfängt, ehe hinlängliches empirisches Material gesammelt worden ist. Dem philologischen Empiriker muß so sehr an der ruhigen Beobachtung liegen, daß er es lächelnd über sich ergehen lassen düfte, wenn seiner, wie aller rein empirischen Tätigkeit der geweihte Name der Wissenschaft abgesprochen würde: denn nichts darf ihm gelegen sein an dem kulturellen Wert oder dem mystischen Zauberklange irgend eines Wortes, da ihm alle Worte lediglich  Gegenstand  der objektiven Wirklichkeitserforschung sind.

In der Tat könnte man mit sprachlichem Recht jene gesamte rein empirische Methode sehr wohl mit der Kunst des Photographierens auf eine Stufe stellen, und sie, im Gegensatz zu der spekulativen Erkenntnis d.h. zur eigentlichen Wissenschaft - als technische Methode bezeichnen. Dann würden diese technischen Disziplinen zweckmäßig so spezialisiert werden, daß wir die abbildende Technik von der schaffenden Technik und von diesen (als Mittel zu beiden) die experimentierende Technik unterscheiden.

Unter diese Gesichtspunkte geordnet würde der unsprachlich Charakter des empirischen Erkennens noch deutlicher werden. Das reine Ideal der empirischen Wissenschaft wird in der abbildenden Technik erreicht; in der schaffenden Technik kann die Sprache deshalb eine konstitutive Rolle spielen, weil sie selbst ein wirksames Schöpfungsorgan ist; aber auch hier kann die Verwendung der Sprache z.B. das Kommando, welches bei gemeinschaftlichen gymnastischen Übungen und strategischen Manövern erforderlich ist, durch Zeichen und Signale ersetzt werden; und selbst die rhetorische oder dialektischen Selbstübung im Reden bedarf des gesprochenen Wortes nur als Hilfmittel und Gegenstandes, mit und an welchem die Kunst sich gleichsam zu einem lebendigen Echo und Phonographen gegebener Vorstellungskreise auszubilden, geübt werde.

Auch gelten derartige "Künste" nur nach seltenerem Sprachgebrauch als "Wissenschaften", wie etwa die Tanz-, Reit- und Fechtkunst anhangweise im Verzeichnis der Universitätslehrgegenstände figuriren. Sobald man mit der Anwendung der Sprache einen anderen, höheren Zweck verbindet, nicht bloß technische Handlungen zu signalisieren oder schon ausgesprochene Gedanken anderer möglichst wortgetreu und geschmackvoll zu referieren, sondern unausgesprochene eigene Gedanken zum Ausdruck zu bringen, so tritt man in das neue Gebiet bewußter Symbolik und Begriffsformung ein - und damit in diejenige Sphäre, welche den denkbar schärfsten Gegensatz zu jener Kopierung der nackten Wirklichkeit darstellt.

In diese Sphäre fällt nun die eigentliche Wissenschaftsform, welche im Unterschied von der "technischen" die theoretische oder auch poetische (in Anlehnung an die Terminologie des ARISTOTELES) genannt werden könnte. Und zwar veranlaßt uns sowohl die Bedeutung der Sprache wie der schillernde Charakter der Mathematik, den Gegensatz des Technischen und Theoretischen zu bevorzugen vor dem üblichen erstgenannten Unterschiede. Die theoretische Methode, welche in den spezifischen Geistes- oder Vernunftswissenschaften zur Anwendung kommt, bedarf wesentlich der Symbolik und ist auf die Sprache als ihr spezifisches Organ, nicht bloß als technische Hilfsmittel, angewiesen.

Während auf dem technischen Gebiet die nehmende Hand, das wahrnehmende Auge die Hauptorgane der vernehmenden wie der schaffenden Vernunft waren, so kann auf dem Gebiet der reinen Theorie alles, was die tastende Hand und das sehende Auge leistet, bloß als ergänzendes Surrogat oder höchstens als einleitende Hilfsfunktion (Koeffizient) für das zentral schöpferische Sprachorgan gelten. Selbst auf die Formen, zumal auf die vergeistigten Formen der tonlos darstellenden Symbolik, die Gebärde, das Minenspiel, die Pantomime, - das Monogramm, die malerische Allegorie, die mathematische Formel trifft diese Beschränkung zu. Die Sprache allein ist der adäquate und drastische Vernunftausdruck; die Vernunft bekundet sich wesenhaft erst in der Sprache.

Suchen wir nun die Geisteswissenschaften zu spezialisieren, so wird es zweckmäßig sein, auch hier einen analogen Gegensatz wie den zwischen schaffender und abbildender Technik einzuführenden: ein terminologischer Vorschlag, durch welchen die sonst unvollständige Unterscheidung zwischen empirischer und spekulativer Wissenschaftsform teils neutralisiert teils verschärft wird. Wie dort, auf technischem Gebiet, dem abbildenden Können gegenüberstand das schaffende Können, so hier auf dem Gebiet des eigentlichen Wissens die schaffende, produktive Vernunfttätigkeit dem abbildenden oder symbolisierenden Reproduzieren.

Einerseits die organisierende Produktivität, andrerseits die reproduktive Symbolik; einerseits das produktive Herstellen eines vorher Nichtseienden, andrerseits das umgestaltende Abbilden und Darstellen eines Gegebenen; einerseits das Schaffen eines Seinsollenden, andrerseits das Bilden eines Seienden, in beiderlei Fällen mittels der Sprache. Es liegt zwar schon in der fließenden Natur eben dieses Mitteilungsorgans, der Sprache, daß auch die eben versuchte Gegenüberstellung nicht von "absoluter" Konstanz und Schärfe sein kann, sondern von dem wechselnden Sprachgebrauch abhängig ist.

Ist doch der Gegensatz zwischen Bilden und Schaffen ein anderer, wenn wir mit demselben z.B. SCHLEIERMACHERs Korrelatsetzung des Symbolisierens und Organisierens gleichstellen, als wenn wir den mehr graduellen Unterschied zwischen Reproduktivität und Produktivität darauf anwenden. Gerade das erkennende "Bilden" z.B. der religiösen Lebensansicht, die wissenschaftliche Bildung überhaupt als Art und Weise, wie ich das Weltbild denkend in mein individuelles Wesen aufnehme (symbolisiere in SCHLEIERMACHERs Sinne), oder wie ich mich intellektuell den Interessen der Gesellschaft gemäß gestalte, muß normalerweise unter produktiver Charaktertätigkeit vor sich gehen; und gerade in der Reproduktion des gegebenen Vorstellungsgehalts soll der Verstand organisierende Gestaltungskraft bewähren.

Überdies ist ja aller theoretischen Vernunfttätigkeit das Symbolisieren wesentlich. Dennoch eignet sich jene Zweiteilung der Geisteswissenschaften (in produktiv -organisierende und reproduktiv -symbolisierende) zur Orientierung über den Wert und das Wesen alles theoretischen Wissens überhaupt. Eine reproduktive Vernunftwissenschaft ist sowohl die Geschichtsphilosophie im Sinne HEGELs als auch die Naturphilosophie im Sinne OKENs, sofern sie ein aufklärendes Bild von dem wirklichen Dasein des Kosmos mittels der Sprache zu geben sucht.

Hingegen sind produktive Geisteswissenschaften die Staas- und Rechtsphilosophie, die praktische Theologie, die Ästhetik, die Pädagogik und besonders die Ethik, als Wissenschaft vom Seinsollenden, während nach SCHLEIERMACHERs Einteilung die Ethik mit der Philosophie der Geschichte koinzidiert. Wie wir nun als Übergangsform zwischen der schaffenden und der abbildenden Technik die experimentierende Technik statuierten, so würde auf dem Gebiet des eigentlichen Wissens eine ähnliche Übergangsform die Hermeneutik darstellen, indem sie zwar heuristisch ein Gegebenes zu reproduzieren sucht, aber als Kunst der Übertragung einer Sprachsphäre in eine andere einen neuen Anschauungskreis "organisiert".

Die höchste Geisteswissenschaft würde hiernach die Logik sein, die Wissenschaft vom  logos  oder vom Gedanken mittels des Gedankens, vom Worte mittels des Wortes, und zwar teils als schaffende Dialektik oder synthetische "Kunst des Gedankenwechsels" im Gebiet des "reinen Denkens", teils als Erkenntnistheorie oder reproduzierende Selbstanalyse der reinen Vernunfttätigkeit.

Der Begriff der Kunst und der Synthese (gegenüber der Theorie und der Analyse) führt nun auf das Element des Willens innerhalb der Wissenschaft in Betracht, so ergibt sich das merkwürdige Resultat, daß gerade diejenige Wissenschaft, welche von der banausischen Technik am weitesten entfernt ist, der Mitwirkung des Willens den größten Spielraum gewährt; ein Ergebnis, durch welches allerdings die übliche Auffassung vom Wesen der Wissenschaft völlig durchkreuzt wird.

Der Einfluß des Wollens auf das Denken ist überall vorhanden, er ist nur ein graduell verschiedener.
  • Reine Empfänglichkeit des Erkennens ist verhältnismäßig am meisten in der technischen Darstellung deskriptiver Naturwiedergabe möglich.

  • In der schaffenden Technik steht die Erkenntnis zwar äußerlich im Dienste des Willens, aber das erkennende Moment der Willensbildung ist hier relativ isoliert vom Wollen, ohne innere Einigung mi demselben.

  • Erst in der darstellenden Wissenschaft ist das Erkennen ein selbstgeschaffener Ausdruck des Willens, indem der Erkenntnistrieb sich (mittels der Sprache) seine Formen und Bilder freischöpferisch hervorbringt, um sie dann gleichsam wie religiöse Mysterien festzuhalten und für den Gebrauch zu fixieren

    So in der Naturphilosophie Anschauungsbilder wie Atom, Größe, Spannkraft und lebendige Kraft, Auflösung, Isomorphismus, Mißwachs, Keimform, Protoplasma; in der Geschichtsphilosophie Ausdrücke wie Weltbeherrschung, Weltentsagung, Weltüberwindung; Sturm- und Drangzeit, Blütezeit und klassische Periode, Evolution und Degeneration, Heldengröße und Charaktergröße, Zeitgeist und providenzielle Persönlichkeit.

    Jede empirische Charakterschilderung muß, um verständlich zu sein, mit sprachlich ausgeprägten Kategorien rechnen, welche schon in der Art, wie sie im problematischen Sinne zugeschärft werden, die endgültige Beurteilung beeinflußen. Von den einfachen Aburteilungen im Stil des Königsbuches "Er tat, was dem Herrn wohl, resp. übel, gefiel" - bis zu den modernen Differenzen in Auffassung der Charaktere eines CÄSAR, WALLENSTEIN, CROMWELL, BONAPARTE zieht sich der Einfluß der schaffenden Macht der Sprache, welche dem Historiker wie dem Laien auf Schritt und Tritt den Weg verlegt und die Aussicht trübt.

    Aber auch hier kann und soll bewußterweise allenthalben noch wenigstens das Streben vorwalten, die theoretische Wahrheit reinzuhalten von den unbewußten Einflüssen willkürlicher Eingriffe seitens der begriffsschaffenden Allmacht der Sprache.

  • Erst in der letzten Kategorie, in der wesentlich produktiven Kunst des wissenschaftlich -theoretischen Denkens formuliert der Erkenntnistrieb mit vollem Bewußtsein den adäquaten Ausdruck für seine idealen Willenszwecke. So wird in der Ethik und Ästhetik durch bewußtes Experimentieren mit der Sprachterminologie eine Verständigung sowohl über die Ideale selbst als auch über die aussichtsvolle Art, wie dieselben in Worte zu kleiden sind, angestrebt; der bewußte Zweck hierbei ist eben die Verwirklichung des Ideals des Guten und des Schönen, wie in der Didaktik die des Wahren, in der Politik die des für möglichst viele Zweckmäßigen.

    Die Ethik hat (schon nach ARISTOTELES) den Zweck, uns zu besseren Menschen zu machen; die Ästhetik, den Sinn für das Schöne zu pflegen. Der Ethiker muß bereit sein, dem bewußten sachlichen Zwecke sittlicher Bildung die traditionellen Begriffskategorien zu opfern, z.B. eventuell sei es als reaktionär sei es als evolutionär gelten zu wollen, falls dadurch und nur auf diese Weise das gute Gewissen bewahrt, ein edler Zweck erreicht werden sollte. Je mehr ein Ethiker, Politiker, Pädagoge sich neben objektiver Wahrheitsliebe solcher praktischen Abzweckung seiner Wissenschaft bewußt ist, je bewußter er sein Denken in den Dienst des Wollens zu stellen vermag, desto reifer wird sein Erkennen werden.

    Am höchsten steht demgemäß innerhalb dieser letzten Kategorie der Wissenschaften diejenige Disziplin, welche das Verhältnis des Willens zur Erkenntnis absichtlich an sich selbst untersucht und zwar mit der Tendenz, aus dieser Untersuchung das Material zu schöpfen für die Herstellung und Pflege des rechten Verhältnisses zwischen beiden. Es ist die Erkenntnistheorie, welche sich zugleich als bewußtermaßen sprachschaffende Kunst des Gedankenwechsels oder als Dialektik unmittelbar betätigen muß, wenn sie nicht ohnmächtig hinter ihrer Aufgabe, das korrekte, wahrhafte Erkennen mittels des deutenden Wortes abzuspiegeln, zurückbleiben will.

    Aus unserer Anordnung der wissenschaftlichen Disziplinen erhellt zugleich, daß die sittliche Selbstbildung des Willens und die Selbstbestimmung zur philosophischen Wahrheitserforschung eng verwandt sind und daß derjenige, welcher bestrebt ist, klar und frei zu denken, zugleich eine Hauptbedingung erfüllt zu wahrhaft praktischer Wirksamkeit und ethischer Lebensbetätigung. Das hiermit berührte Verhältnis zwischen Willen und Erkenntnis wirft nun sein Licht auf die Bedeutung welche die Sprache für diese beiden Geistesvermögen hat.


    andiamo ragazza
LITERATUR - Georg Runze, Philosophische Vorträge der Philosophischen Gesellschaft zu Berlin, Neue Folge, 2. Heft, Berlin 1886