cr-3R. GätschenbergerW. MorrisH. Pross    
 
CHARLES KAY OGDEN (1889-1957)
IVORY ARMSTRONG RICHARDS (1893-1979)
Symbolismus

Gedanken, Wörter und Dinge
Die Macht der Wörter
Die Theorie der Definition
Zeichen in der Wahrnehmung
  "...für die andern jedoch, die nicht bereit sind zuzugeben, daß sie über  nichts  sprechen, wenn sie auf nicht belegbare Entitäten Bezug nehmen..."

Obschon von der Sprache oft als Medium der Kommunikation gesprochen wird, ist es doch das beste, sie als Instrument zu betrachten; und alle Instrumente sind Vergrößerungen oder Verfeinerungen unserer Sinnesorgane. Das Teleskop, das Telephon, das Mikroskop, das Mikrophon und das Galvanometer sind, wie das Monokel oder das Auge selbst, fähig zu verzerren, d.h. neue relevante Glieder in die Kontexte unserer Zeichen einzuführen. Und wie aufnehmende Instrument die Reichweite unserer Organe vergrößern, so vergrößern Manipulationsinstrumente die Reichweite der motorischen Betätigungen.

Wenn wir nicht realiter auf die Bären zeigen können, die wir erlegt haben, erzählen wir unseren Freunden von ihnen oder zeichnen sie; oder wenn uns ein ein klein bißchen besseres Instrument als die Sprache zur Verfügung steht, machen wir eine photographische Aufnahme. Die gleiche Analogie gilt für die emotionalen Verwendungsarten der Sprache; Worte können als Knüppel oder Pfrieme benutzt werden. In der Photographie kommt es nicht selten vor, daß Effekte, die durch manipulierende Prozesse entstanden sind, von Amateuren irrtümlicherweise für Charakteristika der abgebildeten Objekte gehalten werden.

Einige dieser Effekte haben Experten ihrerseits dazu benutzt, bei dem verstorbenen Sir ARTHUR CONAN DOYLE und seinen Freunden große Aufregung hervorzurufen. Ähnlich ist auch die Sprache voll von Elementen ohne stellvertretende oder symbolische Funktion, die ausschließlich auf ihre Handhabung zurückgehen; und diese Elemente werden von Metaphysikern und ihren Freunden in ähnlicher Weise fehlgedeutet oder ausgenutzt, um sich gegenseitig in Aufregung zu versetzen - und zudem auch jene unter den Nichtfachleuten, die gewillt sind, ihnen zuzuhören.

Die so durch die Sprache eingeführten fiktiven Entitäten bilden eine spezielle Spielart dessen, was man Fiktionen nennt. Aber dieser Begriff ist, wie VAIHINGERs eigene Verwendung des Terminus zeigt, sehr unbestimmt, und sogenannte Fiktionen sind oft nicht von Hypothesen zu unterscheiden, die einfach nicht-verifizierte Bezüge sind. Bestimmte Abstraktionen, wie "der ökonomische Mensch", sind von dieser Art; da es jedoch rein methodologische Abstraktionen sind, glaubt man nicht an sie.

Bei vielen Idealisierungen und Phantasiegeschöpfen, wie z.B. Don Juan oder der "Übermensch", kann es andererseits durchaus geschehen, daß sie eines Tages ihr Bezugsobjekt finden. Bei  Hamlet  und GOETHEs  Urtier  handelt es sich offenbar nicht um Hypothesen, da sie an Stellen datiert und lokalisiert sind, wo die Geschichte keinen Raum für sie hat; sie sind fiktiv in dem Sinne, daß SHAKESPEARE oder GOETHEs Gedanke keinen einzelnen Referenten hatten.

Wir unsererseits können selbstverständlich auf diese Gedanken Bezug nehmen; häufiger versuchen wir nur, sie wiederzugeben. Alle Fiktionen dieser Art müssen jedoch deutlich von jenen anderen Fiktionen unterschieden werden, die auf Manipulationen der Sprache selbst zurückgehen. VAIHINGER hat diese Unterscheidung nicht genügend hervorgehoben; vielleicht aufgrund einer unvollständigen Analyse der Beziehungen zwischen Sprache und Denken - wie sie sich in seiner Verwendung der Termini  Begriff  und  begreifen  bei der Erörterung von Abstraktionen und Wissen zeigt.

Sprachliche Fiktionen kommen auf zweierlei Art zustande; entweder durch ein Mißverstehen der Funktionen symbolischer Hilfsmittel wie  Freiheit  oder  Rotsein,  so daß bei der Bezugnahme auf freie Handlungen oder rote Dinge der Benutzer annimmt, er beziehe sich auf etwas außerhalb von Zeit und Raum; oder durch die Hypostasierung [einem Gedanken gegenständliche Realität unterschieben - wp] struktureller Bindemechanismen wie  oder, falls, nicht  etc., für die nur Logiker anfällig sind.

Die Verwendung des Terminus Begriff ist bei der sprachlichen Analyse besonders irreführend. Es gibt eine Gruppe von Wörtern - wie z.B.  Konzeption, Wahrnehmung, Reiz-,  die ein ständiger Quell von Meinungsverschiedenheiten sind, seit die Unterscheidung zwischen Vorgängen innerhalb und außerhalb der Haut zum ersten Mal ausdrücklich anerkannt wurde. Wahrnehmungsprozesse, die bei dem, der sie deutet, durch die Einwirkung äußerer Objekte hervorgerufen werden, hat man gewöhnlich Wahrnehmungen genannt, desgleichen aber auch diese Objekte selbst.

Während jedoch beim Doppelsinn des Terminus Wahrnehmung nur die Verwechslung zwischen zwei möglichen Referenten oder Ensembles von Referenten im Spiel ist (dem innerhalb und dem außerhalb des Kopfes), verführt der Terminus  Begriff,  wenn er so dupliziert wird, von jeher in besonderem Maße zur Schaffung falscher Entitäten. Häufig wurde angenommen, die Referenten dieser mehr abstrakten Prozesse seien, da sie einfach zu sein schienen, ganz anders als jene der geistigen Prozesse, die dann stattfänden, wenn die Referenten durch Wahrnehmung "gegeben" seien.

Manche Philosophen erblickten deshalb eine transzendentale Welt von "Begriffen"; und selbst Psychologen, die sich in Anerkenntnis der Tatsache, daß Begriffe geistig sind, "Konzeptualisten" nannten - im Gegensatz zu der transzendentalen (scholastisch "realistischen") oder der nicht-psychologischen (nominalistischen) Schule -, wurden häufig durch ihre Terminologie zu einer unrichtigen Auffassung der Symbol-Situationen geführt.

In methodologischen Diskussionen und in Erörterungen über geistige Prozesse kann man richtigerweise sagen, daß Wörter für Ideen stehen. Aber es ist nicht war, wenn man sagt, in der gewöhnlichen Kommunikation nähmen wir Bezug auf unsere eigene geistige Maschinerie und nicht auf die Referenten, "über" die wir mit Hilfe dieser Maschinerie sprechen. Wie wir gesehen haben,  symbolisieren  Wörter stets Gedanken, und der Konzeptualist neigt zu der Annahme, daß der sehr spezielle Fall der Konstruktion oder des Begriffs, der erdacht wurde, um einen wissenschaftlichen Bezug oder eine Klassifizierung zu versuchen, und der dann selbst untersucht werden muß, verallgemeinert werden kann.

Er sagt dann, das Wort sei nicht bloß ein Wort, wie der Nominalist behauptet, sondern stehe für ein begriffliches Symbol. Er hat insoweit recht, als er sich gegen die wendet, die an eine einzige entdeckbare Entität glauben, welche durch Wörter, die allgemeine Bezüge symbolisierten, vertreten werde; für die andern jedoch, die nicht bereit sind zuzugeben, daß sie "über" nichts sprechen, wenn sie scheinbar auf nicht belegbare Entitäten Bezug nehmen, ist das Vokabular der Konzeptualisten sehr mißverständlich.
LITERATUR - C.K. Ogden / I.A. Richards, Die Bedeutung der Bedeutung (Eine Untersuchung über den Einfluß der Sprache auf das Denken und über die Wissenschaft des Symbolismus), Ffm 1974