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WILHELM VOSSENKUHL
Wilhelm von Ockham
- Eine biographische Annäherung -

Logik und Sprachphilosophie
Zeichen und Bilder
"Jede wahre Erkenntnis kann nach Ockham nur das Singuläre, das einzeln Existierende zum Gegenstand haben."

Die Person OCKHAMs, sein ungewöhnlicher Lebensweg und sein Werk als Philosoph, Theologe und politischer Denker bilden ein Ganzes. Seine individuelle Persönlichkeit, die bewegenden Kräfte, seine Einstellungen und Motive treten hinter seinem Lebenswerk zurück. Seine Gestalt, soweit sie uns heute noch zugänglich ist, können wir nur aus wenigen persönlichen Quellen und aus seinen Werken erkennen. Es ist daher für unser Verständnis OCKHAMs beinahe unerheblich, daß wir kaum etwas über sein Leben wissen. Selbst die Geburts- und Todesdaten sind ungesichert. Sein Werk ist seine Biographie.

Ein Dorf in der Grafschaft Surrey, südwestlich von London, mit dem Namen Ockham gilt als sein Geburtsort. Dort wurde er 1285 oder 1286 geboren. Er starb in München um 1349. Zwischen diesen vagen Daten liegen gut 6 Jahrzehnte, die ohne Zweifel bewegt, zuweilen sogar dramatisch waren.

OCKHAM wurde als "Grenzgänger" zwischen Mittelalter und Neuzeit bezeichnet, der im "Herbst des Mittelalters" (Huizinga) in der Krise des scholastischen Denkens die Grundlagebn des modernen Verständnisses von Glaube und Wissenschaft entwickelte. Er galt als "Schöpfer eines kritischen Radikalismus" (R.Scholz) und wurde für die Auflösung der Scholastik verantwortlich gemacht. Viele sahen ihn als scharfen Kritiker der Metaphysik des THOMAS von AQUIN, als Vertreter des Individualismus, als einen der ersten modernen Logiker, als Empirist und schließlich Wegbereiter des neuen kopernikanischen Weltbildes. Manche verstehen ihn als einen Vorläufer Luthers, einen Wegbereiter der Spaltung der Christenheit. In der Auseinandersetzung zwischen Kaiser Ludwig dem Bayern und den Päpsten in Avignon nahm er Partei für den Kaiser und wurde als "Apologet Ludwigs" apostrophiert.

Obwohl manche dieser Charakterisierungen auf Züge von OCKHAM zutreffen, verzeichnen sie insgesamt seine Gestalt. Er war mehr als alles andere Franziskaner und Theologe. Diesem Orden der Minderbrüder (Ordo Fratrum Minorum, abgk. OFM), einem Bettelorden, trat er früh bei. Am 26.2.1306 wurde er in der Kirche St. Saviour der Gemeinde Southwark, heute ein Stadtteil von London als Subdiakon ordiniert.

Von diesem ersten überlieferten Datum können wir auf ein Geburtsdatum in den Jahren 1285 oder 1286 zurückschließen. Das Mindestalter für die Weihe zum Subdiakon war zwanzig Jahre. Auf seinen frühen Ordenseintritt weist der Franziskaner William Woodford hin. OCKHAM blieb trotz heftiger kirchenpolitischer Auseinandersetzungen Franziskaner. Viele seiner Überzeugungen, ganz besonders aber seine kompromißlose Haltung gegenüber den Päpsten in Avignon sind nur verständlich vor dem Hintergrund sowohl seiner tiefempfundenen, uneigennützigen und von keinem Zweifel getrübten Zugehörigkeit zu seinem Orden als auch seiner theologischen Überzeugungen.

Franziskanische Gläubigkeit
Die Gradlinigkeit seiner franziskanischen Gläubigkeit und seine fraglose Identifikation mit dem Orden bis zu seinem Lebensende, als auch nach seiner förmlichen Exkommunikation 1328, bilden das unbewegte, von keiner Krise erschütterte Zentrum seines Lebens- und Selbstverständnisses. Vielleicht konnte er nur aufgrund der Sicherheit und inneren Stabilität, die ihm dieses Leben gab, das intellektuelle und persönliche Wagnis einer Kritik der bestehenden Ordnung eingehen.

OCKHAM war ein Neuerer, als Philosoph, als Theologe und nicht zuletzt als politischer Denker. Aber er war kein Neuerer im modernen Sinn. Er strebte das Neue nicht um seiner selbst willen oder aus theoretischer Neugier, aus Freude am Experiment oder aus persönlicher Unzufriedenheit mit der etablierten Ordnung an. Er hatte kein individuelles Interesse am Neuen, verband keine subjektive Neugung oder akademischen Ehrgeiz mit seiner Kritik an Metaphysik und Papstkirche. OCKHAM war die moderne Ambition der Kritik der bestehenden Ordnung fremd, die ihr Motiv aus dem Bewußtsein gewinnt, die Welt den eigenen Anschauungen und Überzeugungen gemäß zu gestalten. Er war kein Individualist, der sein subjektives Wissen und Wollen zum Maß einer besseren Welt macht. Deshalb hinterließ er wohl auch keine Selbstzeugnisse oder Erläuterungen seiner persönlichen Motive.

Vor allem verband er mit seinem theoretischen und praktischen Wirken, soweit es uns in Texten übrliefert ist, keinerlei persönliche Erwartungen, nicht einmal in den Jahren, in denen ihm in Avignon der Prozess wegen angeblicher Irrlehren gemacht wurde. Er schloß sich auch nicht aus persönlichem Kalkül oder bloßer Berechnung Ludwig dem Bayern an und äußerte sich in den Jahren der politischen Auseinandersetzungen primär als Theologe und Philosoph. Er blieb intellektuell unabhängig und stellte sein Denken nur in den Dienst seiner Überzeugungen, nicht in den von Personen oder Parteien.

Konsequenzen seines Denkens
Auf OCKHAM paßt nicht das moderne Persönlichkeitsbild des Homo Faber, der von der Machbarkeit der Geschichte und der Planbarkeit der Gesellschaft überzeugt ist. Er ist durch und durch von einer vormodernen Auffassung vom Menschen als dem Ebenbild und Geschöpf  Gottes  geprägt. Gleichzeitig versteht er den Menschen als freies, für sich und sein Tun und Denken verantwortliches Wesen.

Dem Verhältnis  Gottes  zur Welt, der Nachfolge Christi in Armut und Gehorsam und der wahren Kirche der Christenheit galt sein primäres Interesse. Seine kompromißlose Orientierung am Vorbild Christi, seine tiefe Überzeugung von der Allmacht und Freiheit  Gottes  und der Freiheit, aber auch der Fehlbarkeit aller Menschen, seien sie Priester oder Laien, waren die Kräfte, die ihn bewegten.

Überraschend und für uns nicht unmittelbar verständlich sind die weitreichenden Konsequenzen dieser Grundüberzeugungen. Die Konsequenzen selbst erscheinen uns modern, ja mitunter revolutionär, sei es in der Theologie oder auf den Gebieten der Logik, Erkenntnislehre und Sozialphilosophie. Es fällt uns heute aber schwer, sie als Folgerungen und Ergebnisse eines religiösen und theologischen Grundinteresses zu verstehen. Allerdings ist es lohnend, diese Schwierigkeit zu überwinden und die theologischen Grundlagen seines Denkens zu verstehen.

Wir gewinnen auf diese Weise Einblick in die Ursprünge modernen Denkens, die diesem Denken und seinem Weltbild in der heute bekannten Form nicht mehr unmittelbar zu entnehmen sind.

Eine Annäherung an OCKHAM kann also nicht allein darin bestehen, daß wir die modernen Resultate seines Denkens kennenlernen. Manche von ihnen wurden in der jüngsten Geschichte der Philosophie aufs neue gedacht, ohne daß OCKHAM unmittelbar Pate stand.

Gefährdung der Christenheit
OCKHAM verstehen heißt, daß wir uns die Lage vergegenwärtigen, in der er dachte und schrieb. Wir können uns heute nur mehr am Beispiel totalitärer Staaten vorstellen, was es heißt, daß ein Denken, das von herrschenden Meinungen abweicht, mit Gefahren für Leib und Seele verbunden ist. Aber dieses Beispiel ist ein modernes und trifft die Lage OCKHAM nur äußerlich.

Es war tatsächlich, wie der Prozeß in Avignon zeigte, für ihn gefährlich, das zu lehren, was er dachte. Aber die Dimension der Gefährdung war für OCKHAM nicht nur eine persönlich-private, die sich auf sein physisches Dasein oder seine akademische Karriere bezog. OCKHAM erfuhr eine Gefährdung seiner Grundüberzeugungen, der Prinzipien franziskanischen Ordenslebens und der von ihm erkannten Glaubenswahrheit, letztlich eine Gefährdung von Kirche und Christenheit.

Diese Gefährdung hatte eine seelische und intellektuelle Dimension, die diejenige einer Gefahr für Leib und Leben weit übertraf. OCKHAM erfuhr sie erstmals in den Jahren in Avignon (1324-1328) und verstärkt in den letzten zwei Jahrzehnten seines Lebens, die dem Kampf gegen die Irrlehren von Pabst Johannes XXII. und seiner Nachfolger gewidmet waren.

Der Gedanke, der Stellvertreter Christi sei ein Häretiker, war nicht nur ein abstrakt-theoretischer. OCKHAM mußte sich zur Ungeheuerlichkeit dieses Gedankens erst durchringen. Dann sah er, wie sehr nicht nur sein Orden und er selbst, sondern Kirche, Christentum und Glaube durch ihre höchsten Repräsentanten gefährdet waren.

Vernünftige Argumentation
OCKHAMs Lage war aber keineswegs in einem subjektiven Sinn verzweifelt oder gar resigniert. Er vertraute auf die Kraft vernünftiger Argumente und rationaler Auseinandersetzungen. Die Klarheit, mit der der die Lage der Kirche durchschaute, trieb ihn weder in eine verbitterte Polemik noch veranlaßte sie ihn, einem persönlichen Haß oder seiner Verachtung gegenüber seinen Gegnern Ausdruck zu geben.

OCKHAM schrieb zwar polemisch scharf, aber dennoch diszipliniert, mit Übersicht, mit begrifflicher und argumentativer Klarheit und Strenge. Wir suchen vergeblich nach den Merkmalen der Selbstgefälligkeit, der ironisch-distanzierte Kühle und Unbetroffenheit brillianter akademischer Dispute. Statt dessen begegnen wir ernster Sorge, Betroffenheit, intellektuelle Redlichkeit und dem Mut, jeder Art von Angriff, Beschuldigung oder Beleidigung standzuhalten.

Als er einmal in seinen Münchner Jahren besonders heftig von seinem franziskanischen Mitbruder Konrad von Megenberg - so berichtet dieser selbst - angegriffen wurde, ließ OCKHAM ihm ausrichten, er möge bitte die persönlichen Beleidigungen unterlassen und mit Argumenten kämpfen.

Ockhams Erkenntnislehre und seine Kritik der Universalien
Es erscheint uns heute kaum verständlich, in jedem Fall aber unzeitgemäß, unser Erkennen und unsere Fähigkeit, Wissen zu erwerben, in einer, wenn auch weiten, Verbindung mit  Gottes  Erkennen zu begreifen. OCKHAM erschien dies nicht abwegig, obwohl seine Erkenntnislehre aus heutiger Sicht modern konzipiert ist und keineswegs als Anhang zu seiner Lehre von der Freiheit  Gottes  entstand.

Seine Auffassung von der Notwendigkeit, mit der  Gott  Zeitliches, Kontingentes erkennt, schafft Bedingungen für das menschliche Erkennen. Eine dieser Bedingungen ist, daß  Gott  als unmittelbarer Schöpfer jedes einzelnen Dinges auch jedes Ding auch unmittelbar erhält. Als Verursacher jedes Dinges ist  Gott  auch sein Erhalter. "Verursachen" hat bei OCKHAM im Hinblick auf  Gottes  schöpferisches Handeln immer auch die Bedeutung von "Erhalten" und "Bewahren".

Aus der Einheit von Schaffen und Erhalten durch Gott ergibt sich eine direkte Konsequenz für das menschliche Erkennen. Wenn  Gott  nämlich jedes Ding für sich schafft und erhält, wenn er also nicht mit einem oder einigen Dingen mehrere oder alle Dinge schafft, kann der Mensch auch nicht anhand eines oder einiger Dinge mehrere oder alle erkennen. Denn der Mensch kann die Dinge nicht in einer anderen Ordnung erkennen als in derjenigen, in der  Gott  sie schafft. Deshalb, sagt OCKHAM, ziehe die Erkenntnis einer Sache niemals von sich aus die Erkenntnis einer anderen Sache nach sich. Dies trifft aber selbst dann zu, wenn zwischen beiden eine so enge Beziehung besteht, wie zwischen Ursache und Wirkung.

Das menschliche Erkennen kann sich also aus Gründen, die in  Gottes  Schaffen und Erkennen der Dinge liegen, keiner allgemeinen, begrifflich-abstrakten Hilfsmittel zur Erkenntnis der Dinge bedienen.

Die Kenntnis einer Ursache schließt die Kenntnis der Wirkung nicht ein, da ein und dieselbe Ursache unterschiedliche Wirkungen haben kann. Umgekehrt kann eine Wirkung auch durch verschiedene Ursachen zustande kommen. Es können auch mehrere Ursachen, wie OCKHAM feststellt, gleichrangig einen einzigen Effekt hervorbringen.

Wir würden diese Überlegungen OCKHAMs heute so formulieren: Ursachen und Wirkungen sind voneinander logisch unabhängig. Es gibt keine logische oder begriffliche Gewähr dafür, daß eine Ursache, z.B. eine dichte Wolkendecke, in jedem Fall bewirkt, daß es regnet. Es kann auch ohn eine dichte Wolkendecke regnen oder bei dichter Bewölkung nicht regnen.

OCKHAM will mehr sagen, als daß jede Einzelerkenntnis logisch unabhängig von jeder anderen ist. Er will sagen, daß ein Wissen von allgemeinen Begriffen kein Wissen von wirklichen Dingen erzeugt. Wir beginnen unsere Erkenntnis nicht mit Begriffen.

Unter der Voraussetzung, daß  Gott  jedes einzelne Ding unmittelbar schafft, kann auch die menschliche Erkenntnis ihren Ausgang nur beim Einzelding und nicht bei einem allgemeinen Begriff nehmen.

Diese zunächst harmlos erscheinende Grundannahme hat weitreichende Folgen. Zum einen verdeutlicht sei die Abhängigkeit menschlicher Erkenntnis von  Gottes  Allmacht und Freiheit. OCKHAM bringt damit unzweideutig den Vorrang des Glaubens vor der menschlichen Rationalität zum Ausdruck. Er setzt der Vernunft klare Grenzen. Zum anderen verbindet OCKHAM mit seiner Grundannahme eine radikale Kritik der Allgemeinbegriffe, der sog. Universalien. Jede wahre Erkenntnis kann nach OCKHAM nur das Singuläre, das einzeln Existierende zum Gegenstand haben. Wenn das Wahre als Konkretes, Einzelnes erkannt ist, und die Erkenntnis als Einzelerkenntnis beginnt, können die Allgemeinbegriffe keinen realen Gehalt mehr haben.

Ockhams Nominalismus
Nach traditioneller Auffassung verstehen wir einen Satz wie "Menschen sind Lebewesen" als wahre Aussage, weil wir den Allgemeinbegriff "Lebewesen" kennen. OCKHAM hält einen solchen Satz nur dann für eine wahre Erkenntnis, wenn er einen konkreten Gegenstand hat. Wir können sagen "dies ist ein Mensch" und "dies ist ein Lebewesen" und uns dabei auf eine Person beziehen, die wir sehen und auf die wir zeigen können. Solche Sätze sind wahr.

Unsere Erkenntnis ist, wie das schöpferische Handeln  Gottes  voraussetzungslos; d.h., die wahre Erkenntnis von einzelnen Dingen setzt keine Kenntnis allgemeiner Begriffe voraus. Der Satz "alle Menschen sind Lebewesen" ist auch für OCKHAM wahr, aber nur deshalb, weil er sagt: Jeder einzelne Mensch ist ein Lebewesen.

OCKHAMs Ansatz in seiner Erkenntnislehre wurde allgemein als "Nominalismus" bezeichnet. Unter Nominalismus wird dabei die Überzeugung verstanden, daß in der natürlichen Welt nur konkrete, einzelne und unterscheidbare Dinge wirklich existieren, und daß deshalb das Allgemeine in Form universaler Begriffe nicht zur Wirklichkeit gehört. Allgemeine Begriffe können gedacht werden und sind als mentale Begriffe und als Namen bestimmter Art zu verstehen. Das Universale oder eine allgemeine Natur der Dinge gibt es in der Wirklichkeit nicht.

Tatsächlich war die Überzeugung, daß es universale Bestimmungen nur im Geist geben könne, nicht neu. Aber OCKHAMs besonderer Anspruch, daß es in der äußeren Wirklichkeit keinerlei Basis für universale Bestimmungen gibt, war neu. Er schreibt dies selbst in seinem  Sentenzenkommentar:  Alle, die ihm begegneten, stimmten darin überein, daß das Universale etwas sei, was zumindest potentiell und unvollständig im Individuellen existiere; einige (die Platonisten) sagten allerdings, daß es vom Individuellen real verschieden sei, andere (DUNS SCOTUS), daß es formal verschieden sei, wieder andere (Thomas von Aquin), daß die Unterscheidung keinesfalls real, sondern nur in Beziehung auf die Vernunft gelte. Es gebe sogar eine Meinung, nämlich die der sog. Modernen (z.B. Henry Harclay); diese sagten, dieselbe Sache sei in einer Hinsicht universal, in einer anderen singulär.

OCKHAM lehnt alle vier Varianten ab. Er behauptet strikt, das Universale existiere auf keine andere Weise außerhalb des Geistes, und zwar weder an sich, noch als Hinzufügung zu etwas Wirklichem oder Rationalem, noch als eine Hinsicht oder ein Verstehen von etwas, was immer es auch sei. Dabei stellt OCKHAM nicht in Abrede, daß es eine dem menschlichen Belieben entsprechende Übereinkunft gebe, Worte mit singulärer Bedeutung universal zu verwenden.

OCKHAM geht noch weiter. Er behauptet, die einzigen konkreten, wirklichen Einzeldinge, die in der Welt existierten, seien absolute Dinge (res absolutae). Unter solchen Dingen versteht er Substanzen und Qualitäten. Außer einzelnen Substanzen (d.h. stofflich-materiellen, substantiellen Formen und einer Mischung aus beiden) und einzelnen Qualitäten z.B. Farbe, Wärme, Geschmack, Größe, Gewicht oder geistigen Qualiäten) ist nichts vorstellbar, weder aktuell noch potentiell.

Jedes dieser absoluten Dinge könne, zumindest auf übernatürliche Weise, ganz allein für sich existieren. Es bedürfe zu seiner Existenz keiner anderen Dinge davor oder danach, außer dem freien und allmächtigen Willen  Gottes.   Gott  kann, so will OCKHAM sagen, einen Geschmack wie z.B. Vanille allein für sich, ohne das Eis oder den Pudding, ersetzen. Der Geschmack würde dann als Qualität ohne ein anderes Ding existieren. So ist seine Überzeugung zu verstehen, daß absolute Dinge für sich allein existieren können.

Alles, was nicht ein absolutes Ding ist, dem ein absoluter Name zukommt (z.B. "Mensch", "Löwe", "Ziege"), ist ein Terminus bzw. ein Name, der sich von einem Verb oder einem Substantiv ableitet.

Mit dieser Eingrenzung der absoluten Dinge auf Substanzen und Qualitäten werden allen anderen der insgesamt 10 aristotelischen Kategorien,  Quantität, Relation, Zeitpunkt, Ort, Lage, Haben, Wirken, Leiden  zu bloßen Termini bzw. Namen. Sie bestehen für bestimmte Einzeldinge unter einer besonderen geistigen Hinsicht. Alle Kategorien außer  Substanz  und  Qualität  gehören, wie OCKHAM in der  Summa Logicae  erklärt, zu den sog.  konnotativen  Namen.

G.Martin charakterisiert die Eigenart dieser Namen auf anschauliche Weise: er sagt, die Leistung dieser Namen bestehe "in einem Zusammengreifen, Zusammenordnen mehrerer Gegenstände". Die Leistung der konnotativen Namen bzw. Begriffe entspricht dabei einer bestimmten Tätigkeit und Leistung des erkennenden Menschen. Die Leistung eines Menschen, wenn er z.B. den konnotativen Namen  Körper  verwendet, kann sehr genau beschrieben werden, und zwar mit OCKHAMs nominaler Definition (Namensdefinition) von  Körper:  "Ein Ding, welches nach Länge, Breite und Tiefe verschiedene Teile besitzt." Jeder konnotative Name ist nominal definierbar. Die Definition erklärt die Bedeutung dessen, was wir tun, wenn wir einen konnotativen Namen verwenden. Wann immer wir, nach OCKHAM, einen solchen Namen in einem Satz verwenden, sagen und erkennen wir nicht mehr als das, was eine Definition erlaubt.

Erkennen als Verstehen von Bedeutung
Am Beispiel der konnotativen Namen wird das Neue und bis heute Moderne an OCKHAMs Erkenntnislehre deutlich: Was Menschen erkennen, läßt sich nur über die Bedeutung der Termini, der Namen und Begriffe in Sätzen erschließen. Die Bedeutung der Sätze, die Menschen aussagen, ist das, was sie erkennen. In moderner Terminologie heißt dies, die Semantik, die Analyse sprachlicher Bedeutung ist die Grundlage der Erkenntnistheorie.

Diese Auffassung vertraten in unterschiedlichen Formen die Philosophen der sog. Analytischen Philosophie, eine Richtung moderner Philosophie, die vor allem von GOTTLOB FREGE, BERTRAND RUSSELL und L. WITTGENSTEIN ihre Impulse erhielt.

Die Art und Weise, wie OCKHAM die Bedeutung konnotativer Namen mit ihrer Definition erklärt, findet manche Parallele bei modernen Autoren. Wittgenstein sagt etwa in seiner  Philosophischen Grammatik,  die Bedeutung eines Wortes sei das, was die Erklärung der Bedeutung erklärt. Er nennt ausdrücklich Definitionen, mit denen Bedeutungen erklärt werden.

Parallelen dieser Art beleuchten schlaglichtartig, wie modern OCKHAMs theoretisches Instrumentarium ist. Allerdings dürfen wir dabei nicht übersehen, wie unterschiedlich die Problemzusammenhänge bei OCKHAM und z.B. bei WITTGENSTEIN sind. OCKHAM geht es um die wahre, irrtumsfreie Erkenntnis der Schöpfung, Wittgenstein und das Verstehen der Welt mit Hilfe eines von Mißverständnissen befreiten Verstehens der Sprache.

Ein Vergleich zwischen beiden liegt dennoch nahe, da beide Verwirrungen und Fehler beim menschlichen Erkennen der Wirklichkeit auf Mißverständnisse und Unklarheiten des Verstehens der Sprache zurückführen. OCKHAM stellt das Motiv der Erkenntniskritik mit Hilfe einer genauen Untersuchung sprachlicher Bedeutung ausdrücklich an den Anfang seiner Logik. Das gleiche Grundmotiv finden wir bei FREGE, RUSSEL, WITTGENSTEIN und CARNAP. Wir können ohne Zweifel OCKHAM mit seinem sprachkritischen Programm als einen Vorläufer dieser analytischen Philosophie verstehen.

Die Modernität von Ockhams Erkenntnislehre
Wir könne allgemein feststellen, daß das Neue an OCKHAMs Denken zunächst nicht die theoretischen Motive sind, die wir in der Philosophie der Neuzeit finden. OCKHAMs Motive bleiben seinem theologischen Grundgedanken treu. Die Modernität seines Denkens kommt in besonderem Maße in der Methode seiner Argumentation, in der Art seiner Beweisführung, nicht in ihren Gründen und Zielen zum Ausdruck. Wir werden sehen, daß OCKHAM nicht nur ein Neuerer der Methode, sonder auch der philosophischen Prinzipien der Erkenntnis ist.

All dies sollten wir im Auge behalten, wenn wir verstehen wollen, was  intuitives Erkennen  bedeutet. Wenn OCKHAM sagt, das sinnliche Erfassen von Einzeldingen bewirke allein evidente Erkenntnis, meint er zwar ähnlich, wie später die Empiristen, diese Erkenntnis werde von den präsenten Gegenständen verursacht. Dies hält er für den Normalfall. Darin erschöpft sich aber nicht die Bedeutung intuitiver Erkenntnis. Er wendet nämlich große Mühe auf, uns davon zu überzeugen, es gebe eine intuitive Erkenntnis nicht-existierender Gegenstände.  Gott  kann durch seine absolute Macht, wie wir bereits erfuhren, alles, was durch eine Zweitursache unserer intuitiven Erkenntnis durch das Andauern unserer sinnlichen Erfassung des Gegenstandes setzen.

Eine solche Argumentation ist sicher nicht empiristisch, wenn mit  empiristisch  gemeint ist, jede sinnliche Wahrnehmung werde unmittelbar von einem raumzeitlich Gegebenen Gegenstand verursacht. Empiristen wie LOCKE und HUME verstehen die sinnliche Wahrnehmung als psychologischen Prozess, der durch Sinneseindrücke ausgelöst wird. Es entstehen durch sinnliche Wahrnehmungen Ideen, die in abgeschwächter Form das in unserer Vorstellung abbilden, was zuvor sinnlich verursacht wurde.

OCKHAMs Methode, das intuitive Erkennen als Erkennen der verknüpften Termini eines Satzes zu erklären, ist nicht psychologisch zu verstehen. Sie schließt eine psychologische Erklärung der intuitiven Erkenntnis gerade aus. Wenn das evidente Erkennen allein auf das Erfassen unverknüpfter Termini und deren Verknüpfung in Sätzen zurückzuführen ist, kann die Bedeutung des Erkannten nicht vom psychologischen Wahrnehmungsprozess abhängig sein.

In einem solchen Wahrnehmungsprozeß werden, wie z.B. HUME erläutert, Bilder der erfaßten Einzeldinge auf das Denken übertragen. OCKHAMs sprachphilosophische Erklärung des intuitiven Erkennens schließt, wie wir noch klarer in seiner Logik sehen werden, eine abbildtheoretische Auffassung des Erkennens aus, unabhängig davon, ob die Abbilder empiristisch oder idealistische verstanden werden. Nicht Abbildungen von Dingen, sondern Termini und Namen, d.h. sprachliche Zeichen sind die Gegenstände, die erkannt werden. Auch wenn z.B. der Name "Löwe" für einen sog. absoluten Gegenstand steht, d.h. für etwas unmittelbar Gegebenes, Sichtbares, trägt nur der Name, nicht das sichtbare Tier Bedeutung. Der Name steht zwar für das, was wir sehen, aber was wir sehen ist ein Tier und keine Bedeutung.

Diese ganz und gar nicht empiristische, sondern sprachphilosophische Auffassung des intuitiven Erkennens wird OCKHAMs Gedanken der absoluten Macht  Gottes  in idealer Weise gerecht. Das Erfassen der Bedeutung der Termini und Sätze entspricht einmal der schöpferischen Tätigkeit  Gottes,  der jedes Einzelding unmittelbar und nicht nach einem ewigen Plan schafft. Jedem geschaffenen Ding entspricht ein erfahrbarer Terminus. Zum anderen verknüpfen die Menschen selbständig und in jeder Erkenntnis aufs neue die Termini zu Sätzen.

Dies entspricht der göttlichen Freiheit, die Dinge in einer jeweils veränderten Ordnung zu schaffen. Der menschliche Geist ordnet im schöpferischen Prozeß des Erkennens die Dinge ebenfalls immer neu. Die Termini werden in jeweils veränderter Ordnung zusammengefügt. Deshalb können wir an einem Tag wahr sagen  heute regnet es  und an einem anderen Tag ebenso wahr  heute regnet es nicht  oder wir können zu einem Zeitpunkt wahr sagen  Peter sitzt  und im nächsten Augenblick kann die Aussage falsch sein. Angesichts der ständigen Veränderungen der Dinge und Ereignisse, verändert sich auch der Gehalt der Aussagen über die Dinge und Ereignisse. Die selben Aussagen können wahr sein für eine Zeit und später falsch werden und umgekehrt.

Die Wahrheit des Wissens ist kontingent, hat vergängliche, veränderliche Bedingungen und ist nicht mehr, wie bei ARISTOTELES an die Notwendigkeit unveränderlicher Wissensgehalte gebunden. OCKHAM hat mit seiner sprachphilosophischen Erklärung wahren Erkennens die geeignete Methode gewählt, um zu erklären, daß das menschliche Erkennen der souveränen göttlichen Schöpfung gerecht wird. Der Freiheit und absoluten Macht Gottes korrenspondiert das menschliche Erkennen als selbständiger Erkenntnisprozeß.

Die intuitive Erkenntnis von Einzeldingen anhand der Bedeutung von Termini wird durch keinen unausweichlichen psychologischen Mechanismus bestimmt. Vielmehr stellen die Menschen aufgrund ihres eigenen, unabhängigen Willens die Verbindung zwischen den unverknüpften Termini her. Die Aussagen, die sie erkennen, sind als Urteile von ihrem Willen verursacht. Die Menschen sind in diesem Sinne auch willentlich im Erkennen frei und unabhängig von einer ewigen, unveränderlichen Ordnung.
LITERATUR - Aicher/Greindl/Vossenkuhl, Wilhelm von Ockham - Das Risiko modern zu denken, Müchen o.J.