cr-4Novalis - Monolog    
 
NOVALIS
(1773-1801)
Fragmente

"Die ganze Sprache ist ein Postulat.

1) Die Philosophie ist eigentlich Heimweh, ein Trieb, überall zu Hause zu sein.

2) Philosophie ist nur praktisch darstellbar und läßt sich, wie Genietätigkeit überhaupt, nicht beschreiben.

3) Die Sprache ist für die Philosophie, was sie für Musik und Malerei ist, nicht das rechte Medium der Darstellung.

4) Der Geist führt einen ewigen Selbstbeweis.

5) Der Geist erscheint immer nur in fremder, luftiger Gestalt.

6) Leben ist eine Krankheitd des Geistes, ein leidenschaftliches Tun.

7) Denken ist Wollen oder Wollen Denken.

8) Die angewandte Sprachlehre und die angewandte Logik begegnen sich und machen eine höhere Verbindungswissenschaft aus, die die Wortbedeutungslehre und ihre Disziplinen enthält.

9) Die abstrakten Wörter sind die Gasarten unter den Wörtern - das Unsichtbare.

10) Alles läßt sich beschreiben - verbis. Alle Tätigkeiten werden von Worten, oder können von Worten begleitet werden, wie alle Vorstellungen vom Ich.

11) Eine Definition ist ein realer oder generierender Name. Ein gewöhnlicher Name ist nur eine Nota. - Schemhamphorasch, Name des Namens. Die reale Definition ist ein Zauberwort. Jede Idee hat eine Skala von Namen; der oberste ist absolut und unnennbar. Die Namen werden nach der Mitte zu gemeiner und gehn endlich in antithetische Namen über, von denen der höchste wiedernamenlos ist.

12) Alle Namen sind dunkel und ohne Sinn, die nicht eine bestimmte Definition enthalten, oder ihren Sinn mitbringen, z.B.  Kohlenstoff, Sauerstoff  usw. Die Physik ist noch nicht auf dem rechten Wege, solange sie nicht phantastisch, willkürlich und streng gebunden zugleich zu Werke geht. Von der wahren Philosophie, der  creatio rationalis,  ist allein Heil zu erwarten.

13) Die Welt ist ein Universaltropos des Geistes, ein symbolisches Bild desselben.

14) Jeder Mensch hat seine eigene Sprache. Sprache ist ein Ausdruck des Geistes. Individuelle Sprachen, Sprachgenie. Fertigkeit in und aus andern Sprachen zu übersetzen. Reichtum und Euphonie (Wohlklang) jeder Sprache. Der echte Ausdruck macht die klare Idee. Sobald man nur die rechten Namen hat, so hat man die Ideen mit. Durchsichtiger, leitender Ausdruck.

15) Unterschied zwischen willkürlicher, symptomatischer und mimischer Charakteristik oder Sprache.

16) Wan man nicht direkt zerlegen kann, muß man indirekt oder idealisch zu zerlegen, i.e. zur Sprache bringen suchen; dann zerlegt man die Erscheinung, den Ausdruck, und findet so die Bestandteile und ihr Verhältnis.

17) Alles, was wir erfahren, ist eine Mitteilung. So ist die Welt in der Tat eine Mitteilung, Offenbarung des Geistes. Die Zeit ist nicht mehr, wo der Geist Gottes verständlich war. Der Sinn der Welt ist verloren gegangen. Wir sind beim Buchstaben stehengeblieben. Wir haben das Erscheinende über die Erscheinung verloren.

Ehemals war alles Geistererscheinung, jetzt sehn wir nichts als tote Wiederholung, die wir nicht verstehn. Die Bedeutung der Hieroglyphe fehlt. Wir leben nocht von der Frucht besserer Zeiten.

18) Was ist der Mensch? Ein vollkommener Trope des Geistes. Alle echte Mitteilung ist also sinnbildsam - und sind also nicht Liebkosungen echte Mitteilungen?

19) Wahre Mitteilung findet nur unter Gleichgesinnten, Gleichdenkenden statt.

20) Individuelles; selbstgegebener Name jedes Dings.

21) Das Gedächtnis ist der Individualsinn, das Element der Individuation.

22) Auch die Sprache ist ein Produkt des organischen Bildungstriebes. So wie nun dieser überall dasselbe unter den verschiedensten Umständen bildet, so bildet sich auch hier durch Kultur, durch steigende Ausbildung und Belebung die Sprache zum tiefsinnigen Ausdruck der Idee der Organisation, zum System der Philosophie.

Die ganze Sprache ist ein Postulat. Sie ist positiven, freien Ursprungs. Man mußte sich einverstehen, bei gewissen Zeichen gewisse Dinge zu denken, mit Absicht et was Bestimmtes in sich zu konstruieren.

23) Sprache in der zweiten Potenz, z.B. Fabel, ist Ausdruck eines ganzen Gedankens, und gehört in die Hieroglyphistik der zweiten Potenz, in die Ton- und Schriftbildersprache. Sie hat poetische Verdienste und ist nicht rhetorisch, subalten, wenn sie ein vollkommener Ausdruck, wenn sie euphonisch, richt und präzis ist, wenn sie gleichsam ein Ausdruck, mit um des Ausdrucks willen ist, wenn sie wenigstens nicht als Mittel erscheint, sondern an sich selbst eine vollkommene Produktion des höheren Sprachvermögens ist.

Dient ein Organ einem andern, so ist es, sozusagen, seine Zunge, seine Kehle, sein Mund. Das Werkzeug, was dem Geiste am willigsten dient, am leichtesten mannigfacher Modifikationen fähig ist, wir vorzüglich sein Sprachwerkzeug: daher Mund- und Fingersprache.

24) Das Augenspiel gestattet einen äußerst mannigfaltigen Ausdruck. Die übrigen Gesichtsgebärden, oder Mienen, sind nur die Konsonanten zu den Augenvokalen. Physiognomie ist also die Gebärdensprache des Gesichts. Langer Umgang lehrt einen die Gesichtssprache verstehen. Die vollkommenste Physiognomie muß allgemein und absolut verständlich sein. Man könnte die Augen ein Lichtklavier nennen. Das Auge drückt sich auf eine ähnliche Weise, wie die Kehle, durch höhere und tiefere Töne (die Vokale), durch schwächere und stärkere Leuchtungen aus. Sollten die Farben nicht die Lichtkonsonanten sein?

25) Über die allgemeine n-Sprache der Musik. Der Geist wird frei, unbestimmt angeregt; das tut ihm so wohl, das dünkt ihm so bekannt, so vaterländisch, er ist auf diese kurzen Augenblicke in seiner indischen Heimat. Alles Liebe und Gute, Zukunft und Vergangenheit regt sich in ihm, Hoffnung und Sehnsucht. (Verse, bestimmt durch die Musik zu sprechen.) Unsere Sprache war zu Anfang viel musikalischer und hat sich nur nachgerade so prosaisiert, so enttönt. Es ist jetzt mehr Schallen geworden, Laut, wenn man dieses schöne Wort so erniedrigen will. Sie muß wieder Gesang werden. Die Konsonanten verwandeln den Ton in Schall.

26) Die Sprache ist ein musikalisches Ideen-Instrument. Der Dichter, Rhetor und Philosoph spielen und komponierten grammatisch. Eine Fuge ist durchaus logisch oder wissenschaftlich.

27) Eine Synthese ist ein chronischer Triangel. (Die Sprache und die Sprachzeichen sind a priori aus der menschlichen Natur entsprungen, und die ursprünglich Sprache war echt wissenschaftlich. Sie wiederzufinden ist der Zweck des Grammatikers.)

28) Die Bezeichnung durch Töne und Striche ist eine bewunderungswürdige Abstraktion. Vier Buchstaben bezeichnen mit Gott; einige Striche eine Million Dinge. Wie leicht wird hier die Handhabung des Universums, wie anschaulich die Konzentrität der Geisterwelt! Die Sprachlehre ist die Dynamik des Geisterreichs. Ein Kommandowort bewegt Armeen; das Wort Freiheit Nationen.

29) Denken ist Sprechen. Sprechen und tun oder machen sind  eine,  nur modifizierte Operation. Gott sprach, es werde Licht, und es ward.

30) Ist Sprache zum Denken unentbehrlich?

31) Grade des Denkens. Die Sprache ist ein Gedankometer.

32) Jedes Wort ist ein Wort der Beschwörung. Welcher Geist ruft - ein solcher erscheint.

33) Nicht jedes Wort ist ein vollkommenes Wort. Die Worte sind teils Vokale, teils Konsonanten, geltende und mitgeltende Worte.

34) Worte und Töne sind wahre Bilder und Ausdrücke der Seele Dechiffrierkunst. Die Seele besteht aus reinen Vokalen und eingeschlagenen usw. Vokalen.

35) Ein gewöhnliches Wörterbuch ist ein oryktognostisches Wörtersystem. Es läßt sich noch ein grammatikalisches und ein philosophisches Wörtersystem denken - dieses könnte wieder dreifach sein: progressiv - historisch - philosophisch, regressiv - historisch - philosophisch, absolut - historisch - philosophisch. Einem Worte entspricht ein Satz. (Ein Satz ist die Potenz des Worts. Jedes Wort kann zum Satz, zur Definition erhoben werden.) Es gibt also verschiedene Satzsysteme. Sätze werden zu Wissenschaften erhoben; Wissenschaft ist die Dignität des Satzes; und so läßt sich diese Erhöhung bis zur absoluten Universalwissenschaft fortsetzen. Bis dahin kann es noch verschiedene Systeme geben, die jedes seinen besonderen Zweck und seine eigenen Gesetze hat. Das oryktognostische Verzeichnis ist also die primitive gelehrte Masse, die der Gelehrte überhaupt bearbeitet. Jedem System dieser Art entspricht eine Grammatik, eine systematische Sammlung seiner Gebrauchsregeln.

36) Auch die Grammatik ist philologisch zum Teil; der andere Teil ist philosophisch.

37) Die Grammatik und besonders ein Teil von ihr, das Abcbuch einer bestimmten Sprache, ist eine besondere Elementarwissenschaft. Die allgemeine Grammatik nebst dem allgemeinen Abcbuche ist schon eine höhere Elementarwissenschaft, doch noch eine Anwendung auf Sprache.

38) (Mathematik und Grammatik). Über die Logarithmen. Die eigentliche Sprache ist ein Logarithmensystem. Sollten die Töne nicht gewissermaßen logarithmisch fortschreiten?

39) Zahlen sind wie Zeichen und Worte, Erscheinungen, Repräsentationen kat exochen [schlechthin, wp]. Ihre Verhältnisse sind Weltverhältnisse. Die reine Mathematik ist die Anschauung des Verstandes, als Universum.

40) (Grammatik) Die Sprache ist Delphi.

41) Viele haben gemeint, man solle von zarten, mißbrauchbaren Gegenständen eine gelehrte Sprache führen, z.B. lateinisch von Dingen der Art schreiben. Es käme auf einen Versuch an, ob man nicht in der gewöhnlichen Landessprache so sprechen könnte, daß es nur  der  verstehen könnte, der es verstehen sollte. Jedes wahre Geheimnis muß die Profanen von selbst ausschließen. Wer es versteht, ist von selbst, mit Recht, Eingeweihter.

42) Der mystische Ausdruck ist ein Gedankenreiz mehr. Alle Wahrheit ist uralt. Der Reiz der Neuheit liegt nur in den Variationen des Ausdrucks. Je kontrastierender die Erscheinung, desto größer die Freude des Wiedererkennens.

43) Der Ausdruck Sinnbild ist sinnbildlich.

44) Symbole sind Mystifikationen.

45) Die erste Kunst ist Hieroglyphistik.

Mitteilungs-, Besinnungskunst oder Sprache, und Darstellungs-, Bildungskunst oder Poesie sind noch eins. Erst später trennt sich diese rohe Masse - dann entsteht Benennungskunst, Sprache im eigentlichen Sinn - Philosophie - und schöne Kunst, Schöpfungskunst, Poesie überhaupt.

Die Rätselweisheit, oder die Kunst, die Substanz unter ihren Eigenschaften zu verbergen, ihre Merkmale mystisch zu verwirren, gehört als Übung des jungen Scharfsinns in diese Periode. Mystische, allegorische Worte mögen der Anfang dieser Popularisierung der frühesten Theoreme gewesen sein - wenn nicht die Erkenntnis überhaupt gleich in dieser popularen Form zur Welt kam. Parabeln sind viel späterer Formation. Zur künstlichen Poesie, oder zur technischen überhaupt gehört die rhetorische. Der Charakter der künstlichen Poesie ist Zweckmäßigkeit - fremde Absicht.

Die Sprache im eigentlichen Sinn gehört ins Gebiet der künstlichen Poesie. Ihr Zweck ist bestimmte Mitteilung. Wenn man also Sprache - Ausdruck einer Absicht nennen will, so ist die ganze künstliche Poesie Sprache - ihr Zweck ist bestimmte Mitteilung, Erregung eines bestimmten Gedankens.

Der Roman gehört zur natürlichen Poesie - die Allegorie zur künstlichen.

46) Im allgemeinen kann man alle Stufen der Worttechnik unter dem Ausdruck Poesie begreifen. Richtigkeit, Deutlichkeit, Reinheit, Vollständigkeit, Ordnung sind Prädikate oder Kennzeichen der niedrigeren Gattungen der Poesie. Schönheit ist das Ideal, das Ziel, die Möglichkeit, der Zweck der Poesie überhaupt.

47) Wir wissen etwas nur, insofern wir es ausdrücken, i.e. machen können. Wir wissen es vollkommen, wenn wir es überall und auf alle Art mitteilen, erregen können. - Wir wissen nur insoweit wir machen.


Ursprache

Mannigfache Wege gehen die Menschen. Wer sie verfolgt und verleicht, wird wunderliche Figuren entstehen sehn; Figuren, die zu jener großen Chiffernschrift zu gehören scheinen, die man überall, auf Flügeln, Eierschalen, in Wolken, im Schnee, in Kristallen und in Steinbildungen, auf gefrierenden Wassern, im Innern und Äußern der Gebirge, der Pflanzen, der Tiere, der Menschen, in den Lichtern des Himmels, auf berührten und gestrichenen Scheiben von Pech und Glas, in den Feilspänen um den Magnet her, und sonderbaren Konjunkturen des Zufalls, erblickt.

In ihnen ahndet man den Schlüssel dieser Wunderschrift, die Sprachlehre derselben, allein die Ahndung will sich selbst in keine feste Formen fügen und schein kein höherer Schlüssel werden zu wollen. Ein Alkahest scheint über die Sinne der Menschen ausgegossen zu sein. Nur augenblicklich scheinen ihre Wünsche, ihre Gedanken sich zu verdichten. So entstehen ihre Ahndungen, aber nach kurzen Zeiten schwimmt alles wieder, wie vorher, vor ihren Blicken. Von weitem hört ich sagen:
    "Die Unverständlichkeit sei Folge nur des Unverstandes; dieser suche, was er habe und also niemals weiter finden könnte. Man verstehe die Sprache nicht, weil sich die Sprache selber nicht verstehe, nicht verstehen wolle; die echte Sanskrit spräche, um zu sprechen, weil Sprechen ihre Lust und ihr Wesen sei."
Während eine Musik aus der Ferne sich hören ließ und eine kühlende Flamme aus Kristallschalen in die Lippen der Sprechenden hineinloderte, erzählten die Fremden merkwürdige Erinnerungen ihrer weiten Reisen. Voll Sehnsucht und Wißbegierde hatten sie sich aufgemacht, um die Spuren jenes verlorengegangenen Urvolks zu suchen, dessen entartete und verwilderte Reste die heutige Menschheit zu sein schiene, dessen hoher Bildung sie noch die wichtigsten und unentbehrlichsten Kenntnisse und Werkzeuge zu danken hat.

Vorzüglich hatte sie jene heilige Sprache gelockt, die das glänzende Band jener königlichen Menschen mit überirdischen Gegenden und Bewohnern gewesen war, und von der einige Worte, nach dem Verlaut mannigfaltiger Sagen, noch im Besitz einiger glücklicher Weisen unter unsern Vorfahren gewesen sein mögen. Ihre Aussprache war ein wunderbarer Gesang, dessen unwiderstehliche Töne tief in das Innere jeder Natur eindrangen und sie zerlegten.

Jeder ihrer Namen schien das Losungswort für die Seele jedes Naturkörpers. Mit schöpferischer Gewalt erregten diese Schwingungen alle Bilder der Welterscheinungen, und von ihnen konnte an mit Recht sagen, daß das Leben des Universums ein ewiges tausendstimmiges Gespräch sei; denn in ihrem Sprechen schienen alle Kräfte, alle Arten der Tätigkeit auf das unbegreiflichste vereinigt zu sein.

Die Trümmer dieser Sprache, wenigstens alle Nachrichten von ihr, aufzusuchen, war ein Hauptzweck ihrer Reise gewesen, und der Ruf des Altertums hatte sie auch nach Sais gezogen. Sie hofften hier von den erfahrenen Vorstehern des Tempelarchivs wichtige Nachrichten zu erhalten, und vielleicht in den großen Sammlungen aller Art selbst Aufschlüsse zu finden. Sie baten den Lehrer um die Erlaubnis, eine Nacht im Tempel zu schlafen, und seinen Lehrstunden einige Tage beiwohnen zu dürfen.


Benennung und Trennung

Es mag lange gedauert haben, ehe die Menschen darauf dachten, die mannigfachen Gegenstände ihrer Sinne mit einem gemeinschaftlichen Namen zu bezeichnen und sich entgegenzusetzen. Durch Übung werden Entwicklungen befördert, un in allen Entwicklungen gehen Teilungen, Zergliederungen vor, die man bequem mit den Brechungen des Lichtstrahls vergleichen kann. So hat sich auch nur allmählich unser Inneres in so mannigfaltige Kräfte zerspaltet, und mit fortdauernder Übung wird auch diese Zerspaltung zunehmen. -

Die Lehrlinge unarmten sich und gingen fort. Die weiten hallenden Säle standen leer und hell da, und das wunderbare Gespräch in zahllosen Sprachen unter den tausendfaltigen Naturen, die in diesen Sälen zusammengebracht und in mannigfaltigen Ordungen aufgestellt waren, dauerte fort. Ihre inneren Kräfte spielten gegeneinander. Sie strebten in ihre Freiheit, in ihre alten Verhältnisses zurück. Wenige standen auf ihrem eigentlichen Platze und sahen in Ruhe de mannigfaltigen Treiben um sich her zu.

Die übrigen klagten über entsetzliche Qualen und Schmerzen, und bejammerten das alte, herrliche Leben im Schoße der Natur, wo sie eine gemeinschaftliche Freiheit vereinigte, und jedes von selbst erhielt, was es bedurfte. "O! daß der Mensch", sagten sie,
    "die innre Musik der Natur verstände, und einen Sinn für äußere Harmonie hätte. Aber er weiß ja kaum, daß wir zusammengehören, und keins ohne das andere bestehen kann. Er kann nicht liegen lassen, tyrannisch trennt er uns und greift in lauter Dissonanzen herum. Wie glücklich könnte er sein, wenn er mit uns freundlich umginge, und auch in unsern großen Bund träte, wie ehemals in der goldnen Zeit, wie er sie mit Recht nennt. In jener Zeit verstand er uns, wie wir ihn verstanden. Seine Begierde, Gott zu werden, hat ihn von uns getrennt, er sucht, was wir nicht wissen und ahnen können, und seitdem ist er keine begleitende Stimme, keine Mitbewegung mehr. Er ahnt wohl die unendlich Wollust, den ewigen Genuß in uns, und darum hat er eine so wunderbare Liebe zu einigen unter uns. Der Zauber des Goldes, die Geheimnisse der Farben, die Freuden des Wassers sind ihm nicht fremd, in den Antiken ahnt er die Wunderbarkeit der Steine, und dennoch fehlt ihm noch die süße Leidenschaft für das Weben der Natur, das Auge für unsere entzückenden Mysterien. Lernt er nur einmal fühlen? Diesen himmlischen, diesen natürlichsten aller Sinne kennt er noch wenig: durch das  Gefühl  würde die alte, ersehnte Zeit zurückkommen; das Element des Gefühls ist ein inneres Licht, was sich in schönern kräftigern Farben bricht. Dann gingen die Gestirne in ihm auf, er lernte die ganze Welt fühlen, klarer und mannigfaltiger, als ihm das Auge jetzt Grenzen und Flächen zeigt. Er würde Meister eines unendliche Spiels und vergäße alle törichten Bestrebungen in einem ewigen Genusse. Das  Denken  ist nur ein Traum des Fühlens, ein erstorbenes Fühlen, ein blaßgraues, schwaches Leben."

Monolog

Es ist eigentlich um das Sprechen und Schreiben eine närrische Sache; das rechte Gespräch ist ein bloßes Wortspiel. Der lächerliche Irrtum ist nur zu bewundern, daß die Leute meinen - sie sprächen um der Dinge willen. Gerade das eigentümliche der Sprache, daß sie sich bloß um sich selbst bekümmert, weiß keiner. Darum ist sie ein so wunderbares und fruchtbares Geheimnis, - daß wenn einer bloß spricht, um zu sprechen, er gerade die herrlichsten, originellsten Wahrheiten ausspricht. Will er aber von etwas Bestimmtem sprechen, so läßt ihn die launige Sprache das lächerlichste und verkehrteste Zeug sagen.

Daraus entsteht auch der Haß, den so manche ernsthafte Leute gegen die Sprache haben. Sie merken ihren Mutwillen, merken aber nicht, daß das verächtliche Schwatzen die unendlich ernsthafte Seite der Sprache ist. Wenn man den Leuten nur begreiflich machen könnte, daß es mit der Sprache wie mit den mathematischen Formeln sei - sie machen eine Welt für sich aus - Sie spielen nur mit sich selbst, drücken nichts als ihre wunderbare Natur aus, und eben darum sind sie so ausdrucksvoll - eben darum spiegelt sich in ihnen das seltsame Verhältnisspiel der Dinge. Nur durch ihre Freiheit sind sie Glieder der Natur, und nur in ihren freien Bewegungen äußert sich die Weltseele und macht sie zu einem zarten Maßstab und Grundriß der Dinge.

So ist es auch mit der Sprache - wer ein feines Gefühl ihrer Applikatur, ihres Takts, ihres musikalischen Geistes hat, wer in sich das zarte Wirken ihrer innern Natur vernimmt, und danach seine Zunge oder seine Hand bewegt, der wird ein Prophet sein, dagegen wer es wohl weiß, aber nicht Ohr und Sinn genug für sie hat, Wahrheiten wie diese zu schreiben, aber von der Sprache selbst zum besten gehalten und von den Menschen, wie Kassandra von den Trojanern, verspottet werden wird.

Wenn ich damit das Wesen und Amt der Poesie auf das deutlichste angegeben zu haben glaube, so weiß ich doch, daß es kein Mensch verstehn kann, und ganz was Albernes gesagt habe, weil ich es habe sagen wollen, und so keine Poesie zustande kommt. Wie, wenn ich aber reden müßte? und dieser Sprachtrieb zu sprechen das Kennzeichen der Eingebung der Sprach, der Wirksamkeit der Sprache in mir wäre? und mein Wille nur auch alles wollte, was ich müßte, so könnte dies ja am Ende ohne mein Wissen und Glauben Poesie sein und ein Geheimnis der Sprache verständlich machen? Und so wär ich ein berufener Schriftsteller, denn ein Schriftsteller ist wohl nur ein Sprachbegeisterter? -
LITERATUR - Novalis, Fragmente aus "Glaube und Liebe", "Blütenstaub", den "Lehrlingen von Sais" in Heinrich Junker, Sprachphilosophisches Lesebuch, Heidelberg 1948